Bracke Wer bist du ?
Tritt näher , daß ich dir ins Gesicht sehe .
Deine Wangen sind gefurcht , deine Augen verschleiert .
Ahnungen hängen dir wie Fransen in die Stirn .
Wo ist dein Wissen ?
Dein Gewissen ?
Deine Wissenschaft ?
Du weißt nichts .
Du weißt nicht einmal .
Du weißt nicht das Nichts und nicht das Etwas und nicht und nichts von dir .
Heute ergeht der Ruf an dich :
mir zu lauschen und mir zu folgen .
Es ist nicht das erstemal , daß ich dich rufe .
Erinnerst du dich jener Gewitternacht , als du aus dem Schlafe schrakst und den Blitz aus deinem Auge fahren sahst ?
Übermüdet warst du :
und also schliefest du wieder ein – und vergaßest – dich .
Als du am Grabe deines Weibes standest :
einsam im hohen heißen Mittag :
fuhr nicht ein Wind durch dich hindurch , als seist du ein Strauch ?
Und war der Wind nicht mild , und entzückte dich nicht sein Atem , und duftetest du nicht selbst wie eine Magnolie – schaukeltest Blüten und Äste ?
Mein Freund , warum vergaßest du dich so sehr ?
Und warum vergaßest du meiner , der ich dir den Blitz und den Wind und heute das Wort sende ?
Jede Stunde , jede Minute , jede Sekunde darfst du beginnen :
den neuen Weg , der dich in alle Tiefen , auf alle Höhen führen wird .
Gesegnet seist du und begnadet .
Die goldnen Schwestern warten des silbernen Bruders .
Der Mammut hat sich aufgemacht , dir den Pfad durch den Urwald zu bahnen .
Die Bambushecken knirschen unter seinem stampfenden Hufe .
Glaube meinem Wort .
Liebe die Schwestern .
Hoffe auf den Helfer .
Es ist ein Regen niedergegangen , der hat die Ähren gebeugt , aber sie werden sich wieder aufrichten und werden herrlicher reifen denn je .
Es haben sich Wolken zusammengeballt , die Sonne zu verdunkeln .
Die Wolken werden zerreißen , und die Sonne wird strahlen :
heller und heißer und holder denn je .
Hier hebt an ein löbliches und nützliches , ein leichtes und schweres , ein lichtes und dunkles Buch :
das Buch vom .
Frühling lag wie eine rosa Wolke über Trebbin , als der , der , wie alle Vaganten und Maulwürfe , den Winter verschlafen hatte , auf einem gescheckten Pferde , auf dem er sich gleich einem berittenen Gestirn funkelnd bewegte , Einzug hielt .
Von Kindern und jungen Frauen umstaunt und wie das Licht von Faltern umgaukelt , begab er sich auf das Magistratsbureau , um die Erlaubnis zu seinem Schauspiel einzuholen .
, schrieb der Bürgermeister ;
, sprühte der Italiener , der sich nicht recht verständlich auszudrücken vermochte .
eiferte der Bürgermeister .
Des Bürgermeisters dicke Backen , flammten .
begütigte seine Tochter , Gattin des und im siebenten Monat schwanger , die dem Italiener aus der ewigen Verwandtschaft des Weibes mit dem Vagabunden geheimnisvoll zulächelte .
Der Italiener hüpfte verständnisvoll zustimmend .
Der Bürgermeister polterte .
, sagte Maria .
Sie erschrak über ihre Worte .
Verneinte und vernichtete sie damit nicht ihr und ihres Vaters und aller Trebbiner Werk und Leben ?
Der Italiener zog sich mit spiralenförmiger Verbeugung zurück .
Trebbin ist eine kleine Stadt im Märkischen .
Kinderspielzeug .
Man erwacht in den winzigen Gassen und meint , Augenaufschlag bedeute :
ganze Welt , ganze Sonne , ganzer Mond .
Kiefer ist Traum aller Kiefern .
Mutter :
Mutter aller Mütter .
Auge erblickt den Kirchturm :
kahl gewachsen .
Baum aus rotem Sandstein .
Maikäferflug erscheint , zu Pfingsten unter den Obstbäumen schwirrend .
Seiltänzertruppe schwankt auf dünnen Seilen läppisch .
Gleich einem Dachfenster klappt das Auge zusammen , und das Ohr öffnet sich wie ein Scheunentor ererbten Klängen :
Pferdegetrappel an rostiger Karosse .
Horn des Nachtwächters im violetten Abend .
Brunnengeplätscher unter Sternen .
Liebesseufzer hinter schattiger Gardine .
Gespräch der Alten über Erde und Himmel , Krieg und Frieden , Braunbier und Speck auf braven Bänken unterm Torgeböge .
Jemand zerrt am Klingelzug der , städtisch bestallter Hebamme .
Still !
Still !
Augen geöffnet und Ohren und Herzen :
Ein Mensch , ein neuer Mensch ist geboren .
Als der Schnelläufer mit seinen Spinnenbeinen , seinem Molchleib , auf dem der Kopf sich im schweren und stoßweisen Atem wie eine Hornisse brummend bewegte , prahlerisch wie ein König und lächerlich wie ein Kasperle um den Markt lief , da wurde die Frau des , die im siebenten Monat schwanger war und aus dem Fenster ihrer Wohnung das Komödienspiel betrachtete , dermaßen von einem Lachkrampf erschüttert , daß sie ohnmächtig hintenübersank und ihr vor Gelächter und Schmerz zuckender Leib zwei Monate zu früh eines Kindes genas , welches , da niemand es für
lebensfähig hielt , die Nottaufe empfing , das aber im Gefolge sich kräftiger und stärker erweisen sollte als alle Athleten , alle Bürger Trebbins und manche Herren und Fürsten der Welt und das mit einem Lächeln seiner Augen , einem schiefen Zucken seines Mundes einen Kurfürsten und Kaiser selbst zu Boden zwang .
Furchtsam wie eine Muschel öffnet sich des Bürgers Herz .
Aber schon schließt es sich wieder gewaltsam :
denn eine bittere Flüssigkeit spritzt aus dem süßen Wasser , darin sie leben , in ihr Gehäus .
Wie unter den eleganten Arkaden der Renaissance aus der himmlischen Luft Italiens die Pest sich nebelhaft plötzlich ballte :
wie eine tausendjährige Eiche aus Rache an ihrer stämmigen Beständigkeit plötzlich einen kolbenhaften Auswuchs erzeugt , der ihre Wurzel bedroht :
wie aus uralt angesehener Bürgerfamilie , die jahrhundertelang Priester , Geheimräte , Kaufleute , Hofkonditoren und Offiziere züchtete – nachdem Dreck und fremde Stoffe ihr plötzlich ins Blut gedrungen – , mit eins ein fabelhafter Bastard springt :
Maler unheimlicher Gemälde , Erfinder teuflischer Töne , himmlischer Musik , Dichter unwahrer Wörtlichkeit :
– so war Trebbin eines Tages nicht es selbst .
Schwer trächtig an Sturm und Leben nach soviel hundert Jahren Tod und Ruhe , brachte es einen Drachen zur Welt , der es anschnaubte mit grünlichen Dämpfen , darin die Schlechten elend krepieren , die Guten emporblühen sollten :
ein Fabelwesen , Kröte und Schmetterling , Storch und Stier zugleich .
, sprach Bracke , als er in seiner Mutter lag , Da gebar sie ihn .
Nun , da er das Licht sah und seine Finsternis , die Wolken , welche Sonne , Mond und Sterne verhüllten , den Nebel , der vor den Augen der Menschen , die Bosheit , die vor ihren Herzen lag – da glaubte er vordem unter seiner Mutter Herz in dunkler Höhe dennoch hell im Hellen gelebt zu haben .
Der Maimond wanderte bleich am Fenster vorüber .
Die Maikäfer rasselten leise im Laubwerk der Bäume .
war zu seinem monatlichen Schoppen in den gegangen .
Nur einmal im Monat gönnte er sich anderthalbe Bier .
Sein dürftiges Einkommen gestattete nur diese einmalige Ausschweifung ;
sein pedantischer Sinn legte der unfreiwilligen Abstinenz sittliche Motive zugrunde .
Die hatte mit dem Kinde gespielt und selig ihn gerufen :
Sie war müde geworden , und nun atmete das Kind im Schlaf an ihrer Brust .
Unhörbar fast wehten die Flügel der Tür auseinander .
Sie rief :
ihren Gatten vermutend .
Aber wie sie sich matt emporrichtete , sah sie , daß ein Reigen schöner Frauen , neun an der Zahl , die Kammer betrat .
, lächelte sie , nun ganz ermuntert , denn sie glaubte in der ersten der Frauen im gelben Zwielicht die Frau des Gerichtsassessors zu erkennen .
, sagte Kalliope , an Antlitz und Gestalt der gleichend und doch von ihr entfernt durch eigenen Adel der Bewegung und der Sprache .
, sagte Klio , die zweite , und ihre Sprache tönte dunkel wie das Echo ferner Kriegstrompeten .
, sprach ernst und voll verhaltener Trauer Melpomene , die dritte .
Eine kleine silberne Keule trug sie in der rechten Hand .
Damit legte sie die kleine silberne Keule auf die Bettdecke .
Das Kind begann im Traum zu weinen .
Die sah der schönen Frau , welche die Züge der trug , erstaunt ins Gesicht .
Acht von den neun Frauen schienen ihr Gevatterinnen und Freundinnen und doch in der Dämmerung der Mainacht wunderlich und geisterhaft verwandelt .
Thalia , die lustige Frau des Aktuars , trat vor und lachte .
Sie kitzelte das Kind leise mit einer Gänsefeder unterm Kinn .
Da lachte es im Schlaf , und auch die lachte .
Urania , die kleine verwachsene Frau des Küsters , stand am Fenster und betrachtete den Mond und die Sterne .
Terpsichore und Erato , die beiden hübschen Töchter des Kaufmannes , die immer Hand in Hand gehen , versuchten einige Pas eines französischen Menuetts .
Euterpe , die kunstfertige Frau des Brauers , hatte ihre holzgeschnitzte Flöte mitgebracht und blies den schönen Schwestern zum Tanz .
Da trat die letzte der Frauen , das Antlitz im Schleier verhüllt , ans Bett .
Die erinnerte sich nicht , sie je gesehen zu haben , doch dünkte es sie , als vereine sie Sprache , Kleidung , Gebärde und Tugend aller acht in sich , und als müsse es süß sein , eine solche Freundin zu haben .
Die Verhüllte sprach :
wagte zu fragen .
Die hörte rumoren auf der Treppe .
Furcht schlug ihr ins Angesicht , die Frauen möchten zu so später Stunde ihrem jähzornigen Gatten begegnen – da verneigten sie sich stumm und schwebten durch die Tür und an ihrem Manne vorüber , der soeben schimpfend die Kammer betrat .
» Was ist das für ein parfümierter Gestank im Zimmer ?
Drittes Buch Befürchten Sie nicht , mein angenehmer Freund , daß ich in meinen Bekenntnissen von Dingen sprechen werde , welche Sie weit besser wissen , als ich .
Mein Reise-Journal liegt zwar neben mir ;
allein ich werde mich wohl in Acht nehmen , Ihnen durch die Mittheilung desselben Langeweile zu machen .
Alles , was ich Ihnen mitzutheilen habe , sind einzelne Bemerkungen , hergenommen von dem Eindruck , den Gegenstände der Natur und Kunst , oder auch sehr interessante Personen , während meiner Reise auf mich gemacht haben .
Auf diese Weise werd ' ich dem Alltäglichen entrinnen , und die Geschichte meiner Entwickelung beendigen , ohne auch nur ein einziges Mal in den unverzeihlichen Fehler der Geschwätzigkeit verfallen zu seyn .
Ich selbst finde meine Rechnung bei diesem Verfahren ;
denn das Schreiben ist in sich selbst eine so große Beschwerde , daß ich gar nicht begreife , wie Leute sie überwinden können , die , um mich des gewöhnlichen Ausdrucks zu bedienen , durchaus nichts auf ihrem Herzen und Gewissen haben .
Doch zur Sache !
Wenn die meisten Reisenden gar keinen Beruf zum Reisen haben , so haben dafür diejenigen Individuen den allerbestimmtesten Beruf , die aus dem Kampf mit der Gesellschaft eine Empfindlichkeit davon getragen haben , vermöge welcher sie , in bleibenden Verhältnissen , nur beleidigen oder beleidigt werden können .
Auf Reisen hat man es in seiner Gewalt , seine ganze Eigenthümlichkeit zu behaupten ;
denn von dem Augenblick an , wo sie bekämpft wird , reiset man weiter ;
und da dem Reisenden , besonders dem bemittelten Reisenden , alles entgegen kommt , so fehlt es nie an Gelegenheit zu neuen Verhältnissen , die alsdann wiederum so lange dauern , als sie können .
In dieser Hinsicht war mein Bedürfniß zu reisen bei weitem nicht so stark , als das der Herzogin ;
allein da ich nur an meinen Idealen hing und in der Herzogin die Repräsentantin derselben liebte , so war es mir vollkommen gleichgültig , an welchem Orte ich existirte ;
und auf diese Weise begegneten die Wünsche meiner Freundin vortrefflich meinen Neigungen .
Selbst die Reise nach der Schweiz ließ ich mir sehr gern gefallen , ob ich gleich für dieses Land nie die mindeste Zärtlichkeit empfunden hatte .
Die Vorliebe der Herzogin für dasselbe gründete sich von der einen Seite auf die hohe Achtung , welche sie für Haller unterhielt , von der anderen auf die Urtheile jüngerer Dichter , welche die Schweiz als das Land der Freiheit und des Ruhmes besungen hatten .
Um keinen Preis hätte sie sich von einer Reise dahin abwendig machen lassen .
Ich gestehe , daß , nachdem wir an Ort und Stelle angelangt waren , die Naturwunder der Schweiz einen starken Eindruck auf mich machten ;
allein wenn dieser Eindruck zur Erhebung führte , so führte er zugleich zur Niedergeschlagenheit ;
mit einem Worte :
Er verwirrte das Gemüth und raubte die innere Freiheit , ohne welche es unmöglich ist , sich wohl zu befinden .
Herrliche Einfassungen , eine üppige Vegetation und – was immer damit zusammenhängt – eine kräftige Animalität zeichnen die Schweiz vor allen Ländern Europa's aus ;
hat sie aber das , was der gebildete Mensch unaufhörlich sucht – Menschen von höherer Entwickelung ?
Ich möchte nicht gern darüber absprechen ;
das aber kann ich mit Wahrheit behaupten , daß ich dergleichen in der Schweiz nicht gefunden habe .
Eben deswegen ist mir dies Land immer als ein schöner Rahmen mit einem schlechten Bildniß erschienen .
Ich habe nicht den Muth gehabt , dies jemals öffentlich zu sagen , weil ich mich auf den allgemeinsten Widerspruch gefaßt machen mußte ;
allein deshalb würde ich , wenn es einmal gölte , mein Urtheil nicht minder standhaft vertheidigen .
Worin die große Beschränktheit der Schweizer ihren letzten Grund hat , ob in ihrer Umgebung , oder in ihrer Verfassung , das mögen Andere entscheiden ;
genug daß sie allgemein ist , und daß , wenn man sich mit der Schweizerheit selbst nicht identifiziren kann , eigentlich kein Interesse für diese Nation möglich ist .
Selbst die Herzogin , so groß auch ihre Vorliebe für die Schweiz war , trat zuletzt mit dem Geständniß hervor , daß es ihr problematisch geworden sey , ob man die Schweizer zu den Menschen rechnen könnte , da sie immer und ewig auf demselben Punkt blieben , und die Entwickelung des übrigen Europa kaum im Widerschlage theilten .
sagte sie , Nach meiner Zurückkunft in Deutschland hab' ich , um meine Urtheile über die Schweizer zu berichtigen , ihre Geschichte studirt ;
allein ich muß gestehen , daß mich mein Studium in diesen Urtheilen nur bestärkt hat .
Und hier kann ich nicht umhin , die Bemerkung zu machen , daß die Vorurtheile über die Schweiz in dem gegenwärtigen Augenblick so allgemein sind , daß sie sich selbst über den neuesten Geschichtschreiber dieses Volks erstrecken .
Wie dieser Mann zu seiner Reputation gelangt ist , begreife ich durchaus nicht .
Seine Art zu komponiren hat für mich so viel Widerwärtiges , als ob ich mit entblößten Füßen über scharfe Kiesel laufen müßte .
Ich bin so leicht nicht abzuschrecken , wenn es Belehrung gilt ;
aber es ist mir nicht möglich , acht Blätter von ihm hintereinander zu lesen , ohne mich ermüdet zu fühlen , und ich fordere alle Leute von Geschmack und Bildung auf , mir zu sagen , ob es ihnen besser gelingt ?
Ich will nicht sagen , daß die Affektation selbst bei der Abfassung den Vorsitz geführt habe , wiewohl ich nicht begreife , wie man ohne der Einfachheit den förmlichsten Abschied gegeben zu haben , so schreiben kann ;
allein , wenn der Styl in historischen Compositionen auch noch so gleichgültig seyn sollte , so entsteht noch immer die Frage :
Wo hier die historische Composition sey ?
Dieser Mann muß auch nicht die allerentfernteste Idee von einem Kunstwerk haben .
Alle guten Geschichtsbücher , die ich bisher gelesen habe , enthielten in der Darstellung selbst so viel Nothwendiges , daß mein Geist wider seinen Willen angezogen und fortgerissen wurde ;
in der sogenannten Geschichte der schweizerischen Eidgenossenschaft hingegen mag ich anfangen wo ich will , mein Interesse ist immer und ewig dasselbe , d.h .
gleich null ;
und wenn es nicht vorher ausgemacht ist , daß die Schwerkraft der Schweizer eben so wenig eine eigentliche Geschichte gestattet , als die der Felsenwände , wovon sie umgeben sind , so kann die Schuld nur an der Unfähigkeit des Geschichtschreibers liegen , der es nicht versteht , die Notizen zu Thatsachen zu erheben , und durch die abgemessene Zusammenstellung dieser Thatsachen ein anziehendes Ganze zu bilden .
Doch was geht mich die Kritik an ?
Ich bitte allen Grazien die Sünde ab , die ich hier begangen habe ;
dabei versichere ich aber , daß ich sie nicht begangen haben würde , wenn ich es dem Deutschen verzeihen könnte , daß er sich in seinem Götzendienst immer gleich bleibt , nicht ahnend , daß er von allen Bestandtheilen des menschlichen Geschlechts zuletzt der einzige wahre Gott ist und allein Verehrung verdient .
Wie es sich aber auch mit der Schweiz und ihren Bewohnern verhalten mag , immer bleibt es ausgemacht , daß man sich für Italien , als das Land der schönen Kunst , nicht besser vorbereiten kann , als durch einen längeren Aufenthalt in der Schweiz .
Schwerlich giebt es zwei Länder , die sich in jeder Hinsicht noch mehr entgegen gesetzt wären .
In der Schweiz sind die Menschen nichts ;
in Italien hingegen sind sie alles .
Mag das Weltgeschick die Bewohner dieses schönen Erdstrichs für den Augenblick noch so sehr niedergedrückt haben ;
deshalb haben sie nicht aufgehört , die Herrn der Erde zu seyn ;
ihr ganzes Wesen kündigt an , daß sie es gewesen sind , und daß es nur begünstigender Umstände bedarf , damit sie es von neuem werden .
Auf keinem Erdfleck hat es seit drei bis vier Jahrhunderten so viel Revolutionen gegeben , als in Italien ;
und ob man gleich , diesen langen Zeitraum hindurch , nie den rechten Punkt getroffen hat , so folgt doch daraus nicht , daß man ihn niemals treffen werde .
Eine bessere politische Verfassung ist es , was den Völkern Italiens fehlt , und ist diese nur erst vorhanden , so wird sich die alte Größe ganz von selbst wieder herstellen .
Mailand und Toskana ausgenommen , hat die Natur im Ganzen genommen sehr wenig für die Bewohner Italiens gethan ;
aber gerade dieser Umstand ist es , dem die Italiäner diesen hohen Grad von Entwickelung zu verdanken haben , in dessen Besitz sie sich befinden .
Wir gingen nach einem zweijährigen Aufenthalt in den verschiedenen Hauptstädten der Schweiz nach Italien .
Da die Kunst der Magnet war , welcher uns zog , so eilten wir nach der Hauptstadt des Kirchenstaates , wo wir mehrere Jahre verweilen wollten .
Unser Weg führte uns durch das Mailändische nach Florenz .
Hier machten wir die Bekanntschaft der , Gemahlin des , Prätendenten von England ;
und mehr bedurfte es nicht , um uns auf der Stelle Fesseln anzulegen , die wir Mühe hatten wieder abzustreifen .
Denn welche eigenthümliche Richtungen wir auch in unserer Ausbildung genommen hatten , so zeigte uns doch jetzt die Erfahrung , daß wir nicht die Einzigen unserer Gattung waren .
Die war Unseresgleichen ;
auch hatten wir uns kaum kennen gelernt , als wir mit aller der Unzertrennlichkeit an einander hingen , welche gleichgestimmten Gemüthern eigen ist .
Das Einzige , wodurch die Gräfin sich von uns unterschied , war ihre Religiosität ;
da diese aber mit dem , was man kirchlichen Glauben nennt , durchaus nichts gemein hatte , so bildete sie auch keinen trennenden Unterschied .
Es giebt offenbar Dinge , welche über alle Beschreibung hinaus sind ;
und zu diesen Dingen gehört eine solche Religiosität , als die der Gräfin war .
Ihrem Wesen nach , so weit ich dasselbe habe beobachten können , bestand sie in einem unablässigen Streben nach Harmonie mit dem Universum .
In ihr war also alles begriffen , was Philosophie und Poesie genannt werden kann ;
nicht etwa diejenige Philosophie , welche darauf ausgeht , einen dynamischen obersten Grundsatz für das All der Welterscheinungen aufzufinden , sondern diejenige , welche über alles , was Erscheinung ist , hinaus strebt , und sich in das Wesen der Dinge versenkt und mit Poesie einerlei ist .
Wie die Gräfin zu dieser Entwickelung gelangt war , weiß ich nicht mit Bestimmtheit anzugeben ;
unstreitig aber hatte ihre Verbindung mit einem so prosaischen Prinzen , als ihr Gemahl war , das Meiste dazu beigetragen .
Zwischen beiden fand eben das Verhältniß statt , welches mehrere Jahre hindurch die Herzogin gedrückt hatte ;
und da die Unmöglichkeit einer Trennung aus staatsbürgerlichen Gründen für die Gräfin eine unwiderstehliche Gewalt erhalten hatte ;
so war ihr nichts anderes übrig geblieben , als die freieren Sitten Italiens zu einer Verbindung zu benutzen , welche ihrem ins Unendliche hinstrebenden Geiste zwar eine Stütze gewährte , allein doch bei weitem mehr versprach als wirklich leistete .
Der Mann , mit welchem die Gräfin in Verbindung stand , war der , ein Piemontese , dessen Tragödien in Deutschland jetzt bekannter zu werden anfangen .
Nie hab' ich einen Sterblichen kennen gelernt , der mir das Bild , das ich mir immer von dem jüngeren Brutus , dem Mörder Cäsars , entworfen habe , getreuer repräsentirt hätte .
Ich kann mit Wahrheit sagen , daß er ein Römer im höchsten Sinne des Worts war ;
eine Natur , wie man sie in unseren Zeiten gar nicht mehr erwarten sollte .
Eine lange , hagere Gestalt , bewegte er sich langsam , mit starrem , auf die Erde geheftetem Blick .
Sein Gesicht war blaß , seine Lippen fein und geschlossen , seine Zähne weiß und scharf , seine Nase regelmäßig gebildet , seine Augen dunkelblau , seine Stirne groß , aber schön gewölbt .
In seiner Miene lag neben unbegränztem Wohlwollen eine Wuth , die auch das Äußerste nicht scheuet ;
und dies war so ganz der Charakter seines Gemüthes , in welchem die sanftesten Empfindungen neben den allerheftigsten bestanden .
In seinem Geiste flossen die Geister des Tacitus , Macchiavelli und zusammen .
Wie in einem der edelsten Römer aus den besten Zeiten der Republik , war in ihm Alles auf das Politische hingerichtet .
Er hatte keinen Begriff davon , wie die Poesie sich selbst Zweck seyn könnte ;
und darum wollte er ihr einen politischen Zweck geben .
Alle Monarchien der Welt zu stürzen , darauf arbeitete er in seinen Trauerspielen hin , und ohne diesen Zweck würde er es nicht haben über sich erhalten können , eine Feder anzusetzen .
Gewissermaßen war dies der böse Dämon der ihn trieb ;
aber er war weit davon entfernt , ihn dafür anzuerkennen , und würde wüthend geworden seyn , hätte man einen Versuch gemacht , ihm das Falsche seiner Idee zu zeigen .
Was man gemeiniglich unter einem Aristokraten versteht , giebt nur eine schwache Idee von seinem Wesen , und ich sage nicht zu viel , wenn ich behaupte , daß er die Repräsentation der Aristokratie in der höchsten Potenz war , gerade so , wie jeder alte Römer , nachdem die Universalherrschaft errungen war .
Was er ewig bedauerte , war , in diesen elenden Zeiten geboren zu seyn , die keinen freien Aufflug durch Thaten gestatteten , und in dem Schreiben allein eine Entschädigung erlaubten .
sagte er mir mehr denn zehnmal , und ich glaubte es ihm , weil dies mit seinem ganzen Wesen zusammenhing .
Ein höchst charakteristischer Zug von ihm war , daß er , um ungehinderter schreiben zu können , oder , wie er sich aus zudrücken pflegte , per poter scemar la bile , seiner Schwester einen sehr wesentlichen Theil seines großen Vermögens abgetreten hatte .
Man hätte glauben sollen , daß die und der mit so entgegengesetzten Eigenschaften sehr wenig für einander vorhanden gewesen wären .
Allein , indem die Gräfin mit der unendlichen Liebe , die in ihr war , einen Gegenstand der Hochachtung suchte , mußte der Graf ihr theuer werden ;
und indem dieser mit seinem gränzenlosen Unwillen gegen das Verderbniß seiner Zeiten doch Etwas lieben wollte , gab es für ihn keinen anderen Gegenstand , als ein Weib von Luisa's Gepräge .
Beide bewunderten sich um so mehr , je weniger sie sich begriffen .
War der Graf Brutus , so war die Gräfin Portia .
Dies Verhältniß wurde zuerst durch unsere Dazwischenkunft abgeändert .
Die Herzogin , welche einmal für allemal mit dem männlichen Geschlecht gebrochen hatte , schloß sich enger an Luisen an , weil sie in ihr die eigene Vollendung zu erblicken glaubte .
Ich hingegen fühlte mich an angezogen , unstreitig weil er nach Moritz der einzige Mann war , den ich achten konnte .
Mir entging die Schwärmerei nicht , die aus ihm wirkte , und um keinen Preis hätte ich die Seinige werden mögen ;
allein , da die Phantasie zuletzt das Einzige ist , was ein Weib an einem Mann lieben kann , so huldigte ich in meiner Hinneigung zu dem Grafen , soll ich sagen der Schwäche meines Geschlechtes , oder dem ewigen Gesetz , unter welchem es steht ?
Übrigens war niemals eine Verbindung unter vier Personen inniger und schuldloser , als die unsrige .
Ich lernte nach und nach den Grafen ganz kennen .
Selbst aus seinem besondern Antriebe zum Schreiben machte er mir kein Geheimniß , und es war warlich nicht seine Schuld , wenn ich seinen Tyrannenhaß nicht theilte .
Diese Trauerspiele der Freiheit ( wie er seine Tragödien nannte ) , die einander so ähnlich sind , daß sie dem unbefangenen Auge nur als Variationen desselben Thema's erscheinen müssen , hatten alle nur einen und denselben Zweck , nämlich Verunglimpfung der Fürstenmacht .
Aus der Emsigkeit und Anstrengung , womit der Graf arbeitete , hätte man schließen sollen , daß ihm die Kunst über Alles theuer wäre ;
und doch war dies gar nicht der Fall .
In ihm ordnete sich der Künstler dem Grafen , oder , wenn man lieber will , dem Aristokraten , auf das allerbestimmteste unter ;
in der That so sehr , daß er sich selbst verachtet haben würde , wenn er in sich nur den Künstler gesehen hätte .
Was ihn unaussprechlich verwundete , war die Unempfindlichkeit seiner Zeitgenossen gegen den Zweck seiner Schöpfungen .
Errathen sollten sie ihn und zu einem unendlichen Fürstenhaß hingerissen werden ;
und da weder das eine noch das andere er folgte , indem die Zuschauer und Leser nur bei dem tragischen Schicksal seiner Helden verweilend , lieber dem Mitleid als dem Unwillen Raum gaben , so wurde der Graf bisweilen zu einer Verzweifelung getrieben , worin es keinen anderen Trost für ihn gab , als die Idee eines unbegränzten Ruhmes , der seiner in besseren Zeiten harrete .
Mit unbeschreiblicher Wollust erfüllte ihn dagegen alles , was die Wahrheit seiner Grundidee auch nur von fernher bestätigte .
Die Nordamerikanische Revolution war für ihn eine Erscheinung von unberechenbarer Wirksamkeit für den gesellschaftlichen Zustand von Europa ;
und so bestimmt sah er durch sie alle Thronen umgestürzt , daß er in einem Washington den Heiland der Welt verehrte .
Was ihn zu seiner eigenen Gattung machte , war diese innige Vereinigung des Schönen mit dem Politischen , die sein Wesen so einzig bestimmte .
Ob die Idee , von welcher er ausging , probehältig war , oder nicht , das kann und mag ich nicht bestimmen ;
das weiß ich aber , daß sie in ihm eine philanthropische war .
Giebt es für die wahre Größe keinen anderen Maaßstab , als die Ideen , womit ein Individuum sich unablässig beschäftigt ;
so stand in einer Größe da , welche die Mehrzahl gigantisch zu nennen gezwungen ist .
Und welche Kindlichkeit bei dieser Größe !
Eben der Mann , dessen Kopf in politischer Hinsicht einem Vulkan glich , war durchaus unfähig , irgend ein Individuum zu kränken , selbst dann nicht , wenn er es verachten mußte .
Er selbst sprach hierüber , als über einen ewigen Widerspruch zwischen seinem Herzen und seinem Kopf , und war nur allzuoft ungewiß , ob er sich für einen Thersites oder Achilles halten sollte ;
dies rührte aber nur daher , daß er in seinem Unwillen und Haß die Liebe verkannte , welche die Quelle derselben war .
In sich selbst war er ein Ganzes , wie die Natur es selten hervorbringt ;
allein , indem er sich nicht als ein solches erschien , konnte er , anstatt sich seiner Individualität zu freuen , sich nur zerreiben und vor der Zeit zerstören .
Bewundernswürdig waren seine Affektionen in Beziehung auf einzelne Zweige der Kunst .
Wäre er blos Künstler gewesen , so würde die Kunst für ihn eine einige gewesen seyn ;
denn er hätte in den Künstlern nur immer die Poeten sehen können .
Weil er aber Graf und Künstler zugleich war , so schied er die Poesie von allen übrigen Künsten , und mehrere derselben berührten ihn gar nicht .
So waren z.B. Malerei und Bildhauerei durchaus nicht für ihn vorhanden , oder ihm wohl gar verhaßt , weil sie der staatsbürgerlichen Größe dienten .
Die Musik hingegen liebte er sehr , ob gleich auch nicht um ihr selbst willen , sondern weil sie ihn in einen Zustand versetzte , worin seine herrschende Stimmung sich in Harmonie auflösete .
Überall war der Adel seiner Natur auf eine ganz eigenthümliche Weise mit demjenigen verschwistert , den er seiner Geburt verdankte , und was er am wenigsten ins Reine bringen konnte , war :
wie viel von seinem Wesen er sich selbst und wie viel er dem gesellschaftlichen Zustand verdankte ?
Nichts wollte er dem letzteren zu verdanken haben , und vielleicht hätte er nie eine Tragödie geschrieben , wenn ihm zeitig genug klar geworden wäre , auf welchen Bedingungen seine ganze geistige Natur beruhete , oder , mit anderen Worten , wenn er sich als Aristokraten hätte zur Anschauung bringen können .
Sobald ich den Grafen genauer kennen gelernt hatte , verzieh ich ihm Alles , weil ich in ihm nur den verfehlten Monarchen sah .
Ich konnte ihm nicht werden , was die ihm gewesen war und noch war ;
dazu fehlte es mir an Einbildungskraft .
Allein , indem ich mich zwischen beiden in die Mitte stellte , nahm ich der eisernen Nothwendigkeit , in welcher er dastand , das Lästige , das bis dahin von ihr unzertrennlich gewesen war .
Er selbst fühlte sich durch mich nicht wenig erleichtert ;
und ob er gleich nicht angeben konnte , worin diese Erleichterung bestand , so lag es doch nur allzusehr am Tage , daß er in seinem Wirken durch mich an Freiheit gewonnen hatte .
Wir kamen täglich zusammen , bald bei der , bald bei der Herzogin .
Des Grafen Sache war , uns seine Compositionen mitzutheilen .
Was er seine Poesie nannte , war freilich sehr wenig für uns vorhanden ;
allein wir fanden dabei dennoch unsere Rechnung auf eine doppelte Weise .
Einmal konnten wir nicht umhin , über das reiche Gemüth eines Mannes zu erstaunen , der , unbekümmert um die gewöhnlichen Hülfsmittel der tragischen Kunst , seinen Personen eine solche innere Stärke gab , daß die Handlung sich mit gleichem Interesse zum Ziele fortbewegte , ohne daß mehr als vier bis fünf Werkzeuge dazu beitrugen ;
und in der That werden seine Tragödien von dieser Seite immer bewundernswürdig bleiben .
Zweitens wurden während der Vorlesung alle die schauerlichen Gefühle in uns geweckt , welche den religiösen so nahe verwandt und doch so wesentlich von ihnen verschieden sind ;
wir glaubten uns von lauter Gespenstern umgeben , und ich erinnere mich auf das bestimmteste , daß , als der Graf an einem stürmischen Herbstabend seinen Orestes vorlas , die Herzogin sich fest an ihre Freundin anklammerte und starren Blicks auf den Grafen hinschaute , als wollte sie begreifen , wie eine Elektra oder Clytemnestra sich in seinem Gehirn hätte entwickeln können .
Dergleichen Vorlesungen endigten sich in der Regel mit einem Streit über die tragische Kunst .
Der Graf sprach gern über diesen Gegenstand , weil er nur etwas Vortreffliches liefern wollte ;
allein da sich , wie ich schon oben bemerkt habe , der Künstler in ihm dem Grafen so wesentlich unterordnete , so war über diesen Punkt kein Einverständniß mit ihm möglich ;
der eigenthümliche Zweck seiner Tragödien verhinderte die Vortrefflichkeit derselben , ohne daß es möglich war , ihn davon zu überzeugen .
Ich hatte schon damals eine Ahnung davon , daß die wahre Tragödie das Gemüth des Zuschauers oder Lesers nicht martern , sondern erheben müsse , und ohne Rückhalt äußerte ich diese Ahnung ;
allein der Graf war hierüber durchaus entgegengesetzter Meinung , und ob er gleich die Weinerlichkeit von ganzem Herzen verabscheute , so bestand er doch auf Erzeugung eines großen Unwillens , indem er sich einbildete , daß das Gemüth nur durch Gefühle , nicht durch Ideen , erhoben werden könnte .
Dies war ein Punkt , auf welchem er standhaft beharrete ;
und auf welchem er freilich beharren mußte , wenn er nicht seinem ganzen Wesen entsagen wollte .
Überhaupt war es mehr die Individualität des Grafen , als seine Kunst , was an ihm beschäftigen konnte .
Am reinsten sprach sich diese Individualität in seinen Sonnetten aus , welche vielleicht die schönsten sind , die Italien aufweisen kann .
Hätte der Graf den Unterschied der lyrischen und dramatischen Poesie in Beziehung auf seine Natur gekannt , so hätte er es schwerlich jemals darauf angelegt , durch die letztere unsterblich zu werden .
Zwei Jahre waren auf diese Weise verstrichen , als die Herzogin sich nach Rom zu sehnen begann .
Die versprach uns dahin zu begleiten ;
der hingegen , welcher seine Mirrha angefangen hatte , wollte sich nach Siena begeben , um seinen republikanischen Ideen in diesem kleinen Freistaat ungehinderter nachhängen zu können .
Es wurde die Verabredung genommen , daß der Graf uns , während des nächsten Winters , in Rom auf einen Monat besuchen sollte , und daß wir gegen den nächstfolgenden Winter wieder in Florenz zusammentreffen wollten .
Ein florentinischer Maler hatte die Gefälligkeit , uns begleiten zu wollen .
Die Reise ging vor sich , wir kamen wohlbehalten in Rom an , und wurden , von der liebenswürdigen Gräfin eingeführt , allenthalben unserem Stande gemäß empfangen .
Obgleich der ausschließende Zweck unseres Aufenthalts in Rom die Kunst und nahmentlich die Malerei war ;
so konnten wir doch nicht umhin , auch auf die Menschen einzugehen , von welchen wir uns umgeben sahen .
Man nennt die Römer schlau und fein ;
allein man vergißt , daß sie mit diesen Eigenschaften eine Unschuld verbinden , welche erst dann aufhört , wenn eine gewisse Rohheit Forderungen an sie macht , die sie nicht befriedigen können , ohne ihrem Wesen zu entsagen .
Einem vielseitig ausgebildeten Menschen muß , allen meinen Erfahrungen zufolge , in Rom sehr wohl zu Muthe seyn , weil er allenthalben auf seines Gleichen stößt .
Dem vornehmeren Theil der Römer besonders ist ein Entwickelungsgrad eigen , wie man ihn , außerhalb des Kirchenstaates , schwerlich auf irgend einem Erdfleck antrifft .
Je unbestimmter und schwankender die gesellschaftlichen Verhältnisse in Italien , besonders aber im Kirchenstaate , sind , desto stärker ist die Aufforderung , welche jeder Einzelne hat , in diesem Kampfe aller gegen alle seine Existenz zu sichern .
Daher die Feinheit , womit man sich gegenseitig behandelt .
Schon von der frühesten Jugend an nimmt das Studium menschlicher Kräfte und Eigenthümlichkeiten seinen Anfang ;
es ist also kein Wunder , wenn man es hierin zu einem hohen Grade der Vollendung bringt .
Das Verhältniß der Kirche zum Staate , oder vielmehr das Verhältniß des Mittelpunkts der Theokratie zu der Welt trägt nicht wenig dazu bei , dem Geiste der Römer eine Gewandtheit zu geben , wie man sie sonst nirgend findet ;
eine Gewandtheit , die , obgleich ursprünglich nur in den ersten Repräsentanten der Kirche vorhanden , von diesen selbst auf die untersten Volksklassen übergeht .
Mit Vergnügen erinnere ich mich einer Unterredung mit dem berühmten Cesarotti , der , als von dem Charakter der Römer unter uns die Rede war , mir Folgendes zur Aufhellung desselben sagte :
6 Die nächste Woche brachte viele Regentage , und an jedem trüben Morgen packte Pavel seine Schulsachen zusammen und ging zum Gelächter aller , die ihm auf dem Wege dahin begegneten , in die Schule .
Dort saß er , der einzige seines Alters , unter lauter Kindern und immer auf demselben Platz , dem letzten auf der letzten Bank .
Anfangs tat der Lehrer , als ob er ihn nicht bemerke ;
erst nach längerer Zeit begann er wieder , sich mit ihm zu beschäftigen .
Einmal , als die Stunde beendet war , die Stube sich geleert hatte , Pavel aber fortzugehen zögerte , fragte ihn der Lehrer :
Pavel machte verwunderte Augen , und der Lehrer fuhr fort :
Dem Pavel schwebte schon die Antwort auf der Zunge :
Darum ist mir's auch nicht zu tun , versteh's ohnehin .
Aber er bezwang sich und sagte nur :
Pavel schüttelte den Kopf :
er fuhr mit der Hand , die heftig zitterte , zwischen sein Hemd und seine Brust und zog einen zerknitterten Brief hervor , Sein Scherz reute ihn , als Pavel denselben für Ernst nahm und zum ersten Male im Leben demütig sprach :
Pavel küßte , wenn man so sagen darf , das Blatt mit den Augen und reichte es dem Alten hin , sorgfältig , ängstlich , wie ein leicht zu beschädigendes Kleinod .
Der Lehrer entfaltete es und überflog die Zeilen :
er stockte , und der Bursche ergänzte mit plötzlich veränderter Miene und rauher Stimme :
Pavel hatte den Kopf sinken lassen und antwortete durch ein stummes Nicken .
Der Lehrer las :
Die Lettern des Briefes waren steif und ruhig hingemalt , bei der Nachschrift hatte die Hand gezittert ;
große matte Flecken auf dem Papier verrieten , daß sie unter Tränen geschrieben worden waren .
Mit Mühe entzifferte der Vorleser die halbverwischten Züge , und ihn ergriff die Fülle des Leids und der Liebe , die sich in dieser armseligen Kundgebung aussprach .
, sagte er , Der Junge hatte sich abgewendet und starrte finster zu Boden .
murmelte er .
Pavel verzog den Mund :
Der alte Mann geriet in Eifer , er wurde warm und beredsam ;
die schönen und vortrefflichen Dinge , die er sagte , ergriffen ihn selbst , ließen Pavel jedoch kühl .
Er hatte auf die Vorstellungen des Lehrers zwei Antworten , die er hartnäckig wiederholte , ob sie paßten oder nicht :
, und :
fragte der Lehrer endlich .
, erwiderte Pavel .
Der Alte schüttelte sich vor Ungeduld :
, sprach er , unterbrach er sich – Er schob die Brille in die Höhe und näherte die kurzsichtigen Augen dem Gesichte Pavels .
In den Zügen desselben malte sich ein eiserner Widerstand ;
aus den düsteren Augen funkelte ein Abglanz jener Entschlossenheit , die , auf eine große Sache gestellt , den Märtyrer macht .
Der Alte seufzte , trat zurück und sagte :
Als Pavel schon an der Tür war , rief er ihm aber doch Halt zu ;
– , wiederholte er nachdrücklich , und eine schwache Röte schimmerte durch das fahle Grau seiner Wangen :
Er erhob die Hände über den Kopf , huschte so planlos und unbeholfen im Zimmer umher wie ein aus dem Schlafe gescheuchter Nachtfalter und wimmerte und stöhnte :
Pavel betrachtete den Schullehrer nachdenklich ;
der alte Herr tat ihm leid und kam ihm zugleich unendlich töricht vor .
Worüber kränkte er sich ?
Konnte es darüber sein , daß die Leute ihn einen Hexenmeister nannten ?
... Das wäre auch der Mühe wert !
Für sein Leben gern hätte er sich erkundigt , wußte aber nicht , wie die Frage stellen .
Er nahm so lange keine Notiz von des Lehrers entlassenden Winken , bis dieser ihn heftig anließ :
Dann gab er zur Antwort :
Habrecht bog sich zurück , tat einen tiefen Atemzug und schloß die Augen .
Da platzte Pavel heraus :
Ein unwillkürlicher Aufschrei :
und der Lehrer packte ihn an den Schultern und schob ihn aus der Tür .
Also richtig !
der Alte grämte sich über den Verdacht , in dem er im Dorfe stand .
– Unbegreiflich kindisch erschien das dem Pavel ;
sein Gönner wurde von Stunde an ein Schwächling in seinen Augen , und er schlug dessen eindringlichste Warnung in den Wind .
Ja , sie reizte ihn sogar , ihr zuwiderzuhandeln .
Die Leute sollen ihn nur für schlechter halten , als er ist , er will's nach Lob und Liebe geizen die Feiglinge ;
sich sagen zu dürfen :
Ich bin besser , als irgendeiner weiß – das ist die herbe , die rechte Wonne für ein starkes Herz .
Den Brief der Mutter bemühte sich Pavel nachzubuchstabieren , und jetzt , wo er dessen Inhalt kannte , gelang es ihm so ziemlich .
Vinska überraschte ihn bei der Beschäftigung , wollte wissen , was er las , und als er ihr eine Auskunft darüber verweigerte , suchte sie ihm das Blatt zu entreißen .
zürnte sie , da er ihr wehrte , Ihre hübschen Brauen zogen sich zusammen , um den Mund zuckte ein unbezwingliches Lächeln .
Sie scherzte , sie verhöhnte ihn , er wußte es und – war beseligt , daß sie so mit ihm scherzte .
, brummte er , und ein Himmel tat sich vor ihm auf bei dem Gedanken , wie es denn wäre , wenn aus dem Spiel , das sie jetzt mit ihm trieb , einmal Ernst werden sollte .
Einmal !
in der weiten unabsehbaren Zukunft , die noch vor ihm lag und welcher er , wenn auch sonst nichts , doch ein festes Vertrauen auf die eigene Kraft entgegentrug .
Die Vinska hatte eine Hand auf die schlanke Hüfte gestemmt und streckte die andere nach ihm aus :
fragte sie schmeichelnd und schelmisch , , antwortete er rasch und wandte sich ab .
Vinska tat einen Ausruf des Erstaunens :
Pavel nagte gequält an den Lippen .
, fuhr Vinska fort , rief Pavel heftig aus , und Vinska errötete und sagte verwirrt und sanft :
Sie sah ihn lauernd von der Seite an und begegnete in seinen Zügen dem Ausdruck einer außerordentlichen Überraschung .
fragte er mit ehrlicher Wißbegier .
Vinska faßte ihn an beiden Ohren , rüttelte ihn und lachte :
rief Pavel , Sie antwortete ausweichend , aber er packte ihre Arme mit seinen großen Händen , zog sie an sich und wiederholte :
bis sie geängstigt und gefoltert hervorstieß :
sprach er triumphierend und – entwaffnet .
Zum Spaß rang er noch ein wenig mit ihr und gab sie plötzlich frei .
Reicher Lohn wurde ihm für seine Großmut zuteil :
die Vinska sah ihn zärtlich an und lehnte einen Augenblick ihren Kopf an seine Schulter .
Ein Freudenschauer durchrieselte ihn , aber er rührte sich nicht und bemühte sich , gleichgültig zu scheinen .
, begann Vinska nach einer Weile , Sein Gesicht verdüsterte sich :
, sagte sie , Sie bat in so kindlichem Ton , ihre Miene war so unschuldig und er völlig bezaubert .
Er ließ sich's nicht merken , brummte etwas Unverständliches und schob sie sachte mit dem Ellbogen weg .
Dann nahm er die Peitsche vom Herd und ging zur Schwemme , die Pferde zusammenzuholen , mit denen er auf der Hutweide übernachten sollte .
Die Hutweide lag in einer Niederung vor dem Dorfe , nicht weit vom Kirchhof , der ein längliches Viereck bildete und sich , von einer hohen weißgetünchten Mauer umgeben , ins Feld hineinstreckte .
Es war eine Nacht , so lau wie im Sommer ;
in unbestrittenem Glanz leuchtete der Mond , und die von seinem Licht übergossene Wiese glich einem ruhigen Wasserspiegel .
Still weideten die Pferde .
Pavel hatte sich in seiner Wächterhütte ausgestreckt , die Arme auf den Boden , das Gesicht auf die Hände gestemmt , und beobachtete seine Schutzbefohlenen .
Die Fuchsstute des Bürgermeisters , die weißmähnige , war früher sein Liebling gewesen ;
seitdem er aber den Sohn des Bürgermeisters haßte , haßte er auch dessen Fuchsstute .
Sie kam , auf alte Freundschaft bauend , zutraulich daher , beschnupperte ihn und blies ihn an mit ihrem warmen Atem .
Ein Fluch , ein derber Faustschlag auf die Nase war der Dank , den ihre Liebkosung ihr ein trug .
Sie wich zurück , mehr verwundert als erschrocken , und Pavel drohte ihr nach .
Er hätte alles von der Welt vertilgen mögen , was mit seinem Nebenbuhler in Zusammenhang stand .
Das Versprechen der Vinska flößte ihm kein Vertrauen ein ;
es war viel zu rasch gegeben worden , viel zu sehr in der Weise , in welcher man ein ungestümes Kind beschwichtigt .
Sie will kein Geschrei , kein Aufsehen ;
sie tut ja seit einiger Zeit so ehrbar , hat ihr früheres übermütiges Wesen , ihre Gleichgültigkeit gegen die Meinung der Leute abgelegt .
Die Angst und Hast , mit der sie ausgerufen hatte :
, klang dem Pavel noch im Ohr .
Er meinte , das Blatt an seiner Brust brenne ;
er griff danach und zerknüllte es in der geballten Faust .
Was brauchte sie ihm aber auch zu schreiben , die Mutter ?
Hatte sie noch nicht Schande genug über ihn gebracht ?
Sie stand zwischen ihm und allen andern Menschen .
Zwischen ihn und die Vinska , die so viel bei ihm galt , sollte sie ihm nicht treten ... In seinem tiefsten Innern glaubte , ja wußte er :
seine Mutter hat das nicht getan , dessen man sie beschuldigt , und dennoch trieb ihn ein dunkler Instinkt , sich selbst zu überreden :
Es kann wohl sein ... Und aus dem schwankenden Zweifel wuchs ein fester Entschluß hervor :
Ich will nichts mehr mit ihr zu tun haben .
Ihren Brief zerriß er in Fetzen .
Auf dem letzten , den er in der Hand behielt , waren noch die Worte zu lesen :
Das bist du , mußte er doch etwas wehmütig berührt zugestehen , das bist du von jeher gewesen ... Ihre große Gestalt tauchte vor ihm auf in ihrem Ernst , in ihrer Schweigsamkeit .
Abends erliegend unter der Last der Arbeit , der Not , der Mißhandlung , am Morgen wieder rastlos am Werke .
Er sah sich als Kind an ihrer Seite , von ihrem Beispiel angeeifert , schon fast so still und so vertraut mit der Mühsal wie sie .
Er erinnerte sich mancher derben Zurechtweisung , die er durch seine Mutter erfahren , und keiner einzigen Äußerung ihrer Zärtlichkeit ... vieler jedoch ihrer stummen Fürsorge , ganz besonders der alltäglich vorgenommenen ungleichen Teilung des Brotes .
Ein großes Stock für jedes Kind , ein kleines für sie selbst ... Pavel begann die Fetzen des Briefes zusammenzulesen , legte sie aufeinander und betrachtete das Päckchen , ungewiß , was er damit anfangen sollte .
Endlich trug er's zum Friedhof und begrub es dort zu den Füßen der Mauer , unter den herüberhängenden Zweigen einer Traueresche .
In seine Hütte zurückgekehrt , legte er sich hin und schlief ein und träumte von dem schönen Hemde , das Vinska für ihn genäht und das eine große Frau mit verhülltem Antlitz , in dunkle Sträflingsgewänder gekleidet , ihm streitig zu machen suchte Das Bild dieser Frau verfolgte ihn fortan ;
und wenn er in mondhellen Nächten nur eine Weile unverwandt nach dem Friedhof blickte , ballte es sich zusammen aus Nebel und Dunst und glitt an der schimmernden Mauer vorbei .
Pavel starrte die Erscheinung mit tiefem Grauen an und dachte :
Der Vinska erzählte er von diesem Erlebnis nichts , hätte auch keine Gelegenheit dazu gehabt .
Sie war unfreundlich mit ihm , guckte immer nach seinen Händen , wenn er heimkam , sagte spitz :
– und ging ihm übrigens schmollend aus dem Wege .
– Er sah wohl ein , das würde nicht anders werden , bevor er ihr den Willen getan , und so bequemte er sich zur Erfüllung ihres kindischen Wunsches , die ihm eine leichte Sache schien .
Seit Miladas Abreise stand die Pforte des Schloßgartens wieder offen von früh bis abends , und der alte Pfau stelzte unzählige Male im Tag an ihr vorbei .
Er hatte in der Tat nur Reste seines sommerlichen Federschmucks übrigbehalten , drei Prachtexemplare an lächerlich langen , von Nachwuchs noch unbedeckten Kielen .
Eines Tages lauerte Pavel ihm auf , und als er ihn kommen sah , schlich er ihm nach in den Garten .
Längs eines schmalen Weges , den Bäume und Büsche gegen das Haus deckten , schritt der Vogel gemächlich hin und pickte aus purer Jagdlust hie und da ein Insekt vom Boden auf .
Plötzlich mußte er , so leise Pavel auch auftrat , dessen Schritte vernommen haben ;
denn er blieb stehen , reckte mit einer raschen Wellenbewegung den Hals und wandte den Kopf seinem Nachfolger zu , wie fragend :
Was willst du von mir ?
– dachte der Bursche , und als Meister Pfau ein schnelleres Tempo einschlug , machte Pavel ein paar Sätze , glitt aus und fiel nieder , verlor aber die Geistesgegenwart nicht , sondern streckte die Hand aus und entriß mit festem , glücklichem Griff dem Vogel auf einmal seine letzte Zier .
Der stieß ein rauhes Alarmgeschrei hervor , machte kehrt , schnellte halb fliegend , halb springend empor , und ehe der noch am Boden Liegende sich besann , saß ihm das zornige Tier im Nacken und hackte mit dem harten , scharfen Schnabel auf seinen Kopf , seine Schläfen los .
Es tat weh , kam dem Pavel jedoch sehr komisch vor , daß ein Vogel sich in einen Kampf mit ihm einließ .
Er lachte – wohl etwas krampfhaft – und machte eine heftige Anstrengung , das Tier abzuschütteln .
Aber es krallte sich mit unheimlicher Stärke fester , spreizte die Flügel , hielt sich im Gleichgewicht , und immerfort kreischend streckte es den kleinen Kopf weit vor , die Augen seines Feindes suchend und bedräuend ... Da wurde diesem angst ... Mit beiden Händen griff er nach dem langen blauen Hals , dessen Gefieder sich unter seinen Fingern sträubte , und drehte ihn zusammen wie zu einem Knoten .
Das Tier gab noch einen schrillen , verzweiflungsvollen Laut und glitt über Pavels Schulter zur Erde , wo es auf dem Rücken liegenblieb mit zusammengezogenen zuckenden Füßen .
Ob tot , hatte der Sieger nicht mehr Zeit , sich zu überzeugen ;
denn er sah aus dem Schlosse Leute herbeikommen , raffte die Federn vom Grase auf und war wie der Blitz aus dem Garten .
Draußen auf der Straße mäßigte er seine Schnelligkeit , um nicht durch sie die Aufmerksamkeit der Vorübergehenden zu erregen .
Das Herz pochte ihm heftig , und er dachte an den Lärm , den es im Schlosse bei der Auffindung der zappelnden Pfauenbestie absetzen würde .
An der Spitze der Schar , die auf deren Geschrei nach dem Kampfplatz geeilt war , meinte er die erkannt zu haben .
Eine Weile ging Pavel unbehelligt seines Weges und hoffte schon , dem Verdacht und der Gefahr entronnen zu sein , als die Rufe :
an sein Ohr schlugen und ihn eines anderen belehrten .
Hinter ihm her waren , wie er sich durch einen raschen Blick überzeugte , der schmächtige rundrückige Gärtner und zwei alte Arbeiter .
höhnte Pavel und schoß vorwärts im leichten wegverschlingenden Lauf .
Er hatte einen guten Vorsprung vor seinen Verfolgern , und als er zu rennen begann , wurde ein noch viel besserer daraus .
An dem Aufsehen , das er erregte , lag ihm jetzt nichts mehr , sondern nur daran , seinen Raub in Sicherheit zu bringen .
Glühend , mit funkelnden Augen stürmte er in die Hütte .
Vinska stand allein im Flur und errötete vor Freude , als Pavel ihr die Federn hinreichte .
Bei seinen hastig hervorgestoßenen Worten :
erschrak sie jedoch sehr und fragte :
Er drang ihr das gestohlene Gut auf , schob sie in die Stube und trat selbst zum Eingang der Hütte zurück , wo er sich an den Türpfosten lehnte , die Arme kreuzte und trotzigen Mutes die Häscher erwartete .
Der Anführer derselben war so aufgeregt , daß er nur abgebrochen seine Befehle erteilen konnte :
rief er seinen Begleitern zu , zweien preßhaften und friedfertigen Menschen , die einander ansahen und dann ihn und dann wieder einander .
– Packen ?
war das ihre Sache ?
... Sie hielten sich für verdienstvolle Gärtnergehilfen , weil sie zum Rechen griffen und mit ihm auf den Wegen herumscharrten , sobald sie die Schloßfrau erblickten .
Den Rest des Tages lagen sie im Grase , tranken Schnaps und rauchten zuweilen ;
meistens jedoch schliefen sie .
Dem Pavel wäre es nur ein Spiel und zugleich ein wahres Genügen gewesen , die Guardia anzurennen und zu Boden zu schlagen , aber um Vinskas willen und ihrer Angst vor einem Skandal verzichtete er auf diese Ergötzlichkeit und ließ sich ruhig beim Kragen nehmen , was die beiden Alten zaghaft und ohne innere Überzeugung taten .
Indessen wuchs ihnen der Kamm bei der Widerstandslosigkeit , mit der Pavel sich in sein Schicksal ergab , und ein großer Stolz erwachte in ihnen , als sie den wilden Buben , dem sie sonst von weitem auswichen , als Gefangenen durch das Dorf führten .
Der Gärtner , der Zeter und Mordio schrie , bildete die Nachhut , und die Straßenjugend lief mit .
fragten die Leute .
Er soll etwas erwürgt haben ... Was ?
weiß vorläufig niemand ;
aber das weiß man :
Der kommt ins Zuchthaus wie die Mutter , der stirbt am Galgen wie der Vater .
Fäuste erhoben sich drohend , Steine flogen und fehlten , aber Worte , schlimmer als Steine , trafen ihr Ziel .
Pavel blickte keck umher , und das Bewußtsein unauslöschlichen Hasses gegen alle seine Nebenmenschen erquickte und stählte sein Herz .
Gelassen trat er in den Schloßhof und wurde sogleich ins Haus und in ein ebenerdiges Zimmer mit vergitterten Fenstern gebracht , dessen Tür man hinter ihm absperrte .
Es war eines der Gastzimmer , in dem Pavel sich befand , und seine Augen hatten , solange sie offen standen , eine Pracht wie diejenige , die ihn hier umgab , nicht erblickt .
Seidenzeug , grün schillernd wie Katzenaugen , hing an Fenstern und Türen in so reichen Falten , wie der neue Sonntagsrock Vinskas sie warf , und mit demselben Stoff waren große und kleine Bänke , die Lehnen hatten , überzogen .
An den Wänden befanden sich Bilder , das heißt eingerahmte dunkelbraune Flecken , aus denen an verschiedenen Stellen ein weißes Gesicht hervorschimmerte , eine fahle Totenhand zu winken schien ... Ein großer Schrank war da , dem Altar in der Kirche sehr ähnlich , und am Fensterpfeiler ein Spiegel , in dem Pavel sich sehen konnte in seiner ganzen lebensgroßen Zerlumptheit .
Als er hineinblickte und dachte :
gewahrte er über seinem Kopf ein seltsames Ding .
Ein flacher eiserner Kübel schien's , aus dem goldene Arme herausragten und der mit einem äußerst dünnen Seilchen an der Decke befestigt war .
Pavel sprang sogleich davon und betrachtete das böse Ding mißtrauisch aus der Entfernung .
Es schien keinen anderen Zweck und auch keine andere Absicht zu haben , als auf die Leute , die so unvorsichtig waren , in sein Bereich zu treten , niederzustürzen und sie zu erschlagen .
Nach kurzer Zeit ließen Schritte auf dem Gange sich hören ;
die Tür wurde geöffnet , und die Baronin trat ein .
Sie ging mühsam auf den Stock gestützt , war sehr gebeugt und blinzelte fortwährend .
Fast auf den Fersen folgte ihr , tief bekümmert , die spärlichen Haare so zerzaust , als hätte er eben in ihnen gewühlt – der Schulmeister .
Sein ungeschickt fahriges Benehmen fiel sogar dem schlechten Beobachter Pavel auf .
fragte der Alte , schoß dienstfertig umher und rückte die Sessel auseinander , um der den Überblick und somit die Wahl zu erleichtern .
, sagte sie ärgerlich , nahm gerade unter dem Kronleuchter mit dem Rücken gegen die Fenster Platz , legte den Stock auf ihren Schoß und gab Pavel Befehl näher zu treten .
Er gehorchte .
Der Lehrer jedoch stellte sich hinter den Sessel der gnädigen Frau , und über ihren Kopf hinweg bedrohte er abwechselnd den Delinquenten mit Blicken des Ingrimms oder suchte ihn durch Mienen , welche die tiefste Wehmut ausdrückten , zu erschüttern und zu rühren .
Die Baronin hielt die Hand wie einen Schirm an die Stirn und sprach , ihre rotgeränderten Augen zu Pavel erhebend :
, erwiderte er zerstreut .
Das eiserne Ding an der dünnen Schnur nahm seine ganze Aufmerksamkeit in Anspruch .
Im Geist sah er's herunterfallen und die auf ihrem Richterstuhl zu einem flachen Kuchen zusammenpressen .
Diese nahm wieder das Wort :
Der Lehrer erhob seine flehend gefalteten Hände und gab dem Burschen ein Zeichen , diese Gebärde nachzuahmen .
Pavel ließ sich aber nicht dazu herbei .
fuhr die Baronin fort .
Pavel schwieg , und der alten Frau schoß das Blut ins Gesicht .
Erregten Tones wiederholte sie ihre Frage .
Der Junge schüttelte den Kopf ;
aus seinem dichten Haargestrüpp hervor glitt sein Blick über die Zürnende , und ein leises Lächeln kräuselte seine Lippen .
Da wurde die Greisin vom Zorn übermannt .
rief sie , griff nach ihrem Stock und gab ihm damit einen Streich auf jede Schulter .
dachte Pavel , und er richtete einen stillen Stoßseufzer an das eiserne Ding :
Habrecht machte hinter dem Rücken der Baronin ein Kompliment , in dem sich Anerkennung aussprach :
, bemerkte er .
Der alten Frau war nach ihrer Gewalttat nicht wohl zumute .
Sie hatte ihren Zorn auf einmal ausgegeben und lag nun im Bann eines viel unleidigeren Gefühls :
einer grämlichen , sentimentalen Entrüstung .
sprach sie ;
bestätigte der Lehrer .
fiel die Baronin ärgerlich ein .
entgegnete Habrecht , Wie der Rabe Odins an dessen Ohr neigte sich Habrecht an das Ohr der Baronin und flüsterte :
rief der Lehrer , sich wieder aufrichtend , befahl auch die Baronin .
, setzte sie nach kurzer Überlegung hinzu , Jedesmal , wenn das Wort ausgesprochen wurde , überrieselte es den Burschen ;
als ihm aber der Lehrer nun mit der bestimmten Frage zu Leibe ging :
da überkam ihn eine Todesangst vor den schlimmen Folgen , welche dieser Verdacht für die Tochter des Hirten haben könnte , und fest entschlossen , ihn abzuwenden , sprach er mit dumpfer Stimme :
Die Baronin stieß ihren Stock heftig gegen den Boden und erhob sich :
, sprach sie zum Schullehrer , flehte der Alte .
Sie winkte ihm zu schweigen und trat dicht an Pavel heran .
Ihre müden Augen maßen den Wildling mit traurigem Ausdruck :
, sagte sie tief aufseufzend .
Pavel war zusammengefahren , er riß die Augen weit auf , seine Nasenflügel bebten :
wiederholte die Baronin erregt und gerührt und mit den Tränen kämpfend .
, sagte Pavel leise .
Der Lehrer zog die Schultern in die Höhe , schob die Kinnlade vor und machte ihm die eindringlichsten Zeichen :
Pavel aber zermarterte seine verschränkten Finger ;
seine Brust hob sich keuchend ;
mit einem trockenen Schluchzen sprach er noch einmal :
Die Baronin wandte sich dem Lehrer zu :
Den Einwand überhörend , fuhr der Lehrer fort :
Neuntes Kapitel Emma hatte eben das Haus verlassen , als Karl heimkam .
Die Nachricht von der Pfändung traf ihn wie ein Keulenschlag .
Dazu seine Frau fort !
Er schrie , weinte und fiel in Ohnmacht .
Was nützte das ?
Wo konnte sie nur sein ?
Er schickte Felicie zu Homais , zu Tuvache , zu Lheureux , nach dem Goldenen Löwen , überall hin .
Und mitten in seiner Angst um Emma quälte ihn der Gedanke , daß sein guter Ruf vernichtet , ihr gemeinsames Vermögen verloren und die Zukunft Bertas zerstört sei .
Und warum ?
Keine Erklärung !
Er wartete bis sechs Uhr abends .
Endlich hielt er es nicht mehr aus , und da er vermutete , sie sei nach Rouen gefahren , ging er ihr auf der Landstraße eine halbe Wegstunde weit entgegen .
Niemand kam .
Er wartete noch eine Weile und kehrte dann zurück .
Sie war zu Haus .
Sie saß an ihrem Schreibtisch und beendete gerade einen Brief , den sie langsam versiegelte , nachdem sie Tag und Stunde darunter gesetzt hatte .
Dann sagte sie in feierlichem Tone :
Sie legte sich lang auf ihr Bett .
Ein bitterer Geschmack im Munde weckte sie auf .
Sie sah Karl ... verschwommen ... und schloß die Augen wieder .
Sie beobachtete sich aufmerksam , um Schmerzen festzustellen .
Nein , sie fühlte noch keine .
Sie hörte den Pendelschlag der Uhr , das Knistern des Feuers und Karls Atemzüge , der neben ihrem Bett stand .
dachte sie .
Sie trank einen Schluck Wasser und drehte sich der Wand zu .
Der abscheuliche Tintengeschmack war immer noch da .
seufzte sie .
fragte Karl und reichte ihr ein Glas .
Ein Brechreiz überkam sie jetzt so plötzlich , daß sie kaum noch Zeit hatte , ihr Taschentuch unter dem Kopfkissen hervorzuziehen .
sagte sie nervös .
Er fragte sie aus , aber sie antwortete nicht .
Sie lag unbeweglich da , aus Furcht , sich bei der geringsten Bewegung erbrechen zu müssen .
Inzwischen fühlte sie eine eisige Kälte von den Füßen zum Herzen hinaufsteigen .
murmelte sie , Sie warf den Kopf in unterdrückter Unruhe hin und her .
Fortwährend öffnete sie den Mund , als läge etwas Schweres auf ihrer Zunge .
Um acht Uhr fing das Erbrechen wieder an .
Karl bemerkte auf dem Boden des Napfes einen weißen Niederschlag , der sich am Porzellan ansetzte .
wiederholte er .
Aber sie sagte mit fester Stimme :
Da fuhr er ihr mit der Hand zart , wie liebkosend , bis in die Magengegend und drückte da .
Sie stieß einen schrillen Schrei aus .
Er wich erschrocken zurück .
Dann begann sie zu wimmern , zuerst nur leise .
Ein Schüttelfrost überfiel sie .
Sie wurde bleicher als das Bettuch , in das sich ihre Finger krampfhaft einkrallten .
Ihr unregelmäßiger Pulsschlag war kaum noch fühlbar .
Kalte Schweißtropfen rannen über ihr bläulich gewordenes Gesicht ;
etwas wie ein metallischer Ausschlag lag über ihren erstarrten Zügen .
Die Zähne schlugen ihr klappernd aufeinander .
Ihre erweiterten Augen blickten ausdruckslos umher .
Alle Fragen , die man an sie richtete , beantwortete sie nur mit Kopfnicken .
Zwei- oder dreimal lächelte sie freilich .
Allmählich wurde das Stöhnen heftiger .
Ein dumpfes Geheul entrang sich ihr .
Dabei behauptete sie , daß es ihr besser gehe und daß sie sofort aufstehen werde .
Sie verfiel in Zuckungen .
Sie schrie :
Karl warf sich vor ihrem Bett auf die Kniee .
Er sah sie an mit Augen voller Zärtlichkeit , wie Emma keine je geschaut hatte .
stammelte sie mit versagender Stimme .
Er stürzte zum Schreibtisch , riß den Brief auf und las laut :
Er hielt inne , fuhr sich mit der Hand über die Augen und las stumm weiter ... Er konnte immer nur das eine Wort herausbringen :
Dann rief er um Hilfe .
Felicie lief zu Homais , der es aller Welt ausposaunte .
im Goldenen Löwen erfuhr es .
Manche standen aus ihren Betten auf , um es ihren Nachbarn mitzuteilen .
Die ganze Nacht hindurch war der halbe Ort wach .
Halb von Sinnen , vor sich hin redend , nahe am Hinfallen , lief Karl im Zimmer umher , wobei er an die Möbel anrannte und sich Haare ausraufte .
Der Apotheker hatte noch nie ein so fürchterliches Schauspiel gesehen .
Er ging nach Hause , um an den und den zu schreiben .
Er hatte selber den Kopf verloren .
Er brachte keinen vernünftigen Brief zustande .
Schließlich mußte sich Hippolyt nach Neuschâtel aufmachen , und Justin ritt auf Bovarys Pferd nach Rouen .
Am Wilhelmswalde ließ er den Gaul lahm und halbtot zurück .
Karl wollte in seinem medizinischen Lexikon nachschlagen , aber er war nicht imstande zu lesen .
Die Buchstaben tanzten ihm vor den Augen .
sagte der Apotheker .
Karl zeigte den Brief .
Es wäre Arsenik gewesen .
versetzte Homais , Er hatte nämlich gelernt , daß man bei allen Vergiftungen eine Analyse machen müsse .
Bovary hatte in seiner Angst alle Gelehrsamkeit vergessen .
Er erwiderte ihm :
Dann kehrte er in ihr Zimmer zurück , warf sich auf die Diele , lehnte den Kopf gegen den Rand ihres Bettes und schluchzte .
flüsterte sie .
Sie strich ihm langsam mit der Hand über das Haar .
Die süße Empfindung vermehrte seine Traurigkeit .
Er fühlte sich bis in den tiefsten Grund seiner verzweifelten Seele erschüttert , daß er sie verlieren sollte , jetzt , da sie ihm mehr Liebe bewies denn je .
Er fand keinen Ausweg ;
er wußte keinen Zusammenhang ;
er wagte keine Frage .
Und die Dringlichkeit eines Entschlusses machte ihn vollends wirr .
Sie dachte bei sich :
Nun haßte sie keinen mehr .
Ihre Gedanken verschwammen wie in Dämmerung , und von allen Geräuschen der Erde hörte Emma nur noch die versagende Klage eines armen Herzens , matt und verklungen wie der leise Nachhall einer Symphonie .
sagte sie und stützte sich leicht auf .
fragte Karl. Das Dienstmädchen trug das Kind auf dem Arm herein .
Es hatte ein langes Nachthemd an , aus dem die nackten Füße hervorsahen .
Es war ernst und noch halb im Schlaf .
Erstaunt betrachtete es die große Unordnung im Zimmer .
Geblendet vom Licht der Kerzen , die da und dort brannten , zwinkerte es mit den Augen .
Offenbar dachte es , es sei Neujahrstagsmorgen , an dem es auch so früh wie heute geweckt wurde und beim Kerzenschein zur Mutter ans Bett kam , um Geschenke zu bekommen .
Und so fragte es :
Und da niemand antwortete , redete es weiter :
Felicie hielt die Kleine übers Bett , die immer noch nach dem Kamin hinsah .
Bei diesem Namen , der an ihre Ehebrüche und all ihr Mißgeschick erinnerte , wandte sich ab , als fühle sie den ekelhaften Geschmack eines noch viel stärkeren Giftes auf der Zunge .
Berta saß noch auf ihrem Bette .
Die Mutter sah sie an .
sagte die Kleine und wollte fort .
Emma wollte die Hand des Kindes küssen , aber es sträubte sich .
rief Karl , der im Alkoven schluchzte .
Dann ließen die Symptome einen Augenblick nach .
Emma schien weniger aufgeregt , und bei jedem unbedeutenden Worte , bei jedem etwas ruhigeren Atemzug schöpfte er neue Hoffnung .
Als Canivet endlich erschien , warf er sich weinend in seine Arme .
Der Kollege war keineswegs dieser Meinung , und da er , wie er sich ausdrückte , ging , verordnete er Emma ein ordentliches Brechmittel , um den Magen zunächst einmal völlig zu entleeren .
Sie brach alsbald Blut aus .
Ihre Lippen preßten sich krampfhaft aufeinander .
Sie zog die Gliedmaßen ein .
Ihr Körper war bedeckt mit braunen Flecken , und ihr Puls glitt unter ihren Fingern hin wie ein dünnes Fädchen , das jeden Augenblick zu zerreißen droht .
Dann begann sie , gräßlich zu schreien .
Sie verfluchte und schmähte das Gift , flehte , es möge sich beeilen , und stieß mit ihren steif gewordenen Armen alles zurück , was Karl ihr zu trinken reichte .
Er war der völligen Auflösung noch näher als sie .
Sein Taschentuch an die Lippen gepreßt , stand er vor ihr , stöhnend , weinend , von ruckhaftem Schluchzen erschüttert und am ganzen Leibe durchrüttelt .
Felicie lief im Zimmer hin und her , Homais stand unbeweglich da und seufzte tief auf , und Canivet begann sich , trotz seiner ihm zur Gewohnheit gewordenen selbstbewußten Haltung , unbehaglich zu fühlen .
murmelte er .
ergänzte Homais .
rief Bovary .
Der Apotheker riskierte die Hypothese , es sei vielleicht ein heilsamer Paroxismus .
Aber Canivet achtete nicht darauf und wollte ihr gerade Theriak eingeben , da knallte draußen eine Peitsche .
Alle Fensterscheiben klirrten .
Eine Extrapost mit drei bis an die Ohren von Schmutz bedeckten Pferden raste um die Ecke der Hallen .
Es war .
Die Erscheinung eines Gottes hätte keine größere Erregung hervorrufen können .
Bovary streckte ihm die Hände entgegen , Canivet stand bewegungslos da , und Homais nahm sein Käppchen ab , noch ehe der Arzt eingetreten war .
Larivière gehörte der berühmten Chirurgenschule Bichats an , das heißt , einer Generation philosophischer Praktiker , die heute ausgestorben ist , begeisterter , gewissenhafter und scharfsichtiger Jünger ihrer Kunst .
Wenn er in Zorn geriet , wagte in der ganzen Klinik niemand zu atmen .
Seine Schüler verehrten ihn so , daß sie ihn , später in ihrer eigenen Praxis , mit möglichster Genauigkeit kopierten .
So kam es , daß man bei den Ärzten in der Umgegend von Rouen allerorts seinen langen Schafspelz und seinen weiten schwarzen Gehrock wiederfand .
Die offenen Ärmelaufschläge daran reichten ein Stück über seine fleischigen Hände , sehr schöne Hände , die niemals in Handschuhen steckten , als wollten sie immer schnell bereit sein , wo es Krankheit und Elend anzufassen galt .
Er war ein Verächter von Orden , Titeln und Akademien , gastfreundlich , freidenkend , den Armen ein väterlicher Freund , Pessimist , selbst aber edel in Wort und Tat .
Man hätte ihn als einen Heiligen gepriesen , wenn man ihn nicht wegen seines Witzes und Verstandes gefürchtet hätte wie den Teufel .
Sein Blick war schärfer als sein Messer ;
er drang einem bis tief in die Seele , durch alle Heucheleien , Lügen und Ausflüchte hindurch .
So ging er seines Weges in der schlichten Würde , die ihm das Bewußtsein seiner großen Tüchtigkeit , seines materiellen Vermögens und seiner vierzigjährigen arbeitsreichen und unanfechtbaren Wirksamkeit verlieh .
Als er das leichenhafte Antlitz Emmas sah , zog er schon von weitem die Brauen hoch .
Sie lag mit offenem Munde auf dem Rücken ausgestreckt da .
Während er Canivets Bericht anscheinend aufmerksam anhörte , strich er sich mit dem Zeigefinger um die Nasenflügel und sagte ein paarmal :
Dann aber zuckte er bedenklich mit den Achseln .
Bovary beobachtete ihn ängstlich .
Sie sahen einander in die Augen , und der Gelehrte , der an den Anblick menschlichen Elends so gewöhnt war , konnte eine Träne nicht zurückhalten , die ihm auf die Krawatte herablief .
Er wollte Canivet in das Nebenzimmer ziehen .
Karl folgte ihnen .
Karl legte beide Arme auf Larivières Schultern und starrte ihn verstört und flehend an .
Beinahe wäre er ihm ohnmächtig an die Brust gesunken .
Larivière wandte sich ab .
Larivière ging hinaus , angeblich um dem Postillon eine Anweisung zu geben .
Canivet folgte ihm .
Auch er wollte nicht Zeuge des Todeskampfes sein .
Der Apotheker holte die beiden auf dem Marktplatz ein .
Nichts fiel ihm von jeher schwerer , als sich von berühmten Menschen zu trennen .
So beschwor er denn Larivière , er möge ihm die hohe Ehre erweisen , zum Frühstück sein Gast zu sein .
Man schickte ganz rasch nach dem Goldenen Löwen nach Tauben , zu Tuvache nach Sahne , zu Lestiboudois nach Eiern und zum Fleischer nach Koteletten .
Der Apotheker war selbst bei den Vorbereitungen zum Mahle behilflich , und , sich ihre Jacke zurechtzupfend , sagte :
flüsterte Homais .
Er hielt es für angebracht , nach den ersten Bissen ein paar Einzelheiten über die Katastrophe zum besten zu geben :
Justin , der einen Stoß Teller hereinbrachte , begann am ganzen Körper zu zittern .
fuhr ihn der Apotheker an .
Bei dieser Frage ließ der Bursche alles , was er trug , fallen .
Es gab ein großes Gekrache .
schrie Homais .
Dann aber beherrschte er sich plötzlich :
sagte der Chirurg , sagte gar nichts dazu , dieweil er soeben unter vier Augen eine energische Belehrung wegen seines Brechmittels eingesteckt hatte .
Er , der bei Gelegenheit des Klumpfußes so hochfahrend und redselig gewesen war , verhielt sich jetzt mäuschenstill .
Er lächelte nur unausgesetzt , um seine Zustimmung zu markieren .
Homais strahlte vor Hausherrenstolz .
Selbst der betrübliche Gedanke an Bovary trug – in egoistischer Kontrastwirkung – unbestimmt zu seiner Freude bei .
Die Anwesenheit des berühmten Arztes stieg ihm in den Kopf .
Er kramte seine ganze Gelehrsamkeit aus .
Kunterbunt durcheinander schwatzte er von Kanthariden , Pflanzengiften , Manzanilla , Schlangengift und so weiter .
erschien mit der Kaffeemaschine .
Homais pflegte sich nämlich den Kaffee nach Tisch selbst zu bereiten .
Er hatte ihn auch eigenhändig gemischt , gebrannt und gemahlen .
fragte er , indem er ihm den Zucker anbot .
Dann ließ er alle seine Kinder herunterkommen , da er neugierig war , die Ansicht des Chirurgen über ihre zu hören .
Als Larivière im Begriffe war , aufzubrechen , bat ihn noch um einen ärztlichen Rat in betreff ihres Mannes .
Er schlief nämlich allabendlich nach Tisch ein .
Davon bekäme er dickes Blut .
Der Arzt antwortete mit einem Scherze , dessen doppelten Sinn sie nicht verstand ;
dann ging er zur Tür .
Aber die Apotheke war voller Leute , die ihn konsultieren wollten und es gelang ihm nur schwer , sie los zu werden .
Da war Tuvache , der seine Frau für schwindsüchtig hielt , weil sie öfters in die Asche spuckte ;
Binet , der bisweilen an Heißhunger litt ;
, die es am ganzen Leibe juckte ;
Lheureux , der Schwindelanfälle hatte ;
Lestiboudois , der rheumatisch war ;
, die über Magenbeschwerden klagte .
Endlich brachten ihn die drei Pferde von dannen .
Man fand aber allgemein , daß er sich nicht besonders liebenswürdig gezeigt habe .
Nun wurde die Aufmerksamkeit auf den gelenkt , der mit dem Sterbesakrament an den Hallen hinging .
Seiner Weltanschauung treu , verglich Homais die Geistlichen mit den Raben , die der Leichengeruch anlockt .
Der Anblick eines war ihm ein Greuel .
Er mußte bei einer Soutane immer an ein Leichentuch denken , und so verwünschte er jene schon deshalb , weil er dieses fürchtete .
Trotzdem verzichtete er nicht auf die gewissenhafte Erfüllung seiner , wie er es nannte , und kehrte mit Canivet , dem dies von Larivière dringend ans Herz gelegt worden war , in das Bovarysche Haus zurück .
Wenn seine Frau nicht völlig dagegen gewesen wäre , hätte er sogar seine beiden Knaben mitgenommen , damit sie das Ereignis , das der Tod eines Menschen ist , kennen lernten .
Es sollte ihnen eine Lehre , ein Beispiel , ein ernster Eindruck sein , eine Erinnerung für ihr ganzes weiteres Leben .
Sie fanden das Zimmer voll düsterer Feierlichkeit .
Auf dem mit einem weißen Tischtuch bedeckten Nähtische stand zwischen zwei brennenden Wachskerzen ein hohes Kruzifix daneben eine silberne Schüssel und fünf oder sechs Stück Watte .
Emmas Kinn war ihr auf die Brust hinabgesunken , ihre Augen standen unnatürlich weit offen , und ihre armen Hände tasteten über den Bettüberzug hin , mit einer jener rührend-schrecklichen Gebärden , die Sterbenden eigen sind .
Man hat die Empfindung , als bereiteten sie sich selber ihr Totenbett .
Karl stand am Fußende des Lagers , ihrem Antlitz gegenüber , bleich wie eine Bildsäule , tränenlos , aber mit Augen , die rot waren wie glühende Kohlen .
Der Priester kniete und murmelte leise Worte .
Emma wandte langsam ihr Haupt und empfand beim Anblick der violetten Stola sichtlich Freude .
Offenbar fühlte sie einen seltsamen Frieden , eine Wiederholung derselben mystischen Wollust , die sie schon einmal erlebt hatte .
Etwas wie eine Vision von himmlischer Glückseligkeit betäubte ihre letzten Leiden .
Der Priester erhob sich und ergriff das Kruzifix .
Da reckte sie den Kopf in die Höhe , wie ein Durstiger , und preßte auf das Symbol des Gott-Menschen mit dem letzten Rest ihrer Kraft den innigsten Liebeskuß , den sie jemals gegeben hatte .
Dann sprach der Geistliche das Misereatur und Indulgentiam , tauchte seinen rechten Daumen in das Öl und nahm die Letzte Ölung vor .
Zuerst salbte er die Augen , die es nach allem Herrlichen auf Erden so heiß gelüstet ;
dann die Nasenflügel , die so gern die lauen Lüfte und die Düfte der Liebe eingesogen ;
dann den Mund , der so oft zu Lügen sich aufgetan , oft hoffärtig gezuckt und in sündigem Girren geseufzt hatte ;
dann die Hände , die sich an vergnüglichen Berührungen ergötzt hatten ;
und endlich die Sohlen der Füße , die einst so flink waren , wenn sie zur Stillung von Begierden liefen , und die jetzt keinen Schritt mehr tun sollten .
Der Priester trocknete sich die Hände , warf das ölgetränkte Stück Watte ins Feuer und setzte sich wieder zu der Sterbenden .
Er sagte ihr , daß ihre Leiden nun mit denen eins seien .
Sie solle der göttlichen Barmherzigkeit vertrauen .
Als er mit seiner Tröstung zu Ende war , versuchte er , ihr eine geweihte Kerze in die Hand zu drücken , das Symbol der himmlischen Glorie , von der sie nun bald umstrahlt sein sollte .
Aber Emma war zu schwach , die Finger zu schließen , und wenn Bournisien nicht rasch wieder zugegriffen hätte , wäre die Kerze zu Boden gefallen .
Emma war nicht mehr so bleich wie erst .
Ihr Gesicht hatte den Ausdruck heiterer Glückseligkeit angenommen , als ob das Sakrament sie wieder gesund gemacht hätte .
Der Priester verfehlte nicht , die Umstehenden darauf hinzuweisen , ja er gemahnte Bovary daran , daß der Herr zuweilen das Leben Sterbender wieder verlängere , wenn er es zum Heil ihrer Seele für notwendig erachte .
Karl dachte an den Tag zurück , an dem sie schon einmal , dem Tode nahe , die Letzte Ölung empfangen hatte .
Elise an Sophie Warum Sie nicht dennoch auf einen Augenblick herüber kommen , um Abschied von mir zu nehmen , das liegt am Tage .
Sie fürchteten , trotz aller schönen Worte , mich unbescheiden zu finden , und wollten Ihr Geheimniß keiner Gefahr aussetzen .
Ach !
Sie hätten immer kommen können .
Ich bin nicht begierig , das Verborgene zu enthüllen .
Wie vieles ist doch über den Menschen verhängt , wovon er keine Ahndung hat .
Diese Familie !
– vor acht Tagen noch so glücklich , und nun – Ja , es ist vorbei !
Sie ist todt !
Ich habe sie in den letzten Tagen nicht mehr gesehen .
Seit Eduard wieder hier ist , durfte ich nicht das Haus verlassen .
Er mag recht haben , nach seiner Art .
Ich hatte es nach der meinigen auch .
Es ist wahr , die Krankheit theilt sich mit .
Die Magd und der älteste Knabe klagen sich seitdem auch .
Wir sollten erst alle nach der Stadt zurück .
Allein , dort ist es noch viel schlimmer , die große Hitze hat da mehr als eine Gattung von Uebeln erzeugt .
Kinder und Erwachsene sind dort gleich bedroht .
Zu meinem Trost hat der Arzt entschieden , daß nur das Leben in freier Luft ein Gegenmittel gegen Ansteckung sei .
Seitdem treibt mich Eduard schon früh am Morgen zu Fuß oder zu Wagen mit Georg hinaus .
Ich lasse mich auch nicht lange dazu nöthigen .
Mir ist wohler im Freien .
Sonst fühle ich mich matt , und so betrübt , daß ich noch zur Zeit an nichts in der Welt Theil nehmen kann .
Die schönen Buchen am See zogen mich zuerst in ihre Schatten .
Hier suchte ich die letzten Spuren der Verstorbenen .
Wie ich die dunklen Reihen der Bäume entlang ging , glaubte ich die leise , etwas schüchterne Frau , mit ihren kurzen , eiligen Schritten neben mir gehen zu hören .
Ich stand still und sah betrübt umher .
sagte Georg , indem er wichtig mit dem Köpfchen nickte .
Er machte eine so gerührte Miene dazu , daß ich mich der Thränen nicht enthalten konnte .
Nun fing er auch an zu weinen .
Ich suchte gar nicht ihn zu beruhigen .
Warum soll er nicht frühe das Traurige traurig nehmen .
Man findet sich nur zu leicht darin .
Nach einer Weile tröstete er sich ganz von selbst .
Er sprang umher , machte die erste beste Gerte zum Reitpferd , und sagte nur noch einmal , während er sein hölzernes Pferdchen anhielt , und flüchtige Erinnerungen in sich zusammen suchte :
Diese Betrachtung hinderte ihn aber nicht , gleich wieder recht hübsch zu spielen ;
das Vergangene war nun vergangen !
Wir machen es Alle nicht anders , liebe Sophie .
Kinder sind kleine Menschen .
Der ganze Unterschied zwischen ihnen und den größern liegt im Bewußtsein der Wandelbarkeit des Innern und der Schaam darüber .
Warum schämen wir uns aber ?
Da das Festhalten der Gefühle uns doch nur elend macht .
Denken Sie selbst , was käme dabei heraus , wollte man bei dem verweilen , was Einem völlig mit der Gegenwart entzweien müßte ?
In den meisten Fällen ist es besser , mit dem Leben zu gehen , als stehen zu bleiben , und seinen Lauf anzuhalten .
Und denn , wie jeder kann !
Es ist wahr , wir ärgern uns , wenn gewisse , mit der Seele eins geglaubte Stimmungen uns plötzlich verklungen scheinen , und oft kein Ton mehr davon zu finden ist .
Ich glaube , wir verwechseln den Beruf zur Ewigkeit , mit der Fähigkeit des Herzens , ihr schon diesseits angehören zu können .
Aus der einen Täuschung , welche fortgeerbter Wahn heilig spricht , geht das ganze Heer gezierter Selbstbetrügereien hervor , die das wahre Gefühl mehr entweihen als in Ehren halten .
Ich war erst böse , als ich gestern den Amtmann zu Pferde bei seinen Arbeitern sah .
Ich hatte unrecht .
Das Leben tritt nach jeder Unterbrechung wieder in seine alte Ordnung .
Man muß da mit hinein .
So lange ein Gefürchtetes noch dunkel herannaht , stehen wir in lähmender Spannung auf der Folter der Angst , unfähig etwas Anderes zu empfinden .
Ist der Schlag geschehen , so fallen wir entweder mit , oder wir werfen einen wehmüthigen Blick in den Abgrund , der das Liebste verschlang , verschütten ihn , und säen in der aufgelockerten Erde neue Saaten .
Georgs Wünschelruthe hilft einem Jeden über die Trauer hinaus .
Irgend wo schlägt sie immer ein , wo man Gold , oder doch diesem ähnliches Metall findet .
Mir ist , Sophie , als schüttelten Sie hier zweifelhaft den Kopf .
Sie freilich wollen es nicht Wort haben , daß man verschmerzen könne , was das Herz brach .
Nun , und dennoch gehen Sie ihren Weg wie alle Menschen , und haben noch überdies etwas , das Sie stets auf das Angenehmste begleitet .
Sehen Sie , so verwandelt sich alles , auch der Kummer in sich selbst , und nimmt von der Farbe und dem Lichte der Welt , in der wir leben , unwillkührlich mehr und mehr an .
Wir schaffen uns das Verlorne noch einmal , und söhnen uns auf diese Weise mit dem Geschiedenen aus .
Ich lasse diese Blätter unabgeschickt liegen .
Sie enthalten zur Zeit wenig , das der Mühe verlohnte , sie einen weiten Weg machen zu lassen .
Ich bin gewöhnt , jeden flüchtigen Gedanken zu Ihnen hinüber zu schicken ;
ich bin jetzt so allein , – Sie fehlen mir an jeder Stelle , ich schreibe also , wie ich schreiben würde , wären Sie in Ihrem Stift , oder wie ich Ihnen gegenüber sprechen würde .
Mit dem Letztern ist es indeß doch etwas anders .
Es schreibt niemand wie er redet ;
schon deshalb nicht , weil das Alleinsprechen eine weit besonnenere Verbindung der Sätze , ja , eine consequentere Gedanken-und Wortfolge heischt , als die mündliche Mittheilung , welche unwillkührlicher und schöpferischer ihre lose Fäden auf gut Glück auswirft , und ein Ganzes , mehr durch die Harmonie des Zusammenklingens , als durch Entwickelung und Abrundung des Einzelnen hervorbringt .
Mein Gott !
Sophie , wie gelehrt klingt das !
– Ich glaube , das Alleinsein taugt mir nicht .
Ich werde eine ganz andere Person .
So grübelnd und motivirend .
Versicherte mich der Arzt nicht , ich sei gesund , so würde ich mich krank glauben .
Es ist mir viel schwerer als sonst .
Man sagt von gewissen Gegenden und Orten , sie hätten Einfluß auf die Gemüthsstimmung .
Fast möchte ich denken , das Plätzchen unten am See , in dem melancholischen Schatten der Buchen , so voll dunkeln , geheimen Lebens , rege allzu ernste Gedanken in mir auf .
Ich horche Stunden lang auf das sonderbare Rauschen über mir in dem hohen Blätterdach , und sehe die grau gestreiften Wellen in immer tieferm Farbenton zwischen den Bäumen hinfließen , ohne daß ich Lust hätte , andere Gesellschaft , als die der einsamen Natur , aufzusuchen .
So etwas ist mir fremd .
Ich bin nicht für sentimentale Spiele der Einbildungskraft .
Sie entzweien mit der Wirklichkeit .
Auch scheue ich das wehmüthige Dämmerlicht , was sie den Gegenständen zurücklassen .
Und dennoch übt der Platz unwiderstehliche Gewalt über mich aus .
Ich werde ihn meiden müssen .
Mir taugt das allzu tiefe Hineinsehen in die Verknüpfungen des Daseins nicht .
Man sieht doch nur bis auf einen gewissen Punkt , und wird unsicher .
Ueberdies bin ich dort nicht mehr völlig allein .
Ich habe , glaube ich , vergessen , Ihnen zu sagen , daß der Fremde zuweilen hier umher streift .
Entweder er fährt in einem kleinen Kahne pfeilschnell vorüber , oder seine Gestalt erschreckt mich plötzlich zwischen der Umbüschung am Ufer .
Die Eile , mit welcher er sich entfernt , scheint seine unberufene Dazwischenkunft entschuldigen zu sollen , indeß fällt mir die Störung immer unbequem ;
um so mehr , da Georg jedesmal ganz verschüchtert zu mir gelaufen kommt , und mich mit Fragen quält , wer der unartige Mann sei , der so nahe an das Wasser gehe ?
Ob ich denselben auch nie anders als aus einer gewissen Ferne sah , so scheint er mir doch für einen gewöhnlichen Sekretär oder Geschäftsführer eine allzu edle Haltung zu haben , ja , eine zu vornehme Art , die Dinge anzufassen und zu nehmen .
So steht er oft so auf gewisse Weise hoch und gebieterisch , die Arme über einander geschlagen , den Kopf gehoben , in dem Kahn , wenn er diesen , durch ein Paar gewaltsame Ruderschläge , in das Getriebe der Fluth gebracht hat , und ihn nun läßig auf dieser fortschwimmen läßt .
Die Arme liegen auf dem ruhenden Holze , das er wie einen Stab gegen den Boden des Schiffchens gestemmt , aufwärts hält , als gebiete er den Wellen .
Neulich hatte er im Vorüberfahren , auf solche Weise stehend , das Ruder weggeworfen , und die Jagdflinte auf einen Zug Wasservögel angelegt .
Er drückte indeß nicht ab .
Auch sah ich ihn das Gewehr bei Seite legen .
Vielleicht hatte er das Kind bemerkt , und wollte es nicht erschrecken .
Ich nahm bei dieser Gelegenheit indeß wahr , daß er das Weidwerk weder wie ein Laie noch wie ein Mann von Metier trieb , vielmehr den Anstand vornehmer Spielerei dabei entwickelte .
Und trotz alledem , wird es doch wohl mit dem subordinirten Sekretärposten seine Richtigkeit haben .
Er kennt seine Stellung , und sucht mit Leuten gleichen Standes Bekanntschaft zu machen .
Den Tag nach der Beerdigung der Amtmännin kam er spät Abends , der Familie einen Besuch zu machen .
Er trat unerwartet ins Haus , klopfte an die erste beste Thüre , und eilte , als der betrübte Hausherr sein gastliches gesprochen hatte , mit so bekümmerter Miene auf diesen zu , als habe er eine nahe Anverwandtin in der Todten zu beweinen .
Ich bin hier fremd , sagte er , indem er des Amtmanns Hand ergriff , und sie schüttelte , aber ich habe von Ihrem Unglück gehört und kann Ihnen meine Theilnahme nicht länger verbergen .
Er schwieg darauf , ohne weiter etwas über sich , seinen Namen , Stand und Aufenthalt hinzuzusetzen .
Der Amtmann bat ihn , niederzusitzen .
Er lehnte es höflich ab .
Seine Augen suchten die Kinder .
Der älteste Knabe war nur gegenwärtig .
Er legte ihm die Hand , mit dem Ausdruck zärtlichen Mitleids auf den krausen Lockenkopf , und sah ihm eine Weile schweigend , aber tief in die Augen .
Gleicht er der Mutter ?
fragte er darauf .
Der Vater schüttelte den Kopf .
Hervorstürzende Thränen hinderten ihn , sogleich Worte zu finden .
hub der Fremde nach einer Weile an .
setzte er hinzu .
Um seine Lippen zuckte es schmerzlich .
Er zog die Hand von des Kindes Stirne zurück , und ging einigemal in sichtbarer Bewegung auf und ab .
Sein ganzes Wesen , wie auffallend auch immer sein Erscheinen sein mochte , drückte tiefsinnigen Ernst und weiches Mitempfinden aus .
Wie er gekommen war , so ging er .
Unvorbereitet , schnell .
Er war fort , ehe man es dachte .
sagte er , leichthin grüßend .
Und damit war er zur Stube hinaus .
Ich weiß dies Alles von unserm Arzt , der unter die Zahl meiner Freunde gehört , und mich oft besucht .
Er war bei dem seltsamen Auftritte zugegen , und konnte mir den Unbekannten nicht interessant genug beschreiben .
Sophie , das Prädicat als Sekretär thut ihm doch einigen Schaden bei mir .
Dies klingt schlimmer als es ist .
Denn , wahr bleibt es einmal , was hat man von der Nachbarschaft eines Menschen , der nie zu unserer Gesellschaft gehören wird .
So lieb mir der Arzt ist , so fatal wird mir ein gewisser lauter und roher Justizrath , der mit Eduard Geschäfte hat , und mich sehr langweilt .
Der Mensch giebt so viel zu verstehen , und plaudert so gern aus der Schule , daß ich ihm , fast wider meinen Willen , aus dem Wege gehen muß , um nur keinen Antheil an einer Indiscretion zu haben , die Eduard weder ihm noch mir verzeihen würde .
Gewiß aber ist es , er hat die Hände mit im Spiele , was auf des Comthurs Heerde geschmiedet wird .
Nun werde ich bald mehr erfahren .
Die Gräfin kommt mit ihrer Familie aus dem Bade zurück , und bezieht noch für die Sommermonate ihren Landsitz .
Die gewandte Frau weiß sicher in vier und zwanzig Stunden mehr von dem , was hier vorgeht , als wir in einem halben Jahre .
Hugo an Heinrich Hugo an Heinrich Ich bin hier im Schlosse des Oheims .
Das erschöpft eigentlich alles , was ich Dir Interessantes von meinen gegenwärtigen Verhältnissen sagen kann , lieber Heinrich , denn es liegt zugleich die Feststellung eines dieser Verhältnisse überhaupt darin .
Da es nun einmal dahin gekommen ist , so mag es darum sein .
Mir lag niemals sonderlich viel daran .
Ich hätte mir auch so durchgeholfen , und wäre freier geblieben .
Der alte Herr ist ein wunderlicher Heiliger .
Er steckt so voll Vorurtheilen und verbrauchter Ansichten , daß es schwer hält , bis zu dem eigentlichen Kern in ihn zu dringen .
Dieser ist gut , so viel ich davon entdecken konnte ;
aber die kleinen Poliermesser moralischer Spitzfindigkeiten haben auch schon erschrecklich daran genagt .
Glaubst Du , daß ihm sein früheres Verfahren leid ist ?
Ganz im Gegentheil !
Er thut sich etwas darauf zu gut .
Sieh , solch ein Sclave ist das Gewissen !
Es trägt die Livree jeder modernen Grille , die den augenblicklichen Herrn über unsere gesunden Gefühle spielt !
Uebrigens , einmal so ausstaffirt von der Zeit , in der ihm seine Rolle überkam , nimmt sich der Comthur in dem steifen Prunk vornehmer Grundsätze weder lächerlich noch dürftig aus .
Er imponirt und zieht , wegen der unverkennbaren Wahrheit einer zweiten , angebildeten und angewöhnten Natur , wie ein Räthsel , aus dem man klug werden möchte , jedweden an .
Was würde deine psychologische Spurkraft hier nicht alles von Originalität und bizarren Elementar-Mischungen träumen .
Ich , für meinen Theil , hege einen andern Glauben .
Originell ist in solchem Wirrwarr nichts .
Das sind unverdaute Brocken schlecht gehandhabter Weisheit , die das Leben so lange beschweren , bis dieses sie wieder auswirft .
Grundsätze sind nur dann originell , wenn sie durch starke , eigenthümlich herrschende Gefühle erzeugt , eine Rechtfertigung derselben werden .
Was die ganze übrige Welt verwirft , findet in der anders gestellten Ueberzeugung Schutz , und deshalb wird diese so trotzig und unbeugsam .
Wenn die sturmgepeitschten Wogen das Schiff krachend gegen ein Eiland werfen , so betrachtet sich die gerettete Mannschaft als Herr des gleichsam eroberten Bodens , und gründet nach eigenen Gesetzen ein neues Reich , eine neue Heimath , welcher Noth und Willkühr den Zauber der ursprünglichen leihen müssen .
Ohne Umsprung des Geschicks , ohne Gewitter der Leidenschaft , zerfällt Niemand mit der Ordnung der Natur .
Aus diesem Quell entspringen aber nur sehr selten Abweichungen .
Es giebt so selten starke Gefühle , wie starke Menschen .
Das Geschick der Meisten gleicht sich auf ein Haar .
Dadurch kommt nichts Neues in das Leben .
Es ist immer das Alte , das nur dann überrascht , wenn es um ein Jahrzehend zurück , den vergessenen Rock zwischen einem modernen Costüm blicken läßt .
Da ist es alt !
Der arme Comthur ist übrigens in den verwachsenen Kleidern auch nicht auf Rosen gegangen .
Es ist nicht leicht , das Unnatürliche mit sich selbst in Uebereinstimmung zu bringen .
Der Mann weiß heute zur Stunde noch nicht , was er auch sagen mag , ob er recht oder unrecht daran gethan hat , den Bruder aus der väterlichen Erbfolge auszuschließen .
An einem Februartag war Michael vom Rhein zurückgekehrt .
Er war in sein Atelier hinaufgestiegen , ohne seine Gattin begrüßt zu haben .
Er wollte zuerst von seinem erfahren , ob während seiner Abwesenheit sich etwas Bemerkenswerthes zugetragen .
Hellbach theilte ihm Allerlei aus dem Kunst- und Künstlerleben der letzten Monate mit und erwähnte auch nebenher , daß jetzt viel in Gesellschaft gehe , die sie vermuthlich als Lethetrank benutze , um zu vergessen , was hinter ihr oder vielmehr vor ihr läge – die Scheidung .
Michael fragte , ob sie sehr deprimirt wäre ?
Sie würde es vielleicht mehr sein , meinte Lorenz , wenn sie nicht eine Jugendfreundin gefunden hätte , mit der sie täglich zusammenhocke , übrigens , ein reizendes Geschöpf , diese Wiedergefundene , wenn er ihre Bekanntschaft machen wolle , sie sei gerade unten im Salon .
Michael beschloß , sogleich hinunterzugehen , weniger der reizenden Freundin wegen , als weil es ihm angenehm war , seine Frau , die er doch einmal begrüßen mußte , in Gegenwart eines Dritten wiederzusehen .
Er öffnete die Thür des Salons .
Sein erster Blick traf Dörthe .
Fassungslos blieb er auf der Schwelle stehen .
Käthes ganzes Herz flog ihm entgegen .
Zitternd , stockend brachte sie ein Wort des Willkommens über ihre Lippen , das er nicht beachtete .
Er starrte nur immer auf Dörthe .
Auch sie hatte bei seinem Eintritt die Farbe gewechselt , aber schnell ihre Geistesgegenwart wiedergewonnen .
wandte sie sich an die junge Frau , fuhr sie mit verbindlichem Lächeln fort , Und sie fing an , das Bild in allen Tonarten zu loben .
Sie wollte ihm durch ihre Rede Zeit geben , sich zu fassen , und zugleich wollte sie Oel in die Wogen seines Zornes gießen .
Sie erreichte ihren Zweck , er stotterte einige Worte des Erstaunens , sie bei seiner Frau zu finden .
sagte Dörthe entschlossen .
Michael starrte von Dörthe zu Käthe .
Seine Lippen zuckten .
Der Blick , der Dörthe traf , war so wild , daß Käthe erschrak .
sagte sie schüchtern .
Käthe suchte ihn zu beschwichtigen .
Dörthe , die fürchtete , daß Michael die Herrschaft über sich verlieren könnte , fügte schnell hinzu :
Sie drückte , wie um sich einen moralischen Halt zu geben , Käthes Kopf an ihre Brust .
Und sich wieder zu Michael wendend :
Michael starrte sie sprachlos an , zwischen Wuth und Lachen schwankend .
Dörthe wies neckisch mit dem Finger auf ihn .
Michael fühlte sich in einer lächerlichen Position .
Er wollte das Zimmer verlassen .
Sie ließ den Kopf auf die Brust sinken und sah ihn von unten herauf melancholisch an .
Er trat rasch auf sie zu .
Seine Augen flammten in die ihren .
Und sie erhob die Hand wie zum Schwur .
– – Kurz und geringschätzig unterbrach er sie :
Er wandte sich der Thür zu , als wolle er sie ihr öffnen .
Sie erhob sich aber und drappirte sich mit ihrem Shawl .
Und ohne eine Antwort abzuwarten , und ihn halb schelmisch , halb sentimental anblinzelnd , fuhr sie fort :
Käthe hing an ihrem Halse .
murmelte sie mit dumpfem Pathos .
Und mit einer heroinenhaften Geberde , an der die Ohren wider ihren Willem participirten , verschwand sie von der Bildfläche , nicht ohne Michael mit einem schielend verliebten Seitenblick gestreift zu haben .
Käthe begleitete sie hinaus .
, dachte Michael .
Er mußte laut lachen .
Käthe trat wieder ein .
Er fuhr sie hart an .
– – Er ist so betroffen von ihrem Ton , daß er weniger heftig und sicher entgegnet :
Eine dunkle Röthe ergoß sich über Michaels Gesicht .
Ohne ein weiteres Wort verließ er das Zimmer .
Käthes ganzes Wesen hatte sich beim ersten Anblick Michaels gegen den frivolen Plan , den Dörthe ihr suggerirt , empört , jetzt aber drängte sein brüskes und despotisches Auftreten , seine Härte gegen die Freundin ihre feinere Einsicht zurück .
Ja , sie will thun , voll und ganz , was Dörthe ihr gerathen .
Auf's Höchste verstimmt stieg Michael in sein Atelier hinauf .
Er nahm den Pinsel zur Hand und wollte gleich frischweg malen , um seine Stimmung zu klären .
Was bedeutete denn das ?
Dorette , die ihn rasend liebt , giebt ihm den Abschied .
Und Käthe ?
als er abreiste , in heller Verzweiflung und jetzt so gleichmüthig .
Ach was !
er würde Beide entbehren können .
Nach einer Weile warf er den Pinsel fort .
Nein , er würde Dorette nicht entbehren können .
Er saß eine Weile in sich versunken , und Dorette in ihrem ganzen Charm , mit all ihren entzückenden Drollerien und ihrer schmeichelnd katzenwilden Zärtlichkeit , beschäftigte seine Phantasie .
Unmöglich , daß sie ihm den Stuhl vor die Thür setzte , und warum ?
Um Käthes willen ?
Dorette , die in Ethik macht !
Er lacht gezwungen auf .
Nein , Eifersucht ist der Grund , Eifersucht auf Käthe , die sie anders gefunden , als er sie geschildert .
Und plötzlich kommt ihm zum Bewußtsein , daß Käthe in der That anders ausgesehen als sonst , und auch das Zimmer .
Was es für eine Veränderung war , weiß er nicht , weil seine ganze Aufmerksamkeit sich auf Dorette concentrirt hatte .
Diese Frechheit , in sein Haus zu kommen !
Er beschwichtigt sich damit , daß es aus unsinniger Liebe zu ihm geschehen sei .
Diese Vorstellung erheitert ihn sogar schließlich .
Wie hatte er nur einen Augenblick an Dorettes Ernst glauben können ?
Der Schelm hatte mit ihm eine ihrer beliebten Komödien aufgeführt .
Ein Wort , eine Liebkosung von ihm – und in den Armen lägen sich Beide .
Er warf sich in eine Droschke und fuhr zu ihr .
Sie war ausgezogen , erst vor einigen Tagen , man wußte nicht , wohin .
Er gerieth in heftige Erregung .
In seiner Unruhe besuchte er die Ateliers einiger Collegen .
Wo er hinkam , schwärmte man von seiner Frau , zog ihn auf als Othello , der seine arme Desdemona versteckt gehalten u.s.w. Verstimmter als er fortgegangen , kehrte er nach Hause zurück .
Und dieser unangenehme Vorfall ließ nicht einmal das Glücksgefühl über seine bevorstehende Freiheit in ihm aufkommen .
Dörthe war ja ein Hauptfactor gewesen in seinen Zukunftsplänen .
Am nächsten Tage ließ Käthe anfragen , ob er nicht zu Hause speisen wolle , die Eltern hätten ein Reh geschickt .
Er kam dieser Aufforderung gern nach .
Das Reden über seine Gattin , der vage Eindruck von etwas Fremdem , Unbekanntem , den er am Tage vorher empfangen , reizten seine Neugierde .
Käthe kam ihm im Speisezimmer mit anmuthiger Heiterkeit entgegen .
Der Tisch war wie zu einem kleinen Fest arrangirt ;
eine Schale mit Blumen in der Mitte , ein zierliches Service , das er nicht kannte , die Speisen ausgezeichnet zubereitet .
Sie sprach gleich ganz unbefangen mit ihm von ihrer Scheidung und meinte , es sei doch nicht nöthig , daß einer Trennung immer eine Verbitterung vorangehe .
Wenn er dächte wie sie , so gingen sie freundlich auseinander .
Von ihrer Seite wäre auch etwas Eitelkeit dabei .
Sie möchte nicht , daß er später gehässig ihrer gedächte .
Er antwortete irgend etwas Zustimmendes und betrachtete dabei Käthe ganz verwundert .
Die schwere schwarze Flechte im Nacken war mit einem Pfeil zusammengehalten .
Hinter dem Ohr stahlen sich ein paar verirrte Löckchen über den feinen Hals .
Sie trug das graugrüne Sammtkleid mit der Goldspitze .
Ein zarter rosiger Schimmer war auf ihren Wangen .
Ja , sie war eine völlig Andere geworden , in der Erscheinung und im Wesen .
Er sagte es ihr .
Sie antwortete lächelnd , daß ihr nichts Anderes übrig geblieben wäre , als sich zu verändern ;
bis jetzt wäre sie nur seine Gattin gewesen , nichts weiter , und sie hätte auch nichts weiter sein wollen .
In wenigen Monaten nun würde sie auf sich selbst angewiesen sein , da brauche sie die Andern .
Schon um ihres Kindes willen dürfe sie sich nicht dem Trübsinn hingeben .
Er meinte , sie habe dabei eine bewunderungswürdige Eile an den Tag gelegt .
Die Eile wäre nöthig gewesen , sie hätte sich eine Stellung erobern müssen , bevor man von ihrer Scheidung Kenntniß erhalten .
Er kenne ja die Welt .
Später hätte sie Zurückweisungen riskirt .
Michael begriff noch immer nicht , wie ein Mensch so aus seiner Haut fahren könne , selbst wenn er es wolle .
Es zuckte wie von wehmüthigem Spott um ihre Lippen :
Geschwindigkeit sei keine Hexerei .
schwarzes Haar wurde bekanntlich in einer Nacht weiß – vor Gram , ihr weißes Herz in vier Monaten schwarz , oder wenigstens schwärzlich , auch vor – sie unterbrach sich und fiel in den heiteren Ton zurück .
Dörthe freilich , die behauptete , es sei in ihr nur aufgethaut , was eingefroren war .
Sie fragte ihn zwischendurch , ob er das Reh nicht zart fände , und forderte ihn auf , von dem ausgezeich neten Orangengelée zu nehmen .
Sie bediente ihn auf's Aufmerksamste und führte die Conversation mit ruhiger Liebenswürdigkeit .
Michaels Erstaunen wuchs , als er in den Salon trat , wo Käthe den Kaffee servirte .
Am Tage vorher war er zu aufgeregt gewesen , um dem Raume irgend welche Aufmerksamkeit zu schenken .
Hellbachs Bilder , die gemalten Fenster , all diese gedämpften und doch intensiv wirkenden Farbentöne schmeichelten seiner Farbenlüsternheit .
Er stand eine Weile vor der Wandmalerei , die ihm ausnehmend gefiel , besonders das einsame Weib an der Brücke .
Der traurige Ton , in dem sie es sagte , war ihm peinlich .
Sie hatte sich , nachdem sie ihm den Kaffee gereicht , in den pfirsichfarbenen Fauteuil geschmiegt .
Der flackernde Schein vom Kamin her streifte ihr Haar und tauchte es in kupferfarbene zarte Gluth .
Sie hatte gelernt , fein zu fragen , und ließ ihn seine künstlerischen und persönlichen Eindrücke und Erlebnisse vom Rhein her erzählen , und wie Jeder sich behaglich fühlt , wenn er von dem , was ihn bewegt und interessirt , vor einem aufmerksamen Hörer reden darf , so kam auch Michael in die beste Laune und war ärgerlich , als sie durch einen Besuch unterbrochen wurden .
Oben in seinem Atelier dachte er wieder an Hellbachs Bild , und unwillkürlich indentificirte er das Weib auf dem Bilde mit Käthe , und Käthes trauriger Blick verfolgte ihn .
Mitleid regte sich in ihm .
Ob Lorenz das Bild gemalt hatte als eine Mahnung für ihn ?
Als ihn aber der Gedanke streifte , daß die Scheidung noch nicht eingeleitet , also nicht unwiderruflich sei , wies er ihn zurück .
Thöricht , unmännlich wäre es , einer Regung des Mitleids nachzugeben .
Das , was er beschlossen , sollte geschehen .
Um fest zu bleiben , ließ er sich einige Tage im Salon nicht sehen , litt aber unter der Einsamkeit .
Als er endlich Dorettes neue Wohnung ausgekundschaftet , traf er sie auch dort nicht mehr an .
Sie war endgiltig für ihn verloren .
Er brachte in Erfahrung , daß sie mit einem russischen Nabob das Weite gesucht .
Die Verworfenheit dieses Mädchens , an deren Liebe er geglaubt , empörte ihn .
Er that der guten Dörthe Unrecht .
Sie hatte mit dieser Excursion nach Rußland ihrer Käthe abermals ein Opfer gebracht .
Sie liebte Michael , so sehr sie zu lieben fähig war , und wußte , ihn wiedersehen hieße ihm wieder gehören , und darum war sie sehr contre coeur die Ehe à gauche mit dem Nabob eingegangen .
An Käthe hatte sie einen drollig wehmüthigen Abschiedsbrief geschrieben mit lauter falschen Citaten .
Ja , Michael fühlte sich vereinsamt .
Seine feurige Natur verlangte nach dem Weibe .
Seit Dorette ihn so schmählich im Stich gelassen , grollte er der Kategorie von Frauen , zu der sie gehörte .
Von den Damen der Gesellschaft waren diejenigen , die ihm gefielen , auf legale oder unlegale Weise versorgt .
Auch scheute er das Anknüpfen einer neuen Liaison mit all dem umständlichen , zeitraubenden und nervenabspannenden Apparat von Heimlichkeiten , Rendezvous etc. , denn nichts fehlte ihm jetzt mehr , nach der langen Abwesenheit , als Zeit .
Darum wollte er auch künftig zu Hause speisen .
Er ließ es Käthe wissen .
Sie bedauerte , ihm in den nächsten Tagen nicht Gesellschaft leisten zu können , da sie ausgebeten sei , und als er auf ihre Pflicht als Gattin und Hausfrau hindeutete , antwortete sie nicht ohne Schelmerei , sie hinge ja kaum noch mit einem Faden an der Ehe , sie würde aber dafür sorgen , daß er die Hausfrau nicht vermisse .
Uebrigens müsse er es ihr hoch anrechnen , daß sie sich ihm jetzt schon so viel wie möglich aus dem Wege räume .
Das thue er auch .
Und er werde , wie sie es zu wünschen scheine , die Scheidungsangelegenheit beschleunigen .
Er machte sich auch wirklich auf den Weg zum Rechtsanwalt , stieg aber unterwegs in das Atelier eines Freundes hinauf und vergaß – so glaubte er selbst wenigstens – den Rechtsanwalt .
Herr und wurden jetzt gemeinschaftlich eingeladen , und er sah seine Gattin mehr in Gesellschaft als zu Hause .
Begab er sich zuweilen gegen Abend unter irgend einem Vorwand in ihren Salon , so traf er dort meist schon Hellbach installirt .
Bei dem Geplauder am Kamin fühlte er sich im Nachtheil .
Alles Abstracte war ihm antipathisch , und aus einer Art Groll und Opposition warf er unverständige Paradoxen in's Gespräch .
Er ärgerte sich über Hellbachs Gewandtheit und hatte die vage Empfindung , daß Hellbach spräche , um Käthe zu erobern und ihn in den Schatten zu stellen .
sagte Michael einmal nach einer solchen Plauderstunde zu Lorenz .
antwortete Hellbach .
fuhr Michael auf .
Mit der Zeit überredete er sich selbst , daß die Idee der Trennung nichts als ein Ausbruch seines Zornes gewesen sei .
Wie kindisch , trotzig von Käthe , daß sie ihn gleich beim Wort nahm .
Gott ja !
er wollte ja die Sache zurücknehmen , nur mußte sie ihm doch etwas entgegenkommen !
Sie etwa um Verzeihung bitten ?
Das fehlte !
O , diese Weiber !
alle Sphinxe mit ihren langweiligen Räthseln .
Als ob ein Mann wie er Zeit und Lust hätte , Räthsel zu rathen .
Auf das Einfachste kam sie nicht :
ihm um den Hals zu fallen .
Damit wäre die ganze lästige Scheidungsfrage erledigt gewesen .
Oft , wenn man an seine Atelierthür klopfte , rief er mit halb erstickter Stimme :
in der Erwartung , daß sie es sein würde .
Allmählich trat Käthe in seinen Gedanken an Dorettes Stelle .
Wie merkwürdig sie sich entwickelt hatte .
Selbst ein respectables Kunstverständniß war ihr aufgegangen .
Hatte sie doch neulich von seiner Sirene gesagt :
sie sei ein Bild , wie eine Illustration zu dem Schöpferruf :
Es werde Licht .
Zweifellos , Käthe war eine der hübschesten und pikantesten Frauen , und sie war seine Frau , und sie sollte es bleiben .
Er suchte sie nicht mehr zu vermeiden .
Im Gegentheil , in Gesellschaften hielt er sich mit Vorliebe in dem Raume auf , in dem sie sich befand .
Er wußte es so einzurichten , daß er bei Tische einen Platz ihr gegenüber erhielt , und wenn er dann in der Unterhaltung lebhaft und warm wurde , hatte es den Anschein , als spräche er nur für sie .
Er zeigte sich unruhig , launenhaft .
Begegnete sie seinen Blicken , so las sie darin entweder Bewunderung und Wunsch , oder einen verhaltenen Zorn , der ihrer Koketterie galt .
Einmal brach er plötzlich zu einer frühen Stunde in einer Gesellschaft auf , so daß sie im besten Amüsement gezwungen war , ihm zu folgen .
Zuweilen , wenn er Abends in ihren Salon trat , um sie zu einer Gesellschaft abzuholen , machte er diese oder jene kleine Ausstellung an ihrer Toilette .
Er galt für ein Schneidergenie , und die elegantesten Damen holten sich in Toilettenangelegenheiten bei ihm Rath .
Er bat Käthe dann um Erlaubniß , kleine Mängel an ihrem Costüm corrigiren zu dürfen ;
er steckte etwa einen Aermel , der zu lang war , in die Höhe , gab einer Faltengruppe einen graziöseren Wurf , einer Spitze eine künstlerisch freiere Bewegung .
Berührte er dabei ihren Arm , ihre Schulter , so überwand er mühsam das Verlangen , sie in seine Arme zu schließen , und war selbst erstaunt und gereizt darüber , daß er es nicht that .
Einmal , in einer Wallung sinnlich zorniger Ungeduld hatte er sie halb absichtlich mit einer Stecknadel , die er in der Hand hielt , in die Schulter gestochen und eine Art grausamer Befriedigung empfunden , als ein kleiner Tropfen Blut herausquoll .
Sie zuckte nicht und gab sich den Anschein , den Stich nicht zu bemerken .
fuhr er sie an , Warum es etwas Anderes war , die Erklärung blieb er ihr schuldig .
Käthe beobachtete Michael gespannt .
Wie alle einfachen Naturen , die aus einem Stück sind , war er leicht zu durchschauen .
Dörthes dringende Warnung , sich jedes kleinsten Zeichens von Zärtlichkeit oder Kummer Michael gegenüber zu enthalten , beherzigte sie und war nun selbst überrascht von dem Erfolg dieser Taktik .
Es war fast , als ginge etwas von der Kühle , mit der sie ihn behandelte , in ihre Empfindung über .
Er meinte , sie sei kalt und zurückhaltend aus Stolz und ahne nicht , was in ihm vorgehe .
Sie ahnte es aber nicht nur , sie wußte es ganz genau .
Eines Abends hatte Michael , als wäre das etwas ganz Einfaches und Natürliches , drei Billets zu Tristan und Isolde besorgt .
Das eine derselben war für Hellbach bestimmt .
Er schien nicht zu bemerken , daß Käthe darüber verwundert war .
In dem instinctiven Bedürfniß , sich einen Bundesgenossen zu verschaffen , war er auf Wagner'sche Musik verfallen .
In der That , schon im ersten Act vibrirte Käthes Nervenseele .
Sie gab sich ganz der Empfindung eines süßen Verlierens im Weltenraum hin , jenem vagen Entzücken einer vagabondirenden Psyche , die schrankenlos in seligem Aether schwebt .
In der langen Zwischenpause der Oper begaben sich die Drei in den eleganten Restaurationsraum , um eine Erfrischung einzunehmen .
Anfangs ließ die tiefe seelische Erregung kein Gespräch aufkommen , und schweigend nippten sie von dem Rheinwein , bis Hellbach schließlich den Zauberbann abzuschütteln versuchte .
Er hob das gefüllte Glas gegen das Licht , daß das flüssige Gold des Weines darin auffunkelte , und behauptete , daß nicht nur im Rausch des Weines Wahrheit sei , auch im Rausch der Seele , den man sich an Musik , vor Allem an Wagner'scher Musik trinke .
In dithyrambischen Seelenstimmungen reiße uns die Wahrhaftigkeit , die elementare Kraft unserer Natur unaufhaltsam über alle Schranken hinweg – – Er hielt inne .
Käthe sah ihn gespannt an .
fragte Michael .
rief ihm Michael spöttisch zu , Michaels Spott verdroß Käthe .
Bekannte traten zu ihnen heran , und das Gespräch war unterbrochen .
Michael fuhr mit Käthe in einer offenen Droschke , in der milden Märznacht , nach Hause .
Ihre Blicke hingen am gestirnten Himmel , die seinen an ihrem Antlitz .
In Beiden klang die Stimmung von Tristan und Isolde nach .
Sie sah nicht zu ihm auf .
Seine Stimme bebte , als er fortfuhr :
Er wartete auf eine Antwort , einen Blick , – nichts .
hob er noch einmal an , fast heftig , mit aufsteigendem Zorn darüber , daß sie nicht zu fühlen schien , welche Ueberwindung ihm sein Entgegenkommen kostete , antwortete sie endlich , noch immer den Blick nach oben gerichtet , mit einer Müdigkeit im Ton , wie Jemand , der sich ungern in ein Gespräch einläßt .
Der ruhige Gleichmuth , mit dem sie sprach , reizte ihn .
sagte er hart , Daß sie bei jeder Veranlassung auf die Scheidung zurückkam , machte ihn rasend .
fügte sie mit Malice hinzu , Er ließ die Droschke halten und sprang hinaus .
Nun erschrak Käthe doch .
Warum hatte sie nicht genug sein lassen des grausamen Spiels , ja – warum nicht ?
Weil er den falschen Moment gewählt ?
weil er sie aus so schönen Träumen gerüttelt ?
Wovon hatte sie nur geträumt ?
von Tristan und Isolde ?
oder – von etwas Aehnlichem .
Am anderen Morgen packte Michael seinen Koffer , um zu verreisen .
Er verschob die Abreise von einem Zuge zum andern , und einige Tage später packte er den Koffer wieder aus .
An , dem Käthe vor einem halben Jahre geschrieben , dachte sie kaum noch .
Sie hielt es für das Wahrscheinlichste , daß der Brief gar nicht in seine Hände gelangt sei .
Was war das auch für ein excentrischer , unerhört selbstsüchtiger Einfall , zu verlangen , daß ein Mensch , um ihr zu helfen , ihr einen Rath zu geben , die Reise um die halbe Welt machen sollte .
Daß sie ihm geschrieben , er solle sie zu sich holen , diesen Schmerzensruf einer momentanen Verzweiflung hatte sie factisch vergessen .
Käthes Brief aber war in Hände gelangt .
An einem Märztage erhielt sie eine Depesche von Southampton , die ihr seine Ankunft für den zweitnächsten Tag meldete .
Für diesen Tag gerade hatte Käthe eine Gesellschaft eingeladen .
Das war fatal !
Eine große nervöse Aufregung bemächtigte sich ihrer .
Sie wartete den ganzen Tag auf ihn .
Am Abend , als sie eben ihre Gesellschaftstoilette beendet hatte , kam er .
Mit einem Gemisch von Schreck , Freude und Verwirrung stürzte sie ihm zwischen Lachen und Weinen in die Arme .
Er strich ihr das Haar aus der Stirn und blickte ihr unverwandt , mit unaussprechlicher Zärtlichkeit in die Augen .
Als dann auch Käthe ihm prüfend in's Gesicht sah , fand sie , daß er jünger geworden war , auch größer und stärker schien er ihr als früher .
Sein sonst farbloses Gesicht war gebräunt , was einen eigenthümlichen Contrast zu den hellen Augen bildete , die wie ein Licht auf dunklem Hintergrund wirkten .
Sein starkes , lockiges Haar , das er ziemlich lang trug , war leicht ergraut .
Eigenthümlich war , daß in der Bildung und im Ausdruck seines Gesichtes das entschieden Männliche fehlte .
Der Kopf hätte fast auch ein weiblicher sein können .
Zum Theil mochte es an seiner Bartlosigkeit liegen , zum andern Theil aber daran , daß vor dem Gepräge des reinen , schönen Menschenthums in dieser Physiognomie , das Geschlecht als Nebensächliches zurücktrat .
Käthe fuhr spielend mit den Fingern durch sein Haar , und an ihn geschmiegt , bat sie , er solle nicht böse sein , daß sie ein so immensens Opfer von ihm verlangt hatte .
sagte er lächelnd .
er hielt inne , jetzt erst bemerkend , wie schön sie geschmückt war .
Sie trug ein lichtrosa Tuchkleid , am Saum und am Ausschnitt mit einer breiten Silberborte garnirt .
Ihr Haar , hinten leicht aufgesteckt , fiel in freiem Gelock über die Schulter .
Wie reizend sie war .
Ob seinetwegen ?
Es war , als erröthe er , so warm war der Schein , der über sein Gesicht flog .
Unwillkürlich wich Käthe seinen Blicken aus .
Er wundere sich gewiß , er hätte natürlich gedacht , sie ganz anders zu finden .
Später solle er Alles erfahren .
Zu dumm , daß sie gerade heute Gesellschaft erwarte .
– Ein Schatten löschte das Licht aus seinen Zügen .
Sie würde aber so unliebenswürdig sein , daß all' die lästigen Menschen bald wieder fortgingen , und dann hätte sie ihn , den einzigen lieben ganz für sich allein .
Er bliebe doch gleich da , den ganzen Abend über ?
Nein , er könne nicht bleiben , er müsse erst noch , seines Gepäcks wegen , in's Hotel zurück , später käme er wieder , vielleicht wären dann die Gäste schon fort .
Käthe fühlte , daß sie ihm gleich etwas Aufklären des sagen müsse , und immer noch zögerte sie , und erst , als die Klingel ertönte , die den ersten Gast ankündigte , theilte sie ihm in hastiger , überstürzter Weise mit , was zwischen ihr und ihrem Gatten vorgefallen , und wie ganz und gar verzweifelt sie gewesen , als sie den Brief an ihn geschrieben .
Und während sie von ihrer Verzweiflung sprach , stand sie vor dem Spiegel und ordnete ihre verschobene Frisur .
Michael trat ein , um sie in das Gesellschaftzimmer zu rufen .
sagte sie , zu Michael gewendet , Sie ging , die Gäste zu empfangen .
Die Männer drückten sich die Hände .
Michael bot seine ganze Liebenswürdigkeit auf , um einen günstigen Eindruck auf den Mann zu machen , von dem er hoffte , daß er Käthe zu seinen Gunsten beeinflussen würde , und er bat ihn so aufrichtig herzlich , gleich dazubleiben , daß Carl nach einigem Zögern nachgab .
Gäste traten jetzt in den kleinen Salon , Michael begrüßte sie , und Carl zog sich in einen Erker zurück , der halb von einem Vorhang verdeckt war , und als bald darauf auch Käthe in dem Salon erschien , hefteten sich seine Blicke an sie und folgten ihr überall hin .
Was bedeutete das ?
Diese glänzende , kokettirende Weltdame – sein Käthchen ?
Das die unglückliche , verzweifelte Gattin !
Er sann darüber nach und glaubte bald die Lösung des Räthsels gefunden zu haben .
Sie hatte sich mit ihrem Gatten ausgesöhnt .
So würde es sein .
Er nickte resignirt mit dem Kopfe .
Und doch – warum dieses fremde , kokette Wesen ?
Käthe saß jetzt in dem pfirsichfarbenen Fauteuil , das Köpfchen seitwärts in den Sammt geschmiegt , das Gesicht halb von einem Fächer versteckt , die zierlichen Füße in rosaseidenen Strümpfen etwas von sich gestreckt , und sie lachte und scherzte .
Um Michael schien sich Käthe nicht zu kümmern , er aber bekümmerte sich augenscheinlich um sie .
Ab und zu trat er zu ihr heran , machte sie auf dieses und jenes aufmerksam , und das geschah jedesmal in einem Moment , wo sie einer übermüthigen Laune die Zügel schießen ließ .
Einmal bemerkte Carl an seinen Gesten , daß er sie auf eine ältliche Dame hinwies , die verlassen in einer Sophaecke saß .
Sie nickte freundlich , winkte einen Herrn heran – es war Hellbach – und flüsterte ihm etwas zu .
Der Herr begab sich zu der älteren Dame und unterhielt sich längere Zeit mit ihr .
Dann kehrte er zu Käthe zurück , die ihn mit einem Dankesblick empfing .
Er setzte sich auf ein Tabouret und sprach lebhaft in sie hinein .
Carl bemerkte , daß sie jetzt , während sie vorher selbst die Unterhaltung geführt hatte , schwieg und zu lauschen schien .
Sie sah den Herrn nicht an , sie spielte nur langsam und geräuschlos mit dem Fächer .
XI. Marius sah es ;
man mußte ihn allein lassen .
Er war in Frösten und in Fiebern , ohne Besinnung .
Wie einen herben und giftigen Schnaps hatte er es in der Kehle , der versengte .
Davon krochen ihm Dämpfe durch den Schlund , daß er immerfort schluckte .
Und wenn er nachdachte , sich betrachtete und sein Elend gewahrte , dann mußte er weinen vor Mitleid mit sich selber , stundenlang weinen , nichts als immer nur weinen .
An den Stimmbändern zog es schwer .
Wenn er wanderte , weit , weit wollte er's verbergen .
Was sonst wohl die Leute dächten auf der Straße :
ein weinender Mann !
Aber es war gewaltiger , und es war ihm alles gleich .
Und es blieb immer bloß Schmerz .
Anfangs hatte er gehofft , es würde sich in Kunst umsetzen und ihm einen Ruck auf ein neues Bild geben .
Aber es gestaltete sich nichts :
es blieb gemeines Weh .
Hundertmal sagte er sich , über die hundert Mal jeden Morgen , jeden Abend :
es ist ja nicht möglich !
Hundertmal lauschte er , bei jedem Tritte , stürzte ans Fenster , rannte nach dem Hofe .
Es war sicher nur ein wüster , lächerlicher Traum , der ihn äffte , wie sie aus falschen Tränken kommen .
Nein , nein , es konnte ja nicht , es konnte ja nimmermehr sein !
Wie sollte er denn sonst noch leben ?
Und dann wieder hielt er inne und klammerte sich an das Denken .
Er stellte es sich deutlich vor und formte Schlüsse , um sich das richtige Gefühl zu beweisen , welches den Ereignissen entsprach .
Das wollte er dann annehmen .
Nicht blind und urteilslos das nächstbeste , welches sich gerade zufällig ins Bewußtsein verirrte .
Nun hatte er ja , was er begehrte .
Aber ganz genau , buchstäblich , wie er es sich ausgedacht hatte , mit so zuverlässiger Logik – den ganzen Wunschzettel , Punkt für Punkt .
Seine Sehnsucht war eingetroffen , jede Forderung erfüllte sich , kein Jota fehlte .
Und ohne daß es ihm nötig war , irgend was dazu zu thun ;
alles machte sich wunderschön von selber .
Mehr kann man vom Glücke doch wirklich nicht verlangen .
Er war sie endlich los und definitiv .
Er war wieder frei .
Die Beklemmung wich , das Joch barst , er konnte aufatmen .
Er gehörte wieder sich selber .
Er konnte wieder der Kunst gehören .
Und durch sie , ohne seine Schuld , ohne seine Hilfe , ohne seine Mitwissenschaft , bloß durch sie allein geschah der Bruch , ihn streifte kein Schein .
Niemand durfte ihn anklagen , daß er sie verstoßen hätte ;
er hatte nichts zu verantworten , nichts zu bereuen .
Sie war es , die ihn verließ , mit Vorsatz und in Freiheit .
Das alles war sehr angenehm .
Ganz wie er es in kühnen Hoffnungen ausgedacht .
Er konnte die geschenkte Freiheit ruhigen Gewissens genießen .
Es war nicht möglich , sie zu bedauern , weil es nicht möglich war , sie zu vermeiden .
Und – das auch mußte man beachten , daß sie ihm nicht einen Schöneren oder Jüngeren oder Witzigeren vorzog , sondern ein gemeines Scheusal , weil es reich war , reich .
Das hätte ihn gekränkt , wenn sie ihre Liebe gewechselt hätte , so etwas erniedrigt .
Aber sie verließ ihn ums Geld , bloß ums Geld ;
das brauchte ihn nicht zu verletzen .
So sammelte er die Beläge , daß es für ihn eine große Freude war .
Aber das widerspenstige und verstockte Gefühl wollte nicht gehorchen .
Und wenn er eine Weile nachgedacht hatte , dann mußte er wieder weinen , nur immer weinen .
Er konnte sich nicht helfen .
Er überwand alle Beweise .
Ah , nein – er war sie ja nicht los !
Ihre Augen verließen ihn nicht , zwischen den bleichen , müden Lidern diese großen , verwunderten Augen mit dem weit hinausgestreckten , suchenden Blicke , so still und freudig wie ein heller Wintertag , und der krause Tanz der wirr verschlungenen Löckchen , von geschämigem Blond , in tollen Wirbeln über die schmale Stirn her unter , und das freche , ausgelassene Näschen , das mit dem Gesicht nicht gleichen Schritt halten wollte , sondern eigensinnig , launisch , trotzig seine eigenen Pfade seitwärts trabte – er sah sie ja immerfort
vor sich , überall , was immer er auch begann , in starren , unausweichlichen , unvertreiblichen Scheinen !
Und immerfort , in lockenden , seligen Gesängen , die schwollen , immerfort , neben sich , rings um sich , überall hörte er ohne Laß ihre sanfte , blasse Stimme , als ob über dünnes Silber in langsam träufelnden Tropfen ein klingender Perlenguß rieselte .
Ah , er hatte es ja , blinder und tauber Tölpel , er hatte es ja niemals zuvor gewußt , wie er sie liebte , wie wahnsinnig er sie liebte !
Vernunft nützte gar nichts .
Die wilde Beredsamkeit des Fleisches , in heulenden Tumulten , fegte sie weg .
Und er schrie , aus den Hieben der grinsenden Gier , schrie steil , heiser und schrill nach ihr auf , wie um Beute ein hungriger Wolf ... Umständlich mit philisterlicher Weisheit , Schluß für Schluß , bewies er es sich dann , daß er sie ja gar nicht lieben konnte , denn es wäre thöricht , ohne Grund .
Nein , es war , wie er auch emsig suchte , es war durchaus kein Vorwand zu entdecken , weshalb es möglich sein sollte , daß er sie liebte .
Es fehlte jede Ursache , die Liebe allenfalls erklären möchte .
Sie war nicht schön .
Im Anfang , ja , unter dem Trug der ersten Begierde , da hatte er es sich wohl einbilden mögen .
Aber es bewährte sich nicht .
Es war keine standhafte Schönheit .
Wie einmal Zweifel daran tastete , zerflatterte sie gleich .
Damals , als er ihr Bildnis unternahm , wurde es gewiß .
Es konnte nimmermehr geraten , weil sie keinen besonderen Charakter besaß , sondern nur die gemeine Schablone .
Es wurde immer nur , je treuer er ihr folgte , das Gerippe der Pariserin , , , in das man erst noch eine andere dazu versetzen mußte , aus eigener Schöpfung , wenn es lebendig werden sollte .
Sie hatte nur , was ihr das Milieu bot .
Sie war bloß Form und Rahmen ;
gerade wo sie ihre Schönheit erst beginnen konnte , da hörte sie überhaupt ganz auf .
Er schämte sich , wenn er sie mit den Früheren verglich .
In der Schule hatte er die Lewinsky-Precheisen geliebt , auf der Akademie die Hohenfels .
Das waren wenigstens Profile , und auch – schon das Gefühl , so oft er im Gedränge der steilen Galerien lahmte , daß er es ihnen nur einmal zu sagen brauchte und dann noch ihre Erwiderung zu erlangen , wie ihn da alle Welt beneiden würde , dieses allein schon war was wert , viel .
Und Geist hatte sie auch keinen – das schon gar nicht .
So für den Hausgebrauch allenfalls , was der gemeine Laie nötig hat , um zur Verdauung die stockenden Gespräche einzuölen – und mit zierlichen Neckereien , die nicht rasteten , blinzelte sie einem oft betrügerische Scheine vor .
Aber auf die Dauer konnte sie es nicht verbergen :
die » Câlinerie « des Bouguerreau – da hatte er sie aber ordentlich verhauen – fand sie sehr nett , und sie lachte über Besnard :
sie war stupid .
Und so in allem :
in ihren Launen , ihren Begierden , ihren Neigungen – niemals begegnete sie seinem Wunsche .
Dieser unter allen Träumen vom Glücke , war ihm immer der Liebling gewesen , mit seinem Weibe einmal so intensiv die Liebe zu besprechen , daß es für alles genüge .
Davon hielt sie gar nichts , er konnte sie nicht bewegen , sich in die Idee der Liebe ernsthaft und tief zu versenken , sondern sie behandelte es als Vergnügen und reiste nicht zum Mystischen .
Nein , nein – ganz anders hätte sie sein müssen , daß es ihm möglich wäre , sie zu lieben ;
in allen Punkten völlig das Gegenteil .
Wie denn nur , also gegen jeden Begriff hatte es geschehen können , dieses Unfaßliche , Vernunftlose , Widernatürliche , daß er liebte , die ihm doch verhaßt sein mußte ?
Er erschrak vor sich , wie er diese Entfernung vom Denken gewahrte .
Er fürchtete sich vor dem Schaurigen und Verhohlenen da unten , tief in den Grüften und Schlünden der Seele , von welchem er nichts wußte und welches doch sein Herr war .
Es kauerte ein anderer in ihm und wuchs zum Riesen .
Es war wie der Absynth .
Ja , es glich die Liebe dem grünen Absynth .
Sie verbogen die Begierden , ins Blöde und Widermenschliche hinüber , kochten den Willen aus mit zehrenden Wallungen , und der geängstigte Verstand entwich .
Ganz wie der Absynth – ja .
Er verweilte gern bei diesem Vergleiche , wenn er die schwülen Dämpfe schlürfte , welche verwandelten .
Es waren böse , reißende Gifte und kehrten die Seele um , und man verlor sich an ein starkes Tier .
Es empörte sich der Geschmack .
Der Ekel wollte verscheuchen .
Kein Genuß , niemals .
Aber Erfahrung und Rat und Vorsatz und Widerstand und Gelöbnis halfen nicht .
Es war gewaltiger und hatte im Schmutze des Gemütes verborgene Genossen .
Und plötzlich , in hageren und gelben Wahrzeichen , welche züngelten , reckte sie sich vor seiner Furcht empor , die ganze Liebe , wie nach mörderischen Gesetzen ihr unabänderlicher Verlauf ist , und an seinem gekauerten Geiste vorüber glitt in den steilen Bögen der ewige Fluch aller Menschen , der das Glück würgt .
Wie sie in tückischen Masken hinter Duft erst argloses Vertrauen überschleicht , als heiteres Nervenspiel verkleidet , und frohe Wünsche gaukeln ;
dann , wie aus Orgeln , Heiliges in die erschauernden Sinne gießt und durch Andacht das Böse jätet , den sprießenden Keim der Kraft ;
aber den Wehrlosen endlich , wenn er entmarkt und ausgesäftet , den zehrenden Taumeln der Güte erliegt und in irren Schlummern des Wahnes er starrt , mit Haß und Grimm , in wühlerischen Streichen plötzlich rauh überfällt , ohne die Larve des Schönen jetzt und nacktknochiges Scheusal , bis zum grausen Wagnis der Wahrheit entmenscht und höhnisch wider die Schminke , durch schimpfliche Knechtungen über grinsende Laster schleift , vor welchen die Sprache versagt , und in Geifer und in
Fäulnis stinkender Sümpfe den zerfolterten Leichnam erstickt , gnadenloser und wollusttoller Henker , immer mit dem nämlichen kalten Lächeln ewig , unwandelbar , mit dem sanften und traulichen Lächeln aus Neugier grausamen Kindes vor dem zuckenden Falter , der auf dem Spieße verendete .
Bis sie zuletzt nur noch Fleisch ist , das eigene Fleisch , das sich selber kreuzigt , alle giftigen Säfte aus allen verpesteten Kanälen in Aufruhr gegen das Leben ;
es bildeten die Alten die Liebe gern am Arme des Todes , denn sie ist der Mord .
Dann schrie er :
Immer , immer wiederholte er dieses , flüsterte es zärtlich , gellte es mit Grimm , stammelte es wie ein holdes Geständnis , das beglückt , schmetterte es wie das Gericht der Menschheit , das verdammt .
Zufällig , in diesen Tagen gerade , wie er einmal durch Dumas blätterte , zum Gedankenvertreib , zur Betäubung , um nur Fremdes über die wunden Nerven zu schleiern , zur Linderung , da war es ihm zufällig begegnet ;
aber es verließ ihn nimmer .
Es ward sein Glaube und sein Trost .
Darin war er ganz ausgedrückt , mit aller Erfahrung , allem Gefühl , allem Bewußtsein .
Darin war sein Schicksal , was er erlebt hatte und was er noch erleben konnte .
Darin war die Welt , alles vom Anbeginn bis ans Ende Mögliche .
Nein , außerhalb gab es nichts .
Es enthielt in sich , wie eine göttliche Stiftungskapsel , alle Menschheit , alle Schöpfung , alles Denkliche .
Man müßte diesen Satz malen , dann wäre die Kunst erfüllt und die Welt wäre vorbei .
Und er murmelte es , in brünstigen Fleißen , nur immerfort , stundenlang , während er wanderte , murmelte es mit unermüdlichen Lippen , welche eilten , vor sich hin , in seligen Verklärungen wie ein heilkräftiges , wunderwirksames Gebet , mit welchem er , weil es das Geheimnis des Lebens verriet , sich seien könnte zum Glücke .
Alles andere vertilgte sich in seinem Gehirn , und er wußte es nicht mehr .
Es baumelte nur diese Weisheit an allen Fasern .
So glitschte er auf dem Abhange des Blödsinns .
Er gewahrte es und schrie in großen Ängsten .
Es kam aber von nirgends Antwort und nirgends war kein Anker .
Da klammerte er sich an die Arbeit und begann wieder das wilde , atemlose Ringen mit dem Pinsel .
Er hämmerte sich mit Ehrgeiz und Habsucht und allen Reizungen .
Er kochte die Nerven in Gedichten , in Musik .
Er stachelte sich an den Gespenstern seiner toten Hoffnungen .
Es half alles nichts .
Da sank er dann wieder zusammen und verzweifelte auch an der Kunst .
Es war auch nur ein Schwindel .
Er würde es niemals vermögen , das Große und das Wahre .
Und wenn er es auch vermöchte , dann würde es erst recht niemand verstehen .
Wozu also ?
Wenn er ein Gemeiner und Niedriger war wie die anderen , dann konnte er keine Kunst .
Wenn er aber nicht gemein und niedrig war , dann wurde es für die anderen eine unbegreifliche und vernunftwidrige Kunst .
Wozu also ?
Diejenigen , ja , welchen die Arbeit selber Genuß ist , welche im Schaffen schwelgen – nur sollen sie dann auch so schlau sein , es eifersüchtig gleich zu zerstören , sonst wird's ihnen durch das Urteil wieder vergällt .
Ach ja , das Große , das Eherne , die neue Kunst , welche das neue Schicksal wäre , die Erlösung , welche zwänge , indem sie die Menschen ins Göttliche wandelte , die Geister erhöhte , die Herzen reinigte – wenn es dennoch , dennoch möglich wäre , daß sich der ewige Traum bewähre ?
Etwas wie die , welches in zwei rohen , auf die tägliche Gemeinheit ausgedrückten Farben den ganzen Menschen enthielte und die ganze Menschheit , alles , was gewesen ist und sein kann !
Aber was hatte er denn gewirkt ?
Daß sie sich die Rippen kniffen vor Hohn und Spott , und sie lebten das gemeine Leben weiter !
Er konnte es nimmermehr begreifen :
die Gnade war niedergestiegen , aber niemand kümmerte sich um sie , weil sie das Elend und das Laster liebten .
Nichts , nichts – nur immer der große Kot überall .
Und manchmal dachte er , vielleicht hätten die anderen recht und er wäre wirklich nur ein Narr , ein kranker Narr , daß er das Gute und das Schöne suchte , welches unmenschlich ist .
Gemein sein wie die anderen , Geld haben und Baccara spielen , zur Verdauung – da !
Und sich betrinken , gründlich , das Gehirn ersäufen , bis es Ruhe giebt , die Nerven erdrosseln , daß sie nicht mehr können .
Und nach acht Tagen kannte ihn aus stürmischen Nächten das ganze Quartier , in allen Spelunken , wo nur ein wildes Zechen mit frechen Dirnen zu finden war .
Sie nannten ihn bloß , weil er in unermüdlichen und unerschöpflichen Fumisterien ;
alle beneideten seine prasselnde , zischelnde Laune und dieses .
Besonders , wenn er von seiner erzählte , welche ihm mit einer durchgegangen war , riesig fin de siècle ;
das versäumte er nie , weil es ihn erleichterte .
So wollte er sie aus sich vertreiben .
Aber es half nichts wieder ihre hartnäckigen Augen , welche an seinem Bewußtsein klebten .
Und immer wieder , hinter dem gelben Übel der Wirklichkeit , welche Schleim ausspinnt , sah er in weißen Dämpfen ihren großen , leuchtenden Blick , wie einen bleichen , aus stillen Märchen gewobenen Mond , und hörte über dem rauhen Lärmen der gemeinen Ereignisse , in sickernden Klängen , die schwüle Wollust ihrer sanften , gläsernen Sprache , wie eine Harfe , durch welche der laue Atem des Mai streicht .
Aber ringsherum war Blut , immer nur Blut , ein greller Streif , daß er nicht hinüber konnte , und wenn er sie küssen wollte , dann umarmte er bloß das grinsende Gespenst seines gemordeten Glückes .
Seine Schuld , seine eigene Schuld !
heulte dann der grausame Kläger in ihm .
Seine eigene Schuld !
Es folterte die Reue .
Das Glück war herangekommen ;
aber anstatt es zu halten , hatte er es verscheucht .
Seine Schuld , seine eigene Schuld !
Und er schaute sich unter milden , lieblichen Gaukelungen weit weg , da unten irgendwo , in enger , leiser Stadt , fern von den Menschen , ganz allein , ganz allein mit ihrer ewigen Lust – und sie waren verheiratet wie die gemeinen Leute , und wurden glücklich wie die gemeinen Leute .
Seine Schuld , seine Schuld – seines Dünkels und seiner Vermessenheit !
Sie war so gut , so hold gewesen – und er hatte ihr alles genommen und beide hatte er verdorben .
Weil er Trotz und Stolz und Wahn hatte , und keine Einfalt , keine Demut , kein Vertrauen .
Weil er sich nicht beschränken , nicht erniedrigen konnte , sondern an sich selber glaubte .
Weil er alles wollte , darum geriet ihm nichts .
Weil er nicht dumm , nicht schlicht und nicht gemein sein konnte , das war der Fluch , der ihn verdarb .
Weil sein Hochmut nur die große Kunst wußte , immer nur in den fernen Wolken die große Kunst , das lähmte ihm die Faust , daß in aller knirschenden Marter röchelnden Fleißes kein niedriger Strich mehr gedieh , keine stammelnde Silbe des Schönen .
Und weil seine ausgelassene Sehnsucht nur die reine Liebe schaute , immer nur in unfaßlichen Idolen die reine Liebe , darum , so jämmerlich und verächtlich , erstickte sein versunkenes Gefühl in Schlamm und Laster .
Er haßte den Geist und beneidete die Einfalt .
Aus dem Unverstande allein kommt Segen .
Es peinigte ihn die Nostalgie der frohen Thorheit .
Kind hätte er wieder sein mögen , das von nichts wußte , Falter haschend durch den sonnigen Frühling .
Das viele Denken that ihm wehe .
Aber dann bäumte sich wieder der Trotz .
Lieber wollte er ein besonderes , einsames Leid , das Los der Titanen , als das gemeine , verbreitete Glück der dumpfen Schläfer .
Wenigstens versicherte es ihn seines Wertes , seiner Größe , seines Adels , deshalb liebte er den Schmerz und hätte ihn schmerzlich vermißt .
Nein , ihn sollte das Leben nicht beugen , ihn nicht !
Das nagelte allmählich in sein Gehirn den Grundsatz , diese Formel des Glückes , daß einer einäugig sein müßte , zum Ausgleich mit dem Schicksal – einäugig , an diesen Ausdruck klammerte sich sein Gedanke .
Ja , das war es offenbar .
Dieses enthielt das ganze Geheimnis des Lebens , daß einer dem doppelten Blick fliehen mußte .
Darin gründete seine Qual , daß er beides schaute , beides zugleich .
Jetzt schaute er den Traum in der Seele , aber gleich darauf schaute er wieder die Wahrheit in der Welt , und immer ward dieses Unverträgliche , Fremde , Feindliche verglichen .
Da mußte natürlich der Traum mit Wünschen , die Wahrheit und die Wahrheit , mit Enttäuschungen , mußte das Träumen quälen .
Welche sich für eine der beiden Blindheiten entscheiden , die werden glücklich .
Welche im Traume wandeln , ohne das eigene Gehirn zu verlassen , die werden glücklich .
Welche in der Gemeinheit bleiben , ohne sich an die Fabeln des Wunsches zu verirren , die werden glücklich .
Nur wer in sich und außer sich sein will , der verdirbt .
Denn nimmermehr kann sich die Wahrheit mit dem Schönen , mit dem Guten gesellen .
Ja , das war der Schluß des Lebens :
man mußte das Denken aus sich vertreiben oder man mußte sich aus dem Sein vertreiben .
Er wollte sich aus dem Sein vertreiben , in ein anderes hinüber , von dem Denken zu schaffendes , in Träumen wallendes , durch Wünsche gelenktes .
Ganz im Geist wollte er sich verwandeln , sich entwirklichen , entkörpern , entschmutzen .
Darum floh er im Parfüme .
Das wurde für ihn jetzt , aus dem Schmerze geboren , die wahre Kunst , die einzige erlösende und beglückende :
die Kunst der Gerüche .
Die anderen konnten sich nicht erfüllen , weil sie am Wirklichen hafteten , wie sie auch flattern mochten mit geringem Flügeldrang .
Aber die Kunst der Gerüche , indem sie die Scheine des Seienden betäubte , entrückte aus der Wahrheit in das freie Reich des Wunsches , in welchem nur die frohe Willkür der Begierde Gesetz ist .
Er machte sich eine lange Theorie darüber , ein ganzes System .
Alle anderen , welche nur Vorboten gewesen , trübe Verkündigungen , sollte die Kunst der Gerüche entsetzen .
Die bisherige Welt würde entbehrlich .
Es galt bloß , die Sinne und die Nerven zu erziehen , daß sie die Gebote der Parfüme willig begriffen und gehorsam vollstreckten .
Dann konnte in Symphonien des Duftes alles Denkliche und Empfindliche ausgedrückt und nach dem Bewußtsein geleitet werden :
es wurde eine neue Sprache , das Unsagbare zu sagen .
Er goß sich aus den schwülen Phiolen jeden Geist und jedes Gefühl , jede Zeit und jeden Ort in das lernbegierig taumelnde Gehirn , um es in fieberischen Extasen , während der erstickte Geist sank , über das Leben hinweg zu treiben nach wolkigen Unmöglichkeiten , welche licht und müde grünten unter rosigen Schleiern , die langsam schwanden .
Aus den blassen , stöhnenden Dämpfen des White Rose , in welchen der Selbstmord singt , erweckte er die ewige Lehre des Buddha , die Farbe des Chavanne , das Sterbelied des jungen Siegfried , am Feuer , vor dem rauschenden Rhein , während ringsherum viele , sehr lange , schmale , gelbe , wunderliche Blumen auf gebeugten Stengeln welkten .
Aus den sanften und tröstlich traurigen Rhythmen des Tilia , als ob nächtig fern ein einsames Licht in stillem Walde winkte , beschwor er die friedliche Tugend der Entsagenden , während ihm der große Weise des Verzichtes die göttliche Wollust verkündete die Nachfolge des Christ .
Aber aus den chyprischen Brünsten der Peau d'Espagne ringelten sich zu mänadigen Grimassen mit schrillen Allarmen der Gier nackte , braune Gitanen , rabenblau gelockt , brennende Opale in den schweren , schattigen Lidern , und es wuchs zwischen den winkenden Fingern der Palmen über gedrängtem , geducktem Weiß die grün geschlankte Giralda .
So wandelte er auf Gerüchen durch alle Welten und umfaßte die Ewigkeit .
Er versäumte nicht , fleißig Antipyrrhine zu schlingen zur Förderung der Träume .
Das höhlte tiefe Löcher im Bewußtsein .
Es kamen große Pausen über das Ich , in welchen es lange stummte ... lange ... nichts , nichts mehr ... das Versinken ... es wurde ganz stille , abendlich stille , wenn alle Feuer verlöschen , und auf den grauen Weiden träumt der Mond ... kaum daß noch leise die Instinkte des Leibes raschelten .
Das Schicksal der heiligen Karma erwiderte die wilde Leidenschaft mit der tiefen Ohnmacht .
Die Krisen entfernten sich .
Höchstens noch , wenn er vier Treppen irgendwo zu steigen hatte , oder im Café , wenn Zug den Schädel peitschte , oder am Schalter , wenn Gedränge ihn nicht vorlassen wollte .
Sonst regte sich das Leid nicht mehr .
Plötzlich , zufällig , im Hippodrom eines Abends , fand er sich ihr gegenüber , vor dem Löwen .
Marius mußte ihn halten .
Mit Gewalt wollte er sie anfallen im ersten Taumel :
öffentlich züchtigen , den schwarzen Hund erwürgen und dann fort mit ihr , fort im Sturm , weit hinaus in die Seligkeit .
Er sollte wenigstens den Zwischenakt abwarten , meinte Marius .
Das wäre doch schicklicher .
Er wartete .
Aber während er wartete , sah er starr auf sie mit schwellender Verwunderung , weil es unbegreiflich wurde .
Und plötzlich flimmerte in seinem Gehirn die Deutlichkeit auf wie ein schlagender Blitz , daß er sie gar nicht mehr liebte ;
sondern sie war ihm jetzt ganz gleich , wie irgend eine andere hübsche Schlumpe , und die messerwerfende , da unten , in dem rosigen Trikot auf dem hellen Sande , wenn sie sich so zielend zurückbog , gefiel ihm viel besser .
Er prüfte sie neugierig mit dem Gucker .
War sie denn verwandelt ?
Eine damische Eleganz , ja , hatte sie sich zugelegt , das schon .
Sie trug ein hechtfarben Kleid , ganz einfach , platt , unten am Rande geziert ;
es wedelte mit krausen Bauschen in eine kurze Schleppe aus .
Der Leib blühte üppig in Tressen und Borden und Troddeln , aber die Ärmel , sehr enge und straff , waren leer ;
um den Schnitt hatte sie ein schmales Band geschlungen , ockergelb , in welchem eine Tulpe stak .
Die englische Toke schlappte nach dem Nacken hinab , von breiten Zügeln in lorbeergrünem Sammet gehalten , welche , wo sie sich unter dem Kinn auf dem hohen , steifen Kragen kreuzten , eine Perlennadel verband .
Also , was wollte er denn eigentlich noch ?
Damit konnte er doch ganz zufrieden sein !
Aber – dieses – ja , so ließ es sich noch am besten erklären :
die Ärmel waren sehr geschultert , in aufgeblasenen Puffen ausgetrieben , bis in die Höhe des Mundes .
Das verzerrte sie lächerlich , weil sie immer schon den Hals zu kurz und einen gewölbigen Nacken hatte , und sie sah davon ganz höckerig aus , wie ein Marabu .
Ja , das war es , offenbar :
drum konnte er sie nicht mehr lieben .
Und überhaupt – auch sonst – es zeigte sich eben jetzt , seit sie chic geworden war , daß sie keinen Chic hatte , gar keinen .
Oder – auch ... merkwürdig , Gründe fand er eigentlich keine ... aber aus war es .
Aus war es .
Er sagte es Marius , schilderte es ihm deutlich mit umständlicher Beschreibung , damit er es ihm erklären könnte ;
denn selber vermochte er es nicht zu fassen .
Aus war es – anders ließ es sich nicht sagen :
weg , abgewischt , verlöscht , ohne Rest , ohne Spur , ohne Mal .
Er fühlte nichts mehr davon , gar nichts mehr , kein Gutes und kein Böses , nicht angenehm , noch schmerzlich – nimmermehr vermocht ' er's sich vorzustellen , wie er es damals wohl empfunden haben könnte .
Nimmermehr vermochte er sich zu erinnern , es blieb verschollen .
Er mußte es wohl glauben , weil er es erlebt hatte .
Aber heimlich war es ihm , daß das ein anderer gewesen sein müßte .
Er fühlte sich verwandelt , gewechselt , ausgetauscht .
Es war nur der Geist , der ihn noch mit dem früheren zusammen hielt .
An Gefühlen waren es zwei verschiedene , fremde , einander andere , die sich nimmermehr verstehen konnten .
Aber da lachte Marius :
Sie kümmerten sich nicht weiter , weil , mit bewegten Brüsten , drallen Schenkeln und gespannten Waden , das russische Ballett viel lustiger war .
Nur nachher , unter der gelben Laterne , als sie vor dem Wagengewirre hielten , über dem schluchzenden Strome drüben glänzte die Eiffel – da sagte er kleinlaut :
Und er dachte an Rahel , die nicht getröstet sein wollte ... daß sie Recht hatte , weil der Schmerz doch immerhin etwas ist , besser als gar nichts .
Beinahe hatte er Heimweh um seine Thränen .
Aber Marius , indem er mit dem Schirme fuchtelte :
Also Domino , tief in die Nacht .
Auch den anderen Tag wieder und alle nächsten , oft , immer , stumm , während sie tranken .
Weil ihm doch alles gleich war , alles ganz gleich ... und wenigstens entfernte es das Denken .
Nein , er litt nicht mehr .
Er konnte sich jetzt wirklich nicht beklagen .
Er fand , wie oft er sich mit Neugier auch die Seele abklopfte , emsig , überall , horchend , nein , er fand in sich kein schmerzliches Gefühl .
Nur , daß ein bitterer Nachgeschmack nicht von der Zunge wollte , wie von was Schmutzigem und Herbem , der ätzte .
Es that ja weiter kein Weh , nur war es immer da , mischte sich in alles , und das fühlte er wohl deutlich , daß es jedes Glück verderben würde mit seinem häßlichen Safte , wenn er noch einmal eins fände .
Aber er suchte keins mehr , hoffte keines , wünschte es nicht einmal , weil es doch alles eins ist ... und nichts heißt etwas , man äfft sich bloß ... am besten läßt man's laufen , wie's will , grad' , krumm , auf und ab , rollen , rollen , blind , närrisch , wie der Zufall treibt , rollen , vorwärts und zurück , ewig rollen , rollen ... Die Lust hatte ein paar Stunden gewährt und das Leid hielt auch nicht an und nur diese dumpfe Verdrossenheit war treu , daß es eine eklige und schmierige
Sache um das Leben ist .
Nichts wünschen , weil alles enttäuscht , nichts schaffen , weil alles gereut , nichts hoffen , weil alles verhöhnt , nichts denken , weil alles betrügt , nichts lieben , weil alles verrät .
Sondern warten , blöde gelassen warten , wie weit das denn so gehen kann , ob es nicht dem tückischen Dämon selber einmal zu dumm wird , der die Schicksale schafft .
Nicht streben , nicht widerstreben , sondern wie die Blumen ... die beneidete er , daß sie so sanft verwelken und küssen noch einmal in die rote Sonne empor .
Fakirisch , anachoretisch , gymnosophistisch – nach der Wüste gelüstete ihn , weil sie heiß ist ... versengen und verbrennen , im weißen Staube , nach dem großen Schlafe hinüber , nach dem großen Schlaf der heiligen Maja .
Domino , Marius hatte immer recht .
Domino , wo die Begierde ringt , daß es aus werde , um , wenn es aus ist , von vorne anzufangen , bis es noch einmal aus werde , für einen neuen Anfang und noch einmal und immer so fort .
Kein Zweck , kein Ziel als eben das Zwecklose , Ziellose selber , aber gestreckt und gedehnt als wie nach einem Ziel , während es nur um das Strecken und Dehnen selber ist .
Hinkommen will man , um hinzukommen , nicht um dort zu sein – dem Beispiele des Domino müßte man folgen .
Immer spielen , nichts ernst nehmen , über alles sich lustig machen , ohne Glauben , ohne Liebe , ohne Hoffnung – so eine Art von Van-Beerserei des Lebens in ausgelassenen Jonglerieen .
Wenn er sich erst eingewöhnt haben würde , konnte es noch ganz behaglich werden .
Wenigstens die Jugendeseleien war er los , definitiv , das Empfindsame , den Dusel der Gefühle , den ganzen romantischen Gemüsegarten .
Er hatte was erlebt .
Er konnte was erzählen .
Sein Pessimismus war nicht wie bei den anderen litterarische Intoxikation .
Er konnte ihn .
Das freute ihn .
Er kam sich so erfahren und gereift vor , Weltmann , Salomo .
Aber Schulden hatte er , und niemand kaufte seine Bilder .
12. XII. Zwei Briefe an diesem Morgen unter der Thüre , als er in die Spalte tastete .
Der erste groß , grau , weich – er kannte diese eckige Insulte von Schrift schon :
von seinem Schneider ;
der Flegel wurde neuestens frech – ah , überhaupt die ewige Geschichte mit dem Gelde !
Hastig riß er den anderen .
Ja , als ob wir alle Alphonse sein müßten , weil sie alle ... Und er zerstückelte es in Fetzen und Fasern !
Fort , hinaus .
Dieses allein fand er deutlich in seinem Gehirne daß er nicht da bleiben konnte in Gesellschaft dieses Briefes .
Hinaus , ganz hinaus , aus allem weg – wenn er nur wenigstens erst auf der Straße war , im Lärm , im Gewühl , in der Fremde .
Und indem er sein ganzes Leid und ihre ganze Gemeinheit noch einmal erlebte , erkannte er das ewige Leid des Mannes und die ewige Gemeinheit der Frau .
An diese Verallgemeinerung des besonderen Erlebnisses klammerte er sich , weil sie eine angenehme Nuance in den Schmerz fügte .
Hinaus .
Und laufen , daß die Beine alle Kraft wegnähmen ;
dann mußte sich das Gehirn stille geben , weil ihm keine blieb .
Aber auf dem Boulevard , unter dem matten , feuchten , schleimigen Herbste , der weiße Ringe um das rote Laub spann , da , nachdem ihn die Eile ein wenig beruhigt hatte , überlegte er wieder , und es wurde ihm zunächst sehr behaglich , in aufsteigenden Wärmen , in sich die Fähigkeit zu solchen Entrüstungen zu entdecken .
Das sprach doch sehr für ihn und war ein schönes Zeichen .
Verse über die Manneswürde fielen ihm ein .
Es lag lau und gütig in der Luft , die sich mit silbernen Fäden verschleierte .
Der Sommer stieß an den Winter , und das gab , wie Mädchenstimme und Harfe , einen freudig schmerzlichen Klang .
Er hatte ganz deutlich ein wunderliches Gesicht , das aus Kaminfeuer und Erdbeeren zusammengemischt war .
Nach der Ausstellung , ein letztes Mal , zum Abschiede von allen köstlichen Wundern , welche er liebte .
Ja , das würde ihm gut thun .
Das wirkte ihm immer wie Opium , Befreiung ins Phantastische hinüber , während der niedrige Verstand verstummte .
In die Ausstellung – das exotische Bunt aus peitschenden , knallenden Farben , und die jähen Schriller der rasenden Derwische , während der weiße Mantel wirbelt , und die unzüchtige Brunst mit im Taumel ausbrechenden Brüsten der schwülen Gitanen – ja , in die Ausstellung !
Omnibus – aber das war nicht so einfach .
Alles wollte noch einmal in das große Völkerfest hinaus , bevor der laute Traum erlosch .
Er bekam die Nummer 457 ;
warten , lange warten , geduldig – warum das Bureau nur gerade gelb sein mußte , von diesem giftigen , hämischen , böswilligen Gelb , welches alle Sonne in Neid verwandelt zurückspie !
Aber er hatte ja Zeit , und von der Allee her , welche sich in leisen Winden neigte , die blaue Tusche des goldverbräunten Laubes strich ihm angenehm , lau über die Sinne , aufthuend :
es ward ihm ausgespannt , nachlassend , erweitet zu Mut , alles löste sich und wich .
Nur daß er sich , in der Belagerung der Bänke , nicht setzen und doch auch nicht bewegen konnte – dieser steife Stand , der ihm die Beine verbleite , verdroß ihn .
Und es war immer noch , heillos , immer noch bloß das erste Hundert an der Reihe , unüberwindlich , das kein Ende nehmen wollte , als könnten die zähen und verleimten Nummern sich von der fetten , klebrigen Stimme des schnaufenden Schaffners nimmermehr lösen .
Und der ganze Boulevard , hinauf , wenn er mit angespanntem , aderschwülstigem Halse , daß der Apfel erschien , lugte , das war weithin , endlos , ein weißes Band , von einem höhnischen , grausamen , tobenden Weiß , das alles verschlingen und den schwarzen Punkt seiner Hoffnung , der nicht vorwärts wagte , nimmermehr herunter lassen würde .
Da fiel ihn , als das Drängen seine Ellbogen klemmte , ein großer Zorn an :
dreinhauen hätte er mögen unter das Gesindel .
Eine Bluse geriet neben ihn , schmutzig und schweißig .
Es wurde ihm unbegreiflich , wie er sich früher für die Arbeiter interessieren konnte , um ihr Recht und ihre Wohlfahrt besorgt , während sie doch feineren Nerven nicht entsprechen können ;
und indem er sich zudem die Vorstellung darlegte , wie draußen wieder alles überfüllt sein würde , kein Platz und elende Bedienung , Hader und Zank immerfort , empfand er noch dazu einen jähen und gebieterischen Hunger , ungestüm .
Es war nicht länger erträglich ;
die Ungeduld zupfte ihn an der Iris , mit Stichen , welche graue Fäden in das Weiße hinüber lösten , und jeder einzelne Laut aus dem großen Heulen rings , das schwoll , nagelte sich ihm in die wankenden Schläfe .
Und dicke und dumme Menschen , zweifache Uhrketten über den ganzen Bauch und mit baumelnden Beinen , während seine starrten , fuhren in Karossen und sandten wohlwollende Neugier und spöttisches Mitleid nach dem Gewühle zurück .
Weil sie Geld hatten ... einfach , weil sie Geld hatten .
Und da schlug ihn plötzlich die Einsicht , wie albern es war , den Hidalgo zu spielen , keinen Sou in der Tasche ;
daß zuletzt halt doch im Gelde allein die einzige Vernunft und die einzige Tugend und die einzige Freiheit ist , welche nur die Hungerleider verleugnen ;
und daß er ihr darum die vier Bilder schicken würde für einen gesalzenen Preis , um mit dem ewigen Dalles endlich zu brechen und auch einmal ein anständiger Mensch , wie man so sagt , zu werden .
Dieses ward mit einem Schlag ungestüm in seiner Seele aufgerufen ;
er wußte nicht , woher es einbrach .
Dann konnte er auch im Fiaker fahren und brauchte solche blöde Warterei nicht mehr .
Er erschrak heftig , weil er es gleich gewahrte , daß er an diese Versuchung verloren wäre , wie er sie noch einmal dächte :
darum mußte er sie sich immerfort wiederholen und dachte sie durch Zwang nur immer wieder und wieder .
Es war gewiß , daß er erliegen mußte , weil seine Natur sich sträubte , empörte , widersetzte .
Auflehnung konnte nichts helfen :
es war in seinem Schicksal .
Er wollte sich auch gleich fügen , weil es doch nichts nützen würde ;
bloß daß er noch einen Zwang von außen hoffte , auf den er es hinüberschieben und die Verantwortung abwälzen könnte .
Wenn im nächsten Wagen Platz ist , dann nicht .
Wenn aber im nächsten Wagen kein Platz ist , das ist dann ein Zeichen .
Und es läßt sich doch nichts dagegen machen .
Wozu sich erst lange aufregen .
Da kam der nächste Wagen , komplet .
Also , dachte er , ist es wenigstens nicht meine Schuld .
Er freute sich , daß es jetzt entschieden war und seinen Willen nichts mehr anging .
Und er stellte sich lieber das viele Geld vor , das viele Geld in schimmernden Haufen , wie sie glitzern und klingen würden , helle , froh ... Geld , Geld ... er lutschte an dem schleimigen und glitschrigen Worte , das den Speichel zusammensog , und züngelte wollüstig darum mit allen Gedanken .
Er wandte sich heim , um es gleich zu erledigen , damit es einmal vorüber , unabänderlich würde , packte die vier zusammen und verschickte sie noch den nämlichen Tag .
Den , anderen , morgens , pünktlich mit der ersten Post , hatte er seinen Preis in reinlichen Billetten , die sich gut angriffen und leise Suggestionen knisterten , wie er sie zärtlich strich .
Er fand ihr mildes Blau wohlthätig wirksam , und jetzt konnte er wenigstens mit dem Schneider gehörig grob werden .
Zunächst vergnügte es ihn , sich in einen anständigen Menschen zu verwandeln .
Er hatte das Zigeunerleben satt :
die Schulden und die Ideale .
Er spürte plötzlich – wunderlich , woher es kommen mochte – kräftige Triebe aus den heraus nach dem hin , die sich gut empfanden , weil sie neu waren ;
an den anderen Gerichten der Empfindung hatte er sich schon ein wenig überessen .
So vernünftig , reif , fertig kam er sich auf einmal vor , alle Eseleien abgestreift , weit weg , und besonnen ;
er wollte sich jetzt bloß mehr auf das Wirkliche verlegen , auf erweisbaren Genuß , der Nerven und Sinne bereichern konnte , auf das Positive , wie die anderen – mit dem großen Streben in die Wolken war es doch nichts .
Es wirkten die neuen Kleider .
Er verbrachte seine Tage , den neuen homme chic einzuüben .
Da gewahrte er es erst , daß man in Lack und Glacé doch ganz anders denkt , das Gehirn wird verschoben ;
das waren offenbar nur die Brünner Wollstoffe gewesen , welche früher die idealistische Verwirrung stifteten , jetzt empfand er englisch Kammgarn , mit Atlas ausgeschlagen .
Wenn er um vierzehn Tage zurückdachte , manch mal , konnte er es doch nicht recht begreifen , wie er so ganz sich weggenommen und vertauscht war .
Es wäre ihm ganz natürlich gewesen , sich eines Tages mit einem neuen Leibe zu finden .
Es fehlte jede Verbindung mit dem früheren , er vermochte sich nicht zurückzudenken ... Kein Gedächtnis , kein Wunsch , keine Reue – freilich , er hätte sie gut weggeschüttelt :
das Leben war einmal so , er war bei der Schöpfung nicht befragt worden , er änderte es doch nicht , er hatte es satt , den ewigen zu mimen , besser immer noch verächtlich als lächerlich – ach ja , abgeschüttelt hätte er die Reue mit tausend Stübern , aber sie hätte sich doch wenigstens regen müssen , das ärgerte ihn eigentlich .
Der war weg , der alte Seltsame , der immer Geschichten machte und sich jedes Vergnügen verdarb ;
er war jetzt auch einer von den anderen , ganz wie die anderen , ruhig in den Tag hinein wie die anderen , wunschlos , zuversichtlich wie die anderen , heiter wie die anderen – Mittelmäßig – auch ?
Dutzendware , Maschinenfabrikat , gewöhnlich und gemein wie die anderen ?
Auch ?
Warum denn zaudern ?
Ja , mittelmäßig auch wie die anderen und mit mutiger Wollust noch dazu , trotzig ins Gemeine hinein und aus dem Besonderen weg , welches das Behagen frißt – der Welt nachgeben , wie sie modelt , auf den Eigensinn verzichten , alles gehen lassen , gerade oder krumm , wie's kommt , sich und das andere , weil an dem Narrenturm doch einmal nichts zu ändern ist .
Wenn man bloß Geld hat , bloß das nötige Geld , sonst macht sich alles ganz von selbst ;
selbst das wird erträglich :
man kann es von sich wegkaufen in manierliche Distanzen – wozu denn ringen und kämpfen ?
L'infinita vanita del tutto des Leopardi klang ihm durchs Ohr ;
nur braucht man dazu , um ihrer behaglich zu werden , gehörige Mittel .
Siebentes Kapitel Als am Morgen das Frühstück bereitete , mußte sie zum Brunnen , und als sie zurückkam , waren die beiden Knaben Sema und Wendelin verschwunden .
Sie hatte nun wieder Grund zu jenen stoischen und schwarzsichtigen Betrachtungen , die ihr ein hartes Leben und ihre stolze Natur nahe legten .
Ihre Gedanken nahmen stets einen erbarmungslosen Gang und dabei schonte sie nicht , was ihr teuer war .
Als Stefan spät nachmittags nach Hause kam , fragte sie ihn , wo er herumgestreunt sei .
entgegnete er mit blitzenden Augen , den Kopf hoch aufrichtend .
entgegnete sie wie nachdenklich und blickte ironisch auf seine staubbedeckten Stiefel .
Gudstikker atmete schwer .
preßte er endlich hervor und stürzte fort .
Sie lächelte gutmütig hinter ihm her , öffnete das Fenster und schaute ihm lange Zeit nach .
ging zum Friseur , wo er über eine halbe Stunde saß , um sich Haar und Bart verschönen zu lassen , und bei Anbruch der Dämmerung erwartete er vor den Anlagen seine Verlobte .
waren Käthes erste Worte .
Er nahm hastig ihren Arm und schritt weiter .
wehrte sie angstvoll .
Er machte eine verzweifelte Gebärde der Auflehnung .
war sehr liebenswürdig gegen Gudstikker und Gudstikker war ebenfalls liebenswürdig gegen die .
Er küßte seine künftige Schwiegermutter auf die Wange , fragte nach dem Gang der Ziegelei-Angelegenheit , sang nach dem Abendessen zur Guitarre , Volkslieder , die von treuer Liebe handelten und vom Kampf des Mannes um seinen Herd .
Um elf Uhr ging er .
Auf der Straße wurde sein Gesicht finster , herb und verzerrt .
Er schlug sich an die Stirn und sprach zu sich selbst .
Er suchte ein Cafe auf , und in dem Augenblick , wo er den Raum betrat , erhielt sein Gesicht wieder den aufmerksamen und übertrieben stolzen Ausdruck .
Er begrüßte den , setzte sich zu ihm an den Tisch , rieb sich fröhlich die Hände und erzählte eine heitere Schnurre von einem Soldaten und einem Fuhrmann , die er erfunden hatte , aber so darstellte , als ob er sie eben erlebt hätte .
fragte er darauf und rieb sich wieder die Hände .
erwiderte Bojesen mit einer sanften Selbstironie .
sagte Gudstikker , gab Bojesen leicht errötend zu .
murmelte Gudstikker , den die Beredsamkeit eines andern ungeduldig machte .
Gudstikker hatte erstaunt und erstaunter zugehört , und er war so voll von Zweifeln und Einwänden , daß er zuletzt kein Wort herausbrachte und ein mißmutiges Gesicht schnitt .
Bojesen lächelte schwermütig .
bemerkte er mit einer Miene , die um Verzeihung bat für das Feuer und die Leidenschaft seiner Worte .
An Goethe 13 22. März 1832 Hier aus den Bergesschluchten hervor wag ich's und komme ungerufen , unerwartet , wie manchmal sonst auf Deinen Wegen .
Im Böhmer Gebirg , wo ich wie ein Stoßvogel auf dem vorragenden Gefels über Dir hing , weißt Du noch ?
– Und wie ich dann niederkletterte ganz erhitzt , daß mir alle Adern im Kopf klopften , und wie Deine Hand meine Augenwimper vom Staub reinigte , und Du die kleinen Reiser und Moose aus meinen Flechten sammeltest und legtest es sanft neben Dich auf den Sitz ?
Du weißt's nicht mehr .
Scharen sind an Dir vorübergezogen , die Dich begrüßten mit lautem Ehrenruf , Kränze haben sie vor Dir hergetragen , die Fahnen haben sie vor Dir geschwenkt , die Könige kamen und berührten den Saum Deines Mantels und brachten Dir goldne Gefäße und legten Ehrenketten um Deine freie Brust .
Du weißt's nicht mehr , daß ich Dir die gesammelten Blumen , die wilden Kräuter alle in den Busen pflanzte und die Hand darauf legte , um sie fester zu drücken .
Du weißt's nicht mehr , daß meine Hand gefangen lag inmitten Deiner Brust , und daß Du mich den wilden Hopfen nanntest , der Wurzel fasse da und dann hinauf sich ranke und Dich überschlinge und umwachse , daß nichts mehr an Dir zu kennen sei als bloß der wilde Hopfen .
Sieh , in dieser Doppelwand von Fels- und Bergesschluchten , da haust des Widerhalles froher Ruf ;
sieh , meine Brust ist eine so kunstreich gebildete Doppelwand , daß ewig und ewig tausendfältig der freudige Schall so süßer Märe sich durchkreuzt .
Wo sollte es ein Ende nehmen , dies Leben jugendlicher Lust ?
– Es liegt ja bewahrt und umgeben vom reinsten Enthusiasmus – die Nahrung meiner Wiegezeit .
Dein Hauch , dem der Gott Unsterblichkeit einblies , hat ja mir den Atem der Begeistrung eingeblasen .
Lasse es Dir gefallen , daß ich Dir noch einmal die Melodien meiner schönsten Lebenswege vorsinge und zwar im begeisterten Rhythmus des augenblicklichen Genusses , wo die Lebensquellen von Geist und Sinne ineinanderströmen und so einander erhöhen , daß alles Bedeutung gewinne , daß nicht allein das Erfahrne sichtbar fühlbar werde , sondern auch das Unsichtbare , Ungehörte erkannt und erhört werde .
Sind's Pauken und Posaunen , die feierlichen Jubelschlag an die Wolken dröhnen ?
– Sind's Harfen und Zimbeln ?
– Ist's das Gewirr von tausend Instrumenten , das aufs Kommandowort sich ordnend löst , in reiner Linie Takt sich bildend wendet , die Sprache himmlischer Influenzen redet , eindringt in den Menschengeist mit Farb und Licht , die Sinne mit dem Geist vermählt ?
– Ist's dieser Erzeugung Kraft , die durch die Adern rinnt , das Blut beschwörend , das Irdische auszustoßen und die reine Frucht himmlischer Liebe , himmlischen Lichtes zu nähren , zu gebären ?
– Hast Du's nicht vollbracht in mir , wenn es noch leuchtet in meiner Seele ?
– Ja , es leuchtet , wenn ich Deiner gedenke ;
– oder sind es nur Schalmeien sinnig und wähnend , nur an Phantasie streifend , nicht von ihrer Offenbarung ergriffen , was ich diesen Blättern zu vertrauen habe ?
– Was es auch sei !
– Bis in den Tod geleite mich der ersten Liebe Musik .
Zu Deinen Füßen pflanze ich den Grundbaß ein , er wachse Dir zum Palmenhain auf , in dessen Schatten Du wandelst .
Alles Liebe und Süße , was Du mir gesagt hast , flüstre von Zweig zu Zweig wie leise Melodien zwitschernder Vögel ;
– die Küsse , die Liebkosungen zwischen uns seien die honigtriefenden Früchte dieses Haines ;
das Element meines Lebens aber :
die Harmonie mit Dir , mit der Natur , mit Gott , aus deren Schoß die Fülle der Erzeugung steigt , aufwärts ans Licht , ins Licht , im Lichte vergehend :
das sei der Strom , der gewaltige , der diesen Hain umzingelt , ihn einsam macht mit mir und Dir .
Weißt Du's noch , wie Du in der Dämmerung mich wieder bestelltest ?
– Du weißt nichts , ich weiß alles , ich bin das Blatt , auf das die Erinnerung aller Seligkeit geätzt ist .
Ja ich ging um Dein Haus herum und wartete auf die Dämmerung und dachte , wenn ich an die Pforte kam :
– Und aus Furcht , Deinen Befehl zu verfehlen , ging ich noch einmal um das Haus , und wie ich nun eintrat , da schmältest Du , daß ich zu spät gekommen , es sei schon lange dämmerig .
Du habest lange schon auf mich gewartet .
Dann ließest Du Dir ein weißes wollnes Gewand bringen und zogst das Tagskleid aus und sagtest :
Da kniete ich vor Dir auf dem Schemel und umfaßte Dich und Du mich .
Da sagtest Du :
– Damals , lieber Freund , sagte ich Dir die Wahrheit , wie ich Dir beteuerte , daß mein Herz ganz still gewesen sei , daß nichts seitdem mich berührt habe ;
denn in demselben Augenblick war mir alles Wahn gegen Dich , und bleiches Schattenbild die ganze Welt , und abgeschiednes Totes schien mir des Schicksals Los in Deiner Nähe , ich konnte es sagen in vollem Bewußtsein , daß ich Deiner Schönheit gebunden sei ;
denn ich sah Dich ja an .
– Du aber ruhtest nicht und wolltest durchaus wissen die Geschichte , die ich mich vergebens bemühte zu erfinden ;
denn ich schämte mich beinah , daß mir gar keine Liebesgeschichte widerfahren war .
Jetzt besann ich mich auf eine und wollte eben erzählen und hub an :
– da begann ich meine Liebesgeschichte , von der ich nichts mehr weiß .
Und Du , Herrlicher , ließest mich nicht weiter sprechen und riefst :
– Da fielen meine Haarflechten nieder , Du nahmst sie und nanntest sie braune Schlangen und stecktest sie in Dein Gewand und zogst so meinen Kopf an Deine Brust , an der ich von Ewigkeit zu Ewigkeit ruhen sollte und des Denkens und des Treibens mich überheben , das wär schön , das wär wahr , das wär so die rechte süße Faulheit meines Daseins , das ist die Paradiesesfrucht , nach der ich schmachte , ruhen und schlafen in dem Bewußtsein , daß ich dem Herrlichsten nahe bin .
* * * An meinen Freund Soweit hatte ich gestern geschrieben , dann ging ich abends spät noch in Gesellschaft , ich hatte den Vorsatz gefaßt , alles Liebliche und Tiefbedeutende , was ich mit Goethe erlebt , ihm in einem Zyklus solcher Briefe noch einmal darzulegen ;
jetzt stand mir alles so klar und deutlich vor Augen , als wenn mir's eben erst widerfahren wäre .
Meine Seele war tief bewegt von diesen Erinnerungen und fern den Menschen wie der Mond , wenn er jenseits ist .
Bei solchen Stimmungen bin ich immer auf eine sonderbare Spitze gehoben , nämlich zum Übermut .
– Man war in der Gesellschaft schon von Goethes Tode unterrichtet , ich erzählte , daß ich eben nach Jahren zum erstenmal wieder an ihn geschrieben , sie machten alle trübe Gesichter , aber keiner teilte mir die Nachricht mit .
Nachts um ein Uhr nach Haus ;
die Zeitung lag an meinem Bett , ich las die Anzeige seines Todes , ich war allein , ich brauchte keinem Red und Antwort zu geben über mein Gefühl ;
ich konnte so ruhig dabei sein und entgegensehen allem , was es mir bringen werde ;
da war's ganz deutlich , daß diese Liebesquelle mir nicht versiegt sei mit dem Tod , ich schlief ein und träumte von ihm und erwachte , um mich zu freuen , daß ich ihn eben im Traum gesehen , und ich schlief wieder ein , um weiter von ihm zu träumen , und so verging mir diese Nacht voll süßem Trost , und ich war gewiß , sein Geist habe sich mit mir versöhnt , und nichts sei mir verloren .
Wem sollte ich nun wohl dies verwaiste Blatt vererben als dem Freund , der mit so innigem Anteil mich von ihm sprechen hörte , und wenn es ihm auch nur wär , was ein falbes Blatt ist , das der Wind vor seinen Füßen hinwirbelt , er wird doch erkennen , daß es am edlen Stamm gewachsen ist .
– Ich will den Ausgang jenes Abends mit Goethe hier auserzählen :
Als ich wegging , begleitete er mit der Kerze mich ins zweite Zimmer , indem er mich umfaßte , fiel das brennende Licht an die Erde , ich wollte es aufheben , er aber litt es nicht .
, sagte er , , sagte er ;
so küßte er mich auf die Stirn und schob mich zur Tür hinaus .
Wär es nicht unrecht , daß am Fest der Verklärung die Nebel geheimer Vorwürfe aufstiegen und den sonnenhellen Horizont verdunkelten , so würde ich dem Freund hier verklagen , grade die , von der er weiß , daß sie gern rein und frei von jedem Fehl in der Liebe erscheinen möchte , ja dies beschämte Herz !
Sieh , wie groß seine Vergehen sind gegen die Liebe , der nicht bloß ein Zweig vom heiligen Baum des Ruhms anvertraut war , nein , der Baum selbst , der diese Sprossen sich ewig verjüngend treibt , war ihr zur Pflege befohlen , und sie hat sein nicht geachtet , ist nicht geblieben im Schutze dieses Baumes , der ohne sie fortgrünte .
* * * An Goethe Aufgefahren gen Himmel !
Die Welt leer , die Triften öde ;
denn gewiß ist's , daß Dein Fuß hier nicht mehr wandert .
Mag auch Sonnenschein die Wipfel jener Bäume beglänzen , die Du gepflanzt hast !
Mag sich das Gewölk teilen und der blaue Himmel sich ihnen auftun :
sie wachsen nicht hinein ;
aber die Liebe ?
– Wie wär's , wenn die ihre Blütenkrone da oben als Teppich zu Deinen Füßen ausbreite ?
Wenn sie hinaufstrebte fort und fort , bis ihr Wipfel anstieß an den Schemel Deiner Füße und dort alle Blüten entfaltend , ihren Duft um Dich schwenkend :
– wär das nicht auch zu den Himmelsfreuden zu zählen ?
– Ich hab Vertrauen , daß Du mich hörst , daß mein Ruf aufwärts gehe zu Dir .
– Hier auf Erden , da war's nicht möglich .
Das Marktgewühl des alltäglichen Lebens ließ die Sehnsucht nicht durchdringen , keine einsame vertrauliche Zeit kam ihr zu Hilfe , ich selbst sagte mir hundertmal :
– Herr !
Der mich hört , dem ich vertraue , daß er mich höre :
gib Antwort .
– Seit sie Dich tot sagen , klopft mir das Herz vor heimlicher Erwartung .
Es ist , als hättest Du mich dahin bestellt , um mich zu überraschen wie sonst im Garten , wo Du aus umbuschten Nebenwegen hervortratst , den reifen Apfel in der Hand , den ich dann vor Dir herwarf , um Dich den Weg zu lenken in die Laube , wo die große Kugel am Boden lag .
Da sagtest Du :
– Ja , die Welt und ich , wir lagen zu Deinen Füßen , jene kalte Welt , über der erhaben Du standest , und ich , die zu Dir hinaufstrebte .
So kam's auch :
die Welt blieb liegen , und mich zogst Du ans Herz .
An Deinem Herzen , mein Freund , das warm schlug , wer kann ermessen , wie selig das war .
Herr !
Ist das alles wieder zu erwerben , mit süßem Bewußtsein noch einmal zu durchleben ?
– O der falschen Welt , die uns trennte und mich wegführte , mich armes blindes Kind von meinem Herrn !
Was hab ich gesucht ?
– Was hab ich gefunden ?
– Wer hat mich freudig angelächelt ?
– Wessen Umarmung hab ich ausgefüllt mit der liebenden Gewißheit , daß er nichts Seligeres umfassen könne ?
– Du warst zufrieden mit mir .
Dich freute es zu sehen , wie aus dem Kinderherzen die Quelle der Begeistrung für Dich hervorbrach , warum mußte diese Quelle versiegen ?
– Konnte , sollte nicht der ganze Lebensstrom Deinem Lächeln , Deinem Grüßen und Nicken dahinfließen ?
– Wo war es schön als nur bei Dir ?
– Du kanntest die Grazien , ihr ferner Schritt schon gab den Rhythmus Deiner Begeisterung .
– Das stille Feuer Deiner dunklen Augen , die Ruhe Deiner Glieder , Dein kindlich Lächeln zu meiner List im Erzählen , Deine gelehrige Andacht für meine Begeistrung .
Ja , und Du senktest Dein heilig Haupt zu mir herab und sahst mich an , die ich geweiht war durch Deine Nähe .
* * * An den Freund Vielleicht verscherz ich Dein bißchen Andacht zu mir , daß ich Dich so tief in den Schacht meines Herzens einsenke , wo es so wunderlich hergeht , daß die Leute sagen würden , es sei Narrheit .
– Ja , Narrheit ist die rechte Scheidewand zwischen dem ewig Unsterblichen und dem zeitlich Vergänglichen .
Es scheue keiner , die irdischen Gewande zu versehren am göttlichen Feuer .
Du bist mein Freund , oder bist Du's auch nicht , ich weiß es nicht , immer muß ich Dich so annehmen , da Du mitten im Geheimnis meiner Brust stehst wie ein Pfeiler , an den ich mich anlehne , und wie der gewandte Schwimmer von gefährlicher Höhe sich in die Fluten stürzt vor solchen Augen , denen er seine Kühnheit bewähren möchte , so wage ich , weil Du mir Zeuge bist , diesen dämonischen Gewalten mich anheim zu geben , diese Tränenflut , in der ich spiele , diese Frühlingsbegeistrung meiner Liebeszeit zu Goethe und die Vorwürfe , die in mir aufsteigen würden , mir
das Herz zerreißen , wenn ich nicht den Freund hätte , der zuhörte und nachempfände , was ich hier ausspreche .
Der letzte Akt der Blütezeit ist , daß sie ihren befruchtenden Staub mit dem Samen in ihrem Kelch mische , dann tragen die Lüfte sich spielend mit ihren gelösten Blättern und gaukeln eine Weile mit dem Schmuck der Begeistrung .
Bald sieht kein Auge mehr von ihrem Glanz , ihre Zeit ist vorüber ;
der Same aber quillt und offenbart in der Frucht das Geheimnis der Erzeugung .
Vielleicht , wenn diese Blätter der Begeistrung vom Stamme gelöst dahinwirbeln und wie jene kleinen Blütenkronen , nachdem sie ihren Duft ausgehaucht , vom irdischen Staub beschwert , flügellahm sich endlich unter die Erde betten , daß es dann in dem Herzen des Freundes , dem sie duften , auch quillt und der Segen dieser schönen Liebe zwischen dem Dichter und dem Kinde sich an seinem Geist bewähre und ihn zu der Schönheit befruchte , deren Abbild in seinen edlen Zügen sich malt .
* * * An Goethe Wie begierig nach Liebe warst Du !
Wie begierig warst Du , geliebt zu sein !
– – so fragtest Du , und ich sah Dich an und schwieg .
Wenn ich dann aufgeregt durch solche Reden Dir mein Herz aussprach , da sagtest Du :
– Goethe , hör mich an !
– Heute spricht auch die Liebe aus mir ;
heute am dreißigsten März , acht Tage nach dem , welchen man als den Tag Deines Todes bezeichnet , seit welchem Tag alle Deine Rechte mir im Busen sich geltend machen , als läg ich noch zu Deinen Füßen ;
heute will die Liebe Dir klagen :
Du !
Oben – über den Wolken , nicht getrübt durch ihre Schwere , nicht gestört durch ihre Tränen ;
können Klagen in Dein Ohr dringen ?
– O löse meine Klagen auf und erlöse mich , mache mich frei von dieser Sehnsucht , erkannt zu werden , und daß man meiner auch bedürfen möge , – hast Du nicht mich erkannt ?
– ja , mit prophetischer Stimme schlummernde Kräfte der Begeistrung in mir geweckt , die mir ewige Jugend zusagen , die mich weit über die Fähigkeit der Menschen , sich mir zu nähern , hinwegtragen ?
Hast Du mir nicht reichlich ersetzt im ersten Einklang mit meinem Herzen alles , was je mir konnte entzogen werden ?
Du , an den zu denken mir leises Gewittern im Herzen erregt , wo's gleich elektrisch schauert durch den Geist , wo gleich Schlummer befällt das äußere Leben – und keine Erkenntnis mehr von den Ansprüchen der äußeren Welt .
– Wer hat je mein Herz gefragt ?
– Wer hat sich geneigt zur Blume , um ihre Farbe zu erkennen und ihren Duft zu atmen ?
– Wem hätte der Klang meiner Stimme ( von der Du sagtest :
Du fühlest , was Echo fühlen müsse , wenn die Stimme eines Liebenden an ihrer Brust widerhalle ) eine Ahnung gegeben , welche Geheimnisse kraft Deiner dichterischen Segnungen sie auszusprechen vermöge ?
O Goethe !
Du allein hast den Schemel Deiner Füße mir hingerückt und mir erlaubt , in Deiner Nähe meine Begeistrung auszuströmen .
– Was jammere ich denn ?
– Daß es so still ist um mich ?
– Daß ich so einsam bin ?
– Nun wohl !
– In dieser einsamen Weite , wenn es einen Widerhall meiner Gefühle gibt , kannst nur Du es sein ;
wenn eine Tröstung mir zuweht aus freier Luft , so ist es der Atem Deines Geistes .
Wer würde auch verstehen , was wir hier miteinander sprechen , wer würde sich feierlich fügen dem Gespräch Deines Geistes mit mir .
– Goethe !
– Es ist nicht mehr süß , unser Zusammensein !
Es ist kein Kosen , kein Scherzen ;
die Grazien räumen nicht mehr um Dich her auf und ordnen jede Liebeslaune , jede Spielerei des Witzes zu heiteren Gedichten .
– Die Küsse , die Seufzer , Tränen und Lächeln jagen und necken einander nicht mehr , es ist feierliche Stille , es ist feierliche Wehmut , die mich ganz durchgreift .
In meiner Brust ordnen sich die Harmonien , die Tonarten lösen sich voneinander , jede fühlt die Organe ihrer Verwandtschaften in sich mächtig , und was sie vermag .
So ist es in meiner Brust , weil ich's wage , mich vor Dich zu stellen , mitten in Deinen Weg , den Du eilend durchjagst , und Dich zu fragen :
Kennst Du mich noch ?
– die außer Dir niemand kennt ?
– Siehe , inmitten dieser Brust steht der reine Kelch der Liebe , gefüllt bis zum Rand mit herbem Trank , mit bitteren Tränen schmerzlichen Entbehrens .
Wenn die Harmonien übergehen ineinander , dann wird der Kelch erschüttert , dann strömen die Tränen ;
sie fließen Dir , der Du die Totenopfer liebst , der Du sagtest :
Ja !
Damals wollte ich :
allein in meinem Busen solltest Du erwachen ;
und es ist wahr geworden , und dicht hinter mir und Dir ist das Leben abgeschlossen .
Ach , ich bin Deiner heiligen Gegenwart nicht gewachsen , ich wage zu viel und stürze zusammen und sehne mich nach einer Brust , die lebt unter den Lebenden , die meine Geheimnisse aufnimmt und mich wärmt ;
denn :
vor Dir stehen gibt schauerliche Kälte ;
und die Hände muß ich ringen , daß ich Deiner so verinnigt zu denken wage .
Nein !
– Nicht Dich rufen !
– Nicht die Hände nach Dir ausstrecken , in dieser seltsamen schauerlichen Stunde nach Dir forschen über den Sternen , hinaufsehen , Deinen Namen rufen ?
– Ich wage es nicht !
– O ich fürchte mich !
– Besser bescheiden den Blick senken auf das Grab , was Dich deckt ;
Blumen sammeln , sie Dir hinstreuen ;
ja , die süßen Blumen der Erinnerung , alle wollen wir sammeln , sie duften so geistig , mag sie einer bewahren zu Deinem und meinem Gedenken , oder mag sie der Zufall verwehen , einmal will ich die süßen Geschichten der Vergangenheit noch durchgehen .
Heute erzähle ich Dir , wie Du mich in dunkler Nacht unbekannte Wege führtest , das war in Weimar auf dem Markt , als wir an eine Treppe kamen und Du zuerst niederstiegst und als ich unsicher zu folgen versuchte , mich in Deinen Mantel gehüllt dahin trugst ;
Herr !
Ist es wahr ?
– Hast mich in beiden Armen schwebend getragen ?
Viertes Kapitel Um sieben war zurück .
Er traf Thilde im Entree .
Und acht war kaum vorüber , so klingelte es auch , und Rybinski war wieder da und wurde hineingeführt .
, sagte Rybinski und schob einen Stuhl an das Sofa .
Rybinski nickte .
Indem klopfte es .
Großmann erhob sich und ging auf die Tür zu und öffnete .
Draußen stand .
Sie müsse noch in die Stadt , und weil keiner da sei außer ihrer Mutter , wolle sie nur fragen , ob noch irgendwas zu Abend beföhle .
Als er seinen Platz wieder eingenommen hatte , sagte Rybinski :
5. Kapitel Fünftes Kapitel Die nächsten Tage vergingen ruhig .
Am Vormittag hatte Hugo sein Repetitorium , dann ging er zu Tisch , dann nach Wilmersdorf ;
am Abend war er zu Haus , wenigstens meist , und war alles in allem ein Muster von Solidität .
Was Mathilden auffiel , war sein Studium .
Aus allem , was sie sah und auch aus Andeutungen von ihm selber hörte , ging hervor , daß er sich zu einem Examen vorbereitete , er steckte auch jeden Morgen , wenn er ausging , immer ein Buch oder ein Heft zu sich , trotzdem war ihr klar , daß , wenn er wieder zu Hause war , von Studien keine Rede war .
Auf einem am Fenster stehenden Stehpult , das er sich angeschafft hatte , lagen zwar ein paar dicke Bücher umher , aber sie hatten jeden Morgen eine dünne Staubdecke , Beweis genug , daß er sich den Abend über nicht damit beschäftigt hatte .
Was er las , waren Romane , besonders auch Stücke , von denen er jeden zweiten , dritten Tag mehrere nach Hause brachte ;
es waren die kleinen Reclam-Bändchen , von denen immer mehrere auf dem Sofatisch lagen , eingeknifft und mit Zeichen oder auch mit Bleistiftstrichen versehn .
Mathilde konnte genau kontrollieren , was ihm gefallen oder seine Zweifel geweckt hatte , denn es kamen auch Stellen mit Ausrufungs- und selbst mit drei Fragezeichen vor .
Aber das waren doch nur wenige ;
hatte die meisten Zeichen und Randglossen und schien ihn am meisten interessiert zu haben .
, sagte Thilde , Das hatte freilich seine Richtigkeit .
Rybinski war seit seinem ersten Besuche noch nicht wieder dagewesen , aber am Abend desselben Tages , wo diese Betrachtungen gemacht hatte , kam er und traf auch seinen zu Haus .
Und damit brach der Freund wieder auf , weil er noch hunderterlei zu tun und zu bedenken habe .
Lucian .
Peregrin .
Lucian .
Peregrin .
Lucian .
Peregrin .
Lucian .
Peregrin .
Lucian .
Sechzehntes Kapitel An dem Morgen , welcher dieser schlaflosen Nacht folgte , fürchtete und wünschte ich zugleich , wiederzusehen .
Ich sehnte mich , seine Stimme zu hören , und doch fürchtete ich , seinem Blicke zu begegnen .
Während der ersten Morgenstunden erwartete ich jeden Augenblick , ihn kommen zu sehen .
Es war nicht seine stete Gewohnheit , in das Schulzimmer zu kommen , aber zuweilen trat er auf einige Minuten ein , und ich hatte die Idee , daß er an diesem Tage gewiß kommen würde .
Aber der Morgen ging hin wie gewöhnlich ;
nichts trug sich zu , das den ruhigen Verlauf von Adelens Studien hätte stören können .
Nur kurz nach dem Frühstück vernahm ich einigen Lärm in der Nähe von Zimmer , Stimme , und Leahs und der Köchin , welche Johns Frau war , – sogar Johns eigene rauhe Töne hörte ich .
Ich vernahm Ausrufe , wie – – u.s.w. u.s.w. Auf dies endlose vertrauliche Gespräch folgte das Geräusch von Reiben und Waschen und Aufräumen ;
und als ich auf dem Wege hinunter zum Mittagessen an dem Zimmer vorüberging , sah ich durch die geöffnete Thür , daß sich alles bereits wieder in der alten Ordnung befand ;
nur von dem Bette waren die Vorhänge heruntergenommen .
Leah stand in der Fenstervertiefung und rieb die Glasscheiben , welche durch den Rauch geschwärzt waren .
Ich war im Begriff , sie anzureden , denn ich wünschte zu wissen , welche Deutung der Sache gegeben worden ;
als ich jedoch näher trat , sah ich noch eine zweite Person im Zimmer – eine Frau , die neben dem Bette saß und Ringe an die neuen Vorhänge nähte .
Diese Frau war keine andere als .
Da saß sie , ruhig und schweigsam wie gewöhnlich , in ihrem braunen Wollkleide , der karrierten Schürze , dem weißen Halstuche und der Haube .
Sie war emsig mit ihrer Arbeit beschäftigt , in welcher alle ihre Gedanken aufzugehen schienen ;
auf ihrer harten Stirn und in ihren gewöhnlichen Zügen war nichts von der Blässe und der Verzweiflung sichtbar , welche man als Kennzeichen auf dem Gesichte einer Frau erwartet haben würde , die einen Mordversuch begangen hatte , und deren auserkorenes Opfer ihr am vorhergehenden Abende in ihren Schlupfwinkel gefolgt war und sie – wie ich glaubte – sie des Verbrechens angeklagt hatte , das sie zu verüben beabsichtigt hatte .
Ich war erstaunt – versteinert .
Sie sah auf , als ich sie noch anstarrte .
Sie fuhr nicht zusammen , kein Wechsel der Farbe verriet irgend eine Bewegung , von der man auf ein Schuldbewußtsein hätte schließen können , oder auf eine Furcht vor Entdeckung .
Sie sagte :
in ihrer gewöhnlichen , kurzen , phlegmatischen Weise .
Dann nahm sie einen neuen Ring und ein Stück Schnur zur Hand und fuhr fort zu nähen .
dachte ich , sagte ich .
sagte ich leise , dann fuhr ich fort und blickte sie fest an :
Wiederum blickte sie zu mir auf , und diesmal glaubte ich etwas wie Schuldbewußtsein in ihren Augen zu entdecken .
Sie schien mich genau zu prüfen , dann entgegnete sie :
Sie hielt inne und fügte dann mit einer gewissen angenommenen Gleichgiltigkeit , aber immer noch in sehr bedeutsamem und markiertem Tone hinzu :
sagte ich so leise wie möglich , so daß Leah , welche noch immer die Scheiben putzte , mich nicht hören konnte , Sie nahm einen neuen Faden für ihre Nadel , wichste ihn sorgsam , fädelte ihn mit fester Hand ein und bemerkte dann mit vollkommener Fassung :
sagte ich mit einiger Heftigkeit , denn ihre eiserne Ruhe reizte mich .
Wiederum blickte sie mich an und mit denselben durchdringenden , prüfenden Blicken .
fragte sie .
fragte sie weiter .
Sie schien ein Kreuzverhör mit mir anstellen zu wollen , indem sie mir unvermutet Antworten zu entreißen suchte .
Plötzlich kam mir der Gedanke , daß wenn sie entdeckte , daß ich von ihrer Schuld etwas wisse , sie mir einige von ihren boshaften Streichen spiele würde .
So hielt ich es denn für ratsam , auf meiner Hut zu sein .
sagte ich , Empörung trug wiederum den Sieg über die Vorsicht davon .
Ich erwiderte scharf :
und ich legte einen besonderen Nachdruck auf die Worte , lautete ihre Antwort , Und damit schloß sie ihre Rede .
Es war eine sehr lange für sie und sie hielt dieselbe mit dem Ernst einer Quäkerin .
Ich stand noch vollständig erstarrt und verdutzt über das , was ich für ihre wunderbare Selbstbeherrschung und undurchdringliche Heuchelei hielt , als die Köchin eintrat .
sagte sie zu Grace gewendet , Hier wandte die Köchin sich zu mir und zeigte mir an , daß mich erwarte .
Dann ging ich .
So sehr war ich damit beschäftigt , mein Gehirn über rätselhaften Charakter zu zermartern , daß ich während des Mittagessens Erzählung von dem Vorhangbrand gar nicht hörte .
Und noch mehr dachte ich über ihre Stellung in Thornfield-Hall nach , ich fragte mich , weshalb man sie an diesem Morgen nicht ins Gefängnis gesteckt habe , oder sie doch wenigstens aus Dienst entlassen habe .
Am vorhergehenden Abend hatte er mir ja fast mit klaren Worten seine Überzeugung von ihrer Schuld mitgeteilt ;
welche geheimnisvolle Ursache hielt ihn denn zurück , sie anzuklagen ?
Weshalb hatte er auch mir die tiefste Verschwiegenheit anempfohlen ?
Es war doch seltsam .
Ein kühner , mutiger , rachsüchtiger , hochmütiger Gentleman schien in der Macht einer der niedrigsten seiner Untergebenen zu sein ;
so sehr in ihrer Macht , daß er nicht einmal wagte , sie öffentlich anzuklagen , viel weniger sie zu bestrafen , als sie ihre Hand gegen sein Leben erhob .
Wenn Grace jung und schön gewesen wäre , so würde ich geglaubt haben , daß zartere Gefühle als Furcht oder Vorsicht in Bezug auf sie beherrschten ;
aber häßlich und unangenehm und alt wie sie war , konnte ich einem solchen Gedanken nicht Raum geben .
dachte ich weiter , Als ich aber bei diesem Punkt meiner Vermutungen angekommen war , standen vierschrötige , flache Figur , ihr häßliches , unangenehmes , trockenes , sogar rohes Gesicht so deutlich vor meinem inneren Auge , daß ich dachte :
sagte wieder die geheime Stimme , die in unserem Herzen zu uns spricht , Ich erinnerte mich an alles , an seine Sprache , an seinen Blick , an seinen Ton ;
alles stand wieder lebendig vor mir .
Jetzt war ich im Schulzimmer ;
Adele zeichnete ;
ich beugte mich über sie und führte ihren Zeichenstift .
Plötzlich fuhr sie zusammen und blickte zu mir auf .
sagte sie .
1 « Sie fuhr fort mit dem Zeichnen , ich mit dem Denken .
Ich beeilte mich , den verhaßten Gedanken , welchen ich in Bezug auf gefaßt hatte aus meinem Gehirn zu verjagen , er ekelte mich an .
Ich verglich mich mit ihr und fand , daß wir sehr verschieden waren .
hatte gesagt , daß ich wie eine Dame aussähe , und sie sagte die Wahrheit :
ich war eine Dame .
Und jetzt war ich viel hübscher als damals , wo Bessie mich aufgesucht :
ich hatte frische Farben und war stärker geworden ;
mein Geist war erwacht , ich war voll Leben und Lebenslust , weil ich fröhlichere Hoffnungen und innigere Freuden hatte .
sagte ich und blickte zum Fenster hinaus .
Als die Dämmerung vollständig hereingebrochen war , und Adele mich verlassen hatte , um mit Sophie in der Kinderstube zu spielen , sehnte ich mich nach einem Wiedersehen .
Ich horchte , ob die Glocke unten in der Halle nicht ertönen werde ;
ich horchte , ob Leah nicht mit einem Bescheid nach oben kommen würde ;
zuweilen bildete ich mir ein , Schritt zu hören und ich wandte mich der Thür zu in der festen Erwartung , ihn eintreten zu sehen .
Die Thür blieb geschlossen , nur Dunkelheit blickte ins Fenster .
Und doch war es noch nicht spät ;
oft schickte er erst um sieben , acht Uhr , um mich holen zu lassen , und jetzt war es erst sechs Uhr .
Heute Abend konnte er mich doch nicht umsonst hoffen lassen , heute , wo ich ihm so viel zu sagen hatte !
Ich beabsichtigte noch einmal , das Gespräch auf zu lenken , um zu hören , was er mir antworten würde ;
ich wollte ihn fragen , ob er wirklich glaube , daß sie den schändlichen Mordversuch von gestern Abend begangen , und wenn es der Fall , weshalb er dann ein Geheimnis aus ihrer Schlechtigkeit mache .
Es sollte mich wenig kümmern , ob meine Neugierde ihn ärgerte ;
ich kannte das Vergnügen , ihn abwechselnd zu reizen und wieder zu besänftigen ;
es war eins , an dem ich besondere Freude fand , und ein sicherer Instinkt bewahrte mich stets davor , zu weit zu gehen ;
über die Grenze des Reizens ging ich niemals hinaus , aber ich liebte es , meine Geschicklichkeit auf der äußersten Grenze zu prüfen .
Indem ich selbst die kleine Förmlichkeit der Hochachtung , jede Pflicht meines Standes beobachtete , konnte ich mich doch ohne unbehaglichen Zwang , ohne Furcht mit ihm auf Argumente einlassen , und dies unterhielt sowohl ihn wie mich .
Endlich knarrte die Treppe unter Fußtritten ;
Leah trat ein , aber es war nur um mir anzuzeigen , daß der Thee in Zimmer bereitet sei .
Dorthin begab ich mich , froh überhaupt hinuntergehen zu können , denn ich bildete mir ein , daß dies mich wenigstens Person etwas näher brächte .
sagte die gute Dame , als ich zu ihr ins Zimmer kam , fuhr sie fort , Als sie mit ihrer Arbeit zu Ende war , erhob sie sich , um den Vorhang herabzulassen , der bis jetzt aufgezogen gewesen , wahrscheinlich um noch das letzte Tageslicht für die Strickerei benützen zu können .
Jetzt ging die Dämmerung in vollständige Dunkelheit über .
sagte sie , indem sie einen Blick durch die Scheiben warf , Ich war im Begriff , auf die Möglichkeit einer Verbindung zwischen und der schönen Blanche zurückzukommen , als Adele ins Zimmer kam und die Unterhaltung in andere Bahnen gelenkt wurde .
Als ich wieder allein war , dachte ich über die Mitteilungen nach , welche mir gemacht worden ;
ich sah in mein eigenes Herz , prüfte seine Gedanken und Empfindungen , und bemühte mich ernstlich , solche , welche durch die end- und pfadlose Wüste der Einbildungskraft geschweift waren , mit fester Hand in die enge Bahn der Vernunft zurückzuführen .
Vor meine eigenen Gerichtsschranken geführt , hatte mein Gedächtnis Zeugnis abgelegt von den Hoffnungen , Wünschen und Gefühlen , die seit der letzten Nacht in mir erstanden waren – von dem allgemeinen Gemütszustand , dem ich mich seit beinahe vierzehn Tagen hingegeben hatte ;
die Vernunft war vorgetreten und hatte in ihrer eigenen ruhigen Weise eine einfache , ungeschmückte Erzählung gegeben , wie ich die Wirklichkeit verworfen und das Ideal mit Heißhunger verschlungen hatte – da sprach ich folgendes Urteil :
sagte ich , » von wohl gelitten ?
Du mit der Macht begabt , ihm zu gefallen ?
Du von irgend einer Bedeutung für ihn ?
beschloß ich , und nachdem dieser Entschluß besiegelt war , wurde ich ruhig und fiel in einen tiefen Schlaf .
Ich hielt mein Wort .
Eine oder zwei Stunden genügten , um mein eigenes Bild in Crayon zu zeichnen ;
und in weniger als einer Stunde hatte ich ein Miniaturbild der imaginären auf Elfenbein vollendet .
Es war ein gar liebliches Bild , und wenn ich es mit dem der Wirklichkeit nachgezeichneten Kopfe in Crayons verglich , so war der Kontrast so groß , wie die Selbsterkenntnis ihn nur immer wünschen konnte .
Die Arbeit war eine Wohlthat für mich .
Sie hatte meinen Kopf und meine Hände beschäftigt und den neuen Eindrücken , welche ich unauslöschlich in mein Herz graben wollte , Kraft und Festigkeit verliehen .
Es dauerte nicht lange , und ich hatte alle Ursache , mir zu dem Verlauf der strengen Disziplin , welcher ich meine Gefühle in dieser Weise unterworfen hatte , Glück zu wünschen .
Dank ihr , war ich imstande , später folgenden Begebenheiten mit der nötigen , gebührenden Ruhe zu begegnen , Begebenheiten , die , wenn sie mich unvorbereitet gefunden hätten , mir wahrscheinlich sogar jede äußere Fassung geraubt haben würden .
Fußnoten 1 2 Wiese Siebenzehntes Kapitel Siebenzehntes Kapitel Eine Woche verging , und von kam keine Nachricht .
Zehn Tage ;
und immer kam er noch nicht .
sagte , daß sie durchaus nicht erstaunt sein würde , wenn er von Leas direkt nach London und von dort nach dem Kontinent gehen würde , ohne vor Ablauf eines ganzen Jahres den Fuß wieder nach Thornfield-Hall zu setzen .
Schon oft habe er das alte Haus ebenso unerwartet und jäh verlassen .
Als ich dies hörte , kam eine ohnmächtige Schwäche über mich , mein Herz stand fast still .
Ich erlaubte mir in der That , ein betäubendes , niederschmetterndes Gefühl der Enttäuschung zu verspüren ;
aber all meinen Verstand zusammenraffend und mich meiner erst kürzlich gefaßten Grundsätze erinnernd , rief ich mit aller Gewalt meine Vernunft wieder zur Ordnung , und es war wunderbar , wie ich meine temporäre Tölpelei wieder gut machte ;
wie ich mir selbst erklärte , daß es ein grober Irrtum sei , wenn ich vermeinte , daß Thun und Lassen ein bedeutendes Interesse für mich habe .
Nicht daß ich mich mit einer sklavischen Idee von Niedrigkeit gedemütigt hätte – im Gegenteil , ich sagte nur :
Ruhig verrichtete ich die Geschäfte des Tages ;
aber dann und wann drängten sich meinem Hirn Gründe auf , die mir als Vorwand dienen könnten , um Thornfield-Hall zu verlassen ;
und unwillkürlich setzte ich Annoncen auf und stellte Betrachtungen über neue Stellungen an ;
diese Gedanken zu unterdrücken hielt ich nicht für nötig .
Sie sollten nur keimen und Früchte tragen , wenn es möglich war .
war ungefähr vierzehn Tage abwesend gewesen , als die Post einen Brief für brachte .
sagte sie , als sie die Adresse las .
Und während sie das Siegel brach und den Inhalt langsam durchlas , fuhr ich fort , meinen Kaffee zu trinken , ( wir saßen nämlich beim Frühstück ) , er war sehr heiß , und diesem Umstande schrieb ich es zu , daß eine feurige Glut plötzlich mein Gesicht überzog .
Weshalb meine Hand zitterte , und ich unwillkürlich die Hälfte des Inhalts meiner Tasse in die Unterschale vergoß – darüber wollte ich nicht weiter nachdenken .
sagte , während sie noch immer den Brief vor ihre Brillengläser hielt .
Bevor ich mir noch erlaubte , um eine Erklärung zu bitten , band ich Adelens Schürzenbänder , die lose herabhingen , zusammen .
Nachdem ich ihr noch einen Kuchen gegeben und ihren Becher wiederum mit Milch gefüllt hatte , sagte ich ganz nachlässig :
Und verschlang schnell ihr Frühstück und eilte von dannen , um mit den Operationen zu beginnen .
Wie sie es vorausgesagt , brachten die drei Tage Beschäftigung genug .
Ich hatte immer geglaubt , daß all die Zimmer in Thornfield-Hall aufs schönste gereinigt und arrangiert gewesen seien .
Aber es scheint , daß ich mich geirrt hatte .
Drei Frauen wurden geholt , um Hilfsdienste zu leisten , und niemals habe ich vorher und nachher ein solches Scheuern , solches Bürsten , solches Waschen von Wänden , solches Ausklopfen von Teppichen , solches Herabnehmen und Aufhängen von Bildern , solches Polieren von Spiegeln und Kronleuchtern , solch ein Anzünden von Kaminfeuern in Schlafzimmern , solch ein Lüften von Betttüchern und Federbetten auf Küchenherden u.s.w. u.s.w. gesehen .
Adele rannte inmitten all dieser Vorgänge wie wild umher .
Die Vorbereitungen für die Besucher und die Aussicht auf ihre Ankunft schienen sie förmlich in Extase zu versetzen .
Sie wollte , daß Sophie all ihre , wie sie ihre Kleider nannte , genau durchsehen solle ;
jene , welche seien , seien wieder aufzufrischen und die neuen zu nähen und aufzuputzen .
Was sie selbst anbetraf , that sie nichts , als in den Vorderzimmern umherzulaufen , auf die Bettstellen hinauf und wieder herab zu springen und sich vor den enormen Feuern , welche in den Kaminen emporloderten , auf den aufgehäuften Matratzen und Kopfkissen und Federpolstern umherzuwälzen .
Von allen Schulpflichten war sie dispensiert ;
hatte mich gezwungen , ihr Dienste zu leisten , und ich war während des ganzen Tages in den Vorratskammern , ihr und der Köchin helfend oder auch sie in ihrer Arbeit hindernd ;
ich lernte Käsekuchen und französische Confituren und Eierrahm machen , Dessertschüsseln garnieren und Wildbraten spicken .
Die Gesellschaft wurde am Donnerstag Nachmittag erwartet , früh genug , um das Diner um sechs Uhr einnehmen zu können .
In der dazwischenliegenden Zeit hatte ich nicht Muße , meinen Chimären nachzuhängen , und ich glaube , daß ich ebenso fröhlich und thätig war wie alle anderen – mit Ausnahme Adelens .
Aber dann und wann wurde meine Fröhlichkeit doch gedämpft , und gegen meinen Willen verfiel ich wieder in die Region der Zweifel und Möglichkeiten und dunklen Vermuthungen .
Dies geschah immer nur , wenn mein Auge zufällig auf die Treppenthür des dritten Stockwerks fiel , und diese , die in der jüngsten Zeit immer verschlossen gewesen , sich langsam öffnete und Gestalt mit sauberer Mütze , weißer Schürze und Halstuch heraustrat .
Oft sah ich sie die Galerie hinuntergleiten , ihr leiser Tritt noch durch dicke Filzschuhe gedämpft ;
dann pflegte sie wohl in eins der Schlafzimmer zu treten , in denen alles drunter und drüber ging , und den Arbeitsfrauen Anweisungen zu geben , wie man ein Kamingitter am besten polieren oder ein Kaminsims reinigen oder Flecke von den Tapeten entfernen könne .
Dann ging sie weiter .
So stieg sie einmal am Tage in die Küche hinunter , aß ihr Mittagsmahl , rauchte eine kleine Pfeife in der Ofenecke und ging dann zurück , ihren Topf mit Porter zu ihrem Privat-Trost in ihren eigenen , düsteren , oberen Schlupfwinkel mit sich nehmend .
Nur eine einzige Stunde von vierundzwanzig brachte sie mit den übrigen Dienstboten unten in der Küche zu , ihre übrige Zeit ging in einem niedrigen , mit Eichenholz verkleideten Gemache des zweiten Stockwerks hin .
Dort saß sie und nähte – vielleicht lachte sie auch in ihrer unheimlichen Weise vor sich hin – so einsam , so verlassen , wie ein Verbrecher in seiner Gefängniszelle .
Das Sonderbarste bei all diesem war , daß außer mir keine Seele im ganzen Hause ihre Gewohnheiten zu bemerken oder sich über dieselben zu wundern schien .
Niemand sprach über ihre Stellung oder ihre Beschäftigung ;
niemand bemitleidete sie wegen ihrer Vereinsamung .
In der That hörte ich einmal einen Teil des Gesprächs zwischen Leah und einer der Arbeiterinnen , dessen Gegenstand Grace bildete .
Leah hatte etwas gesagt , das ich nicht vernommen , und die Arbeitsfrau bemerkte :
sagte Leah , sagte die Scheuerfrau .
fiel Leah mit einer eigentümlichen Betonung ein , lautete die Antwort .
Die Tagelöhnerin wollte noch weiter sprechen , aber hier wandte Leah sich um und ward meiner ansichtig .
Augenblicklich gab sie ihrer Gefährtin einen Rippenstoß .
hörte ich die Frau flüstern .
Leah schüttelte den Kopf , und hier nahm die Unterhaltung ein Ende .
Alles , was ich daraus entnommen , war folgendes :
es mußte ein Geheimnis in Thornfield geben ;
und ich war mit Absicht von der Mitwissenschaft dieses Geheimnisses ausgeschlossen .
Der Donnerstag kam ;
am Abend zuvor waren wir mit aller Arbeit fertig geworden ;
die Teppiche waren ausgespannt , die Bettvorhänge aufgesteckt , glänzend weiße Bettdecken ausgebreitet , Toilette-Tische arrangiert , die Möbeln poliert , Blumen in Vasen gesteckt .
Auch die große Halle war gereinigt , die Stufen und Geländer der Treppe so wie die alte geschnitzte Stehuhr waren so blank gerieben wie Glas ;
im Speisezimmer funkelte das Silberzeug auf der Kredenz ;
im Boudoir und Salon begegneten dem Auge überall Vasen mit exotischen Blumen .
Der Nachmittag kam .
legte ihr bestes , schwarzes Atlaskleid , ihre Handschuhe , ihre goldene Uhr mit Kette an , denn es lag ihr ob , die Gesellschaft zu empfangen – die Damen in ihre Zimmer zu führen , u.s.w. – Auch Adele wollte angezogen sein , obgleich ich der Ansicht war , daß sie nur wenig Aussicht habe , an diesem Tage wenigstens noch in die Gesellschaft eingeführt zu werden .
Indessen , um ihr eine Freude zu machen , gestattete ich Sophie , ihr eins ihrer reichen , vollen , weißen Musselinkleider anzuziehen .
Was mich anbetraf , so hatte ich nicht nötig , irgend eine Änderung an meiner Toilette vorzunehmen ;
von mir würde ja niemand verlangen , das Sanktuarium meines Schulzimmers zu verlassen – denn ein Sanktuarium war es jetzt für mich geworden – Es war ein klarer , milder Frühlingstag gewesen , einer jener Tage , die sich gegen Ende März oder Anfang April strahlend über die Erde emporheben wie die Herolde des Sommers .
Jetzt ging er zu Ende ;
aber auch der Abend war warm und ich saß mit meiner Arbeit an dem geöffneten Fenster des Schulzimmers .
bemerkte , die in ihrem rauschenden Staat eintrat .
Ich habe mich drei Wochen lang täglich in Vergnügungen berauscht .
Ich mußte der Welt zeigen , daß ich Cäsars Entfernung ertragen kann , ich mußte es mir selbst zeigen .
Aber es erquickt mich nichts mehr .
Cäsars Liebe war die schönste Zerstreuung meiner unglücklichen Seelenstimmung .
Ich sinke immer tiefer in Nacht und Verzweiflung .
Man erkennt mich nicht wieder .
Oft bin ich so von Wehmut aufgelöst , daß ich in die Kammer stürze , wo die Erinnerungen meiner ersten Kindheit aufbewahrt liegen .
Ich räumte auf in der Verwirrung , um mich zu zerstreuen .
Ein Stilett fiel mir in die Hand .
Wie mag das hierhergekommen sein ?
Ich glaube , Cäsar müßte sich schämen , noch zu leben , wenn er keine Auskunft geben kann .
Seine Scherze verdecken nur eine Überzeugung , die vielleicht folgerichtig ist .
Ich habe ihm geschrieben , sie auch mir zu geben .
In Heidelberg muß ihn mein Brief treffen ;
er wird sich sogleich hinsetzen , um mir , ich hab' ihm die Hand aufs Herz gelegt und ihn feierlichst beschworen , seine ernsthafte Meinung über Religion und Christentum zu sagen .
Ich zittre , wenn seine Darstellung einläuft .
Das Stilett gehörte meinem Bruder , der in demselben Alter gestorben ist , in welchem ich mich jetzt befinde .
Cäsar sagte mir oft , als Kind hab' er sich fortwährend damit geängstigt , daß er keines natürlichen Todes sterben würde .
Die Katastrophe des jungen Sand hätte zu seiner Zeit alle jungen Köpfe auf den Gedanken gebracht , daß sie ihnen auch einst abgeschlagen würden .
Keiner , sagte er , glaubte so würdig zu sein wie Sand , und keiner glaubte deshalb auch , auf einen milderen Tod rechnen zu dürfen als Sand .
Er gestand mir mit eisigem Grauen , daß er oft stundenlang heimlich mit entblößtem Halse gesessen und sich in die Illusion des Schafotts hineingedacht habe , daß ihm die Tränen geflossen seien aus Verzweiflung , so sterben zu müssen .
Es war immer ein wehmütiges , liebes Lächeln , das bei solchen Geständnissen auf seinen Lippen lag .
O Gott !
ich vergess' ihn nicht .
Für alles brauch' ich ihn .
Er soll mir zu allem Beweise geben !
Ich lese das Buch , aber nur in Bruchstücken .
Viel davon auf einmal verwirrt den Kopf ;
nicht deshalb , weil das Buch absolut schwer wäre , sondern relativ schwer ist es in Beziehung auf Rahel , die sich das Denken so schwer machte .
Ich glaube , daß diese Frau unter Denken verstanden hat , die Dinge immer von der verkehrten Seite anfassen oder doch von der entgegengesetzten gegenüber dem gewöhnlichen Wege .
Sie gräbt sich wie ein Maulwurf in die Ideen ein und bezeichnet dann und wann ihre Resultate durch kleine aufgeworfene Hügel , die nichts sagen , nämlich nichts Positives , die nur Wahrzeichen sind , daß hier etwas war , was wie ein Gedanke war und was so leicht wieder vergessen ist !
Wie reich ist diese Frau an Philosophie und objektiver Vergeßlichkeit !
Man hat so wenig in ihrem Buche , und doch glaubt man , wenn man es zuschlägt , alles zu haben .
Darin seh' ich recht , wie nur die Männer imstande sind , zu produzieren , auch Gedanken .
Bettina !- Spielerei – alte Gedanken ;
nur klassische , neue Formen .
So sprechen , gehen , laufen , essen , trinken , schlafen , handeln – wie es einem gerad' einfällt ?
Ich konnt ' es einmal ;
jetzt nicht mehr .
Bettina hatte so lange freien Willen , sich ein Gesetz zu schaffen ;
und nun so alt und noch immer kein Gesetz !
Ihr Buch ist ungereimte Poesie .
Ein freies Weib ist nur erträglich mit Spekulation .
Wieder wie Jakob einen Zug aus dem Rahelbrunnen getan .
Aber es ist immer nur Lea , die man erhält , niemals Rahel .
Rahel sitzt hinter den zweimal sieben Jahren und flicht ihren Freiern Körbe .
Man glaubt eine Priesterin mit Weissagung in ihr zu finden und wird doch von ihr nur angeregt oder vielmehr nur herausgerissen aus dem alten Kreise seiner Vorstellungen .
Es ist furchterregend , eine Frau die Gegenstände so dämonisch-linkisch anfassen zu sehen .
Will sie es nur anders machen als die andern ?
Oder wurde ihr diese Originalität angeboren ?
Sie gibt nirgends nach , sie ist rastlos in ihren Bestrebungen , die verschiedenen Seiten der Wahrheit zu entdecken , und konnte nicht anders enden als entweder in einem Wahnsinn , der sich mit der Bewegung im Tretrade vergleichen läßt , oder als Anhängerin des Pietismus .
Man ist in keiner Situation übertäubter als beim Untertauchen .
Pietismus aber ist die Fähigkeit , leben zu können , selbst wenn man Wasser im Ohre hat .
Dieser ruhige , verständige Ton , in welchem ich mich oft tagelang erhalten kann , wird mir oft so unheimlich , daß ich vor mir selbst erschrecke .
Sollte es Menschen geben können , die wie Vernünftige sprechen und doch wahnsinnig sind ?
Cäsar erzählte mir einst eine Geschichte , die er wahrscheinlich wie vieles dergleichen nur seiner Einbildungskraft verdankt .
Sie paßt auf meinen Zustand .
Kann ich sie noch ?
Es war um die zwölfte Stunde , als Alfred von seinem Lager auffuhr und über das matte Flackern der Lampe erschrak , die er zu löschen vergessen hatte .
Eine Zeitlang saß er mit halbaufgerichtetem Körper – – Wörtlich seine Worte wiederzugeben ist schwer .
Ich suche in meinen Papieren , vielleicht find ' ich die Geschichte , die er mir einst , von seiner eigenen Hand geschrieben , schenkte .
Hier ist sie :
Es war um die zwölfte Stunde , als Alfred von seinem Lager auffuhr .
Noch flackerte die Lampe , welche er zu löschen vergessen hatte , und zog , wie sie größer oder schwächer wurde , wolkige Kreise an den Wänden seines Zimmers .
Eine Zeitlang saß er mit halbaufgerichtetem Körper im Bette und verfolgte dies gespenstische Spiel an den stummen Wänden .
Er suchte nach einem Gegenstand für dies Bild :
er mußte an die Welt denken , welche draußen schlummerte , und dachte zuerst an Julien .
sprach er still vor sich hin und erhob sich dann etwas feierlich und mechanisch von seinem Bette .
Er hörte die Uhr picken , die auf dem Tische vor dem Spiegel stand .
Er sahe sich selbst im Spiegel mit bleichen , geisterhaften Zügen und mit Augen , welche wie geschlossen schienen .
Dann saß er auf dem Sessel vorm Bett und hatte sich , ohne es zu wollen , angekleidet .
flüsterte er vor sich hin , aber nur wie zum Scherz , denn Julie wohnte im dritten Stock .
Doch ging er .
Die Straßen waren still und öde .
Man sieht auf ihnen niemand , auch Alfreden nicht .
Wo geht er nur ?
Aber es ist dunkel , der Mond liegt hinter Wolken , man kann Alfred nicht sehen .
Alfred stand vor dem Hause Juliens , ja , er hätte schwören mögen , daß er vor ihrem Fenster stand , das im dritten Stocke lag .
, flüsterten seine Gedanken ;
Jetzt war es Alfred , als drückte er an dem Fenster ;
aber es widerstand .
Es war ihm , als klopfte er ;
aber hinter dem weißen Rouleau brach sich der Schall .
Er mußte lächeln über seine lebhafte Einbildungskraft .
dachte er , Aber dann mußte er durch des Nachbars Haus , das ihm offenzustehen schien , mußte über den Garten-und Hofzaun klettern und von dort einzudringen suchen .
Und das alles gelang vortrefflich .
Er stand jetzt gleichsam höher als Juliens Wohnung war , was er sich nicht erklären konnte .
Da blendete ihn ein Lichtstrahl ;
ein schnurrender Laut ließ sich hören .
Julie hatte das Rouleau aufgezogen , sie stand im Nachthäubchen und mit bloßen Schultern am Fenster , das sie öffnete .
Alfred war nun dicht vor ihr .
dachte er ;
schrie es durch die stille Nachtluft .
Alfred aber lag unten mit zerschmettertem Körper auf dem Pflaster der Straße .
Alfred war ein Nachtwandler .
Julie glaubte nichts gesehen zu haben , als Alfred tot war .
Sie legte sich wieder in ihr weißes , weiches Bett und träumte von ihm .
Am Morgen erfuhr sie alles .
Sie lebt noch , aber kümmerlich ;
die Tränen zehren sie auf .
Cäsar hat noch immer nicht geschrieben ;
doch wird sein Brief desto ausführlicher sein .
Einstweilen hab' ich etwas Beruhigung erhalten durch eine Maxime , die empfehlenswert ist .
Das luftige Traumbild des Somnambulismus hat mich gestern darauf gebracht .
Nämlich , man nehme einen recht hohen Standpunkt , einen kosmischen oder planetarischen , wie ich ihn nennen möchte .
Man tue und lasse nichts , ohne sich im Zusammenhang der Weltordnung zu fühlen .
Ich denke , wo ich gehe und stehe , an die Beziehungen der übrigen Himmelskörper zur Erde und abstrahiere von allem , was über diesem kleinen Erdball geschieht , auf das Universum , das niemand leugnen kann .
Und nicht bloß im allgemeinen , sondern ganz im Detail , wie man ißt und schläft .
Bei jedem Spaziergange richt ' ich den Blick gen Himmel und forsche in dem blauen Meere nach den versunkenen Sternen , die die Nacht erst sichtbar macht .
Ich fühle , wie die Erde unter meinen Füßen kreist und ich gleichsam nur auf ihr stationiert bin , sonst aber dem Allgemeinen angehöre .
Wie vielen Stolz das gibt !
Ich habe jetzt einen Begriff von der Ruhe des Weisen .
Ihn kann nichts erschüttern , denn er hört die Planeten rauschen und fühlt sich als Glied einer großen Wesenkette .
Oh , vielleicht ist noch Hülfe für mich !
Ich fange an , mir die Möglichkeit einer zufriedenen Stimmung zu denken .
Jetzt weiß ich , wie in Indien die Bonzen ihre Büßungen möglich machen .
Die Abstraktion hebt ihren Stolz ;
aber sie würden es nicht aushalten können , wenn nicht die Erde für sie gleichsam verschwände und sie nichts übrigbehielten als den gestirnten Himmel und das Gefühl der großen Wesenkette .
Ich müßte in die Einsamkeit ziehen .
Wenn mich nur eines nicht verfolgte !
Nämlich die Natur und das Grün .
Das Siderische und Tellurische im Menschen bekämpfen sich , und wer poetische Stimmungen hat , wird immer der Erde unterliegen .
Das Meer , Gebirge und Ströme wirken noch immer siderisch auf uns ;
denn sie sind das Rückgrat und die großen Zellgewebe der Erde und veranschaulichen die Kugel .
Aber das Peinigende ist die stille Nachbarschaft der Blume , die Bescheidenheit der Idylle , die kleine Existenz mit ihren Kornährenkränzen und Abendglocken und alles , was so nahe zu unserm Herzen spricht , die Offenbarung Gottes , die wir flüstern zu hören glauben , diese große Tatsache , die entweder Täuschung oder Wahrheit und in beiden Fällen unenthüllbar ist .
Das Irdische faßt uns wie im Strudel und reißt uns hinunter in den bodenlosen Abgrund , von wo keine Wiederkunft .
Ich las nun alles , was ich schrieb , und zittre , daß ich kaum geschrieben habe , was ich wollte .
Eines ist auch ganz unmöglich , geschrieben zu werden :
die Verzweiflung und das Gräßliche .
Nämlich jene grausamen , blutsaugenden Träume , die mich wachendes Auges überfallen und mich hinausstoßen in eine hohnlachende , von gräßlichen , unnennbaren Dingen drapierte Welt .
Wie combinier ' ich !
Was für Dinge kommen mir vor die Augen !
Ich zittre , während mein Puls ganz richtig und medizinisch schlägt .
Muß ich sterben , was verbrach ich , daß mir Raben erscheinen müssen ?
Ich sehe eine schwarze Halle und einen weiten Sarg .
Ein Rumpf fällt von der Decke , wo eine Öffnung , hinunter in den Sarg , und den nachstürzenden Kopf greift unser Arzt auf .
Oben muß das Schafott sein .
Der Mann drückt das blutige Haupt stürmisch auf den rauchenden Körper , paßt Fuge auf Fuge , Ader auf Ader und legt einen Silberreifen um die gierig zusammenklaffenden Fleischränder beider Teile .
Er dreht sich um , und Leben , galvanisches Leben regt sich in dem Körper , und der Leichnam erhebt sich , ein blasser , schöner Jüngling , und schleicht zur Pforte hinaus .
Dort , dort – eine grüne Flur – ein Mädchen , das Rosen bricht und im Schatten der Allee ausruht .
Ein bleiches , gespenstisches Bild schleicht zu ihr heran , spricht nicht , sondern lächelt .
Sie umarmt ihn , sie scherzt , sie lacht ;
er hat auf sich warten lassen , er sei untreu , er gehe zu Doris , er gehe zu Galathee , du Lieber !
Und sie küßt seinen blassen Mund .
– , röchelt er , Doch sie hört nicht , sie drückt , der Reifen springt – , was geht mit mir vor !
– Hier brach Wallys Tagebuch auf längre Zeit ab .
Sie bekam inzwischen das ihr von Cäsar versprochene Glaubensbekenntnis .
Es war in das Tagebuch eingeheftet und lautete folgendermaßen .
Geständnisse über Religion und Christentum Geständnisse über Religion und Christentum Ich will über den Glauben der Völker sprechen .
Aus dem melancholischen Schweigen des Heidelberger Schlosses hol' ich mir abendlich die Geheimnisse jener frommen Naturreligion , für die ich glühe .
Alles Historische aber , was ich zu fixieren habe , knüpf' ich an jene kleine Herberge jenseits des Neckar an , wo Luther auf der Reise nach Worms sein Frühstück zu berichtigen vergessen haben soll , ein Frühstück , das der Protestantismus dem Katholizismus so teuer hat bezahlen müssen .
Religion ist Verzweiflung am Weltzweck .
Wüßte die Menschheit , wohin ihre Leiden und Freuden tendieren , wüßte sie ein sichtbares Ziel ihrer Anstrengungen , einen Erklärungsgrund für dies wirre Durcheinander der Interessen , für die Tapezierung des Firmaments , für die wechselnde Natur , für Frost , Hitze , Regen , Hagel , Blitz und Donner , sie würde an keinen Gott glauben .
In progressiver Entwicklung folgt hieraus dreierlei :
der natürliche Ursprung der Religion , die Accomodation der göttlichen Begriffe an den jedesmaligen Bildungsgrad und zuletzt die Unmöglichkeit historischer Religionen bei steigender Aufklärung .
Dem Begriffe Offenbarung läßt sich vielleicht eine philosophische Unterlage geben , pantheistischer Art ;
aber im herkömmlichen theologischen Sinne ist die Offenbarung eine Verfälschung der Natur und der Geschichte .
Eine saubre Insinuation , sich Gott als Priester zu denken , der im schwarzen Talare zu dem ersten Menschenpaar hinzugetreten wäre und ihm Unterricht gegeben hätte in glaublichen und unglaublichen Dingen !
Sie machen aus Gott einen Souverän , einen Patriarchen , einen Geistlichen .
Sie lassen Gott in sehr unvollkommnen Sprachen reden , zu Zeiten , wo es an stilistischer Vollkommenheit noch überall fehlte .
Niemand war in diesen anthropomorphistischen Konsequenzen einer supernaturellen Offenbarung kecker als die Apostel Jesu ;
denn :
alle Schrift von Gott eingegeben heißt :
in der Lehre von der Inspiration Gott zum Mitschuldigen aller der Solöcismen und inkorrekten Konstruktionen machen , welche sich im griechischen Texte des Neuen Testamentes finden .
Gewisse Kapitel gibt es in den dogmatischen Systemen unsrer Theologen , die sich besser für Grimms oder schicken würden .
Dazu gehören die kriminalisch strafbaren Dogmen von der Offenbarung und Inspiration .
Je naiver die Völker sind , desto sinnlicher und äußerlicher ihre Begriffe vom Weltzwecke :
je gebildeter jene , desto geheimnisreicher diese .
Die Verwechselung endlicher und unendlicher Ursachen der Weltregierung lag nahe , und so kam es , daß das Altertum so viel Historisches in Mystisches , Mystisches wieder in Himmlisches verwandelte .
Der Naturmensch versteht die Welt nur so weit , wie sein Auge reicht .
Alles , was über den Sehkreis seiner sinnlichen Vorstellungen hinausliegt , scheint ihm die erklärende Veranlassung der Unerklärlichkeiten zu sein , die ihn in nächster Nähe umgeben .
Daher die zahllosen Details im Glauben der alten Völker :
daher die Übertreibungen der Phantasie , das Ungeheure in Zahlen und Formbildungen .
Die alten Religionen sind so ausschweifend wie alles , was man , ich sage nicht , nicht kennt , sondern wie alles , das man noch nicht gesehen hat .
In diesen Unförmlichkeiten Entstellungen alter Überlieferungen zu finden , einfache , aber tiefsinnige Keime einer urweltlichen Offenbarung oder auch nur eines heiligen , frommen und simpeln Zeitalters :
das heißt , von einer kindischen Ansicht , die wir schon erwähnten , nur eine ernsthafte Anwendung machen .
Das klassische Altertum hatte den schönsten Ausdruck für das religiöse Prinzip der alten Welt :
Religion ist alles , was man entweder selbst nicht ist oder nicht kennt .
Die Griechen , mit ihren östlichen Ahnen und deren architektonischen Vorstudien der vollendeten heidnischen Idee , die Griechen setzten die Religion in die Kunst , sie setzten sie in das , was im Ungewissen immer das Gewisse ist , in das Maß aller Dinge , in den Menschen .
In diesem Augenblick war bereits seit etwa einer halben Stunde mit seiner gründlichen Überlegung fertig , und er stand unter Waffen .
Nichts kann das Bild von dieser Gestalt aus dem Volk , das sich im Kampf mit den Gesetzen befindet , besser abrunden als die wenigen Zeilen , die er auf seine fettigen Papiere geschrieben hatte .
Der Inhalt des ersten war der folgende ;
denn geschrieben war er in der zwischen Asien und ihm vereinbarten Sprache :
Auf dem einliegenden Papier stand in gutem Französisch :
Diese beiden Papiere klebte er auf der Schriftseite so zusammen , daß man glauben mußte , es sei ein Stück desselben Blattes ;
dann wurden sie mit einer jenen eigenen Kunst zusammengerollt , die im Bagno von den Mitteln und Wegen zur Freiheit geträumt haben .
Das Ganze nahm die Form und die Konsistenz einer dicken Fettkugel an , ähnlich jenen Wachskugeln , die sparsame Frauen an die Nähnadeln setzen , wenn das Öhr zerbrochen ist .
sagte er während des Wartens .
Dieser Augenblick war so grausam , daß dem starken Menschen weißer Schweiß auf die Stirn trat .
In dieser Weise erriet dieser fabelhafte Mann in seiner Sphäre des Verbrechens die Wahrheit , wie Molière es in der Sphäre der dramatischen Dichtung , Cuvier bei den Geheimnissen der Schöpfung tat .
Das Genie ist bei allen Dingen Intuition .
Unterhalb dieses Phänomens entspringen bemerkenswerte Werke dem Talent .
Darin besteht der Unterschied zwischen den Leuten ersten Ranges und denen zweiten Ranges .
Das Verbrechen kennt gleichfalls seine genialen Menschen .
fand sich , als er gefangen war , mit der ehrgeizigen und mit zusammen , deren Liebe unter dem Schlag der furchtbaren Katastrophe , die Lucien in den Abgrund riß , von neuem erwacht war .
Das war der höchste Ansturm der menschlichen Intelligenz gegen den stählernen Panzer der Gerichtsbarkeit .
Als das schwere Eisen der Schlösser und Riegel an seiner Tür kreischen hörte , nahm er die Maske des Sterbenden wieder vor .
Ihm half dabei die berauschende Empfindung der Freude , die das Geräusch der Schuhe des Aufsehers auf dem Gang in ihm weckte .
Er wußte nicht , durch welche Mittel Asien ihren Weg zu ihm finden würde ;
aber er rechnete damit , sie jetzt zu treffen , vor allem , seit er in der Arcade Saint-Jean ihr Versprechen erhalten hatte .
Asien war nach dieser glücklichen Begegnung auf den Richtplatz zurückgekehrt .
Vor 1830 war jener ganze Teil des Kais zwischen dem Pont d'Arcole und dem Pont Louis-Philippe noch so , wie die Natur ihn geschaffen hatte , nur den gepflasterten Fahrweg ausgenommen , der übrigens geneigt angelegt war .
Daher konnte man auch bei Überschwemmungen im Boot an den Häusern entlang und in die abfallenden Straßen hineinfahren , die zum Fluß hinunterführten .
Auf diesem Kai waren selbst die Erdgeschosse um einige Stufen erhöht .
Wenn das Wasser den Fuß der Häuser bespülte , fuhren die Wagen durch die furchtbare Rue de la Mortellerie , die heute ganz und gar niedergelegt worden ist , um das Rathaus zu vergrößern .
Es war also für die falsche Obsthändlerin ein leichtes , den kleinen Wagen rasch bis unten ans Ufer zu schieben und dort zu verbergen , bis die wirkliche Händlerin , die übrigens den Erlös ihres Pauschalverkaufs in einer jener furchtbaren Schenken der Rue de la Mortellerie vertrank , wiederkam , um ihn sich dort zu holen , wo die Käuferin ihn zurückzulassen versprochen hatte .
Eben vollendete man die Verbreiterung des Quai Pelletier ;
der Eingang zum Bauplatz wurde von einem Invaliden bewacht , und der seiner Obhut anvertraute Karren lief keinerlei Gefahr .
Asien nahm alsbald auf dem Rathausplatz einen Fiaker und sagte zu dem Kutscher :
Eine Frau in Asiens Kleidung konnte sich , ohne die geringste Neugier zu wecken , in der ungeheuren Halle verlieren , in der sich alle Lumpen von Paris aufschichten , in der tausend Hausierer wimmeln und in der zweihundert Trödlerinnen schwätzen .
Die beiden Untersuchungsgefangenen waren kaum aufgenommen worden , so ließ sie sich schon in einem kleinen und feuchten Zwischenstock über einem jener grauenhaften Läden , in denen man alle von Schneiderinnen und Schneidern gestohlenen Stoffreste verkauft , umkleiden ;
dieser Laden gehörte einem alten Mädchen , das hieß , ein Name , der sich von ihrem Vornamen Jeromette herleitete .
Die Romette war für die Kleiderhändlerinnen , was diese in der Not für die sogenannten anständigen Frauen sind :
eine Wucherin für hundert Prozent .
sagte Asien , fuhr sie fort ;
erwiderte das alte Mädchen mit der Unterwürfigkeit und dem Eifer einer Dienerin , die vor ihrer Herrin steht .
Wenn diese Szene einen Zeugen gehabt hätte , er hätte leicht gesehen , daß die Frau , die sich unter dem Namen Asiens verbarg , hier zu Hause war .
sagte die Romette , während sie Asien frisierte .
Man versteht jetzt , wie Asien schon eine Viertelstunde , bevor der Richter eintraf , eine Ladung in der Hand , im Vorsaal des Justizpalastes sein konnte , wo sie sich durch die Gänge und über die Treppen leiten ließ , die zu den Untersuchungsrichtern führen , und nach fragte .
Asien sah sich selber nicht mehr ähnlich .
Nachdem sie das Gesicht der alten Händlerin wie eine Schauspielerin abgewaschen , Rot und Weiß aufgelegt hatte , hatte sie auch den Kopf noch in eine wundervolle blonde Perücke gesteckt .
Gekleidet wie eine Dame des Faubourg Saint-Germain , die ihren verlorenen Hund sucht , so schien sie vierzig Jahre alt zu sein , denn sie verbarg ihr Gesicht unter einem wundervollen Schleier aus schwarzen Spitzen .
Ein scharf geschnürtes Korsett stützte ihre Köchinnenfigur .
Sie trug sehr gute Handschuhe und einen etwas starken Rückenwulst ;
und sie strömte den Geruch von Puder aus .
Während sie mit einer Tasche spielte , die einen goldenen Bügel aufwies , teilte sie ihre Aufmerksamkeit zwischen den Mauern des Palastes , die sie offenbar zum erstenmal durchirrte , und der Leine eines hübschen .
Eine solche Witwe mußte den Scharen im schwarzen Amtskleid in der Vorhalle bald auffallen .
Außer den unbeschäftigten Advokaten , die diesen Saal mit ihrem Amtskleid fegen und ihre großen Kollegen bei ihren Vornamen nennen – wie die großen Herren es unter sich tun – , um anzudeuten , daß sie zur Aristokratie des Standes gehören , sieht man oft geduldige junge Leute , die sich in den Dienst der Anwälte stellen und hier um einer Sache willen stehen und warten , die als letzte angesetzt worden ist , aber vielleicht schon früher verhandelt wird ;
wenn nämlich die Advokaten in den früher angesetzten Sachen auf sich warten lassen .
Es würde ein merkwürdiges Bild ergeben , wenn man die Unterschiede zwischen den verschiedenen schwarzen Amtskleidern malen wollte , die , immer zu dritt , bisweilen zu viert , in diesem ungeheuren Saal spazierengehen und durch ihre Unterhaltungen das ungeheure Summen hervorrufen , das beständig in diesem Saal hallt ;
aber es wird erst in der Studie Platz finden , die die Advokaten von Paris schildern soll .
Asien hatte auf die Müßiggänger des Palastes gezählt ;
sie lachte sich wegen einiger Scherze , die sie hörte , ins Fäustchen , und schließlich gelang es ihr , die Aufmerksamkeit Massols auf sich zu lenken , eines jungen pflichtgemäß anwesenden Anwalts , den die mehr in Anspruch nahm als seine Klienten und der einer so gut parfümierten und so reich gekleideten Frau lachend seine Dienste zur Verfügung stellte .
Asien nahm eine Fistelstimme an , um diesem liebenswürdigen Herrn auseinanderzusetzen , daß sie der Ladung eines Richters namens Camusot folgte .
Der Prozeß hatte schon seinen Namen .
Und wie alle alten Frauen , deren Leben mit Schwätzereien am Kamin verstreicht , machte sie , von Massol gedrängt , Parenthesen und berichtete , wie unglücklich sie mit ihrem ersten Gatten , einem der drei Direktoren der Assignatenkasse , gewesen sei .
Sie konsultierte den jungen Advokaten darüber , ob sie mit ihrem Schwiegersohn , dem , der ihre Tochter so unglücklich mache , einen Prozeß beginnen sollte , und ob das Gesetz ihn ermächtige , über ihr Vermögen zu verfügen .
Massol konnte trotz seiner Bemühungen nicht herausbekommen , ob die Ladung der Herrin oder der Kammerfrau galt .
Im ersten Augenblick hatte er sich damit begnügt , einen Blick auf dieses Aktenstück zu werfen , dessen Formular so wohlbekannt ist ;
denn um der Zeitersparnis willen ist es vorgedruckt , und die Kanzlisten der Untersuchungsrichter haben nur noch die Lücken auszufüllen , die für die Namen und die Wohnungen der Zeugen , für die Stunde der Ladung usw. ausgespart sind .
Asien ließ sich den Palast erklären , den sie genauer kannte als der Advokat selbst .
Und schließlich fragte sie ihn , um welche Zeit dieser käme .
sagte sie , indem sie auf eine hübsche kleine Uhr blickte , ein wahres Meisterwerk der Goldschmiedekunst , bei dessen Anblick Massol dachte :
In diesem Augenblick war Asien bis zu jenem dunkeln Saal gelangt , der auf den Hof der Conciergerie blickt und in dem sich die Gerichtsdiener aufhalten .
Als sie durchs Fenster hin das Portal erblickte , rief sie aus :
erwiderte der Advokat , an dessen Arm die falsche Witwe ging ;
fuhr sie fort , erwiderte sie .
fragte sie .
versetzte Massol , rief Asien naiv .
Dieser Ausruf hatte eine magische Wirkung auf die Gerichtsdiener und den Advokaten .
sagte Massol , dem der Gedanke kam , sich den Namen und die Adresse der Klientin , die der Zufall ihm verschaffte , zu notieren .
sagte ein Gerichtsdiener , sagte Massol .
Und die Gerichtsdiener ließen den Advokaten und die Baronin hinuntergehen ;
und bald befanden sie sich in dem kleinen Wachtlokal , in das die Treppe aus der Souricière einmündet , einem Lokal , das Asien genau kannte und das , wie man gesehen hat , zwischen der Souricière und der sechsten Kammer gleichsam einen Beobachtungsposten bildet , an dem jedermann vorbeischreiten muß .
sagte sie , als sie die Gendarmen erblickte , die Karten spielten .
sagte sie .
sagte Massol .
In diesem Augenblick standen Asien und ihr Advokat genau vor dem Fenster des Wachtlokales , durch das die Gendarmen die Bewegung des Tores der Conciergerie sehen können .
Die Gendarmen , die großgezogen werden in der Achtung vor den Verteidigern der Witwe und der Waise und außerdem die Vorrechte des Amtskleides kennen , duldeten einige Augenblicke die Anwesenheit einer Baronin im Geleit eines Advokaten .
Asien ließ sich von dem jungen Anwalt die grauenhaften Dinge erzählen , die ein junger Anwalt über das Portal zu sagen hat .
Sie wollte nicht glauben , daß man hinter den Gittern , die man ihr bezeichnete , den zum Tode Verurteilten das Haar schnitte ;
aber der Brigadier bestätigte es ihr .
sagte sie .
Sie blieb da schwätzend mit dem Brigadier und ihrem Advokaten stehen , bis sie erblickte ;
zwei Gendarmen stützten ihn , und Gerichtsdiener ging vor ihm her , als er aus dem Portal kam .
erwiderte der Gendarm , sagte der Brigadier , sagte die Baronin , indem sie auf die Tür zuging , um sich dann in die Treppe zu stürzen , wo sie laut ausrief :
Diese hallende Stimme drang bis zum Ohr und sie sollte ihn darauf vorbereiten , daß er Asien sehen würde .
Der Brigadier lief der nach , faßte sie mitten um den Körper und trug sie wie eine Feder in eine Schar von fünf Gendarmen , die wie ein Mann aufgesprungen waren ;
denn in diesem Wachtlokal ist man mißtrauisch gegen alles .
Es war Willkür , aber notwendige Willkür .
Der Advokat sogar hatte voll Schreck zwei Rufe ausgestoßen :
so sehr fürchtete er , sich zu kompromittieren .
Der fast ohnmächtige machte im Wachtlokal auf einem Stuhle halt .
sagte die Baronin .
Diese Worte , die dem jungen Advokaten fast ins Ohr geflüstert wurden , verstand ein jeder , denn es herrschte in diesem scheußlichen Wachtlokal eine Totenstille .
Ein paar bevorrechtigte Personen erhalten bisweilen die Erlaubnis , sich die berühmten Verbrecher anzusehen , während sie durch dieses Wachtlokal oder durch die Gänge gehen , so daß der Gerichtsdiener und die Gendarmen , die beauftragt waren , den zu führen , nicht darauf achteten .
Übrigens lag zwischen beiden , dank der Aufopferung des Brigadiers , der die Baronin gepackt hatte , um jeden Verkehr zwischen dem in Einzelgewahrsam befindlichen Untersuchungsgefangenen und Fremden zu hindern , ein Zwischenraum , der in hohem Grade beruhigen konnte .
sagte , indem er eine Anstrengung machte , um aufzustehen .
In diesem Augenblick fiel ihm die kleine Kugel aus dem Ärmel ;
und die Baronin , der ihr Schleier erlaubte , den Blick frei zu gebrauchen , merkte sich die Stelle , wo sie halt machte .
Die Kugel war feucht und fettig und war also nicht weitergerollt ;
denn diese Kleinigkeiten , die scheinbar so gleichgültig waren , hatte mit unfehlbarer Sicherheit vorausberechnet .
Als der Angeklagte auf den obern Teil der Treppe geführt wurde , ließ Asien auf sehr natürliche Weise ihre Tasche fallen und hob sie schnell wieder auf ;
aber als sie sich bückte , hatte sie die Kugel auch sofort ergriffen ;
ihre Farbe hatte sie unsichtbar gemacht , denn sie glich vollkommen der des Staubes und des Schmutzes .
sagte sie , erwiderte der Brigadier .
sagte Asien zu dem Advokaten , Der Advokat und die Baronin verließen das Wachtlokal mit den ölichten und schwarzen Wänden ;
aber als sie oben auf der Treppe ankamen , stieß Asien einen Schrei aus :
Und wie eine Wahnsinnige stürzte sie in die Vorhalle , indem sie von jedermann ihren Hund verlangte .
Sie erreichte die Händlergalerie und stürzte sich mit dem Ruf :
in eine Treppe .
Diese Treppe war die , die in die Cour de Harlay führt ;
von dort aus warf sie sich , als sie ihre Komödie ausgespielt hatte , in einen der Fiaker , die auf dem Quai des Orfévres halten , und verschwand mit der gegen Europa , deren wahren Namen Justiz und Polizei noch nicht kannten , erlassenen Ladung .
rief sie dem Kutscher zu .
Asien konnte auf die unverbrüchliche Verschwiegenheit einer Kleiderhändlerin zählen , die hieß und unter dem Namen bekannt war ;
sie lieh ihr nicht nur ihre Individualität , sondern auch ihren Laden , in dem Nucingen um Esthers Auslieferung gehandelt hatte .
Asien war dort wie zu Hause , denn sie hatte ein Zimmer in der Wohnung der inne .
Sie bezahlte den Fiaker und stieg in ihr Zimmer hinauf , nachdem sie auf eine Weise gegrüßt hatte , die ihr zu verstehen gab , daß sie nicht die Zeit hätte , auch nur zwei Worte zu wechseln .
Sowie sie vor jeder Spionage sicher war , begann Asien die Papiere mit der Sorgfalt auseinanderzufalten , die die Gelehrten aufwenden , wenn sie Palimpseste entrollen .
Als sie diese Anweisungen gelesen hatte , hielt sie es für nötig , die für Lucien bestimmten Zeilen auf Briefpapier umzuschreiben ;
dann stieg sie zu hinunter , die sie zum Plaudern brachte , während ein kleines Ladenmädchen auf den lief , um einen Fiaker zu holen .
Auf diese Weise erhielt Asien die Adressen der und der , die vermöge ihrer Beziehungen zu den Kammerfrauen kannte .
Diese verschiedenen Gänge , die sorgfältige Erledigung dieser Aufgaben nahmen mehr als zwei Stunden in Anspruch .
Die , die oben im Faubourg Saint-Honoré wohnte , ließ eine Stunde lang warten , obgleich ihr die Kammerfrau , nachdem sie angeklopft hatte , durch die Tür des Boudoirs Karte reichte , auf die Asien geschrieben hatte :
Auf den ersten Blick , den Asien auf das Gesicht der Herzogin warf , begriff sie , wie ungelegen ihr Besuch kam ;
sie entschuldigte sich daher auch , wenn sie im Hinblick auf die Gefahr , in der Lucien schwebe , die der gestört hätte .
fragte die Herzogin ohne jede Höflichkeitsformel , indem sie Asien mit den Blicken maß ;
denn Asien konnte wohl im Vorsaal des Gerichts von Massol für eine Baronin gehalten werden , aber auf den Teppichen des kleinen Salons im Hotel Cadignan wirkte sie wie ein Fleck von Wagenschmiere auf einem weißen Satinkleid .
fragte die Herzogin , indem sie über eine Erinnerung lächelte , die ihr bei dieser Antwort aufstieg .
erwiderte die Herzogin lebhaft in verändertem Ton .
, sagte Asien fortfahrend , rief die Herzogin ;
sagte die Herzogin nach einem Augenblick des Zögerns .
Trotz der wahrhaft höllischen Regsamkeit dieser Dorine des Bagnos schlug es zwei Uhr , als sie mit der bei eintrat , die in der Rue de la Chaussée d'Antin wohnte .
Aber dank der Herzogin wurde kein Augenblick mehr verloren .
Sie wurden beide alsbald zu der Gräfin geführt , die sie mitten in einem von den seltensten Blumen durchdufteten Garten in einer winzigen Sennhütte auf einem Diwan liegend vorfanden .
sagte Asien , indem sie sich umblickte , rief die Gräfin , indem sie wie ein Reh aufsprang , die Herzogin an den Schultern faßte und in Tränen ausbrach .
sagte die Herzogin , indem sie die Gräfin zwang , sich mit ihr wieder auf den Diwan zu setzen .
Asien studierte diese Gräfin mit jenem Blick , der sittenlosen Alten eigen ist und den sie mit der Geschwindigkeit , mit der das Ritzmesser der Chirurgen eine Wunde untersucht , über die Seele einer Frau schweifen lassen .
Genossin erkannte die Spuren des bei den Frauen der großen Welt seltensten Gefühls :
eines wahren Schmerzes – jenes Schmerzes , der unauslöschliche Furchen ins Herz und Antlitz zeichnet .
In der Kleidung nicht die geringste Koketterie .
Die Gräfin zählte jetzt fünfundvierzig Lenze , und ihr ganz zerknittertes Hauskleid aus bedrucktem Musselin zeigte die Büste ohne jede Aufmachung , ja ohne Korsett !
... Die von einem schwarzen Ring umgebenen Augen und die marmorierten Wangen zeugten von bitteren Tränen .
Um das Kleid kein Gürtel .
Die Stickereien des Unterrocks und des Hemdes waren gleichfalls zerknittert .
Die Haare , die unter ihrer Spitzenhaube aufgenommen waren , hatten die Pflege des Kammes seit vierundzwanzig Stunden vergessen und zeigten eine kurze , magere Flechte und all die gelockten Strähnen in ihrer Armut .
Leontine hatte vergessen , ihre falschen Zöpfe anzulegen .
sagte Asien sentenziös zu ihr .
Da bemerkte Leontine Asien und machte eine Bewegung des Schreckens .
fragte sie die .
Asien hatte die Wahrheit erraten .
, die als eine der leichtfertigsten Frauen der Gesellschaft galt , hatte zehn Jahre lang am gehangen .
Seit der Marquis in die Kolonien gegangen war , hatte sie sich wahnsinnig in Lucien verliebt , und sie hatte ihn der entrissen , ohne Luciens Liebe zu Esther zu kennen , von der übrigens ganz Paris nichts wußte .
In der großen Welt verdirbt ein eingestandener Liebhaber den Ruf einer Frau mehr als zehn heimliche Abenteuer ;
und erst zwei Liebhaber nacheinander !
Da jedoch niemand mit abrechnete , so kann auch der Historiker sich nicht dafür verbürgen , daß ihre Tugend nur zwei zerstoßene Stellen hatte .
Sie war eine mittelgroße Blonde , die sich konserviert hatte , wie sich eben Blonde konservieren ;
das heißt , sie schien kaum dreißig Jahre alt zu sein ;
sie war schmächtig , ohne mager zu sein , weiß und aschblond ;
die Füße , die Hände , der Körper waren von aristokratischer Feinheit ;
sie war geistreich , wie eben eine Ronquerolles es ist , und also ebenso boshaft gegen die Frauen wie gut zu den Männern .
Sie war durch ihr großes Vermögen , durch die hohe Stellung ihres Gatten und durch die ihres Bruders , des , vor dem Katzenjammer bewahrt geblieben , der sicherlich jede andere Frau verbittert hätte .
Sie hatte ein großes Verdienst :
sie war in ihrer Verderbtheit offen :
sie gab zu , daß sie die Sitten der Regentschaft anbetete .
Nun war diese Frau , mit zweiundvierzig Jahren , der die Männer bisher nur angenehme Spielzeuge gewesen waren , denen sie , seltsam !
viel gewährt hatte , ohne in der Liebe etwas anderes zu sehen als ein Opfer , das man bringen mußte , um sie zu beherrschen , bei Luciens Anblick von einer Liebe ergriffen worden , die der des zu Esther glich .
Sie hatte jetzt , wie Asien es ihr gesagt hatte , zum erstenmal in ihrem Leben geliebt !
Diese Verschiebungen der Jugend sind bei den Pariserinnen und großen Damen häufiger , als man glaubt , und sie sind schuld an dem unerklärlichen Fall mancher tugendhaften Frau , die gerade den Hafen der Vierzig er reicht .
Die war die einzige Vertraute dieser furchtbaren und unbedingten Leidenschaft , deren Glück von den kindlichen Empfindungen der ersten Liebe an bis zu den riesenhaften Narrheiten der Wollust Leontine rasend und unersättlich machten .
Die wahre Liebe ist , wie man weiß , unerbittlich .
Der Entdeckung einer Esther war einer jener cholerischen Brüche gefolgt , bei denen die Frauen in der Raserei bis zum Mord gehen können ;
dann war die Periode der Feigheiten gefolgt , denen sich die aufrichtige Liebe mit soviel Wonnen hingibt .
Seit einem Monat hätte die Gräfin zehn Jahre ihres Lebens darum gegeben , wenn sie Lucien auf acht Tage hätte wiedersehen können .
Schließlich war sie gerade soweit gekommen , daß sie die Nebenbuhlerschaft Esthers dulden wollte , als in ebendiese überströmende Zärtlichkeit gleich einer Posaune des jüngsten Gerichts die Nachricht von der Verhaftung des Geliebten hineinklang .
Die Gräfin war dem Tode nahe ;
der Gatte selbst hatte an ihrem Bette gewacht , da er die Offenbarungen des Deliriums fürchtete ;
und seit vierundzwanzig Stunden lebte sie mit einem Dolch im Herzen .
Sie sagte im Fieber zu ihrem Gatten :
rief die furchtbare Asien , indem sie die Gräfin am Arm schüttelte .
rief die Gräfin , indem sie die scheußliche Gevatterin voll Güte ansah .
, fuhr Asien fort , sagte Leontine .
sagte Asien mit eisiger Ironie .
sagte die Herzogin ganz leise zu Leontine .
Dieser Gedanke und diese Aussichten hatten eine solche Wirkung auf die Gräfin , daß sie nicht mehr litt ;
sie strich sich mit der Hand über die Stirn , sie war wieder jung .