Der Kühbub hatte Dominik zur Zeit geweckt und Dominik war bald zur Abfahrt bereit , er war aber entschlossen , mindestens auf dem Hinweg dem ausdrücklichen Befehl des Bauern zu gehorchen ;
wenn er ihm zuwiderhandelte , wollte er es lieber zu eigenem Nutzen thun und eine halbe Stunde ab des Wegs zu seiner Mutter nach Nellingen gehen .
Er war darüber noch nicht mit sich einig , als er von der Landstraße ab den Waldweg einschlug .
Das Schwärzle brummte vor sich hin , als man in den nächtig säuselnden Wald eintrat , wo die dunklen Wipfel rauschten , obgleich man keinen Wind verspürte ;
es stand oft still und nur den freundlichen Ermahnungen oder auch dem Schelten des Dominik folgte es und schritt fürbaß .
Die Gelehrten haben vielleicht nicht unrecht , daß sie den Hennenweg eigentlich Hünenweg nennen , ungeheuerlich genug ist er und die Felsblöcke und seltsamen Erdwälle , die hüben und drüben sind , können wohl für Hünengräber gelten ;
die Volksmeinung aber bleibt dabei , der Weg gleiche einer Hühnersteige und darum heißt er der Hennenweg .
Das Schwärzle , einmal im frischen Lauf , konnte klettern wie eine Ziege und das war natürlich ;
das Schwärzle war von echter Schwyzerrasse , die Mutter war unmittelbar aus dem Appenzell gekommen und unter der Obhut des Dominik war das Schwärzle aufgewachsen und so gediehen , daß ihm der Preis nicht fehlen konnte .
Wie ein Hund seinem Herrn , folgte das Schwärzle dem Dominik , und erst als man auf der Anhöhe war , hielten Beide an , Dominik stopfte sich eine Pfeife und das Schwärzle fand in der Nacht ein thaufeuchtes Maulvoll Gras am Wege , das war für den Hunger und für den Durst .
sagte jetzt Dominik und mit einem schnell erhaschten Vorrath für den Weg folgte das Schwärzle .
Dominik fürchtete weder Gespenster noch lauernde Uebelthäter , aber der Ruf , den er vorhin gethan , erlöste ihn doch von einem gewissen Gefühl der bangen Einsamkeit und dabei schlug er sich an die Hüfte und überzeugte sich , daß sein im Hirschhorngriffe feststehendes Messer dort sicher ruhte .
Der Meister hatte Recht , der Weg war von jetzt an bequem und lind , er zog sich auf einem Walddurchschlag hin , auf dem bis zum Jahre 1848 die gräflich Sabelsbergischen Schafe weideten , das Gras war jetzt in die Höhe geschossen , denn der Furchenbauer hatte sich nicht entschließen können , nach dem Rathe Albans selber Schafe einzuthun und eine mehrmalige Ausschreibung der Schafweideverpachtung hatte bis jetzt zu keinem Erfolge geführt .
Dominik dachte in sich hinein , wie manches Erträgniß doch auch auf solch einem großen Bauernhofe verloren gehe , er dachte , wie es einem rechtschaffenen Knechte zukommt , zunächst an den Vortheil seines Meisters , dann aber auch an sich selber ;
er verstand die Schäferei , und hätte er nicht sein ganzes Geld an Alban verliehen gehabt , er hätte sich selber Schafe eingethan und den Weidgang gepachtet .
Es giebt ja hier zu Lande viele Eigenthümer von Schafheerden , die keinen Grundbesitz haben .
Dominik war in die Jahre getreten , wo er allzeit ausschaute nach einem selbständigen Anwesen und sei es auch noch so klein .
Er gedachte jetzt , wie Manches von einem großen Hof doch noch ganz anders ausgenutzt werden könnte , wenn es in fleißige Hand gegeben wäre , die nur das allein hätte .
Immer kam Dominik wieder auf die Ueberlegung zurück , wie es einem noch so Fleißigen hier zu Lande nicht möglich sei , Etwas vor sich zu bringen .
Drüben im Gäu, wo es wenig geschlossene Güter giebt , die auf ewige Zeiten in Einer Hand bleiben , da ist es einem sparsamen Knecht , der von Haus aus Nichts hat , doch möglich , mit der Zeit ein gut Stück Feld zu erwerben , er heirathet noch Etwas dazu und wenn die Gemeinde sieht , daß das junge Paar fleißig und sparsam , läßt sie ihm bei einem schicklichen Kauf die Vorhand und nach und nach zahlt man jedes Jahr ein Ziel ab und hat mit der Zeit ein schönes Bauerngütle und die Aecker sind alle das Doppelte werth .
Hier zu Land aber ist Grund und Boden in fester Hand und es bleibt Nichts , als Häusler werden und wie der Spatz auf dem Dach leben .
Das aber wollte Dominik nicht , lieber ledig sterben ;
er hatte im elterlichen Hause zu bitter erfahren , welch ein elendes Leben das ist .
An einer starken Lichtung , die jetzt am Wege war , erkannte Dominik den Grenzstein vom Gute seines Herrn .
Wer wird doch noch Recht behalten ?
Alban oder der Vater ?
Wer weiß , es kann noch bös werden , zwei harte Mühlsteine mahlen nicht gut , sagt das Sprüchwort .
Es raschelte Etwas im Walde , das allgemein bewaffnete Jahr muß doch noch nicht alles Wild weggepirscht haben , das Schwärzle brummte leise und drängte sich näher an Dominik .
Gen Morgen zeigte sich allmälig ein lichteres Grau , die Nebel senkten sich , das Schwärzle begrüßte durch lautes Schreien den jungen Tag .
Ein Rabe hockt noch verschlafen auf einem Baumast , er hat den Kopf unter den Flügeln , jetzt erwacht er , schüttelt sträubend sein Gefieder , öffnet den Schnabel wie gähnend und fliegt krächzend waldaus .
Ein enges grünes Thal thut sich auf , über den Waldbergen jagen die Nebel in zerrissenen Wolken dahin , die Elstern schnattern und fliegen von Baum zu Baum , auf einem blätterlosen Kirschbaum klagt der Fink regenverkündend :
es gießt !
es gießt !
und hoch oben schwebt ein Raubvogel , es ist die Hühnerweihe , sie stößt ihr jauchzendes Geschrei aus :
Gujah !
Gujah !
Hähne krähen , Hühner gackern , der Taktschlag der Drescher tönt herauf , das ist das arme , von Waldarbeitern bewohnte Dorf Klurrenbühl , aber man sieht nichts davon , Alles ist in Nebel gehüllt , die Wälder tauchen daraus auf , eine heisere Morgenglocke ertönt wie weit verloren , jetzt erscheinen die Häuser des Dorfes bis zur Dachfirste , hell und darüber die Nebelwolken , von den Bäumen am Weg tropft es leise , die breiten Blätter des Kohls tragen schwere Tropfen , die manchmal in der Mitte des Blattes wie von einander angezogen zusammenrinnen und je
näher sie sich kommen , immer hastiger .
Da und dort fällt ein einzelner Apfel schwer vom Baume .
Dominik hatte für Alles Aug und Ohr , denn er wünschte sich doch einen hellen Tag , heute da er und das Schwärzle gekrönt würden .
Als er jetzt am ersten Haus unter dem Geläute der Glocke , die so armselig und wie bescheiden bittend ertönte , den Hut abzog , mischte sich in sein Gebet der Dank , daß er nicht dazu bestimmt sei , in einer Einöde wie dieses Dorf war , sieben Stunden hinterm Elend wie man sagt , sein Leben zu verbringen ;
er war auf dem Furchenhof an Besseres gewöhnt .
Lieber lebenslang auf dem Furchenhof als Bürger in so einem armseligen Nebensausorte , dachte Dominik .
Auf einem Hauswesen bauern , wo Einen die Schulden morgen wie der Wind wegblasen können – da ist Knecht sein besser ;
und doch :
ein eigen Leben geht wieder über Alles .
Im Dorfe zeigte sich schon frühes Leben , dort ging einer mit der Peitsche knallend , gleichsam sich und die Thiere erweckend , nach der Stallthüre , dort öffnete sich eine Stallthüre von innen und die Kühe schreien – der hat seinen Thieren schlecht über Nacht aufgesteckt ;
ein Mann , der in dürftigem Kleide über die Straße ging , schaute den Dominik verwundert an und vergaß seinem freundlichen Gruße zu danken .
Wer weiß , mit welchen bösen oder traurigen Gedanken Der seinen Tag anfängt .
Auf einen Ehrenpreis hofft der wenigstens heute nicht .
Diese Aussicht , die gestern den Dominik noch grimmig gemacht , ward ihm jetzt im frischen Morgen zu einer lichten Freude ;
er fühlte sich so lustig wie seit lange nicht und etwas Anderes konnte es doch nicht sein .
Mit frischer Kraft wanderte er , das Schwärzle am Seile führend , dahin , und selbst das wohlbekannte Thier erschien ihm jetzt so schön wie noch nie .
Wie prächtig schwarz war die Farbe , die durch einen kaum merklich lichteren Streif auf dem Rücken noch gehoben war ;
nur wenig überbaut , wie war es so fest und doch fein , der Kopf mit den weißen Hörnern , dem weißen Maul und den hellen Haarbüscheln in den Ohren – wie verständig sah das Thier aus .
Es mag wohl von dem ehemaligen Hirtenleben des Dominik herkommen , daß er nie ein rechtes Auge für die Schönheiten des Pferdes hatte , um so mehr aber für die des Rindviehs , und er erquickte sich wahrhaft daran .
sagte Dominik fast laut , dem Thier auf den Bug klatschend Das Schwärzle schien aber eine Vertröstung auf die Zukunft nicht zu verstehen , es bog den Kopf noch mehrmals nach dem Gras am Wege und Dominik mußte es kurz halten .
Auf den Wiesen wurde es nun lebhaft .
Die Kühe , die den ganzen Sommer im Stall gehalten wurden , sprangen jetzt auf der Weide lustig klingend hin und her und die Hütenden rannten hin und wieder , knallten und jodelten und sangen bei dem Feuer , in dem sie ihre Kartoffeln brieten .
Dominik gedachte , wie auch er einst ein armer Hirtenbub war und jetzt hatte er's doch so weit gebracht .
Dieses stete Untersichschauen , dieses beständige Erwägen was er einst gewesen und wie weit er's gebracht , machte ihn weniger kühn und muthig und mehr bescheiden und demüthig als eigentlich seine Natur mit sich brachte .
Jetzt sang ein Hirtenbub dasselbe Lied , das Ameile gestern ihm nachgesungen und das Antlitz des Dominik erleuchtete plötzlich in Freude .
Nun wußte er's :
nicht der Ehrenpreis war es , der ihn so innerlichst fröhlich machte , das Lied lag ihm im Sinn und weiterschreitend sang er :
Das Lied verließ ihn auf dem ganzen Weg nicht mehr und hob seine Schritte und lachte ihn aus mit all seinem Denken und gab ihm auf Alles Antwort .
Ich bin neun Jahre älter als das Ameile – das ist ja kein Fehler , das ist ja grad recht ... Das Ameile ist ein anvertrautes Gut von meinem Herrn , ich darf nicht falsch damit gegen ihn sein – er muß dir noch Dank sagen , daß du ihm so einen rechten Tochtermann giebst .
Was fehlt dir denn zu einem rechten Bauer als Geld und Gut ?
Und das hat sie ... Ich mag mich nicht so hoch versteigen , ich plumps sonst so arg 'runter – das ist Feigheit von dir und du wirst's bereuen , wenn's zu spät ist .
– Es war merkwürdig , wie sich in Dominik Alles Red' und Antwort gab , als wären zwei Seelen in ihm , und das war wohl auch , denn er trug Ameile im Herzen .
Schon vor elf Jahren , als der Hirzenbauer von Nellingen , der Klein-Rotteck genannt , dem Dominik den Dienst auf dem Furchenhof verschaffte , schon damals gewann der hochaufgeschossene Bub das kleine Kind besonders lieb .
Ameile stand am ersten Abend am Brunnen und schaute Dominik zu , der sich die Hände wusch ;
das Kind aß von einem großen Apfel , den es mit beiden Händen hielt , es mochte den zutraulichen Blick des Dominik , der nach ihm umschaute , wohl anders deuten , denn es trat auf ihn zu , streckte ihm den Apfel entgegen und sagte :
Dominik war selber noch kindisch genug , um mit diesem Anerbieten so weit Ernst zu machen , daß das Kind eine Weile verblüfft auf seinen so sehr verminderten Apfel sah , dann aber doch wieder Dominik anlachte .
Von jenem Abend an hatte Dominik eine besondere Liebe zu dem Kinde und suchte ihm auf jede Weise Freude zu machen .
Im Winter trug er es oft den größten Theil des Weges auf seinen Armen nach der eine Stunde weit entfernten Schule , und wenn Schneebahn war , führte er es auf einem Handschlitten .
Als Dominik Soldat werden mußte und nach halbjährigem Verweilen in der Garnison wieder in seinen alten Dienst zurückkehrte , gewahrte er plötzlich , daß das Kind eine Jungfrau zu werden begann .
Der Abstand ihrer Lebensverhältnisse wurde ihm immer klarer und selbst in die Herzen voll Einfalt finden oft verschlungene , sich selbst verhüllende Gedanken ihren Weg .
Dominik war jung genug , daß ihm die unverkennbare Liebe Ameile's die tiefste Seele erquickte ;
er lächelte oft still vor sich hin , aber wenn er Ameile begegnete , ihr etwas zu bringen oder zu sagen hatte , machte er immer ein finsteres , ja fast zorniges Gesicht und war wortkarg , er bangte vor dieser Liebe , die ihm nur Unglück bringen konnte , er wollte sie bezwingen , aber es gelang ihm nicht .
Da fand sich eine glückliche Aushülfe :
nicht um seinetwillen , sondern um Ameile mußte er jede Neigung ausreißen und zerstören , das gute harmlose Kind , das durfte nicht in's Elend kommen , es mußte behütet und beschirmt werden .
Dominik erschien sich groß in dieser Entsagung um der Geliebten willen , die ihm jetzt zu gelingen schien ;
er war nun auch oftmals freundlicher gegen Ameile , nur um ihr zu zeigen , wie gut er's mit ihr meine und bald schien es wieder , daß sie von Allem nichts wisse , sie war allezeit gleich fröhlich und behend , lustig wie ein Vogel auf dem Zweige .
Dominik däuchte es , daß er sich getäuscht habe ;
er hatte mit Schmerzen und Kämpfen eine Liebe ausgerottet , die gar nicht da war .
Und so seltsam ist das Menschenherz :
statt daß Dominik sich dabei beruhigte und zufrieden war , daß Alles sich fügte , wie er wünschen mußte , wollte er jetzt mindestens eine Erkenntlichkeit für seine Aufopferung , und er sagte es einst Ameile was er für sie gethan .
Ameile stand betroffen dabei und redete kein Wort .
Wochenlang sah sie ihn kaum an wenn sie ihm begegnete und huschte vorbei , als fliehe sie vor ihm .
Hatte Dominik erst geweckt was er tödten wollte ?
Es schien nicht der Fall .
Einst als sie ihm nicht mehr ausweichen konnte und er sie fragte , warum sie so trotzig gegen ihn sei , sagte sie mit keckem Antlitz lächelnd :
Der Mädchenstolz schien beleidigt , daß eine Liebe preisgegeben wurde , um die noch gar nicht geworben war .
Wollte sie ihn zurückweisen , wenn dies geschehen war ?
Ameile schien nun ein grausames Spiel mit Dominik zu treiben , sie ging allezeit trällernd und lachend umher und die Natur selber mußte ihr helfen , denn sie wurde mit jedem Tag schöner und liebreizender .
Wo sie nur konnte , hänselte sie den Dominik , und die Mutter selber schalt sie oft darüber , der Vater aber hatte seine heimliche Freude an dem lustigen Kind und seinen Scherzen und es war nicht uneben , als er einmal sagte :
Auch Dominik hatte nach dem anfänglichen Aerger seine Lust an dem Uebermuth Ameile's , es wäre ihm gar nicht lieb gewesen , wenn sie ihn nicht geneckt hätte , sie lachte und jauchzte dabei so grundmäßig ;
und daß sie grade immer mit ihm anheftelte , war kein böses Zeichen .
Er gab sich nun selber manchmal zum Besten und bot Ameile oft Gelegenheit über ihn zu lachen .
Auf dem einsamen Furchenhof war damals eine Bewegung der Gemüther wie sie sich nur selten aufthut , und in Stube und Stall und Scheune sagte man einander , daß es gewiß nirgends lustiger hergehe .
Man wußte nicht und wollte nicht wissen , was denn eigentlich vorging und warum Jedes am Morgen so fröhlich aus dem Schlafe sich erhob , man fragte nicht darnach und konnte es nicht sagen und das ist die beste aus innen quillende Freude .
So viel aber wußte doch ein Jedes , daß Ameile der Mittelpunkt aller Lustbarkeit war .
Selbst der alte Furchenbauer , der eine gewisse finstere Miene nie ablegte , konnte sich des Einflusses der wie er Ameile auch bisweilen nannte , nicht erwehren , und es war doppelt zum Lachen , wenn man sah , welche Mühe er sich gab , bei den losen Streichen und Reden Ameile's seine ernste Miene zu bewahren , wie es aber innerlich zuckte und er am Ende doch nicht anders konnte , als laut auflachen .
Oft an Winterabenden , wenn der Vater im Stüble saß und den Wälderboten studirte , während Ameile mit dem Gesinde in der großen Stube spann und allerlei Kurzweil trieb , hörte man bei einer neckischen Rede Ameile's den Vater drin im Stüble laut lachen .
Als Dominik jetzt auf seinem Gang an diese Zeiten und besonders den sieben und vierziger Winter dachte , leuchtete die Heiterkeit von damals wieder aus seinem Antlitz .
Als im Vorfrühling darauf Alban aus der Fremde heimkehrte , trat plötzlich mit ihm ein anderer Geist ein .
Ein Angehöriger und doch vielfach fremden Wesens war auf den Hof gekommen .
Man hatte heiter und erfüllt gelebt in seiner Abwesenheit und es war als ob jedes gewaltsam Raum schaffen müsse für das Gebaren des neuen Ankömmlings , der so zu sagen der zweite Meister war und alsbald überall zugriff .
Mit Ameile ging eine besondere Veränderung vor , sie betrachtete den Bruder oft mit staunender Verehrung und glühte vor Entzücken , da ihr Alban stets mit etwas fremder und so zu sagen höflicher und doch wieder brüderlicher Zutraulichkeit begegnete .
Bald nach der Ankunft Albans hatte auch jene Bewegung begonnen , die so wunderbar die ganze Welt umstellte .
Hand in Hand geleitete oft Ameile ihren schönen und so vornehmen Bruder hinab in's Thal zu den Waffenübungen , sie blieb mit der Mutter in der Ferne am Käppele stehen und sah ihm zu und ihr Herz lachte vor Freude .
Hundertmal wünschte sie sich im Scherz und Ernst , auch ein Bursche zu sein und klagte , daß bei der neuen Welt gar nichts für die Mädchen herauskäme .
Dominik war mit unter den Bewaffneten , aber er wußte , daß Ameile nicht seinetwillen auf der Anhöhe stand und unverwandten Blicks herabschaute ;
sie hatte nur ein Auge für ihren Alban .
Dominik war innerlichst eifersüchtig auf diesen , aber er durfte sichs nicht merken lassen und bald hatte er keinen Grund mehr dazu .
Die Hinneigung Albans zu Vreni ward sichtbar und Dominik schöpfte daraus neue , wenn auch unbestimmte Hoffnung , aber die Welt war ja jetzt eine andere , alle Menschen waren Brüder , und noch leichter als Alban die Vreni heimführte , konnte der Knecht des Bauern Tochter gewinnen .
Ameile schloß sich fortan mit klugem und gutem Herzen der Vreni an , sie konnte dem Bruder ihre Liebe nicht besser erweisen , und als Alban einst in militärischer Weise den Dominik Kamerad nannte , sagte Ameile :
Dennoch war Ameile äußerst zurückhaltend , und wollte Dominik sich ihr nähern , hatte sie immer eine scherzende Abweisung .
Als der Zerfall zwischen dem Vater und Alban eingetreten war , wurde Ameile oft still und in sich gekehrt und einmal sagte sie zu Dominik :
Fortan verhielten sich Dominik und Ameile so , als ob nie etwas zwischen ihnen vorgegangen wäre .
Ameile , die ihren Bruder so sehr geliebt hatte , wurde wunderbarerweise bald wieder so heiter wie ehedem ;
sie war überzeugt , daß ihr Bruder unbedingt Unrecht habe und sprach das auch unverhohlen gegen den Vater aus .
Es ging sie nichts an , was er für einen Streit mit dem Vater hatte , es war und blieb jedenfalls unverzeihlich , daß er die Sache aus dem Hause trug .
Was im Hause vorgeht und besonders zwischen Vater und Kind , das darf nicht über die Schwelle .
Der Vater wurde nun noch besonders liebreich gegen Ameile , da er sie so reden hörte und er ging einmal so weit , daß er ihr sagte :
Dominik war wortkarg und ging still seiner Arbeit nach .
Wenn ihn auch Ameile auch oft ermahnte :
Dominik ging nicht darauf ein .
Ein stolzer Bauernbursche wie Alban , der kann es wagen , eine neue Regel für sich aufzustellen und keck über altgewohnte Schranken hinwegzusetzen ;
ein Knecht , der sich sein Leben lang fügen und ducken mußte und allezeit nach seiner Herkunft schaut , findet die erforderliche Spannkraft hierzu nicht .
Es giebt Naturen , die die Abhängigkeit immer weicher und zaghafter macht .
Das Vertrauen , das nach dem Zerfalle mit Alban der Furchenbauer jetzt seinem Knechte schenkte , erweckte in diesem den alten Vorsatz :
er wollte Ameile nicht in's Unglück stürzen und dem Vater nicht neuen Kummer bereiten .
Darum hatte er noch gestern beim Aepfelschütteln so herb gegen Ameile gethan und am Abend am Brunnen sich zu wenigen Worten herbeigelassen .
Jetzt aber , da er allein war auf dem Wege , sang sie ihm allezeit in's Ohr :
In Jettingen , wo Dominik das Schwärzle einstellte , daß es sich an Futter und Ruhe erhole , gönnte er sich selber keine Rast .
Er eilte eine halbe Stunde ab des Weges zu seiner Mutter nach Nellingen , er hatte sich nicht darüber berathen und sich nicht dazu entschlossen , es trieb ihn unwiderstehlich fort .
Im armseligen väterlichen Hause , das nun der ältere Bruder besaß , traf er die Mutter nicht ;
sie war , wie die heimgebliebenen Bruderskinder sagten , beim Kartoffelausthun auf dem Felde des Hirzenbauern .
Dominik kannte das Feld und eilte dorthin .
Auf dem Wege schlug ihm das Herz gewaltig , da er bedachte :
wie grausam es sei , daß die alte Frau noch taglöhnern müsse ;
er kam sich als schlechter Sohn vor , denn er überdachte , wie oft er sich gutthue und seiner Mutter vergesse .
Im Hinausschreiten gelobte er sich , dies fortan zu ändern .
Die Mutter , eine lange dürre Gestalt , reichte ihrem Sohn die Hand und hob gleich wieder die Harke und wollte während des Harkens mit ihm weiter sprechen ;
der Sohn des Hirzenbauern , der den Dominik freundlich bewillkommte , sagte ihr aber , sie solle nur mit ihrem Sohn heimgehen , sie solle doch ihren Taglohn erhalten .
Dominik dankte und ging langsam neben der Mutter durch das Dorf hinein , die Wangen brannten ihm ;
denn er mußte eilen , er hatte gegen den ausdrücklichen Befehl seines Herrn diesen Abweg gemacht , aber er zwang sich doch zur Ruhe .
Er hatte der Mutter nichts mitgebracht als den verheißenden Gruß , den Ameile ihm mitgegeben ;
sie bat ihn um Geld , er versprach ihr von Wellendingen zu schicken , und als eben der Hirzenbauer auf seinem Bernerwägelein am Hause vorüberfuhr , sagte er :
Als Dominik schon die Thüre in der Hand hatte , fragte ihn noch die Mutter :
schloß Dominik und machte sich eilig auf den Rückweg durch den Wald .
Das Schwärzle brummte ihm entgegen , als er in den Stall trat und ohne Säumen machte er sich nun mit ihm auf nach ihrem Ziel .
Draußen vor Jettingen fuhr der Hirzenbauer an ihm vorüber und winkte ihm zu , sich zu beeilen ;
Dominik glühte vor Erregung , es war schon spät , er konnte die ganze Feierlichkeit versäumen und mit seinem Herrn hart zusammentreffen ;
es war unbegreiflich einfältig , daß er nach Nellingen gesprungen war , er hatte ja doch nichts mit seiner Mutter reden können und was sollte er auch ?
Das Schwärzle mußte in langsamem Gang erhalten werden , damit es nicht erhitzt und abgemattet ankomme , das hätte neuen gerechten Zank gegeben vor aller Welt , und heute sollte er ja wegen seiner treuen Dienste öffentlich belohnt werden .
Dominik wünschte sich Riesenkraft , damit er das Schwärzle tragen und mit ihm davon rennen könne ;
er hätte ihm gern geholfen seine Schritte fördern , aber er konnte nichts thun als langsam neben ihm hergehen .
Dahin war nun all der fröhliche Muth , all das morgenfrische Leben der vergangenen Stunden , und oft fuhr er sich über die heiße Stirn , wenn er bedachte , was seine Mutter ihm gesagt und was die Leute redeten .
Erst nach geraumer Weile , als aus einzelnen Gehöften Leute kamen , die gleich ihm ein Rind oder einen Stier zur Preisbewerbung nach Wellendingen führten , beruhigte er sich und schalt sich innerlich über seinen unnöthigen Jast ;
es war ja noch früh an der Zeit und in der That war er einer der Ersten an dem Wirthhaus zum Apostel in Wellendingen .
Festgefahren Festgefahren .
Der Furchenbauer war noch nicht da .
Heitern Sinnes war er am Morgen mit seiner Tochter ausgefahren .
Er war festtäglich gekleidet , er trug seinen schwarzsammtnen , roth ausgeschlagenen kragenlosen Rock , dazu die rothe Weste mit silbernen Kugelknöpfen , den breiten schwarzen Hut mit nach hinten flatternden Band-Enden .
Auch Ameile war im vollen Putz .
Der safrangelbe hohe Strohhut mit schmaler nach vier Seiten eingebogener Krämpe , die schwarzen um das Kinn gebundenen breiten Sammetbänder hoben noch die frischen Farben ihres runden Antlitzes , um den Hals war ein schwarzblaues seidenes Tuch geschlungen , dessen rothe Endstreifen im Nacken flatterten und lange Zöpfe mit eingeflochtenen rothen Bändern hingen den Rücken hinab ;
der schwarzsammtne ( die Jacke ) nach vorn offen ließ die Silberkettchen auf dem rothen Mieder sehen und war nach einer glücklichen Neuerung bis auf die Hüfte verlängert , dazu die weiße Schürze , der schwarze Rock mit Scharlach und Goldborden eingerändert und die rothen Strümpfe vollendeten den Festanzug .
Die beiden Schweißfuchsen gingen ruhig , der alte Mann lenkte sie leicht und nur manchmal draußen vor den Dörfern überließ er Ameile auf ihr Bitten das Leitseil und Ameile schnalzte mit der Zunge und fuhr lustig .
Auf dem allzeit finstern Antlitze des Bauern ruhte heute der Abglanz des Triumphes , daß vor aller Welt heute sein Knecht und sein Vieh mit dem Preis ausgezeichnet würde ;
der eigentliche Ruhm davon gehörte doch dem Herrn und Meister .
Wäre nicht der geheime Kummer um Alban gewesen , in dem Furchenbauern hätte lauter Freude und Wohlbehagen gelebt .
Er gedachte jenes Tages , da er mit Sorge um seinen Fruchtwagen diesen Weg gefahren ;
jetzt war die Welt wieder ruhig , und gehörte er auch nicht gerade ganz zu Denen , die Dem Recht geben , der Recht behalten , oder , wie der Klein-Rotteck von Nellingen sagt , dem Anderen zuvorgekommen und ihn zuerst ins Loch gesteckt hat :
so dachte er doch nicht mehr viel an solcherlei Dinge .
Die Hauptsache war auch ihm , daß man jetzt wieder die Erträgnisse des Ackers gut absetzt ;
im Uebrigen mag die Welt regieren wer will und wer kann .
Seit vielen Jahren war der Furchenbauer Mitglied des landwirthschaftlichen Vereines ;
der alte , in diesem Bezirk ehedem so sehr beliebte , dessen Lachen immer so mächtig war und lautete wie wenn ein Klafter Holz zusammenfällt , hatte den Furchenbauer zum Eintritt beredet und er blieb dabei , denn er sah den jährlichen Beitrag als eine Art Ehrensteuer an , der sich ein großer Bauer nicht entziehen dürfe .
Von all den vorgeschlagenen Verbesserungen in der Landwirthschaft , von den vielen empfohlenen Werkzeugen hatte sich der Furchenbauer nur wenige angeeignet ;
er befand sich wohl bei seinem alten Verfahren und hatte nicht Lust Neues zu versuchen , das nicht nur fraglich , sondern auch ihm fremd war und dadurch seine Meisterschaft herabsetzte .
Eines aber hatte er gern befolgt .
Mehr aus Stolz als aus Einverständniß mit der Sache hatte er seinen Alban in die neuerrichtete Ackerbauschule gegeben , und das hatte böse Frucht getragen ;
wenigstens wälzte der Vater die wesentliche Schuld auf dieses Verhältnis .
Jetzt aber zeigte sich doch auf Einmal ein strahlender Erfolg seiner Mitgliedschaft und halb vor sich hin und halb in sich hinein murmelte der Furchenbauer :
Er schien dieser Rechtfertigung vor sich und der Welt zu bedürfen .
Ameile , die diese Worte wohl hörte , erwiderte nichts darauf und der Vater sah sie scharf darob an .
Er ärgerte sich aber nicht nur über das Schweigen des Kindes , sondern auch über seine eigene Redseligkeit ;
es war nicht wohlgethan und ganz gegen alle strenge Familienzucht , sich so vor dem Kinde auszulassen .
Unmittelbar vor dem Dorfe Reichenbach wäre den Fahrenden beinahe ein Unglück geschehen .
Alban kam gerade mit einem großen Düngerwagen aus dem Dorf heraus , als der Furchenbauer in dasselbe einfuhr ;
sei es nun , daß der Vater die Zügel in zitternder Hand lenkte oder daß die Pferde Alban erkennend auf ihn zueilten – unversehens hingen die beiden Fuhrwerke in einander und konnten nicht vom Fleck und um ein Kleines wäre Alban dazwischen zerquetscht worden .
Ameile riß dem Vater rasch die Zügel aus der Hand , rief Alban , er möge sein Gespann halten , daß es nicht vorwärts gehe und drang in den Vater , daß er absteige , so lange sie die Pferde halte .
Alban stand eine Weile an seinen Sattelgaul gestemmt , der sich hoch bäumte , aber er bändigte ihn , und mit einer geschickten Wendung löste er rasch die Stränge , sprang behend über die Deichsel und löste die Stränge dem andern Pferde gleichfalls .
Nun konnte sein Fuhrwerk nicht mehr vom Fleck und keinen Schaden mehr anrichten .
Er eilte nun , dem Vater beim Absteigen zu helfen .
Dieser hatte den einen Fuß über der Leiter und wagte trotz der Ermahnungen Ameile's nicht , den andern Fuß nachzuziehen ;
das Ungemach und das Zusammentreffen mit Alban hatte ihn ganz wirr und blöde gemacht .
So stand er noch , mit hülfesuchendem Blick umherschauend als schwebte er am Rande eines Abgrundes , da kam Alban , faßte ihn mit starken Armen , hielt ihn hoch empor und stellte ihn dann sanft auf den Boden .
Er befahl Ameile , ruhig sitzen zu bleiben , hob wie spielend die Hinterräder ihres Wagens in die Höhe und zur Seite , sprang vor an den Kopf der Thiere , lenkte sie etwas zurück und dann wieder vorwärts und flott war das Fuhrwerk .
Der Vater stieg behende wieder auf , die Beihülfe Albans abwehrend , und dieser stand noch eine Weile ruhig , die Hand auf die Wagenleiter gelegt und schaute dem Vater in's Antlitz ;
dann sagte er :
herrschte der Furchenbauer gegen Ameile als Antwort , und an die Schwester gewendet mit zornig wehmüthigem Tone sagte Alban wieder :
entgegnete Ameile und der Vater befahl nochmals :
sagte Alban vor sich niederschauend , Er reichte der Schwester die Hand und schloß :
Auch dem Vater streckte er die Hand entgegen und sagte :
Er zog die dargereichte Hand aber leer zurück , denn der Vater riß Zügel und Peitsche an sich und fuhr davon .
Ameile schaute noch einmal zurück und winkte dem Alban , dieser aber sah sie nicht , denn er strängte die Pferde wieder ein , stieg auf den Sattelgaul , untersuchte die Treibschnur und fuhr hell knallend die Straße hinauf und dann querfeldein .
Draußen vor dem Dorf sagte der Furchenbauer :
begann Ameile nach einer Pause , und der Vater fragte :
Trotz dieser Mahnung sagte Ameile doch nochmals :
Der Furchenbauer konnte den Seinigen verbieten , von Alban zu sprechen , selbst aber sein zu gedenken , dessen konnte er sich nicht erwehren .
Er hatte seit anderthalb Jahren die Stimme seines Kindes zum Erstenmal wieder gehört , das Auge des Kindes hatte lange auf diesem starren Antlitze geruht und die Mienen wurden nur noch finsterer und die schmalen Lippen wurden oft zwischen die Zähne gekniffen .
Erst als er sich Wellendingen näherte und den Leuten begegnete , die ihr Vieh zur Preisbewerbung führten , lächelte der Furchenbauer vor sich hin .
Als Dominik am Apostel auf ihn zukam , rief er diesem barsch zu .
Der Furchenbauer ging mit Ameile nach der Wirthsstube , wo Spitzgäbele ihn alsbald bewillkommte .
Ein officielles Volksfest , eine exotische und eine wilde Blüthe Ein officielles Volksfest , eine exotische und eine wilde Blüthe .
Seitdem wieder jede freie und natürliche Strömung des Volkslebens gebunden ist , seit die Verzweiflung an der Macht des rein sittlichen Gedankens immer allgemeiner zu werden droht , seit man Eidbruch und Verhöhnung des Rechts und Ehrgefühls als nicht zu erörternde Thatsachen hinstellt , ist von dem stolzerhabenen Fahnenrufe der vergangenen Jahre Alles verlöscht worden und nur das eine Wort :
Wohlstand stehen geblieben .
Die öffentlichen Stimmen rufen es allein aus und jeder Einzelne dünkt sich weise und gewitzigt und berühmt sich dessen , daß der günstige Geschäftsbetrieb , der Wohlstand , doch das einzige Wünschenswerthe sei .
Höheren Ortes – wie man es nennt – wird diese Richtung sorglich gepflegt und ihr allenfalls noch durch Erweckung eines kirchlichen Sabbathsinnes ein Gegengewicht zu geben versucht ;
jede Bürgerehre , jede sittliche Verbindung der Staats-und Volksgenossenschaft wird als entbehrlich , ja vielfach als strafwürdig angesehen .
Wenn sich hierdurch die bürgerlich-sittliche Gemeinschaft immer mehr aufzulösen droht , so wird der einsichtige Kenner der Menschengeschichte dennoch nicht trostlos verzweifeln , vielmehr die Zuversicht schöpfen , daß trotz aller eigensüchtigen Zerfahrenheit doch am Ende wieder Ehre und Freiheit sich entwickeln muß , wenn auch zunächst nur als die höchsten Güter des Genusses oder des Wohlstandes , wenn man es so nennen will .
Und auch jetzt schon , so wenig man es auch Wort haben will , zeigt der Staat , daß er diesseits der Markscheide der jüngst vergangenen Jahre andere Ziele haben muß :
die ehemalige verneinende Polizeikunst möchte sich zu einer positiven Förderung des Gemeinwohls entwickeln , möchte von oben herab beglücken , ohne das doch je zu können .
Die vergangenen Jahre haben es oft dargethan , daß der Bauernstand die Pfahlwurzel alles gesunden Staats- und Nationallebens sei , und ihm wendet sich nun die höchste und allerhöchste Fürsorge zu .
Während man jede Volkssitte , die frecherweise ohne höhere Genehmigung aufgewachsen ist , auszutilgen sucht , während man das öffentliche Singen der Volkslieder in den Dörfern verbietet , während man die Spinnstuben in Acht und Bann erklärt und sogar polizeilich sprengt , während man die Kirchweihen alle auf Einen Sonntag verlegt und so Nachbardorf von Nachbardorf absperrt – will man in den landwirthschaftlichen Vereinen und Festen ein mit Kanzleitinte verschriebenes Surrogat dafür setzen .
Da sollen die politischen Schreier einmal zeigen , ob sie wirklich etwas wissen zur Hebung des Nothstandes und zur besseren Ausnutzung der Arbeits- und Naturkräfte !
Jeder Hinweis auf die große Strömung des Nationalbesitzthums und seine Erfordernisse erscheint natürlich alsbald als Flausenmacherei ;
es handelt sich hier nur darum , wie die Cultur , natürlich der Gewächse , zu fördern , wo man russischen Weizen und Luzerne pflanze , wie der belgische Pflug zu handhaben , wie der Dünger zu behandeln und welche Vortheile bestimmte Kreuzungen und Veredlungen , natürlich der Hausthiere , bringen .
Zeigt sich dann auch beim Schmause eine gewisse Lebendigkeit und Lustigkeit , sie ist doch immer gedämpft und in Schranken gehalten , oder will einmal gar wildes Wasser einbrechen , es sind Dämme genug da , durch die Anwesenheit der Angestellten , die hier freilich nur einfache Mitglieder sind , aber doch ihre Amtstitel behalten und sogar in entsprechenden Uniformen darstellen .
Eine gewisse Humanität , die auch den Niederen und Niedersten bedenkt , ist dabei jedoch nicht vergessen , wie wir bald sehen werden .
Eine mit Eichenlaubgewinden , mit Astern und mannichfachen besonders ausgezeichneten Jahreserzeugnissen geschmückte Tribüne erhob sich am Gartenzaun des Apostelwirths , so daß die Versammlung auf der Straße zwischen dem Wirthshause und der breiten Tribüne sich aufstellen konnte ;
Fuhrwerke , die des Weges kamen , mußten um das Apostelwirthshaus herum weiter fahren .
Hier war noch vor wenigen Jahren eine fast beständige Tribüne für Volksversammlungen gewesen ;
hier war der Reichstagsabgeordnete gewählt und waren Proteste gegen ihn erlassen worden , der Lenz von Röthhausen hatte hier seine glänzendsten Triumphe gefeiert .
Der Ort war vortrefflich in der Mitte des Bezirkes gelegen und der Wirth war einer der eifervollsten Freisinnigen und rauchte beständig aus einer Heckerpfeife .
Seitdem hat er sich anders besonnen , hat sich das Rauchen abgewöhnt , schnupft nur noch echten Pariser und ist sogar fromm geworden .
Eine Musikbande war im obern Stock des Wirthshauses an den Fenstern aufgestellt , ein Trompetenstoß und darauf folgender Marsch verkündete , daß jetzt die Viehmusterung beginne .
Natürlich hatten zwei mit Ober- und Untergewehr bewaffnete Landjäger den Zug angeordnet und hielten Wache .
Die Preisrichter waren fünf .
Obenan stand der derzeitige Präsident des landwirthschaftlichen Vereins , ein resignirter Cameralverwalter , der jetzt als Pächter mehrerer Domänen den Titel Domänenrath hatte , ein behäbiges und lustiges Männchen mit spärlichen grauen Haaren auf dem Haupte , die jetzt sichtbar wurden , da er beim Austreten aus dem Apostel fortwährend alle Anwesenden grüßte , die entblößten Hauptes vor ihm standen .
Dominik war der erste , der seinen Hut wieder aufsetzte , denn das Schwärzle war unbegreiflich wild .
Dem Domänenrath folgte eine hagere selbstbewußte Erscheinung , die den Schnurrbart zwirbelte ;
es war der Rittergutsbesitzer von Renn , ehemaliger Leutenant .
Nun kam eine vollbärtige untersetzte Gestalt , ebenfalls ein studirter Oekonom , ehemals Pfarrkandidat und jetzt Pächter auf dem Sabelsbergischen Gute in Reichenbach , im Rufe gelinder Freisinnigkeit stehend .
Der Hirzenbauer , Klein-Rotteck genannt , eine untersetzte , gedrungene Figur und der ewig lächelnde , halb städtisch gekleidete Schultheiß des Ortes beschlossen die Reihe der Auserwählten .
Die Thiere wurden vorgeführt und von allen Seiten gemustert , der Domänenrath riß ihnen das Maul auf , um das Alter zu erkunden , seine Hände trieften von Schaum ;
er gab seine Stimme ab :
erster oder zweiter Preis , worauf die Andern in der Regel laut beistimmten , nur der ehemalige Theolog und der Klein-Rotteck wichen manchmal ab .
Als Dominik mit dem Schwärzle vorfuhr und sich mächtig anstemmen mußte , da das sonst so geduldige Thier in der Menschenmenge unter der Musik schnaubte , und hin und herriß , lächelte eine Frauengestalt aus dem untern Fenster des Apostels .
Die Oberamtmännin stand dort neben Ameile und sagte :
Der Domänenrath prüfte das Schwärzle und einstimmig wurde ihm der erste Preis zuerkannt .
Der Landjäger verwies Dominik mit dem Thiere nach der rechten Seite , das Thier schleifte ihn fast und er mußte mit aller Kraft hemmen .
Nun bestiegen die Preisrichter die Tribüne .
Der Oberamtmann in seiner Uniform mit der gelben Schärpe und dem Degen an der Seite stellte sich auch dort auf .
Ihm folgte die Oberamtmännin , die nicht abließ , bis auch Ameile mitging ;
sie stellte sich aber immer hinter die Oberamtmännin , so daß sie kaum gesehen werden konnte .
Der Domänenrath hielt nun einen Vortrag über den Flurzwang und die Vortheile des Zusammenlegens der Grundstücke , den er mit manchen anschaulichen Bildern und Scherzen zu würzen wußte , so daß oft ein verhaltenes Lachen durch die Versammlung sauste .
Auf seinen Wink ertönte dann ein Trompetenstoß und die Austheilung der Dienstbotenpreise begann , wobei noch ausdrücklich bemerkt wurde , daß nur solche belohnt würden , die ohne nahe Verwandtschaft viele Jahre in Einem Hause vorwurfsfrei gedient haben .
Auf der Tribüne lagen rothe Kästchen , welche mit dem Namen der Belohnten bezeichnet waren und die Denkmünze enthielten .
So oft ein Name ausgerufen wurde , reichte die Oberamtmännin dem Domänenrath das Kästchen , dieser reichte es hinab und jedesmal ertönte ein dreimaliger Trompetentusch .
Dominik war erst der vorletzte unter den Preiswürdigen , weil seine Dienstzeit durch die Militärpflicht unterbrochen war .
Als endlich sein Namen ausgerufen wurde , faßte Ameile unwillkürlich das Kästchen und ohne es durch die Hand des Domänenraths gehen zu lassen , reichte sie es Dominik unmittelbar hinab .
Ein heller Trompetentusch ertönte , in den sich freudiges Zujauchzen der Versammelten mischte .
Wer könnte ermessen , was in diesem Augenblick in Ameile und Dominik vorging ?
Der Domänenrath streichelte ihr die glühende Wange und sprach etwas von Ritterfräulein und Turnieren , Ameile verstand ihn nicht , sie schwebte wie auf den Tönen der Musik in Jubel und Bangen .
Dominik steckte das Empfangene ruhig in die Tasche , schaute nur flüchtig auf und sich ungeschickt verbeugend und stolpernd kehrte er zu seinem Thiere zurück .
Dort erst öffnete er das Kästchen und es enthielt ihm jetzt in der That einen hohen Ehrenpreis .
Der Furchenbauer brachte nun dem Dominik eine mächtige Kuhschelle mit neuem rothem Riemen , die er vorsorglich im Wagensitze mitgenommen .
Das Schwärzle ließ sich nicht ohne Unruhe die Schelle umhängen und vom Apostelwirth den Kranz auf's Haupt setzen .
Der Apostelwirth war ein kluger , politischer Kopf , er hatte Kränze bereit gehalten für alle , die gekrönt worden waren , und er behauptete , ganz genau vorher gewußt zu haben , welches Thier preiswürdig befunden würde .
Der Domänenrath hielt hierauf noch eine sehr in's Salbungsvolle übergehende Anrede über die Tugenden eines wackeren Dienstboten ;
ein aufmerksamer Zuhörer hätte es ihm deutlich angehört , daß er auf einen Uebergang zu der nun erfolgenden Handlung spekulirte und in seiner Rede hin und her tappte ;
er fand aber den richtigen Ausweg nicht und half sich endlich damit , daß er wieder einen Marsch aufspielen ließ .
Der Rainbauer von Hirlingen – der sogenannte Scheckennarr , weil er nur scheckiges Vieh hielt und es oft theuer bezahlte – erhielt den ersten Preis für einen selbstgezogenen hochbeinigen holländischen Zuchtstier , den vier Mann führen mußten .
Unmittelbar darauf wurde das Schwärzle vorgeführt , unter dem Kranze hervor schaute sein Auge keck hinauf zu den Preisrichtern , während der Furchenbauer den Hut abzog , da er seinen Namen ausrufen hörte und wieder Trompetentusch erschallte .
Er geleitete den Dominik noch aus der Reihe hinaus und befahl ihm , jetzt nur der Straße nach heimzufahren .
Durch alle Dörfer sollte nun sein Ruhm erklingen , der noch verewigt wurde im Wochenblättle .
Dominik wartete indeß noch auf den Hirzenbauer , und als er ihn sah , übergab er ihm das Kästchen sammt der Denkmünze und bat ihn , solches seiner Mutter in Nellingen zu zeigen und ihr drei Gulden darauf zu leihen .
Der Hirzenbauer entgegnete , daß er von Dominik kein Pfand brauche , er nahm aber doch die Denkmünze mit , um solche , wie er sagte , der Mutter zu zeigen und für sie aufzubewahren .
Gern hätte Dominik noch einmal Ameile gesehen , er konnte sie aber mit keinem Blicke erspähen , und mit verlangendem Herzen machte er sich auf den Heimweg .
Das Fest , vor dem er sich gestern noch fast gefürchtet hatte , war nun doch ein freudiges geworden , aber freilich nicht blos durch die von oben gesetzte Anordnung .
Kaum war Dominik eine halbe Stunde von Wellendingen , als ihm ein wilder Reiter auf schnaubendem Rosse begegnete und staunend erkannte er den Alban ;
er hielt an und fragte :
erwiderte Alban .
Es wird Abschied genommen , aber auf Wiedersehen Die Großmama hatte einen Tag vor ihrer Ankunft noch einen Brief nach der Alp hinauf geschrieben , damit sie oben bestimmt wüßten , daß sie komme .
Diesen Brief brachte am andern Tag der Peter in der Frühe mit sich , als er auf die Weide zog .
Schon war der Großvater mit den Kindern aus der Hütte getreten und auch Schwänli und Bärli standen beide draußen und schüttelten lustig ihre Köpfe in der frischen Morgenluft , während die Kinder sie streichelten und ihnen glückliche Reise wünschten zu ihrer Bergfahrt .
Behaglich stand der Öhi dabei und schaute bald auf die frischen Gesichter der Kinder , bald auf seine sauber glänzenden Geißen nieder .
Beides mußte ihm gefallen , denn er lächelte vergnüglich .
Jetzt kam der Peter heran .
Als er die Gruppe gewahr wurde , näherte er sich langsam , streckte den Brief dem Öhi entgegen , und sobald dieser ihn erfaßt hatte , sprang er scheu zurück , so , als ob ihn etwas erschreckt habe , und dann guckte er schnell hinter sich , gerade als ob von hinten ihn auch noch etwas hätte erschrecken wollen ;
dann machte er einen Sprung und lief davon , den Berg hinauf .
, sagte das Heidi , das dem Vorgang verwundert zugeschaut hatte , , antwortete der Großvater .
Nur die erste Halde hinauf lief der Peter so in einem Zuge davon ;
sobald man ihn von unten nicht mehr sehen konnte , kam es anders .
Da stand er still und drehte scheu den Kopf nach allen Seiten ;
plötzlich tat er einen Sprung und schaute hinter sich , so erschreckt , als habe ihn eben einer im Genick gepackt .
Hinter jedem Busch hervor , aus jeder Hecke heraus meinte jetzt der Peter den Polizeidiener aus Frankfurt auf sich losstürzen zu sehen .
Je länger aber diese gespannte Erwartung dauerte , je schreckhafter wurde es dem Peter zumute , er hatte keinen ruhigen Augenblick mehr .
– Nun mußte das Heidi seine Hütte aufräumen , denn die Großmama sollte doch alles in guter Ordnung finden , wenn sie kam .
Klara fand dieses geschäftige Treiben Heidis in allen Ecken der Hütte herum immer so kurzweilig , daß sie mit Vorliebe dieser Tätigkeit zuschaute .
So vergingen die frühen Morgenstunden den Kindern unversehens , und schon konnte man der Ankunft der Großmama entgegensehen .
Jetzt kamen die Kinder bereit und zum Empfang gerüstet wieder heraus und setzten sich nebeneinander auf die Bank vor der Hütte , in voller Erwartung auf die kommenden Ereignisse .
Auch der Großvater trat jetzt wieder zu ihnen ;
er hatte einen Gang gemacht und hatte einen großen Strauß dunkelblauer Enziane mitgebracht , die leuchteten so schön in der hellen Morgensonne , daß die Kinder aufjauchzten bei dem Anblick .
Der Großvater trug sie in die Hütte hinein .
Von Zeit zu Zeit sprang das Heidi von der Bank , um auszuspähen , ob von dem Zug der Großmama noch nichts zu entdecken sei .
Aber jetzt :
da kam es von unten herauf , gerade so , wie das Heidi es erwartet hatte .
Voran stieg der Führer , dann kam das weiße Roß und die Großmama darauf und zuletzt kam der Träger mit dem hohen Reff , denn ohne reichliche Schutzmittel zog die Großmama nun einmal nicht auf die Alp .
Näher und näher kam der Zug .
Jetzt war die Höhe erreicht ;
die Großmama erblickte die Kinder von ihrem Pferd herunter .
rief sie erschrocken aus und stieg nun eilig herunter .
Bevor sie aber noch bei den Kindern angekommen war , schlug sie die Hände zusammen und rief in der höchsten Aufregung :
Jetzt wollte die Großmama auf Klara losstürzen .
Aber unversehens war das Heidi von der Bank geglitten , Klara hatte sich schnell auf seine Schultern gestützt , und fort wanderten die Kinder , ganz gelassen einen kleinen Spaziergang machend .
Die Großmama war plötzlich still gestanden , erst vor Schrecken , sie meinte nicht anders , als das Heidi stelle eben etwas Unerhörtes an .
Aber was sah sie vor sich !
Aufrecht und sicher ging Klara neben dem Heidi her ;
jetzt kamen sie wieder zurück , beide mit strahlenden Gesichtern , beide mit rosenroten Backen .
Jetzt stürzte die Großmama ihnen entgegen .
Lachend und weinend umarmte sie ihr Klärchen , dann das Heidi , dann wieder Klara .
Vor Freude fand die Großmama gar keine Worte .
Auf einmal fiel ihr Blick auf den Öhi , der bei der Bank stand und mit behaglichem Lächeln nach den dreien herüberschaute .
Jetzt faßte die Großmama Klaras Arm in den ihrigen und wanderte mit ihr unter immerwährenden Ausrufungen des Entzückens , daß es ja wirklich so sei , daß sie umherwandern könne mit dem Kinde , der Bank zu .
Hier ließ sie Klara los und ergriff den Alten bei beiden Händen .
, fiel der Öhi lächelnd ein .
rief nun Klara ihrerseits ;
, sagte jetzt die Großmama lachend .
, antwortete er ;
Die Großmama bestand darauf , sofort ihrem Sohne eine Depesche zu schicken , denn dieses Glück sollte ihm keinen Tag vorenthalten bleiben .
Nun ging der Öhi ein wenig auf die Seite , und hier tat er einen so durchdringenden Pfiff durch seine Finger , daß es hoch oben von den Felsen zurückpfiff , so weit weg hatte er das Echo geweckt .
Es währte gar nicht lange , so kam der Peter heruntergerannt , er kannte den Pfiff wohl .
Der Peter war kreideweiß , denn er dachte , der Alm-Öhi rufe ihn zum Gericht .
Es wurde ihm aber nur ein Papier übergeben , das die Großmama unterdessen überschrieben hatte , und der Öhi erklärte ihm , er habe das Papier sofort ins Dörfli hinunterzutragen und auf dem Postamt abzugeben , die Bezahlung werde der Öhi später selbst in Ordnung bringen , denn so viele Dinge auf einmal konnte man dem Peter nicht übertragen .
Dieser ging nun mit seinem Papier in der Hand , für diesmal wieder erleichtert , davon , denn der Öhi hatte ja nicht zum Gericht gepfiffen , es war kein Polizeidiener angekommen .
– Endlich konnte man sich denn fest und ruhig zusammen um den Tisch vor der Hütte herumsetzen , und nun mußte der Großmama erzählt werden , wie von Anfang an alles sich zugetragen hatte .
Wie zuerst der Großvater jeden Tag ein wenig das Stehen und dann ein Schrittchen mit Klara probiert hatte , wie dann die Reise auf die Weide gekommen war , und der Wind den Rollstuhl fortgejagt hatte .
Wie Klara vor Begierde nach den Blumen den ersten Gang machen konnte , und so eins aus dem andern gekommen war .
Aber es währte lange , bis diese Erzählung von den Kindern zu Ende gebracht wurde , denn zwischendurch mußte die Großmama immer wieder in Verwunderung und in Lob und Dank ausbrechen , und immer wieder rief sie aus :
Und Klara und Heidi hatten immer neue Freude , daß ihre schön ausgedachte Überraschung so gut gelungen war bei der Großmama und immer noch fortwirkte .
hatte unterdessen seine Geschäfte in Paris beendet , und auch er hatte vor , eine Überraschung zu bereiten .
Ohne ein Wort an seine Mutter zu schreiben , setzte er sich an einem der sonnigen Sommermorgen auf die Eisenbahn und fuhr in einem Zuge bis nach Basel , von wo er in aller Frühe des folgenden Tages gleich wieder aufbrach , denn es hatte ihn ein großes Verlangen ergriffen , einmal wieder sein Töchterchen zu sehen , von dem er nun den ganzen Sommer durch getrennt gewesen war .
Im Bade Ragaz kam er einige Stunden nach der Abfahrt seiner Mutter an .
Die Nachricht , daß sie eben heute die Reise nach der Alp unternommen habe , kam ihm gerade recht .
Sofort setzte er sich in einen Wagen und fuhr nach Maienfeld hinüber .
Als er da hörte , daß er auch noch bis zum Dörfli hinauffahren könne , tat er dies , denn er dachte , die Fußpartie den Berg hinauf werde ihm immer noch lang genug werden .
hatte sich nicht getäuscht ;
die unausgesetzte Steigung die Alp hinan kam ihm sehr lang und beschwerlich vor .
Noch immer war keine Hütte in Sicht , und er wußte doch , daß auf dem halben Wege er auf die Wohnung des Geißenpeter stoßen sollte , denn oftmals hatte er die Beschreibung dieses Weges vernommen .
Es waren überall Spuren von Fußgängern zu sehen , manchmal gingen die schmalen Wege nach allen Richtungen hin .
wurde unsicher , ob er auch auf dem richtigen Pfade sei , oder ob vielleicht die Hütte auf einer andern Seite der Alp liege .
Er sah sich um , ob kein menschliches Wesen zu entdecken sei , das er um den Weg befragen könnte .
Aber es war still ringsum , weit und breit war nichts zu sehen , noch zu hören .
Nur der Bergwind sauste dann und wann durch die Luft , und im sonnigen Blau summten die kleinen Mücken , und ein lustiges Vögelein pfiff da und dort auf einem einsamen Lärchenbäumchen .
stand eine Weile still und ließ sich die heiße Stirne vom Alpenwind kühlen .
Jetzt kam jemand von oben heruntergelaufen ;
es war der Peter mit seiner Depesche in der Hand .
Er lief gradaus , steil herunter , nicht auf dem Fußweg , auf dem stand .
Sobald der Läufer aber nahe genug war , winkte ihm , daß er herüberkommen sollte .
Zögernd und scheu kam der Peter heran , seitwärts , nicht gradaus , und so , als könne er nur mit dem einen Fuß richtig vorankommen und müsse den andern nachschleppen .
ermunterte .
Ein dumpfer Ton furchtbarsten Schreckens war die Antwort , und so maßlos schoß der Peter davon , daß er kopfüber und über die steile Halde hinabstürzte und fortrollte in unwillkürlichen Purzelbäumen , immer weiter und weiter , ganz ähnlich wie der Rollstuhl getan hatte , nur daß glücklicherweise der Peter nicht in Stücke ging , wie es bei dem Sessel der Fall gewesen war .
Nur die Depesche wurde arg zugerichtet und flog in Fetzen davon .
, sagte vor sich hin , denn er dachte nicht anders , als daß die Erscheinung eines Fremden diesen starken Eindruck auf den einfachen Alpensohn hervorgebracht habe .
Nachdem er Peters gewalttätige Talfahrt noch ein wenig betrachtet hatte , setzte seinen Weg weiter fort .
Der Peter konnte trotz aller Anstrengung keinen festen Standpunkt gewinnen , er rollte immer zu , und von Zeit zu Zeit überschlug er sich noch in besonderer Weise .
Aber das war nicht die schrecklichste Seite seines Schicksals in diesem Augenblick , viel erschrecklicher waren die Angst und das Entsetzen , die ihn erfüllten , nun er wußte , daß der Polizeidiener aus Frankfurt wirklich angekommen war .
Denn er konnte nicht daran zweifeln , daß der Fremde es sei , der den Frankfurtern beim Alm-Öhi nachgefragt hatte .
Jetzt , am letzten hohen Abhang oberhalb des Dörfli , warf es den Peter an einen Busch hin , da konnte er sich endlich festklammern .
Einen Augenblick blieb er noch liegen , er mußte sich erst wieder ein wenig besinnen , was mit ihm sei .
sagte eine Stimme hart neben dem Peter .
Es war der Bäcker , der so spottete .
Da er da droben aus seinem heißen Tagewerk weg sich ein wenig erluften wollte , hatte er ruhig zugesehen , wie eben der Peter , dem Heranrollen des Stuhles nicht unähnlich , von oben heruntergekommen war .
Der Peter schnellte auf seine Füße .
Er hatte seinen neuen Schrecken .
Jetzt wußte der Bäcker auch schon , daß der Stuhl einen Puff bekommen hatte .
Ohne ein einziges Mal zurückzusehen , lief der Peter wieder den Berg hinauf .
Am liebsten wäre er jetzt heimgegangen und in sein Bett gekrochen , daß ihn keiner mehr finden konnte , denn da fühlte er sich am sichersten .
Aber er hatte ja die Geißen noch oben und der Öhi hatte ihm noch eingeschärft , bald wiederzukommen , daß die Herde nicht zu lang allein sei .
Den Öhi aber fürchtete er vor allen und hatte einen solchen Respekt vor ihm , daß er niemals gewagt hätte , ihm ungehorsam zu sein .
Der Peter ächzte laut und hinkte weiter , es mußte ja sein , er mußte wieder hinauf .
Aber rennen konnte er jetzt nicht mehr , die Angst und die mannigfaltigen Stöße , die er soeben erduldet hatte , konnten nicht ohne Wirkung bleiben .
So ging es denn mit Hinken und Stöhnen weiter die Alm hinauf .
hatte kurz nach der Begegnung mit Peter die erste Hütte erreicht und wußte nun , daß er auf dem richtigen Wege war .
Er stieg mit erneutem Mute weiter , und endlich , nach langer , mühevoller Wanderung , sah er sein Ziel vor sich .
Dort oben stand die Almhütte und oben drüber wogten die dunkeln Wipfel der alten Tannen .
ging mit Freuden an die letzte Steigung , gleich konnte er sein Kind überraschen .
Aber schon war er von der Gesellschaft vor der Hütte entdeckt und erkannt worden , und für den Vater wurde vorbereitet , was er nicht ahnte .
Als er den letzten Schritt zur Höhe getan hatte , kamen ihm von der Hütte her zwei Gestalten entgegen .
Es war ein großes Mädchen mit hellblonden Haaren und einem rosigen Gesichtchen , das stützte sich auf das kleinere Heidi , dem ganze Freudenblitze aus den dunkeln Augen funkelten .
stutzte , er stand still und starrte die Herankommenden an .
Auf einmal stürzten ihm die großen Tränen aus den Augen .
Was stiegen auch für Erinnerungen in seinem Herzen auf !
Ganz so hatte Klaras Mutter ausgesehen , das blonde Mädchen mit den angehauchten Rosenwangen .
wußte nicht , war er wachend oder träumte er .
Der Khabir Die Sonne hatte ihren Tageslauf fast ganz vollendet ;
darum lag ich nach der heutigen glühenden Hitze etwas entfernt von dem Brunnen vollständig im Schatten meines Reitkameles , während sich die andern Mitglieder der Karawane rund um das brackige , schlecht schmeckende Wasser niedergelassen hatten und den überschwenglichen Reden meines lauschten .
Ich konnte jedes Wort verstehen , welches gesprochen wurde , und hörte mit heimlichem Vergnügen zu , welche Mühe er sich gab , alle meine unzähligen guten Eigenschaften in das richtige Licht zu stellen .
fragte er den neben ihm sitzenden Handelsherrn aus Mursuk .
antwortete der Gefragte bereitwilligst .
Der Aufschneider log gewaltig , denn ich zahlte ihm nicht täglich , sondern wöchentlich einen Mariatheresienthaler ;
er bekam also nach deutschem Gelde täglich ungefähr 50 Pfennige .
Der sehr reiche Handelsherr antwortete :
nickte Kamil , unterbrach ihn da der 7 rasch .
Er hätte in diesem Tone wohl weitergesprochen ;
da aber deutete der auf die Sonne und sagte :
Sie sprangen alle auf , tauchten ihre Hände in das Wasser , knieten dann , mit dem Gesichte nach der Richtung von Mekka gewendet , nieder und beteten unter den vorgeschriebenen Verbeugungen und Handbewegungen dem alten Schech die heilige Fatcha nach .
Auch ich kniete währenddem im Sande und verrichtete mein christliches Abendgebet , natürlich ohne ihre Bewegungen nachzuahmen , denn ich hatte ihnen nicht verschwiegen , daß ich kein Mohammedaner sei .
Ich war gestern , gleich nachdem ich mit meinem Kamil ihre Handelskarawane eingeholt hatte , so aufrichtig gewesen , ihnen das zu sagen , und sie hatten das nicht für einen Grund genommen , mir die Erlaubnis , mich ihnen anzuschließen , zu verweigern .
Als das Gebet zu Ende war und wir uns von den Knieen erhoben hatten , sahen wir von Norden her einen einzelnen Kamelreiter kommen .
Sein Hedschihn 9 war ein vorzüglicher Schnellläufer , und seine Waffen bestanden aus einer langen , arabischen Flinte und zwei Messern , die er an Armbändern an seinen Handgelenken hängen hatte .
Diese Art , die Messer zu tragen , ist für den Gegner sehr gefährlich :
man umarmt ihn und sticht ihm dabei die beiden Klingen von hinten in den Rücken .
grüßte er , bei uns angekommen , indem er , ohne sein Kamel niederknieen zu lassen , aus dem Sattel sprang .
Er war in einen langen , weißen Burnus gehüllt , unter dessen Kapuze sein dunkles , stark eingefettetes Haar hervorquoll .
Groß und kräftig gebaut , hatte er ein ovales , volles Gesicht mit einer Abplattung in der Gegend der Backenknochen , eine kurze , fast stumpfe Nase , kleine Augen und ein rundes Kinn .
Hätte er das Litham getragen , einen Gesichtsschleier , der nur die Augen frei läßt , so wäre ich überzeugt gewesen , einen Targi 10 vor mir zu haben .
antwortete der alte Schech , als das Tier des Ankömmlings von selbst zum Wasser lief , um zu trinken .
antwortete der Gefragte .
Dieses Wort ist gleich bedeutend mit Tuareg .
Des letzteren Wortes bedienen sich nur die Araber , während die Angehörigen des betreffenden räuberischen Volkes sich nie anders denn als Imoscharh bezeichnen .
rief der Alte betroffen aus .
Er sah sich ratlos im Kreise um .
, der Handelsherr , machte ein bedenkliches Gesicht und fragte :
antwortete der Schech .
sagte der neu Angekommene .
fragte der Schech erstaunt .
Der arabische Stamm der wohnt allerdings in Fezzan , aber es wurde mir schwer , diesen Khabir für einen Araber zu halten , zumal er die Tuareg nicht anders als Imoscharh nannte , was ein Araber nicht gethan hätte .
Diesen meinen Zweifel hegte der Schech aber nicht , denn er sagte :
Der Khabir sah uns mit scharfem , stechendem Blicke an und fragte dann Kamil in grollendem Tone :
antwortete der Gefragte .
Er spuckte ihn an , was sich mein Kamil sehr ruhig gefallen ließ , denn er war nur mit dem Munde tapfer , in der That aber ein Feigling , der seinesgleichen suchte .
Das einzige , was er wagte , war , sich mit der vorwurfsvoll klingenden Frage an mich zu wenden :
lachte der Khabir verächtlich .
Er kam auf mich zu , blieb drei Schritte vor mir stehen , funkelte mich mit lodernden Augen an und fragte :
antwortete ich in aller Ruhe .
klang es erstaunt .
Er hob schon die Faust zum Hiebe , ließ sie aber vor Erstaunen wieder sinken und fragte :
Er stockte .
Meine Frage brachte ihn so in Verlegenheit , daß er erst nach einiger Zeit fortfahren konnte :
Ich sagte das in einem so bestimmten , überzeugten Tone , daß er einiger Zeit bedurfte , seine Bestürzung zu überwinden ;
dann aber brach er los :
unterbrach ich ihn .
An die Günderode Schon zehn Tage bist Du fort , alle Tag kommt der Jud mit dem leeren Sack , ich ließ ihn heut den Sack um und um kehren , weil ich dacht , es müsse sich Dein Brief drin finden , den ich so sicher erwartete , aber es war nichts herausgefallen als Brotkrümel und kein Krümelchen Deiner Feder für mich – wonach ich gar nicht so hungrig bin , wenn ich nur weiß , daß alles noch beim alten ist , und daß Du gesund bist .
– Weißt Du mir nichts zu schreiben , so such mir aus meinen Briefen meine Religionsprinzipien zusammen , ich hab noch allerlei Nachgedanken berauschender Quellen der Natur hervorströmen , und mir deucht , ich sollte sie auch noch zu schöpfen versuchen .
– Bei der Großmama ist ewiger Besuch , heute spazierte man zu siebzehn Fürstlichkeiten im Garten auf und ab , die Großmama zum Bewundern , in Anmut und Würde alle überstrahlend , Isenburg , Reuß , Erbach und etliche hessische Durchlauchten und nebenbei noch der , der schon längere Zeit täglich Brot ist im Haus , nämlich alle Mittag um drei Uhr kommt er herausgefahren und läßt sich von mir die Depeschen vorlesen und Journale , dann geht er in den Garten , wo er Bohnen gepflanzt hat , die muß ich ihm begießen helfen .
Die Großmama spricht von seinem Genie , mir gefällt , daß er mit mir umgeht wie mit einem Kind , er nennt mich Du !
Frägt mich nie nach was anderm , als was ich mit Ja oder Nein beantworten kann , weiter hab ich ihm nichts gesagt bis jetzt – im Garten läßt er mich in der Sonnenhitze den Regenschirm tragen , und er trägt die Gießkanne , letzt war er so matt , daß er sie hinstellen mußte , ich sagte , er solle den Parapluie tragen , ich wolle die Gießkanne nehmen , er meinte , die sei wohl zu schwer für mich , als er aber sah , daß ich sie mit ausgestrecktem Arm weitab durch die Luft trug , um mein Kleid nicht naß zu machen , so nennt
er mich seitdem die starke Magd .
– Seine roten Haare , die einen verzweiflungsvollen Schwung haben wie ein schweres Ährenfeld , das der Hagel verwüstet hat , und sein blasses Angesicht geben ihm in der Abenddämmerung das Ansehen von einem Geist ;
ich hab mich vor ihm gefürchtet , wie er mich abends durchs Boskett begleitete .
Die Großmama hatte alle Fürstlichkeiten an der Wagentüre begrüßt und dagegen protestiert , daß sie unter das Dach ihrer Grillenhütte kommen , sie wollten aber absolut in die Grillenhütte herein , und so ward diese bald zu eng .
– Im Garten machte der Herzog selbst eine Weinkaltschale mit Pfirsich ;
denn er panscht gern , ich mußte dazu alles herbeiholen in die Geisblattlaube , da er mich nun immer starke Magd nannte , so passierte ich bei der hohen Gesellschaft für ein so seltnes Monstrum ;
zuletzt sagte er noch :
Ich holte mir die Schawell und setzte mich mitten ins Bohnenfeld , wo ich nicht mehr bemerkt wurde , es war mir eine Labung ;
denn ich war betäubt und müde , alles kann ich ertragen , nur nicht das Brausen der Menschenreden , die kein Feuer , keinen Zweck haben und immer in der Luft herumgreifen und nichts fragen und nichts anregen ;
besser wär's , schweigen .
Bis das Ton wird , was unendlichen Vorteil bringen mag , da kann noch viel Wasser dem Main hinunterfließen .
Am Abend ging alles ins Boskett , die Musik zu hören , es war mit bunten Lampen erleuchtet , die Orangerie auf der Terrasse am Main jetzt in ihrem schönsten Flor , ach , ich war so müde und betäubt – was ich geträumt habe weiß ich nicht mehr , es war schön ;
denn ich wachte auf , wie trunken von Behagen , aber doch so schwindlig , daß sich die starke Magd an der Hand vom Herzog nach Haus führen ließ , er fuhr in die Stadt , er rief mir noch aus dem Wagen zu :
– 17ten war heute hier , zwischen zehn und ein Uhr , ich lag noch zu Bett , ich hatte die Großmama um Erlaubnis fragen lassen auszuschlafen , weil mich am Abend der Duft der Orangerie ganz betäubt hatte , er wartete auf mich hinter der Pappelwand .
– Es gibt Weh , darüber muß man verstummen ;
die Seele möchte sich mit begraben , um es nicht mehr empfinden zu müssen , daß solcher Jammer sich über einem Haupte sammeln könne , und wie konnte es auch ?
– O ich frage !
und da ist die Antwort :
weil keine heilende Liebe mehr da ist , die Erlösung könnte gewähren .
Oh , werden wir's endlich inne werden , daß alle Jammergeschicke unser eignes Geschick sind ?
– Daß alle von der Liebe geheilt müssen werden , um uns selber zu heilen .
Aber wir sind uns der eignen Krankheit nicht mehr bewußt , nicht der erstarrten Sinne ;
daß das Krankheit ist , das fühlen wir nicht – und daß wir so wahnsinnig sind und mehr noch als jener , dessen Geistesflamme seinem Vaterland aufleuchten sollte – daß die erlöschen muß im trüben Regenbach zusammengelaufner Alltäglichkeit , der langweilig dahinsickert .
– Hat doch die Natur allem den Geist der Heilung eingeboren , aber wir sind so verstandlos , daß selbst der harte Stein für uns ihn in sich entbinden lässet , aber wir nicht – nein , wir können nicht heilen , wir lassen den Geist der Heilung nicht in uns entbinden , und das ist unser Wahnsinn .
Gewiß ist mir doch bei diesem Hölderlin , als müsse eine göttliche Gewalt wie mit Fluten ihn überströmt haben , und zwar die Sprache , in übergewaltigem raschen Sturz seine Sinne überflutend und diese darin ertränkend ;
und als die Strömungen verlaufen sich hatten , da waren die Sinne geschwächt und die Gewalt des Geistes überwältigt und ertötet .
– Und sagt :
ja , so ist's – und er sagt noch :
aber ihm zuhören , sei grade , als wenn man es dem Tosen des Windes vergleiche ;
denn er brause immer in Hymnen dahin , die abbrechen , wie wenn der Wind sich dreht – und dann ergreife ihn wie ein tieferes Wissen , wobei einem die Idee , daß er wahnsinnig sei , ganz verschwinde , und daß sich anhöre , was er über die Verse und über die Sprache sage , wie wenn er nah dran sei , das göttliche Geheimnis der Sprache zu erleuchten , und dann verschwinde ihm wieder alles im Dunkel , und dann ermatte er in der Verwirrung und meine , es werde ihm nicht gelingen , begreiflich sich zu machen ;
und die Sprache bilde alles Denken ;
denn sie sei größer wie der Menschengeist , der sei ein Sklave nur der Sprache , und so lange sei der Geist im Menschen noch nicht der vollkommne , als die Sprache ihn nicht alleinig hervorrufe .
Die Gesetze des Geistes aber seien metrisch , das fühle sich in der Sprache , sie werfe das Netz über den Geist , in dem gefangen er das Göttliche aussprechen müsse , und solange der Dichter noch den Versakzent suche und nicht vom Rhythmus fortgerissen werde , so lange habe seine Poesie noch keine Wahrheit ;
denn Poesie sei nicht das alberne sinnlose Reimen , an dem kein tieferer Geist Gefallen haben könne , sondern das sei Poesie :
daß eben der Geist nur sich rhythmisch ausdrücken könne , daß nur im Rhythmus seine Sprache liege , während das Poesielose auch geistlos , mithin unrhythmisch sei – und ob es denn der Mühe lohne , mit so sprachgeistarmen Worten Gefühle in Reime zwingen zu wollen , wo nichts mehr übrigbleibe als das mühselig gesuchte Kunststück zu reimen , das dem Geist die Kehle zuschnüre .
Nur der Geist sei Poesie , der das Geheimnis eines ihm eingebornen Rhythmus in sich trage , und nur mit diesem Rhythmus könne er lebendig und sichtbar werden ;
denn dieser sei seine Seele , aber die Gedichte seien lauter Schemen , keine Geister mit Seelen .
– Es gebe höhere Gesetze für die Poesie , jede Gefühlsregung entwickle sich nach neuen Gesetzen , die sich nicht anwenden lassen auf andre ;
denn alles Wahre sei prophetisch und überströme seine Zeit mit Licht , und der Poesie allein sei anheimgegeben , dies Licht zu verbreiten , drum müsse der Geist und könne nur durch sie hervorgehen .
Geist gehe nur durch Begeistrung hervor .
– Nur allein dem füge sich der Rhythmus , in dem der Geist lebendig werde !
– wieder :
– Wer erzogen werde zur Poesie in göttlichem Sinn , der müsse den Geist des Höchsten für gesetzlos anerkennen über sich und müsse das Gesetz ihm preisgeben ;
nicht wie ich will , sondern wie du willst !
– und so müsse er sich kein Gesetz bauen ;
denn die Poesie werde sich nimmer einzwängen lassen , sondern der Versbau werde ewig ein leeres Haus bleiben , in dem nur Poltergeister sich aufhalten .
Weil aber der Mensch der Begeisterung nie vertraue , könne er die Poesie als Gott nicht fassen .
– Gesetz sei in der Poesie Ideengestalt , der Geist müsse sich in dieser bewegen und nicht ihr in den Weg treten , Gesetz , was der Mensch dem Göttlichen anbilden wolle , ertöte die Ideengestalt , und so könne das Göttliche sich nicht durch den Menschengeist in seinen Leib bilden .
Der Leib sei die Poesie , die Ideengestalt , und dieser , sei er ergriffen vom Tragischen , werde tödlich faktisch ;
denn das Göttliche ströme den Mord aus Worten , die Ideengestalt , die der Leib sei der Poesie , die morde – so sei aber ein Tragisches , was Leben ausströme in der Ideengestalt – ( Poesie ) ;
denn alles sei tragisch .
– Denn das Leben im Wort ( im Leib ) sei Auferstehung ( lebendig faktisch ) , die bloß aus dem Gemordeten hervorgehe .
– Der Tod sei der Ursprung des Lebendigen .
Die Poesie gefangennehmen wollen im Gesetz , das sei nur , damit der Geist sich schaukle , an zwei Seilen sich haltend , und gebe die Anschauung , als ob er fliege .
Aber ein Adler , der seinen Flug nicht abmesse – obschon die eifersüchtige Sonne ihn niederdrücke – mit geheim arbeitender Seele im höchsten Bewußtsein dem Bewußtsein ausweiche und so die heilige , lebende Möglichkeit des Geistes erhalte , in dem brüte der Geist sich selber aus und fliege – vom heiligen Rhythmus hingerissen oft , dann getragen , dann geschwungen sich auf und ab in heiligem Wahnsinn , dem Göttlichen hingegeben ;
denn innerlich sei dies eine nur :
die Bewegung zur Sonne , die halte am Rhythmus sich fest .
– Dann sagte er am andern Tag wieder :
es seien zwei Kunstgestalten oder zu berechnende Gesetze , die eine zeige sich auf der gottgleichen Höhe im Anfang eines Kunstwerks und neige sich gegen das Ende ;
die andre wie ein freier Sonnenstrahl , der vom göttlichen Licht ab sich einen Ruhepunkt auf dem menschlichen Geist gewähre , neige ihr Gleichgewicht vom Ende zum Anfang .
Da steige der Geist hinauf aus der Verzweiflung in den heiligen Wahnsinn , insofern der höchste menschliche Erscheinung sei , wo die Seele alle Sprachäußerung übertreffe , und führe der dichtende Gott sie ins Licht ;
die sei geblendet dann und ganz getränkt vom Licht , und es erdürre ihre ursprüngliche üppige Fruchtbarkeit vom starken Sonnenlicht ;
aber ein so durchgebrannter Boden sei im Auferstehen begriffen , er sei eine Vorbereitung zum Übermenschlichen .
Und nur die Poesie verwandle aus einem Leben ins andre , die freie nämlich .
– Und es sei Schicksal der schuldlosen Geistesnatur , sich ins Organische zu bilden , im regsam Heroischen , wie im leidenden Verhalten .
– Und jedes Kunstwerk sei ein Rhythmus nur , wo die Zäsur einen Moment des Besinnens gebe , des Widerstemmens im Geist , und dann schnell vom Göttlichen dahingerissen , sich zum End schwinge .
So offenbare sich der dichtende Gott .
Die Zäsur sei eben jener lebendige Schwebepunkt des Menschengeistes , auf dem der göttliche Strahl ruhe .
– Die Begeistrung , welche durch Berührung mit dem Strahl entstehe , bewege ihn , bringe ihn ins Schwanken ;
und das sei die Poesie , die aus dem Urlicht schöpfe und hinabströme den ganzen Rhythmus in Übermacht über den Geist der Zeit und Natur , der ihm das Sinnliche – den Gegenstand – entgegentrage , wo dann die Begeistrung bei der Berührung des Himmlischen mächtig erwache im Schwebepunkt ( Menschengeist ) , und diesen Augenblick müsse der Dichtergeist festhalten und müsse ganz offen , ohne Hinterhalt seines Charakters sich ihm hingeben – und so begleite diesen Hauptstrahl des göttlichen Dichtens immer noch die eigentümliche Menschennatur des Dichters , bald das tragisch Ermattende , bald
das von göttlichem Heroismus angeregte Feuer schonungslos durchzugreifen , wie die ewig noch ungeschriebene Totenwelt , die durch das innere Gesetz des Geistes ihren Umschwung erhalte , bald auch eine träumerisch naive Hingebung an den göttlichen Dichtergeist oder die liebenswürdige Gefaßtheit im Unglück ;
– und dies objektiviere die Originalnatur des Dichters mit in das Superlative der heroischen Virtuosität des Göttlichen hinein .
– So könnt ich Dir noch Bogen voll schreiben aus dem , was sich in den acht Tagen aus den Reden des Hölderlin aufgeschrieben hat in abgebrochnen Sätzen ;
denn ich lese dies alles darin , mit dem zusammen , was noch mündlich hinzufügte .
Einmal sagte Hölderlin , alles sei Rhythmus , das ganze Schicksal des Menschen sei ein himmlischer Rhythmus , wie auch jedes Kunstwerk ein einziger Rhythmus sei , und alles schwinge sich von den Dichterlippen des Gottes , und wo der Menschengeist dem sich füge , das seien die verklärten Schicksale , in denen der Genius sich zeige , und das Dichten sei ein Streiten um die Wahrheit , und bald sei es in plastischem Geist , bald in athletischem , wo das Wort den Körper ( Dichtungsform ) ergreife , bald auch im hesperischen , das sei der
Geist der Beobachtungen und erzeuge die Dichterwonnen , wo unter freudiger Sohle der Dichterklang erschalle , während die Sinne versunken seien in die notwendigen Ideengestaltungen der Geistesgewalt , die in der Zeit sei .
– Diese letzte Dichtungsform sei eine hochzeitliche feierliche Vermählungsbegeistrung und bald tauche sie sich in die Nacht und werde im Dunkel hellsehend , bald auch ströme sie im Tageslicht über alles , was dieses beleuchte .
– Der gegenüber , als der humanen Zeit , stehe die furchtbare Muse der tragischen Zeit ;
– und wer dies nicht verstehe , meinte er , der könne nimmer zum Verständnis der hohen griechischen Kunstwerke kommen , deren Bau ein göttlich organischer sei , der nicht könne aus des Menschen Verstand hervorgehen , sondern der habe sich Undenkbarem geweiht .
– Und so habe den Dichter der Gott gebraucht als Pfeil , seinen Rhythmus vom Bogen zu schnellen , und wer dies nicht empfinde und sich dem schmiege , der werde nie weder Geschick noch Athletentugend haben zum Dichter und zu schwach sei ein solcher , als daß er sich fassen könne , weder im Stoff , noch in der Weltansicht der früheren , noch in der späteren Vorstellungsart unsrer Tendenzen , und keine poetischen Formen werden sich ihm offenbaren .
Dichter , die sich in gegebene Formen einstudieren , die können auch nur den einmal gegebenen Geist wiederholen , sie setzen sich wie Vögel auf einen Ast des Sprachbaumes und wiegen sich auf dem , nach dem Urrhythmus , der in seiner Wurzel liege , nicht aber fliege ein solcher auf als der Geistesadler , von dem lebendigen Geist der Sprache ausgebrütet .
Ich verstehe alles , obschon mir vieles fremd drin ist , was die Dichtkunst belangt , wovon ich keine klare oder auch gar keine Vorstellung habe , aber ich hab besser durch diese Anschauungen des Hölderlin den Geist gefaßt , als durch das , wie mich darüber belehrte .
– Dir muß dies alles heilig und wichtig sein .
– Ach , einem solchen wie Hölderlin , der im labyrinthischen Suchen leidenschaftlich hingerissen ist , dem müssen wir irgendwie begegnen , wenn auch wir das Göttliche verfolgen mit so reinem Heroismus wie er .
– Mir sind seine Sprüche wie Orakelsprüche , die er als der Priester des Gottes im Wahnsinn ausruft , und gewiß ist alles Weltleben ihm gegenüber wahnsinnig ;
denn es begreift ihn nicht .
Und wie ist doch das Geisteswesen jener beschaffen , die nicht wahnsinnig sich deuchten ?
– Ist es nicht Wahnsinn auch , aber an dem kein Gott Anteil hat ?
– Wahnsinn , merk ich , nennt man das , was keinen Widerhall hat im Geist der andern , aber in mir hat dies alles Widerhall , und ich fühle in noch tieferen Tiefen des Geistes Antwort darauf hallen als bloß im Begriff .
Ist's doch in meiner Seele wie im Donnergebirg , ein Widerhall weckt den andern , und so wird dies Gesagte vom Wahnsinnigen ewig mir in der Seele widerhallen .
Günderode , weil Du schreibst , daß Dir mein Denken und Schreiben und Treiben die Seele ausfülle , so will ich nicht aufhören , wie es auch kommen mag , und einst wird sich Dir alles offenbaren , und ich selber werde dann , wie Hölderlin sagt , mich in den Leib des Dichtergottes verwandeln ;
denn wenn ich nur Fassungskraft habe !
– Denn gewiß , Feuer hab ich , – aber in meiner Seele ist es so , daß ich ein Schicksal in mir fühle , das ganz nur Rhythmus des Gottes ist , was er vom Bogen schnellt , und ich auch will mich bei der Zäsur , wo er mir ins eigne widerstrebende Urteil mein göttlich Werden gibt , schnell losreißen und in seinem Rhythmus in die Himmel mich schwingen .
Denn wie vermöcht ich sonst es ?
– Nimmer !
Ich fiel zur Erde wie alles Schicksallose .
– Und Du , Günderode , so adelig wie Du bist in Deinen poetischen Schwingungen !
Klirrt da nicht die Sehne des Bogens des Dichtergottes ?
Und lässet die Schauer uns fühlen auch in diesen leisen träumentappenden Liedern :
Drum laß mich , wie mich der Moment geboren , In ew'gen Kreisen drehen sich die Horen , Die Sterne wandlen ohne festen Stand .
Sagst Du nicht dasselbe hier ?
– Klingt nicht so der Widerhall aus der Öde in Hölderlins Seele ?
– Ach , ich weiß nicht zu fassen , wie man dies Höchste nicht heilig scheuen sollte , dies Gewaltige , und wenn auch kein Echo in unseren Begriff es übertrage , doch wissen wir , daß der entfesselte Geist über Leiden , die so mit Götterhand ihm auferlegt waren , im Triumph in die Hallen des Lichts sich schwinge , aber wir !
– Wissen wir Ungeprüften , ob je uns Hellung werde ?
– Jetzt weiß ich's , ich werd ihm noch viel müssen nachgehen , doch genug zwischen uns davon ;
eine Erscheinung ist er in meinen Sinnen , und in mein Denken strömt es Licht .
– Anhang Gedichte der Günderode I Darthula nach Ossian Nathos schiffet durch den Sturm der Wogen , Ardan , Althos , seine Brüder mit , Caibars , Erins König , Zorn zu meiden , In geheimnisvolle Schatten kleiden Dunkle Wolken ihren fliehnden Schritt .
Wer ?
o Nathos !
ist an deiner Seite !
Traurig seufzt im Wind ihr braunes Haar , Lieblich ist sie , wie der Geist der Lüfte , Eingehüllt in leichte Nebeldüfte ;
Schön vor allen Collas Tochter war .
Ach Darthula !
Deine irren Segel Eilen nicht dem wald'gen Etha zu .
Seine Berge heben nicht die Rücken , Und die seeumwogten Küsten bücken Turas Felsen schon dem Meere zu .
Wo verweiltet ihr , des Südes Winde ?
Schwelltet Nathos' weiße Segel nicht ?
Trugt ihn nicht zum heimatlichen Strande ?
Lange blieb er in dem fremden Lande Und der Tag der Rückkehr glänzt ihm nicht .
Schön , o König Ethas !
warst du in der Fremde Wie des Morgens Strahl dem Angesicht .
Deine Locken , gleich dem Raben , düster , Deine Stimme wie des Schilfs Geflüster , Wenn der Mittagswind sich leise wiegt .
Deine Seele glich der Sonne Scheiden , Doch im Kampfe warst du fürchterlich .
Brausend wie die ungestümen Wogen , Wenn vom Nord die stürm'schen Winde zogen , Stürztest du auf Caibars Krieger dich .
Auf Selamas grau bemoosten Mauern Sah dich Collas Tochter , und sie sprach :
So sprachst du .
Jetzt haben dich die Wogen Mädchen !
und die Stürme dich betrogen , Nacht umringt dein schönes Angesicht .
Aber schweiget noch ein wenig , Winde !
Überbraust Darthulas Stimme nicht !
Fürst von Etha , sind dies Usnoths Hallen ?
Jene Ströme , die von Felsen fallen , Sind es Ethas blaue Ströme nicht ?
Hier empöret Erin seine Berge , Ethas Felsenströme brüllen nicht .
Dennoch ruh hier an des Ufers Hügel , Denn mein Schwert umgibt wie Blitzes Flügel Dich , du Liebliche , du schönes Licht .
Nathos :
sagt das braungelockte Mädchen , Niemand hat Darthula außer dich , Denn die Freunde sind mir früh gefallen , Laß um sie noch meine Klage schallen , Hör der Trauer Stimme , höre mich .
Abend ward einst , in der Wehmut Schatten Bargen meines Landes Ebnen sich , Über hoher Wälder Wipfel schritten Einzle Lüfte , die aus Wolken glitten , Da umgaben Trauerschatten mich .
Die Gestalten meiner Freunde gingen Traurig , Geistern gleich , an mir dahin .
Da kam Colla mit gesenktem Schwerte , Seinen Blick geheftet an die Erde , Brennend glühte noch die Schlacht darin .
sprach er ;
seufzt ich !
Freud umstrahlt den Greisen .
Ja Darthula !
Deine Seele brennt in Truthils Glut , Geh , ergreif das Schwert vergangner Schlachten !
Also Colla :
seine Worte fachten Höher noch in mir des Kampfes Mut .
Wehmutsvoll verging die Nacht ;
am Morgen Schimmerte im Stahl der Schlachten ich .
– Caibar saß zum Mahl in Lonas Wüste , Als Selamas Waffenklang ihn grüßte ;
Seine Führer rief er da zum Krieg .
Warum soll ich , Nathos !
dir erzählen Von des Kampfes schwankendem Geschick ?
Ach !
Umsonst bedeckt von meinem Schilde , Sank der Vater mir im Schlachtgefilde , Und in heißen Tränen schwamm mein Blick .
Treulos zeigte da des Mädchens Busen Caibar mein zerrissenes Gewand ;
Freundlich naht er , sprach der Liebe Worte , Führte mich zu meiner Väter Pforte , Aber Trauer meine Stirn umwand .
Da erschienst du , Nathos !
meinen Augen , Freundlich wie ein abendlich Gestirn .
Caibar schwand vor deines Stahles Sprühen Wie der Nachtgeist vor des Morgens Glühen , Doch es wölbte Trauer deine Stirn ?
Meine Seele glänzte in Gefahren , Eh ich dich , du schönes Licht !
gesehn .
Aber unsre Segel sind betrogen , Wolken kommen gegen dich gezogen .
Und du wirst in ihrer Nacht vergehn .
Oskar weilet noch an Selmas Küste !
Oskar schiffe durch das dunkle Meer !
O daß Winde deine Segel schwellten !
Zittern würden dann Temoras Helden , Friede wäre um Darthula her .
Wo wird Nathos deinen Frieden finden ?
Wo Darthula !
wo ist für dich Ruh ?
Geister der Gefallnen !
sprach Darthula :
Truthil !
Colla !
Führer von Selama !
Winkt ihr mir aus euren Wolken zu !
Nathos !
Reiche mir das Schwert der Tapfern , Vater !
Ich will deiner würdig sein , In des Stahles Treffen werd ich gehen , Nimmer Caibars düstre Hallen sehen , Nein !
Ihr Geister meiner Liebe !
Nein !
Freude glänzt in Nathos bei den Worten , Die das schöngelockte Mädchen sprach :
Caibar , meine Stärke kehret wieder !
Komm mit Tausenden , Erins Gebieter !
Komm zum Kampfe !
Meine Kraft ist wach !
Ja , er kömmt mit Tausenden !
rief Ardan ;
Schreckbar tönet ihrer Schwerter Schall .
– Laß zehntausend Schwerter sich empören :
Usnoth soll von Nathos' Flucht nicht hören , Ardan :
sag ihm , rühmlich war mein Fall .
Winde !
Warum brausen eure Flügel ?
Wogen !
Warum rauscht ihr so dahin ?
Wellen !
Stürme !
Denkt ihr mich zu halten ?
Nein , ihr könnt's nicht , stürmische Gewalten , Meine Seele läßt mich nicht entfliehn .
Wenn des Herbstes Schatten wieder kehren , Mädchen !
Und du bist in Sicherheit , Dann versammle um dich Ethas Schönen , Laß für Nathos deine Harfe tönen , Meinem Ruhme sei dein Lied geweiht .
– Nathos blieb gestützt auf seinem Speere ;
Schaurig pfiff der Nachtwind um ihn her , Aber bei des Morgens erstem Strahle , Drang er vorwärts mit gezücktem Stahle , Mit dem Führer eilt Darthula her .
Komm zum Zweikampf !
ruft er , Fürst Temoras !
Für Selamas Mädchen !
– Caibar spricht :
Stolzer , du entflohst mir mit der Schönen , Wähnst du , Caibar kämpft mit Usnoths Söhnen ?
Nein , er kämpft mit Unberühmten nicht .
In des königlichen Nathos Augen Glänzen Tränen ;
und er wendet sich Zu den Brüdern , ihre Speere fliegen Rachedürstend und gewiß zu siegen , Erins Reihn verwirren schwankend sich .
Da ergrimmet Caibars finstre Seele , Und er winket , tausend Speere fliehn , Usnoths Söhne sinken wie drei Eichen , Die zur Erde ihre Wipfel neigen , Wenn des Nordens Stürme sie umziehn .
Gestern sah sie noch der Wandrer blühen , Ihre stolze Schönheit freute ihn , Heute beugte sie der Sturm der Wüste , Sie , die gestern noch die Sonne grüßte .
Sprachlos starret Collas Tochter hin .
Höhnend naht ihr Caibar :
» Mädchen sahst du Nathos' Land , in fernes Blau gehüllt ?
Oder Fingals dunkelbraune Hügel ?
Ha !
Entrannst du auch des Sturmes Flügel , Über Selma hätte meine Schlacht gebrüllt .
« Caibar sprach's .
Da rauscht ein Pfeil , getroffen Sinkt sie , und ihr Schild stürzt vor sie hin .
Wie des Schnees Säule sank sie nieder , Über Ethas schlummernden Gebieter Spreiten sich die dunklen Locken hin .
Da versammelten die hundert Barden Caibars um Darthulas Grabmal sich , Ihre Harfen rauschten um den Hügel , Und es schwang sich des Gesanges Flügel , Für der Mädchen Erins Schönste !
dich !
Trauer schreitet an Selamas Strömen , Schweigen wohnet in den Hallen nun .
Collas Tochter sank zum Schlafe nieder , O wann grüßest du den Morgen wieder ?
Schöngelockte !
Wirst du lange ruhn ?
Weit entfernet ist dein Morgen , nimmer Stehst du mehr in deiner Schönheit auf ;
Ach , die Sonne tritt nicht an dein Bette , Spricht :
» Erwach aus deiner Ruhestätte !
Collas schöne Tochter !
Steig herauf !
« Junges Grün entkeimet schon dem Hügel , Frühlingslüfte fliegen drüber her .
Sonne , birg in Wolken deinen Schimmer !
Denn sie schläft , der Frauen erste !
Nimmer Kehret sie in ihrer Schönheit mehr .
II Es ist der Festtag nun erschienen , Geschmücket ist die ganze Stadt .
Und die Balkone alle grünen , In Blumen blüht der Fürstin Pfad .
Da kommt sie , schön in Gold und Seide Im königlichen Prunkgeschmeide An ihres Neuvermählten Seite .
Erstaunet siehet sie die Menge Und preiset ihre Schönheit hoch !
Doch einer , einer im Gedränge Fühlt tiefer ihre Schönheit noch .
Er möcht in ihrem Blick vergehen , Da er sie einmal erst gesehen , Und fühlt im Herzen tiefe Wehen .
Sein Blick folgt ihr zum Hochzeitstanze Durch all der Tänzer bunte Reih'n , Erstirbet bald in ihrem Glanze , Lebt auf im milden Augenschein .
So wird er seines Schauens Beute , Und seiner Augen süße Weide Bringt bald dem Herzen bittres Leiden .
So hat er Monde sich verzehret In seines eignen Herzens Glut ;
Hat Töne seinem Schmerz verwehret , Gestählt in der Entsagung Mut ;
Dann könnt er vor'gen Mut verachten Und leben nur im tiefen Schmachten , Die Anmutsvolle zu betrachten .
Mit Philipp war , an heil'ger Stätte , Am Tag der Seelen fromm geweiht , Sein Hof versammelt zum Gebete , Das Seelen aus der Qual befreit ;
Da flehen Juans heiße Blicke :
Daß sie ihn einmal nur beglücke !
Erzwingen will er's vom Geschicke .
Sie senkt das Haupt mit stillen Sinnen Und hebt es dann zum Himmel auf ;
Da flammt in ihm ein kühn Beginnen , Er steigt voll Mut zum Altar auf .
Laut will er seinen Schmerz ihr nennen , Und seines Herzens heißes Brennen In heil'ger Gegenwart bekennen .
Laut spricht er :
Und staunend siehet ihn die Menge So schön verklärt in Liebesmut .
Denkt manche still , Sie ist's , die heimlich Tränen weinet , Die Juans heiße Liebe meinet .
War's Mitleid , ist es Lieb gewesen , Was diese Tränen ihr erpreßt ?
Vom Gram kann Liebe nicht genesen , Wenn Zweifelmut sie nicht verläßt .
Er kann sich Friede nicht erjagen ;
Denn nimmer darf's die Lippe wagen , Der Liebe Schmerz ihr mehr zu klagen .
Nur einen Tag will er erblicken , Der trüb ihm nicht vorüberflieht , Nur eine Stunde voll Entzücken , Wo süße Liebe ihm erblüht , Nur einen Tag der Nacht erwecken , Es mag ihn dann , mit ihren Schrecken Auf ewig Todesnacht bedecken .
Es liebt die Königin die Bühne , Erschien oft selbst im bunten Spiel .
Daß er dem kleinsten Wunsche diene Ist jetzt nur seines Lebens Ziel .
Er läßt ihr ein Theater bauen , Dort will die reizendste der Frauen Er noch in neuer Anmut schauen .
Der Hof sich einst zum Spiel vereinet , Die Königin in Schäfertracht Mit holder Anmut nur erscheinet , Den Blumenkranz in Lockennacht .
Und Juans Seele sieht verwegen Mit ungestümem wildem Regen Dem kommenden Moment entgegen .
Er winkt , und Flamm und Dampf erfüllen Entsetzlich jetzt das Schauspielhaus ;
Der Liebe Glück will er verhüllen In Dampf und Nacht und Schreck und Graus ;
Er jauchzet , daß es ihm gelungen , Des Schicksals Macht hat er bezwungen , Der Liebe süßen Lohn errungen .
Gekommen ist die schöne Stunde ;
Er trägt sie durch des Feuers Wut , Raubt manchen Kuß dem schönen Munde , Weckt ihres Busens tiefste Glut .
Möcht sterben jetzt in ihren Armen , Möcht alles geben ihr !
– Verarmen , Zu anderm Leben nie erwarmen .
Die eilenden Minuten fliehen , Er merket die Gefahren nicht Und fühlt nur ihre Wange glühen ;
Doch sie , sie träumet länger nicht , Sie reißt sich von ihm los mit Beben , Er sieht sie durch die Hallen schweben – Verhaucht ist der Minute Leben .
Mit sehnsuchtsvollem , krankem Herzen Eilt Juan durch die Hallen hin .
In Wonne , Gram und süße Schmerzen Versinket ganz sein irrer Sinn , Er wirft sich auf sein Lager nieder , Und holde Träume zeigen wieder Ihm ihr geliebtes , holdes Bild .
Die Sonne steiget auf und nieder ;
Doch Abend bleibt's in seiner Brust .
Es sank der Tag ihm , kehrt nicht wieder , Und sie , nur sie ist ihm bewußt , Und ewig , ewig ist gefangen Sein Geist im quälenden Verlangen Sie wachend , träumend anzuschaun .
Und da , erwacht aus seinem Schlummer , Ist's ihm , als stieg er aus der Gruft , So fremd und tot ;
und aller Kummer , Der mit ihm schlief , erwacht und ruft :
Er rafft sich auf mit trüber Seele Und eilt des Schlosses Gärten zu ;
Da sieht er , bei des Mondes Helle , Ein Mädchen auf ihn eilen zu .
Sie reicht ein Blatt ihm und verschwindet , Eh er zu fragen Worte findet , Er bricht die Siegel auf und liest :
Er liest das Blatt mit leisem Beben und liebt's und drückt es an sein Herz .
Gewaltsam teilet sich sein Leben In große Wonne – tiefen Schmerz .
Sollt er die Teuerste nun meiden ?
Kann sie dies Trauern ihm bereiten !
Soll er sie nimmer wieder sehn ?
Er geht nun , wie sie ihm geboten ;
Da trifft ein Mörderdolch die Brust .
Doch steigt er freudig zu den Toten , Denn der Erinnrung süße Lust Ruft ihm herauf die schönste Stunde .
Er hänget noch an ihrem Munde – Entschlummert sanft in ihrem Arm .
Zweiter Teil Zweiter Teil Wenn dich eine höhere Vorstellung durchdringt von einer Menschennatur , so zweifle nicht , daß dies die wahre sei ;
denn alle sind geboren zum Ideal , und wo du es ahnst , da kannst du es auch in ihm zur Erscheinung bringen ;
denn er hat gewiß die Anlage dazu .
Wer das Ideal leugnet in sich , der könnte es auch nicht verstehen in andern , selbst wenn es vollkommen ausgesprochen wär .
– Wer das Ideal erkannte in andern , dem blüht es auf , selbst wenn jener es nicht in sich ahnt .
Die Günderode im Jahr 4 Mahomets Traum in der Wüste Bei des Mittags Brand , Wo der Wüste Sand Kein kühlend Lüftchen erlabet , Wo heiß , vom Samum nur geküsset , Ein grauer Fels die Wolken grüßet , Da sinket müd der Seher hin .
Vom trügenden Schein Will der Dinge Sein Sein Geist , betrachtend hier , trennen .
Der Zukunft Geist will er beschwören , Des eignen Herzens Stimme hören , Und folgen seiner Eingebung .
Hier flieht die Gottheit , Die der Wahn ihm leiht , Der eitle Schimmer zerstiebet .
Und ihn , auf den die Völker sehen , Den Siegespalmen nur umwehen , Umkreist der Sorgen dunkle Nacht .
Des Sehers Traum Durchflieget den Raum Und all die künftigen Zeiten , Bald kostet er , in trunknem Wahne , Die Seligkeit gelungner Plane , Dann sieht er seinen Untergang .
Entsetzen und Wut , Mit wechselnder Flut , Kämpfen im innersten Leben , , ruft er , Er spricht's ;
da bebt Die Erde , es hebt Die See sich auf zu den Wolken , Flammen entlodern den Felsenklüften , Die Luft , erfüllt von Schwefeldüften , Läßt träg die müden Schwingen ruhn .
Im wilden Tanz Umschlinget der Kranz Der irren Sterne die Himmel ;
Das Meer erbraust in seinen Gründen , Und in der Erde tiefsten Schlünden Streiten die Elemente sich .
Und der Eintracht Band , Das mächtig umwand Die Kräfte , es schien gelöset .
Der Luft entsinkt der Wolken Schleier , Und aus dem Abgrund steigt das Feuer Und zehret alles Ird'sche auf .
Mit trüberer Flut Steigt erst die Glut , Doch brennt sie sich stets reiner , Bis hell ein Lichtmeer ihr entsteiget , Das lodernd zu den Sternen reichet Und rein und hell und strahlend wallt .
Der Seher erwacht Wie aus Grabesnacht , Und staunend fühlt er sich leben , Erwachend aus dem Tod der Schrecken , Harrt zagend er , ob nun erwecken Ein Gott der Wesen Kette wird .
Von Sternen herab Zum Seher hinab Ertönt nun eine Stimme :
Jetzt sinket die Nacht , Und glänzend ertagt Der Morgen in seiner Seele .
ruft er , An die Günderode Frankfurt Günderödchen , der Clemens läßt Dich tausendmal grüßen .
Ich muß es zuerst schreiben , denn er steht hinter mir und zwingt mich dazu , er spricht von einem Dompfaffen oder Blutfinken , der in Dich verliebt sei , und er sei so anmutig dumm , daß er Dir prophezeit , Du werdest ihm nicht widerstehen ;
denn die Dummheit sei Deine Schwäche , Du fallest drüber her wie ein Raubvogel über ein neugeboren Gänschen , und er hab Dich mehrmals sehen lauern und schweben mit gierigem Blick über Dummheitsphänomenen , und die würdest Du Dir auch nie haben abjagen lassen , und Du seist gewiß im Rheingau auf der Jagd danach , während hier die merkwürdigsten Exemplare Dir in die Hände laufen würden und auch mehrere für ein Geringes an Geld zu sehen sind .
Alleweil hat er den Hut genommen , um zu dem Puppenspiel Plätze zu bestellen , er will die Pauline hineinführen , um ihr augenscheinlich zu machen , wie es in ihrem Magen aussieht .
Denn sie habe ein Puppenspiel im Leib und wenn sie mit ihm spricht , so antwortet er dem Pantalon , dem Skaramutsch , dem Hanswurst , der Colombine usw. – und sooft sie was sagt , so oft antwortet er einer andern Person vom Puppenspiel und so passend , daß das Puppentheater , nämlich der Pauline Magen , am meisten vom Lachen erschüttert wird .
Er ist unerschöpflich an Witz , und alles läuft ihm nach .
Daß Du nicht hier bist , hat ihn merklich betroffen , er wollt , ich könnt Dich bewegen zu kommen , aber Du wirst die Gärten des Dionysos nicht verlassen , wo Du jeden Morgen reife Beeren kostest , die der Gott Dir zum Fenster hinanreicht , um hier auf der schmutzigen Mess die Bären tanzen zu sehen .
Hätt der Clemens nicht hier auf mich gewartet , so hätt ich mögen mit Dir im Rheingau bleiben , der Franz hätt's wohl erlaubt , ich hab mehrmals dran gedacht ;
wie schön wär's gewesen , da wären wir herumgeschweift – überall – wo andre Menschen nicht hinkommen – oft ist ein klein verborgen Plätzchen , das niemand kennt , das Schönste von der Welt .
– Ich sag Dir , wir hätten Quellchen entdeckt , tief im Gras und Gestein und einsame Hüttchen im Wald und vielleicht auch Höhlen – ich durchforschel gar zu gern die Natur Schritt vor Schritt .
Ich dächt , wir sähen uns auch einstweilen um nach einem Ort , wo wir unsre Hütten bauen wollen – Du auf dem Berg weit ins Freie hinaus und ich im Tal , wo die Kräuter hoch wachsen und alles versteckt ist , oder im Wald , aber nah beisammen , daß wir uns zurufen können .
Du rufst durchs Sprachrohr :
und da komm ich , und der Kanarienvogel fliegt voran , der weiß schon , wo's hingeht , und der Spitz kommt nachgebellt ;
denn im Tal muß man einen Hund haben .
Hör !
– Und im Frühjahr nähmen wir unsere Stecken und wanderten ;
denn wir wären als Einsiedler und sagten nicht , daß wir Mädchen wären .
Du mußt Dir einen falschen Bart machen , weil Du groß bist ;
denn sonst glaubt's niemand , aber nur einen kleinen , der Dir gut steht , und weil ich klein bin , so bin ich als Dein kleiner Bruder , da muß ich mir aber meine Haare abschneiden .
– So eine Reise machen wir im Frühjahr in der Maiblumenzeit , aber da versäumen wir die Erdbeeren !
Denn im Tal wär als alles übersäet , erst mit Veilchen und dann mit Erdbeeren , davon leben wir sechs Wochen ;
Kohl pflanzen wir nicht .
– Im Herbst sind wir wieder da und essen die Trauben , ach , könnt's nur einen Sommer wahr werden !
– Mir kommt's vor , als könnt man so immer und immer sein wollen .
Denn wahrhaftig , mir strömt alle Weisheit aus Deinem Angesicht , ich hab mehr als zuviel , was in mich hineinspricht , wenn ich Dich seh , und wenn Du auch nur stillschweigst , so redst Du doch , Du bist ein groß Geheimnis , aber ein offenbares , aber ich schlafe in Deiner Gegenwart , Dein Geist schläfert mich ein , so träum ich , daß ich wache und empfinde nur alles im Traum und das ist gut ;
denn sonst würd ich verwirrt sein .
Wie der Clemens nach Haus gekommen war , hat er gleich nach meinem Brief gefragt , er wollt auch dran schreiben , ich hab ihn aber zerstreut durch allerlei , was ich von Dir erzählte ;
denn ich wollt ihn nicht gern lesen lassen , daß ich als Einsiedler mit Dir leben wollt , denn er hätt's gewiß im Puppenspiel angebracht , so erzählt ich ihm von unsrer Rheinfahrt in der Mondnacht mit der Orangerie auf dem Verdeck , das machte ihm so viel Freude , er frug nach allem , was noch vorgefallen , nach jedem Wort , nach den Ufern , nach dem Mond ;
und ich erzählte ihm alles ;
denn ich wußte alles , jed Lüftchen , was sich erhoben hatte , und wie der Mond durch die Luken und Bogen hinter den Bergfesten geschimmert hat , und alles , und er frug auch , was wir gesprochen , ich sagte :
nichts oder nur wenig Worte , denn es sei die ganze Natur so schweigend gewesen .
– Und wie er alles ausgeforscht hatte , da ging er fort und sperrte mich ein und sagte , ich sollt ein Gedicht davon machen , grad so wie ich's erzählt habe , und sollt es nur aufschreiben immer in kurzen Sätzen , wenn es sich auch nicht reime , er wolle mich schon reimen lehren , und so ging er hinaus und schloß die Tür ab , und vor der Tür rief er :
– Da stand ich – ganz widersinnig im Kopf .
– Ans Aufschreiben dacht ich nicht .
– Aber ich dacht an das Versmachen , wie seltsam das ist .
– Wie in dem Gefühl selbst ein Schwung ist , der durch den Vers gebrochen wird .
– Ja , wie der Reim oft gleich einer beschimpfenden Fessel ist für das leise Wehen im Geist .
Belehr mich eines Besseren , wenn ich irre , aber ist es nicht wahrscheinlich , daß Reim und Versmaß auf den ursprünglichen Gedanken so einwirke , daß er ihn verfälscht ?
– Überhaupt , was seelenberührend ist , das ist Musik , das hab ich schon lang in mir erfahren ;
denn es kann nichts die Sinne rühren und durch diese die Seele als nur Musik ;
was Dich bewegt , gibt Klang , der weckt seine Mittöne , die rühren das Echo doppelt und allseitig , und die ganze Harmonie erwacht – und zwischen dieser durch wandelt der Gedanke und wählt sich seine Melodie und offenbart sich durch die dem Geist .
– Das deucht mich die Art , wie der Gedanke sich dem Geist vermählt .
Nun kann ich mir wohl denken , daß der Rhythmus eine organische Verbindung hat mit dem Gedanken , und daß der kurze Begriff des Menschengeistes , durch den Rhythmus geleitet , den Gedanken in seiner verklärten Gestalt fassen lernt , und daß der den tieferen Sinn darin beleuchtet , und daß wie die Begeistigung dem Rhythmus sich füge , sie allmählich sich reiner fasse , und daß so die Philosophie als höchste geistige Poesie erscheine , als Offenbarung , als fortwährende Entwicklung des Geistes und somit als Religion .
Denn was soll mir Religion , wenn sie stocken bleibt ?
– Aber nicht wie Du sagst , daß Philosophie endlich Poesie werden soll , nein , mir scheint , sie soll sein oder ist die Blüte , die reinste , die ungezwungenste , in jedem Gedanken überraschendste Poesie , die ewig neu Gottessprache ist in der Seele .
– Gott ist Poesie , gar nichts anders , und die Menschen tragen es über in eine tote Sprache , die kein Ungelehrter versteht , und von der der Gelehrte nichts hat als seinen Eigendünkel .
– So wie denn das Machwerk der Menschen überall den Lebensgeist behindert , in allem , in jeder Kunst , daß die Begeistrung , durch die sie das Göttliche wahrnehmen , von ihnen geschieden ist , – und ich muß mich kurz fassen , sonst wollt ich mich noch besser besinnen .
Die Berührung zwischen Gott und der Seele ist Musik , Gedanke ist Blüte der Geistesallheit , wie Melodie Blüte ist der Harmonie .
Alles , was sich dem Menschengeist offenbart , ist Melodie in der Geistesallheit getragen , das ist Gottpoesie .
Es enthüllt sich das Gefühl in ihr , sie genießend , empfindend , keimt auf in der Geistessonne , ich nenn es Liebe .
Es gestaltet sich der Geist in ihr , wird Blüte der Poesie Gottes , ich nenn es Philosophie .
Ich mein , wir können die Philosophie nicht fassen , erst die Blüte wird in uns .
Und Gott allein ist die Geistesallheit , die Harmonie der Weisheit .
– Ach , ich hab das alles nicht sagen wollen , der Kopf brennt mir , und das Herz klopft mir zu stark , wenn ich will denken , als daß ich deutlich sein könnt .
Ich wollt vom Reimen sprechen .
Mir kommen Reime kleinlich vor , so wie ich sie bilden soll , ich denke immer :
ach , der Gedanke will wohl gar nicht gereimt sein , oder er will wo anders hinaus , und ich stör ihn nur , – was soll ich seine Äste verbiegen , die frei in die Luft hinausschwanken und allerlei feinfühlig Leben einsaugen , was liegt mir doch daran , daß es symmetrisch verputzt sei !
Ich schweife gern zwischen wildem Gerank , wo hie und da ein Vogel herausflattert und mich anmutig erschreckt oder ein Zweig mir an die Stirne schnellt und mich gedankenwach macht , wo mich die alte Leier eingeschläfert hätt .
– Und ist nicht vielleicht die Gedankenseele selbst Rhythmus , der die Sinne lenkt ;
und sollen wir dem nicht nachstreben ?
Nun kurz , aus meinem Gedicht ist nichts geworden , wie hätt ich unsre orangenblühende Nacht , unsre selige Alleinigkeit verpfuschen sollen , sie , die in jeder verlebten Minute jenes Gefühl aussprach , was ich da oben Gottpoesie , Weisheitsgefühl nenne .
– Nein , ich wollt nicht ein so süß Dämmern zu einzelnen Gedankenschatten zusammenballen .
Laß es fortdämmern oder sich verflüchtigen ;
aber nicht in engherzige Verse einklammern , was so weiche Zweige in die Luft ausstreckt , laß es fortblühen , bis es welkt ;
Du siehst , ich mache mir diese poetischen Unbemerkungen ( Ungeheuer ) bloß in Beziehung auf mich , ich lieb die Poesie , sie erfüllt mich in Dir und in andern mit Begeistrung , aber nicht in mir .
Als der Clemens mich aus der Prison entließ , hatte ich das Märchen gereimt von der alten , vom Hofnarren , der seinem König lehrt Fische fangen , und ihn selber im Hamen fängt und ins Wasser taucht und sagt , so fangen die Narren Fische , aber der König im Hamen wird keinen fangen .
Im Puppenspiel war Clemens von beseligtem Humor , die Witze echappierten ihm , wie wenn ein Feuerwerk ihm in der Tasche sich entzündet hätt , jeden Augenblick flog eine Rakete auf , bis endlich das Puppenspiel ihn übermannte , wo er vor Lachen nicht mehr witzig sein konnt .
Gestern wanderten wir durch die Judengasse , es liefen so viel sonderbare Gestalten herum und verschwanden wieder , daß man an Geister glauben muß , es ward schon dämmerig , und ich bat , daß wir nach Haus gehen wollten , der Clemens rief immer :
seh den , seh da , seh dort , wie der aussieht , und es war , als liefen sie mir alle nach , ich war sehr froh , als wir zu Haus waren .
Leb wohl , es ist mir nicht geheuer , daß Du nicht da bist , wo ich mich erholen kann , wo ich zu mir selbst komme ;
es ist mir so fremd .
– Bettine An die Bettine Liebe Bettine , so wie Dein Brief anfängt mit den tausend Grüßen von Clemens , so beantworte sie ihm doch auch in meinem Namen , es tut mir auch recht leid , daß ich nicht mit Euch bin , allein die Luft und die Trauben tun meinen Augen so gut und ist mir wohltätig im ganzen .
– Obschon mich Euer Treiben höchlich ergötzen würde und namentlich das Puppenspiel ;
– ich übergehe alles , – was Du vom Rhythmus sagst , leg ich Dir so aus :
Du ahnest ein höheres rhythmisches Gesetz , einen Rhythmus , der Geist ist im Geist , der den Geist aufregt und zu neuen Offenbarungen leitet , Du glaubst , daß der Reim die geringste , ja oft erniedrigende Stufe dieses metrischen Sprachgeistes ist und oft die Ahnung oder die Gewalt des Gedankens brechen könnte , daß der sich nicht zu jener Höhe entwickelt , zu der er ursprünglich berufen war – das will ich nicht widersprechen , denn Du kannst recht haben ;
nämlich , Du kannst recht haben , daß es ein höheres musikalisches Gesetz gebe , daß die Anlage zu diesem in jedem freien Gedanken liege und durch den Versbau mehr oder weniger unterdrückt werde .
Du wirst aber auch zugeben , daß im Dichter auch eine Begeistrung waltet , die von höherer Macht zeugt , da diese kindlichen Gesetze , zu denen er sich bequemt , ihn grade zur Kunst anleiten , die an sich schon ein höherer Instinkt ist .
Du sagst zwar in bezug auf Kunst , das Machwerk der Menschen behindre überall den Lebensgeist , das glaube doch ja nicht , daß jene , die vielleicht kein hohes Genie im Gedicht entwickeln , nicht hierdurch zu Höherem gebracht würden ;
denn erst werden sie doch auf eine Kunst vorbereitet , sie haben eine Anschauung von Gedanken oder Gefühlen , die durch Kunstform eine höhere sittliche Würde erlangen oder behaupten , und dies ist der Beginn , daß der ganze Mensch sich da hinübertrage ;
es ist nicht zu verachten , daß im Unmündigen sich der Trieb zum Licht regt .
– Und darum mein ich , daß kein Gedicht ohne einen Wert sei .
Gewiß , jedes Gefühl , so einfach oder auch einfältig es geachtet werden könnte , so ist der Trieb , es sittlich zu verklären , nicht zu verwerfen , und manchen Gedichten , die keinen Ruf haben , habe ich doch zuweilen die Empfindung einer unzweifelhaften höheren Wahrheit oder Streben dahin angemerkt , – und es ist auch gewiß so .
Die Künstler oder Dichter lernen und suchen wohl mühsam ihren Weg , aber wie man sie begreifen und nachempfinden soll , das lernt keiner , – nehme es doch nur so , daß alles Streben , ob es stocke , ob es fließe , den Vorrang habe vor dem Nichtstreben .
– Gute Nacht , für heut kann ich nicht mehr sagen ;
nicht alles , ist mir gleich deutlich in Deinem Brief , Du sagst mir wohl über manches noch mehr oder dasselbe noch einmal .
– Der Ton in der Sprache tut auch viel zum Verstehen , wären wir beisammen , würde sich leichter und vielseitiger ergeben , was wir wollen und meinen , und auf den Sprachgeist vertraue ich auch schon , daß er uns nicht verlassen würde .
– Himmlische Nächte sind hier – winddurchbrauste , und Gewitter , die Sommer und Herbst auseinander donnern .
– An die Günderode Du führst eine heilige Sprache , Du bist heilig , wenn Du sprichst ;
in Dir fühl ich den Rhythmus , der deinen Geist trägt zu höherer Erkenntnis ;
– und ich fühl , daß die Güte , die Milde die Erzeugerin ist all der reinen Wahrheit in Dir , wie Du ihr Abdruck bist ;
wollt ich doch nicht alles auf einmal sagen , so wär ich deutlicher , Du bist mäßig , drum ist alles so überzeugend , was Du sagst ;
wüßt ich doch noch , was ich Dir geschrieben hab , nur um Dich wieder zu hören , mag ich denken , nur daß Du aus dem Anklang meines Geistes Melodien bildest .
Jeder Ton besteht für sich , aber er bildet durch den Anklang mit andern Tönen Melodien , Gedanken .
Aus allen Melodien , aus allen Gedanken besteht die Geistesallheit , die Gottespoesie , die Philosophie .
– Es ist Gottespoesie , Harmonie , die den Gedanken die Melodie erzeugt , sie hebt sich aus dieser , wie aus den Frühlingselementen die Blüte ersteigt , der blühende Geist steht mitten im Frühlingsgarten der Poesie .
– Musik ist sinnliche Natur der Geistesallheit .
Wir möchten wissen , was Musik ist , die so fühlbar ist und doch so unbegreiflich – das Ohr rührt und dann das Herz und dann den Geist weckt , daß der tiefer denke .
Sie ist die sinnliche Geistesnatur ;
aller Geist ist sinnenbewegter Leib des Geistigen , ist also auch Musik , drum sind Gedanken in der Musik unwillkürliche , sie erzeugen sich in dieser Sinnenregung der Seele .
– Ach , Worte fehlen – und zu allseitig dringt es auf mich ein – und es bangt mir um den Ausdruck von dem , was mir in der Seele blitzt – und hab Angst , der könne meinen Begriff umtauschen – und – so leiert's im langweiligen Hintergrund meiner schlummernden Denkkraft , und dann wühle ich mich ein bißchen aus meiner Faulheit heraus und lausch träumend dem Traum , und dann singt's wieder bei der Gedanken Spiele , – ach schlaf , was willst du mehr .
Wenn eine schlummernde Ahnung wach wird in der Musik , da breiten sich alle Gefühle mächtig aus , und jeder Ton spricht verstärkte Empfindung aus , und ein inneres Streben zum Höheren , zum Bemächtigen gewaltigerer Fähigkeiten begleitet den rhythmischen Gang , ja wird von ihm geleitet , ich hab's erfahren :
Bei meinem Saitenspiele segnet der Sterne Heer die ewigen Gefühle .
– Und so wahr ist's , daß aller Geist sinnliche Musik ist , daß wie in der Harmonie jedes Bewegen eines Tons neue Wege öffnet oder , wenn ich in andern Beziehungen nur augenblicklich vorempfinde , so dringt die Harmonie wie durch neu geöffnete Bahn mächtig ein , so ist im Geist jedes Vorempfinden eines inneren Zusammenhangs mit ferner liegendem ein ewiger Harmonienwechsel , und die Melodie der Gedanken weicht aus den engeren Schranken zu höherer Anschauung .
Die ewigen Gefühle heben mich hoch und hehr aus irdischem Gewühle .
– Und so ist alles , was unabweisbare Wahrheit ist , in ewig wechselnder Lebensbewegung – und ich fürcht mich vor dem Denken so allein .
– Wenn wir beisammen wären !
Da teilen wir uns , und durch Dein Begreifen gibst Du meinem Geist die Fassung , der muß nach dem sich richten , und dann hab ich auch Ruhe und Versichrung im Geist , daß ich mich ausdrücken lerne :
Vom irdischen Gewühle trennst Du mich nur zu sehr , bannst mich in diese Kühle .
Und könnten wir doch immer zusammen sprechen , der lieblichen Unordnung entsteigt alles .
– Ja , da fühl ich , wie das ist , daß der Geist aus dem Chaos aufstieg , nehm's nicht zu genau .
Gib nur im Traum Gehör , ach , auf dem weichen Pfühle schlafe !
Was willst Du mehr ?
An die Bettine Denn ;
wie auch das Allebendige sich berühre , es entsteigt Wahrheit aus ihm , aus dem chaotischen Wogen und Schwanken entstieg die Welt als Melodie ?
– Caroline An die Günderode Ja !
Und alle Sterne sind Melodien , die im Strom der Harmonie schwimmen , Weltseelen , die den Geist Gottes hervorblühen , Töne , die mit verwandten Tönen anklingen , und wenn wir zu den Sternen aufsehen , so klingen unsere Gedanken an mit ihnen ;
denn wir gehören in die Sippschaft ihnen verwandter Akkorde – und wie jeder Gedanke , jede Melodie Seele ist , so soll der Menschengeist durch sein Allumfassen Harmonie werden – Poesie Gottes – nehm's nicht zu genau und gib es deutlicher wieder , als ich's sagen kann .
An die Bettine So wär der Menschengeist durch sein Fassen , Begreifen befähigt , Geistesallheit , Philosophie zu werden , also die Gottheit selbst ?
– Denn wär Gott unendlich , wenn er nicht in jeder Lebensknospe ganz und die Allheit wär ?
– So wär jeder Geistesmoment , die Allheit Gottes in sich tragend , aussprechend ?
– Caroline An die Günderode Ja !
Das beweist die Musik , jeder Ton spricht seinen Akkord aus , jeder Akkord spricht seine Verwandtschaften aus , und durch alle Verwandtschaft strömt der ewig wechselnde Gang der Harmonien zu , der ewig erzeugende Geist Gottes .
Denken ist Gott aussprechen , ist sich gestalten in der Harmonie , – ich wage nicht einen Seitenblick zu tun , aber ich fühl's , daß im Begreifen der Geist Gottes sich erzeugt im Menschengeist , und zu was wär dieser Keim der Gotterscheinung im Menschengeist , wenn er nicht durch ewiges Streben ihn ganz entwickeln sollte ?
– Der einzige Zweck alles Lebens :
Gott fassen lernen , und das ist auch unser innerer Richter .
Was Gott nicht entwickelt , das bliebe lieber ungeschehen ;
denn es ist nicht Melodie , – was aber unmelodisch ist , das ist Sünde ;
denn es stört die Harmonie Gottes in uns , es klingt falsch an , aber alle große Handlung weckt die Harmonie , alle Sterne klingen mit ein , drum ist groß Denken , groß Handlen auch so selbst befriedigend , es löst die gebundnen Akkorde in uns auf in höhere Harmonien , und steigern sich die musikalischen Tendenzen durch allseitiges Erklingen aller mittönenden Akkorde .
– Aber ich kann nicht mehr weiter drüber denken , ich träume nur und schlafe tiefer über dem Saitenspiel meiner Gedanken ein , und mir entschlüpft alles ungesagt .
– Du lebst und schwebst in freier Luft , und die ganze Natur trägt Deinen Geist auf Händen ;
ich dräng mich durch zwischen Witz und Aberwitz , und hier und dort nimmt mich die Albernheit in Beschlag ;
und wenn ich abends zum Schreiben komm und muß das Unmögliche denken , was unmöglich ist auszusprechen , dann bin ich gleich traumtrunken , und dann schwindelt mir , wenn ich die Augen öffne ;
die Wände drehen sich , und der Menschen Treiben dreht sich mit .
– Und ob's doch nicht noch in der Sprache verborgne Gewalten gibt , die wir noch nicht haben ?
– noch nicht zu regieren verstehen ;
– das schreib mir , ob Du es auch glaubst , und ob wir da hindringen könnten , das Ungesagte auszusprechen ;
denn gewiß , so wie die Sprache sich ergibt , so muß der Geist hineinströmen ;
denn der ganze Geist ist wohl nur ein Übersetzen des Geist Gottes in uns .
Gute Nacht .
Bettine An die Bettine Du meinst , wenn Du taumelst und ein bißchen trunken bist , das wär unaussprechlicher Geist ?
– Und Du besäufst Dich aber auch gar zu leicht , – weil Du den Wein nicht verträgst , Du meinst , es müßten neue Sprachquellen sich öffnen , um Deine Begriffe zu erhellen .
Werd ein bißchen stärker oder trinke nicht so viel auf einmal , wolltest Du Dich fester ins Auge fassen , die Sprache würde Dich nicht stecken lassen .
Von der Sprache glaub ich , daß wohl ein Menschenleben dazu gehört , um sie ganz fassen zu lernen , und daß ihre noch unentdeckten Quellen , nach denen Du forschest , wohl nur aus ihrer Vereinfachung entspringen .
Den Rat möchte ich Dir geben , daß Du bei Deinem Aussprechen von Gedanken das Beweisen aufgibst , dies wird Dir's sehr erleichtern .
Der einfache Gedankengang ergießt sich wohl von selbst in den Beweis , oder was das nämliche ist :
die Wahrheit selbst ist Beweis .
Beweislos denken ist Freidenken ;
Du führst die Beweise zu Deiner eignen Aushilfe .
Ein solches freies Denken vereinfacht die Sprache , wodurch ihr Geist mächtiger wird .
Man muß sich nicht scheuen , das , was sich aussprechen will , auch in der unscheinbarsten Form zu geben , um so tiefer und unwidersprechlicher ist's .
Man muß nicht beteuern , weil das Mißtrauen gegen die eigne Eingebung wär .
– Nicht begründen :
weil es eingreift in die freie Geisteswendung , die nach Sokrates vielleicht Gegenwendung wird , und nicht bezeugen oder beweisen wollen in der Sprache , weil der Beweis so lang hinderlich ist , dem Geist im Wege ist , bis wir über ihn hinaus sind ;
und weil diese drei Dinge unedel sind , sowohl im Leben wie im Handeln , wie im Geist .
Es sind die Spuren des Philistertums im Geist .
Freier Geist verhält sich leidend zur Sprache und so verhält sich auch die Sprache leidend zu dem Geist , beide sind einander hingegeben ohne Rückhalt , so wird auch keins das andre aufheben , sondern sie werden sich einander aussprechen ganz und tief .
Der Verfasser erfährt den Plan , ihn wegen Hochverrats in Anklagezustand zu versetzen , und flieht nach Blefuscu .
Seine dortige Aufnahme .
Hier halte ich es nicht für unpassend , bevor ich dem Leser über meine Abreise berichte , einer besonderen Kabale zu erwähnen , womit man schon seit zwei Monaten umging .
Diese war gegen mein Leben gerichtet .
Bis dahin war ich wegen der Niedrigkeit meines Standes dem Hofleben gänzlich ferngeblieben .
Zwar hatte ich von den Charakteren großer Fürsten und Minister genug gelesen und gehört , ich erwartete jedoch nie , so furchtbare Erfahrungen von ihren Wirkungen zu machen , besonders nicht in einem so fernen Lande , das nach Grundsätzen regiert wird , die von denen der europäischen Staaten gänzlich abweichen .
Als ich gerade Vorbereitungen traf , dem Kaiser von Blefuscu meine Aufwartung zu machen , kam ein bei Hofe einflußreicher Herr ( dem ich früher zu einem Zeitpunkte Dienste erwiesen hatte , als er sich in höchster Ungnade des Kaisers befand ) auf verstecktem Wege , zur Nachtzeit und in einer Sänfte , in meine Wohnung und bat um eine augenblickliche Unterredung , ohne mir seinen Namen ankündigen zu lassen .
Die Sänftenträger wurden entlassen , ich steckte die Sänfte , worin sich befand , in meine Rocktasche , befahl einem vertrauten Diener , den übrigen zu sagen , ich sei krank und habe mich schlafen gelegt , verschloß meine Haustür , stellte die Sänfte nach meiner Gewohnheit auf den Tisch und setzte mich vor sie hin .
Nach den gewöhnlichen Begrüßungen bemerkte ich in dem Antlitz eine heftige Unruhe .
Als ich nach der Ursache fragte , sprach der Herr den Wunsch aus , ich möchte ihn in einer Angelegenheit , die mein Leben und meine Ehre im höchsten Grade bedrohe , geduldig anhören .
Seine Rede kann ich ziemlich genau wiederholen , denn sobald er fort war , schrieb ich die Hauptpunkte davon nieder .
Er begann :
Diese Vorrede machte mich so heftig , daß ich den Redner unterbrechen wollte , denn ich war mir meiner Verdienste und meiner Unschuld ganz bewußt .
Er bat mich jedoch zu schweigen und setzte seine Rede in folgender Weise fort :
entfernte sich , und ich blieb in höchst unruhiger Stimmung allein .
Der jetzt regierende Kaiser und sein Minister hatten eine Sitte eingeführt , die von den Gewohnheiten früherer Zeiten , wie ich gehört habe , sehr verschieden war .
Sobald der Hof eine grausame Hinrichtung beschlossen hatte , entweder um der Rache des Kaisers oder der Bosheit einiger Günstlinge zu frönen , hielt der Kaiser jedesmal eine Rede im versammelten Rate , worin er von seiner großen Sanftmut und Zartheit als von Eigenschaften sprach , die bereits aller Welt bekannt seien .
Diese Rede wurde sogleich im ganzen Königreiche bekanntgemacht , das Volk wurde aber durch dieses Lobpreisen der Gnade des Kaisers immer sehr erschreckt ;
denn man hatte jedesmal bemerkt , je nachdrücklicher die Lobsprüche gegeben wurden , desto unmenschlicher sei die Strafe und desto unschuldiger der Verurteilte .
Was mich betrifft , so muß ich eingestehen , daß ich in diesem Punkte ein schlechter Richter bin , denn weder durch Geburt noch durch Erziehung bin ich zum Höfling bestimmt .
Somit konnte ich die Milde und Gnade dieses Urteils nicht recht begreifen , sondern ich hielt es ( vielleicht aus Irrtum ) für streng und nicht für gnädig .
Einigemal faßte ich den Entschluß , mich vor Gericht zu stellen ;
da ich aber während meines früheren Lebens mehrere Hochverratsprozesse gelesen und immer bemerkt hatte , das Urteil falle nur nach Gutdünken der Richter aus , wagte ich nicht , mich unter so kritischen Umständen und bei so mächtigen Feinden einer so gefährlichen Entscheidung zu unterziehen .
Einmal war ich auch entschlossen , Widerstand zu leisten ;
solange ich nämlich in Freiheit war , konnte mich die ganze Kriegsmacht jenes Reiches nicht unterwerfen , und ich hätte durch Schleudern von Steinen die ganze Hauptstadt in einen Trümmerhaufen verwandeln können ;
allein diesen Gedanken ließ ich mit Abscheu fallen , denn ich dachte an meinen Eid , den ich dem Kaiser geleistet , an die Gunstbezeigungen , die ich von ihm empfangen , und an den hohen Titel , Nardac , den er mir verliehen hatte .
Auch war ich noch nicht mit Höfen bekannt , um meinem Gewissen einreden zu können , die jetzige Strenge des Kaisers entbinde mich aller früheren Verpflichtungen .
Zuletzt faßte ich einen Entschluß , durch den ich mir mancherlei Tadel , und auch nicht ganz mit Unrecht , zuziehen werde ;
denn ich gestehe , daß ich die Erhaltung meiner Augen , und also auch meiner Freiheit , meiner Raschheit im Handeln und meinem Mangel an Erfahrung verdanke ;
hätte ich nämlich den Charakter der Fürsten und Minister , den ich nachher an vielen anderen Höfen beobachtete , und ihre Behandlungsweise von Verbrechern , die noch geringere Missetaten als ich begangen hatten , zur Genüge gekannt , so würde ich mich bereitwillig einer so leichten Strafe unterzogen haben .
Allein voll Jugendfeuer und ohnedies im Besitz einer Erlaubnis , dem Kaiser von Blefuscu meine Aufwartung zu machen , benutzte ich diese Gelegenheit , bevor drei Tage vergingen , um meinem Freunde , dem Sekretär , einen Brief zu übersenden , worin ich ihm den Entschluß erklärte , zufolge der erhaltenen Erlaubnis noch heute morgen nach Blefuscu abzureisen .
Ich erwartete keine Antwort und ging auf den Punkt des Ufers zu , wo unsere Flotte lag .
Ich ergriff ein großes Kriegsschiff , band ein Tau an das Vorderteil , lichtete die Anker , zog meine Kleider aus und legte diese zugleich mit meiner Bettdecke , die ich unter dem Arme getragen hatte , auf das Schiff , zog es hinter mir her und kam watend und schwimmend an den Königlichen Hafen von Blefuscu , wo das Volk mich schon lange erwartet hatte .
Man gab mir zwei Führer , die mich zur gleichnamigen Hauptstadt brachten .
Ich hielt sie in meiner Hand , bis ich 200 Ellen vom Tore entfernt war , und bat sie dann , meine Ankunft einem der Minister anzuzeigen und zugleich zu bemerken , ich würde dort die Befehle erwarten .
Nach ungefähr einer Stunde erhielt ich die Nachricht :
, von der Kaiserlichen Familie und den Großbeamten begleitet , habe die Stadt verlassen , um mich zu empfangen .
Hierauf ging ich hundert Ellen vorwärts ;
der Kaiser mit seinem Gefolge stieg vom Pferde , die Kaiserin verließ mit ihren Damen die Kutschen , und ich bemerkte nirgends Besorgnis oder Schrecken ;
dann legte ich mich auf den Boden nieder , um die Hände des Kaiserlichen Paares zu küssen .
Ich sagte , ich sei meinem Versprechen gemäß und mit Erlaubnis meines Herrn , des Kaisers , gekommen , um einen so mächtigen Monarchen zu sehen und ihm alle mir möglichen Dienste für den Fall anzubieten , daß sie der Pflicht gegen meinen eigenen Fürsten nicht widersprächen .
Von meiner Ungnade erwähnte ich kein Wort , weil ich bis dahin noch nicht auf offiziellem Wege davon in Kenntnis gesetzt worden war und ich mich deshalb stellen konnte , als wisse ich durchaus nichts von dem ganzen Vorfall .
Auch konnte ich vernünftigerweise nicht annehmen , der Kaiser werde das Geheimnis entdecken , nachdem ich aus dem Bereiche seiner Macht war .
Es ergab sich jedoch bald , daß ich mich in diesem Punkte getäuscht hatte .
Ich will die Leser nicht mit einer besonderen Beschreibung meiner Aufnahme an diesem Hofe belästigen , die dem Edelmut eines so großen Fürsten vollkommen angemessen war , auch nicht die Unbequemlichkeiten schildern , die sich mir dadurch boten , daß ich weder Haus noch Bett besaß , so daß ich , in meine Decke gehüllt , auf dem Erdboden schlafen mußte .
Fußnoten 1 Das Ganze ist sowohl eine Verhöhnung des weitläufigen Stils und der schleppenden Perioden der englischen Gesetze , was treu mit den gewöhnlichen Ausdrücken wiedergegeben ist , wie auch einzelner noch immer geltender , aber nie angewandter Statute des britischen Reiches , z.B. , es sei Hochverrat , an des Königs Tod zu denken .
In bezug auf die damaligen Zeitverhältnisse hat Swift hier offenbar den Prozeß seiner Freunde , Lord Bolingbroke und Graf Oxford ( Harley ) , im Auge , die wegen des Utrechter Friedens und überhaupt wegen der Toryverwaltung in den letzten Jahren der Königin Anna nach deren Tode zur Verantwortung gezogen wurden .
Achtes Kapitel Achtes Kapitel .
Der Verfasser findet durch glücklichen Zufall ein Mittel , Blefuscu zu verlassen , und kehrt nach einigen Schwierigkeiten gesund in sein Vaterland zurück .
Teils aus Neugier , teils aus Langeweile ging ich drei Tage darauf an der Ostküste der Insel spazieren und sah in der Entfernung von ungefähr einer Viertelstunde etwas auf dem Meere schwimmen , was das Aussehen eines umgeschlagenen Bootes hatte .
Ich zog Schuhe und Strümpfe aus , watete zwei- bis dreihundert Ellen ins Meer hinaus und beobachtete , daß der Gegenstand durch die Gewalt der Flut näher getrieben wurde .
Dann sah ich deutlich , daß es wirklich ein Boot war , das durch Sturm von einem Schiffe losgerissen sein mußte .
Da kehrte ich schleunigst zur Stadt zurück und bat den Kaiser , mir zwanzig der größten Schiffe zur Verfügung zu stellen , die ihm nach dem Verlust seiner Flotte noch übriggeblieben waren , sowie auch dreihundert Seeleute , unter dem Befehle eines Vizeadmirals .
Diese Flotte segelte über die Höhe des Hafens , während ich auf dem kürzesten Wege zu dem Orte zurückkehrte , wo ich das Boot zuerst entdeckt hatte .
Wie ich fand , hatte es die Flut noch näher an die Küste herangetrieben .
Die Matrosen waren sämtlich mit Tauwerk versehen , das ich bis zur genügenden Stärke zusammengedreht hatte .
Als die Schiffe herankamen , zog ich mich aus und watete , bis ich hundert Ellen an das Boot herankam .
Dann war ich genötigt zu schwimmen , bis ich es erreichte ;
die Matrosen warfen mir das Ende eines Strickes zu , das ich in dem Loche am Vorderteile des Bootes befestigte , worauf ich das andere Ende an ein Kriegsschiff band .
Allein alle meine Mühe war umsonst , denn da ich keinen Grund fühlte , konnte ich auch nicht arbeiten .
In dieser Not war ich gezwungen , hinter dem Boote zu schwimmen und es mit einer Hand , sooft ich konnte , vorwärts zu stoßen ;
da mir die Flut hierbei behilflich war , konnte ich es so weit vorwärts bringen , bis ich Grund fühlte , wobei mir das Wasser aber noch bis an das Kinn reichte .
Ich verschnaufte zwei bis drei Minuten und fing dann wieder an zu schieben , bis die See mir nur noch an die Schultern reichte , und damit war der schwierigste Teil der Arbeit vollendet .
Hierauf nahm ich die anderen Taue , die in einem Kriegsschiffe aufgehäuft waren , befestigte sie zuerst an dem Boote und dann an neun Schiffen , die zu meiner Verfügung standen .
Der Wind war günstig , das Boot wurde ins Schlepptau genommen , und ich schob , bis wir vierzig Ellen vom Ufer entfernt waren .
Dann wartete ich , bis die Flut vorüber war .
Als nun das Boot auf dem Trockenen lag , kehrte ich es mit großer Mühe um , wobei mir zweitausend Menschen mit Tauen und Maschinen halfen , und ich fand , daß es nur wenig Schaden gelitten hatte .
Den Leser will ich nicht mit den Schwierigkeiten langweilen , die sich mir durch den Umstand boten , daß ich , woran ich zehn Tage lang mit Winden zu arbeiten hatte , mein Boot in den Kaiserlichen Hafen von Blefuscu bringen mußte .
Dort fand bei meiner Ankunft ein ungeheurer Zulauf des Volkes statt , das ein so wunderbares Schiff im höchsten Grad anstaunte .
Ich sagte dem Kaiser , mein gutes Glück habe mir dies Boot verschafft , um mich an irgendeinen Ort zu bringen , von wo ich mit Sicherheit in mein Vaterland zurückkehren könne .
Dann bat ich den Kaiser um einen Befehl , die zur Einrichtung notwendigen Materialien herbeischaffen und dann abreisen zu dürfen ;
eine Gnade , die er mir nach einigem Hinundherreden gewährte .
Während dieser Zeit wunderte ich mich sehr , nichts von einer Botschaft zu vernehmen , die unser Kaiser meinethalben an den Hof von Blefuscu hätte senden können .
Nachher hat man mich aber im geheimen benachrichtigt , habe geglaubt , mir sei durchaus keine Kunde von ihren Absichten zugekommen ;
ich sei nur wegen des von mir gegebenen Versprechens und der erteilten Erlaubnis , die bei Hof allgemein bekannt war , nach Blefuscu abgereist ;
auch würde ich in wenigen Tagen nach Beendigung der Hofzeremonien wieder zurückkehren .
Zuletzt aber geriet der Kaiser wegen meiner längeren Abwesenheit doch in Unruhe ;
er hielt eine Beratung mit seinem Schatzmeister und den übrigen gegen mich kabalierenden Ministern ;
endlich war ein Mann von hohem Stande mit einer Abschrift meiner Anklage nach Blefuscu gesandt .
Dieser Gesandte hatte Instruktionen , dem Monarchen von Blefuscu Vorstellungen über die große Milde seines Herrn zu machen , der sich begnüge , mich nur mit dem Verlust meiner Augen zu bestrafen ;
ich habe mich seiner Gerechtigkeit entzogen ;
wenn ich nicht innerhalb zwei Stunden zurückkehre , würde ich meinen Titel als Nardac verlieren und für einen Verräter erklärt werden .
Der Gesandte fügte ferner hinzu :
Sein Herr erwarte , daß sein kaiserlicher Bruder in Blefuscu , um den Frieden und die Freundschaft beider Reiche zu erhalten , Befehl erteilen würde , mich an Händen und Füßen gefesselt nach Liliput zurückzusenden , damit ich dort die Strafe der Verräter erleide .
Der Kaiser von Blefuscu beriet drei Tage lang über diesen Antrag und gab dann eine aus vielen Höflichkeiten und Entschuldigungen bestehende Antwort .
Er erwiderte :
In betreff des Verlangens , mich gefesselt nach Liliput hinüberzusenden , so wisse sein kaiserlicher Bruder sehr wohl , dies Verfahren sei unmöglich ;
ferner sei er mir in mannigfacher Hinsicht wegen der Dienste verpflichtet , die ich ihm beim Friedensschluß erwiesen , obgleich ich ihn seiner Flotte beraubt habe .
Beide Majestäten würden indes bald zufriedengestellt werden .
Ich habe am Ufer ein wunderbares Schiff gefunden , das mich auf dem Meere tragen könne ;
er habe Befehl gegeben , es mit meiner Hilfe und unter meiner Leitung auszubessern , und hoffe , in wenigen Wochen würden beide Reiche von einer so unerträglichen Last befreit sein .
Mit dieser Antwort kehrte der Gesandte nach Liliput zurück ;
der Kaiser von Blefuscu aber erzählte mir den ganzen Vorgang und bot mir , unter dem Siegel der strengsten Verschwiegenheit , seinen gnädigsten Schutz an , im Falle ich in seinen Diensten bleiben wolle .
Ich hielt sein Anerbieten für aufrichtig , beschloß aber dennoch , gegen Fürsten und Minister kein Vertrauen mehr zu hegen , solange ich es irgendwie vermeiden könne .
Deshalb bat ich ihn demütig , mit aller schuldigen Anerkennung seiner günstigen Absichten , mich gnädigst zu entschuldigen .
Ich fügte hinzu :
Da ein gutes oder böses Schicksal mir einmal ein Schiff verschafft habe , wolle ich mich lieber dem Ozean anvertrauen , als Veranlassung zu einem Streite von zwei so mächtigen Monarchen geben .
Auch bemerkte ich wohl , daß der Kaiser über meine Antwort gar nicht unzufrieden war ;
bald darauf habe ich sogar zufällig entdeckt , daß er und seine Minister viel Freude über meinen Entschluß empfanden .
Diese Umstände bewogen mich , meine Abreise noch mehr zu beschleunigen , als ich anfangs beabsichtigte .
Der Hof trug auch dazu bei , denn er wünschte , ich möchte mich so schnell wie möglich entfernen .
Fünfhundert Arbeiter wurden angewiesen , nach meiner Anleitung zwei Segel für mein Boot zu verfertigen , indem sie dreizehn Lagen ihrer stärksten Leinwand übereinandersteppten .
Ein großer Stein , den ich nach langem Suchen am Strande fand , diente mir als Anker .
Das Fett von dreihundert Kühen wurde mir angeboten , um mein Boot zu dichten oder um es zu anderen Zwecken zu benutzen .
Es kostete mich unendliche Mühe , einige der größten , zu Bauholz geeigneten Bäume abzuschneiden , wobei mir jedoch die Zimmermeister der kaiserlichen Flotte halfen , welche diese glätteten , nachdem ich die gröbere Arbeit selbst verrichtet hatte .
Nach ungefähr einem Monat , als alles vollendet war , ließ ich dem Kaiser sagen , ich sei zur Abreise bereit und erwarte seine Befehle .
Der Kaiser und die kaiserliche Familie verließen hierauf den Palast , ich legte mich nieder , um seine Hand zu küssen , die er mir sehr gnädig reichte ;
die Kaiserin und die jungen Prinzen von Geblüt erwiesen mir dieselbe Ehre .
schenkte mir fünfzig Börsen , jede mit zweihundert Sprugs , sowie auch sein Bild in Lebensgröße , das ich sogleich in meinen Handschuh steckte , um es vor Schaden zu bewahren .
Die Zeremonien bei meiner Abreise waren zu umfangreich , um den Leser hier damit zu langweilen .
Ich versah das Boot mit dem Fleische von hundert Ochsen , dreihundert Schafen , mit einer entsprechenden Menge Brot und Wasser und mit so viel zubereiteten Speisen , wie vierhundert Köche zurichten konnten ;
ferner mit sechs Kühen und zwei Stieren , ebenso vielen Mutterschafen und Böcken , die ich in mein Vaterland zu verpflanzen beabsichtigte , um diese Rasse auch dort einheimisch zu machen .
Um diese Tiere an Bord zu füttern , hatte ich eine ziemliche Masse Heu und einen Sack voll Korn ebenfalls mitgenommen .
Ich hätte auch sehr gern ein Dutzend Eingeborener mit hinübergebracht , allein der Kaiser wollte dies in keiner Weise zulassen ;
meine Taschen wurden deshalb genau durchsucht , und der Kaiser nahm mir außerdem mein Ehrenwort ab , keinen seiner Untertanen , ohne dessen ausdrückliche Zustimmung und besonderen Wunsch , mit mir fortzuführen .
Nachdem ich alle Vorbereitungen , so gut es ging , getroffen hatte , ging ich am 24. September 1701 , sechs Uhr morgens , unter Segel .
Als ich ungefähr vier Meilen nordwärts gesteuert war , bemerkte ich , während der Wind um sechs Uhr abends aus Südost blies , in der Entfernung einer halben Meile , nordwestlich eine kleine Insel .
Ich steuerte darauf zu und warf bei ihr unter dem Winde Anker .
34 Bei seiner Abreise von Petersburg hatte Wronski seine Wohnung in der Morskaja-Straße seinem guten Freunde und lieben überlassen .
Petrizki war ein junger Leutnant aus nicht besonders vornehmer Familie ;
er war nicht nur ohne Vermögen , sondern steckte sogar bis über die Ohren in Schulden , abends war er stets betrunken und hatte schon oft wegen allerlei teils lächerlicher , teils unsauberer Geschichten Arrest gehabt .
Aber trotzdem war er bei seinen Kameraden sowie bei seinen Vorgesetzten beliebt .
Als Wronski um zwölf Uhr , vom Bahnhof kommend , an seiner Wohnung vorfuhr , sah er vor der Haustür eine ihm wohlbekannte Mietskutsche stehen .
Als er noch vor der Vorsaaltür war , hörte er auf sein Klingeln ein helles Gelächter von Männern , das Schwatzen einer Frauenstimme und das laute Geschrei Petrizkis :
Wronski verbot dem öffnenden Burschen , ihn zu melden , und trat leise in das erste Zimmer .
Die , Petrizkis Freundin , ein Dämchen mit frischem Gesicht und blondem Haar , saß in einem schimmernden lila Atlaskleide an einem runden Tische , kochte Kaffee und erfüllte wie ein Kanarienvogel das ganze Zimmer mit ihrem Pariser Geplapper .
Neben ihr saßen Petrizki im Mantel und der , der wahrscheinlich eben erst vom Dienst gekommen war , in voller Uniform .
schrie Petrizki und sprang auf , indem er den Stuhl mit Gepolter zurückstieß .
, fuhr er , auf die Baronin deutend , fort .
erwiderte Wronski , vergnügt lächelnd , und drückte der Baronin das kleine Händchen .
sagte die Baronin .
, versetzte Wronski .
, fügte er hinzu und gab ihm kühl die Hand .
, wandte sich die Baronin an Petrizki .
, sagte die Baronin , setzte sich wieder hin und drehte achtsam den Hahn an der neuen Kaffeemaschine .
wandte sie sich an Petrizki , den sie wegen seines Familiennamens Petrizki zu ihrer Bequemlichkeit Pierre nannte , ohne aus ihren Beziehungen zu ihm ein Hehl zu machen .
fragte die Baronin plötzlich , indem sie Wronskis Gespräch mit seinem Kameraden unterbrach .
Und ohne Wronski loszulassen , begann sie , ihm unter unaufhörlichen Scherzen und Späßen ihre neuesten Lebenspläne zu entwickeln und ihn um Rat zu fragen .
( Dieser Er war ihr Mann .
) , fuhr sie in verächtlichem Tone fort , Wronski hörte mit Vergnügen das lustige Geplapper der hübschen Frau an , sagte ihr Schmeicheleien , gab ihr halb scherzhafte Ratschläge und nahm überhaupt sofort den Ton an , der ihm im Verkehr mit derartigen Damen geläufig war .
Nach den Begriffen der Gesellschaft , die in Petersburg seinen Umgangskreis bildete , zerfielen die Menschen in zwei einander völlig entgegengesetzte Gattungen .
Erstens eine niedere :
das waren geschmacklose , dumme und vor allem lächerliche Leute , die meinten , ein Mann dürfe nur mit der einen Frau leben , mit der er getraut sei , ein junges Mädchen müsse unschuldig sein , eine Frau züchtig , ein Mann gesetzt , enthaltsam und solid , man müsse Kinder aufziehen , sich durch Arbeit sein Brot erwerben , seine Schulden bezahlen und mehr derartige Dummheiten .
Dies war die Gattung der altmodischen , komischen Leute .
Aber es gab auch noch eine andere Gattung von Menschen :
die wirklichen Menschen , zu denen sie selbst alle gehörten ;
in dieser Gattung mußte man vor allem elegant , großartig , keck und heiter sein , sich , ohne zu erröten , jeder Leidenschaft überlassen und sich über alles übrige lustig machen .
Wronski war nur im ersten Augenblicke , unter der Nachwirkung der von Moskau mitgebrachten Eindrücke aus einer ganz anderen Welt , noch wie betäubt gewesen , hatte sich aber dann , wie wenn jemand mit den Füßen in seine Pantoffeln hineinfährt , sofort wieder in seiner früheren vergnügten , angenehmen Welt zurechtgefunden .
Der Kaffee wollte durchaus nicht richtig kochen ;
er bespritzte alle , lief über , ergoß sich über den teueren Teppich und über das Kleid der Baronin und brachte dadurch gerade die Wirkung hervor , die hier nötig war :
er gab Anlaß zu Lärm und Gelächter .
, antwortete Wronski .
Und mit dem Kleide rauschend , verschwand sie .
Auch Kamerowski stand auf , und Wronski reichte ihm , ohne seinen Weggang abzuwarten , die Hand und ging in sein Toilettenzimmer .
Während er sich wusch , schilderte ihm Petrizki in kurzen Zügen seine Lage , soweit sie sich nach Wronskis Abreise verändert hatte .
Geld habe er keines mehr .
Sein Vater habe erklärt , er werde ihm nichts mehr geben und auch seine Schulden nicht bezahlen .
Sein Schneider wolle ihn ins Schuldgefängnis setzen lassen , und ein anderer Gläubiger habe ihm gleichfalls auf das bestimmteste damit gedroht .
Der Regimentskommandeur habe ihm eröffnet , wenn diese Skandalgeschichten nicht aufhörten , müsse er seinen Abschied nehmen .
Die Baronin sei ihm so widerwärtig geworden wie ein bitterer Rettich , namentlich deswegen , weil sie ihm immer Geld geben wolle .
Da habe er aber jetzt ein anderes Frauenzimmer entdeckt – er wolle sie ihm zeigen – , eine wahre Pracht , rein zum Entzücken , so in streng orientalischem Stil , Mit Berkoschew habe er auch einen argen Zank gehabt und wolle ihm seine Sekundanten schicken ;
aber selbstverständlich werde weiter nichts dabei herauskommen .
Im allgemeinen aber gehe es ihm ganz vortrefflich , und er sei höchst fidel .
Und ohne daß er seinem Kameraden Zeit gelassen hätte , auf die Einzelheiten seiner Lage näher einzugehen , ging Petrizki dazu über , ihm alle interessanten Neuigkeiten zu erzählen .
Während Wronski diese ihm so wohlbekannte Sorte von Geschichten in dem ihm so wohlbekannten Getriebe der nun schon drei Jahre von ihm innegehabten Wohnung anhörte , empfand er das angenehme Gefühl der Rückkehr zu seinem gewohnten sorglosen Petersburger Leben .
rief er und hob den Fuß von dem Trittbrett der Wascheinrichtung weg , durch die er seinen roten , gesunden Hals mit Wasser übergossen hatte .
rief er bei der Nachricht , daß sich von Fertinghof losgesagt habe und Milejews Freundin geworden sei .
rief Petrizki .
antwortete Wronski , der sich gerade mit einem Frottierhandtuch abtrocknete .
Wronski wollte sich totlachen .
Und noch lange nachher , als sie schon von anderen Dingen sprachen , brach er , wenn er an den Helm dachte , immer von neuem in ein kräftiges Gelächter aus , so daß seine starken , vollzähligen Zähne sichtbar wurden .
Nachdem er alle Neuigkeiten erfahren hatte , legte er mit Hilfe seines Dieners die Uniform an und fuhr weg , um sich zu melden .
Nach der Meldung beabsichtigte er zu seinem Bruder und zur zu fahren und sonst noch einige Besuche zu machen , um sich Zugang zu den Kreisen zu verschaffen , in denen er treffen konnte .
Wie stets in Petersburg , fuhr er von Hause mit der Absicht fort , erst spät in der Nacht zurückzukommen .
Zweiter Teil 1. 1 Gegen Ende des Winters fand bei Schtscherbazkis eine ärztliche Beratung statt , durch die festgestellt werden sollte , wie es mit Kittys Gesundheit stehe und was zur Hebung ihrer dahinschwindenden Kräfte zu unternehmen sei .
Sie war krank , und mit dem Herannahen des Frühlings verschlimmerte sich ihr Gesundheitszustand nur noch mehr .
Der Hausarzt hatte ihr Lebertran , dann Eisen , darauf Höllenstein verordnet ;
aber da weder das erste noch das zweite noch das dritte Mittel geholfen und da er geraten hatte , zum Frühjahr ins Ausland zu reisen , so wurde noch eine erste Kraft zu Rate gezogen .
Dieser berühmte Arzt , ein noch nicht alter , sehr schöner Mann , forderte eine Untersuchung der Patientin .
Energisch und , wie es schien , mit besonderem Vergnügen sprach er seine Ansicht aus , daß mädchenhafte Scham nur ein Überrest altbarbarischer Vorurteile sei , und es erschien ihm als die natürlichste Sache von der Welt , daß ein noch nicht bejahrter Mann den nackten Körper eines jungen Mädchens betaste .
Er fand das natürlich , weil er es jeden Tag tat und dabei , seiner Ansicht nach , weiter nichts Schlimmes fühlte und dachte , und darum hielt er Schamhaftigkeit bei einem jungen Mädchen nicht nur für einen Überrest von Barbarentum , sondern auch für eine gegen ihn gerichtete Beleidigung .
Man mußte sich ihm fügen ;
denn obgleich alle Ärzte dieselben Universitätskurse durchmachen und aus denselben Büchern dieselbe Wissenschaft studieren und obgleich manche Leute behaupteten , diese erste Kraft sei ein schlechter Arzt , so galt es doch bei der Fürstin wie in ihrem ganzen Bekanntenkreise aus nicht näher nachweisbaren Gründen als ausgemacht , daß einzig und allein dieser berühmte Arzt etwas Tüchtiges verstehe und daß nur er Kitty retten könne .
Nach eingehender Besichtigung und längerer Beklopfung der vor Scham ganz verstörten und wie betäubten Patientin wusch sich der berühmte Arzt sorgfältig die Hände und ging dann in den Salon und sprach mit dem Fürsten .
Der Fürst zog ein finsteres Gesicht und räusperte sich wiederholt , während er dem Arzt zuhörte .
Als ein Mann von Lebenserfahrung , von gutem Verstande und vortrefflicher Gesundheit glaubte er nicht an die medizinische Wissenschaft und war in tiefster Seele ergrimmt über diese ganze Komödie , und zwar um so mehr , als er vielleicht der einzige war , der die Ursache von Kittys Krankheit völlig erkannt hatte .
› Du Blaffköter !
‹ dachte er , indem er im stillen diesen Ausdruck der Jägersprache auf den berühmten Arzt übertrug , dessen Geschwätz über die Krankheitsmerkmale bei seiner Tochter er anhörte .
Unterdessen hielt der Arzt seinerseits nur mühsam auf seinem Gesichte einen Ausdruck der Geringschätzung gegen diesen rückständigen alten Junker zurück und ließ sich nur ungern zu dem tiefen Stand seiner Fassungskraft herab .
Er war sich darüber klar , daß es eigentlich keinen Zweck habe , mit dem Alten zu reden , und daß die Hauptperson in diesem Hause die Mutter sei .
Vor ihr beabsichtigte er seine Perlen auszuschütten .
Da trat die Fürstin mit dem Hausarzt in den Salon .
Der Fürst trat zur Seite , bemüht , es sich nicht merken zu lassen , wie lächerlich ihm diese ganze Komödie vorkam .
Verehrter Freund und Gönner !
Sie wissen ja – Sie wissen genug darüber , wer sind – womit wir uns unterhalten und mit welchem Inhalt wir die uns zugemessenen Erdentage zu erfüllen suchen .
Sie wissen auch , wie wir das Dasein je nachdem als ernste und schwerwiegende Sache – als heiteren Zeitvertreib , als absoluten Stumpfsinn oder auch als recht schlechten Scherz hinzunehmen , aufzufassen und zu gestalten pflegen .
Sie waren es , der von jeher das richtige Verständnis für unseren Plural hatte – für die große Vereinfachung und anderseits die ungeheure Bereicherung des Lebens , die wir ihm verdanken .
Wie armselig , wie vereinzelt , wie prätentiös und peinlich unterstrichen steht das erzählende oder erlebende da – wie reich und stark dagegen das .
Wir können in dem , was um uns ist , irgendwie aufgehen , untergehen – harmonisch damit verschmelzen .
Ich springt immer wieder heraus , schnellt wieder empor , wie die kleinen Teufel in Holzschachteln , die man auf dem Jahrmarkt kauft .
Immer strebt es nach Zusammenhängen – und findet sie nicht .
Wir brauchen keinen Zusammenhang – wir sind selbst einer .
Die Sendung , die wir heute unserem Briefe beifügen , oder , richtiger , der Inhalt eben dieser Sendung ist wieder ein neuer Beweis dafür .
Denn dies alles , teurer Freund , den wir insgesamt gleich schätzen und verehren , gilt nur als Vorrede einer Vorrede , die jetzt beginnen und Ihnen zur Erläuterung beifolgender Dokumente dienen soll , das heißt zur Erläuterung des Umstandes , daß wir eben diese Dokumente in Ihre Hände legen und von Ihnen die Lösung manches Rätsels erhoffen .
Mit den Papieren hat es nun folgende Bewandtnis :
Es mag etwa dreiviertel Jahr her sein , daß wir gelegentlich einer Seereise einen jungen Menschen kennenlernten .
Wir fanden ihn sehr liebenswürdig und unterhielten uns gerne mit ihm .
Es dauerte allerdings einige Zeit , bis es so weit kam , denn er war zu Anfang ungemein zurückhaltend und schien schwere seelische Erschütterungen durchgemacht zu haben – aber davon später .
Der junge Mann hieß mit dem Nachnamen :
Dame – also .
Dieser Umstand mochte wohl einiges zu seiner reservierten Haltung beitragen und gehörte zu den vielen Hemmungen , über die er sich beklagte .
Wenn er sich vorstellte oder vorstellen ließ , wurde er stets etwas unsicher und fügte jedesmal hinzu :
Wir fragten ihn einmal , weshalb er das täte – der Name sei doch nicht auffallender als viele andere , und er mache auf diese Weise eigentlich die Leute selbst erst aufmerksam , daß sich eine Seltsamkeit , sozusagen eine Art Naturspiel , daraus konstruieren lasse .
Er entgegnete trübe :
Ja , das wisse er wohl , aber er könne nicht anders , und es gehöre nun einmal zu seiner Biographie .
( Diese Bemerkung lernten wir erst später bei der Lektüre seiner Aufzeichnungen verstehen .
) war seinem Äußeren und seinem Wesen nach durchaus der Typus junger Mann aus guter Familie und von sorgfältiger Erziehung mit einer Beimischung von mattem Lebemannstum – sehr matt und sehr äußerlich .
Er wäre nie ohne einwandfreie Bügelfalte auf die Straße gegangen , auch wenn ihm das Herz noch so weh tat – und das Herz muß ihm wohl oft sehr weh getan haben .
Die Grundnote seines Wesens war überhaupt eine gewisse betrübte Nachdenklichkeit oder nachdenkliche Trübsal , aber daneben liebte er Parfüms und schöne Taschentücher .
Als wir ihn kennenlernten , war er schweigsam und verstört ;
allmählich , besonders wenn wir in den warmen Nächten an Deck saßen , ging ihm immer das Herz auf , und er erzählte von sich selbst und von seiner Biographie – wie er längere Zeit unter eigentümlichen Menschen gelebt und eigentümliche Dinge mitangesehen und auch miterlebt habe .
Schon von Haus aus habe er einen dunklen Trieb in sich gefühlt , das Leben zu begreifen , und da habe man ihn an jene Menschen gewiesen .
Leider vergeblich , denn er konnte es nun erst recht nicht begreifen , sondern sei völlig verwirrt geworden und eben jetzt auf dem Wege , in fernen Ländern Heilung und Genesen zu suchen .
Den Ort , wo sich das alles begeben hat , wollte er nicht gerne näher bezeichnen – er sagte nur , es sei nicht eigentlich eine Stadt , sondern vielmehr ein Stadtteil gewesen , der auch in seinen Papieren oft und viel genannt wird .
Wir konnten uns das nicht recht vorstellen .
Er erzählte uns denn auch , daß er damals allerhand niedergeschrieben habe , in der Absicht , vielleicht später einen Roman oder ein Memoirenwerk daraus zu gestalten , und wir interessierten uns lebhaft dafür .
So kam die Zeit heran , wo wir uns trennen mußten , denn die Reise ging zu Ende .
An einem der letzten Tage stieg müden Schrittes in seine Kabine hinab und kam mit einem ansehnlichen Paket beschriebener Hefte wieder ;
dann sagte er , wenn es uns Freude mache , sei er gerne bereit , uns seine Aufzeichnungen zu überlassen .
Er wolle sie auch nicht wieder haben , denn das alles sei für ihn abgetan und läge hinter ihm , und er habe wenig Platz in seinen Koffern .
Was damit geschehe , sei ihm ganz gleichgültig , wir möchten es je nachdem weitergeben , verschenken , vernichten oder veröffentlichen .
Er selbst würde schwerlich wieder nach Europa oder gar in jenen Stadtteil zurückkehren .
Dann nahmen wir recht bewegt Abschied und wünschten ihm alles Gute .
Unser Wunsch sollte leider nicht in Erfüllung gehen , denn der Zug , mit dem er weiterfuhr , fiel einer Katastrophe zum Opfer , und in der Liste der Geretteten war sein Name nicht genannt – so ist wohl anzunehmen , daß er mit verunglückte .
Wir haben denn auch nichts mehr von ihm gehört .
Die Aufzeichnungen haben wir gelesen – es war das erste , was wir damit taten ;
aber , wie schon anfangs erwähnt , vieles darin ist uns ziemlich dunkel geblieben .
Nach unserer Ansicht handelt es sich , wie ja auch selbst meinte , um recht eigentümliche Menschen , Begebnisse und Anschauungen .
– Unter anderem interessiert es uns lebhaft , wo jener Stadtteil zu finden ist , in dem sich das alles begeben .
Wir leben , wie Sie wissen , schon so lange in der Fremde , daß es viel zu anstrengend wäre , die Kulturströmungen einzelner Stadtteile genauer zu verfolgen .
Vor allem wünschen wir Ihre Ansicht darüber zu erfahren , ob die vorliegenden Dokumente wohl die Bedeutung eines haben und sich zur Veröffentlichung eignen würden .
Meinen Sie nicht auch , daß es dann vielleicht ein schöner Akt der Pietät wäre , dem anscheinend Frühverblichenen auf diese Weise einen Grabstein zu setzen ?
Wenn Sie es für geboten erachten , würden wir Sie bitten , einen Kommentar dazu zu schreiben – uns fehlt leider die nötige Sachkenntnis , und so haben wir uns auf einige bescheidene und mehr sachliche Anmerkungen beschränkt – aber vielleicht ist es auch überflüssig .
Kurzum – ja , wirklich kurzum , denn wir lieben die Kürze auch dann noch , wenn wir ausführlich sein müssen , lieben sie um so mehr , wenn wir gerade ausführlich gewesen sind – wir legen diese Papiere und alles Weitere vertrauensvoll in Ihre Hände .
1 1 Dezember Langweilig – diese Wintertage ... Ich habe nach Hause geschrieben und ein paar offizielle Besuche gemacht .
Man nahm mich überall liebenswürdig auf und stellte die obligaten Fragen – wo ich wohne , wie ich mir mein Leben einzurichten gedenke und was ich studiere .
Der alte Hofrat schien es etwas bedenklich zu finden , daß ich kein bestimmtes Studium ergreifen will und so wenig fixierte Interessen habe – ich solle mich vorsehen , nicht in schlechte Gesellschaft zu geraten .
Das war sicher sehr wohlgemeint , aber es fällt mir auf die Nerven , wenn die Leute glauben , ich sei nur hier , um mir und mich nebenbei auf irgendeinen Beruf vorzubereiten .
Es war eine Erholung , nachher im Café zu treffen .
Ich erzählte ihm von meinen Familienbesuchen , er räusperte sich ein paarmal und sah mich prüfend an .
Dann meinte er , das mit dem Hörnerablaufen sei wohl eine veraltete studentische Schablone , aber es gäbe neuerdings eine ganze Anzahl junger Leute , die sich hier aufhielten , und zu diesen würde wohl auch ich zu rechnen sein .
Eine sonderbare Definition – – , aber der Doktor drückt sich gerne etwas gewunden aus ... das scheint überhaupt hier üblich zu sein .
Wenn man darüber nachdenkt , hat er eigentlich nicht ganz unrecht .
Vielleicht ist etwas Wahres daran – es kommt mir ganz plausibel vor , daß mein Stiefvater mich gärenshalber hergeschickt hat .
Nur paßt es wohl gerade auf mich nicht recht .
Ich habe keine Tendenzen zum Gären und auch gar kein Verlangen danach – überhaupt nicht viel eigne Initiative – ich werde einfach zu irgend etwas verurteilt , und das geschieht dann mit mir .
Mein Stiefvater meint es sehr gut und hat viel Verständnis für meine Veranlagung ;
so pflege ich im großen und ganzen auch immer das zu tun , was er über mich verhängt .
Verhängt – ja , das ist wohl das richtige Wort .
Schon allein die äußeren Umstände bringen es mit sich , daß immer alles eine Art Verhängnis für mich wird .
Zum Beispiel in erster Linie mein Name und meine Väter .
Meinen richtigen Vater habe ich kaum gekannt – er soll sehr unsympathisch gewesen sein – und nur den Namen von ihm bekommen .
Mein Stiefvater hat einen normalen , unauffälligen Namen und war eigentlich die erste Liebe meiner Mutter .
Sie hätte ihn ebenso gut gleich heiraten können , und alles wäre vermieden worden .
Es wurde aber nicht vermieden , denn es war über mich verhängt , diesen Namen zu bekommen und mein Leben lang mit ihm herumzulaufen .
Dame – – wie kann man heißen ?
so fragen die anderen , und so habe ich selbst gefragt , bis ich die Antwort fand :
Ich bin eben dazu verurteilt , und der Name verurteilt mich weiter zu allem möglichen – zum Beispiel zu einer ganz bestimmten Art von Lebensführung – einem matten , neutralen Auftreten , das mich irgendwie motiviert .
Dissonanzen kann ich nun einmal nicht vertragen , und das Matte , Neutrale liegt wohl auch in meiner Natur .
Ich habe es nur allmählich noch mehr herausgearbeitet und richtig betonen gelernt .
Über das alles habe ich mit ausführlich gesprochen , er schien es auch zu verstehen , und es interessierte ihn .
Der sei wohl ein Typus , meinte er , mit derselben Berechtigung , wie , , und so weiter als feststehende Typen betrachtet würden .
Dann hat er gesagt , jeder Mensch habe nun einmal seine Biographie , der er nachleben müsse .
Es käme nur darauf an , das richtig zu verstehen – man müsse selbst fühlen , was in die Biographie hineingehört und sich ihr anpaßt – alles andere solle man ja beiseite lassen oder vermeiden .
7. Dezember Darüber habe ich dieser Tage viel nachgedacht .
Heute hätte ich gerne wieder getroffen und das neuliche Gespräch mit ihm fortgesetzt .
Aber es saß diesmal eine ganze Gesellschaft mit am Tisch .
Unangenehm , daß man beim Vorstellen nie die Namen versteht – das heißt , meinen haben sie natürlich alle verstanden – mein Verhängnis – er ist so deutlich und bleibt haften , weil man sich über ihn wundert .
Ich habe diese junge Frau beneidet , die neben Gerhard saß , weil man sie nur Susanna oder gnädige Frau anredete .
Du lieber Gott , ich werde ja nicht einmal heiraten können , wenn ich gern wollte .
Wie könnte man einem Mädchen zumuten , zu heißen ?
Und dann daneben zu sitzen , das mitanzuhören und selbst ... nein , diese Reihe von Unmöglichkeiten ist nicht auszudenken .
Ich weiß nicht , wie es kam , daß ich dieser Susanna oder gnädigen Frau – wie ich sie natürlich anreden mußte , meine quälenden Vorstellungen anvertraute .
Sie hat nicht einmal gelacht – doch , sie hat schon etwas gelacht , aber sie begriff auch die elende Tragik .
Es kam später noch ein Herr an den Tisch , den man mir als vorstellte .
Er ist Philosoph und macht einen äußerst intelligenten Eindruck .
Mir schien auch , daß er eine gewisse Sympathie für mich fühlte .
Man hat sich dann sehr lebhaft unterhalten .
Ich konnte manchmal nicht recht folgen – merkte es jedesmal , zog dann die Augenbrauen in die Höhe , sah mich mit seinen scharfen hellblauen Augen an und erklärte mir in klarer , pointierter Ausdrucksweise , um was es sich handle .
Ich möchte gerne mehr mit ihm verkehren ;
mir ist , als könnte ich viel von ihm lernen .
Und eben das scheint mir hier eine zwingende Notwendigkeit .
Zuletzt sprachen sie viel von einem literarischen Kreise , um den es etwas ganz Besonderes sein muß .
Dabei entspannen sich starke Meinungsverschiedenheiten .
Bei diesem Gespräch hörte ich nur zu , ich mochte nicht immer wieder Fragen stellen , um so mehr , weil allerhand Persönliches berührt wurde und ich nicht gerne indiskret erscheinen wollte .
Übrigens genierte ich mich auch etwas , weil der Dichter , der den Mittelpunkt jenes Kreises bilden soll , mir ziemlich unbekannt war .
Seinen Namen kannte ich wohl , aber von seinen Werken so gut wie nichts .
Da war ein junger Mensch mit etwas zu langen Haaren , auffallend hohem Kragen und violetter Krawatte , die auf ungewöhnliche , aber immerhin ganz geschmackvolle Art geschlungen war .
( stieß den Philosophen an und raunte ihm zu , es sei wohl eine Krawatte – und der antwortete :
) Dieser junge Mensch also sprach von jenem Dichter ausschließlich als dem Meister .
Ich hatte bisher nur gehört , daß man in Bayreuth so redet , und es befremdete mich ein wenig .
Überhaupt redete er mit einem Pathos , das mir im Kaffeehaus nicht ganz angebracht schien und sicher auch jenen unangenehm berühren würde , wenn er es zufällig einmal hörte – und war sichtlich verstimmt über einige Bemerkungen der anderen Herren , besonders des Philosophen , der sich etwas ironisch über Heldenverehrung und Personenkultus äußerte .
Merkwürdige Dinge kamen da zur Sprache – eine ältere Dame erzählte :
man ( anscheinend Mitglieder jenes Kreises ) wäre bei einer Art Wahrsager – einem sogenannten Psychometer – gewesen , und es sei unbegreiflich , wie dieser Mann durch bloßes Befühlen von Gegenständen den Charakter und das Schicksal ihrer Besitzer zu erkennen wisse – ja , bei Verstorbenen sogar die Todesart .
, so sagte sie , – , fiel der junge Mensch mit der violetten Krawatte ihr ins Wort , fragte einer von den Herren , der nicht dabeigewesen war .
Der junge Mensch maß ihn mit einem überlegenen Blick und wandte sich wieder an die Dame , die zuerst gesprochen hatte :
Die Dame hatte beide Ellbogen auf den Tisch gestützt und hörte mit leuchtendem Blick zu :
Darauf entstand eine Pause , und dann sagte die Dame sehr nachdenklich :
, warf Sendt spöttisch ein , , erwiderte die Dame gereizt , , antwortete die Dame etwas strafend .
, bemerkte Sendt , während er ihr in den Mantel half , denn sie hatte sich inzwischen erhoben , um zu gehen .
, murmelte sie vor sich hin , und es klang sehr überzeugt .
Dann brach sie auf und mit ihr der größere Teil der Gesellschaft .
Nur und Susanna blieben noch .
Der Philosoph sah sie an , lächelte und sagte :
Ich hatte das Wort noch nie gehört , und was es bedeuten sollte , war mir nicht klar , aber Susanna lachte und sagte :
Ich faßte Mut und fragte , was denn um Gottes willen das mit der Magie bedeute , die Dame sprach ja wie ein erfahrener alter Hexenmeister .
Schwarze und weiße Magie – was versteht man überhaupt darunter ?
Ich dachte , so etwas käme nur in Märchenbüchern oder im Mittelalter vor .
Achtzehntes Kapitel Erst in einer Woche sollte Cécile von dem Gute zurückkehren .
Das erschien Gordon eine lange Zeit , und die Tage wollten kein Ende nehmen , noch weniger die Abende , was ihm Veranlassung gab , es mit dem Theater zu versuchen .
Aber er empfand wieder ganz die Wahrheit dessen , was ihm einst ein Freund über Theater und Theaterbesuch gesagt hatte :
Er gab also den Theaterbesuch wieder auf , vielleicht rascher , als recht und billig war , und mußt es schließlich noch als ein besonderes Glück ansehen , in dem ihm nahe gelegenen einen ihm zusagenden Platz für Unterbringung seiner Abende zu finden .
Er saß hier oft halbe Stunden lang und länger in dem schmalen Glaspavillon und las entweder die Zeitungen oder plauderte mit dem Wirt .
Eines Abends traf er in eben diesem Glaspavillon auch die beiden Berliner wieder , die , vom her , ihm noch gut in der Erinnerung waren , und er würde sicherlich nicht versäumt haben , sie zu begrüßen , wenn sie nicht in Begleitung ihrer Damen gewesen wären , die , nachdem ihnen ganz ersichtlich Gordons Name zugetuschelt worden war , so fort Anstandsgesichter aufsetzten und jeden Versuch ihrer Ehemänner zu Fortführung einer unbefangenen oder gar heiter ungenierten Unterhaltung energisch ablehnten .
In dieser erkünstelten Würde verharrten sie denn auch bis zuletzt und brachen , nachdem sie sich gegen den sie begleitenden und ihnen bekannten Wirt nur im letzten Momente noch mit verstecktem Lächeln verbeugt hatten , unter entsprechender Pomphaftigkeit auf .
fragte Gordon .
, lachte der Wirt .
Zwei Tage später war die Zeit um , wo die zurück sein wollten , und Gordon zählte jetzt die Stunden , um am Hafenplatz wieder vorzusprechen .
Er bezwang sich aber und ließ abermals drei , vier Tage vergehen , eh er sich anschickte , seinen Antrittsbesuch zu machen .
Diesmal nahm er seinen Weg am Wrangelbrunnen und der Matthäikirche vorbei , welchen Umweg er nur der längeren Vorfreude halber wählte .
Und damit bog er , vom Schöneberger Ufer her , links ein und passierte gleich danach die kleine , hier noch aus älterer Zeit her den Verkehr nach dem Hafenplatz hin vermittelnde Dreh-und Gitterbrücke .
Schon von fern her sah er nach der Beletage hinauf und nahm nicht ohne Sorge wahr , daß die zusammengesteckten Gardinen nach wie vor die ganze Fensterbreite verdeckten .
Als er aber die Treppe hinaufstieg und den letzten Absatz derselben glücklich erreicht hatte , ließ ihm die den Türrahmen einfassende Laubgirlande keinen Zweifel mehr , daß die Herrschaften zurückgekehrt sein müßten .
Oben angekommen , fuhr er mit leiser Hand über das schon halb trockene Laub hin und sagte , wie wenn er an dem Raschelton die Zeit gemessen habe :
Nun erst zog er die Glocke .
Dasselbe nach Wesen und Sprechart oberschlesische Mädchen erschien wieder , das ihm schon bei seinem ersten Besuche geöffnet hatte , diesmal mit bemerkenswerter Raschheit .
Er nannte seinen Namen , und einen Augenblick später kam Antwort :
Gordon folgte , den Korridor entlang , bis an den sogenannten Berliner Saal , an dessen Schwelle Cécile bereits stand und ihn begrüßte .
Sie sah frischer und jugendlicher aus als in Thale , welchen Eindruck ein helles Sommerkostüm noch steigerte .
Gordon war wie betroffen , und einer fast ans Sentimentale streifenden Empfindung hingegeben , nahm er ihre Hand und küßte sie mit Devotion .
, sagte sie .
Gordon erwiderte , daß er vor zehn Tagen schon nachgefragt habe .
Gordon verneigte sich , und einen Augenblick später traten beide , nach Passierung eines schon im Seitenflügel gelegenen und mit Philodendrons und andren Blattpflanzen fast überfüllten Raumes , auf einen Vorbau hinaus , der , aus Stein aufgeführt , mehr einem nach vorn hin offenen Zimmer als einem Balkone glich .
Eiserne Stühle samt Tisch und Etagère standen umher , während auf einer mit Kissen belegten Gartenbank ein alter Herr mit schneeweißem Haar saß , der sich , als er Gordons gewahr wurde , von seinem Platz erhob .
Cécile dankte .
Und er begann nun den Reim zu zitieren , worin Rosa von der gesprochen hatte .
Cécile ließ ihn aber nicht aussprechen und sagte :
, lachte Gordon .
Der Hofprediger reichte Gordon die Hand und sagte :
, ergänzte der Hofprediger .
Aber im selben Augenblicke wahrnehmend , daß Cécile , wie bei jedem unpersönlich bleibenden Gespräche , voll wachsender Abspannung dreinsah , brach er rasch ab oder mühte sich wenigstens , auf etwas Näherliegendes einzulenken .
fuhr er fort .
Und wirklich , er durfte so sprechen , denn was sich da , vom ersten Herbste kaum angeflogen , zu Füßen des Balkons ausbreitete , war eine Art Föderativstaat von Gärten , zwanzig oder mehr , die , durch niedrige , kaum sichtbare Heckenzäune voneinander getrennt , ein einziges großes Blumencarré bildeten :
Astern in allen Farben , aus denen Rondele von Canna indica emporblühten .
Die Mittagssonne blitzte dazwischen , und auf einer ihnen gegenübergelegenen Veranda standen Damen im Gespräch und fütterten Tauben , die , von einem Nachbarhofe her , auf die jenseitige Balkonbrüstung geflogen waren .
, sagte Gordon vor sich hin und bedauerte doch schon im selben Augenblicke , das Wort gesprochen zu haben , weil er wahrnahm , wie peinlich Cécile davon berührt wurde .
Doch es ging vorüber , und sich rasch wieder in ihre gute Laune zurückfindend , sagte sie :
Gordon versprach feierlichst Besserung , fragte nach dem Obersten und zuletzt auch nach Rosa , und ob Nachrichten von ihr eingetroffen seien , was bejaht wurde .
Dann erhob er sich , verneigte sich mit vieler Artigkeit gegen den Hofprediger und empfahl sich , während Cécile nach dem Diener klingelte .
, fragte Cécile , Cécile schwieg sichtlich verstimmt , weshalb der Hofprediger , einlenkend , fortfuhr :
Sie schüttelte den Kopf .
Er aber nahm teilnehmend ihre Hand und sagte :
Er hatte sich erhoben , und beide waren an die Balkonbrüstung getreten , von der aus sie jetzt die stille , vor ihnen ausgebreitete Blumenwelt überblickten .
Eine Weile schwiegen sie .
Die Paare drehten sich langsam und mit bewunderungswürdiger Ausdauer .
Von Zeit zu Zeit ertönte ein lauter Jubelruf , ein Bursche klatschte in die Hände , hob seine Tänzerin hoch empor , ließ sie dann sich ein Weilchen allein neben ihm herschwenken , umfaßte sie von neuem , und ruhig tanzten sie weiter mit denselben schläfrigen Gesichtern , mit denen sie ihre Fronarbeit verrichteten .
Bernhard trat oft in die Mitte der Stube , sah mit Wohlgefallen , wie viele Mädchenaugen sich erwartungsvoll auf ihn richteten , winkte jedoch keine der Anwesenden nach Bauernsitte zu sich herbei .
Eva war für diesen Walzer versagt , und mit einer Geringeren trat er nicht in den Reigen .
Božena stand , alle Frauen und die meisten Männer , die sie umgaben , überragend , finster und grollend in einer Ecke und wies alle Aufforderungen , sich an dem Tanze zu beteiligen , kurz ab .
Sie sei nur gekommen , ein wenig zuzusehen , müsse gleich wieder heim .
Die Musik schwieg , ein Tanz war zu Ende , nach kurzer Pause wurde wieder aufgespielt , und jetzt hatte Bernhard die erfaßt und wirbelte mit ihr durch die Stube .
Nicht langsam und mattherzig wie ihr früherer Partner , frisch , mit fröhlicher Anmut und Leichtigkeit schwenkte er sie im Takte .
Wie zwei Vögel schwebten sie , flogen sie , als ob die Lüfte sie trügen , jetzt im engen Kreise wie die Lerchen , jetzt wie die Schwalben – dahingleitend in weiten Bogen .
Er flüsterte ihr etwas zu , und die kokette Dorfschöne blinzelte ihn herausfordernd an ;
fester drückte er sie an sich , warf den Kopf zurück und schien zu fragen :
Wer widerstände mir ?
Sie , nicht minder selbstbewußt , aber weniger naiv , schlug die Augen nieder und schien zu antworten :
Ich – vielleicht !
Božena verwandte von den beiden keinen Blick , ihr Herz klopfte zum Zerspringen , schmerzliche Eifersucht zerschnitt ihr die Brust .
Oh , jung sein und begehrenswert wie jene dort !
Im Angesichte aller mit Stolz von ihm umfangen werden wie sie , nur einmal , nur einen einzigen seligen Augenblick !
Tu ein Wunder , Gott , der du alles kannst !
Befriedige diese dürstende Sehnsucht , erlöse diese arme , ringende Seele , lasse sie einmal unschuldig sein ohne Reue und Scham !
... Zu so unerfüllbaren Wünschen hatte Božena sich verstiegen , als eine Stimme sie anrief :
Evas Vater , ein alter schöner Mann , war zu ihr getreten , er deutete mit dem Mundstück seiner Pfeife auf seine Tochter und fuhr fort :
Wohlgefällig betrachtete er sein Kind und sah dann wieder die Angeredete an , als wollte er sie zur Bewunderung auffordern .
Schon drängte sich ein hartes Wort auf Boženas Lippen , aber sie sprach es nicht aus , vielmehr sprach sie , den Greis forschend ins Auge fassend :
Der Bauer verzog den Mund :
wiederholte er , Und Božena atmete auf .
Derselbe Ausdruck des engherzigen Hochmuts , der in den welken Zügen des Alten wie versteinert lag – das blühende Gesicht seiner Eva trug ihn auch .
Die wird ihr nicht im Ernste eine Nebenbuhlerin , der ist der Jäger trotz aller seiner Vorzüge zu gering !
– Božena verließ die Wirtsstube , sie schritt über den Hof einem kleinen Obstgarten zu , von dem aus der Fußsteig , der bis an die Stadtmauer führte , leicht zu erreichen war .
Auf eine Bank unter einem Apfelbaume ließ sie sich nieder und versank in ihre düsteren Gedanken .
Eine kurze Zeit nur , und lebhafte , eilende Schritte näherten sich .
Sie blickte nicht zurück , sie wußte , er ist es , er sucht sie auf .
Im nächsten Augenblicke war er bei ihr , setzte sich neben sie auf die Bank und sprach schmeichelnd :
Sie antwortete ihm nicht .
Er suchte , jedoch vergeblich , ihre Hand zu fassen .
sagte Bernhard mit dem leicht erregten Unwillen verwöhnter Menschen .
Nun fuhr sie auf :
Das hatte sie nicht sagen wollen , nicht gleich , nicht so , aber der Ingrimm , der in ihr kochte , sprudelte die Worte heraus .
Keuchend lehnte sie sich zurück an den Stamm des Baumes , biß die Zähne übereinander und kreuzte die Arme über der gequälten Brust .
Bernhard lachte gezwungen .
, entgegnete er .
rief er mit plötzlich ausbrechender Zärtlichkeit und wollte sie umfassen .
Sie stieß ihn zurück und sprach , an allen Gliedern bebend :
herrschte sie , als er statt aller Antwort die Zürnende an sein Herz zu ziehen strebte :
Božena stemmte die Hand gegen seine Brust und hielt ihn von sich mit ausgestrecktem Arme .
Und mit diesem stählernen Arme , das wußte Bernhard wohl , hätte er vergeblich gerungen .
So senkte er den Kopf auf ihn nieder , lehnte seine Wange daran und sprach :
rief er , sich aufrichtend .
Es war ein Klang von warmer , überzeugender Empfindung in seinen Worten .
Er hatte sie lieb , die Božena , gewiß ;
er war stolz auf den uneingeschränkten Besitz dieses bisher unbesiegten Herzens .
Er freute sich der Gewalt , die ihm über die Gewaltige gegeben war .
Sein unsicheres Wesen wurde von ihrem starken , sein schwankender Wille von ihrem festen mächtig angezogen .
Im Bewußtsein ihrer unbegrenzten Liebe ruhte er wie in einer goldenen Wolke , er fühlte sich durch ihre Hingebung gehoben und verklärt .
Schützend umhüllte sie ihn , ohne ihn je gedemütigt zu haben , denn immer war sie bereit , sich ihm zu unterwerfen , und alle Lust und alles Weh kam ihr von ihm .
Ein Wort , und die Unbezwingliche lag zu seinen Füßen , die größere Seele beugte sich vor seiner Kleinheit , denn kraft ihrer Liebe war er ihr Herr .
Božena hatte den Arm sinken lassen , der Jäger schlang den seinen um ihren Hals und preßte seine Lippen auf die ihren .
Ihr Zorn zerschmolz unter seinen Küssen .
Heiße Tränen traten ihr ins Auge , und sie sprach wehmütig :
fiel sie ihm ins Wort , da er widersprechen wollte .
, beteuerte Bernhard mit Ungestüm , Božena legte die gerungenen Hände in ihren Schoß und seufzte schmerzlich auf :
Trotzig richtete sie sich auf und sprach , als trachte sie sich selbst zu beruhigen über die Natur ihrer Liebe :
Der Jäger lachte und küßte sie , und Božena erduldete seine Liebkosungen , aber sie erwiderte sie nicht .
, grollte sie , Er erschrak über die Verzweiflung , die aus ihrer Stimme klang ;
zum ersten Male tauchte die Möglichkeit , sie zu verlieren , vor ihm auf und erfüllte ihn mit tiefster Besorgnis , mit bitterstem Weh .
fragte er vorwurfsvoll , antwortete sie , Sie beugte sich vor , mit beiden Händen griff sie in sein Haar , zog seinen Kopf an ihre Brust und schaute in die Augen , die sich bittend und voll heißer Zärtlichkeit zu ihr erhoben .
schrie sie plötzlich auf .
Das rief wieder die alte Božena !
das war wieder die echte alte Leidenschaft !
– Sie zitterte um ihn , er hatte sie wieder !
Der funkelnde Blick des Jägers ruhte fest in dem ihren , und seine Seele frohlockte .
Übermütig strich er mit Daumen und Zeigefinger den Schnurrbart in die Höhe und sprach schmollend wie ein berechnender , kluger , vollendeter :
erwiderte sie und barg ihr Gesicht in ihre Schürze und schluchzte laut .
Er aber flehte , tröstete , beteuerte .
Kein Liebesschwur , den er nicht tat , kein Schmeichelwort , das er nicht sagte .
Und Božena lauschte seiner süßen Rede , von neuem überwunden , von neuem überzeugt .
Er wolle ein Ende machen !
das gelobte er , und sollt es ihn die Stelle kosten und seines Grafen Gnade !
Von der Božena läßt er nicht , er kennt ihren Wert , ihr gehört er an in Glück und Not , im Leben und im Tode .
Nur sie vermag – – da fährt er zusammen , hält inne ... hinter den Büschen des Zauns hat sich's geregt .
Der Teufel !
haben seine Worte einen Zeugen gehabt ?
War ein Lauscher da ?
Bernhard springt empor und auf die Stelle los , von der aus das Geräusch gekommen .
Er ruft laut :
– keine Antwort , und ringsum niemand zu erblicken .
Sie sind allein .
Etwas verlegen über die Bestürzung , die er unwillkürlich hatte erblicken lassen , kehrt der Jäger zurück .
In einen andern Menschen verwandelt , gleichgültig und kalt stand er vor seiner Geliebten und sagte :
Sie biß die Zähne übereinander und maß ihn mit verachtungsvollen Blicken .
rief sie , schrie Božena mit vernichtendem Hohne und richtete sich hoch auf vor ihm , der mit finsterem Gesichte zur Erde starrte und – schwieg .
stöhnte sie und wandte sich und rannte davon .
Sie schaute nicht – er rief sie nicht zurück , und dennoch hemmte sie bald die Raschheit ihrer Schritte .
Sie blieb stehen – sie lauschte – sie wartete und setzte dann immer langsamer ihren Weg fort .
Sechsunddreißigstes Kapitel Der alte Dubslav , als er bald nach elf auf seinem Granseer Bahnhof eintraf , fand da Martin und seinen Schlitten bereits vor .
Engelke hatte zum Glück für warme Sachen gesorgt , denn es war inzwischen recht kalt geworden .
Im ersten Augenblicke tat dem Alten , in dessen Coupé die herkömmliche Stickluft gebrütet hatte , der draußen wehende Ostwind überaus wohl , sehr bald aber stellte sich ein Frösteln ein .
Schon tags zuvor , bei Beginn seiner Reise , war ihm nicht so recht zumute gewesen , Kopfweh , Druck auf die Schläfe ;
jetzt war derselbe Zustand wieder da .
Trotzdem nahm er's leicht damit und sah in das Sterngeflimmer über ihm .
Die wie Riesenbesen aufragenden Pappeln warfen dunkle , groteske Schatten über den Weg , während er die nach links und rechts hin liegenden toten Schneefelder mit den wechselnden Bildern alles dessen , was ihm der zurückliegende Tag gebracht hatte , belebte .
Da sah er wieder die mit rotem Teppich belegte Hotelmarmortreppe mit dem Oberkellner in Gesandtschaftsattachéhaltung und im nächsten Augenblicke den Garnisonkirchenküster , den er anfänglich für einen zur Feier eingeladenen Konsistorialrat gehalten hatte .
Daneben aber stand die blasse , schöne Braut und die reizende , bieg- und schmiegsame Melusine .
Unter solchen Betrachtungen fuhr er in das Dorf ein und hielt gleich darnach vor der Tür seines alten Hauses .
Engelke war schon da , half ihm und tat sein Bestes , ihn aus der schweren Wolfsschur herauszuwickeln .
Der immer noch Fröstelnde stapfte dabei mit den Füßen , warf seinen Staatshut – den er unterwegs , weil er ihn drückte , wohl hundertmal verwünscht hatte – mit ersichtlicher Befriedigung beiseite und sagte gleich danach beim Eintreten in sein Zimmer :
Engelke brachte , was gefordert , und eine Viertelstunde danach ging Dubslav zu Bett .
Er schlief auch gleich ein .
Aber bald war er wieder wach und druste nur noch so hin .
So kam endlich der Morgen heran .
Als Engelke zu gewohnter Stunde das Frühstück brachte , schleppte sich Dubslav mühsamlich von seinem Schlafzimmer bis an den Frühstückstisch .
Aber es schmeckte ihm nicht .
Es traf sich so , wie Dubslav vermutet hatte ;
Sponholz war wirklich auf Landpraxis und kam erst nachmittags zurück .
Er aß einen Bissen und stieg dann auf den Stechliner Wagen .
Es dämmerte schon , als der kleine Jagdwagen auf der Rampe vorfuhr .
Sponholz stieg aus , und Engelke nahm ihm den grauen Mantel mit Doppelkragen ab und auch die hohe Lammfellmütze , darin er – freilich das einzige an ihm , das diese Wirkung ausübte – wie ein Perser aussah .
So trat er denn bei Dubslav ein .
Der alte Herr saß an seinem Kamin und sah in die Flamme .
Dubslav wies auf sein , rechtes Bein und sagte :
Dubslav zog sein Beinkleid herauf , den Strumpf herunter und sagte :
Sponholz tippte mit dem Finger auf dem geschwollenen Fuß herum und sagte dann :
Und dabei ging er an Dubslavs Schreibtisch heran , schnitt sich ein Stück Papier ab und schrieb ein Rezept .
Im Vorflur , nach Verabschiedung von Dubslav , fuhr Sponholz alsbald wieder in seinen Mantel .
Engelke half ihm und sagte dabei :
Martin mit seinem Jagdwagen hielt noch wartend auf der Rampe draußen , und so ging es denn in rascher Fahrt wieder nach der Stadt zurück , von wo der alte Kutscher die Tropfen gleich mitbringen sollte .
Der Winterabend dämmerte schon , als Martin zurück war und die Medizin an Engelke abgab .
Der brachte sie seinem Herrn .
, sagte dieser , als er das rundliche Fläschchen in Händen hielt , Auf einem angebundenen Zettel aber stand :
Dubslav hielt die kleine Flasche gegen das Licht und tröpfelte die vorgeschriebene Zahl in einen Löffel Wasser .
Als er sie genommen hatte , bewegte er die Lippen hin und her , etwa wie wenn ein Kenner eine neue Weinsorte probt .
Dann nickte er und sagte :
Der alte Dubslav nahm durch mehrere Tage hin seine Tropfen ganz gewissenhaft und fand auch , daß sich's etwas bessere .
Die Geschwulst ging um ein Geringes zurück .
Aber die Tropfen nahmen ihm den Appetit , so daß er noch weniger aß , als ihm gestattet war .
Es war ein schöner Frühmärzentag , die Mittagszeit schon vorüber .
Dubslav saß an der weit offenstehenden Glastür seines Gartensalons und las die Zeitung .
Es schien indes , daß ihm das , was er las , nicht sonderlich gefiel .
In dem ganzen Dreieck zwischen Rheinsberg , Kloster Wutz und Gransee hatte sich die Nachricht von des alten Dubslav ernster Erkrankung mehr und mehr herumgesprochen , und es war wohl im Zusammenhange damit , daß ungefähr um dieselbe Stunde , wo Dubslav und Engelke sich über und unterhielten , ein Einspänner auf die Stechliner Rampe fuhr , ein etwas sonderbares Gefährt , dem der alte langsam und vorsichtig entstieg .
Engelke war ihm dabei behilflich und meldete gleich danach , daß der Alte da sei .
Und trat gleich darauf ein .
Dubslav , in seine Decke gewickelt , begrüßte den Alten .
, lachte Dubslav , Eine Viertelstunde später fuhr Baruch auf seinem Wägelchen wieder in den Stechliner Wald hinein und dachte wenig befriedigt über alles nach , was er da drinnen gehört hatte .
Die geträumten Schloß-Stechlin-Tage schienen mit einem Male für immer vorüber .
Alles , was der alte Herr da so nebenher von gesagt hatte , war doch bloß ein Stich , eine Pike gewesen .
Ja , Baruch fühlte was wie Verstimmung .
Aber Dubslav auch .
Es war ihm zu Sinn , als hätt er seinen alten ( trotzdem er dessen letzte Pläne nicht einmal ahnte ) zum erstenmal auf etwas Heimlichem und Verstecktem ertappt , und als Engelke kam , um die Sherryflasche wieder wegzuräumen , sagte er :
37. Kapitel Siebenunddreißigstes Kapitel Auch die nächsten Tage waren beinahe sommerlich , taten dem Alten wohl und erleichterten ihm das Atmen .
Er begann wieder zu hoffen , sprach mit Wirtschaftsinspektor und Förster und war nicht bloß voll wiedererwachten Interesses , sondern überhaupt guter Dinge .
So kam Mitte März heran .
Der Himmel war blau , Dubslav saß auf seiner Veranda , den kleinen Springbrunnen vor sich , und sah dabei das leichte weiße Gewölk ziehen .
Vom Park her vernahm er den ersten Finkenschlag .
Er mochte wohl schon eine Stunde so gesessen haben , als Engelke kam und den Doktor meldete .
, sagte Dubslav , Dubslav nickte .
Der Alte drückte mit allem seine Zustimmung aus , auch mit dem Namen , trotzdem dieser ihm quälende Erinnerungen weckte .
Schon vor etlichen fünfzig Jahren habe er Musikstücke spielen müssen , die alle auf den Namen liefen .
Aber das wolle er den Insichtstehenden nicht weiter entgelten lassen .
Und nach diesen beruhigenden Versicherungen empfahl sich Sponholz und fuhr zu weiteren Abschiedsbesuchen in die Grafschaft hinein .
Am zweitfolgenden Tage brachen die von Gransee nach Pfäffers hin auf ;
die Frau , sehr leidend , war schweigsam , er aber befand sich in einem hochgradigen Reisefieber , was sich , als sie draußen auf dem Bahnhof angelangt waren , in immer wachsender Gesprächigkeit äußerte .
Mehrere Freunde ( meist Logenbrüder ) hatten ihn bis hinaus begleitet .
Das junge Mädchen , das diese Worte sprach , ließ die Arbeit auf den Schoß sinken , seufzte tief und sah zu einem Bilde in Farbendruck auf , das eine italienische Landschaft darstellte und in schwarzem Holzrahmen gegenüber an der Wand hing .
sagte ein etwas älteres Frauenzimmer , das an einem Tische sitzend einen Haufen geschriebener Hefte durchsah und von Zeit zu Zeit etwas hineinschrieb .
Ohne die Arbeit einzustellen , fuhr sie fort :
– versetzte die Mutter der beiden , eine alte Frau mit schneeweißen Haaren , sagte Amalie , Der mit dem Namen Heinrich Angeredete war ein langer , hagerer , blasser Mann von etwa dreißig Jahren , der am Fenster saß und in einem Buche las , ohne auf das Gespräch der Frauen zu hören .
Als jetzt sein Name an sein Ohr schlug , sah er auf und fragte gleichgültig :
Amalie hatte die Arbeit auf den Tisch gelegt ;
sie trat zu ihm hin , schlang beide Arme um seinen Hals und sagte :
sagte Heinrich lächelnd , – hub die Mutter wieder an .
unterbrach sie Heinrich , sagte Amalie halb flüsternd zu ihm , während sie immer seinen Hals mit einem Arm umschlungen hielt und mit der andern Hand über sein langes , blondes Haar strich .
Heinrich schlug die hellblauen Augen zu ihr auf und sah sie an .
Es war nur ein kurzer Blick , aber es lag eine Fülle von schmerzlich errungener Entsagung und Wehmut darin .
Amalie traten die Tränen in die Augen , sie neigte sich zu ihm und küßte ihn leise auf die Stirn .
rief Pauline , die ihre Korrekturen beendet hatte und beim andern Fenster beschäftigt war , die Hefte in einen Schrank zu tun .
Da das Zimmer , in dem sie sich befanden , in einem sehr niedrigen Erdgeschoß war , so konnte man von dort die Personen , die auf der Straße gingen , sehen und eben waren zwei Damen , in Mäntel gehüllt , die Regenschirme dicht über die Köpfe haltend , vorübergegangen .
sagte Amalie , Mit diesen Worten eilte sie aus dem Zimmer .
Heinrich erhob sich rasch und sagte :
versetzte Pauline lachend , erwiderte er und verschwand durch die Türe in das hintere Zimmer .
sprach die Mutter vor sich hin und seufzte tief .
Jetzt flog die Türe vom Hausflur her auf und herein traten die Damen mit Amalie .
Die Mutter ging ihnen , sich verneigend , entgegen :
rief die Justizrätin , eine wohlbeleibte Dame mit rotem Gesicht , das von der Kälte förmlich mit Zinnober bemalt war .
damit händigte sie den eleganten Mantel dieser ein , die ihn alsbald vor dem mächtigen Ofen über einen Stuhl breitete .
verordnete die Dame , mit der Miene der Vornehmeren , die im Hause der Geringeren eigentlich zu befehlen hat und während die Tochter gehorchte , wandte sie sich wieder zu und sagte :
erwiderte , erwiderte die Dame herablassend lächelnd , sagte schüchtern .
erwiderte Pauline und verließ das Zimmer .
versetzte die Justizrätin ;
fiel Amalie , die sich bisher im Flüsterton mit Linchen unterhalten hatte , ein , sagte die Dame mit spöttischem Lächeln .
bemerkte Linchen .
entgegnete die Justizrätin ärgerlich ;
Sie drohte dabei Amalie mit dem Finger .
versetzte Amalie lachend , – fiel die Mutter ein , indem sie einen ängstlichen Seitenblick auf die Justizrätin warf .
Pauline setzte das Teebrett mit dem Kaffee und einem Körbchen voll Zwieback auf den Tisch und bediente die Damen .
sagte die Justizrätin , behaglich den dampfenden Trank hinunterschlürfend , Sie räusperte sich ein wenig nach dieser Phrase , die ihr sehr schön schien .
Da aber niemand sonst dies anerkannte und eine kleine Pause entstand , fuhr sie fort :
sagte Pauline .
sagte die Justizrätin verächtlich , versetzte Amalie eifrig , entgegnete die Justizrätin , Amalie konnte trotz der Zurechtweisung , die sie wenig kümmerte , kaum ein spöttisches Lächeln verbergen , denn es war bekannt , daß der Justizrat keinen Willen hatte als den Willen seiner Frau .
sah verlegen umher und Pauline ergriff das Strickzeug , um die Zeit nicht zu verlieren .
sagte Linchen , um ein anderes Thema vorzubringen .
hub ihre Mutter wieder an , sagte sie zu Amalie , die ihr den Mantel umhing , fügte sie leise hinzu , indem sie Amalie etwas beiseite zog , Amalie erwiderte nichts , es zuckte nur verächtlich um ihren Mund , denn Linchen hatte ihr eben in das Ohr geflüstert , sie habe gehört , daß der Baron in der Residenz eine Liebschaft mit einer verheirateten Frau habe .
Die Justizrätin und Tochter empfahlen sich .
In der Tür aber kehrte sich die erstere noch einmal um und rief :
entgegnete , sagte Amalie kurz , sagte sie dann , als die Türe sich hinter den beiden geschlossen hatte , bemerkte die Mutter .
sagte Pauline ;
versetzte Amalie .
sagte die Mutter sanft lächelnd .
erwiderte Amalie , indem sie beide Ellenbogen auf den Tisch stützte und das Kinn in beide Hände legte , Pauline lachte und sagte :
versetzte Amalie wieder in scherzendem Ton , – wandte die Mutter ein .
rief Amalie sie unterbrechend , rief Pauline , Amalie nahm das Buch aus der Schwester Hand mit einem unterdrückten Seufzer und begann zu lesen .
Auch Pauline nahm ihre Schulbücher vor und die Mutter strickte manchen sorgenvollen Gedanken in ihren Strumpf mit hinein .
Als der kleine Familienkreis sich am Abend getrennt hatte und jedes in seinem Stübchen allein war , trat Amalie an das Fenster und sah hinaus in die kalte Winternacht .
Von Zeit zu Zeit kam der Mond zwischen dem dichten Gewölk hervor und warf sein gespenstisches Licht auf die weite Schneefläche unten und die schwarzen , kahlen Bäume , die ihre nackten Zweige , wie um Erbarmen flehend , gen Himmel streckten gleich verdammten Seelen , in denen der schaffende Trieb freudiger Tugend erstarrt ist und auf die kein Blick der Gnade mehr niedertaut .
Amalie überfiel es mit tödlicher Traurigkeit .
I Flametti zog die Hosen an , spannte die Hosenträger und brachte durch mehrfaches Wippen der Beine die etwas straff ansitzende Hosennaht in die angängigste Lage .
Er zündete sich eine Zigarette an , stülpte die Hemdärmel auf und trat aus dem Schlafgemach in das Gasfrühlicht seiner geheizten Stube .
befahl er mit etwas verschlafener , rauh gepolsterter Stimme .
Er strich sich die haarigen Arme und gähnte .
Trat vor den Spiegelschrank , zog sich den Scheitel .
Er bürstete Hosen und Stiefel ab , setzte sich dann auf das weinrote Plüschsofa und öffnete zögernd die Schieblade des vor dem Sofa stehenden Eßtisches .
Dort befanden sich seine Rechnungsbücher , seine verschiedenen Kassen , Quittungshefte und die brandroten Briefkuverte , die die Anschrift trugen .
Er stellte die Gagen zusammen – es war der fünfzehnte – und fand , daß er zu zahlen habe :
dem Jodlerterzett ( Vater , Mutter und Tochter ) , nach Abzug der à conti Fr .
27.50 dem Kontorsionisten , nach Abzug der à conti , , 2.27 dem Damenimitator ( keine à conti ) , , 60. — der Soubrette und dem Pianisten ( zusammengenommen , sie lebten zusammen ) , nach Abzug der à conti , , 15. — Zusammen Fr .
104.77 Dagegen befanden sich in der Kasse :
für das Terzett ( hier war Genauigkeit geboten , die Leute waren unruhig , aufsässig und Anarchisten ) Fr .
27.50 für den Kontorsionisten ( dem gab er die Gage unter der Hand ) , , — .
— für den Damenimitator ( bei schlechtem Geschäftsgang hatte Flametti für ihn nur jeweils die Hälfte der Gage allabends zurückgelegt ) , , 30. — für das Pianisten-Soubrettenpaar ( strebsame , ruhige Leute , die Anspruch machten auf Solidität ) , , 15. — Flametti addierte Fr .
72.50 Er zog die Summe von den Fr .
104.77 ab .
Blieben 32.27 , die aus der Haupt- und Betriebskasse noch nachzuzahlen waren .
Er öffnete auch diese Kasse und fand darin bar Fr .
41.81 Er schloß die verschiedenen Kassen ab , schob die Schieblade zurück , schloß auch diese und steckte die Schlüssel zu sich .
Seine linke Augenbraue flog hoch , für einen Moment .
Er tat einen kräftigen Zug aus der Zigarette und blies den Rauch aus der Lunge .
brummte er .
Ein kleiner Schalter öffnete sich , der das Wohnzimmer mit der Küche verband , und ein übergroß langes , mürrisches Gesicht erschien in der Öffnung .
Eine große , magere Hand schob ein Tablett mit Kaffee , Milch und Zucker durch die Öffnung .
Dann ging auch die Türe und eine hörbar schnaubende ältere Frau erschien , mißmutig , verdrießlich , rußig , in schlappenden , grauen Pantoffeln , mit schmutzigem Rock von undefinierbarer Farbe und mit aufgestecktem Haar , das wie das Nest einer Rauchschwalbe aussah :
Theres , die Wirtschafterin .
Sie schleppte sich zum Tisch , zog die Tischdecke weg und legte sie knurrend zusammen .
Schlappte langsam und uninteressiert zum Schalter , nahm das Tablett und stellte es auf den Tisch .
Ohne ein Wort gesprochen zu haben , brummte sie wieder hinaus , die Tür lehnte sich hinter ihr an , und von draußen schloß sich der Schalter .
Flametti goß sich Kaffee ein .
Er nahm den Hut vom Haken , legte die Joppe an , die über der Stuhllehne hing , holte aus einer Ecke sein Angelgerät , aus dem Büfett einige Blechdosen von unterschiedlicher Größe und war bereit .
Nein , die Ringe !
Er drehte die Ringe von den geschwollenen Fingern , den Totenkopfring und den Ehering , legte sie in das Geheimfach im Schrank , schloß den Schrank ab , steckte den Schlüssel zu sich und ging .
Auf der Postuhr schlug es halb sechs .
Er hatte ein kleines Stück Fluß gepachtet , inmitten der Stadt , nahe der Fleischerhalle .
Dahin begab er sich .
Eine kurz angebundene Melodie vor sich hinpfeifend , den Kopf energisch gegen das Pflaster gesenkt , bog er aus der kleinen , verräucherten Gasse .
Im Automatenrestaurant nebenan fegte , gähnte und scheuerte man .
Ein Polizist auf der anderen Straßenseite , nahe beim übernächtig nach Salmiak duftenden Urinoir , sah ziemlich gelangweilt , die Frühluft schnuppernd , über das Kaigeländer ins Wasser .
grüßte Flametti , knapp und geschäftig an ihm vorüberstapfend , mit dem guten Gewissen des Bürgers , der seinen Angelschein wohl in der Tasche trägt und die Obrigkeit , ihre unteren Chargen insonders , nicht zu umgehen braucht .
rief er und fuhr mit der Hand gradaus vom Hutrand weg in die Luft .
Der Polizist brummte etwas zur Antwort , das etwa heißen sollte .
Der Gruß war aber nicht eben freundlich .
Auch nicht unfreundlich .
Vielmehr :
verschlafen beherrscht .
Man kann nicht leugnen , daß sogar Sympathie darin lag , jedoch in wohldosierter Mischung mit einer Art Mißtrauen , das auf der Hut ist .
Die Gasse , aus der Flametti kam , stand nicht eben im besten ortspolizeilichen Ruf .
Der Morgen indessen war viel zu verheißend , als daß Flametti sich hätte die Laune verderben lassen .
An der Fleischerhalle vorbei , die Kaitreppe hinunter , begab er sich , guter Beute gewiß , an den Steg .
Er prüfte die Angelschnur , machte den Köder zurecht , klappte den Rockkragen hoch – es war frisch – und blies sich die Hände .
Gleich der erste Fang war ein riesiger Barsch .
Der Fisch flirrte und glänzte , flutschte und klatschte .
Das Wetter war grau .
Blaugrauer Nebel blähte die Türme am Wasser , die Schifflände mit ihren grünweiß gestrichenen , sechsstöckigen Häusern , den rasch vorüberstrudelnden Fluß und die jenseits hoch über die Häuser hängenden Stadtgartensträucher .
Flametti löste die Angel , ließ den Fisch in das Netz hineinschnellen , brachte den Köder in Ordnung und warf die Angel zum zweitenmal aus .
Er sah sich um nach dem Polizisten .
Der war verschwunden .
brummte er , zupfte am Köder , um die Aufmerksamkeit der Fische zu erregen , machte die rechte Hand frei und schneuzte sich kräftig in ein derbes , rotbedrucktes Taschentuch .
Auf der Straße ließ sich ein drohendes Brummen und Surren vernehmen , das ratternd und knatternd näherkam :
ein frühester Autowagen der .
Das Vehikel puffte , böllerte , walzte vorüber .
Der ganze Kai vibrierte .
Ein Ruck an der Angel :
ein zweites Tier hatte angebissen .
Diesmal ein Rotauge .
, zwinkerte Flametti , Fabrikarbeiter kamen vorüber .
Sie marschierten zur Bahn .
, riefen sie hinunter , drehte sich Flametti um .
Sie gestikulierten in Eile vor sich hin und verschwanden .
Das Wasser floß graugrün und undurchsichtig .
Die Möwen strichen sehr niedrig und zischten über die Brücken hinweg .
An der Häuserfront der Schifflände öffnete sich ein Fenster , und eine junge Frau sah nach dem Wetter .
rief Flametti hinüber .
Sie lachte und schloß das Fenster .
Ein Kind schrie , und eine Turmuhr schlug .
Die Glocken einer katholischen Kirche läuteten .
Auch in der Fleischerhalle regte es sich .
Auf der Gemüsebrücke fuhren die Händler Obst und Kartoffeln an .
Der dritte Fang war ein armslanger Aal .
An der Grundangel kam er nach oben .
Schwarz wie der Schlamm und die Planken , aus denen er kam , trug er deutliche Spuren von Rattenbiß .
Auf den Kaiquadern schlug ihn Flametti zu Schanden .
Schulkinder und ein von entmutigendem Beruf heimkehrendes Fräulein , die sich oben am Geländer versammelt hatten , schrien laut auf vor Entsetzen .
Das Fräulein lächelte .
rief Flametti hinauf aus der Kniebeuge , eifrigst mit seinen Geräten beschäftigt .
Sie lachte und hielt die ringbesäte Hand in Verlegenheit vor ihre schlechten Zähne .
Die Kinder sahen sie neugierig an und musterten ihren bunten Aufputz .
Übers Geländer gebeugt , ließ sie ihr Täschchen schaukeln , die Hand am Munde , und rief , auf den heftig sich krümmenden Fisch hinzeigend :
wischte Flametti sich die Hände ab , um weiterzufischen .
rief sie und schaute dabei unternehmend nach allen Seiten , ;
was der Dienstmann im blauen Leinenkittel , der sich inzwischen mit seinem Karren an der Ecke der Fleischerhalle versammelt hatte , als den besten Witz des bisherigen Morgens verständnisinnig zur Kenntnis nahm und lächelnd quittierte .
Flametti hatte Glück .
Als die Uhr acht schlug , nahm er seine Büchsen , Angeln und Netze und begab sich nach Hause .
Auf zehn Kilo schätzte er , was er gefangen hatte .
Damit ließ sich leben .
Er stellte das Angelgerät an seinen Platz zurück , ging in die Küche und suchte der Wirtschafterin aus dem Netz die Rotaugen heraus für den Mittagstisch .
Nahm dann mit einem kräftigen Ruck seine Last wieder auf und stapfte davon .
Schnurstracks begab er sich ins Hotel Beau Rivage , wo er bekannt war , verlangte den Küchenmeister zu sprechen und bot ihm die Fische an .
, sagte er , Er packte den schleimigen Aal , der sich zu unterst ins Netz verkrochen hatte , und ließ das Tier , das sich heftig sträubte und ringelte , durch die geschlossene Faust in das Netz zurückgleiten .
sagte er und jonglierte den fettesten Barsch auf der flachen Hand .
Dann wischte er sich mit dem Taschentuch seine Finger ab .
Man wurde handelseinig .
Der Küchenmeister stellte einen Schein aus , und Flametti nahm bei der Büfettdame dreißig Franken in Empfang .
Er hatte das leere Netz zusammengerollt , dankte verbindlichst und machte sich auf den Heimweg .
Das Wetter hatte sich aufgeklärt .
Die herbstgelben Bäume der Seepromenade hoben sich scharf und klar gegen den hellblauen Himmel ab .
Die Möwen strichen mit schwerem Flügelschlag langsam und mächtig den Fluß entlang , ballten sich kreischend zu einem wirren Schwarm und kreisten in schönem Bogen , eine leis auf die andre folgend , vor einem Spaziergänger , der ihnen Brösel zuwarf .
Mit langen Schnäbeln haschten sie geschickt im Flug .
Flametti war bester Laune .
Er schwenkte in eines der kleinen , am Kai liegenden Zigarrengeschäfte und erstand sich eine frische Schachtel .
Mit Gentlemanpose warf er ein Fünffrankenstück auf den Ladentisch .
Er schob das Wechselgeld in die Hosentasche , ohne viel nachzuzählen , klimperte , fuhr mit der Hand an den Hut , sagte und marschierte weiter .
rief er , die Hand am Hut , einem Bekannten zu , der aus einer kleinen Seitengasse bog .
fragte er im Vorbeigehen einen Gemüsehändler unter den Arkaden .
Und vor dem Fenster eines Bazars blieb er stehen , musterte mit Kennerblick die ausgestellten orientalischen Waren , ging hinein und erstand einen hellblauen Tschibuk mit Goldschnur , der ihm für seine Ausstattungsnummer fehlte zum Sultanskostüm .
Er war sehr zufrieden mit seinem Kauf , stapfte den Kai entlang und begegnete Engel , dem Ausbrecherkönig , Engel , seiner Kreatur , die vor kurzem noch Monteur gewesen , dann zum Varieté übergegangen war .
grüßte Engel familiär , doch in respektvoller Distanz .
Max machte Halt , ein wenig degoutiert , seinen Lieblingsgruß aus fremdem Mund zu vernehmen .
Ziemlich nachlässig und nebenhin sagte er , nahm die Zigarette aus dem Mund und kniff das rechte Auge zu .
legte Engel los , Mit sportsmännischer Nachlässigkeit hielt er den Arm lang ausgestreckt und tippte die Zigarettenasche gegen die Gosse .
Max war sehr uninteressiert .
Die Abenteuer seines schmächtigen , für Zusteckereien allzu empfänglichen Ausbrecherkönigs imponierten ihm nicht .
sagte er unvermittelt und packte den Ausbrecherkönig beim Arm , Und sie schwenkten hinüber über die Gemüsebrücke zum .
, meinte Engel und versuchte , mit dem mächtig ausschreitenden Flametti gleichen Schritt zu halten , Flametti blieb stehen .
beschwichtigte Engel .
Der Ochsenwirt war nicht zu Hause .
Eigentlich war man hingegangen , um ein Geschäft auszumachen .
Man nahm einige Glas Münchner , standesgemäß , Flametti zahlte , Engel nahm die Hüte vom Haken .
Dann ging man zum Essen .
, die Dame , bei der sich mit der Gesellschaft aus Chaux-de-Fonds ein so lustiges und vornehmes Rendez-vous gegeben hatte , Eigentümerin des Hauses , in dem auch Flametti wohnte , lag ihrer Gewohnheit gemäß unterm Fenster , als die beiden Männer in die kleine Gasse bogen .
Sie sonnte den Busen und lächelte ihnen mit einem wohlwollenden Nicken des Kopfes Willkomm zu .
Dieser Busen !
Er nahm die ganze Breite des Fensters ein und drängte dabei den wahrlich ungraziösen , fast könnte man sagen plumpen Körper zurück , der auch seinerseits aus dem grauen , schmuggeligen Hause heraus nach Licht und Sonne begehrte .
Diese Brüste !
Sie blähten sich auf , quollen über , und nur mit Mühe hielt sie der speckige Rand der schwarzen , zusammengehaftelten Kammgarnbluse zurück , sich über die Fensterbank auf das holprige Pflaster zu stürzen .
Die Sonnenstrahlen vom Giebel des Automatenrestaurants kamen der Bluse zu Hilfe .
Steil stellten sie sich – es war Mittag – gegen besagte Fleischesfülle .
allein schien nichts zu bemerken vom Widerstreit ihrer Massen im Kampf ums Licht .
Harmlos und freundlich lag ihre Seele gewissermaßen zwischen Busen und Körper mitten inne und schaute , umhegt von sanft hängendem Speck , aus listigen Äuglein gutmütig heraus .
Flametti grüßte hinauf , den Kopf stark in den Nacken gebeugt .
Die Gasse war eng .
Und ebenfalls grüßte hinauf , rief wie Flametti und griff an den Hut .
streckte den Kopf aus dem Fenster , schluckte den Speiserest , der sich vom Mittagessen unversehens noch irgendwo zwischen den Speicheldrüsen gefunden hatte , und verfolgte voll Sympathie den Eintritt der stattlichen Männer in ihr gastfreies Haus .
Sie bemerkte dabei zu ihrer Verwunderung heute zum ersten Mal , daß unter dem Fenstersims eine ganze Anzahl höchst niedlicher Schmutzfähnchen flatterten , die sich aus langen , auf das Gesims gefallenen Regentropfen gebildet hatten und über die Hausfront hinunterwehten .
Die Männer stiegen indessen die steile Treppe hinauf , und Engel befand sich , immer hinter Flametti stapfend , von Stufe zu Stufe mit kindlicheren Gefühlen den rückwärtigen Massen seiner mütterlichen Protektorin gegenüber , die mit gelüpftem Posterieur noch immer die Regenfähnchen der Hausfront bestaunte .
Es war eminent !
Ein lächerlich kleiner Erker war der Unterbau dieser ganzen bedenklichen Last , die man nannte .
Unterbau einer Fülle , von der man sich von der Straße aus nicht einmal einen Begriff machen konnte .
Ein Wunder , daß dieser Erker im nächsten Moment nicht krachend zusammenbrach und samt der guten in eine mysteriöse Tiefe hinunterstürzte .
Erstaunlich , wenn man's bei Tag besah , daß man in diesem Erker sogar zu dreien sitzen konnte !
Und Engel hatte mit und Mary zu dreien darin gesessen .
Man hatte gesprochen vom Krieg , vom Konzert , von den schlechten Zeiten ;
im Zimmer nebenan hatten die Sektpfropfen geknallt , und Mary hatte gegähnt , weil ihr Kavalier aus Chaux-de-Fonds eine Anspielung machte auf ihre Gesundheit .
Da hatte sie sich natürlich zurückgezogen und spielte die Beleidigte .
Und hatte die Blätter der künstlichen Rebe zurechtgebogen und eingesprochen auf Mary .
Aber es half nichts .
Sie war beleidigt .
Als Flametti und Engel oben in die Stube traten , stand die Suppe bereits auf dem Tisch .
Um den Tisch saßen :
Herr und nebst Tochter , das Jodlerterzett ;
, der Damenimitator ;
, die Soubrette , und , der Pianist ;
Bobby , der Schlangenmensch , und das .
Sämtlich mit Löffeln und Schlucken beschäftigt .
hatte die Serviette vorgebunden , damit er sein gutes Hemd nicht beflecke .
Bobby schlarpste .
Jennymama , Flamettis Frau , saß malerisch auf der Sofakante bei der Schlafzimmertür , rosig wie eine Venus , im lachsfarbenen Schlafrock , den sie mit der rechten Hand sorgsam über die Hüften geschlossen hielt .
Das offene Haar , mit Wasserstoffsuperoxyd gebeizt , war flüchtig zurückgestrichen .
Die Suppenschüssel dampfte .
Und der Pianist benutzte den günstigen Augenblick , um sich zum dritten Mal Suppe zu schöpfen .
sagte Flametti breit .
erwiderten sämtliche Mitglieder des Ensembles .
Flametti hängte seinen Hut an die Tür und begab sich , um den Tisch herum , an seinen frei gebliebenen Platz auf dem Sofa .
stand sogleich auf und griff nach der Terrine , um Suppe nachzufüllen .
, die Wirtschafterin , kam herein , um nach den Bedürfnissen zu sehen .
Durch den offenstehenden Bretterverschlag aus dem Nebenzimmer grüßte das Krukru der kichernden Turteltauben , die Flametti für seine Zauberkunststücke pflegte .
rief Flametti gütig dem zögernden Ausbrecherkönig zu , der nicht zum Ensemble gehörte , aber darin nach Bedarf gastierte und für tausend wichtige Bühnenzwecke bestens verwendbar war .
Er nahm den Stuhl , den Rosa ihm aus dem Verschlag herbeiholte , und setzte sich zu dem Schlangenmenschen .
Die beiden mußten sich so in das obere Tischende teilen ;
aber sie kamen zurecht miteinander , sie waren ja Freunde .
Schwieriger gestaltete sich die Platzfrage an der Längsseite des Tisches , wo der Damenimitator , das Jodlerterzett und die Soubrette saßen .
und waren verträglich .
Sie fanden sich ab .
Ganz unverträglich aber und bissig , sowohl untereinander wie den anderen gegenüber , waren die Jodler , die Mutter insonders .
spie Gift und Galle , wenn man nur an sie tippte .
Nun saßen die drei eng aneinandergedrückt .
Kaum konnten sie mit den Gabeln auslangen , um einen Fisch zu spießen .
Kaum mit den Ellbogen hervorkommen , um eine Platte zu greifen .
auf dem Mittelplatz , zwischen und seiner Tochter , warf wütende Blicke voller Verachtung und Hohn auf den Gatten , der lammfromm dasaß und mit hochgezogenen Augenbrauen den Mund vollstopfte , statt sich zu beschweren .
Sie fletschte die Zähne und trat ihm wohl fünfmal hintereinander in einem bestimmten , bösartigen Rhythmus auf den Fuß .
Die Tochter , herausgefordert durch solche forcierte Unverträglichkeit der Mutter , puffte ihr mit dem linken Arm in die rechte Seite , anscheinlich , um sie auf die Blamage aufmerksam zu machen , in Wahrheit aber mit solch erbittertem Nachdruck , daß jeder Unbefangene merken mußte , sie nütze nur die Gelegenheit aus , ihr eins zu versetzen .
Der Pianist , dem Ausbrecherkönig gegenüber , schmunzelte in seinen Teller hinein und erwiderte sehr belustigt die Zeichen des mit dem Kopf andeutenden Schlangenmenschen , der seinerseits mit Messer und Gabel den Fisch zerhackte , daß sich die Gräten bogen .
wurde aufmerksam und war rot vor Wut .
Doch beherrschte sie sich , drängte den Ärger zurück und rief mit unglaublich gesüßter , doch etwas gewaltsam flott gemachter Zutraulichkeit :
war konsterniert .
Eben wollte er eine neue Fracht Fisch auf der Gabel zum Munde führen und hatte schon auf dem Messerrücken den Kartoffelsalat bereit , um ihn zum selben Zweck auf die Gabel zu wälzen .
Da mußte er dieses unglaublich taktlose Wort vernehmen , jetzt bei Tisch , wo man aß , wo Flametti gerade gekommen war und kaum saß .
Die schon erhobene Gabel senkte sich auf den Teller zurück .
straffes Gesicht bekam Käsefarbe .
Die Augen , eben noch versöhnlich und ungestört an der spitzen Nase vorbei auf das Messer gerichtet , schnellten mit einem hörbaren Ruck nach rechts gegen die biestige Ehehälfte , und es hätte nicht viel gefehlt , so wäre er aufgesprungen , ihr eine Watsche herunterzuhauen .
Aber dabei hätten Stühle umfallen müssen , weil man so eingekeilt saß .
Dabei wäre notwendig das Tischtuch heruntergezerrt worden .
Also beherrschte er sich und blieb , zitternd vor Empörung , in drohendster Pose erstarrt , still sitzen .
Das war doch die Höhe !
kannte Flametti seit Jahren .
Wußte , daß er die Gagen nie schuldig blieb .
Wußte , daß die Verlegenheit , in der sich Flametti befand , nur momentan war und nichts besagte .
Wußte auch , daß die vielen Fischgerichte , die Flametti da auftischen ließ , nur seinen guten Willen verrieten , durchzuhalten um jeden Preis .
Da soll einem nun die Geduld nicht reißen , wenn solch obstinates Weibsstück in ihrer spitzigen Kribbeligkeit keine Raison annahm !
Man hat doch Erziehung !
Man ist doch kein Schubiack !
Man hat doch , zum Teufel , die Welt gesehen !
hatte indessen gut denken !
Er war ein Faulenzer , ein Nichtstuer , er hatte sich immer nur den Magen gestopft und die Frau schuften lassen .
Beim war er Steward gewesen .
In unterschiedliche Phonographen hatte er gejodelt zu Berlin und Paris .
War auch mal II. Klasse gefahren , von Potsdam nach Wien , eines Phonogramms wegen .
Aber was schon !
Das war vor Jahren , als er die Stimme noch hatte .
Das war vorbei .
Jetzt hatte sie , , ihn durchzuschleppen .
Wie ein Lastvieh kuranzte er sie .
Immer singen und singen .
Bei zwanzig Grad Kälte in den eiskalten , verschmierten , kleinen Hotels .
Tagaus , tagein .
In Bern :
dreißig Nummern an einem Sonntag , von nachmittags drei bis nachts elf .
Sie hatte es durchgemacht .
Sie hatte genug .
Sie kannte die .
Aus war's .
Sie wollte nichts mehr wissen davon .
Wenn einer ihr nur in die Nähe kam – genügte schon , daß er ein Mannskerl war – fuchtig wurde sie .
Die Hand weg !
Wenn man nicht einmal ordentlich zu essen kriegen sollte bei solchem Betrieb , ja geschuriegelt wurde – immer nur singen und singen und etwa noch Schläge – lieber den Strick um den Hals !
hatte zu essen nicht nachgelassen .
Mit Messer und Gabel hantierte sie eifrig .
Zwei schwarze Löckchen fielen ihr zier und adrett , schwarze Bockshörner , leicht in die Stirn .
Diese Stirn , eigensinnig , gedrungen , von einer kurzen , nur schlecht verheilten Narbe gezeichnet , war nicht eben häßlich .
rief sie der Tochter zu , um deren Fuß sich unter dem Tisch der Damenimitator lebhaft und dringend bewarb .
gelang es , durch Aufwärtsschieben der Ellbogen ihrem Brustkorb etwas mehr Luft zu verschaffen .
Toni , die Tochter aber , kam sich ganz persönlich verletzt und gepiesackt vor .
Was konnte sie dafür , daß dieser verfettete Damenimitator so aufdringlich war !
Sie hatte ihm ihren Fuß überlassen , weil sie sich doch vergewissern mußte , ob er auch wirklich angelte .
In diesem Moment war ihr das häßliche ans Ohr gedrungen .
Überhaupt :
mit dem Damenimitator hatte sie nichts , wenn er auch Lackschuhe trug und einen gebügelten , kaffeebraunen Anzug .
Wer weiß , ob er überhaupt bei einer Jungfrau schlafen konnte .
Es war eine bekannte Sache , daß es Damenimitatoren an so manchem fehlte , was eine reizen konnte .
Sie schob ihren Stuhl zurück , stand auf und sagte ziemlich schnippisch :
Die Mutter hatte sich aber bereits zurechtgefunden , das Rotauge , auf das sie es abgesehen hatte , aufgespießt und auf den Teller herüberbefördert .
Mit einem hörbaren Plumps ließ sie sich auf den Stuhl zurückfallen und sagte verwundert :
– dabei zerrte sie den Fisch mit der Gabel auf ihrem Teller hin und her – saß noch immer erstarrt in furchtbarer Pose , eine knödelessende Schießbudenfigur .
Von der Mutter weg wandte er seine Augen zur Tochter .
Ohne viel Erfolg .
Toni setzte sich zwar wieder hin , konnte sich aber nicht verkneifen , die Mutter darauf aufmerksam zu machen :
, beschwichtigte Jenny , Und sie hob den Zeigefinger hoch und ließ einige fettgurgelnde , selige Laute hören .
Flametti hatte das Hemdbördchen geöffnet , um es bequemer zu haben .
Mit den Oberarmen den Tisch festhaltend , lag er vor seinem Teller , den Kopf hart über dem Tellerrand , und schlarpste gierig die Suppe .
Das Plüschsofa hatte sich unter seinem Druck gesenkt mit einem Knacken der Federn , das wie ein Magenknurren Flamettis fortdröhnte .
Als er nun die baumwollenen Hemdärmel aufkrempelte , konnte man so recht sehen , was für ein Riese er war .
Die Muskeln der Oberarme stiegen in einer steilen Schwellung zum Schulterblatt .
Teller , Arme und Kopf bildeten ein einziges , muskulöses Dreieck .
Blutunterlaufen , vom Sitzen , schwollen seine Augen .
Ganz allein hielt er das Sofa und von dort aus den Tisch in Schach .
Er sprach nicht viel .
Für die Worte der Häsli wegen der Gage hatte er nur ein kurzes , brummiges .
Was ihn ein wenig wurmte , war die Aufdringlichkeit dieser Person , die immer etwas zu bestellen hatte , immer Stank mitbrachte .
Als dann jene Schießbudenpose an nahm , konnte Flametti sogar ein heimliches Gaudium nicht verbergen .
Er senkte den Kopf noch tiefer und blies die Backen auf , um nicht loszuprusten .
Ihm machte es einen Heidenspaß , wenn das Ehepaar sich .
Eine bösartige Rippe , diese Alte .
Der kleine Häsli ein Schlappier , daß er sich das so gefallen ließ .
Aber ihr Gesang :
alle Hochachtung !
Das mußte man ihnen lassen .
Was Exaktheit , Klangfarbe und Schulung betraf :
weit und breit keine Besseren .
Flametti war mit der Suppe fertig .
Ein einziger Fisch lag noch auf der Platte , und Engel holte weit aus , um ihn an sich zu bringen .
Rosa beeilte sich , aufzufüllen .
Jenny , gesättigt , nahm ihr offenes Haar aus dem Nacken und flocht es zusammen .
rief Flametti zum Schalter , legte mit breiter Oberlippe den Eßlöffel trocken , drehte ihn um und leckte auch die Kehrseite gründlich ab .
Bobby zerriß ein Stück Brot und stopfte es in den Mund .
Die Häslis standen auf , sagten , gingen aber noch nicht , denn es sollte ja Gage geben .
Auch der Pianist und die Soubrette standen jetzt auf .
Der Damenimitator , aus Höflichkeit , blieb noch sitzen .
rief Flametti .
Aber für ihn begann die Sache jetzt erst .
Und auch wurde loyal , faßte Mut , und sie stocherten um die Wette nach den pauvren Fischleins .
Engeln drohte dabei die Hose zu rutschen .
Aber er hielt sie fest mit der linken Hand und rief zu Flametti hinüber :
Dort muß vor Zeiten eine ungeheure Fresserei stattgefunden haben .
Denn die beiden lachten einander an , verständnisinnig , und verdoppelten ihre Anstrengungen .
Flamettis Varieté-Ensemble hatte einen Ruf und war beliebt .
stand auf den Plakaten .
Und durch , von dem nur die Neider behaupteten , es rühre von Flamettis Renommage her , unterschied sich das Ensemble von der Konkurrenz .
Ferreros war , , .
Aber beliebt ?
Nein .
Bestrenommiert ?
Nein .
Es war , infolge der vereinten Eleganz und Reserviertheit seiner Damen .
Auch Pfäffers konnten da nicht mit .
Sie hatten weder jene geheimnisvolle Anziehungskraft , die Flamettis Ensemble eigen war , noch jene gewisse Eigenart und Popularität .
Pfäffers waren , wenn man ihren Wert auf einen Nenner bringen wollte , , , , .
Ihre Force :
, mit ausgeschnittenen Kleidern und Broschen , die , wie Flametti höhnte , am Bauchnabel saßen .
Nein !
Auch von ihnen ging jene Wirkung nicht aus , die Wärme und Begeisterung verbreitete , Einladungen zu Bier , Wein und Sekt mit sich brachte ;
Wagenpartien , Abenteuer und Schicksale im Gefolge hatte .
Worin lag die geheimnisvolle Anziehungskraft der Flamettis ?
Darüber zerbrach sich mancher den Kopf .
Flametti zahlte weder die besten Gagen , hatte infolgedessen auch nicht die ersten Kräfte , wie Ferrero .
Noch hatte er die besten Schlager , wie ebenfalls Ferrero , der Jude war , raffiniert , geschickt , tüchtig , und der infolge seiner die besten Verbindungen hatte .
Noch waren Flamettis Nummern mit soviel Fleiß , Sorgfalt und Interesse herausgebracht wie etwa die Gesangs-Ensembles von Pfäffers .
Auch deren farbenprächtige , teure Matrosen- , Schornsteinfeger- und Mausfallenhändler-Kostüme hatte er nicht , die Fabrikware waren und Gesprächsthema weit und breit .
Worin also bestand Flamettis Überlegenheit ?
Er war ein Kerl sozusagen , ganz persönlich .
Artist von reinstem Wasser .
Er hatte ein Auge , verstand , seine Leute sich auszusuchen .
Er war :
eine Persönlichkeit gewissermaßen .
Kein Ferrero , der früher mit Lumpen gehandelt hatte .
Kein Pfäffer , der seinen Weibern zurief :
und dann im Hemd mit ihnen den einstudierte .
Fleiß ?
Verachtete er .
Der echte Artist schläft morgens bis gegen elf .
Wenn man bis in die Nacht hinein gearbeitet hat , oft die schwierigsten Nummern , kann man nicht in aller Herrgottsfrühe wieder auf den Beinen sein .
Proben ?
Jawohl !
Aber mit Maß und Ziel .
Es hat keinen Sinn , den Leuten die Lust an der Arbeit zu nehmen , sie tot zu hetzen mit Proben .
Auf die Eingebung kommt es an .
Nicht auf den Drill .
Wer es nicht in den Fingerspitzen hat , der wird es auch auf der zwanzigsten Probe nicht haben .
Man ist doch nicht beim Kommiß !
Artisten sind keine Studiermaschinen .
Und wenn schon Proben , dann nicht zuviel Pünktlichkeit .
Pünktlichkeit soll der Teufel holen .
Es muß aus dem Handgelenk kommen , spontan .
Flamettis Proben waren unberechenbar .
Wenn eine angesetzt war , fand sie sicher nicht statt .
Wenn eine stattfand , war sie sicher nicht angesetzt .
Das Ganze blieb mehr der Inspiration , dem persönlichen Einfall und Zufall belassen .
Extempores ?
Prachtvoll !
Er selbst war ein Extempore von Kopf bis zu Fuß .
Vielseitig , unberechenbar , auch in seinem Repertoire .
Nur kein festes Programm !
Nichts langweiliger als das .
Bei Ferrero hing das Programm jeden Abend punkt acht beim Kapellmeister am Klavier .
Bei Flametti gab's überhaupt keines .
Oft wußte er fünf Minuten vor seinem Auftritt noch nicht , solle er den bringen oder die .
Sprudeln muß man :
das war sein oberster Grundsatz .
Auch bei Engagements :
Flametti hatte das renommierteste Ensemble .
Und doch keineswegs die renommiertesten Kräfte .
Im Gegenteil :
darin gerade bestand sein Genie , daß er verstand , Kräfte zu entdecken , zu finden , ja aus dem Nichts zu stampfen .
Flamettis Personal war :
interessant .
Er hatte eine Nase für natürliche Begabung .
Auf Agenten , Kritiken und Renommage gab er nichts .
Selber sehen !
Kerle brauchte er , Personnagen .
Talent kam in zweiter Linie .
Mochte das Talent einen Knacks haben , die Stimme einen Knacks , die Figur einen Knacks .
Wenn nur der Kerl , der dahinterstand , etwas zu sagen hatte .
Flametti hatte einen Blick für die gebrochene Linie .
Einen Blick für jenen Moment , in dem etwa eine Kabarettistin reif wurde fürs Varieté .
Da setzte er ein .
Da bemühte er sich .
Da lief er .
Und immer :
das menschliche Interesse an seinem Mitglied stand im Vordergrund .
Herr oder Dame :
ihn interessierte zumeist , was sie erlebt und gesehen hatten .
Gute Manieren .
Kein Engagement ohne tagelange vorherige Beobachtung .
Schicksale muß jemand gehabt haben , um interessant zu sein für Flamettis Ensemble .
Schicksal brachte Vielseitigkeit mit sich , Überraschungen , Anlagen , Geist .
Seine Mitglieder mußten sich bewegen können .
Welt mußten sie haben .
Versiert mußten sie sein .
Vornehmheit war nicht seine Sache .
Dahinter steckte nicht viel .
Deklassierte Menschen , gerempelte Personnagen sind die gebornen Artisten .
Im Druck muß man gewesen sein , um Artist zu werden .
Unter fünfzig Mädels , die auf der Straße das Täschchen schwenkten , waren zwanzig Soubretten .
Es kam nur darauf an , sie davon zu überzeugen .
Unter fünfzig Apachen , die keiner beachtete , zwanzig Ausbrecherkönige , Zauberkünstler , Jongleure .
Es kam nur darauf an , sie zu finden und durchzusetzen .
Und gerade darin bestand Flamettis Genie , seine Popularität , seine Magie .
In seinem Ensemble wurden Sprachen gesprochen :
englisch , französisch , dänisch , sogar malayisch .
Man hatte die Welt gesehen .
Man hatte sich redlich bemüht und kannte das Leben .
Gefängnis , Skandal , Freudenhaus , Fahnenflucht waren kein Einwand .
Artisten kommen aus einer anderen Welt .
Sind keine Bürger .
Aus Unterdrückung werden Artisten .
Wo keine Defekte sind , sind keine Menschen .
Buntheit , Zauber , Exotik :
nur aus Verzweiflung .
Dementsprechend war auch Flamettis Verhältnis zu seinen Artisten .
Kameradschaft , nicht Abhängigkeit .
Freiheit , nicht Zwang .
Vertrauen , keine Verträge .
Gage muß sein :
sowieso .
Aber was nützte der beste Vertrag , wenn der Direktor einmal nicht zahlen konnte ?
Hier setzte Flamettis Verläßlichkeit ein .
Er war dann imstande , mit Angeln sein ganzes Ensemble zu halten .
Ein anderer Direktor stellte die Zahlungen ein .
Bei Flametti konnte man aus- und eingehen , auch wenn man nicht mehr auf seinen Brettern stand .
Bei welch anderem Direktor noch ?
Was Flametti besaß , gehörte auch seinem Ensemble .
Es war nicht sein Ehrgeiz , Geld zu machen , Bankkonto und dergleichen .
Sein Ehrgeiz war , eine Truppe zu haben .
Kostüme ?
Machte man selbst .
Nummern ?
Erfand man sich .
Er selbst , Flametti , hatte er nicht aus einer Robbe ein Seeweibchen gemacht , als Not am Mann war ?
Und aus Engel einen Ausbrecherkönig ?
Demselben Engel , der Speckschneider gewesen war bei der Handelsmarine ?
Eine Kiste hatte er ihm gebaut , woraus mittels einer im Innern angebrachten Mechanik selbst bei vernageltstem Zustand leicht zu entkommen war .
Handfesseln hatte er ihm gearbeitet mit einem Raffinement , daß mit einem Ruck seiner zarten Gelenke innerhalb drei Minuten im Freien stand .
Freilich :
Solche Gelenke aus gutem Hause gehörten dazu und ein wenig Geschick .
Aber schaffte es .
Kein Mensch hätte vorher daran geglaubt .
Eine Berühmtheit war aus ihm geworden , über Nacht .
Welcher Direktor erlebte die Überraschung , daß seine Soubrette als Gamsbua auftrat und Schnadahüpfl sang , nur aus Jokus ?
Oder daß der Pianist die Klampfn nahm und der Jodler das Piston ?
Flametti legte auch keineswegs Wert darauf , jeden Abend zu spielen .
Besonders nicht in den kleinen Beiseln , wo man um sechs Uhr abends schon auf dem Posten sein mußte , wo das Wasser von der Decke tropfte und die Klaviere jämmerliche Drahtkommoden waren , unmöglich , Töne darauf hervorzubringen .
Mochte Jenny recht haben :
man solle auch die kleinen Geschäfte annehmen ;
man müsse ja auch die Gagen zahlen .
Aber man war doch nicht in der Tretmühle !
Man war doch nicht auf der Welt , um sich abzustrapazieren !
Keine Überarbeitung :
das war man seinem Ensemble schuldig .
Flametti verlangte dafür nur seinerseits etwas Entgegenkommen :
Anstand und guten Willen .
Benehmen .
Oder er wurde , was besagte :
schlug alles kurz und klein , rannte Köpfe an die Wand , ging mit dem Messer los auf die Bande .
, rief Flametti , wischte sich den Mund ab und legte die Serviette hin , Er nahm den Schlüssel aus der Hosentasche , schloß die Schieblade auf und rief , auf das Eßgeschirr zeigend :
Rosa beeilte sich , das Geschirr wegzutragen .
Das Ensemble spitzte die Ohren .
Auch Engel hörte nun auf zu essen .
Und alle kamen näher .
, begann Flametti , , sagte Arista , Quittierte mit dem Tintenstift , den Flametti ihm hinschob , und strich das Geld ein .
Er zeigte auf die einzelnen auf der Quittung verrechneten Posten .
, sagte Bobby .
Bobby quittierte .
Flametti zeigte wieder die einzelnen Posten auf der Quittung .
, zögerte die Soubrette , ein wenig verwirrt und enttäuscht .
Eigentlich hatte sie zehn Franken erwartet .
Sie konnte sich aber auch irren .
, maßregelte Flametti .
Nie wußte sie , wieviel sie zu bekommen habe , und immer handelte es sich um etliche fünf Franken , die sie vergaß .
Aber die Sache klärte sich auf , und auch diese Auszahlung ging glatt vonstatten .
, sagte Flametti und schob dem Pianisten-Soubrettenpaar die Formulare hin .
wollte die fünfzehn Franken einstweilen zusammen an sich nehmen .
Aber Laura war keineswegs einverstanden .
erklärte sie ziemlich verliebt , und suchte ihrem den Fünfliver zu entreißen .
Und als ihr das nicht sofort glückte , ein wenig ärgerlich :
, was spöttisch zugab .
flötete süß .
Wo ein Krakeel in Aussicht stand , war sie stets voller Freundschaft und Sympathie .
murrte der Pianist und schob sehr unwirsch der Soubrette das Geldstück hin .
sagte der Schlangenmensch , steckte sich eine Zigarette an und verschwand .
, sagte , machte der Jodeltochter insgeheim ein feuriges Zeichen und verschwand .
, bemerkte zu seinem Abgang .
sagte , der hier nichts zu erwarten hatte , , und ging ebenfalls ;
was sehr komisch fand , denn sie bückte sich blitzschnell nach Nettchen , dem Dackel , hob ihn hoch und drehte sich tanzend mit ihm auf dem Absatz .
fragte Flametti geschäftig , aber mit ein wenig verringerter Sicherheit .
Und beeilte sich , die Summe aufzuzählen .
rief , wie von der Tarantel gestochen .
Sie beugte den Oberkörper weit in den Hüften vor und blieb wie erstarrt so stehen .
, wiederholte Flametti und setzte den Tintenstift überrascht mit dem stumpfen Teil auf den Tisch .
Sie packte den Gatten am Ärmel .
Häsli drehte sich auf dem Absatz und machte sich los .
Er war unangenehm berührt .
drängte die Jodlerin und packte ihn von neuem heftig am Ärmel .
Sie gab keinen Pardon .
brummte Flametti .
Und ihre Tochter zog eine mißmutige Schnute und stampfte hörbar ungehalten Aber ließ sich nicht beirren .
tobte sie und schüttelte abweisend die erhobene Hand .
interessierte sich Jenny , begütigend und phlegmatisch .
Sie kam aus dem Schlafzimmer und steckte sich friedlich das Haar auf .
fluchte jetzt Flametti und schnellte vom Sofa auf .
Die Zornadern waren ihm angeschwollen .
Er sah aus wie ein tanzender Fakir .
Häsli bekam's mit der Angst , schüttelte die Frau ab und meinte kleinlaut :
schnitt ihm die Alte das Wort ab .
Und nestelte zitternd an ihrer Bluse .
schrie Flametti noch lauter und tippte sich mit dem Zeigefinger an die Stirn .
Beide nickten , so hastig , als ob sie nicht abwarten könne , weiter zu hören .
unterbrach .
Ihre Stimme schnappte über .
, bestätigte in aller Ruhe .
rief und packte die Tochter am Arm .
Jetzt wurde aber auch fuchtig .
Mit ausgebreiteten Händen und vorgereckter Stirn stand sie da , im Begriff , ihm an die Gurgel zu fahren .
suchte die Tochter zu beschwichtigen .
brachte mit aller Ruhe und Verachtung auf , sah die Alte an , als zweifle er an ihrem Verstand , und sah wieder von ihr weg .
schrie Flametti und wühlte krampfhaft und hitzig in seinen Papieren , um die Belege zu finden .
drängte die Alte , drängte die Alte , Die zwanzig Franken waren für eine Seidenbluse der Mutter .
Jetzt war aber seinerseits erstaunt .
fragte er sprachlos .
rief .
verzichtete .
schrie .
Der Geifer stand ihr in den Mundwinkeln .
Nun muß man wissen , daß mit nicht zu spaßen war .
In Antwerpen und St .
Pauli hatte sie Matrosen bedient .
Ein Gummiknüttel gehörte zu ihrer Ausrüstung , und die Kassiertasche war mit Eisenketten am Lederriemen befestigt .
Kerle hatte sie niedergeschlagen , baumslang , wenn es drauf ankam .
Der Varietéberuf war ihr zu still .
Mit der ließ sich nicht spaßen .
Also gab auch klein bei , und weiter ging's mit der Abrechnung .
Die Häslis bewohnten zusammen ein Zimmer in einem Gasthof , das sich die Damen selbst ausgesucht hatten , das aber Flametti bezahlte , weil er Verbindungen hatte mit dem Wirt .
, winkte ab , Dabei schob sie die Tochter mit beiden Händen wie aus einer Verbrecherkneipe vor sich zur Tür .
Und nebst Tochter waren verschwunden .
Nettchen bellte .
Jenny färbte sich rosenrot im Gesicht vor verhaltenem Ärger .
quittierte , und Flametti schob ihm das Geld hin .
sagte geknickt und bedauernd .
und reichte Flametti die Hand .
sagte Flametti offiziös und packte seine Sachen ein .
Auch und gingen .
Eigentlich hatten sie um Zulage bitten wollen .
Die Gelegenheit schien ihnen aber nicht günstig .
II II , sagte Jenny , als alle gegangen waren , Aber Max hatte keine Lust zu Meditationen .
sagte er unwirsch und kramte verärgert in seiner Tischschublade .
Die Tür ging auf , und herein kam , lendenlahm und verdrießlich .
Der Rheumatismus plagte sie heut ganz besonders .
In der matt herunterhängenden Hand hielt sie einen angerauchten Stumpen und blies mit spitzem Munde den Rauch von sich .
Unaufgefordert nahm sie Platz , knetete schmerzhaft ihren Gichtschenkel und drehte sich schnaufend auf dem Stuhl .
, sagte sie , Und Theres erhob sich mühsam und troßte ab , um die Eisen heiß zu machen .
Und legte den Bügelteppich auf den Tisch und holte den Wäschekorb aus dem Bretterverschlag , um die Wäsche einzuspritzen .
Flametti aber hatte beim Abschließen der Schieblade einen Schaden am Schloß gefunden , zückte den Hausschlüssel und hämmerte damit am Schlüsselloch .
Es klopfte .
Die Türe ging auf , und herein trat , vormals Pianistin bei Flametti .
sagte sie und schob sich in drei freundlichen Wellen herein .
nickte Jenny , sagte Lena .
bekräftigte Flametti , ohne aufzusehen ;
so versunken war er in seine Reparatur .
fragte Lena .
, wischte Jenny sich die Schweißhände an den Busen .
Theres brachte das Bügeleisen , und Lena nahm ihren Stuhl .
rückte sich Lena auf ihrem Stuhl zurecht .
, seufzte Lena .
Und zu Rosa :
Flametti hämmerte angelegentlich und beflissen am Schlüsselloch .
, strich Lena ihren Rock zu den Füßen , duckte sich Jenny .
Lena schüttelte den Kopf .
Nein , sie hatte sich nie zu beklagen gehabt , noch war ihr je etwas abgegangen .
Max hämmerte gewaltsam mit seinem Hausschlüssel am Schiebladenschloß .
rief Jenny , fuhr Flametti jetzt auf .
Jenny war überrascht .
ebenfalls .
Er hatte doch gar nicht zugehört !
Er hatte doch an dem Schloß laboriert !
Flametti stand auf , sehr rasch , krempelte seine Hemdärmel herunter , knöpfte das Halsbördchen zu und ging in die Küche , um sich die Hände zu waschen .
Er kam zurück , nahm Joppe und Hut und ging .
klagte Jenny , , meinte Lena , Flametti war dieser zuwider .
Gewiß , er liebte seine Frau .
Sie war ein wenig furchtsam von Gemüt und leicht zu Übertreibungen geneigt , wie alle furchtsamen und aufgeregten Gemüter .
Aber sie meinte es gut , war keine böse Natur und er hätte ihr gerne ein wenig Gehör schenken dürfen .
Doch er schätzte es nicht , seine innersten Geschäfts- und Familiengeheimnisse coram publico verhandelt zu sehen .
Gewiß , das Geschäft ging schlecht .
Schlechte Zeiten und keine Schlager .
Gewiß , ein Ensemble von zehn lebendigen Menschen verlangt , sich standesgemäß zu nähren , zu kleiden und zu Triumphen geführt zu werden .
Obendrein :
eine Konkubinatsstrafe von hundertachtzig Franken war zu zahlen – der Beamte der Kriminalabteilung hatte zweimal bereits die Quittung präsentiert – und von der Fischerei konnte man das nicht bestreiten .
Das wußte Flametti selbst .
Aber Schlager fallen nicht vom Himmel .
Er hatte schon seine Pläne .
Man brauchte ihn nicht zu hetzen und die halbe Nachbarschaft dabei zuzuziehen .
Gar diese Lena :
Ein schönes Stück Malheur !
Die mußte dann gerade noch kommen !
Grausliches Weib !
Keine galante Erinnerung aus seiner Direktorenzeit war Flametti unangenehmer als diese .
Ein Vampir .
Bei Sala Tarone Die Turmuhren auf dem Gensdarmenmarkt schlugen elf , als die Gäste der auf die Behrenstraße hinaustraten und nach links einbiegend auf die Linden zuschritten .
Der Mond hatte sich verschleiert , und die Regenfeuchte , die bereits in der Luft lag und auf Wetterumschlag deutete , tat allen wohl .
An der Ecke der Linden empfahl sich Schach , allerhand Dienstliches vorschützend , während Alvensleben , Bülow und Sander übereinkamen , noch eine Stunde zu plaudern .
fragte Bülow , der im ganzen nicht wählerisch war , aber doch einen Abscheu gegen Lokale hatte , darin ihm .
wiederholte Sander .
, und wies dabei auf einen Eckladen , über dem in mäßig großen Buchstaben zu lesen stand :
Italiener- , Wein- und Delikatessenhandlung von Sala Tarone .
Da schon geschlossen war , klopfte man an die Haustür , an deren einer Seite sich ein Einschnitt mit einer Klappe befand .
Und wirklich , gleich darauf öffnete sich's von innen , ein Kopf erschien am Kuckloch , und als Alvenslebens Uniform über den Charakter der etwas späten Gäste beruhigt hatte , drehte sich innen der Schlüssel im Schloß , und alle drei traten ein .
Aber der Luftzug , der ging , löschte den Blaker aus , den der Küfer in Händen hielt , und nur eine ganz im Hintergrunde , dicht über der Hoftür , schwelende Laterne gab gerade noch Licht genug , um das Gefährliche der Passage kenntlich zu machen .
brummte Sander , sich immer dünner machend , und wirklich hieß es auf der Hut sein , denn in Front der zu beiden Seiten liegenden Öl- und Weinfässer standen Zitronen- und Apfelsinenkisten , deren Deckel nach vorn hin aufgeklappt waren .
, sagte der Küfer .
Dieser Sandersche Schmerzensschrei stellte die Heiterkeit wieder her , und unter Tappen und Tasten war man endlich bis in die Nähe der Hoftür gekommen , wo , nach rechts hin , einige der Fässer weniger dicht nebeneinander lagen .
Hier zwängte man sich denn auch durch und gelangte mit Hilfe von vier oder fünf steilen Stufen in eine mäßig große Hinterstube , die gelb gestrichen und halb verblakt und nach Art aller um Mitternacht am vollsten war .
Überall , an niedrigen Paneelen hin , standen lange , längst eingesessene Ledersofas , mit kleinen und großen Tischen davor , und nur eine Stelle war da , wo dieses Mobiliar fehlte .
Hier stand vielmehr ein mit Kästen und Realen überbautes Pult , vor welchem einer der Repräsentanten der Firma tagaus , tagein auf einem Drehschemel ritt und seine Befehle ( gewöhnlich nur ein Wort ) in einen unmittelbar neben dem Pult befindlichen Keller hinunterrief , dessen Falltür immer offenstand .
Unsere drei Freunde hatten in einer dem Kellerloch schräg gegenüber gelegenen Ecke Platz genommen , und Sander , der grad lange genug Verleger war , um sich auf lukullische Feinheiten zu verstehen , überflog eben die Wein- und Speisekarte .
Diese war in russisch Leder gebunden , roch aber nach Hummer .
Es schien nicht , daß unser Lukull gefunden hatte , was ihm gefiel ;
er schob also die Karte wieder fort und sagte :
Der Herr am Pult rührte sich nicht , aber man sah deutlich , daß er mit seinem Rücken zustimmte , Bülow und Alvensleben taten desgleichen , und Sander resolvierte kurz :
Das Wort war absichtlich laut und mit der Betonung einer Ordre gesprochen worden , und im selben Augenblicke scholl es auch schon vom Drehstuhl her in das Kellerloch hinunter :
Ein zunächst nur mit halber Figur aus der Versenkung auftauchender dicker und kurzhalsiger Junge wurde , wie wenn auf eine Feder gedrückt worden wäre , sofort sichtbar , übersprang diensteifrig , indem er die Hand aufsetzte , die letzten zwei , drei Stufen und stand im Nu vor Sander , den er , allem Anscheine nach , am besten kannte .
Damit war die Bestellung beendet , und ehe zehn Minuten um waren , erschien die Bowle , darauf nicht mehr als drei oder vier Waldmeisterblättchen schwammen , nur gerade genug , den Beweis der Echtheit zu führen .
Alvensleben lachte .
, lachte Bülow .
Wirklich , es war Nostitz , der , unter Benutzung eines geheimen Eingangs , eben die Kellertreppe hinaufstolperte , Nostitz von den Gensdarmes , der längste Lieutenant der Armee , der , trotzdem er aus dem Sächsischen stammte , seiner sechs Fuß drei Zoll halber so ziemlich ohne Widerrede beim Eliteregiment Gensdarmes eingestellt und mit einem verbliebenen kleinen Reste von Antagonismus mittlerweile längst fertig geworden war .
Ein tollkühner Reiter und ein noch tollkühnerer , war er seit lang ein Allerbeliebtester im Regiment , so beliebt , daß ihn sich der , der kein andrer war als , bei Gelegenheit der vorjährigen Mobilisierung , zum Adjutanten erbeten hatte .
Neugierig , woher er komme , stürmte man mit Fragen auf ihn ein , aber erst als er sich in dem Ledersofa zurechtgerückt hatte , gab er Antwort auf all das , was man ihn fragte .
, fuhr Nostitz fort .
fragte Bülow .
wiederholte Nostitz .
unterbrach Alvensleben .
, sagte Bülow .
, bestätigte Nostitz .
, hob dieser an , sagte Bülow , , antwortete Sander und erhob sich .
, sagte Nostitz .
Und fünf Minuten später traten alle wieder ins Freie .
Der Staub wirbelte vom Tor her die Linden herauf , augenscheinlich war ein starkes Gewitter im Anzug , und die ersten großen Tropfen fielen bereits .
Und jeder folgte der Weisung und mühte sich , so rasch wie möglich und auf nächstem Wege seine Wohnung zu erreichen .
4. Kapitel .
In Tempelhof Viertes Kapitel In Tempelhof Der nächste Morgen sah und Tochter in demselben Eckzimmer , in dem sie den Abend vorher ihre Freunde bei sich empfangen hatten .
Beide liebten das Zimmer und gaben ihm auf Kosten aller andern den Vorzug .
Es hatte drei hohe Fenster , von denen die beiden untereinander im rechten Winkel stehenden auf die Behren- und Charlottenstraße sahen , während das dritte , türartige , das ganze , breit abgestumpfte Eck einnahm und auf einen mit einem vergoldeten Rokokogitter eingefaßten Balkon hinausführte .
Sobald es die Jahreszeit erlaubte , stand diese Balkontür offen und gestattete , von beinah jeder Stelle des Zimmers aus , einen Blick auf das benachbarte Straßentreiben , das , der aristokratischen Gegend unerachtet , zu mancher Zeit ein besonders belebtes war , am meisten um die Zeit der Frühjahrsparaden , wo nicht bloß die berühmten alten Infanterieregimenter der Berliner Garnison , sondern , was für die Carayons wichtiger war , auch die Regimenter der und Gensdarmes unter dem Klang ihrer silbernen Trompeten an dem Hause vorüberzogen .
Bei solcher Gelegenheit ( wo sich dann selbstverständlich die Augen der zu dem Balkon hinaufrichteten ) hatte das Eckzimmer erst seinen eigentlichen Wert und hätte gegen kein anderes vertauscht werden können .
7 Allein sooft er wiederkam , so ungestüm er nach ihr fragte – Lotti ließ sich nicht sehen .
Er schrieb an sie , er bat sie um eine Unterredung , und sie entgegnete , sie wolle dieselbe gern gewähren , wenn er zuvor verspreche , ihres früheren Verhältnisses mit keinem Worte zu erwähnen .
Auf diese Bedingung konnte er nicht eingehen , das erklärte er offen in einem zweiten Briefe , der unbeantwortet blieb .
Damit war zwischen ihnen alles zu Ende .
Als sie einander nach langer Zeit zufällig auf der Straße trafen , senkte Lotti die Augen , und Halwig wandte die seinen ab .
Später vermieden sie es nicht mehr , einen raschen Blick zu wechseln .
fragte der ihre und wurde durch ein kaltes Lächeln , eine Miene spöttischer Gleichgültigkeit erwidert .
Nach solchen flüchtigen Begegnungen kehrte Lotti heim mit fliegenden Pulsen und brennender Stirn , und am nächsten Morgen erzählten ihre müden und geröteten Augen von einer durchweinten Nacht .
Aber auch diese letzte , törichte Schwäche ward überwunden .
Lotti gewöhnte sich , an dem einst Geliebten vorbeizugehen wie an einem Fremden ;
sie errötete nicht mehr , wenn sein Name in ihrer Gegenwart ausgesprochen wurde ;
sie las auch seine Bücher nicht mehr .
Sie wurde von ihnen allzu peinlich berührt .
Es gab sich darin ein Haschen nach dem Absonderlichen und Unerhörten kund , ein Streben , gemeine Neugier zu wecken , eine Vorliebe , das Krasse , oft sogar das Widerliche zu schildern , die Lotti entsetzten und ihr wie Lästerungen an dem Gotte erschienen , den Halwig selbst sie verehren gelehrt :
am Gotte des Schönen .
Jahre vergingen .
Feßler starb – kurze Zeit nachdem ihm angekündigt worden , daß er seine verlassen müsse , weil das Haus zum Umbau bestimmt sei .
Lotti bezog ihre jetzige Wohnung .
Gottfried mietete sich bei dem Uhrmacher ein , für den er seit dem Tode seines Pflegevaters arbeitete .
Des erlittenen Verlustes immer eingedenk , führten beide still ihr Leben fort ;
Lotti war von ihrer ersten und einzigen Liebe so vollkommen geheilt , daß sie die Nachricht von Halwigs Verheiratung , die Gottfried eines Tages brachte , mit unbefangener Heiterkeit aufnahm .
Vor drei Jahren hatte sich's ereignet , und Lotti besann sich heute noch des verstörten Gesichts , mit dem Gottfried damals bei ihr erschienen war , der Verlegenheit , der unnötigen Schonung , mit denen er , nach langem Hin- und Herreden seine Neuigkeit plötzlich hervorgestoßen und dabei so beschämt und elend ausgesehen , als ob er eben eine schändliche Handlung begangen hätte .
, entschuldigte er sich , Lotti sah ihn freundlich an und sagte :
, sagte Lotti .
Sein Gesicht hatte sich verklärt , er geriet in Begeisterung , und jetzt kam es heraus , daß er schon seit einigen Tagen von der Verheiratung Halwigs unterrichtet war , daß er auch gehört hatte , die junge Frau sei arm , vornehm und schön .
, sprach Gottfried mit gedämpfter Stimme , als ob er ein Geheimnis anzuvertrauen hätte , Gottfried nahm seinen gewohnten Platz in der Fensterecke , dem Arbeitstisch Lottis gegenüber , ein , und sie begann von anderen Dingen zu sprechen .
Sie erzählte mit einer Art Entrüstung , daß der Uhrenliebhaber , der einst für ihre Sammlung jenes hohe Angebot gemacht , das Feßler bereute von der Hand gewiesen zu haben , sich wieder melde .
Von Amerika aus , wo er lebte – er war ein Deutscher , der dort Glück gemacht – , erneuerte er seinen Antrag in einem Briefe , den sein Agent Lotti überbrachte .
Sie sann jetzt über ihre Antwort nach , konnte nicht Worte finden , scharf und bestimmt genug , um ihren unerschütterlichen Vorsatz , sich nie von ihrer Sammlung zu trennen , auszudrücken .
Sie hatte Lust , dem mitzuteilen , was bisher niemand außer Gottfried wußte , daß der Hausschatz nämlich im Testamente Lottis dem Museum ihrer Vaterstadt vererbt sei , wo er unter dem Namen auf die Nachwelt übergehen sollte zum Nutzen und zur Freude künftiger Generationen .
Gottfried gab ihr , etwas zerstreut , in allem recht , sprang aber plötzlich von dem Gegenstand ihres Gespräches ab und sagte :
erwiderte sie mit einem verweisenden Blick .
– Die sanfte Lotti war gegen Gottfried ausnahmsweise immer ein wenig streng .
So hatte sie vor drei Jahren die Kunde von Hermanns Verheiratung aufgenommen und seitdem nichts mehr von ihm gehört .
Und jetzt , nachdem sie alles verschmerzt , vieles vergessen , kam ein Bote aus der langentschwundenen Zeit und weckte sie aus ihrer tiefen Ruhe .
Sie staunte selbst über die Gewalt des Eindrucks , den sie plötzlich empfangen hatte , über die Pein , welche er verursachte .
Doch versuchte sie nicht , sich ihr zu entziehen , dazu kannte sie sich zu gut .
Ihre Leiden wollten völlig durchlebt sein , bevor sie sterben konnten .
Da half kein Wegschieben , keine Überredungskunst , sie forderten ihr ganzes Recht und wichen erst , nachdem es ihnen geworden .
Sie nahm ihre Arbeit vor .
Gleichförmig wie immer spann ihr Tagewerk sich ab .
Nachmittags besuchte sie Gottfried in seinem Gewölbe .
Allein , was sie auch tat und sprach , unablässig summten ihr die Worte :
im Ohr , und der Gedanke an Halwig verließ sie nicht eine Sekunde .
Sie durchwachte eine böse Nacht .
Am nächsten Morgen kam Gottfried und mahnte sie noch einmal , die bei ihr bestellten Arbeiten dem früheren Meister heute selbst zu überbringen .
Sie versprach es , lehnte aber Gottfrieds Antrag , sie zu begleiten , auffallend hastig ab .
, sagte er und verabschiedete sich ohne eine Spur von Empfindlichkeit .
Sie blickte ihm eine Weile nach .
murmelte sie leise vor sich hin und begann ganz gegen ihre Gewohnheit müßig , mit gekreuzten Händen , im Zimmer auf und ab zu gehen .
Ihre alte Dienerin trat ein und verwunderte sich über die Maßen , ihre Herrin unbeschäftigt zu finden .
Aber sie freute sich noch mehr als sie sich verwunderte .
Der Himmel selbst , meinte sie , beschere ihr eine Gelegenheit , sich so recht nach Herzenslust über die interessanten Neuigkeiten auszulassen , die sie vom Markte mitgebracht .
Leider fand sie nur geringe Teilnahme und wurde plötzlich durch die Worte unterbrochen :
Das war freilich leichter gesagt als getan .
Ausgehen ?
Jetzt ?
– die Alte entsetzte sich über .
Vor dem Essen war das Fräulein nie ausgegangen , warum denn heut !
Die Frage und die seltsam forschende Miene , mit der sie gestellt wurde , machten Lotti erröten ;
sie wandte das Gesicht verlegen ab und sagte :
Agnes entfernte sich , erschien jedoch bald wieder .
Sie überbrachte die Visitenkarte eines fremden Herrn , der das Fräulein dringend zu sprechen wünschte .
Der Agent des kam einmal wieder , die Anerbietungen seines Chefs in bezug auf die Uhrensammlung zu erneuern .
Er wurde selbstverständlich abgewiesen .
Allein statt sich damit zu bescheiden und sich – zufrieden oder nicht – zu empfehlen , nahm er auf das breiteste Platz in dem Fauteuil und ließ alle fünf Minuten einige wegwerfende Worte über alte Uhren fallen .
Nach einer tödlich langen Stunde erhob er sich endlich mit der Versicherung , er wolle vor seiner Abreise noch einmal vorsprechen .
Lotti erlaubte sich zu bemerken , das sei ganz überflüssig , worauf er verbindlich erwiderte , er danke und werde sich gewiß einfinden .
Dieser Besuch schien Lotti den Appetit verdorben zu haben , denn sie ließ ihr Mittagsmahl , das von Agnes endlich aufgetragen wurde , unberührt .
Sie kleidete sich rasch und hastig zum Ausgehen an und blieb dann zögernd an der Tür stehen ... sie eilte die Treppe hinab und schritt langsam durch die Straßen ... immer langsamer , je näher sie ihrem Ziele kam .
Sie wollte sich Gewißheit über die Umstände verschaffen , unter denen ihr einstiges Geschenk verkauft worden war .
Sie wollte es .
Und doch erhoben sich Einwendungen in ihr gegen den unwiderruflichen Entschluß .
– fragte sie .
– Lotti horchte den leisen abratenden Stimmen und – mit Bewußtsein handelte sie ihnen entgegen .
Jetzt stand sie an der Tür des Uhrmacherladens , jetzt drückte sie die Klinke .
Der Laden war leer , aber aus dem anstoßenden offenen , mit Gaslicht hell erleuchteten Raume schallte ihr ein lauter Wortwechsel entgegen .
rief eine Stimme , deren Ton Lotti seit fünfzehn Jahren nicht mehr gehört hatte und die sie dennoch augenblicklich erkannte .
sagte der Uhrmacher , der den Eingang zum Gewölbe nicht aus dem Auge gelassen hatte :
Er eilte auf Lotti zu , indem er fortfuhr zu sprechen :
er warf Lotti einen Blick des Einverständnisses zu , Derjenige , dem diese Rede galt , hatte sie mit Äußerungen des Unglaubens begleitet .
Als Lottis Zeugnis angerufen wurde , richtete er plötzlich die Augen auf sie , verstummte und starrte sie so vernichtet , so völlig überwunden und ratlos an wie ein Kind , das auf einer schlimmen Tat ertappt wird .
stammelte er , Lotti hatte sich rascher gefaßt als er ;
sie erwiderte :
Beide schwiegen und sahen einander an .
Sie ihn mit leiser , etwas peinlicher Überraschung :
er sie halb wehmütig , halb freudig .
Seine Verlegenheit war wie durch Zauber verschwunden , und ihm wurde leicht und wohl ums Herz .
Ihm schien es , als träte ihm die Erinnerung an die beste Zeit seines Lebens verkörpert entgegen ... nicht die glänzendste , oh , bei weitem nicht !
Aber die beste gewiß .
, wiederholte er mehrmals , ohne den Blick von ihr zu verwenden .
Er fand in ihrem Gesicht den Ausdruck , den er einst geliebt hatte , wieder .
Hübsch war sie nie gewesen , doch konnte sie schön sein , wenn ihre Seele sich in ihren Zügen spiegelte , wenn der Abglanz ihrer reinen Gedanken auf ihrer Stirn sichtbar wurde , wenn eine Gemütsbewegung ihre Wangen rötete – so wie jetzt ... Was lag daran , ob leichte Falten diese Stirn furchten , ob diese Wangen schmaler geworden ?
Die Augen blickten so gütig , wie je ;
die rosige Farbe der Lippen hatten die Jahre verwischt , den Zug von Sanftmut und stiller Heiterkeit , der sie umspielte , jedoch nur tiefer eingeprägt ... Ja , sie war es , war dieselbe noch !
und – sie hat sich wenig verändert , dachte er .
Lotti hingegen dachte :
Er hat sich sehr verändert .
Worin aber ?
fragte sie sich .
Die Zeit ist ja doch schonend an ihm vorübergezogen .
Seine Gestalt hatte sich jugendlich schlank erhalten .
Die Farbe seiner Haare und seines Gesichtes waren dunkler , sein Bart und seine Brauen waren lichter geworden .
Die Augen lagen tiefer , und schon bildeten sich Ringe um dieselben , doch funkelten sie noch feurig wie sonst ;
er war noch immer ein Bild männlicher Schönheit , sein Wesen noch immer anziehend und gewinnend .
Allein der Charakter seiner Erscheinung hatte eine gewaltige Änderung erfahren .
Keine Spur des Künstlers war mehr an ihm .
Er sah wie ein vollendeter Weltmann , sogar ein wenig stutzerhaft aus .
Das Haar war kurz gehalten , der Backenbart nach englischer Mode zugeschnitten , und die nämliche und allerneueste Mode hatte auch die Form des langen lichten Oberrocks , den er trug , bestimmt , hatte bei der Wahl des glänzenden Zylinders , der sportsmäßigen Krawatte , der Handschuhe aus Hundsleder den Ausschlag gegeben .
Wenn Kleider Leute machen würden , hätte man ihn für ein Mitglied des Jockeyklubs halten müssen .
Er hatte jedoch nur die äußere Hülle eines Engländers , nicht dessen Art und Weise angenommen – vielleicht nicht anzunehmen vermocht .
Es war nichts von steifer Gleichgültigkeit in dem Tone , in welchem er sich an Lotti wendete und sie versicherte , er freue sich des Wiedersehens , trotz der ihn beschämenden Umstände , unter denen es stattfand .
Er bat sie , ihn anzuhören , bat , ihr seine törichte und leichtsinnige Handlung , die allerdings unverzeihlich sei , wenigstens erklären zu dürfen .
Lotti unterbrach ihn und meinte , daß sich wohl mehr werde tun lassen .
Sie wandte sich an den Kaufmann , und ihrer eindringlichen Fürsprache gelang es nach einiger Bemühung , den übereilten Handel rückgängig zu machen .
Sodann verabschiedete sie sich von dem alten Geschäftsfreunde und verließ das Gewölbe zu gleicher Zeit mit Halwig .
, sagte sie zu ihm , Er wollte in Worte des Dankes ausbrechen , sie aber grüßte so deutlich verabschiedend , daß ihm nichts übrigblieb , als diesem Winke zu gehorchen .
Er verneigte sich , trat zurück , und sie schlug den Weg nach ihrer Wohnung ein .
Sie war schon eine ziemlich große Strecke gewandert , als sie durch rasch hinter ihr hereilende Schritte eingeholt wurde und Halwig an ihrer Seite erschien .
, sagte er , antwortete sie .
wiederholte er fragend , unterbrach sie ihn .
Er fiel sogleich in den heitern Ton ein , den Lotti angestimmt hatte .
Erst die Frage , die sie an ihn stellte , wie es denn komme , daß sie ihm seit Jahren nicht einmal mehr auf der Straße begegnet sei , stimmte ihn ernster .
, sagte er mit einem Seufzer , Er warf den Kopf stolz zurück .
, setzte er , als Lotti schwieg , mit veränderter Stimme hinzu , rief er , hielt aber sogleich inne , wie jemand , der ein übereiltes Wort gesprochen hat , und setzte zögernd hinzu :
Sie waren bei dem Hause Lottis angelangt , und diese blieb stehen .
, sprach sie , Er ergriff ihre Hand und drückte sie mit Wärme :
, antwortete sie , 8 8 Am dritten Tag , zur bestimmten Stunde , fand Halwig sich ein .
sprach er , ins Vorgemach tretend , dessen Tür die Alte ihm geöffnet hatte .
Agnes erwiderte ausweichend :
Der harte Blick , mit dem sie ihn empfangen hatte , wurde allmählich milder .
Die Alte schmunzelte und dachte :
Im Grunde ihres Herzens hatte sie von jeher eine tiefe Abneigung gegen ihn gehegt .
Sie war eifersüchtig auf die Geltung , die er im Handumdrehen im Hause erlangt , sie verabscheute seine Tätigkeit .
meinte sie , Da sie niemals Gelegenheit gehabt , diese Behauptung zu beweisen , war es ihr freigestellt , ihren Haß maßlos zu überschätzen .
Trotzdem blieben Halwigs Bewerbungen um ihr Wohlwollen nie ohne Erfolg .
Wenn er sie freundlich gegrüßt , wenn er fünf Minuten lang mit ihr geplaudert hatte , gestand sie es regelmäßig zu :
fragte er , , bestätigte Lotti , die auf der Schwelle des Zimmers erschien , Gottfried stimmte nicht sehr laut in ihre Worte ein , zeigte sich anfangs ein wenig abweisend , aber das dauerte nicht lange .
Bald empfand auch er jenes eigentümlich freudige , Herz und Zunge lösende Gefühl , das in reifen Jahren durch das Wiedersehen mit einem Genossen der Jugendzeit erweckt wird .
fragte er , nachdem sie genugsam in Erinnerungen geschwelgt hatten .
Halwig lehnte sich in den altertümlichen Sessel zurück , der ihm eingeräumt worden war , und kreuzte die ausgestreckten Beine .
, lautete seine langsam gesprochene Antwort , Lotti sah ihn befremdet an , und ein tiefes Mißbehagen schien sich seiner unter diesem Blicke zu bemächtigen ;
die Stimme erhebend fuhr er fort :
, meinte Gottfried , wiederholte sie , , sprach er nicht ohne leisen , etwas ironischen Verdruß .
Er erhob sich , trat an den Bücherschrank und las halblaut die Titel einiger darin aufgestellter Werke .
, sprach er und blickte sich in der Stube um , Lotti deutete nach der Ecke des Zimmers .
erwiderte Lotti beinahe verletzt .
Halwig nahm seinen früheren Platz wieder ein ;
er stützte die Arme auf seine Knie und sah eine Welle nachdenklich vor sich hin .
Da plötzlich erhob er die Augen zu Lotti :
schloß er wehmütig , schlug jedoch gleich darauf mit einem der unvermittelten Übergänge , die ihm immer eigen gewesen waren , einen heitern Ton an .
Er nannte sich einen glücklichen Menschen und pries sein Schicksal , das ihn endlich wieder mit seinen alten Freunden zusammengeführt .
Der Verkehr mit ihnen sei das einzige gewesen , wonach er eine Sehnsucht empfunden , die sich oft bis zum Schmerze gesteigert .
Jetzt war auch diese erfüllt .
Ihm fehlte nichts mehr .
Er begann von seiner Frau zu erzählen , und wie er sie im Sturm gewonnen , trotz des Widerstandes , den ihre Eltern , ihre Geschwister , gegen ihre Verbindung mit ihm aufgeboten habe .
Anfänglich wurde sein Haus von den Verwandten seiner Frau gemieden – nur anfänglich ... , sprach er lachend , , versetzte Gottfried .
, sagte Halwig .
Gottfried blinzelte ihn freundlich an .
, sprach er ;
, entgegnete Halwig und fuhr nach einem Blick voll Verwunderung , den Lotti auf ihn geworfen , rasch fort :
fragte Gottfried ganz verwundert über diesen plötzlichen Ausfall .
Der Ödenhuber zündet gemach die große Hängelampe in der Gaststube an , so daß ein trüber rötlicher Schein über die blankgescheuerten Tische und Bänke leuchtet , die braunen Kacheln des alten Ofens hie und da aufblitzen läßt und sich in den drei – vier Glastafeln zwischen den Schützenscheiben und Rehgewichteln an den Wänden matt spiegelt .
Und die Resl läßt vorsorglich einen um den andern von den grünen Rollvorhängen herab , so daß die Efeustöcke samt den blühenden Geranien dahinter im Dunkeln stehen ;
und man sieht statt der leuchtendroten Blüten und der großgetüpfelten Gingangvorhänge plötzlich allerhand Burgen auf grellgemalten Felsen , bunte Schweizeralmhütten mit Wasserfällen und Sennerinnen , springende Gemsen und weidende Kühe mit flötenblasenden Hirten .
Aus der Wirtskuchel aber dringt lautes Schelten , lärmendes Hantieren mit Tiegeln und Deckeln , mit Herdringen und Schürhaken und das Klappern von Tellern und Schüsseln .
Und die Ödenhuberin steht am Hacktisch , zerteilt einen langen Schweinsrücken in gleichmäßige Rippen , schwingt den Holzschlegel und schlägt aufs Fleischbeil , daß die Brüh aufspritzt ;
und dazu grandelt und schimpft sie giftig :
Die Kucheldirn rennt hastig und beflissen mit der Bratraine an den Hackstock .
sagt sie weinerlich ;
Damit streift sie die Ripperl mit dem langen Tranchiermesser in die Raine und wischt auch die Brüh mit der Hand hinein , damit der Saft beim Fleisch bleibe ;
– indes die Ödenhuberin wütend mit dem Schüreisen in der Glut herumfährt , so daß ihr feistes Gesicht mit den kohlschwarzen Augen voller Feuer scheint und die unter einem seidenen Netz aufgesteckten reichen schwarzen Zöpfe rötlich schillern .
Und sie werkt , daß ihre schweren , traubenartigen Ohrgehänge zitternd hin und her schwingen ;
danach blickt sie zornig auf die Magd , trinkt hastig aus einem bemalten Steinkrügl , wischt sich mit der härwenen Schürze den Mund und die schier bärtige Oberlippe trocken und brummt :
Worauf sie in die Gaststube geht , indes die Kucheldirn erlöst ein Kreuz hinter ihrem Rücken schlägt :
– Drin nimmt der Ödenhuber eben ein volles Zigarrenkistl vom Schenkkasten und riecht prüfend am Inhalt .
, sagt er ;
Die Ödenhuberin nimmt ihm das Kistl aus der Hand und geht zum Licht .
– – – – – – – – Sie gibt ihm das Kistl wieder zurück .
– – Sie sucht nach der Schachtel mit den bitteren .
Er schneidet das Band eines Bündels von den neuen entzwei und sagt gar nichts .
– – Er zählt der Resl fünfzig von den Judenzigarren in die Schublade des Gläserkastens .
, meint jetzt die Wirtin und mustert etliche von den rassen ;
– – Sie trägt das Kistl an den Ofentisch und leert es aus .
Der Wirt folgt ihr brummend .
Aber sie zählt schon aus :
Der Ödenhuber geht unwillig auf und ab .
– Die Resl schwenkt Krüge und Gläser .
Jetzt mischt sie sich drein :
Die Wirtin wirft voller Zorn die leere Schachtel auf den Tisch .
Sie läßt alles liegen und geht wieder hinaus in ihre Kuchel .
Die Resl lächelt leise .
Plötzlich aber verzieht sie das Gesicht zum Trauern und Seufzen und schwenkt wieder weiter , indes der Wirt eilends die ganzen Giftstengel ins Kistl wirft und wegräumt .
– Mittlerweile kommt der Hufschmied in die Gaststube , stellt seinen Maßkrug an den Schenktisch zum Neueinfüllen und setzt sich danach an den Tisch beim Herrgottswinkel .
, sagt er , Der Wirt schaut besorgt nach der Uhr :
, meint er ;
Und er ruft hinaus in die Kuchel :
Worauf die Ödenhuberin mürrisch erwidert :
Sie nimmt den Bratspieß und zieht die Raine aus der Bratröhre .
fährt sie fort , indem sie prüfend ins Fleisch sticht ;
Sie schiebt die Raine wieder ins Rohr .
Sie bricht plötzlich in ein hartes Weinen aus .
Der Ödenhuber geht ans Kuchelfenster und starrt zwischen den Obstbäumen durch hinüber zum Hof des Hauser .
, murmelt er halb für sich ;
Die Wirtin wischt sich rasch die Augen trocken .
Von der Kirche her ertönt plötzlich das Singen und Lärmen .
Da nimmt die Ödenhuberin eilig einen hohen Stoß von Tellern aus dem Geschirrschrank , reiht sie klappernd auf der Kupfereinfassung des Herdes nebeneinander und reißt die Bratraine heraus .
Und ruft :
Der Ödenhuber wendet sich um .
– – Die Wirtin hantiert wütend mit dem Geschirr .
Sie spießt voll Erregung die Bratenstücke aus der Raine und wirft sie auf die Teller .
– – Der Wirt geht verärgert in die Stube .
Da steht schon die Resl in der matt erleuchteten Schenke und füllt Krug um Krug , indes das Juchzen und Singen immer deutlicher ins Haus dringt .
murmelt der Hufschmied .
Da kommen sie auch schon herein mit Ungestüm , – schreiend , lachend , lärmend , ihre Hüte schwingend und ihre Koffer und Päcklein .
Und allerhand Maidln und Jungfern begleiten sie , kichernd und scherzend , und halten ihre Schürzen voller Blumen , die Burschen damit zum Abschied zu schmücken .
Die Resl rennt und läuft mit den vollen Krügen und trägt ihrer fünf in einer Hand ;
die Kucheldirn bringt den Braten und stellt jedem einen Teller hin , der Ödenhuber hilft rasch dazu ;
allein Eile tut not , und so packt der Jackl , der Wirtssohn , frisch mit an und trägt den Salat auf , indes die Wirtin gellend durchs Haus schreit :
Da kommt das Maidl auch schon zum hintern Tor herein , brennrot übers ganze Gesicht ;
und sie läuft sogleich in die Gaststube , packt etliche Krüge und bedient die Gäste , ohne der Ödenhuberin zu antworten auf das erboste :
Nun sitzen sie also alle beieinander , die Burschen samt ihren Weiberten :
der Hufschmiedkaspar bei der Schustermirl , der Müllermartl bei der Schneidersusann , der Reiserfranzl bei der Seilerchristl , der Wirtsknecht bei der Bachmaurerlies , der bei dieser , und der ander bei der andern .
Und zuoberst an der langen Tischreih sitzt die uralt Rumplwabn , die Großmutter der Rumplhanni .
Eigentlich ist sie ja schon seit Jahr und Tag nimmer in des Ödenhubers Wirtshaus gekommen ;
denn da gemeiniglich einerseits Dienstboten , wenn sie was taugen sollen , zu der Herrschaft helfen müssen , also des Hausers Feind auch der Hanni ihr Feind war ;
andererseits aber wiederum Feindschaften gewöhnlich sich auch auf die Freundschaft und Sippe der Verfeindeten ausdehnen , so hatte die Wabn als Ahnl der Hanni nicht grad bsunders große Gastfreundschaft von Seiten der Ödenhuberischen vorausgesetzt , also auch dieselbe gar nicht lang auf die Probe gestellt .
Heute aber , da ein ganzes Trumm jugendlichen bodenständigen Lebens durch den Krieg der Heimat entrissen wurde , da wollte sie nicht abseits stehenbleiben ;
wollte vielmehr als eine , die es gut mit ihnen meinte , noch die letzte Abschiedsstunde mitten unter ihnen verbringen und jedem ein Stümperlein Trost und Hoffnung – und dazu ein Häuflein ehrlicher Segenswünsche mit auf den weiten Weg geben .
Darum schert sie sich heute auch rein gar nichts um Haß und Streit , tut , als wär sie erst gestern das letztemal hier als Gast gesessen , und zwar als ein wohlangesehener .
Und da eben die Resl fragt :
und dazu prüfend von einem zum andern schaut , da ruft die Wabn :
Die Resl lacht .
Worauf die Alt aufsteht , ein nachdenklichs Gesicht macht und sagt :
Die Resl wird ungeduldig .
Da mischt sich der Wirtsjackl drein :
Die Resl will eilig nach der Schenke .
Doch die Wabn schüttelt den Kopf so heftig , daß ihr die endsgroße schwarze Spitzenhaube mit den Perlenfransen und Bändern daran wackelt und das Augenglas schier von der Nase rutscht .
– schreit in dem Augenblick der Schmiedkaspar drein ;
Alles lacht .
Aber die Wabn bleibt tiefernst .
– , meint der Wirtsjackl schmunzelnd ;
Die Wabn setzt sich und sucht umständlich in ihrem Rocksack nach der Tabakdose ;
denn sie nimmt nicht ungern hie und da eine kleine Prise .
Besonders , wenn sie was zu überdenken hat .
meint sie , langsam und mit Überlegung redend ;
– Der Jackl winkt der Resl .
Die Resl bringt den Kräuter .
befiehlt der Jackl .
tönt's vom Kuchlschiebfenster her .
Die Ödenhuberin läßt das Schiebfenster herab .
Die Resl läuft hinaus in die Kuchel .
Aber sie kommt leer zurück und ist verlegen um die Red ;
und sie flüstert dem Jackl ins Ohr :
Die Wabn lust auf und versteht gar gut , wenn sie's gleich nicht hört .
, sagt sie ;
Und die Burschen nicken ihr zu , schutzen geringschätzig die Achseln gegen die Kuchel und geben ihr Bescheid mit einem Trunk :
Der Jackl aber springt auf und rennt hinaus zur Wirtin .
– sagt die Dirn .
Aber die Ödenhuberin fragt :
und stellt sich vor die Bratröhre .
– – – – – – – – – – – Der Jackl wird langsam bleich .
Seine Red ist heiser .
– – Draußen ist er in der Schenke , – reißt den Hut vom Nagel , packt das Kofferl und rennt durch die Schenktür davon .
Der Ödenhuber läuft ihm nach .
Die andern haben's nicht bemerkt .
Grad die Wabn hat ihn fortrennen sehen .
Die zieht den zahnlosen Mund zusammen , wirft einen herben Blick hinaus in die Kuchel und tut danach , als wäre nichts gewesen .
– Die Ödenhuberin hat den Jackl reden hören , greinen , drohen .
Jetzt ist er weg .
Sie steht starr am Herd , – eine ganze Weile .
Auf einmal hört sie die Schenktür zuschlagen , – sieht den Wirt hinausrennen .
Da murmelt sie :
Und sagt schnell laut zu der Magd :
Und eilt hinaus – aus der Kuchel – aus dem Haus .
Da kommt ihr der Wirt entgegen , zürnend und greinend .
Sie starrt ihn an .
– Er geht müd ins Haus .
Sie schaut gradaus ... Sie rennt plötzlich dahin .
Sie horcht .
Da tönt ihr ein spöttisches Lachen in die Ohren .
Und eine Stimm sagt höhnend :
Die Hanni !
– Die Rumplhanni !
– Das ... !
– Fort ist sie .
Die Ödenhuberin aber schluchzt wild auf , wird plötzlich ganz still , wird abermals laut und beginnt zu jammern , zu schreien , zu fluchen ;
auf die Alt , die Rumplwabn , auf die Hanni , auf die Hauserischen , – auf alles .
Und sie geht zurück ins Haus , – hinauf in die Schlafkammer .
Da riegelt sie sich ein , legt sich zu Bett und zieht die Zudeck fest über die Ohren , daß sie nichts mehr hört von dem Lärmen und Singen .
– Mittlerweil haben die drunten in der Wirtsstube lachend und stänkernd ihr Freimahl gehalten , und einer um den andern fängt gemach an , Trutzgstanzln abzusingen .
Da ist einmal der Müllermartl ;
der läßt sich zuerst hören :
Worauf der Schmiedkaspar dreinsingt :
Der alte Schmied lacht still in sich hinein .
Er betrachtet seinen Kaspar mit blinzelnden Augen .
Und mittendrin sagt er auf- schnaufend für sich hin :
Wobei er aber der Welt hübsch enge Grenzpfähl steckt :
so vielleicht von Holzkirchen über Sauerlach und der Münchnerstadt auf Wasserburg , – und von da etwan über Rosenheim , den Wendelstein und über Miesbach wieder Holzkirchen zu ;
also daß sein Heimatl samt seiner Hütten hübsch gutding in der Mitten liegt .
– Und die alt Rumplwabn gibt ihm recht .
Bloß der Tag des Auszugs paßt ihr nicht recht .
sagt sie ein übers ander Mal ;
Worauf der Reiserfranzl sie beruhigt :
Das verspricht sie hoch und teuer .
Dann trinkt sie ihr drittes Stamperl leer und schnupft danach eine kleine Gefälligkeitsprise aus der Dose des Hufschmieds .
Unterdessen hat sich der Ödenhuberknecht , der Sepp , hübsch nahe an die Alt heran gemacht .
Jetzt fragt er sie halblaut :
Die Alt hört ihm aufmerksam zu .
Jetzt sagt sie :
Der Sepp aber läßt sich nicht so leicht abwehren .
Er sagt's so laut , daß es die andern hören können .
Und da tönt's auch schon durcheinander :
Sie stehen auf und drängen sich um die Alt .
Aber die jammert :
Sie kramt umständlich in ihren Rocktaschen herum .
Die Burschen aber schreien :
Und die Maidln tun jammerlich und bitten mit Blicken und Gebärden .
Der Sepp vom Wirt stößt die Wabn in die Seite :
Aber da sind auch schon die andern ;
da möcht der Kaspar einen gewissen Segen , daß ihn keine Kugel trifft , – der Reiserfranzl ein starkes Russengift , – der eine dies und der ander das .
Und der Martl vom Müller sagt :
Darauf aber der Wirtsknecht meint :
Die Rumplin schmunzelt .
Sie zieht ein gewundenes , rundes Beinringlein aus dem Sack und hält Umschau unter den Burschen .
Von einem grünen Gartenflecke , einer weißen Marmorbildsäule , einem Gartentisch und einer grünen Bank Wir haben schon mehr als einmal erwähnt , auf welchen Wirrwarr von Dächern , Mauern , Giebeln , Blitzableitern , Brüstungen , Galerien , Feueressen und dunkeln Höfen man südwärts aus den Hinterfenstern der Wohnung des sah ;
von dem Giebel des hatte man , wiederum südwärts , eine ähnliche Aussicht ;
doch waren die Dächer nicht so unregelmäßig , so alt und grau .
Der Häuserhaufen , den man von hier aus betrachten konnte , war in jüngerer Zeit aufgerichtet worden und wurde von den Bewohnern in bester Ordnung und Reinlichkeit erhalten .
Hier begann das Stadtviertel der angeseheneren Beamten , der Großhändler , ein ruhiges , reinliches , solides Stadtviertel , auf welches die Regierung sich verlassen konnte und sich auch wirklich verließ .
Da ragte hier und dort Gezweig von Zierbäumen über die Mauern , man sah sogar einen Zipfel von einem kleinen Garten , und um die Zeit , in welcher wir unsere Geschichte wiederaufnehmen , war der Winter zu Ende , waren die Bäume grün , blühten die Blumen in dem Garteneckchen .
Die Katzen putzten sich auf den Dächern den Bart , der trug Nankingbeinkleider , trug seine hellblaue Sommerkleidung nach – dem Pfandhaus und drapierte sich in einen abgelebten Wintermantel wie ein zynischer Philosoph .
Der Sternseher freute sich über die klaren Nächte , und die Sonne freute sich , daß sie keine mürrischen Wolkengebilde mehr zu bekämpfen hatte .
schwebte in Flor und Flitter , bunt wie in eine abgelegte Robe der Iris gekleidet , einher .
ward immer grämlicher , je schöner das Wetter wurde , sie gönnte es der Welt nicht ;
der kam nicht aus seiner Stimmung heraus , er vegetierte fort in der gemäßigten Zone seines Daseins .
studierte mit immer höherem Eifer und Erfolg Geographie , und es kam ein Brief aus New Orleans an die Adresse von , ein sehr unorthographischer Brief , unterzeichnet .
Der Brief verschwand spurlos , und nur der Erzähler weiß , wer ihn aus Luisens Nähkästchen stahl .
Mehr als einen Sarg und manche Wiege hatten die beiden Schreiner im Hinterhaus von Nummer zwölf der Musikantengasse angefertigt seit der Nacht , in welcher und die Stadt verließen .
– Frühling und Sonnenschein !
– Schwer hielt es , in dem jungen , ernsten , sinnenden Mann am Fenster des Klostergiebels den abgehetzten jungen Wilden aus dem Walde , , wiederzuerkennen .
Man sah ihm an , daß er durch seine Lehrer jetzt bereits stärker und anders gegen die Welt gerüstet war ;
wie der alte Ulex sagte :
artibus , virtute , opere , armis .
Männlicher war er geworden ;
das Auge , nach Milton das große Tor der Weisheit , hatte den unruhig suchenden Schimmer verloren ;
es war stet geworden , aber scharf geblieben ;
das sah man selbst jetzt , wo es sinnend träumerisch auf einem Punkte der Ferne ruhte .
Vor dem Jüngling lag der hohe , der Zauberer und Dichter , aufgeschlagen ;
aber der Scholar beschäftigte sich heute so wenig mit ihm , daß der Astronom , der weiter weg , an einem andern Tische , über einem sonderbaren , auch den Gelehrten bis dahin gänzlich unbekannt gebliebenen Buche aus der Königlichen Bibliothek , betitelt :
, brütete , öfters kopfschüttelnd seine Verwunderung darüber kundgegeben hatte .
Worte lieh er freilich seiner Mißbilligung nicht ;
denn der Greis gab der Zeit , der Frühlingssonne ihr Recht , den Geist zu lösen aus den Banden , ihn aus der dunkeln Nähe in die blaueste Ferne , weit über die Dächer und Mauern , weit über die äußersten Grenzen von Stadt , Feld , Dorf , Wald , weit , weit über die Berge , weit in die Ewigkeit hineinzuführen .
, dachte der Weise .
war unstreitig ein weiser Mann , diesmal befand er sich jedoch in einem großen Irrtum ;
die Seele Roberts wandelte augenblicklich nicht von Stern zu Stern , die Sonne überstrahlte die Sterne viel zu mächtig – die Seele des jungen Menschen schwebte nicht hoch über der Erde ;
im Gegenteil , dicht am Boden klebte sie und erging sich zwischen dem Gebüsch der Gartenecke , die in der Tiefe vom Giebel des Nikolaiklosters aus zu erblicken war .
Wie schon gesagt , der Jüngling hatte ein gutes Auge aus dem Walde in die Stadt mitgebracht , und es entging ihm keine Einzelheit des grünen , von der Sonne beschienenen Fleckchens .
Da stand zwischen Holundergesträuch eine weibliche Bildsäule von weißem Marmor , welche mit beiden Händen eine Schale , aus der Schlinggewächse herabhingen , über das Haupt erhob .
Im Schatten des Holunders , dicht neben der schönen Statue , stand eine zierliche Bank und davor ein ebenso zierliches Tischchen .
Auf der Bank saß ein junges Mädchen , welches einen breitrandigen Strohhut neben sich gelegt hatte und in eifriger Arbeit sich über einen Stickrahmen neigte .
Solange der Winterschnee die Dächer und den Gartenabschnitt deckte , hatte nicht auf diesen Erdenfleck , der seine Aufmerksamkeit jetzt sosehr in Anspruch nahm , geachtet ;
die Katzen , der Rauch , welcher aus den Schornsteinen aufstieg , hatten mehr Interesse für ihn gehabt als die paar kahlen Zweige und die mit Stroh umwickelte Puppe .
Das hatte sich mit Eintritt der Tag- und Nachtgleiche geändert .
Von seinem Lexikon aufblickend , sah Robert eines Tages da grüne Blätter und Blütenranken , wo kurz vorher nur ärmliches Gestrüpp zu erblicken war ;
ein sonniges Rasenstück war unter dem Schnee verborgen gewesen , und aus der Strohhülle hatte sich das weiße Bild der losgewunden .
Über Nacht war der Frühling auch in das Steingewirr dieses Teiles der großen Stadt gekommen ;
und am Morgen kam ein zierliches Fräulein , stand in einem Sonnenstrahl und gab einem Gärtner Anweisung , was nun weiter mit dem vom Frühling geübten Zauberwerk anzufangen sei .
Der Jüngling am Fenster des Klostergiebels sah es stehen , achtete jedoch anfangs weniger auf das niedliche Kind als auf das grüne Gebüsch und die Baumwipfel , an welchen die Blüten sich öffneten .
Jeden Fortschritt der Vegetation auf diesem winzigen Punkt inmitten der grauen Einöde beobachtete er , sozusagen , gierigen Auges .
Es lag ein Trost darin , eine Art Bürgschaft dafür , daß die Welt doch noch nicht ganz zu Mauerwerk , Schornsteinen und Feueressenqualm geworden sei .
Um die Gesichtszüge des jungen Mädchens , welches auf diesem sonnigen Fleckchen wandelte , mit bloßem Auge zu erkennen , war die Entfernung doch zu bedeutend .
Eines Tages aber kam der Polizeischreiber sehr ärgerlich gestimmt von dem Polizeibüro nach Hause ;
eine Dame , welche von einer Nachbarin in ihren heiligsten Gefühlen beleidigt war und welche an der Menschheit verzweifelte , hatte auch den Protokollführer beinahe zur Verzweiflung gebracht .
Er hielt während des Mittagsmahls seinem Zögling eine donnernde Philippika gegen die Weiber , zog zur Verdauung Göckingks Gedichte aus seiner Bibliothek und trug dem gleichgestimmten Robert den beherzigungswerten Vers :
Jüngling , hüte dein Herz und dünke gegen die Schönheit Nie dich weise genug , nimmer dich stärker als sie – nebst polizeilich angehauchtem Kommentar daraus vor .
An demselben Tage richtete Robert in Abwesenheit des alten Ulex eins der Fernröhre des Astronomen auf den Gartenfleck , die Marmorbildsäule , die Laube und die junge Dame und erkannte nun das Gesicht wieder , welches an jenem Abend , wo er , von dem Wagenrade niedergeworfen , auf der kalten nassen Erde lag , sich so erschreckt , lieblich und rührend zu ihm niedergebeugt hatte .
Der Garten gehörte zum Hause des , das kleine Fräulein unter den Holunderblüten war .
Wir wollen jetzt versuchen zu sagen , was und wie der junge Mensch in diesem neuen Frühling dachte und fühlte , wenn er das junge Mädchen im Grün neben der weißen Statue sitzen sah .
Der ersten Überraschung folgte in der Brust des Jünglings ein gewisser Mißmut , eine Art von ärgerlichen , verbissenen Grolles ;
denn fürs erste sah er noch das ganze Geschlecht in der Gestalt der einen verkörpert , durch welche er solchen Schmerz erduldet hatte und noch dulden mußte .
Während dieses Zustandes mußte Ulex seine wahre Freude an dem Schüler haben .
Mit brennendem Eifer vertiefte dieser sich in die Bücher und machte in jeder Hinsicht solche Fortschritte , daß der Alte gegen Fiebiger sein Lob nicht laut genug aussprechen konnte .
Doch wer kann immerdar über die schwarzen Lettern , wenn sie auch noch soviel Weisheit und Poesie enthalten , sich beugen ?
Stets von neuem fordert das Lebendige sein Recht über das Tote , und von dem Buche mußte das Auge des jungen Mannes sich doch zuletzt wieder erheben – zum Himmel , zu den Wolken , die der Südwind über die Dächer trieb .
Über die Dächer selbst mußte es schweifen , bis es wieder auf dem grünen Fleck , den es meiden wollte , haftete .
Hatte der Knabe die Stelle , welche er so unwillkürlich suchte , gefunden , so fuhr er wohl ärgerlich zusammen , schlug er mit verdoppelter Energie ein Blatt der Leiden des klugen , des Äneas und seiner Genossen oder eine Seite im Schiffskatalog um ;
aber dasselbe Spiel wiederholte sich von neuem , in der nämlichen Viertelstunde , auf die nämliche Weise .
Der Sternseher hatte recht , wenn er sich nun über die Unbeständigkeit der Stimmung seines Schülers wunderte ;
er schob dieselbe aber auf irgendeine schwierige lateinische oder griechische Konstruktion und pflegte zu sagen :
Errötend ließ der Jüngling den Greis in seinem Irrtum und wies irgendeine klassische Schwierigkeit auf , über welche nicht fortkommen zu können er behauptete .
Der Sternseher konnte unmöglich wissen , was an der Sache war ;
er erklärte , und zwar mit Vergnügen ;
um keinen Preis hätte er die begonnene Unterweisung des Schützlings wieder aufgeben mögen .
Geraume Zeit dauerte der Kampf Roberts gegen die zauberhafte Anziehungskraft der weißen Bildsäule , der grünen Baumgruppe und des kleinen Menschenfigürchens drunten in der Tiefe , zwischen den hohen Brandmauern .
Darauf kam eine Zeit , in welcher Robert sich nicht mehr wehrte gegen den magischen Punkt im Süden , eine Zeit , in welcher der Sternseher die Fortschritte seines Zöglings nicht mehr so wie früher zu loben hatte .
Selbst ein so gescheuter Mann wie kann nicht auf alles achtgeben , zumal wenn die Astronomie seine Lieblingswissenschaft ist , zumal wenn er den Jahren , bis zu denen die Heilige Schrift des Menschen Lebensalter ausdehnt , so nahe gekommen ist , als der Sternseher es war .
Der Polizeischreiber machte sich keine Sorge über die Zerstreutheit seines Schützlings , und noch weniger Sorge machte er sich über eine andere Umwandlung , welche im Wesen des Jünglings eingetreten war .
Anfangs hatte Robert sich vor den Gassen , vor dem Gewimmel der großen Stadt sehr gescheut , fast gefürchtet , und der einzige Weg , welchen er allein ging , war der zum Giebel des Nikolaiklosters gewesen .
In das Gewühl der Stadt hatte er sich nur an der Seite des Polizeischreibers gewagt , und stets war er bedrückt und verwirrt daraus heimgekehrt .
Er schien auf keine Weise sich darin zurechtfinden zu können ;
die Häuser und Mauern wollten ihm auf den Kopf fallen , die Tausende und aber Tausende von Gesichtern waren ihm unheimlich ;
überall vermutete er lauernde Feinde , Spott und höhnisches Lachen .
Das änderte sich allmählich ganz und gar .
wagte es , auf eigene Faust die Gassen zu durchstreifen ;
die Scheu , die Angst vor den Menschen verlor sich , und der rieb sich die Hände nach seiner Gewohnheit darüber .
Der Ortssinn , welchen der Jüngling aus seinem Heimatswalde mitgebracht hatte , leistete ihm jetzt die besten Dienste ;
er suchte die Straße , in welcher das Haus stand , dessen Gärtchen man vom Giebelfenster des Sternsehers aus erblickte .
Er fand die Straße und fand das Haus ;
durch erfuhr er , wem es gehöre .
Robert fing an , nähere Bekanntschaft mit dem leichtsinnigen Wandnachbar zu machen ;
auch Schminkert gehörte zu den Lehrmeistern , welche den Jüngling in die Geheimnisse des Lebens einweihen sollten ;
– ein gefährlicher Lehrer war er freilich , und seine Maximen , seine Philosophie wären ohne das Gegengewicht , welches Ulex und Fiebiger in die Waagschale warfen , im höchsten Grade bedenklich gewesen .
Es war die Philosophie des praktischen Zynismus , welche dem Jüngling hier entgegentrat ;
nicht jener Art des Zynismus , von der die Stoiker sagten , sie sei eine Abkürzung des Weges zur Tugend , sondern jener Art , welche nur eine Abkürzung des Weges zur Schenke , zu allen Ausschweifungen ist , indem sie die ganze Welt zu einer Kneipe macht und jede Tugend zu einem Schenkmädchen .
, meinte der treffliche Julius , gehörte zu den Menschen , welche in der ebenso angenehmen wie leicht erklärlichen Illusion befangen sind , zu den achtungswertesten , verkanntesten , geistreichsten und unentbehrlichsten Charakteren der Gegenwart zu gehören , und welche es zugleich für ihre Pflicht halten , sich von Zeit zu Zeit ein Individuum aus der Masse der Menschheit zu wählen und es mit allen ihren in ihnen verborgenen trefflichen Eigenschaften speziell bekannt zu machen .
Diese Menschen sind von der Natur mit seltsam kräftigen Anklammerungswerkzeugen ausgestattet ;
den Gegenstand ihrer Zuneigung halten sie fest , bis er ihnen langweilig geworden , bis sein Geldbeutel leer ist ;
– es sind noch lange nicht die schlechtesten Gesellen , und der schlaue alte Fiebiger ließ seinen Schützling ruhig mit dem Schauspieler gehen , ohne ein Wort darüber zu verlieren .
Die Augen hielt er aber weit offen .
führte den Jüngling ein in den Kreis , von welchem der ein so ausgezeichnetes Mitglied und kostbarer Zierat war und wo die früher schon erwähnten Damen die weibliche Grazie in der echtesten Karikatur zur Darstellung brachten .
Groß war die Verwunderung Roberts über die Anschauungen und das Gebaren dieses Kreises , über die Geschichten , welche die Herren und Damen erzählten , über die Art , wie sie ihre Geschichten erzählten .
Es konnte nicht fehlen , daß von Zeit zu Zeit auch die Rede auf die kam , und Robert mußte alle Geisteskraft zusammenraffen , um nicht , wenn dieser Name mit Spott und unendlicher Heiterkeit genannt wurde , aufzuspringen und dreinzuschlagen .
Eines Abends kehrte der Jüngling aus der Gesellschaft des Schauspielers heim in das stille verräucherte Gemach , wo der Polizeischreiber in Tabakswolken gehüllt bei seiner Lampe saß und las , legte mit Tränen der Reue und Wut dem Alten unaufgefordert Beichte ab und versprach ihm und sich selbst feierlich , nicht mehr den Wegen , auf welchen der lustige Julius sein Dasein vertaumelte , folgen zu wollen .
Der Alte fuhr sich komisch durch die Haare und meinte :
So wurde der Knabe aus dem Walde zwischen der Weisheit , die in der Einsamkeit unter den Sternen wandelt , der Weisheit , die im Gewirr der Menschheit den festen Boden der Erde tüchtig und ernst beschreitet , und der Lebensansicht , welche im Schmutz tappt und den Fuß nur hebt , um ihn desto tiefer wieder in den Kot zu setzen , seines Weges geführt .
Seine Schule begann sehr früh , und oft genug zitierte ihm der Sternseher die Worte Senecas :
Er vertiefte sich in den bittersüßen Inhalt des Buches des Lebens zu einer Zeit des Lebens , in welcher andere sich noch kindlich über den schönen goldglänzenden , bunten Einband freuen .
Er war zu beneiden ;
aber er war auch zu beklagen .
Wie wunderlich ist es doch , daß die Menschen , deren Los , alles in allem genommen , ist , hienieden beklagt zu werden , so oft und so grundlos beneidet werden und wieder andere beneiden !
Aber die Sonne lag auf dem grünen Gartenfleckchen hinter dem Hause des , welches vom Giebelfenster des zu erblicken war .
Der Himmel war blau , trotzdem die große Stadt so viele schwarze Rauchwolken zu ihm emporsandte .
– vergaß den über die Holunderbüsche , die weiße Statue der Hebe und die kleine Gartenbank , und der wunderte sich darüber ;
wir aber wenden uns jetzt zu dem Garten inmitten des Gemäuers selbst , wir wenden uns zu dem jungen Mädchen auf der Bank unter den Holundern , neben der Bildsäule .
Die Welt , in welcher geboren und aufgewachsen war , zu schildern ist kein Vergnügen .
Es gibt darin selten große Verbrechen , aber fast ebenso selten große Tugenden .
Es gibt darin recht hübsche , bequeme und angenehme Laster und ebenso hübsche , bequeme und angenehme Tugenden .
Man liebt und haßt auf eine Art , welche uns allen leider nur zu gut bekannt ist und welche keiner Beschreibung bedarf ;
– durchschnittlich überwiegen die Tugenden die Laster , durchschnittlich überwiegt die Liebe den Haß , doch das ist nicht sehr hervorzuheben .
Jedermann ist von seiner Vortrefflichkeit höchlichst überzeugt und verlangt , daß jedermann dieselbe Überzeugung davon habe .
Der Kreis , den man übersieht , ist nicht sehr weit , und was man sieht , erblickt man durch die gefärbten Gläser der Gewohnheit , des angeborenen oder allzu schnell gefaßten Vorurteils .
Man hat seine Art , der Welt gegenüber die Lorgnette vor die Augen zu halten , und es ist inkonventionell , von dieser Manier abzulassen – man würde sich allerlei mehr oder weniger spitze und stumpfe Bemerkungen und kleine , ganz winzige tödliche Verfeindungen dadurch zuziehen – man muß mit den andern leben , und man lebt gleich den andern .
Wir kennen diese Lebenskreise ziemlich genau ;
wirkliche Originale sind in den Grenzen , bis zu denen dieser Teil der menschlichen Gesellschaft sich ausdehnt , vielleicht am wenigsten zu finden , und zwar aus dem einfachen Grunde , weil man es hier am wenigsten mit Extremen zu tun hat .
Die goldene Mittelstraße hat auch ihre Schattenseiten ;
es ist nichts vollkommen in dieser Welt .
Die aurea mediocritas erträgt auch am wenigsten gern das Vollkommene ;
denn wie kann sie Freude und Genugtuung darüber empfinden , daß irgend etwas sich über ein anderes zu erheben sucht oder wirklich erhebt ?
Ist es so angenehm , überragt , überstrahlt zu werden ?
In diese Welt , wo man mehr lächelt als lacht , mehr leise haßt als laut zürnt , mehr verleumdet als schmäht und schilt , wurde hineingeboren , und ihr Leben würde sich wohl wie das der andern Kinder ihres Standes entwickelt haben ohne die Dazwischenkunft der guten Fee , des alten Mütterleins im Märchen , welches wir geschildert haben .
Wie gesagt , was für erst der und jetzt Fiebiger und Ulex waren , das war für Helene von frühester Jugend an das .
Leider müssen wir gestehen , daß die Bekanntinnen der jungen Dame nicht viel von ihr , , hielten ;
sie erklärten sie für ein Gänschen , sie behaupteten , sie sei hochmütig und wisse sich nicht zu kleiden ;
sie erzählten kleine Geschichtchen von ihr , und manche Schwester konnte nicht begreifen , was der Bruder an dem albernen , blöden Lärvchen finde .
Die aber – die jungen Herren der Gesellschaft überhaupt – fanden doch mancherlei an dem reizenden , so leicht errötenden Gesichtchen , an der zierlichen elfenhaften Gestalt ;
es gab mehr als einen gutgekleideten und gutgestellten jungen Mann , welcher für das schwärmte und seufzte ;
es gab mehr als eine Mama , welche auf die reiche Bankierstochter hatte und sie für ihren heirats- und geldbedürftigen Sohn für eine gute Partie hielt .
Das selbst hielt sich aber durchaus nicht für eine gute Partie , dazu war es viel zu bescheiden , dazu kannte es viel zuwenig den eigenen Wert und den Wert des Geldes .
Das Kind dachte gar schlimm von sich und hielt sich für recht dumm , recht unbeholfen und blöde ;
es hätte seinen Gespielinnen vollständig recht gegeben in ihren Behauptungen , wenn diese jungen Damen das verlangt hätten .
Es liebte seinen Papa vom ganzen Herzen , aber die mütterliche Freundin doch fast noch mehr ;
der Vater hatte so viele wichtige Dinge , so viele Zahlen im Kopfe .
Daß er sein Töchterlein vergötterte , wissen wir , aber daß der harte , gewandte Geschäftsmann ein großes Verständnis für manche Eigenschaften seines Kindes haben sollte , konnte man nicht verlangen .
Der Bankier war eigentlich ein sehr eitler Mann ;
er prahlte zwar nicht laut und im schlechten Geschmack , aber er war doch sehr überzeugt von der Wichtigkeit seiner Stellung , dem Glanz seines Namens und Reichtums .
Der Bankier war auch eitel auf seine Tochter .
Sie mußte den elegantesten Wagen , die eleganteste Toilette haben ;
die Leute sollten überall , wo sie erschien , sagen :
, sagte das , Der Bankier brummte ein wenig in die weiße Halsbinde hinein und vertiefte sich von neuem in seine Kursberechnungen , seine Spekulationen mit spanischen und türkischen Anleihen , seine Betrachtungen über Russen-Stieglitz , über das Haus Arnstein und Eskeles , über das Haus Rothschild .
Er fügte sich leicht , wenn das kleine lahme Freifräulein die Hand erhob , und befand sich samt seinem Hause wohl dabei .
aber ward ein sehr vornehmes Mädchen , und aus ihren tadelnden Altersgenossinnen sprach mehr der Neid als sonst irgend etwas .
So kam der Zeitpunkt , in welchem unsere Erzählung ihren Anfang nahm ;
das Wagenrad warf auf das Straßenpflaster , und einen unauslöschlichen Eindruck machte dieser Zufall auf die Seele des jungen Mädchens .
Eine geraume Zeit hindurch erwachte sie jede Nacht aus ängstlichen Träumen , in welchen sie durch das bleiche , blutige Gesicht des Jünglings erschreckt wurde .
Vergebens waren anfangs alle Beruhigungsversuche des Freifräuleins ;
die zitternden Nerven des Kindes mußten ihre Zeit zum Ausklingen haben .
erzählte die Geschichte Roberts , wie sie dieselbe auf dem Observatorium des Sternsehers erfahren hatte , dadurch trat eine andere Art der Teilnahme an die Stelle der Angst .
Diese kurze einfache Geschichte war so rührend , war so traurig – immer von neuem mußte Helene sich ihre Einzelheiten wiederholen .
Ihre lebendige Phantasie malte ihr den Wald , die Forsthütte , das Bett mit den fieberkranken Kindern und das sonstige wilde Leben und Sterben daselbst , das stille , friedliche Pastorenhaus von Poppenhagen und die schöne , die böse mit den deutlichsten Farben .
Wie ging es doch zu , daß die kleine Helene allmählich anfing , die schöne Eva recht vom Herzen zu verabscheuen , trotzdem daß das Freifräulein nicht anstand , die Arme in Schutz zu nehmen und sie für ein wackeres Mädchen zu erklären ?
!
Auf den schlauesten Umwegen und den verborgensten Seitenpfaden brachte die arglistige Helene das gute Fräulein immer von neuem zu Auslassungen über den Schützling des Polizeischreibers , den Schüler des Sternsehers .
Und , für welche der Gegenstand selbst von Interesse war , willfahrtete gern und sprach sich von freien Stücken aus .
Nun ertappte sich Helene öfters über dem Gedanken , es sei doch recht gut , daß endlich alles auf diese Weise gekommen , recht gut , daß die wilde Eva mit dem ebenso wilden Fritz übers Meer fortgegangen sei .
Das junge Ding setzte sich selber heimlich in den verständigsten altklugen Gedankenreihen auseinander , wie Robert und Eva nimmer zueinander gepaßt haben würden , wie niemals etwas Gutes aus ihrer Vereinigung entstanden wäre .
Welch ein Unglück hätte schon daraus entstehen können , wenn mit dem Jüngling in derselben Stadt zusammengeblieben wäre !
Nun erzählte , wie fleißig Robert bei dem alten Ulex im Kloster Sankt Nikolaus studiere und wie der Gelehrte mit dem Kopfe und den Fortschritten seines Schülers so sehr zufrieden sei .
Das freute das junge Mädchen unbeschreiblich , und nun kam ihr bald der Gedanke , wie sie selbst noch ein gar so dummes Gänschen sei , wie sie gar nicht Bescheid wisse in der Welt .
Daraufhin hatte das gescheite Köpfchen auf dem hübschen Halse wiederum einige schlaflose Nächte , und dann sah Robert von seinem Giebel aus durch des alten Ulex Fernrohr , wie von dem Tisch in der Holunderlaube Stickrahmen , Körbchen mit bunter Seide und Wolle , Spitzenrollen , Bänder und Zeugstücke aller Art verschwanden und Bücher , Papier und ein Dintenfaß an ihre Stelle traten .
Das war für den Studenten eine liebliche Aufmunterung zum Studium ;
wenn nur nicht zugleich eine solche Verlockung damit verbunden gewesen wäre , die eigenen Bücher ganz und gar über das Betrachten des fremden Fleißes zu vergessen .
Wenn das neben der zarten Lichtgestalt auf der Gartenbank erblickte , so freute er sich jedesmal , daß es solch ein verbindendes Mittelglied zwischen seiner Existenz und der gab .
Und verstohlen sah Helene nach dem fernen Giebelfenster und war dabei in tödlicher Angst , daß das Freifräulein frage , was sie da oben zu sehen habe .
Das Kind hätte wahrlich keine Aufklärung darüber geben können , so fest auch das Faktum stand .
Gegen Mittag erhielt Eugen ein elegantes Briefchen , das mit dem Wappen der Beauséants versiegelt war .
Es enthielt eine Einladung für Herrn und zu dem seit einem Monat angekündigten großen Ball bei der Vicomtesse .
Der Einladung waren ein paar Worte für Eugen beigefügt :
› Ich denke mir , mein Herr , daß Sie es mit Vergnügen übernehmen werden , meine Empfehlungen zu überbringen ;
beigeschlossen sende ich Ihnen die Einladung , um die Sie mich baten , und werde entzückt sein , die Bekanntschaft der Schwester zu machen .
Bringe Sie mir also die hübsche kleine Frau und schenke Sie ihr nicht Ihre ganze Zuneigung ;
denn für die Gefühle , die ich Ihnen entgegenbringe , schulden Sie auch mir ein wenig Dank .
.
‹ , sagte sich Eugen , den Brief noch einmal durchlesend , Er begab sich sofort zu Delphine , glücklich , ihr eine Freude zu bereiten , die ihm sicherlich guten Lohn einbringen würde .
befand sich im Bade .
Rastignac wartete im Boudoir , ein Opfer der so natürlichen Ungeduld eines feurigen jungen Mannes , der voller Sehnsucht ist nach dem endlichen Besitz einer seit einem Jahre umworbenen Geliebten .
Derartige Aufregungen empfindet ein junger Mann nur einmal in seinem Leben .
Das erste Weib , das sich einem Manne in allem Glanze der vornehmen Gesellschaft zeigt und das dann gewissermaßen doppelt Weib ist , hat weder Nebenbuhlerinnen noch Nachfolgerinnen .
In Paris ist die Liebe anders als in anderen Gegenden .
Weder Männer noch Frauen unterliegen hier den öden Gemeinplätzen , die man sonst wohl aus Gründen der Höflichkeit und sogenannter Uneigennützigkeit anzubringen liebt .
Hier in Paris soll eine Braut nicht nur Herz und Sinne befriedigen , sondern sie weiß selbst recht gut , daß sie den tausend Eitelkeiten des Gesellschaftslebens gegenüber gewisse Verpflichtungen zu erfüllen hat .
Hier vor allem ist die Liebe prahlerisch , kühn , verschwenderisch , marktschreierisch und prunkvoll stolz .
Wenn alle Frauen am Hofe um die hinreißende Leidenschaft beneideten , die diesen großen Fürsten vergessen ließ , daß das Paar seiner Spitzenmanschetten ihn zweitausend Taler kostete , als er sie zerriß , um dem den Eintritt ins Leben zu erleichtern , – was kann man da von der übrigen Menschheit verlangen ?
Seid jung , reich und von Adel , seid noch mehr , wenn ihr es könnt ;
je mehr Weihrauch ihr eurem Götzenbilde streut , desto mehr wird es euch gewogen sein , vorausgesetzt eben , daß ihr ein Götzenbild habt .
Die Liebe ist eine Religion , und ihr Kult ist kostspieliger als der aller anderen Religionen ;
Amor ist immer in Eile , läuft an dir vorbei wie ein Gassenjunge , der es liebt , durch Verwüstungen seinen Weg zu bezeichnen .
Der Luxus der Empfindsamkeit ist die Poesie der Dachkammern ;
was wäre die Liebe ohne diesen Reichtum ?
Gibt es auch Ausnahmen dieses drakonischen Pariser Gesetzes , so begegnet man ihnen doch nur in der Einsamkeit , bei jenen Seelen , die sich vom allgemeinen Brauch noch nicht haben fortreißen lassen , die neben klaren , fruchtbaren , unendlich fließenden Quellen wohnen ;
die , ihren grünen Schattenhängen treu , und glücklich , der Sprache des Ewigen zu lauschen , die ihnen aus allem , ja sogar aus ihnen selbst entgegentönt , geduldig ihrer Flügel harren .
Rastignac aber , gleich allen jungen Leuten , die sich am Großen berauschen , wollte mit allen Waffen in die Schranken treten ;
er fühlte ein trunkenes Fieber in sich und die Kraft , das Leben zu beherrschen , aber er kannte weder die Mittel noch das Ziel seines Ehrgeizes .
Alle , denen nicht etwa eine reine und heilige Liebe das Leben ausfüllt , kann dieser Durst veredeln ;
er vermag es , den persönlichen Eigennutz zu zerstören und sich die Größe des Vaterlandes zum Ziel zu setzen .
Aber der Student war noch nicht auf der Höhe angelangt , die es dem Menschen gestattet , den Lauf des Lebens zu überblicken und zu beurteilen .
Er hatte noch nicht einmal den lieblichen Zauber der frischen , frohen Anschauungen abzustreifen vermocht , der wie mit grünem Laube die Jugend eines Provinzlers umhegt .
Er hatte noch immer gezögert , den Rubikon von Paris zu überschreiten .
Trotz seiner brennenden Neugier hing seine Seele noch immer an der Vorstellung der schlichten , biederen Lebensführung eines Landedelmannes auf seinem Schlosse .
Am vergangenen Abend aber , als er sich in seiner neuen Wohnung befand , waren seine letzten Bedenken geschwunden .
So wie er sich schon lange der gesellschaftlichen Vorzüge erfreute , die eine edle Geburt verleiht , genoß er nun die materiellen Vorzüge des Besitzes ;
er hatte den Provinzmenschen abgestreift und sich eine Stellung gesichert , die ihn eine schöne Zukunft erblicken ließ .
Als er nun hier in diesem hübschen kleinen Boudoir , das er auch ein wenig als sein eigen ansah , voller Ruhe und Behagen Delphine erwartete , fühlte er sich dem vor einem Jahre nach Paris gekommenen Rastignac so fern , daß er sich fragte , ob er wirklich noch er selber sei .
, meldete ihm Therese .
Er erbebte .
Er fand Delphine frisch und ausgeruht auf einem Ruhebett neben dem Kamin .
Wie er sie da so auf Wogen von Musselin ruhen sah , konnte er nicht umhin , sie mit jenen schönen Blumen Indiens zu vergleichen , die in der Blüte schon die Frucht hervorbringen .
rief sie ihm bewegt entgegen .
sagte Eugen , sich an ihre Seite setzend , und ergriff ihren Arm , um ihre Hand zu küssen .
Als die Einladung gelesen hatte , lächelte sie erfreut .
Sie heftete ihre feuchten Augen auf Eugen und schlang die Arme um seinen Hals , um ihn in einem Rausch befriedigter Eitelkeit an sich zu ziehen .
, flüsterte sie ihm ins Ohr ;
sagte Eugen , , sagte die Baronin , Eugen den Brief zurückgebend .
fuhr sie mit leiser Stimme fort , Rastignac war noch um ein Uhr nachts bei .
Beim Lebewohl , nachdem sie all die süßen Liebesworte gesagt hatten , die voller Wiedersehensfreude sind , fügte sie mit schmerzlichem Ausdruck hinzu :
sagte Eugen .
, sagte sie lächelnd .
Eugen kehrte zum Hause Vauquer zurück , mit der Gewißheit , es anderntags für immer zu verlassen ;
er überließ sich also unterwegs den schönen Träumen , denen alle jungen Leute sich hingeben , solange sie noch den Geschmack des Glückes auf den Lippen spüren .
sagte , als Rastignac an seiner Tür vorbeiging .
, erwiderte Eugen , rief der Alte .
Am anderen Tage warteten Goriot und Rastignac nur noch auf den guten Willen eines Dienstmannes , um die Familienpension zu verlassen , als man gegen Mittag das Rollen eines Wagens vernahm , der vor dem Hause Vauquer anhielt .
stieg aus ihrem Wagen ;
sie erkundigte sich , ob ihr Vater sich noch hier befinde , und auf Sylvias bejahende Antwort eilte sie schnell die Treppe hinauf .
Eugen befand sich in seinem Zimmer , ohne daß sein Nachbar davon wußte .
Er hatte beim Frühstück gebeten , auch seine eigenen Sachen wegschaffen zu lassen , mit dem Bemerken , ihn um vier Uhr in der Rue d'Artois wiedertreffen zu wollen .
Als aber der Alte weggegangen war , um ein paar Träger zu holen , war Eugen , nachdem er für kurze Zeit im Kolleg gewesen , unbemerkt wiedergekommen ;
er wollte mit abrechnen , denn er befürchtete , daß Goriot in seiner Schwärmerei am Ende auch für ihn mit bezahlen werde .
Die Wirtin war ausgegangen .
Eugen stieg in sein Zimmer hinauf , um nachzusehen , ob nichts vergessen worden sei ;
und er beglückwünschte sich zu diesem Gedanken , als er in seinem Tischschubfach den Vautrin ausgestellten Wechsel fand , den er am Tage der Einlösung sorglos dort hineingeworfen hatte .
Da kein Feuer im Ofen war , wollte er das Papier in kleine Stücke zerreißen .
Als er die Stimme Delphines vernahm , hielt er inne , um zu lauschen , denn was für Geheimnisse sollte es zwischen ihnen geben ?
Nach den ersten Worten aber fand er die Unterhaltung zwischen Vater und Tochter zu interessant , ihr nicht genau zuzuhören .
sagte sie , , erwiderte mit versagender Stimme .
fragte .
entgegnete der Greis .
, versetzte .
, fuhr Delphine fort ;
rief .
, sagte sie , weinend in einen Stuhl sinkend .
An Fanny Denk um aller Welt willen , liebe Fanny !
– Denk , das Weibergeschmeiß hatte den Muth mich beim hiesigen Bischoff wegen der Aufführung des Trauerspiels zu verklagen .
Die bissigen Schlangen raunten heulend und schluchzend diesem Manne manche Lüge ins Ohr , die ihren Klagen über mich sicher Gewicht gegeben hätten , wenn sie nicht zum Glükke an einen würdigen , vorurtheilfreien Mann gerathen wären .
– Dieser brave , unpartheiische Richter lies unsere Oberin nebst mir zu sich rufen , und foderte mit Sanftmuth und Menschenliebe Beruhigung über eine Sache , der man den Schein des Bösen angehängt hatte .
– Was mir die Kühnheit dieser Weiber im Kopfe wurmte !
O das kann ich Dir nicht genug sagen !
Demungeachter aber antwortete ich dem Bischoff mit einer satirischen Fassung , die mehr an Spott als an Bitterkeit gränzte .
– Der vernünftige Vorsteher lachte am Ende selbst über die tolle Grillenfängerei , womit die Weiber ihn bestürmt hatten .
– Nun durfte ich frei eine Unternehmung fortsezzen , auf der ich jezt eigensinniger als jemals beharrte .
– Die Andächtlerinnen verkrochen sich während dieser Zeit brummend in ihre Zellen .
Eine lief izt zur andern , und es gieng an ein heimliches Flüstern , daß der Himmel sich darüber hätte erbarmen mögen !
– Ebenfalls von Galle gereizt , lies ich diesen Friedensstörerinnen geradezu den Eintritt in mein Schauspiel verbieten , und kümmerte mich wenig um die ihrige , die sie jezt untereinander über mich versprüzten .
– Alle meine Anstalten zum Stük waren so lärmend , so pompös , daß ich dadurch nicht wenig , ungeachtet ihres Zorns , die Neugierde dieser Bigotten reizte .
– Kaum hatten die schönen Vorbereitungen ihren Anfang genommen , und die glänzende Gesellschaft von Zusehern sich versammelt , als eine nach der andern , aus Neugierde hinzuschlich , und sich unter der Menge versteckte .
– Der Saal war enge angefüllt von Zusehern , welche größtentheils die Begierde zu spotten hergetrieben hatte , weil sie hier hinlänglichen Stoff dazu zu finden glaubten .
– Schöngeister , Stuzzer , Muttersöhnchen , Maulaffen , Komödianten , allerhand Zeugs hatte sich ungeachtet der guten Anstalten unter die Zuseher gedrängt .
Nur die Noblesse saß voll nachsichtlicher Erwartung stille an ihrem angewiesenen Orte – und machte ihrer Erziehung nicht durch voreiligen Spott Schande ;
wenigstens geschah es nicht laut .
Schon bei den Proben hatte ich von Kennern zu vielen Beifall in einer Rolle erhalten , die zu sehr zu meiner Schwermuth paßte , als daß mich izt Bangigkeit hätte überfallen können .
Auch selbst meine Schülerinnen waren zu gut geübt , um nicht weit erträglicher zu spielen , als so viele hölzerne Schauspieler , die mit ihrer stumpfen gefühllosen Seele so manches gute Publikum verstimmen .
– Endlich war das Stük aufgeführt , und Vernünftige waren mit uns zufrieden , Fühlende weinten , Spötter schwiegen , und einige gegenwärtige eitle Gekken schlichen beschämt davon .
– Mehrere Personen kamen zu mir hinter die Koulissen , und küßten mich wegen meiner wohlgespielten Rolle mit einer Begeisterung , die mich entzükte .
– Ich fühlte aber auch ohne Eigenliebe mit meiner eigenen Theaterkenntnis , daß uns Allen , außer gehöriger Einrichtung des Theaters , nicht viel zur guten Aufführung eines Stüks gefehlt hätte , dessen Gang rasch auf einander folgte , so wie es die Leidenschaften erfoderten .
Selbst die boshaften Frazzengesichter von Nonnen weinten über die richtige Vorstellung des Gefühls .
– Reichlich durch den allgemeinen Beifall für die Verdrüßlichkeiten belohnt , die ich vorher auszustehen gehabt hatte , verlies ich mit innigem Vergnügen den Gartensaal .
Gewis , Freundin !
– Es kostet mich Mühe , diesem leidenschaftlichen Hang fürs Theater zu widerstehen .
– Aber der Himmel bewahre mich ja vor seiner Befriedigung an öffentlichen Oertern !
Nein außer der dringendsten Noth würde ich nie so einen Schritt wagen !
– Zu viel kenne ich die jezzige schändliche Verfassung der meisten Bühnen , als daß mich nicht eine solche Aussicht abschrökken sollte !
– Leb für izt tausendmal wohl , gute , beßte , liebste Freundin !
Amalie .
93. Brief .
An Amalie XCIII. Brief An Amalie Theuerste , liebste Amalie !
– Ich habe mich satt über deinen Weiberkrieg gelacht !
– Der Sieg , den Du aber auch davon trugst , war herrlich !
– Du hast es gewagt , dem Vorurtheil und seinen Anhängern zu beweisen , daß man ihnen trozzen kann , wenn man anders den Muth dazu hat .
Aber nimm Dich in Acht , Amalie , Du wirst überzeugt werden , daß diese Geschichte Dir unter dem Weibsvolke Feindseligkeiten zuziehen wird .
Die Nonnen werden Dich durch tausend Nekkereien so lange quälen , bis Du ihr Kloster gerne freiwillig verlässest .
Die Verfolgung der Bigotterie ist anhaltend hartnäkkig , und ruht nicht eher , als bis der verfolgte Gegenstand sie von selbst flieht , oder zu Boden liegt !
– Wie viele brave Männer haben leider dies Schiksal schon erlebt !
– Der äußerste Winkel der Erde war oft keine sichere Freistätte für solche Märtirer der Wahrheit , die es wagten , den Misbräuchen und Vorurtheilen die Stirne zu bieten .
und waren die Schuzgötter so vieler von der Andachtssucht ins Elend verwiesener Unglüklichen , die mit der Aufrichtigkeit eines ehrlichen Mannes die Heuchelei entwaffneten , womit gutherzige Christen so viele Jahre durch geprellt wurden .
Sei vorsichtig , meine Liebe !
die Schlingen unter dem Dekmantel der Religion gelegt , sind weit gefährlicher , als Du Dir vorstellst .
Weißt Du nicht , Weiberhaß ist gränzenlos , er erreicht erst dann sein Ende , wenn die so ihn besizt in den lezten Zügen liegt .
Also vorsichtig , mein Malchen !
– Doch nun zu der Unterrichtung deiner Kostgängerinnen , die mir äußerst wohlgefiel .
Es dürfte sich wohl mancher Vorsteher einer deutschen Schauspielergesellschaft diese Art merken , damit er sein Häuschen erträglicher stimmte , als die vielen herumschweifenden schlechten Gesellschaften , die außer dem Schuldenmachen und der Buhlerei nicht das geringste von der Kunst verstehen .
Du hast es durch deine Bemühung bewiesen , daß die Kunst blos durch starke Uebung und Fleis zu einer gewissen Vollkommenheit zu bringen ist .
Aber noch immer verfehlt die deutsche Bühne ihren Endzwek ;
noch immer stiftet sie mehr Schlechtes als Gutes , schaffet mehr unerträgliches Zeugs als Unterhaltung .
Noch immer nicht ist diese Bühne rein von schlechtem Lebenswandel und abscheulichen Lastern .
Noch immer predigt die Ausschweifung selbst eine verdächtige Moral , die im Munde des lüderlichen Schauspielers entheiligt wird .
Ordnung und Gesezze zieren nur ganz wenig einige Nazionaltheater ;
unmöglich sind diese wenigen gutgesitteten Theater im Stande , den moralischen Nuzzen zu ersezzen , der von so vielen herumziehenden Dieben und Diebinnen der Tugend durch ihr übles Beispiel geraubt wird .
Man möchte vor Entsezzen schaudern , wenn man das herumstreichende verkappte Laster in den kleinsten Städten willkommen sieht .
– Keine Obrigkeit scheint sich um diese heimlichen Stifter des Verderbens zu kümmern .
Würde man nur wenige Bühnen dulden , und diese wenigen durch scharfe Gesezze in Ansehung der Sittlichkeit im Zaume halten , so hätte die kleinere Anzahl gesitteter Schauspieler bequemeres Brod zu genießen , und die übrige Menge von Landstreichern würden in ihre schändliche Atmosphäre zurükkehren , woselbst sie dem Zuchthause gewis nicht entgangen wären , wenn sie nicht bei einer solchen Gesellschaft Zuflucht gefunden hätten .
– Amalie , um Gotteswillen thue nur in der äussersten Noth diesem Hang zum Theater Genüge !
– Du würdest Dir unbeschreibliche Leiden über den Hals laden .
Denke nur einmal dem giftigen Neide nach , der Dich armes gefühlvolles Mädchen so geschwind ins Grab drükken würde .
– Ewig nie würdest Du , eben so wenig als ich , mit deiner Aufrichtigkeit die wetterläunische Gunst der boshaften Theaternimphen erhalten ;
gerade so wenig , als Du mit deiner Beinkleidergeschichte den Anmerkungen einiger alten Zieraffen von Weibern entgehen wirst .
So naiv , launigt und wahr Du sie skizzirtest , so wird sie doch ihrer Heuchelei , mit der sie gewohnt sind , ihre Keuschheit zu übertünchen , ein großes Hindernis seyn .
Diese heimlichen Sünderinnen scheuen sich nur , öffentlich von Beinkleidern zu sprechen , und sättigen dann ihre verborgene Lüsternheit unter vier Augen .
– O , man traue nur keinem Weibe , wenn sie Ziererei affektirt !
denn dadurch verräth sie gerade Kenntnis des Lasters .
– Ein schuldloses Geschöpf giebt jedem Kleidungsstük den einfachen Sinn , und findet ohne Erfahrung des Gegentheils nicht leicht eine Zweideutigkeit darinne .
– Glaube mir , Beßte ;
die Frauenzimmer , welche am ersten über ein anstößiges Wort in Gesellschaft schreien , hören es am liebsten , und entdekken nichts Neues darinn .
Die wahre Tugend bleibt mitten in allen Versuchungen kalt , und hängt unerschütterlich fest an den Grundsäulen ihrer Reinheit .
– Das Frauenzimmer , das beim übeln Beispiel zwischen Verachtung und Wohlgefallen einen Mittelweg findet , ist gewis das vernünftigste und tugendhafteste .
Ein feiner Scherz entehrt ein Frauenzimmer eben so wenig , als ganz gewis eine grobe , kühne Zote sie in Gesellschaften beschämt .
– Aftertugend herrscht so allgewaltig in diesem Punkt unter den Frauenzimmern , und nur wenige wissen sich durch feinen Wiz die Achtung eines Menschenkenners zu erwerben , der heuchlerische Ziererei von der Aechtheit des Karakters zu unterscheiden weiß .
– Wenn die Weiber über ihr Loos nachdenken wollten , sie würden bis zu ihrer lezten Stunde nicht fertig .
– Doch , meine Beßte , für heute muß ich von Dir Abschied nehmen , weil es meine Geschäfte erfodern .
– Leb indessen ruhig , zufrieden , bis deine Fanny Dir bald wieder sagen wird , wie sehr sie Dich liebt !
– – 94 .
Brief .
An Fanny XCIV. Brief An Fanny Liebste , Theuerste !
– Laß mich an deinem Busen ausweinen , und hilf mir dann tragen !
– Der Kummer fängt wieder aufs Neue an in mein Herz zu schleichen – und meine Schwermuth rükt an ihre vorige Stelle .
– O des elenden Kerls von einem Manne !
Er schreibt seit seiner langen Abwesenheit auch nicht eine Zeile des Dankes an meinen Oheim .
Er kümmert sich mehr um seine Hunde , als um sein armes Weib .
Dürftigkeit und Gram könnten mich hinraffen , ehe der Undankbare nur einen Laut von Erbarmung von sich hören ließe .
Das Herz dieses Ruchlosen ist verstokt ;
er hat mich izt auf ewig verlassen .
Nun so lebe denn wohl , grausamer Störer meiner zeitlichen Ruhe !
– Genieße dein leichtsinniges Leben , Bösewicht , bis wir uns einst an jenem Tage wiedersehen , wo der Allgewaltige dir die Last meines Elends vorwägen wird !
– Gott möge an dir die Flüche nicht ahnden , die dein Leichtsinn mir abzwingt !
– Du – du Verworfener !
– wußtest mich in Ketten zu lokken , die ich nun mein ganzes Leben hindurch verzweiflungsvoll nachschleppen muß !
– Gebunden ist izt meine Freiheit an dich , Sünder !
– O Freundin !
– verloren sind in der Zukunft für mich alle Freuden der Liebe !
– Erstikken soll ich meine Gefühle für fremde , aber bessere Herzen .
Widerspenstig gegen dieses Gebot werde ich hinwelken , bis mein Blut aus Raserei stokt !
– Gott im Himmel !
– Sieh herab auf meine Kämpfe !
– Erbarme dich meines Händeringens !
– Sieh , wie ich ringe und streite , um der Menschen grausame Gesezze zu befolgen !
– Sieh , wie die Wallung meines jugendlichen Bluts mir Angstschweis kostet !
– Schon in meinen Kinderjahren war Liebe für mich das einzige Geschenk deiner Güte , das für mein fühlendes Herz so sehr paßte .
Liebe war die einzige Empfindung , nach welcher ich so feurig haschte !
– Mein ganzes Wesen schien nur Liebe zu athmen .
Alle meine Glükseligkeit suchte ich blos in ihr ;
und die seligste Wonne , mich an etwas Liebendes vertraut schmiegen zu dürfen , wurde mir dann zum Bedürfnis .
Feurig klopfte mein warmes Herz einem zukünftigen Gatten entgegen , und .... O Allmächtiger !
– wie gräßlich fand ich mich betrogen !
!
!
– So soll ich denn auf immer meine Stunden so einsam verwimmern ?
Soll ich gänzlich entsagen allen meinen schönsten Hofnungen , die mir dieses irdische Leben in den Armen eines gutdenkenden Gatten schon zum voraus zum Paradiese schufen !
– Und das alles um eines Bubens willen , der mich so künstlich zu einem unzerbrechlichen Schwur vor dem Altare lokte !
– Ha !
– weh mir !
– weh mir !
– Ich werde entweder rasend , oder unterliege !
– Außer der Liebe ist für mich alles zu einsam , zu leer ;
eine tödtliche Langeweile richtet mich zu Grunde !
– Meine unbeschäftigte Einbildungskraft kann sich an nichts mehr halten , was ihr in der Liebe Schwungkraft zu allem Entzükken gab .
O , die Augenblikke des herrlichsten Vergnügens , wo die stärkste Liebe um noch stärkere gegenseitige zu erringen sich bemühet , dürfen sich mir von nun an nicht mehr nähern !
– Ich kann nicht hinsinken an den Busen eines andern Gatten , um dorten unter wollüstigen Thränen meinen Kummer zu verschwärmen !
– Das feurigste Verlangen nach einer andern harmonischeren Vereinigung darf in meinem Herzen nicht auflodern !
Ich bin verbannt aus dem Vergnügen der seligsten Gattenliebe , für immer und ewig !
Man würde mich sonst als eine Verbrecherin mit Schande belegen , bei einer Religion , die keinen mislungenen Schritt zurükthun läßt !
– Und wenn ich darüber meinen Verstand verlöre , so muß ich Fesseln tragen lernen , die mir meine gutherzige Leichtgläubigkeit aufbürdete !
Gott !
– Gott !
– wie werde ich mich in einen Zustand schikken können , der alle meine Gefühle für Liebe in mir lebendig begraben soll ?
– Freundin !
– Der hiesige Aufenthalt ist mir izt schröklich zur Last !
Die Nonnen schleichen um mich herum , wie falsche Kazzen .
Schon bei ihrer Erschaffung theilte die Natur diesen Weibern den Fluch der Unempfindlichkeit mit ;
und ich verachte sie um ihres wenigen Gefühls willen .
– Auch nicht einer einzigen davon möchte ich eine Thräne anvertrauen !
– Ihr kalter , dummer Trost würde mich vollends unsinnig machen .
– Das Blut in ihren Adern ist zu eingefroren , um dem meinigen harmonisch zu begegnen .
Nur die wenigen gefühlvollen Nonnen haben meine Achtung , wenn sie wonnetrunken an dem Busen ihrer Lieblinge schwärmen .
– Doch auch diese Auftritte reizen mich izt zum schröklichsten Fluche über mein wirkliches Loos !
– Ich beneide die Freuden dieser Glüklichen , und empfinde dann meine Leiden desto schwerer !
!
!
– Gerechter Himmel !
– nimm zurük ein Leben , das ich nicht länger mehr zu schleppen vermag .
– – Liebe Fanny !
– o habe Mitleiden mit Deiner kämpfenden Amalie .
95. Brief .
An Fanny XCV. Brief An Fanny Meine Beßte !
– Vor einigen Tagen hat man mir auf die lezten Pulsschläge gewartet !
– Daß Krankheit in mir lag , mußt Du aus meinem lezten Briefe schon gemerkt haben .
– Daß es aber so weit in dieser Krankheit mit mir kommen würde , hätte ich selbst nicht geglaubt .
– Kaum war der Brief aus meinen Händen , so überfiel mich ein unüberwindlicher Menschenhaß !
– Ich floh alles im ganzen Kloster , gieng nicht zum Tische , und saß ganze Täge allein auf meinem Zimmer .
Von frühe bis Abends dachte ich in einer unbeweglichen Stellung blos der Schröklichkeit meines Schiksals nach !
– Selbst die Nonnen durften es nicht wagen , meine stille Schwermuth zu stören .
Ich verriegelte mit der größten Entschlossenheit meine Thüre , und blieb einstens einen Tag lang ohne Nahrung .
– Sie schrieen und pochten umsonst .
– Ich blieb troz ihrem Gelärme fest auf meinem Stuhl , wie angenagelt , und hörte aus Uebermacht des Grams nicht weiter auf ihr Geschrei .
– Endlich entschlossen sie sich vermittelst einer Leiter in mein Zimmer zu steigen , weil sie mich für todt hielten .
– Kaum aber erblikte ich am Fenster den Kopf einer Nonne , so brach auch auf einmal meine schlummernde Wut los !
!
!
Sie hatten Mühe mich von Gewaltthätigkeit abzuhalten !
– Ich pakte sie an , aber man bemächtigte sich meiner !
– Meine gallsüchtige Raserei stieg von Minute zu Minute , bis zu einem Grad , daß mich die Nonnen wirklich an Ketten legen wollten !
– Der eilends beschikte Arzt war während dieser Zeit auch gekommen , und verbot den Nonnen ihre fürchterliche Unternehmung .
– Schon hatten diese Unbesonnenen meine Hände gefesselt , und eine blaurothe Farbe auf meinen schwachen Knochen bewies die Schwere dieser drükkenden Eisen .
– Der Arzt zögerte izt nicht lange , mir zwo Adern auf einmal zu öffnen , und lies das sprudelnde Blut so lange herauslaufen , bis Kraftlosigkeit meine Raserei entwaffnete !
– Ohnmächtig sank ich dann in seine Arme ;
und Dank sey es seiner Sorgfalt !
bald erhielten meine Sinnen wieder ihre vorige Richtung .
– Dieser Mann war bescheiden genug , nicht in das Geheimnis meines Kummers zu dringen , ob er gleichwohl eine starke Gemüthskrankheit in mir entdekte .
– Er schrieb sogleich durch einen Expressen an meinen Oheim .
Der späte Gast .
Die Hunde klafften und der Thürmer stieß ins Horn .
Ein einzelner Reiter hielt vor der Zugbrücke .
Kaum daß er den Namen genannt , als man sich fast übereilte das Gatter aufzuziehen und die Zugbrücke niederzulassen , derweil Andere ins Herrenhaus liefen , den unerwarteten , seltenen und wie es schien , vornehmen Gast anzumelden .
Die brennenden Kienspähne beleuchteten eine nicht unedle , hohe ritterliche Gestalt .
Auf einem schönen Rappen ritt er jetzt , etwas gebückt , durchs Thor .
Dem Reiter und seinem Thiere sah man es an , daß Wald und Nacht für gewöhnlich nicht ihr Nachtquartier waren , daß der Reiter auch gewohnt sein mochte in stolzeren Schlössern einzureiten und sein Roß in besseren Ställen zu nächtigen .
Sichtlich hatten beide mit Wind und Wetter zu kämpfen gehabt , und es brauchte kaum beim Willkomm ausgesprochen zu werden , daß er verirrt war und Sturm und Nacht ihn in diese abgelegene Burg verschlagen hatten .
Als ihn die Burgfrau sah , kannte man kaum Brigitten von vorhin wieder .
So verwundert war sie , so tief neigte sie sich vor dem Herrn , und in einem ganz an deren Tone sprach sie :
der Ritter errieth das Wort , das auf den Lippen der Edelfrau erstarb .
Konrad und Ruprecht griffen ihr zu ungeschickt zu .
Die Edelfrau stieß heran , daß er dem edlen Gast die Steigbügel halte , was in der That nöthig schien , denn als er vorhin den Versuch machte am Prallstein abzusteigen , war das Thier störrig oder dem Reiter versagten nach dem langen Ritte die Kräfte .
Auf Schulter sich stützend , schwang er sich aber jetzt mit ritterlichem Anstand auf die Erde .
Der Fackelschein fiel gerade auf gar nicht vergnügtes Gesicht , weil er zu einem Dienst gezwungen war , der ihm für eines Ritters Sohn und noch dazu gegen einen Hofmann , nicht sehr ehrbar schien .
Der Ritter sah ihn flüchtig , aber scharf an .
flüsterten die Leute , der vornehme Herr reichte ihm aber doch verbindlich die Hand und neigte sich freundlich zu ihm , ehe er die der Base ergriff und schöne Worte ihr sagte von alter Freundschaft und den guten Zeiten , die gewesen und nicht wieder kämen .
Als sie ihn neckisch schalt , daß er so lange schon in Hohen-Ziatz sich nicht blicken lassen , antwortete er , wenn Einer dabei verloren , sei er es .
Er seufzte und nun sah er den .
Er ließ es nicht bei einem Händedruck genügen .
sagte .
lachte der Gast .
Die Edelfrau schlug die Augen nieder :
Er ließ sie nicht aussprechen :
Nach einem langen Ritt durch Nacht und Wald war auch ein Hofmann jener Tage hungrig und durstig ;
darum nahm er gern den Arm der Hausfrau , als diese ihn aufforderte , unter ihrem schlechten Dach vorlieb zu nehmen , mit was der Tisch und Keller noch biete .
Aber an der Schwelle wandte er sich rasch um :
Leicht gegen die Edelfrau sich verneigend , sprang er rasch zurück auf den Hof , wo , der nur einem Wink seiner Verwandtin , diesmal minder verdrossen , gefolgt war , eben im Begriff stand , den Rappen des in den Stall zu führen .
Ehe er's ausgesprochen , hatte er den Zügel entnommen , ihn mit einem Wurf und einem herrischen Blick dem nächststehenden Knecht über den Arm geworfen , dem Rappen einen liebkosenden Schlag auf den Hals gegeben , und dann wieder vertraulich die Hand auf Schulter gelegt :
Die Halle war schnell erhellt von Fackeln und Lichtern .
Was hatte die Hausfrau zu sorgen , zu klingeln , rufen , schelten , flüstern , daß ihr Haus Ehre habe vor dem späten Gast .
Fast war es zuviel Sorge und Arbeit , noch in die Nacht hinein nach einem Sturm und einer großen Wäsche .
Doch der Gast verdiente es .
Er war ein Mann etwa in den Vierzigern , hoch und stattlich gewachsen ;
im Gesicht den Hofmann und den Ritter nicht verleugnend .
Sein Tritt , seine Bewegungen waren sicher und fest , aber dabei fein und geschmeidig ;
seine Tracht der Sitte der Zeit , wenigstens in Brandenburg , um etwas vorangeeilt .
Das schon besprochene Kleidungsstück , welches damals anfing , so viel Gerede zu machen , würde auch seinem Körper wohl gestanden haben , aber er kam nicht vom Hofgelage , sondern von der Jagd .
Ueber den hohen braunen Stiefeln mit Silbersporen , die bis über die Knie reichten , schmiegten sich engere Hosen an den markigen Wuchs , die nur am Leibe , nach der burgundischen Mode , in leichte Puffen ausgingen .
Nach derselben Mode war auch sein gesticktes Tuchwams , welches sich in einer Spitze tief zum Nabel senkte und von einem ausgelegten Gurt festgehalten wurde .
Daran hing der kürzere Jagddegen , auch ein feines Stück Arbeit .
Um den Hals schmiegte sich eine Krause , die den Hofmann , der das Ausland gesehen , deutlicher noch verrieth und selbst den Stürmen des nächtlichen Rittes widerstanden hatte .
Seine Stirn war nicht zu hoch , sein Bart nicht zu lang , aber sorgfältig gekräuselt , und die ins Röthliche spielenden Haupthaare waren fast glatt geschnitten .
Locken , die in wildes Haar ausarteten und struppige Bärte galten in jener Zeit noch als ein Zeichen männlicher Kraft und adligen Muthes in diesem Lande .
Wenn er sich durch diese Kennzeichen merklich von allen hier Anwesenden unterschied , so war er's noch weit mehr durch sein einnehmendes Wesen und die feine Art , wie er mit jedem sprach .
Wie verbindlich reichte er dem die Hand , sich entschuldigend , daß er ihn vorhin nicht gleich erkannt .
Zur Wirthin redete er so traulich und scherzhaft , wie Einer , der eine Frau , die ihm nicht gleichgültig war , nach langen Jahren wiedersieht , und es tauchen allerhand liebe Erinnerungen auf , so süß und schön , daß beide darüber die Jahre und Runzeln vergessen .
Was sie erzählte und erwähnte , wie bald entsann er sich der geringfügigsten Kleinigkeit ;
wie hörte er mit anscheinender Aufmerksamkeit zu , und wußte immer dem , was trübe klang , eine freundliche Wendung zu geben .
Wie schlug er auf ihre Hand und tröstete , wo es des Trostes bedurfte , nicht wie ein Liebhaber , wie ein alter Freund , der es bleiben wird , trotz der Jahre und Widerwärtigkeiten .
Aber wieder ein anderer ward er , als die Töchter eintraten und mit verschämter Anmuth den vornehmen Gast und Verwandten bewillkommten .
wurde fast roth , daß sie ihm so bäuerisch grob die Hand geboten .
Er hatte nicht eingeschlagen , sondern die Finger zart fassend sie an seine Lippen gebracht , und auf ihr :
hatte er eine Weile wie verwundert sie angeschaut .
, sprach die Mutter erfreut , Der Gast schien sich noch von seinem Staunen zu erholen :
Eva hatte wohl die Augen aufgeschlagen ;
sie schämte sich ihrer Hände ;
die waren noch roth vom Waschen .
Und als er weiter sprach von einer Rose , die er in der Haide gefunden , die aber eines Fürsten Garten zieren würde , ward sie ganz ängstlich und hätte fortlaufen mögen , wäre die Mutter nicht gewesen , die ihm auch ihre zweite Tochter vorstellte .
, flüsterte schelmisch der , , lachte die Mutter , , lachte der Gast , Der Schelm kam nicht , aber Knechte und Mägde um den Tisch noch einmal zu füllen mit Allem , was das Haus und der Keller auftreiben konnte .
Da sah man den abermals ein ganz anderer werden .
Hunger ist der beste Koch , heißt es , aber Hunger und Durst sind auch Fechtmeister , die den gesattelsten Ritter und Hofmann aus dem Steigbügel werfen .
Der aß , daß es eine Freude für die Hausfrau war , so oft sie einschenkte , schenkte der freundliche Gast ihr einen freundlichen Blick .
sagte der Gast und reichte auf der einen Seite der Edelfrau , auf der anderen dem die Hand .
Dabei wiegte er sich auf dem Schemel mit einem gar vergnügten Gesicht .
Er hielt plötzlich inne .
Die Pokale klangen , und der Hofmann hielt es für angemessen , viele Worte zum Lobe seines jungen Fürsten zu sprechen .
Da war keine Tugend , die er ihm nicht beimaß .
Er sprach so lange , bis er den Pokal sich von Neuem füllen ließ .
Diesmal galt sein Spruch dem Wohl der tugendsamen , sittigen Hausfrau , seiner lieben guten Base und Wirthin , dann den zarten Fräulein .
Des edlen Gastes Heiterkeit theilte sich den andern mit .
Man machte den Vorschlag , zum Langschläfer , wenn er nicht herunterkomme , hinaufzusteigen .
jauchzte , der auch des süßen Weines schon viel getrunken hatte .
entgegnete der Ritter , welcher das bedenkliche Gesicht der Edelfrau bemerkt .
Die Frau ging , die Töchter nahmen die Gelegenheit wahr mit ihr zu entschlüpfen .
rief der Gast , der selbst einen Becher nach dem andern hinunterstürzte .
Der Dechant hob lächelnd den Finger :
V Die gerissene Lücke füllte sich rascher , als ich geahnt .
Denn eines Kindes Herz überträgt sich leicht in eines , wo es wahres Empfinden spürt .
Loris früheste Erinnerungen knüpften sich nicht an die Pflege einer Mutterhand , an Freuden und Sorgen in einem Elternhause .
Zucht wie Zärtlichkeit waren des Kindes Teil nicht in dem Maße gewesen , daß es ihrer bewußt geworden wäre .
So fühlte sie ihre Verwaisung kaum , denn sie hatte einen , zum ersten Male einen , der ihr kindliches Dasein als reine Freude genoß .
Schlug sie den Blick zum blauen Sonnenhimmel empor , so sah sie mit Kinderglauben Papa und Mama in Seligkeit vereint ;
drunten aber , auf der Erde , der sie entflohen , lachte ihrem Kinde der Lenz .
Von Tage zu Tage wurden Moos und Rasen grüner , der Garten bunter , der Vögelchor lauter .
Sie pflückte Blumen und wand Kränze für das Elterngrab , der Waise einzigen Besitz .
Pflänzchen wurden gelegt , Samen gestreut zu seiner immer wechselnden Zier .
Bald wandelten und bald trabten wir durch die im Maienschuß duftende Heide ;
in nicht gar langer Zeit wurde auch der orbis pictus wieder aufgeklappt , und das Rädchen schnurrte in der Laube , um welche das Geißblatt seine Ranken zu ziehen begann .
Lori war glücklich .
Und dennoch , wo hätte es ein Menschenkind gegeben , so weltverlassen wie sie ?
Wie ihre Mutter im Todeskampfe sie gesehen , hatte sie keinen Blutsfreund , keinen Verpflichteten , der nach ihr fragte .
Das städtische Amt dankte daher Gott , in dem wohlberufenen und wohlgestellten Nachfolger ihres Vaters freiwillig einen Vormund und Pfleger für die Waise zu finden , die es sonst in einer Anstalt hätte unterbringen müssen .
Der Prinz , es ist sicher , würde ihr seinen Schutz gewährt haben ;
aber er weilte fern , und ich hatte mich gehütet , ihm den Tod der Baronin anzuzeigen .
Ja , zum ersten Male segnete ich das unruhige Volk , dem ich so oft geflucht hatte , weil seiner Oberherrschaft Gut und Blut meines Volkes geopfert wurden , segnete es , weil es eine Manneskraft in Anspruch nahm , deren Wollen und Wirken ich meinem Volke gegönnt haben würde .
Denn , seltsamer Widerspruch in einem Kalmäuserherzen !
grollender Neid bei der Erinnerung an jene Abendstunden , in welchen ich meinen Herrn ehren gelernt , ein unheimliches Vorgefühl rangen in mir mit dem Bewußtsein seines Werts , wuchsen und steigerten sich an diesem Bewußtsein .
Es war ja natürlich , diesen Mann zu lieben .
Konnte ich es wehren , sollte Lori ihn niemals wiedersehen , nie wieder zu seinen Füßen sitzen , nie wieder seine Hand küssen , mit leuchtenden Augen zu ihm in die Höhe blicken .
Sie war mein .
Mein Erbe , mein anvertrauter Schatz , mein ein und all .
Mein mußte sie bleiben , mein ganz allein .
Zu dieser Eifersucht der Besorgnis gesellten sich nun aber allgemach Bedenken anderer Art , die mir die hellen Tage trübten .
Unsere Organistin lobesam regierte das häusliche Instrument mit Kraft und Geschick .
Die schwach werdenden Förstersleute waren unsere Kostgänger geworden , wie wir die ihrigen gewesen waren .
Die brave Michelin hatte ihre liebe Not mit dem nach Gottes unerforschlichem Ratschlusse hartnäckigen Zipperlein ihres Michel und außerdem bitteres Herzeleid über das ebenso unerforschliche hartnäckige Junggesellentum ihres Prinzen , da das Aussterben des eigenen Geschlechtes , hätte sie eines besessen , ihr schwerlich näher gegangen wäre , als das des seinen .
Bei solchen doppelten Gebresten fing der Kochlöffel an , in ihrer Hand zu zittern , und sie war froh , ihn in eine rüstigere legen zu dürfen .
Auch für die körperliche Abwartung meines kleinen Anwesens war durch hinlänglich gesorgt , für seine geistige Erziehung wollte die Organistenbildung aber doch nicht zureichen .
Das freiwillige Väterchen hätte allerdings nichts Weiteres verlangt , als Schritt um Schritt sein Waldkind sich in ein Waldjüngferchen entwickeln zu sehen , unschuldig , fröhlich , nach keiner Welt verlangend außer der , in welcher es bis heute glücklich gewesen .
Hatte der betraute Vormund denn nicht aber die Pflicht , seine Mündel zu einem weltgerechten Fräulein oder auch nur zu einer stadtgerechten Hausfrau ausbilden zu lassen ?
Was mußte ich tun ?
Die Mutter , ich erwähnte es bereits , hatte während ihres trübseligen Witwenstandes sich einer klösterlichen Zuflucht für ihre Tochter getröstet .
Nun , an diese trostloseste aller Eventualitäten – eine Nonnerei in Polen !
– dachte ich nicht einmal während einer Übergangszeit ;
wohl jedoch , der katholischen Taufe und Firmelung unerachtet , an ein protestantisches Erziehungsstift , in welches hier und dort ein sächsisches Frauenkloster umgewandelt worden war .
Aber meine Lori , fünfzehn Jahre an den freiesten Wuchs gewöhnt , würde sie in dieser Enge , bei dem Verschnitt aller natürlichen Triebe , nicht wie eine Waldblume im Treibbeet eingegangen sein ?
Und wenn sie es ausgehalten hätte , wenn sie , nach ein paar Jahren , nicht gebrochen , aber verbogen , als Zierpflänzchen entlassen worden wäre , paßte sie dann noch in das einsame Heidehaus ?
Würde ihrer Mutter Schicksal nicht das ihre geworden sein ?
Was aber war gewonnen , wenn ich sie statt dessen in einer gebildeten Stadtfamilie fein bürgerlich schulen ließ ?
Wenn sie im engen Stübchen der engen Gasse stillsitzen , mit Schmortopf und Nähnadel hantieren lernte ;
Sonntags zur Erholung ein Spaziergang um die Stadt , am Abend eine wohlweise Unterhaltung mit dem , der und derengleichen ?
Und wenn das Waldkind auch das ausgehalten hätte , wenn es als ehr- , sitt- und tugendbelobte Jungfrau zu mir – und zu wem sonst ?
– zurückgekehrt wäre , kannte ich denn nicht die Welt ?
Hörte ich zum voraus nicht ihr Geträtsch und Gemunkel ?
Der natürliche Zusammenhang fehlte , des willkürlichen hatte man sich entwöhnt .
Ich schien zu jung zur Vaterrolle , sie längst nicht alt genug für die der Haushälterin eines Junggesellen .
Sitte und Herkommen wurden in einem schiefen Verhältnisse gehöhnt , jede natürliche Zukunftsaussicht gefährdet .
Alle diese Einwände waren einer vernünftigen Wahrscheinlichkeitsrechnung gemäß und dennoch nur Vorwände .
Der heimliche Grund , aus welchem mein Wesen sich gegen solche Wahl empörte , war Selbstsucht , nackte Selbstsucht .
Von mir geben mein Kind , mein Glück , es mir entfremden lassen , es verlieren , vielleicht auf immerdar ;
ich würde es ja eines Tages müssen ;
aber dazwischen lagen Jahre , unberechenbare Jahre , würde ich sie erleben und – brauchte ich über sie hinaus zu leben ?
Heute aber lebte ich noch , wollte noch leben für sie , durch sie , und darum konnte ich nicht ohne sie leben .
Blieb demnach eine häusliche Weiterbildung durch eine Gouvernante und späterhin eine ältliche Anstandsmutter .
Barmherziger Himmel !
wie widerwärtig waren sie mir , so viel ich ihrer gesehen , von jeher gewesen , diese geschminkten , geschnörkelten , tänzelnden , näselnden Französinnen !
oder , ärger noch , die täppischen deutschen Landsmänninnen , die jene äfften mit ihrem Papperlapapp und Firlefanz , ihren Knicksen und Faxen !
Eine Hölle im Haus , das jetzt mein Himmel war !
Gesetzt aber den glücklichen , mir bis dahin nicht vorgekommenen Fall , ich fände eine gebildete und nicht verbildete Frau , eine alte Jungfer mit einem Mutterherzen , wem gehörte das Kind dann noch ?
Wem hatte es zu gehorchen ?
Ein ewiger Widerspruch gegen des Väterchens Methode , Disput ohne Ende , ein unerträglicher Zustand für alle drei .
Ich kam aus der Grübelei nicht heraus ;
forschte dabei jedoch unter der Hand nach jener seltenen weiblichen Perle , die sich zu meinem Troste nicht finden ließ .
Der Sommer ging hin , und alles war beim alten geblieben .
Aber war ich denn allein der Richter , in diesem kritischen Falle zu entscheiden ?
Gebührte meiner Mündel , um deren Wohl und Wehe es sich doch ausschließlich handelte , und die in einem Alter stand , in welchem ein Mädchen von Rechts wegen wahl- und dispositionsfähig ist , nicht auch eine Stimme , ja die erste Stimme ?
Eine Kalmäuserpflicht diese Tutorfrage , die einem Advokatenkniff wie ein Ei dem andern ähnlich sah , da das Väterchen zum voraus wissen konnte , wie das Kind sie beantworten werde .
Gleichviel !
Ich wollte diese Antwort hören .
Pflicht tun gemeinhin so sauer , manchmal ist es süß .
Ich saß in der Laube und sah mit der Lust eines alten Knaben , der als Junge keine Schmetterlinge gehascht hat , wie die Kleine , zwischen den Beeten tollend , die weißen Molkendiebe aufscheuchte , die sich in Schwärmen entpuppt hatten .
Das war der Moment , den ich wählte .
Ich rief ihren Namen .
Außer Atem von Lachen und Eifer gehorchte sie meinem Wink und setzte sich an meine Seite .
Kein folgsameres Kind als meine Lori .
hob ich an , fragte sie , helle Angst im Blick .
fragte sie mit dem großen , unschuldigen Augenaufschlag , der mich allezeit mehr als jeder Schmelz und Glanz der herrlichsten Augensterne entzückt hat .
Ich räusperte mich , denn ich mußte mich besinnen .
Was unsere Mädchen so gemeinhin in der Schule lernen , hatte ich diesem allerdings beigebracht und vielleicht noch ein bißchen mehr .
brachte ich endlich heraus .
Die Kleine hatte auf einmal Oberwasser .
neckte sie , Ich hatte Mühe , meine Fassung zu behaupten inmitten von feuchten Augen und Lachen in den Bart .
fragte ich darauf .
versetzte Lori lachend .
Und sie sprang auf , stellte sich vor mich in Positur und trällerte über eine bekannte Volksmelodie eines ihrer Lieblingsliedchen .
Guten Tag , guten Tag , Herr Gärtnersmann , Haben Sie Lavendel ?
Rosmarin und Thymian ?
Und ein Sträußchen Quendel ?
usw. Die Wahrheit zu sagen , haßte ich das Geklimper wie die Sünde .
Meines Nero Heulen klang mir lieblicher .
Lori sann eine Weile , das Fingerchen an der Nase ;
dann fröhlich in die Hände klatschend , rief sie :
dachte ich .
Aber ich sagte :
Dabei faßte sie mich bei beiden Händen und drehte sich mit mir ringelrund , bis ich odemlos auf die Bank zurücksank .
rief sie jauchzend .
erwiderte ich , nachdem ich wieder zu Atem gekommen .
entgegnete die Kleine , indem sie mir mit zärtlicher Schelmerei in die Augen sah , Ich äußerte :
Sie dagegen :
rief sie mit einem Tone , der beinah traurig klang .
Tränen standen in ihren Augen , und ich glaube , in den meinen auch .
Heimlich aber jauchzte mein Herz .
Ich hatte diese Antwort ja erwartet , aber nicht so warm aus dem Seelengrunde heraus , weniger aus Liebe , als aus Lust .
O , du Engelskind !
Ich hätte dich an meine Brust pressen und all das Dankesglück ausströmen mögen , das in ihr wogte !
und wahrlich !
es war eine Heldenprobe , den ehrbaren Vormund durchzuführen und schließlich die Gouvernante , als Bildnerin zur Dame , in Wahl zu stellen .
Lori hatte von einem derartigen Individuum keine andere Vorstellung als die von Mama aufgeschnappte , einer auf Schritt und Tritt gestrengen Vigilantin , die , weniger erbittlich als ihr Väterchen , sie aus dessen Nähe , aus der verhätschelnder Hausgenossen , aus Garten und Wald in die öde Schulstube bannen würde .
Laurentius Tenderenda Unverblümter Ausbruch oder Expektoration des Titelhelden .
Der Autor nennt ihn einen Phantasten , er selbst nennt sich in seiner verstiegenen Weise .
Auch als bezeichnet er sich , was auf den donquichotischen Aufzug hinweist , in dem Tenderenda bei Lebzeiten sich zu bewegen liebte .
Er gesteht , seiner Fröhlichkeit müde zu sein und erfleht sich den Segen des Himmels .
Besonderes Lob verdient die Benediktionsformel , deren heiteres Tongefälle dem himmeltänzlerischen Wesen Tenderendas gerecht wird .
Da er Chimären in den Stall bringt , könnte man ihn für einen Exorzisten halten .
Die Nachstellungen des Teufels , auf die der Segensspruch hinweist , sind jene Phantasmata , über die schon der heilige Ambrosius klagt , und deren Abschwörung ein anderer Heiliger als Bedingung nennt für den Eintritt in den Mönchsstand .
Ansonsten ist Tenderendas Situation elegisch und massenscheu .
Die Wortspiele , Wunder und Abenteuer haben ihn mürbe gemacht .
Er sehnt sich nach Frieden , Stille und nach lateinischer Abwesenheit .
Mit einem Dröhnen hub es an :
, der Kirchenpoet , eine Halluzinade in drei Teilen .
, oder der Tollmätcher der Zwangsläufigkeit .
, die Wesensessenz der Astralkanonade .
Das sollte ein Schabernack sein für delektierbare Zwerchfelle .
Aber es ward ein Trauerspiel des gesunden Menschenverstandes und eine Gimpelei für die Modepinsel und Wortflagellanten .
Ein Gebetbuchfabrikant sprach den Prolog , und das Theater schwankte vom Kreisel der Menschenfülle .
Mit Hutnadeln waren die Giebel befestigt , und von den Balkonen hingen die hungrigen Bandwürmer , elomen .
Der Dispositionsleib des Goliath wurde geöffnet , zehn Stockwerke fielen heraus .
Die Klapperschlangen wurden ins Türmlein gebracht und das Bockshorn blies zum Fünfuhrtee .
Oh dieses Jahrhundert aus Glühlicht und Stacheldraht , Urkraft und Abgrund !
Was sollten hier Dokumente der Qual ?
Vor einem Kriegervolk , vor versammeltem Chorus der Versredakteure ?
, oder der Missionar unter den Schweißfüßen und Rothäuten der Akademie für Leibesübungen .
Ein Bekenntnisbuch und ein Hustenturm .
Ich will die Materie wohlgefüttert vortragen .
Das Stubenfechten liegt mir nicht .
Wäre nur nicht dieses beständige schwefelchlore Todesröcheln .
Keinen Schritt mehr , oder ich röchle .
Jetzt sind sie gegangen , ihr dreisitziges Grautier in Galopp zu versetzen .
Granate , Zitron und venedisch Blau Rauch ihrer Zackenhüte .
Jetzt brütet die Henne im Hochamt , und sie jagen nach ihr mit dem Klingelbeutel .
In Zinksalbe kochen sie ihre Taschenuhren und den Nostradamus überpinseln sie mit Heliotrop .
Das ist mir die richtige Satansparfümerie .
Ein bißchen riechts auch nach Knüllpfeffer und Zipfeldraht .
Im zweiten Teil aber werden die Leidtragenden sich Koransprüche als Leibbinden umschnallen .
Die Kunst als Schnalle .
Kapuzinade in drei Fortsetzungen .
Oder der enzyklopädische Gebetszylinder .
Oder das abgründig fahndende Schauen in die infernale Welt des Schnauzbartklamauks .
Ich wäre mir ja ein Feiner , wenn ich das nicht begriffe .
Ein Feiner wäre ich mir , wenn ich dem Biest nicht wollte mit Stiefelknechten zuleibe gehen .
Das Frauenideal des deutschen Volkes wohnt nicht im öffentlichen Hause der Lust .
Der Kakadu ist in das Gift gefallen .
Der Blaue Reiter ist nicht der Rote Radler .
Und ich dachte , ich hätte die Chose auf Flaschen gezogen .
Sie haben den Tintenfisch mir auf das Bett gesetzt .
Und ihre Zahnwurzeln reichten sie mir zur Speise .
Den Baldrian hab ich gekostet und die Kirchturmspitze mit Glaspapier abgerieben .
Und ich weiß nicht , ob ich zu denen oben oder zu denen unten gehöre .
Denn das Unglaubliche , niemals Erlaubliche wird hier Ereignis .
Ohne Präambel :
von Haus aus bin ich ein Kind der Leidenschaft .
Mein Mons puberis kann sich sehen lassen .
Vierzig Tage habe ich im Natron gelegen .
Den Gottlosen werden die Zähne lang aus dem Kiefer wachsen .
Ich könnte das Pönital rezitieren und das heilige Kreuzzeichen machen .
Wem wäre gedient damit ?
Ich könnte meine Locken mit Öl der Sonnenblume salben und die davidische Harfe ergreifen ?
Cui bono ?
Die und Färbemeister des neuen Jerusalems portätierend – :
was nützte es mir ?
Dies ist der Parabasen elfte und letzte .
Der Ritter aus Glanzpapier ist seiner Fröhlichkeit müde .
Die Orgel hat seinen Abgang gelockert .
Die Chimären sind in den Stall gebracht , und der sonnt seine Glatze im Abendrot .
Ewigen Samen verleihe uns , o Herr , einen guten Cordial Medoc , und das Orchester der dreimal geschnäbelten Wasserpfeifen verstumme einen Augenblick .
Benedicat te Tenderendam , dominus , et custodiat te ab omnibus insidiis diaboli .
O Huelsenbeck , o Huelsenbeck , quelle fleur tenez - vous dans le bec ?
Die Wurzeln begatten einander in den Heiligtümern .
Detektive sind unser Hutschmuck , und das verrichten wir als Nachtgebet .
Tenderenda den Kreuzschläger werden sie mich nennen .
Auf der Sedia gestatoria werden sie meine Gebeine zeigen .
Mit Weihwasser werden sie nach mir spritzen .
Vollmönch der Präservation und Filtriertuch der Unsauberkeiten werden sie mich nennen .
Eselskönig und Schismatikaster .
In nomine patris et filii et .
Ein Glück nur , daß mir die Pfingstlaune durch gar zu krasse Außenseiter nicht gestört wird .
Ein Glück , daß ich gut in Form bleiben kann .
Hätte ich ein Notizbuch zur Hand , oder böte sich sonst eine Occasion , so würde ich aufschreiben , was mir mehr einfällt .
Die ganze Zeit fällt ja mir ein .
Es ist ein großer Einfall und Hinfall , den ich mit hinfälliger Einfalt festhalten möchte .
Baubo Sbugi Ninga Gloffa Baubo Sbugi Ninga Gloffa Eine Zauberformel aus dem erwähnten Zyklus .
Sie gilt den zwei mystischen Tieren Tenderendas , dem Pfau und der Katze .
Zwei hochmütigen und verschwiegenen Tieren , dem Jeremias und der Klagefrau unter den Tieren .
Es empfiehlt sich , den Spruch nur leichthin zu sagen und nicht allzulange dabei zu verweilen .
Er ist auch nur als eine Art Agraffe gedacht , die die zwei letzten Prosatexte verbindet .
baubo sbugi ninga gloffa siwi faffa sbugi faffa ôkofa fafâmo faufo halja finj sirgi ninga banja sbugi halja hanja golja biddin mâ mâ piaûpa mjâma pâwapa baungo sbugi ninga gloffâlor Herr und Frau Goldkopf Herr und Ein astrales Märchen .
Eine Art himmlischen Puppenspiels .
Drei Teile lassen sich deutlich unterscheiden .
Der erste :
ein mystisches Erlebnis der .
Eine weiße Lawine kommt bei ihnen zu Besuch , eine sich steigernde Reinheit und Helle wächst ihnen zu .
Ihr Haus liegt über dem Abgrund und an der Fabelwiese , auf der der Buchstabenbaum einhergeht .
Das ist jener Baum , von dem die poetischen Adams und Evas essen .
Zärtliche Allegorien in Tiergestalt treten auf .
Traumhaft die Notenständer des Lachens , die Tenderenda bei Lebzeiten verteilte .
Der zweite Teil ist die Ballade von Koko dem grünen Gott .
Das ist der Phantastengott .
Von ihm kommt alle Glückseligkeit , solange er in Freiheit die Flügel schwingt .
Setzt man ihn aber gefangen , so rächt er sich durch Verzauberung derer , die ihm am nächsten sind .
Der dritte Teil ist ein Epilog des .
Es schüttelt den Staub seiner Zeit von den Füßen und prophezeit ein Ende der Gottlosen und der Verzauberung .
Den Kehraus macht , wie es recht und billig ist , ein Vers des .
Herr und begegnen sich auf der blauen Wand .
hängt eine Sternschnuppe aus der Nase .
hat einen grünen Federwisch am Hut .
macht einen Kratzfuß .
hat eine Hand wie eine fünfzinkige Gabel .
Eine Lawine kommt die Treppe herauf .
Hart hinter der Nacht .
Eine weiße Lawine die wacklige Treppe .
verbeugt sich .
tippt sich an die Stirn .
Eine weiße Fontäne entspringt seinem Kopfe .
In keinem Jahrhundert ward solches gesehen .
In keinem Jahrhundert .
Die Feuer- und Schneehähne stieben entsetzt aus der Tiefe .
Die heiseren Kühe putzen einander die Nasen .
Auf der Smaragdwiese wandelt der Buchstabenbaum .
Auf der Smaragdwiese :
sodaseifener Wurm gigampfet aufgezäumt .
Sein Reiter stürzt ab und verteilet die Notenständer des Lachens .
Er steigt in die Morgen- und Abendschaukel , wiegt sich und schwingt sich und hüpfet ins Jenseits .
Da kommen der Flötenbock , Puderbock , Tulpenbock , recken die Hälse .
Da stehet im Hintergrund ein Vogelhaus .
Drin sitzt der Kaduderhahn und schäumt Sterne .
Spricht verwundert :
Spricht :
Spricht :
Spricht :
Und :
Und :
Heut ist der Geburtstag des muntern Felix und ein origineller Genuß wartet mein .
Ich schreibe diese Zeilen aus der psychologischen Warte Bardeloh's , die ich mir zum Aufenthaltsort von ihm erbeten habe für die Dauer des heutigen Abends .
Es ist große Gesellschaft geladen , und eingeweiht , wenigstens zum Theil in die Geheimnisse des hiesigen Lebens , will ich Beobachtungen anstellen , deren Erfolge für mich eben so belehrend als genußreich sein werden .
Du kannst auf ein lebensvolles Bild mit Sicherheit rechnen , denn ich werde mit Gewissenhaftigkeit aufschreiben , was mich der Fernblick durch diese Spiegelfenster erkennen läßt .
Schon ist es Abend , die gallonirten Diener Bardeloh's gleiten , wie gewichste Gespenster , in den Sälen auf und nieder , fegen und putzen , zünden die Kronleuchter an , und ordnen Stühle und Ottomanen .
Bardeloh und Rosalie sind bemüht , zum Rechten zu sehen , Ersterer mit der Miene einer weltverachtenden Ironie , Letztere nur den Dank erfüllter Mutterwünsche auf den Zügen der Entsagung .
Es bettet sich auf dieser sanften Stirn die Anmuth des Weibes mit allen verwandten Tugenden in die Kissen der Versöhnung .
– In den letzten Tagen war Bardeloh ausschließlich mit Durchsicht der Papiere beschäftigt , die sich in dem Klosterarchive fanden und etwa Aufschluß über das Schicksal seines Bruders geben können .
Der unglückliche Mönch lebt still hier im Hause .
Noch hat er kaum ein Wort gesprochen , nur zu Felix scheint er ein unbegrenztes Vertrauen zu haben .
Dieser bringt oft stundenlang bei ihm zu und erzählt , was ihm eben in den Sinn kommt .
Dann lacht der Unglückliche vergnügt , summt die Melodie seines unseligen Liedes und zählt die wenigen Haare , die ihm , wie Dornenbüschel , über die Stirne herabhängen .
Die Dienerschaft ist verschüchtert durch diesen neuen Hausgenossen und hält sich möglichst fern von dem Zimmer , das er bewohnt .
Mich selbst , ich läugn' es nicht , überläuft zuweilen ein Frostschauer , wenn ich alle die Möglichkeiten durchdenke , die ein etwaiger Ausbruch wilder Raserei bei dem Mönche zur Folge haben könnte .
Bardeloh wird ohnehin noch manchen Angriff abwehren müssen , den offen und versteckt die erbitterte Geistlichkeit gegen ihn leiten dürfte .
Zwar fürchtet man die Verbindungen des geheimnißvollen , reichen Mannes nicht minder , als seine geistige Ueberlegenheit ;
dennoch aber kann es den jesuitischen Ränken und Kniffen gelingen , ihn zur Verantwortung zu ziehen .
Der Pförtner des Klosters scheint Zeuge gewesen zu sein von dem unseligen Auftritte , und die beleidigte Kirchenautorität wird gewiß nicht säumen , Rache dafür zu nehmen .
Man sagt , das außerordentliche Ereigniß werde genau untersucht werden und dann könnten sich große Schwierigkeiten für Bardeloh ergeben , wenn nicht etwa Furcht vor Entdeckung mancher Geheimnisse Kirche und Geistlichkeit zu großer Vorsicht nöthigt .
– Es gibt kein größeres Unglück , Ferdinand , als das Vermögen zu tief in die Welt und ihre Geschicke blicken zu können !
Das ist der wahre Gram des Lebens , der Alles , auch das Schönste gänzlich vernichtet .
In dem süßen Namen Vater schließt sich gemeiniglich die irdische Seligkeit ein .
Der Geburtstag eines Kindes ist der Sonnenblick im Leben .
Er glättet die sorgenvolle Stirn des Vaters und um die schmerzentstellte Lippe legt sich sanft lächelnd der Rosenkranz junger Hoffnungen .
– Aber glaubst Du , daß Bardeloh Aehnliches empfinde ?
Gott im Himmel , diesem Manne des Geschickes ist der heutige Tag blos ein neuer , gewaltiger Schlag auf sein blutendes Herz !
Unter seiner Last schleicht er geistig gekrümmt einher , wie die verkörperte Buße der Welt .
Seine ganze Erscheinung ist ein einziger , entsetzlicher Seufzer !
Hättest Du das Auge gesehen , als ihn heut Morgen beim Frühstück das glückliche Kind begrüßte .
Die schuldlose , strahlende Hoffnung beugte sich vor dem Modergeruch des Grabes .
Rosalie küßte den Knaben mit der Innigkeit mütterlicher Liebe und schenkte ihm Blumen und andere Kleinigkeiten , Bardeloh aber faßte die Hand seines Sohnes und fragte ihn , ob er sich freue .
Auf das Bejahen dieser wunderlichen Frage versetzte der Vater :
– Mit diesen Worten überreichte ihm Bardeloh eine werthvolle , goldene Uhr .
Felix nahm sie , zitternd vor Angst , hin und küßte die Hand des Vaters .
Große Thränen hingen an seinen kastanienbraunen Wimpern , er eilte fort und erst Mittags sahen wir ihn wieder .
Nach diesem unerhörten Auftritte hatte ich eine Unterredung mit Bardeloh .
sagte er , fuhr er nach kurzem Schweigen fort , fiel ich ein .
versetzte Bardeloh , – Der Mönch ließ seinen Gesang in diesem Augenblicke erschallen , Bardeloh erhob die Hand .
Damit verließ er mich und verschloß sich wieder in seinem Zimmer .
Es nimmt Alles mehr und mehr die Form der Zerrissenheit in ihm an .
Selten gibt er einen ganzen , ausgeborenen Gedanken , es sind bloße Gedanken-Embryone .
Diese Verwüstung seines tiefsten Lebens muß zu irgend einer gewaltigen Eruption führen .
Es keucht und tobt Alles in Bardeloh nach einer That , und ich glaube mich nicht zu irren , wenn ich behaupte , daß er mit sich zu Rathe geht , um diese vorzubereiten .
Er schreibt und liest viel .
Oefters hört man ihn auch laut mit sich selbst reden , namentlich des Nachts ;
dann dringen die Laute seiner abgerissenen Gedanken , wie irreguläre Pulsschläge eines Fieberkranken , bis in mein entlegenes Zimmer .
Eben jetzt sitzt er noch emsig an seinem Pult .
Der geheime Wandschrank steht offen , die fahle Lampe loht empor aus dem weissen , glänzenden Schädel , und in einem Doppelkreuz darüber senkt sich eine Menge glänzender Dolche .
Schwerlich ahnet er , daß ich ihn beobachte .
Ein kleines Fenster in der Thür , die aus der Warte nach Bardeloh's Studirzimmer führt , ist wahrscheinlich durch ein Versehen offen geblieben .
Vor ihm liegen mehrere Bücher und eine Menge Manuscripte .
Alles um ihn ist so geordnet , daß es eine künstliche Aufregung der Seele verursachen muß .
Weihrauch steigt , wie bei der Messe am Hochaltar , von einem Kohlenbecken aus der geheimen Nische auf und bildet seltsame Formen .
Aus dem mephistophelischen Zuge um Bardeloh's Lippen läßt sich schließen , daß auch dieses nur eine Mummerei sei , angestellt , um den Ekel an dem zu vermehren , was er nicht mit Unrecht die verstandesschwache Nachgeburt des übercivilisirten Europa nennt .
Nochmals sage ich , wir sind Alle europamüde , Bardeloh aber ist unter den Müden der Müdeste und darum auch der Thätigste !
– Jetzt erlischt die Lampe , Richard hat seine weltverfluchenden Studien beschlossen .
Zwei Stunden später .
Die Säle füllen sich , die blendenden Gasflammen strömen Tageshelle weit umher .
Flüsternd schleicht das in die Seidenstoffe der Convenienz gehüllte Europa über das Parquett , weich und biegsam , bleich und schmiegsam wie eine Seele , die ihre Zeugungskraft abgetödtet .
O , ich könnte hier einen Vergleich hinschreiben , der treffend wäre und zerschmetternd , wie ein Donner in den Hochgebirgen Mexikos , aber ich muß schweigen aus Etiquette .
Bardeloh und Rosalie spielen die graziösen Wirthe .
Für jeden Ankömmling ist eine neue Redeblume bereit , wie ein abgewürgtes Leben wirft man sie den Gästen vor die Füße , die ihrerseits die Schuhsohlen daran putzen .
Es liegt eine höllische Malice in diesen Empfangsfeierlichkeiten !
– Verdient es aber das befrackte Geschlecht anders ?
Kann man wol einen ganzen Menschen herauslesen aus diesem verstümmelten Habitus , der nichts weiter ist , als ein trefflicher Schnitt für den zusammengeschrumpften Geist ?
Wenn diese Menschen wüßten , daß ein Geheimschreiber ihre Physiognomien belauschte und auf die Lippen achtete , an deren Bewegung die Heuchelei saugt , wie ein Blutegel !
Das ist ja nothwendig die Folge der Unmoralität , daß sie Alles um sich her mit hineinreißt in ihre Strudel , und die Menschheit zur Huldigung zwingt , um das Gefühl der Versunkenheit wieder in ihr zu wecken .
– Buntgeschmückte Damen flattern , wie farbige Schmetterlinge , um die strahlenden Lüstres .
Auch Lucie und Auguste sind bereits eingetreten .
Lucie ist die scherzende Nymphe , die sich auf der sprudelnden Silberpalme der Freude und Lust hinaufschaukeln läßt in die zusammenstürzende Krone , und jauchzend wieder herabfällt , um das süße Spiel von Neuem zu beginnen .
Auguste scheint verstimmt .
Ihr braunes Auge fliegt , ein fragender Liebeskuß , von Gruppe zu Gruppe ;
es klopft mit flüsterndem Licht an die trügerische Spiegelwand und bricht , wie ein zu früh ausgesprochener Wunsch , schüchtern zusammen , um in sich selbst einen Ausgang über gegenwärtige Hindernisse zu finden .
Gleichmuth , das Kreuz am Halse , wie eine Kette , die ihn hinrichten soll , bringt seine frommen Wünsche dem überraschten Felix .
Ihm folgt der fromme Pietist , Steinhuder , dann der junge Mann , an dem Lucie ihr lustiges Herz verschenkt hat , der Mennonitenprediger und Mardochai , der morgenländische Rachegott in einem abendländischen , christlich frivolem Salon .
Eine Fluth von Dandies und lieblichen Grazien schwärmen überall umher , während Bardeloh mit diplomatischer Schlauheit den Heitern spielt , und Rosalie das Glück erfassend , über den Moment die düstre Leerheit eines langen Lebens vergißt .
– Jetzt muß ich lauschen , vielleicht errathe ich die hohe Gesinnung eines gebildeten Publicums im Prachtsalon eines feinen Europäers .
sagte ein junger Mann seinem Nachbar in's Ohr .
antwortet der Nachbar .
Beide gehen vorüber , eine Gruppe Mädchen drangt sich nach dem Spiegelfenster und kokettirt im Vorübergehen mit ihren Fächern .
erwiederte ihre Gefährtin .
fallt eine dritte , allerliebste Blondine ein .
betheuert Marie .
Sie gehen vorüber , Matronen wallfahrten an meinem Dionysiusohr vorbei , sie näseln , aber so geheimnißvoll , daß ich nichts verstehen kann .
Abermals ein Trupp verliebter Dandies , fashionable gekleidet und gebürstet , vom Wirbel bis zur Zeh .
versetzt ein junger , neidblasser Mensch mit gelddummem Gesicht .
Ich glaube der Laffe ist Zahlbrett in einem Wechselgeschäft , denn seine ganze Physiognomie ist eine abgegriffene Münze , die das Aussehen eines tombackenen Zahlpfennigs hat .
Pfui !
steckt eine Menschenseele in dem ausgebügelten Schneidergeschöpf ?
– Die Lüstlinge haben eine Entdeckung gemacht am andern Ende des Saales , sie drängen sich mit civilisirter Anmuth durch den bunten Menschenwald .
Gern möchte ich diese Kreuzritter in einem amerikanischen Urwalde sich winden und wenden sehen ;
was sie wol für affenverwandte Gesichter schneiden würden !
– Hinweg jetzt mit Scherz und Bitterkeit !
Mardochai kommt Arm in Arm mit Bardeloh herauf , die übrige Gesellschaft stärkt sich in umhergereichten Erfrischungen .
Felix hat sich an Auguste geschmiegt , die Unschuld an den Engel .
Der Mensch ist immer glücklich , kann er sich und die Welt vergessen mit all' ihren Schmerzen in der Erinnerung an das Lallen der Kindheit , und ihren schönen , heiligen Zaubermährchen .
Zendorio findet einen am Baum hängen IV. Capitul .
Zendorio findet einen am Baum hängen , siehet den Betrug durch einen Zaun , geht auf der Caspia Schloß .
Wo man mit Worten nichts tun kann , Das greift die Welt mit Listen an .
Meine Herumschweifung in dem Lande währete wohl acht Tage , als ich bei angehender Nacht zu einem großen Eichbaum geriet , an welchem sich einer erhenkt hatte .
All mein Lebtag ist mir kein so wunderlicher Anblick unter Augen gekommen .
Derohalben blieb ich von fern stehen und betrachtete den Menschen von unten zu oben oder , wie man im gemeinen Sprichwort zu sagen pfleget , von der Fußsohle bis auf die Scheitel .
Ich sah ganz eigentlich , daß er noch ein Bein zückte , und weil sich meine Straße ohnedem vor den Baum erstreckte , eilete ich hinzu , dem armseligen Menschen zu Hülfe zu kommen , indem ich aus seinem Beinzucken nichts anders schließen können , als müßte er noch nicht gestorben , sondern noch ein wenig bei Leben sein .
Demnach machte ich mich etwas näher , und als ich an den Baum geriet , solchen zu ersteigen , guckte ein Kerl in einer roten Liverey hervor und sagte :
Mit diesen Worten verduckte er sich wiederum in den ausgehöhlten Baum , und ich sprang mit nicht geringer Bestürzung wieder zurücke , indem ich festiglich geglaubet , es wäre der Teufel gar dahinter verborgen , welcher diesen erhenkten Menschen verwachte .
Aber ich schoß gar weit außer der Scheiben , denn als ich mich von ferne hinter eine Hecke gesetzet und durch dieselbe an den Baum gegucket , hilft der Diener dem Erhenkten wieder von dem Ast , und ging einer so gut als der andere quer Feldes gegen einem Dorf , allwo sie vielleicht ihre Pferde stehen hatten , sich auf denselben nach Haus zu verfügen .
Wahrhaftig , ich wußte durchaus nicht , was ich aus dieser wunderlichen Masquarada urteilen oder schließen sollte .
Daß er gehangen , hatte ich gesehen , und daß er wieder lebendig über das Feld gegangen , hatte ich ingleichen gesehen .
Ich wußte nicht , sei es ein Gespenst oder anders Ding .
Weil aber die Nacht hereinbrach und ich meine matte Glieder genugsam zufriedengestellet , ging ich auf einen nächstgelegenen Pfarrhof , weil ich von dar über eine Stunde nicht mehr in das Dorf hatte , darinnen ich geboren worden .
Der langwierige Regen und die mit eingefallene Schneekälte hatten mein Kleid nicht ein weniges verdorben , und weil ich allgemach in den neunten Tag von einem Ort zum andern herumvagierte , ist leichtlich zu schließen , wie ich werde ausgesehen haben , zumalen ich weder Kleid noch Haare , weder Schuh noch Strümpfe , noch auch was anders gesäubert und mich gewaschen , indem ich in einem ziemlich desperaten Zustand gelebet und hoch bekräftigen kann , daß es mir die Zeit meines Lebens nicht so wohl gegangen als eben auf dem vorigen Schlosse , wovon ich angefangen , diese meine
Geschicht zu entwerfen und vorzustellen .
Der Pfarrer dieses Orts herbergte mich gar gerne , und weil er ehedessen mit unterschiedlichen auf der Universität , davon ich herkam , bekannt gewesen , bekam er gute Gelegenheit , sich mit mir in einem und andern zu bereden , weil die Begebenheit der vorigen Zustände durch das nachkommende Angedenken gleichsam wieder an den Spieß gestecket und aufs neue gebraten wird .
Er legte mich in ein sauber Bette und versah mich sonst in allem sehr freundlich , aber ich kann nicht sagen , wie sehr er erschrocken , da ich ihm wegen des gehangenen Menschen Relation erteilte .
Er wußte sich so wenig zu helfen als ich , und also ließen wir die Sache gut sein , es möchte dahinterstecken , was da wollte .
Aber das sagte er mir , welchergestalten heute abend eine Gutsche durch das Dorf gefahren , in welcher ein Frauenzimmer gesessen , welche dergestalt geweinet und geheulet , daß nichts darüber .
Ich hatte über dieser Erzählung nicht viel noch großes Nachsinnen , weil ich glaubte , es würde vielleicht des Gehangenen Befreundte gewesen sein .
Denn er war trefflich sauber bekleidet , und es lag neben ihm auf der Erde ein überdiemaßen kostbarer Hut mit Straußfedern , daraus ich erkennen können , daß es nichts Geringes sein mußte .
In diesen Gedanken schlief ich ein , und des andern Morgens nahm ich meinen Weg weiter , nachdem mir der Pfarrer einen alten Rock verehret , weil er geschwinde zu der Predigt eilen mußte und also vor dieses Mal nicht länger Zeit hatte , ferner mit mir zu reden .
Es verging keine Viertelstunde , als es aufs neue recht grausam zu wittern anfing .
Derohalben versteckte ich mich bald da , bald dort in einen Strohstadel und wärmete mich bei mir selbsten , soviel ich nur konnte und vermochte .
Der Pfarrer hatte mir auch eine gebratene Taube mit auf den Weg spendieret , daran zehrte und aß ich so lange , bis ich vor ein großes Haus kam , an dessen Tore allerlei Bären- , Wölfs- und anderer Tiere Köpfe angenagelt waren .
Ich merkte , daß es ein adeliger Sitz sein müßte , und weil nächst darbei ein altes Weib Obst feilhatte , fragte ich sie , wer darinnen wohnte .
Sie aber gab mir zur Antwort , daß der Ort schon in das dritte Jahr ledig gestanden , aber anjetzo hielte sich in solchem eine adelige Jungfrau auf , welche bis dahero im gerichtlichen Proceß darum gestritten , und nunmehr wäre ihr dieser Sitz erbmäßig zugesprochen worden .
Weiter wüßte sie nichts von ihr , als daß sie gar eine feine , fromme und guttätige Jungfer sei , welche , absonderlich gegen die armen Leute wohlgewogen , ein ziemliches Almosen austeilete .
Die Rede dieser alten Obstkrämerin machte mich keck , in diesem Hause mit meiner Supplication einen Anwurf zu tun , ob ich nicht irgendeinen halben Taler davontragen könnte .
Klopfte derohalben an und wurde durch einen kleinen Knaben , welchen ich vor ihren Page angesehen , hineingelassen .
Er fragte mich , was ich wollte und ob ich ein Bettler wäre .
Ich sagte , daß ich zwar kein Bettler , aber doch auch nicht viel besser sei , dahero sollte er mein Testimonium der Jungfer übergeben und sagen , daß sie mir einiges Almosen mitteilen sollte , weil ich solches auf meiner Reise höchst vonnöten hätte .
Der Jung ging damit die Treppe hinauf und kam bald wieder zurück , vermeldend , ich solle mich ein wenig gedulden , seine Jungfer schriebe einen Brief , darnach würde ich bald abgefertigt werden .
Nach einer Viertelstund kam sie selbst aus ihrem Zimmer heraus und hieß mich hinaufkommen .
Ich war ganz und gar mit Dreck und Kot besudelt , und der Leser kann wohl betrachten , welch ein sauber Ansehen ich dazumal müsse gehabt haben .
Derohalben scheuete ich mich , hinaufzugehen und vor ihr zu stellen , weil sie ein ausdermaßen schönes Bild war , dergleichen ich noch die Zeit meines Lebens wenig gesehen hatte .
sagte sie , Unter währender Rede stieg ich die Treppe hinauf , wohl wissend , daß sie mich , so schlimm ich auch aufzöge , nicht fressen würde .
Dannenhero empfing ich sie gar höflich , und sie hieß mich mit ihr in das Zimmer kommen .
Sie war ganz allein , derowegen fing sie , nach Auslöschung ihres Wachsstockes , welchen sie zum Siegeln gebrauchet , an und sagte :
Hiermit fing sie an zu weinen und bat mich , ihr zu sagen , ob sie die Ursach dieses Todes sei oder nicht .
gab ich hierauf zur Antwort , – sagte sie , – gab ich zur Antwort , Die adelige Jungfer sah mich hierauf mit starren Augen an und schämete sich , daß sie so freigebig in dem vorigen Discurs herausgefahren , wollte doch nicht widerrufen , sondern sagte :
– sagte ich , Und damit erzählete ich ihr fast die ganze Geschicht , die sich mit mir und Isidoro zugetragen .
Sie verwunderte sich recht erstaunend und wußte nun nicht , was sie für Freuden anfangen sollte , weil sie an mir gänzliches Vergnügen hatte .
So kam es ihr auch gar wohl zupasse , weil sie hier auf der Einöde wohnete , und dahero machte sie bei sich selbsten wohl tausend Ratschlüsse , mich bei sich zu behalten , denn ich merkte es an ihren Gebärden , daß sie über alle Maßen in mich verliebet war .
5. Capitul .
Er hat daselbst groß Glück und dahero Ursach V. Capitul .
Er hat daselbst groß Glück und dahero Ursach , sich zu betrüben .
Oft manchen Menschen würgt die Gnad , Ein Käfer stirbt am Rosenblatt .
Auf diesem Hause und bei so beschaffenen Sachen wurde ich gewahr , daß demjenigen , welcher das Glück hatte , die Liebe auch mitten in dem Schlaf über den Hals fiel .
Denn unerachtet meines schlechtbeschaffenen Lebens und rechten Übelstandes liebte mich doch diese schöne Jungfer dergestalten , daß ich zweifelte , ob es vielmehr eine Glücks- oder eine natürliche Liebe zu heißen wäre .
Sie befahl alsobald , ein Bad anzumachen , und nachdem solches in gegenüber gelegenem Zimmer zubereitet war , verschloß ich mich ganz alleine und säuberte mich geschwinde , soviel mir die Zeit Raum gab .
Nach solchem brachte mir die Jungfer selbsten ein Kleid , welches vor diesem ihrem , als verstorbenen Besitzer dieses adeligen Gutes , zugehöret , damit ich solches an den Leib werfen und mit ihr zu Mittag speisen konnte .
Sie hängte beinebenst einen kostbaren Bademantel nebenst einem seidenen Schlafrock an die Wand , dahero kann der Leser leichtlich bei sich selbst die Rechnung machen , daß es mir auf diesem Hause viel besser als auf dem Schlosse des Isidoro ergangen .
Sie wusch mir selbst den Kopf und trücknete mir die Haar mit eigener Hand , und nachdem nichts mehr übrig war , gehet sie hinweg und hieß mich bald nachfolgen .
Eine solche Gestalt hatte es um mich dazumal , als ich fast nicht wußte , was ich tun oder lassen sollte .
Eine so gute Gelegenheit war nicht wohl aus den Händen zu lassen , gestaltsam sie sich nicht alle Tage und kaum alle hundert Jahr einmal auch nur allein den Allerglückseligsten ereignet .
Und solcher sich so unbesonnen zu unterfangen , war auch nicht gar ratsam , weil man sich in dergleichen Feuer leichtlich verbrennet , und ich ehedessen mit Isidoro auf dem adeligen Gut zu Peltzingen genugsam erfahren müssen , wie ein unverhofftes Übel sich derjenige auf den Rücken zu binden pfleget , der ohne alle Vorsichtigkeit herumzunaschen keinen Scheu träget .
Stund dannenhero in tausend Sorgen und fand in der Wahrheit , daß auch der Mensch zu einer solchen Zeit mit den größten Grillen behaftet sei , welche seine glückseligste zu sein pfleget .
Ich zog mich an und fand vor mir solche Kleider , die ich weder durch Geburt noch durch meine Wissenschaft verdienen können .
Jedennoch wollte ich dieser adeligen und schönen Dam nicht zuwider sein in einem solchen Zustand , da es mir am nötigsten war , meinen bloßen Leib zu bedecken .
Ich hatte zwar Ort und Gelegenheit genug , meine Sorgen auf die Seite zu setzen , aber die vorige Ursach und noch eine andere , die der Leser bald erfahren soll , hielten mich gar billig an meiner Freiheit zurücke und machten , daß ich mich nicht wenig forchte .
So gar ist der Mensch der Eitelkeit unterworfen , daß er auch in seiner allergrößten Glückseligkeit nicht vollkommen vergnüget sein kann , sondern es hänget ihm stets eine Makel ah , die ihm durch seine eigene Einbildung verdrüßlich wird .
Ich kam in das Zimmer , allwo der Tisch gedecket und die Speisen schon aufgetragen waren .
Sie hieß den jungen Knaben beten , und bei ihrer Beschließerin gab sie vor , daß ich vor diesem ihr Præceptor gewesen .
Es ermangelte nicht an der geringsten Höflichkeit , so sie mir , als eine adelige Dam , erweisen können , und unser Discurs war nichts als Ratschlüsse , wie ich ungehindert auf ihrem Schlosse verbleiben und sie mich genug bedienen möchte .
Es ist gewiß , und wird es nur ein Unverständiges leugnen können , daß ich dazumal meinem Glück recht in dem Schoß gesessen , denn die Dam ließ sich endlich heraus , sie wollte mich durch ihre Mittel adeln lassen und hernach zum Ehemann annehmen .
Diesergestalten hatte ich einen Vorschlag von hunderttausend Reichstalern .
Nach Tische redeten wir etwas mehr von der Sache , und sie führte mich mit sich in ihr Cabinet , allwo ich alle kostbare und rare Sachen , so sie von ihrem Vetter geerbet , zu sehen bekam .
Die Ducaten lagen in einem sonderlichen Schrank , in welchem Fach auch die Ringe und andere Kleinodien verschlossen waren .
Das übrige Currentgeld stund in versiegelten Säcken , welche in eiserne Kisten eingeleget waren .
Sie wies mir beinebens eine Kiste von einer Elle , so mit Reichstalern durch einen Hammer ganz voll angeschlagen war , also daß man keinen mit der Hand herauskriegen konnte .
Die Ställe stunden voll Vieh , und der Boden lag voll Getreid , ohne was sonst in Mobilien und anderer Barschaft da war .
Sie hatte drei Dörfer und in jedem achtzehn bis zwanzig Bauren .
Desgleichen hatte sie Gerechtigkeit , zwei Gehege zu jagen und vier Teiche zu fischen , aus welchen jährlich alleine vierundvierzig Centner Karpfen zu verkaufen wären .
In einem solchen Stand befand sich ihr Vermögen , und ich wollte einen Finger aus der Hand darum gegeben haben , wenn das Gut und diese Gelegenheit mir außer Landes oder gar hundert Meil Wegs von dar zugestoßen wäre , dahero fand sie mich in allem sehr kaltsinnig , und sie konnte sich verwundern , daß ich so traurig war .
Ich seufzete öfters , aber ob sie gleich nach allen Kräften um die Ursach fragte , wollte ich doch nicht heraus , sondern gab vor , die zuvor auf der Reise ausgestandene große Kälte bekäme mir so übel , daß ich eine bevorstehende Krankheit daraus urteilete .
Sie gab mir auf solches Vorgeben kostbare Medicin ein und pflegte meiner nach aller Möglichkeit , daraus ich mit Verwunderung verstehen müssen , daß dieses liebe Kind mit mir nicht anders als ihrem leiblichen Bruder umging , aber es war mir doch nichtsdestoweniger recht übel bei der Sache , und hätte über mein eigenes Verhängnis selbst weinen mögen .
Solchen Zustand erlitt ich auf dem Hause bis in den vierten Tag , als sie mit Gewalt an mich setzte und mich dahin brachte , daß ich ihr zusagte , sie zu ehelichen .
1 Also das war ihr Zimmer .
Sie streifte die Handschuhe ab und sah sich um .
Das eiserne Bett , der Schrank aus weichem gestrichenen Holz , die fleckige Tischdecke , das in der Mitte eingesessene Sofa machten keinen besonders freundlichen Eindruck .
Aber das Ärgste , nein , das konnte sie nicht sehen .
Die junge Frau neigte sich über den Waschtisch .
Das fahle Gesicht des Dienstmädchens sah mit impertinentem Lächeln auf die junge Dame .
Die Thüre fiel ins Schloß .
Draußen drehte die Magd die Visitenkarte der Dame zwischen den Fingern .
Sie heftete das Kärtchen mit vier kleinen Nägeln an die Korridorthüre .
Während dessen tauchte ihr Gesicht in die Waschschüssel und wunderte sich , daß man ihr warmes Wasser gebracht hatte .
Nach einer Weile steckte sie den Kopf durch die Thür .
Lippen verzogen sich leicht .
Sie zog den Kopf wieder herein , trocknete sich das Gesicht , kämmte ihr schönes dunkelbraunes Haar , und schlüpfte in ihr Kleid .
Dann ließ sie sich auf das Sofa nieder und stützte den Kopf in die Hand .
Nun , so arg war es ja wohl nicht , wie es im ersten Augenblick erschien .
Natürlich , sie war ihre Kleinstadt gewöhnt mit der schneeweißen Sauberkeit und dem kalten Quellwasser .
Dafür hatte sie ja jetzt ein anderes Gut eingetauscht , ein Gut , nach dem sie lange geschmachtet :
die Freiheit .
Was lag an all den Nebenumständen , die vielleicht jetzt ungünstiger als früher wurden ?
Sie würde nun sicher zufrieden werden , besonders wenn sie erst eine Beschäftigung gefunden hatte .
Wer , der jahrelang in einer unglücklichen Ehe geseufzt , wird nicht den ersten Tag , da er sich frei weiß , einen glücklichen nennen ?
Wenn man bloß denken , Einiges noch überlegen könnte ;
aber der Lärm , der von der Straße heraufdrang , war zu toll .
Sie schloß das Fenster .
Ob das immer und ewig so forttollte ?
oder ob heute ein besonderer Tag war , Markttag , oder so etwas ?
Sie mußte über sich selbst lachen .
Hatte sie sich doch wieder in ihre kleinstädtischen Verhältnisse zurückversetzt .
Hier in der Millionenstadt war vermutlich jeder Tag ein Markttag .
Sie versank in Gedanken ;
dann trat sie zum Fenster , um es zu öffnen .
Die Luft hier war gar zu erstickend .
Wonach roch es nur eigentlich ?
Sie grübelte eine zeitlang ;
dann entschloß sie sich auszugehen – irgendwohin zum Mittagessen .
Es war ein Uhr , die Stunde in der sie auch zu Hause gespeist hatten .
Sie zog das Jaquet an , setzte das Hütchen auf , das sie sorgfältig einer Pappschachtel entnommen hatte , und ging hinaus .
Draußen im Vorzimmer am Fenster saß das Mädchen und las .
Es war ein Leihbibliotheksband , über und über von Fettflecken bedeckt .
Die Lesende ließ ihn langsam in ihren Schooß gleiten .
Hildegard schüttelte den Kopf .
Das Vorzimmer war eng , aber anständig möbliert ;
Sofa , Tisch , und einige Stühle bildeten seine Einrichtung .
Am Fenster befand sich ein Nähtisch .
In einer Ecke stand ein Kleiderrechen , daneben ein Reisekorb .
Hildegard sah in den engen Schacht hinab , der den Hof vorstellte .
» Brauch ick ooch nich ;
dafor jiebts Lampen .
« maß mit leichtem Stirnrunzeln die Magd .
Es schien ihr , als habe sie noch nie ein so häßliches Gesicht gesehen .
Um den breiten Mund gegen das Kinn hin befand sich eine Menge kleiner Warzen und erinnerte an die Haut der Kröten .
Die Nase glich einem birnförmigen Fleischklumpen ;
die Augen stachen zwischen weißlich blonden Wimpern klein und tückisch hervor .
Unendlich spärliches semmelfarbenes Haar umgab die niedere Stirn .
dachte die schöne junge Frau ;
dann sagte sie mit freundlicherer Stimme als vorher :
Hildegards Wangen röteten sich leicht ;
dann wandte sie sich zum Ausgang .
Die Magd erhob sich träg und langte von dem Bordbrett neben dem Sofa einen Schlüssel herab .
Hildegard ging vorsichtig die steile enge Wendeltreppe hinab .
Unten blieb sie einen Augenblick stehn , um sich das Haus näher zu betrachten .
Es war ein ganz schmaler , alter , spitz zulaufender Bau , vielleicht eines der ältesten Häuser Berlins .
Das höchst gelegene Fenster , dort bald unterm Giebel , war das ihre .
Als sie , noch von Konstanz aus , hier in einer Tageszeitung ihr Wohnungsgesuch einrücken ließ , hatte sie ein besseres Resultat ihres Suchens erwartet .
Sie hatte aus einem Wust angebotener möblierter Zimmer gerade dieses hier gewählt , weil die Straße , in der es sich befand , Unter den Linden hieß , und sie sich unter dieser Straße Herrliches vorstellte .
Nun , vielleicht würde sie sich auch hier einleben .
, die Wohnungsinhaberin kam immer erst abends nach Hause .
Sie war von neun Uhr morgens an in einem Geschäfte .
Hildegard würde heute Abend mit ihr sprechen .
Hoffentlich war sie anmutiger als ihre Dienerin .
Das Mittagessen beim verlief überaus peinlich für .
Man starrte sie an ;
sie errötete , geriet in Verlegenheit und gab so Veranlassung , daß man sich über sie lustig machte und sie noch mehr anstarrte .
Nach dem Essen unternahm sie einen Spaziergang , verirrte sich natürlich , mußte in eine Droschke steigen , und kam schließlich gegen Abend heim .
Sie war todmüde geworden , warf sich auf das Sofa und schlief ein .
Ein starkes Klopfen an der Thür erweckte sie .
Eine Dame trat herein .
Hildegard , noch ganz verschlafen , lächelte .
Sie zog die Andere neben sich auf das Sofa .
meinte Hildegard , ihre Hausfrau von der Seite betrachtend , Das gutmütige , volle , stark gepuderte Gesicht der Vermieterin verzog sich zu einem freundlichen Lächeln .
meinte Hildegard .
Das Fräulein zupfte sich die leicht angegrauten blonden Löckchen in die Stirn .
schüttelte den Kopf .
fragte Hildegard etwas brüsk .
Hildegards Wangen färbten sich purpurn .
Am Allerseelentag , er war trübe und neblig , waren die Kinder mitten unter den Versammelten auf dem Kirchhof .
Der Krappenzacher hatte Dami an der Hand dahin geführt .
Amrei aber war allein gekommen ohne die schwarze Marann ' und Viele schimpften über die hartherzige Frau , und einige trafen einen Theil der Wahrheit , indem sie sagten :
die Marann ' wolle nichts von dem Besuchen der Gräber , weil sie nicht wisse wo das Grab ihres Mannes sei .
Amrei war still und vergoß keine Thräne , während Dami bei den mitleidigen Reden der Menschen jämmerlich weinte , freilich auch , wenn ihn der Krappenzacher mehrmals heimlich geknufft und gezwickt hatte .
Amrei starrte eine Zeitlang träumerisch vergessen hinein in die Lichter zu Häupten der Gräber und sah staunend , wie die Flamme das Wachs auffrißt , der Docht immer mehr verkohlt , bis endlich das Licht ganz herabgebrannt ist .
Unter den Versammelten bewegte sich auch ein Mann in vornehmer städtischer Kleidung , mit einem Band im Knopfloch ;
es war der , der auf einer Inspectionsreise begriffen , hier das Grab seiner Eltern , Brosi und Moni , besuchte .
Seine Geschwister und deren Angehörigen umgaben ihn stets mit einer gewissen Ehrerbietung und die Andacht war fast ganz abgelenkt und auf diesen Vornehmen alle Aufmerksamkeit gerichtet .
Auch Amrei betrachtete ihn und fragte den Krappenzacher :
Statt aller Antwort hatte der Krappenzacher nichts Eiligeres zu thun , als auf eine Gruppe loszugehen und zu sagen , welch' eine dumme Rede da das Kind gethan habe .
Und mitten unter den Gräbern erscholl lautes Gelächter über solche Albernheit .
Nur die Rodelbäuerin sagte :
Die Kunde von der Frage der kleinen Amrei mußte doch auch bis zu Severin gedrungen sein , denn man sah ihn hastig seinen Oberrock zuknöpfen und dabei nickte er nach dem Kinde hin .
Jetzt hörte man ihn fragen , wer das sei und kaum hatte er die Antwort vernommen , als er auf die beiden Kinder an den frischen Gräbern zueilte und zu Amrei sagte :
Das Kind starrte drein und antwortete nicht .
Und kaum hatte Severin den Rücken gewendet , als es ihm halblaut nachrief :
und ihm dabei den Dukaten nachschleuderte .
Viele , die das gesehen hatten , kamen auf Amrei zu und schimpften auf sie hinein und eben als sie daran waren , sie zu mißhandeln , wurde sie wiederum von der Rodelbäuerin , die sie schon einmal mit Worten beschützt hatte , vor den rohen Händen gerettet .
Auch sie verlangte indeß , daß Amrei wenigstens Severin nacheile und ihm danke ;
doch Amrei gab auf keinerlei Rede eine Antwort ;
sie blieb starr , so daß auch ihre Beschützerin von ihr abließ .
Nur mit großer Mühe fand man den Dukaten wieder und ein Gemeinderath , der zugegen war , nahm ihn sogleich in Verwahrung , um ihn dem Pfleger der Kinder zu übergeben .
Dieses Ereigniß brachte der kleinen Amrei einen seltsamen Ruf im Dorf .
Man sagte , sie sei doch erst wenige Tage bei der schwarzen Marann ' und habe schon ganz deren Art und Weise .
Man fand es unerhört , daß ein Kind aus solcher Armuthei einen solchen Stolz haben könne ;
und indem man ihr diesen Stolz auf allen Wegen und Stegen vorwarf , ward sie dessen erst recht inne , und in der jungen Kinderseele regte sich ein Trotz , ihn nur desto mehr zu bewahren .
Die schwarze Marann ' that auch das Ihre , um solche Stimmung zu befestigen , denn sie sagte :
Im Winter war Amrei sehr viel bei dem Krappenzacher und hörte ihn besonders gern geigen .
Ja der Krappenzacher sagte ihr einmal das große Lob :
denn Amrei hatte nach einem langen Geigenspiel bemerkt :
Und wenn daheim in stillen Winternächten die schwarze Marann ' funkelnde und schauererregende Zaubergeschichten erzählte , da horchte Amrei mit offenem Munde und mehrmals rief sie die Alte zurückhaltend :
Niemand achtete sehr auf Amrei , und diese konnte träumen , wie es ihr in den Sinn kam und nur der Lehrer sagte einmal in der Gemeinderathssitzung :
solch' ein Kind sei ihm noch nicht vorgekommen ;
es sei trotzig und nachgiebig , träumerisch und wachsam .
In der That bildete sich schon früh bei allem kindischen Selbstvergessen ein Gefühl der Selbstverantwortlichkeit , eine Wehrhaftigkeit im Gegensatze zur Welt , zu ihrer Güte und Bosheit in der kleinen Amrei aus , während Dami bei allen kleinen Anlässen weinend zur Schwester kam und ihr klagte .
Er hatte immer Mitleid mit sich selber , und wenn er in Raufhändel von Spielgenossen niedergeworfen wurde , klagte er :
Und dann weinte er doppelt über die erfahrene Unbill .
Dami ließ sich von allen Menschen zu essen schenken und wurde dadurch gefräßig , während Amrei mit Wenigem vorlieb nahm und sich dadurch äußerst mäßig gewöhnte .
Selbst die wildesten Buben fürchteten Amrei , ohne daß man wußte , woran sie ihre Kraft bewiesen hatte , während Dami vor ganz kleinen Jungen davon lief .
In der Schule war Dami stets spielerisch , er bewegte die Füße und bog mit der Hand die Ecken der Blätter um , während er las .
Amrei dagegen war stets zierlich und gewandt , aber sie weinte oft in der Schule , nicht wegen der Strafen , die sie selbst bekam , sondern so oft Dami gestraft wurde .
Am meisten konnte Amrei den Dami vergnügen , wenn sie ihm Räthsel schenkte .
Noch immer saßen die beiden Kinder viel am Hause ihres reichen Pflegers , bald bei den Wagen , bald beim Backofen hinter dem Haus , an dem sie sich von außen wärmten , besonders im Herbste .
Und Amrei fragte :
erwiderte Dami klagend .
Und auf den Wagen vor dem Hause deutend fragte Amrei :
Ohne lange auf Antwort zu warten , setzte sie gleich hinzu :
sagte Dami und Amrei erwiderte :
rief Dami , Und Dami sagte ängstlich in sich hinein , um es ja nicht zu vergessen :
während Amrei fragte :
setzte sie sogleich mit scherzendem Gesang hinzu , und Dami sprang davon , um seinen Kameraden die Räthsel aufzugeben .
Er hielt beide Hände fest zu Fäusten zusammengepreßt als hätte er darin die Räthsel und wolle sie nicht verlieren .
Als er aber bei den Kameraden ankam , wußte er doch nur noch das von der Kette , und des Rodelbauern Aeltester , den er gar nicht gefragt hatte und der viel zu groß dazu war , sagte schnell die Auflösung und Dami kam wieder weinend zur Schwester zurück .
Die Räthselkunst der kleinen Amrei blieb aber nicht lange verborgen im Dorf und selbst reiche , ernsthafte Bauern , die sonst mit Niemand , am wenigsten mit einem armen Kind viel Worte machen , ließen sich herbei , da und dort der kleinen Amrei ein Räthsel aufzugeben .
Daß sie selber viele dergleichen wußte , das konnte sie von der schwarzen Marann ' haben ;
aber daß sie neugesetzte so oft zu beantworten verstand , das erregte allgemeine Verwunderung .
Amrei hätte nicht mehr unaufgehalten über die Straße oder auf's Feld gehen können , wenn sie nicht bald ein Mittel dagegen gefunden hätte .
Sie stellte als Gesetz fest , daß sie Niemand ein Räthsel löse , dem sie nicht auch eins aufgeben dürfe .
Sie aber wußte solche zu drechseln , daß man wie gebannt war .
Noch nie war im Dorf einem armen Kinde so viel Beachtung zugewendet worden , als der kleinen Amrei .
Aber je mehr sie heran wuchs , um so weniger Aufmerksamkeit wurde ihr geschenkt ;
denn die Menschen betrachten nur die Blüthen und die Früchte mit theilnehmendem Auge , nicht aber jenen langen Uebergang , wo das Eine zum Andern wird .
– Amrei ging in ihr vierzehntes Jahr und war aus der Schule entlassen worden .
Die Ermahnungen , die dabei an sie gerichtet wurden , machten nur wenig Eindruck .
Das Verhalten der Selbstverantwortlichkeit , das sonst das Kinderherz so mächtig und räthselvoll bewegt , war ihr nicht neu ;
sie war von früh an darauf hingewiesen .
Und jetzt eben in diesen Tagen gab ihr das Schicksal ein Räthsel auf , das schwer zu lösen war .
Die Kinder hatten einen Ohm , der sieben Stunden von Haldenbrunn , in Fluorn Holzhauer war ;
sie hatten ihn nur Einmal gesehen bei dem Begräbniß der Eltern , er ging hinter dem Schultheiß , der die Kinder an der Hand führte .
Seitdem träumten die Kinder viel von dem Ohm in Fluorn .
Man sagte ihnen oft , er sähe dem Vater ähnlich und nun waren sie noch begieriger , ihn zu sehen .
Denn wenn sie auch noch manchmal glaubten , Vater und Mutter müßten plötzlich kommen , es könne ja gar nicht sein , daß sie nicht mehr da wären , so gewöhnten sie sich doch nach und nach daran , die Hoffnung aufzugeben und das um so mehr , je öfter der Allerseelentag wiedergekehrt war , zu dem sie das Grab der Eltern mit Vogelbeeren besteckten , und nachdem sie schon lange auf ein und demselben schwarzen Kreuze den Namen der Eltern lesen konnten .
Aber auch den Ohm in Fluorn vergaßen sie endlich fast ganz , denn sie hörten viele Jahre nichts von ihm .
Da wurden die beiden Kinder eines Tages in das Haus ihres Pflegers gerufen .
Dort saß ein Mann , groß und lang und mit braunem Gesicht .
rief der Mann den Eintretenden zu .
Er hatte eine rauhe , trockene Stimme .
Die Kinder sahen ihn mit aufgerissenen Augen an .
Erwachte in ihnen eine Erinnerung an den Klang der väterlichen Stimme ?
Der Mann fuhr fort :
sagte das Mädchen und weinte .
Es gab dem Ohm keine Hand .
Ein Gefühl der Verfremdung machte es zittern , weil der Ohm es bei falschem Namen genannt .
fragte Amrei nochmals .
herrschte der Rodelbauer und setzte dann zu dem Fremden halblaut hinzu :
Amrei schaute sich verwundert um , und gab dem Ohm zitternd die Hand .
Dami hatte das schon , früher gethan und fragte jetzt :
Eine Magd kam und brachte viele Mannskleider und legte sie auf den Tisch .
sagte der Rodelbauer zu dem Fremden und dieser fuhr zu Amrei fort :
Amrei berührte zitternd den Rock des Vaters und dessen blaugestreifte Weste .
Der Ohm aber hob die Kleider auf , wies auf die zertragenen Ellenbogen hin und sagte zum Rodelbauer :
Amrei faßte krampfhaft einen Rockzipfel .
Daß man die Kleider ihres Vaters , an die sie wie an ein kostbares und unbezahlbares Kleinod gedacht hatte , wenig werth nannte , das schien sie zu kränken , und daß diese Kleider in Amerika getragen und dort ausgespottet werden sollten , das Alles verwirrte sie fast ;
und überhaupt , was sollte denn das mit Amerika ?
Sie wurde darüber bald aufgeklärt , denn die Rodelbäuerin kam und mit ihr die schwarze Marann' , und die Rodelbäuerin sagte :
sagte die schwarze Marann' .
sagte der Rodelbauer , Der Holzhauer nahm die beiden Kinder an der Hand und verließ mit ihnen Stube und Haus .
fragte er die Kinder auf der Straße .
sagte Dami .
fragte der Ohm .
Und behend machte sich Dami los und sprang davon .
Amrei kam sich wie gefesselt vor an der Hand des Ohms und dieser redete doch jetzt mit zutraulicher Innigkeit in sie hinein ;
er erzählte fast wie zu seiner Entschuldigung , daß er selber eine schwere Familie habe , so daß er sich mit Frau und fünf Kindern nur mit Noth fortbringen könnte .
Nun aber erhalte er von einem Mann , der große Waldungen in Amerika besitze , freie Ueberfahrt und nach fünf Jahren , wenn er den Wald umgerodet habe , ein großes Ackergut vom besten Boden als freies Eigenthum .
Als Dank gegen Gott , der ihm das für sich und seine Kinder bescherte , habe er sich sogleich vorgesetzt , eine Wohlthat zu thun und die Kinder seines Bruders mitzunehmen :
er wolle sie aber nicht zwingen , und nehme sie über haupt nur mit , wenn sie ihn von ganzem Herzen gern hätten und ihn als ihren zweiten Vater betrachteten .
Amrei sah ihn nach diesen Worten groß an .
Wenn sie es nur hätte machen können , daß sie diesen Mann liebte !
Aber sie fürchtete sich fast vor ihm ;
sie wußte Nichts dagegen zu thun .
Und daß er so plötzlich wie aus den Wolken fiel und verlangte :
hab' mich lieb !
das machte sie eher widersacherisch gegen ihn .
fragte Amrei .
Sie mochte wohl fühlen , daß eine Frau sie milder und allmäliger angefaßt hätte .
erwiderte der Ohm , Amrei standen die Thränen in den Augen bei diesen Worten und doch konnte sie nichts sagen ;
sie fühlte sich fremd diesem Manne gegenüber .
Seine Stimme bewegte sie , aber wenn sie ihn ansah , wäre sie gerne entflohen .
Da kam Dami mit dem Schlüssel .
Amrei wollte ihm denselben abnehmen , aber er gab ihn nicht her .
In der eigenthümlichen pedantischen Gewissenhaftigkeit der Kinder sagte er , daß er des Kohlenmathesen Frau heilig versprochen habe , den Schlüssel nur dem Ohm zu geben .
Dieser empfing ihn und Amrei war's , als ob sich ein zaubervolles Geheimniß aufthue , da der Schlüssel zum Erstenmal im Schloß rasselte und jetzt sich drehte – die Klinke bog sich nieder und die Thüre ging auf .
Eine eigenthümliche Gruftkälte hauchte aus dem schwarzen Hausflur , der zugleich als Küche gedient hatte .
Auf dem Herde lag noch ein Häufchen Asche , an der Stubenthüre waren noch die Anfangsbuchstaben vom Caspar , Melchior , Balthes und darunter die Jahrzahl vom Tode der Eltern mit Kreide angeschrieben .
Amrei las sie laut ;
das hatte noch der Vater angeschrieben .
rief Dami , Amrei winkte ihm still zu sein .
Sie fand es fürchterlich und sündhaft , daß der Dami hier so leicht sprach , hier , wo es ihr war wie in der Kirche , ja wie mitten in der Ewigkeit , ganz außerhalb der Welt und doch mitten drin .
Sie öffnete selber die Stubenthüre .
Die Stube war finster wie ein Grab , denn die Laden waren geschlossen und nur durch eine Ritze drang ein zitternder Sonnenstrahl herein und just auf einen Engelkopf am Kachelofen , so daß der Engel zu lachen schien .
Amrei fiel erschrocken nieder , und als sie sich aufrichtete , hatte der Ohm einen Fensterladen geöffnet und warme Luft drang von außen herein .
Hier innen war es so kalt .
In der Stube war nichts mehr von Hausrath als eine an die Wand genagelte Bank .
– Dort hatte die Mutter gesponnen und dort hatte sie die Händchen Amrei's zusamengefügt und sie stricken gelehrt .
sagte der Ohm , sprach Amrei und streichelte immer den Platz , worauf die Mutter gesessen hatte .
Auf einen weißen Fleck an der Wand deutend , fuhr sie dann halblaut fort :
Amrei fing laut an zu weinen und Dami weinte mit .
Selbst der Ohm trocknete sich eine Thräne und drang nochmals darauf , daß man jetzt fortgehe , denn es ärgerte ihn zugleich , daß er sich und den Kindern dieses unnöthige Herzeleid gemacht ;
Amrei aber sagte heftig :
Amrei erschrack , sie ward erst inne , was sie gesagt hatte , aber sie erwiderte bald :
Es raschelte Etwas und kollerte über der Decke .
Alle Drei erschracken .
Aber der Ohm sagte schnell :
drängte Amrei ;
aber Dami erklärte , daß er nicht mitgehe , und obgleich Amrei innerlich Furcht hatte , faßte sie sich doch ein Herz und ging allein nach dem Speicher hinauf .
Sie kam aber bald wieder zurück , leichenblaß , und hatte nichts als einen Büschel altes Kümmelstroh in der Hand .
sagte der Ohm zu der Hinzutretenden , und diese erwiderte , das Stroh in der Hand zerbrechend :
rief Dami , schloß der Ohm , verriegelte wiederum den Laden , so daß man im Finstern stand , drängte dann die Kinder zur Stubenthür und zum Hausflur hinaus , verschloß die Hausthür und ging , dem Kohlenmathes den Schlüssel wieder zu bringen und dann mit Dami allein in's Dorf hinein .
Noch aus der Ferne rief er Amrei zu :
Amrei war allein und sie schaute den Weggehenden nach , und es kam ihr seltsam vor , daß ein Mensch vom andern weggehen kann .
Seltsam !
Wie es im wirklichen Traume geschieht , daß das blos leise Angeregte sich in ihm erneuert und mit allerlei Wunderlichkeiten verflicht , so erging es jetzt Amrei im wachen Traum .
Nur ganz flüchtig hatte Dami von der Begegnung mit der Landfriedbäuerin gesprochen ;
ihr Gedenken war halb erloschen in der Erinnerung , und jetzt wachte es wieder hell auf wie ein Bild aus vergangenem vorgeträumtem Leben .
Amrei sagte sich fast laut :
Amrei stand an dem Vogelbeerbaum und legte die Hand an den Stamm und sagte :
sagte sie wieder aufschauend zu dem Baum .
Das dreizehnjährige Kind zitterte von innerer Angst und der Zwiespalt des Lebens that sich zum Erstenmal schreiend in ihm auf .
Und wieder sprach sie halb , halb dachte sie , aber jetzt entschlossen :
Amrei setzte sich nieder am Baum und ein Buchfink kam dahergetrippelt , pickte sich ein Körnchen auf , schaute sich um und flog davon .
Ueber das Gesicht Amrei's kroch Etwas , sie wischte es ab .
Es war ein Abgottskäfer .
Sie ließ ihn auf ihrer Hand herumkriechen , zwischen Berg und Thal ihrer Finger , bis er auf die Spitze des Fingers kam und davon flog .
dachte Amrei , rief der Kohlenmathes aus dem Fenster einem jungen Burschen zu , der ein schönes junges Füllen am Halfter führte .
lautet die Antwort , und bald wieherte das Füllen weiter unten im Thale .
Amrei , die das hörte , mußte wiederum denken :
... Und Amrei horchte tief auf .
Bald war's ihr , als rauschte der Baum , dann aber sah sie nach den Zweigen und diese waren unbewegt , sie wußte nicht mehr was sie hörte .
Mit lärmendem Geschnatter kam es jetzt herbei und eine Staubwolke ging voraus .
Es war die Gänseheerde , die vom Holderwasen hereinkam .
Amrei ahmte vor sich hin lange das Geschnatter nach .
Die Augen fielen ihr zu , sie war eingeschlummert .
Ein ganzer Frühling von Blüthen war aufgebrochen in dieser Seele und die Blüthenbäume im Thale , die den Nachtthau einsogen , schickten ihre Düfte hinüber zu dem Kinde , das eingeschlafen war auf der Heimatherde , von der es sich nicht trennen konnte .
Es war schon lange Nacht als sie erwachte und eine Stimme rief :
Sie richtete sich auf und antwortete nicht .
Sie schaute verwundert nach den Sternen , und es war ihr , als ob diese Stimme vom Himmel käme ;
erst als sich der Ruf wiederholte , erkannte sie den Ton der Marann ' und antwortete :
Und jetzt kam die schwarze Marann ' und sagte :
Plötzlich fuhr ein rascher Windhauch durch den Baum , daß er mächtig rauschte .
schloß Amrei und hielt die Hand an den Baum .
drängte die schwarze Marann' .
Wie taumelnd ging Amrei mit der schwarzen Marann ' in's Dorf hinein .
Was war denn das , daß die Menschen sie durch Feld und Wald irrend gesehen haben wollten oder sprach das nur die Marann ' ?
Die Nacht war stockdunkel und nur plötzlich leuchteten rasche Blitze und ließen die Häuser im hellen Tageslicht erscheinen , so daß das Auge geblendet wurde und man stillstehen mußte , und war der Blitz verschwunden , so sah man gar nichts mehr .
Im eigenen Heimatsdorf waren die Beiden wie in der Fremde verirrt und schritten nur unsicher vorwärts .
Dazu wirbelte ein Staub auf , so daß man vor Betäubung fast nicht vom Fleck kam ;
in Schweiß gebadet arbeiteten sie sich vorwärts und kamen endlich unter schwer fallenden Tropfen an ihrer Behausung an .
Ein Windstoß riß die Hausthür auf und Amrei sagte :
Sie mochte an ein Mährchen gedacht haben , wo sich auf ein Räthselwort das Zauberschloß aufthut .
5. Auf dem Holderwasen 5. Auf dem Holderwasen .
Als am andern Morgen der Ohm kam , erklärte ihm Amrei , daß sie dableibe .
– Es lag eine seltsame Mischung von Bitterkeit und Wohlwollen darin als der Ohm sagte :
Amrei entgegnete , daß sie das vor der Hand hier zu Lande wolle , und daß sie mit ihrem Bruder ja später , wenn der Ohm noch so gut gesinnt bleibe , zu ihm kommen könne .
In der Art , wie nun der Ohm seine Theilnahme für die Kinder ausdrückte , wurde der Entschluß Amrei's wieder etwas schwankend , aber sie wagte das nicht kund zu geben ;
sie sagte nur :
Der Ohm machte sich rasch auf und gab Amrei nur noch den Auftrag , den Dami von ihm zu grüßen , er habe keine Zeit mehr , ihm Lebewohl zu sagen .
Er ging davon .
Als bald darauf Dami kam und die Abreise des Ohms erfuhr , wollte er ihm nachrennen und selbst Amrei war fast entschlossen dazu ;
aber sie bezwang sich wieder , dem nicht nachzugeben .
Sie redete und that , als ob Jemand ihr jedes Wort und jede Regung befohlen hätte , und doch schweiften ihre Gedanken fort die Wege nach , die jetzt der Ohm ging .
Sie ging mit ihrem Bruder Hand in Hand durch das Dorf und nickte allen Leuten zu , die ihr begegneten .
Sie war ja jetzt erst wieder zu Allen zurückgekehrt .
Man hatte sie ja forrtreißen wollen und sie meinte , alle Anderen müßten ebenso froh sein wie sie selber ;
aber sie merkte bald , daß man sie nicht nur gern gehen ließ , sondern daß man ihr sogar zürnte , weil sie nicht gegangen war .
Der Krappenzacher machte ihr die Augen auf , indem er sagte :
Amrei mochte fühlen , daß sie sich fortan doppelt tapfer halten müsse , damit sie kein Vorwurf treffe , weder von sich noch von Andern , und sie fragte daher abermals :
Das war nun bald geschehen und am Mittag trieb Amrei die Gänse auf den Holderwasen , wie man den Weideplatz auf der kleinen Anhöhe beim Hungerbrunnen nannte .
Dami half der Schwester getreulich dabei .
Die schwarze Marann ' war indeß sehr unzufrieden mit dieser neuen Bedienstung und behauptete , wohl nicht mit Unrecht :
erwiderte Amrei , Der Hinweis , daß sie noch nicht auf der untersten Stufe der Ehrenleiter gestanden , sondern daß es noch etwas gebe , wodurch sie herabsteige , machte Amrei plötzlich stutzig .
Für sich selber eroberte sie nichts weiter daraus , aber sie duldete es fortan nicht mehr , daß Dami mit ihr die Gänse hütete .
Er war ein Mann , er sollte einer werden , und ihm konnte es schaden , wenn man ihm einst nachsagte , daß er vormals die Gänse gehütet habe .
Aber mit allem Eifer konnte sie ihm das nicht klar machen , und er trutzte mit ihr ;
denn so ist es immer :
gerade an dem Punkt , wo das Verständniß aufhört , beginnt eine innere Verdrossenheit .
Die innere Unmacht übersetzt sich gern in die Einbildung äußern Unrechts und erfahrener Kränkung .
Dami bekam indeß auch bald ein Amt .
Er wurde von seinem Pfleger , dem Rodelbauer , als Vogelscheuche benutzt :
er durfte im Baumgarten des Rodelbauern den ganzen Tag die Rassel drehen , um die Sperlinge von den Frühkirschen und aus den Salatbeeten zu verscheuchen , aber gab das Amt , das ihn Anfangs als Spiel vergnügt hatte , bald wieder auf .
Es war ein fröhliches aber auch ein mühsames Amt , das Amrei übernommen hatte , besonders war es ihr oft schwer , daß sie Nichts zu machen wußte , wodurch sie die Thiere an sich fesselte .
Ja , sie waren kaum von einander zu unterscheiden .
Und es war nicht uneben , was ihr einst die schwarze Marann' , als sie aus dem Moosbrunnenwalde kam , darüber sagte :
setzte Amrei fort , entgegnete die schwarze Marann' , In der That bildete sich auch ein einsiedlerisches Träumen in Amrei aus , seltsam durchzogen von allerlei heller Lebensberechnung .
Wie sie bei allem Träumen und Betrachten emsig fortstrickte und keine Masche fallen ließ , und wie hier an der Ecke beim Holzbirnenbaum der betäubende Nachtschatten und die erfrischende Erdbeere so nahe beieinander wachsen , daß sie fast aus derselben Wurzel zu sprossen scheinen , so waren klares Ausschauen und träumerisches Hindämmern im Herzen des Kindes nahe beisammen .
Der Holderwasen war kein einsam abgelegener Platz , den die stille Märchenwelt , draus es glimmt und glitzert , gern heimsucht .
Mitten durch den Holderwasen führte ein Feldweg nach Endringen und nicht weit davon standen die verschiedenfarbigen Grenzpfähle mit den Wappenschildern zweier Herren , deren Länder hier an einander stießen .
Mit Ackerfuhrwerk allerlei Art zogen hier die Bauern vorüber , und Männer , Frauen und Mädchen gingen hin und her mit Hacke , Sense und Sichel .
Die Landjäger der beiden Länder kamen auch oft vorüber und der Flintenlauf glitzerte von fernher und noch weit nach .
Ja Amrei wurde fast immer vom begrüßt , wenn sie am Wege saß , und sie sollte manchmal Auskunft geben ob nicht Dieser oder Jener hier vorbeigekommen sei ;
aber sie wußte nie Bescheid , vielleicht auch verhehlte sie ihn aus jener innern Abneigung des Volkes und besonders der Dorfkinder , denen die Landjäger für allzeit gewaffnete Feinde der Menschheit erscheinen , die da umgehen und suchen wen sie verschlingen .
Der Theisles-Manz , der hier am Weg die Steine klopfte , redete fast kein Wort mit Amrei ;
er ging verdrossen von Steinhaufen zu Steinhaufen und sein Klopfen war noch unaufhörlicher als das Picken des Spechts im Moosbrunnenwald und gehörte mit zu dem Schrillen und Zirpen der Heuschrecken in den nahen Wiesen und Kleefeldern .
Ueber alles menschliche Getriebe hinweg wurde Amrei doch oft in's Reich der Träume getragen .
Frei schwang sich ihre Seele hinauf und wiegte sich in ungemessenen Bezirken .
Wie die Lerchen in der Luft singen und jubeln und Nichts davon wollen :
wo ist die Grenze des Ackers von Diesem und Jenem ?
ja wie sie sich hinwegschwingen über die Grenzpfähle ganzer Länder , so wußte die Seele des Kindes Nichts mehr von den Schranken , die das beengte Leben der Wirklichkeit setzt .
Das Gewohnte wird zum Wunder , das Wunder wird zum Alltäglichen .
Horch !
wie der Kukuck ruft !
Das ist das lebendige Echo des Waldes , das sich selbst ruft und antwortet ;
und jetzt sitzt der Vogel über dir im Holzbirnenbaum , darfst aber nicht aufschauen , sonst fliegt er fort .
Wie er so laut ruft , so unermüdlich !
wie weit das tönt , wie weit man das hört !
der kleine Vogel hat eine stärkere Stimme als ein Mensch .
Setz' dich auf den Baum , ahme ihm nach , man hört dich nicht so weit als den faustgroßen Vogel .
Still , vielleicht ist es doch ein verzauberter Prinz und plötzlich fängt er an zu reden .
Ja , gieb du mir nur Räthsel auf , laß mich nur besinnen , ich finde schon die Auflösung und dann erlöse ich dich , und wir ziehen in dein goldenes Schloß und nehmen die schwarze Marann ' und den Dami mit und der Dami heirathet die Prinzessin , deine Schwester ;
und wir lassen der schwarzen Marann ' ihren Johannes in der ganzen Welt suchen und wer ihn findet , kriegt ein König reich .
Ach , warum ist denn das Alles nicht wahr ?
und warum hat man denn das Alles ausgedacht , wenn es nicht wahr ist ?
Während die Gedanken Amrei's über alle Grenzen hinausgegangen waren , fühlten sich auch die Gänse unbeschränkt und thaten sich gütlich an benachbarten Klee- oder gar Gersten- und Haferäckern .
Aus ihren Träumen erwachend scheuchte dann Amrei mit schwerer Mühe die Gänse wieder zurück , und wenn diese Freibeuter bei ihrem Regimente angekommen waren , wußten sie gar viel zu erzählen von dem gelobten Lande , wo sie sich gütlich gethan ;
da war des Erzählens und Schnatterns kein Ende und noch lange sprach da und dort eine Gans wie träumend ein bedeutsames Wort vor sich hin und da und dort steckte eine den Schnabel unter den Flügel und träumte in sich hinein .
Und wieder trug es Amrei hinauf .
Schau , dort fliegen die Vögel , kein Vogel in der Luft strauchelt , auch die Schwalbe nicht in ihrem Kreuzfluge ;
immer sicher , immer frei .
O !
wer nur auch fliegen könnte !
Wie müßte die Welt aussehen von da oben , wo die Lerche ist .
Juchhe !
Immer höher , immer höher und weiter und weiter !
Ich fliege in die weite Welt zu der Landfriedbäuerin , und sehe was sie macht und frage , ob sie noch mein gedenkt .
So sang Amrei plötzlich aus all dem Denken , Schwirren und Sinnen heraus .
Und ihr Athem , der beim Gedanken des Fluges tiefer und rascher gegangen war , als schwebe sie schon wirklich in höherer Luftschicht , wurde wieder ruhig und gemessen .
Aber nicht immer glühten die Wangen in wachen Träumen , nicht immer leuchtete die Sonne hell in die offenen Blüthen und in die wogende Saat .
Noch im Frühling kamen jene naßkalten Tage , in denen die Blüthenbäume wie frierende Fremdlinge stehen und Tagelang läßt sich die Sonne kaum blicken und ein starres Frösteln geht durch die Natur , nur bisweilen unterbrochen vom Aufzucken eines Windstoßes , der Blüthen von den Bäumen reißt und fortträgt .
Die Lerche allein jubilirt noch in den Lüften , wohl über den Wolken , und der Fink stößt seinen klagenden Ton aus vom Holzbirnenbaum , an dessen Stamm gelehnt Amrei steht .
Der Theisles-Manz hat sich weiter unten beim rothangestrichenen hölzernen Kreuz unter die Linde gestellt und jetzt in streifweisen Schüttern prasselt der Hagel hernieder , und die Gänse strecken die Schnäbel empor , wie man sagt , damit es ihnen das weiche Hirn nicht einschlage ;
aber da drüben hinter Endringen ist's schon hell und die Sonne bricht bald hervor , und die Berge , der Wald , die Felder , Alles sieht aus wie ein Menschenantlitz , das sich ausgeweint hat und nun hellglänzend in Freude strahlt .
Die Vögel in der Luft und von den Bäumen jubeln und die Gänse , die sich im Wetterschauer zusammengedrängt und die Schnäbel verwundert aufgestreckt hatten , wagen sich wieder auseinander , und grasen und schnattern und besprechen das vorübergegangene Ereigniß mit der jungen flaumweichen Brut , die dergleichen noch nicht erlebt hat .
Gleich nachdem Amrei vom ersten Unwetter überfallen worden war , hatte sie für künftige Fälle Vorsorge getroffen .
Sie trug von nun an immer einen leeren Kornsack , den sie noch vom Vater ererbt hatte , mit hinaus auf den Ganstrieb .
Zwei gekreuzte Aexte mit dem Namen des Vaters waren noch deutlich auf dem Sack abgemalt , und bei Gewittern deckte sie sich mit dem Sacke zu und wickelte sich fast hinein ;
da saß sie dann wie unter einem schützenden Dach und schaute hinein in den unfaßbaren wilden Kampf am Himmel .
Ein kalter Schauer , der in Wehmuth überging , wollte sich gar oft ihrer bemächtigen , sie wollte weinen über ihr Schicksal , das sie so allein , verlassen von Vater und Mutter , hinaus gestellt ;
aber sie gewann schon früh eine Kunst und eine Kraft , die sich schwer lernt und übt :
die Thränen hinabwürgen .
Das macht die Augen frisch und doppelt hell mitten in allem Trübsal und aus ihm heraus .
Amrei bezwang ihre Wehmuth besonders in Erinnerung an einen Spruch der schwarzen Marann' :
wer nicht will , daß ihm die Hände frieren , muß eine Faust machen .
Amrei that so , geistig und körperlich , sah trotzig in die Welt hinein und bald kam Heiterkeit über ihr Antlitz ;
sie freute sich der prächtigen Blitze und ahmte leise vor sich den Donner nach .
Die Gänse , die sich wieder zusammengeduckt hatten , schauten wieder seltsam drein , sie hatten's aber doch gut :
alle Kleider , die sie brauchen , sind ihnen auf den Leib gewachsen und für das was man ihnen im Frühling ausgerupft hat , ist schon wieder anders da , und jetzt da das Wetter vorüber ist , jubelt wieder Alles in der Luft und auf den Bäumen und die Gänse machen sich's im warmen Sonnenschein bequem , sie setzen sich nieder und fressen sitzend das neugewürzte Gras im Umkreise .
Von dem tausendfältigen Sinnen , das in Amrei lebte , erhielt nur die schwarze Marann ' bisweilen Kunde , wenn sie vom Wald kommend ihre Holzlast und ihren Sack mit gefangenen Maikäfern und Würmern bei der Hirtin abstellte .
Da sagte Amrei eines Tages :
Die schwarze Marann ' sagte darauf nichts weiter als ihren gewohnten Spruch :
Nur einmal half die Marann ' den stillen Betrachtungen der Amrei auf eine andere Spur .
Die Wachtel schlug bereits im hohen Roggenfeld und neben Amrei sang fast einen ganzen Tag unaufhörlich eine Feldlerche am Boden , sie wanderte hin und her und sang immer so innig , so in's tiefste Herz hinein , es war wie ein Saugen der Lebenslust .
Das klang noch viel schöner als die Töne der Himmelslerche , die sich aufschwingt in die Luft , und oftmals kam der Vogel ganz nahe und Amrei sagte fast laut vor sich hin :
Aber der Vogel war scheu und versteckte sich immer wieder .
Und Amrei sagte schnell überlegt vor sich hin :
An Clemens Es geht schlecht mit meinem Witz , Dein Brief ist wie der Blitz in mich eingeschlagen , und ich kann Dir Neues davon sagen , wie das einem tut !
– Gar nicht – tut es einem .
Geist samt Eindruck verschwunden !
Erst hab ich mich besonnen , ob ich nicht Dir diese Lähmung verschweigen solle , daß ich nämlich mit Deinem Brief nichts anzufangen weiß und lieber Dir etwas vorzaubere vom Frühling , der hier gar nicht schlecht ist .
Gibt's der Tage viele wie der gestrige Sonntag ?
– Himmelsbläue – unendliche !
kräftige !
vom Sonnenfeuer durchglüht , die Bäume vermählten ihre Schatten einander , alles im schönsten Frieden lautloser Stille , – die Orangen warfen als ihre Blüten herunter , – da hab ich gelegen im Boskett und alle Blüten aufgefressen , konnt nichts mehr zu Mittag essen , die Großmama frägt , ob ich krank sei , in der Nachbarschaft sind die Röthlen .
– Dein Brief kam um zwei Uhr , ich wollt ihn studieren unter jenen duftenden Bäumen , ein narkotischer Balsam strömte aus seinen weisheitsvollen Blättern , der Sonnenschein ging , ich hatte den Brief nicht bedacht , aber beschlafen , aber doch blieb mein Begriff gelähmt .
Der Mond kam , und der Tag war noch nicht vergangen , ich ging zum Gitter im Boskett , wo die Blumen alle stehen auf hohen Paradegestellen , man kann dran hinaufsteigen .
Der Gärtner stand oben mit der Gießkanne , ich ward ganz durstig , wie sie so gierig das kühle Wasser schluckten , ich trank aus der Gießkanne .
Der Gärtner wollt es nicht leiden , ich sollte warten , daß er ein Glas hole .
Ich bin dem Gärtner gut , er ist mein bester Geselle .
Alles , was er sagt , verbindet sich so nah mit der Gegenwart .
Die Blumenglocken bewegten sich vom Abendwind , der zieht mit sanftem Brausen durch die erfrischten Sträucher und nimmt den Staub der Blumen mit sich fort ;
jeden Abend sieht der Gärtner diesem Spiel des Windes mit den Blumen zu .
Grade in diesem Monat versäumt der Wind es keinen Abend , sagt der Gärtner .
Was ich gesehen hab noch ?
– Eine Biene , die sich ein Bad zurecht machte in dem Schüsselblatt von einer Geißblattblüte , sie patschte drin herum , tauchte den Kopf unter und wusch sich von allen Seiten mit ihrem Rüsselchen , grad wie eine Katze .
– Nun denk ich , ob man eine Biene nicht könne zahm machen auch wie eine Katze .
Daß sie hereingeflogen käm abends und schlief da auf einem Nelkenstock oder Wicken oder sonst einem Blumenstock , den die Bienen lieben .
Der Gärtner meint , eine oder die andere , die einen aparten Sinn habe , könne das wohl – und sagte noch allerlei von den Bienen , was die Leute nicht glauben , weil es zu gescheut wär für so kleine Tiere , aber es sei dennoch wahr ;
ich glaub's , warum soll er es nicht besser wissen , da er diese mit so großer Liebe beobachtet , das heißt mit Geist .
Die Leute sind wohl auch so dumm zu glauben , ein Gärtner habe keinen Geist ;
– aber , der hat Geist – und kann also mit Geist beobachten , das heißt mit Liebe .
– Ja , Clemens , ich hab gestern abend noch an Dich schreiben wollen , aber ich mußte nachdenken über die Bienen .
Ob sie wohl einen an der Stimme erkennen würden ?
– Die Bienen haben ein fein Gehör , sie richten sich bei weiten Ausflügen nach dem Abendgeläut , sie unterscheiden genau die Glocke ihres Dorfs , das hat der Gärtner in seinem Dorf hundertmal beobachtet .
Wir überlegten's noch mit dem Heimlichmachen der Bienen ;
– einen Blumenstrauß im Mund , sich ins Gras legen und schlafend stellen .
Kommen die Bienen , so muß man sie nicht verjagen , sagt der Gärtner , wenn sie auch an den Blumen vorbei aufs Gesicht fliegen , sie stechen nicht .
– Wenn eine erst zahm ist , dann kommen mehrere .
– Das wär mir eine Freude , Clemente , über alle Freuden , wenn ich so an einem heißen Sommertag in der Lindenallee spazieren ging und die Bienen kämen alle von den Bäumen herabgeflogen und umschwärmten mich .
Er würde gleich mit schwärmen , meint der Gärtner !
– Ich weiß es – und er flög wohl auch daneben ;
und ich weiß – liebster Clemente !
Der ist aber kein sentimentaler Pfarrer , der mit dem Universum liebäugelt !
Bis die Bienen wirklich kommen und mich umsummen , daß ich mein eigen Wort nicht hör , hat's Zeit , Deinen liebenden Brief zu besprechen .
Schon in Deinem früheren Brief über Kunst steht – – ich fühl , daß solche tief durchdachte Gedanken , die Du an mich zwar richtest , doch vielmehr der Welt angehören , das erstemal wollte ich sie wie einen musikalischen Satz durch einen Gegensatz beantworten , wodurch erst seine Basis begründet wird , sagt der Musiker , und eine Symphonie aus sich hervorzubilden vermag .
Aber , Clemens , ich fühlte mich so beklommen bei Deinem neuen Brief !
– Er paßt nicht zu meiner feurigen Frühlingsstimmung .
– – – er paßt nicht zu meinem himmlischen leichtsinnigen Stubenkamerad , meinem Dämon , – nicht Damon – der mir's unter die Füße gibt , ich soll mich nicht auf Stelzen begeben .
– Und – Daß es mir gar um Freundschaft und Liebe nicht zu tun ist .
Gestern , Dienstag , waren wir im Forstwäldchen auf einem Ball , bei .
– Der Brief kommt nicht weiter heute , es steht ein Blumenstrauß auf meinem Tisch von lauter Vergißmeinnicht , wunderlich gebunden wie ein Kelchglas .
In der Mitte auf dem Grund des Kelches sind Moosrosen .
Wie schön !
– Ja , ihr Rosen seid schön , und euer Gewand ist die Schönheit selbst , und euer Reiz umwallt gleich die Brust , an der ihr vergeht !
Und ihr seid so schnell fort , und doch hat man so zärtlich euch geliebt – und doch seufzt man euch nicht nach !
– Warum nicht ?
– Hat's Gott gewollt , daß man euch liebe , wie der Clemens mir sagt :
ich sei berufen mit ihm zusammen , daß wir einander lieben , wenn das so wär , daß Gott wolle , wo er gar nicht zu wollen hat , ich würde ihm widerspenstig sein und den grad nicht wollen lieben , den er dazu geschaffen .
– Denn das bändigt mich eben grade nicht , wenn er vielleicht sagte , wie die Kindererzieher , wenn sie Äpfel austeilen , magst du den nicht , so kriegst du gar keinen !
– Fühl ich mich hingezogen zu manchem , so ist's nicht aus vorbedachtem Gefühl , nicht weil ich glaub , Gott hab es so gewollt , – es würde mir allen Farbenschmelz und Heiligenschein konsumieren , dies Soll oder Muß .
Die Rosen – sie glänzen im Abendschein , sie locken mich , sie zu umfassen , sie zu küssen .
Ich bin ganz bei ihnen , wenn wir abends im Mondenschein allein zusammen plaudern , und fühle mich nicht allein mit den Blumen wie oft mit Menschen .
Und wenn es Deine eignen Ideen sind , Clemens , die Dich wieder lieben , wie Du mir schreibst , so sind die Blumen wohl die Liebesgedanken der Natur , von denen sie auch wieder geliebt wird .
Liebesgedanken sind sie .
– Die Rosenknospe ist's , sie wirft in ihrer Verschränktheit glühende Blicke in das Auge , das sich in ihrem Anschauen verliert .
Wenn sie nachher dem Tag sich erschließt , dann ist sie nicht mehr so , sie lacht dann jedem Vorübergehenden und wird die Blume des Tages , an der alle gleichen Anteil zu haben meinen .
Drum als ich gestern von meinem knospenreichen Rosenstock ein Paar davon abbrach zum Ballsträußchen , das tat ich ungern , so jung von ihrem nährenden Stamm sie zu trennen , die so an der Grenze ihrer Jungfrauenzeit aus ihrem grünen Kinderjoppelchen recht neugierig herausguckten , aber ich dachte :
– – sagen die Rosen wieder .
– Ach Rosen !
– Vorwürfe von euch !
– Da ich doch meine Zeit mit euch vertändle .
Aus der Natur süßestem Gefühlsschmelz ihr selber hervorgegangen !
– Seid ihr Blumen nicht der Liebesdrang , der Venusgürtel der Natur ?
– Ihrer Lippen würzigen Atem hauchen die Blumen in reizenden neckenden Antworten allen Liebesanträgen aller Wesen in ihr .
Und die Rosen , sie sind die Antwort , die im Necken schon sich in einen Kuß verwandelt und ohne Widerstand durch ihre eig'ne Schönheit Zeugnis gibt :
– Es war mir so wehmütig , gestern Abend mit Rosen allein , und bin ungern von ihnen geschieden , um schlafen zu gehen , und hab mich noch recht in ihr weiches junges Grün hineingeschmiegt zum Abschied !
– Und hab so wunderliche Träume gehabt in der Nacht .
– Sonnenstrahlen , die scharf und rein durch dichtes Gewölk auf mich trafen , und da war alles in üppiger Blüte um mich her und atmete kaum vor Schwüle , und ich stand da allein unter diesen Blüten allen , mit offner Lippe nach einem Tropfen Labung .
– – so dacht ich dort .
Es tat mir so leid , daß ich nicht den Regen ihnen aus dem Gewölk niederschütteln konnte , und als ich aufwachte , war mir's noch schwermütig , und heute den ganzen Tag so fort .
– Wenn nicht eins mir Freude gemacht hätte .
– In der heißen Mittagsstunde kamen wirklich ein paar Bienen hereingeflogen , umsummten meine Rosen , meinen Maiblumenstrauß , meinen Basilikum , meine Ranunkel sind noch nicht offen , schmecken den Bienen auch nicht .
Nelken sind auch noch nicht aufgeblüht , die sind aber wahre Lockspeise für sie , und die stehen doch schon alle da , daß sie von ihnen gesehen werden , was in der Zukunft auf sie wartet , sie werden wiederkommen und werden sich in meinem Wirtshaus betrinken , dazu mache ich ihnen Musik .
Gleich als sie ankamen heut , so nahm ich die Gitarre und klirrte ihnen was drauf vor , sie summten , es war ein deliziöses Doppelkonzert und hat mir meine Munterkeit wiedergegeben , die mit einem Fuß schon ausgeglitten war und schier in den rauschenden Bach der Empfindsamkeit wäre gestürzt .
– Adieu !
– Ich und meine Bienen , was kann ich mehr verlangen .
Bettine Meine liebe Bettine !
Da ich vermute , daß Dich ein kleiner Ärger weiter nicht ins Grab stürzen wird , so hab ich einigen Lusten , mit Dir zu schmälen .
Stelle Dir vor , einiges in Deinem Brief hat mir einen unangenehmen Eindruck gemacht , zum Beispiel das mit dem Rosenstöckelchen .
Es kam mir immer vor , als sei es recht artig , eine gewisse Rührung bei unschuldigen Dingen zu empfinden , ja zur Not könne man auch sagen , es war mir , als müsse ich es umarmen , aber es wirklich zu umarmen und noch gar dabei in wehmütigste Gedanken zu versinken , das geht etwas in die Wildnis und ist stark empfindsam , hält auch nicht Stich , stelle Dir vor , an welchem knappen Fädenchen die Geschichte hängt ;
fällt sie , so fällt sie mit der schönsten Empfindung ins Lächerliche , denn eine gelbe Rübe , eine Kartoffel sind doch ebenso unschuldig als ein Rosenstrauch , und dennoch wäre Deine ganze Umarmung verunglückt , wenn das Rosenstöckelchen sich in eine solche Rübe verwandelt hätte .
Auch hast Du bei näherer Beleuchtung wohl nur einen erd'nen Topf umarmt .
Wenn ich der Rosenstock gewesen wär , so hätt ich gesagt :
und dann hättest Du wahrscheinlich gelacht .
Ich hoffe , Du gewöhnst Dir täglich mehr solche Explosionen ab .
Du weißt , wie oft ich Dir über ähnliche Anfälle gepredigt habe .
Auch das lange Herumtragen und Betrachten der Träume ist kindisch , und während man auf eine Menge schöner Empfindungen , die man bei Gelegenheit solcher Träume hat , bei hellem Tag auf eine geträumte Weise stolz wird , vergißt man eine Menge zu tun , was wirklich , wahr und Pflicht ist .
– Wieviel gescheuter wär's gewesen , wärst Du auf dem Ball recht vergnügt gewesen und hättest mir das meiste , ja alles erzählt , das hätte mir weit mehr , ja unendlich viel Spaß und Freude gemacht .
– Sehr artig wär's , wenn Du doch einmal Deine Träume gern näher überlegst , die Nacht drauf in einem neuen Traum den vorigen zu bedenken , bei Tag aber recht lustig und vergnügt und fleißig zu sein , denn sonst läufst Du Gefahr , einem gewissen Mann ähnlich zu werden , der sehr bewandert in der Sternkunde war und alle Augenblicke in einen Graben fiel ;
ja endlich elendiglich in einem Brunnen ersoffen ist , weil er immer gen Himmel guckte ;
Du läufst Gefahr , daß die Leute sagen , sie ist sehr klug im Traum , aber nicht recht gescheut im Wachen .
Ich bitte Dich um des Kaisers seinen Bart willen , werde nicht empfindsam , und lasse Dich nicht von dem Lied der Katzen sogar rühren , gehe spazieren , gebe Dich mit der Toni , mit der Lotte ab und freue Dich ihrer vernünftigen Kälte .
Ich bitte Dich um alles in der Welt , werde nur keine , die Geisterseherin !
– Wahrhaftig , dann mußt Du am End verzweiflen , denn ich werd alle Tag gescheuter und unempfindsamer , es ist was Miserables um einen empfindsamen Menschen in der Welt ;
und zwar gerade , weil die Welt nichts weniger als empfindsam ist und einem kein Baum aus dem Wege geht oder beweint , wenn man sich ein Loch an ihm in den Kopf stößt .
Wenn Du überdem wüßtest , wie man durch Kränklichkeit zu all diesen zärtlichen Empfindungen kommen kann , und daß die Besessenen und Hexen in den vorigen Jahrhunderten nicht anders als solche hypochondrische Personen waren , so würdest Du Dich noch mehr hüten , in eine solche Empfindsamkeit zu fallen .
Dagegen hilft oft viel Bewegung , Springen , Singen und Tanzen , Beschäftigung , der Agnes helfen in der Küche , wenn sie allenfalls einen guten Kuchen backt , den auswäschern , kneten und in die Backschüssel hineinrunden , oder auch einen ordentlichen Aufsatz machen , selbst über die französische Revolution , wär mir lieber , und ich bin jetzt sehr bestraft dafür , daß ich dies Interesse bei Dir untergraben hab .
Ich bitte Dich , wenn es noch Zeit ist , ergreif es wieder , hol Deine alten Tagebücher hervor , in denen wirst Du Anknüpfungspunkte genug finden , es war manches so Schöne , so wahrhaft Große darin ;
ja ich kann Dir sagen , daß ich manches draus erfaßt habe als ganz neu gedacht und als gut gedacht , es hilft einem auch zur Vermeidung aller Liebesgedanken , das Große , das Wesentliche der Welt zu seinem Hauptthema zu machen .
Dort bist Du ja auch auf dem Boden , der Deinem Geist die wahre Elastizität gibt .
– Der Empfindsame bringt auch nie etwas hervor , weil er sich keines Dinges bemächtigen kann , sondern nur von allem überwältigt wird .
Ich habe überhaupt einen entsetzlichen Widerwillen gegen die Empfindsamkeit , denn sie wird über nichts empfindlicher , als wenn man sie für eine Kränklichkeit erklärt , da sie eine Feinheit der Seele sein will .
Was ich aber unter Empfindsamkeit verstehe , wirst Du wohl wissen .
– Nichts vor ungut , Du weißt , daß ich Dich vernünftig liebe und es gut meine .
Es würde mich freuen , wenn Du etwas Geschichte läsest , und außerdem meistens Goethe , und immer Goethe , und vor allem den siebenten Band der neuen Schriften , seine Gedichte sind ein Antitodum der Empfindsamkeit .
Aber als Geschichte rat ich Dir Müllers Schweizergeschichte , es ist etwas Himmlisches , ich glaube , Leonhardi hat sie .
Es sind zwar einige dicke Bände , aber desto länger dauert die Freude , setze Dir täglich ein paar bestimmte Stunden , wo Du drinnen liesest .
– Wenn Du Dich meines heftigen Unwillens erinnerst , den ich in Offenbach hatte , so oft ich alberne Bücher bei Dir fand , so wirst Du mir das Recht zugestehen , mich sehr zu beklagen , daß Du jetzt vermutlich alles lesen magst , was Dir vorkommt .
Überhaupt ist es mir sehr verdrießlich , daß Du mir nichts von Deiner innern Bildung schreibst , mich nicht fragst , was Du lesen sollst und dergleichen .
Was soll alles Phantasieren über dies und jenes , was nun einmal so ist , wie es ist .
Besser wäre es , wenn Du Dein Vertrauen zu mir so benütztest , daß Du mir Einfluß in Deine Bildung gönntest .
– Daß Du mich über alle Lektüre um Rat fragtest – und dergleichen .
– Um eins bitte ich Dich noch in Deinen Briefen , nämlich gebe mir immer Nachricht , sobald irgend etwas Bedeutendes bei Euch vorfällt , von jeder Reise , sobald Du davon erfährst .
– Meine Briefe an Dich zeige niemand , mit solchen , die betrübt sind , wie immer ohne Ursache , habe Mitleid mit ihnen , suche aber nicht etwa sie zu trösten , indem Du , beim Lichte besehen , in dieselbe erbärmliche Stimmung Dich herabsinken läßt und auch betrübt wirst .
Der Umgang mit solchen Leuten ist deprimierend und zerstört alle Kraft in uns .
Daß Du übrigens dieses nicht so wörtlich nimmst wie Eulenspiegel , hoffe ich .
– Du könntest mir einen großen Gefallen tun , wenn Du , doch ohne Übereilung oder Faulheit , mir ein halb Dutzend leinene Stiefelstrümpfe stricktest , aber nichts weniger als fein , sondern nur stark und derb .
Toni wird so gütig sein , Dir das Garn nach Offenbach zu besorgen .
Auch höre ich gar nichts mehr von Lulu und Meline , es tut mir leid , daß Du von diesen Deinen treuen Gespielinnen gar nichts zu schreiben weißt .
Schicke mir doch mit umgehender Post einige Lot der besten schwarzen Kreide , auch etwas weiße , auch englische ist mir lieb ;
es ist für einen armen Jungen hier , der ganz vortrefflich zeichnet , schicke sie aber ja gleich .
Von Savigny hab ich keine Grüße an Dich , wenn Du etwa danach fragen solltest , ob er sich Deiner noch erinnert .
– Er hat seine Studien und seine Freunde , und denkt an sie , wenn sie ihm ins Gedächtnis kommen , er schreibt öfter an Gundel , vermutlich , weil er ihr manchen Rat gibt .
Savigny , der immer helfend und wohltätig ist , nützt ihr unstreitig viel .
Dir kann er in dieser Weise nicht nützlich sein , deswegen schreibt er an Dich nicht , ich finde das ganz natürlich , da er in Sachen des Ungangs ganz anders denkt als ich , so würden wir uns oft stören .
Du verlangst ja wohl auch nichts weiter , als daß ich alles , was ich weiß und für Dich gut finde , Dir von Herzen mitteile , und ich verlange , daß Du mir traust .
– Sei kein Allmein , schicke die Kreide , stelle Dich nicht so heilig , nehme das Leben leicht und Deine Pflichten ernst , lerne mit vernünftigen Leuten lustig und fröhlich umgehen und habe mich in vernünftigem Andenken .
Dein ehrlicher Noch etwas !
– Verphantasiere Dich nicht mit dem Gärtner !
– Er ist ein guter vernünftiger Bursche an seinem Platz , nämlich unter Kraut und Rüben .
Es ist sein romantisch Leben ganz gut mit den Blumen , das aber doch gewiß halb aus Deinem Magen kommt .
– Aber einen tüchtigen Kohl muß er mir doch auch ziehen und muß seinen ordentlichen Respekt davor haben .
– Lieber Clemens !
Liebe Günderode !
Denn , lieber Clemens , ich muß doch gewiß einen haben , bei dem ich Dich verklage , Dir ins Gesicht kann ich's nicht alles sagen , was ich Schlimmes von Dir weiß und aus Deinem Brief heraus sogleich entdeckt habe .
Ach , ich möchte gar zu gerne nicht pfiffig sein und lieber gar nichts merken , aber wenn ich's nun einmal gemerkt hab , wie soll ich's machen , es übergehen würde doppelt listig sein .
– Also schreib ich's hier ans Günderödchen , da kannst Du gleich erfahren , wie zwei Mädchen sich über einen listigen Jüngling lustig machen .
Also denk nur , Günderödchen , der Clemens ist eifersüchtig über den Gärtner .
– Lies nur diesen Brief von ihm , wo er gleich von vorne herein mir meine Sentimentalität mit den Blumen vorwirft und wirklich die Vergleiche bei den Haaren herbeizieht .
Kartoffel , Gelerüb , Rose !
– Und dann , ich wär sentimental , und dann mir Heilmittel eingibt , ein halb Dutzend Paar leinerne Stiefelstrümpf , an denen ich ein halb Dutzend Jahre knottlen soll , um mich zu kurieren , und denk doch , Günderode , so geht das drei , vier Seiten fort , aber von dem , was ihn eigentlich ärgert , davon weiß er nichts zu sagen , da ist er ganz unschuldig .
Mit der gesunden Lotte soll ich umgehen , um von meiner Empfindsamkeit mich zu heilen , schwarze Kreide soll ich ihm schicken und weiße Kreide und von meinen Geschwistern soll ich ihm schreiben , von denen wisse ich nichts zu sagen , wirft er mir vor , – und ich hatte mir doch vorgenommen ihm zu schreiben , daß Lulu ein kaffee- und milchfarbnes seidnes Kleid an hatte , war ihr so sehr schön stand .
Vom Ball soll ich ihm erzählen , schreibt er , wie kann ich das ?
– Wollt ich mein Liebesabenteuer von jener schönen Ballnacht ihm mitteilen , das wär ihm wohl gar nicht angenehm .
Günderode , davon lasse Dir ja nichts herauslocken , von meiner triumphierenden Heimfahrt erzähle ihm nichts , und wen ich beim Aufgehen der Alba am Wege stehen sah , der mich grüßte , und dem ich Kranz aus dem Wagen zuwarf , das schreib ihm nicht , das bleibt unter uns Mäderchen !
– Und die Revolutionsgeschichte mit allen ihren Rebellern hier in Offenbach und mit meinen tausendfach facettierten Reflexionen darüber , die meint er , soll ich wieder hervorholen .
– Ja , wenn er wüßte , was wir zwei beide , ich und Du , alles schon drüber miteinander gedacht und verhandelt hatten und was wir niedergeschrieben und auch so manches Blatt schon zerrissen haben .
O Günderode , damals hatte er auch keine Ruh und predigte Dir so lange , Du solltest mich davon abbringen , so hatten wir denn beschlossen , im stillen darüber uns allein Rechenschaft zu geben , weil doch diese Weltangelegenheit eine ganz andre lebendige , ins tiefste Denken eingreifende Gewalt ist , weil sie doch ein Richteramt führt über alle heiligen Rechte der Menschheit , weil sie doch in sich selber eine ganz von allen Urgründen der Lebens- und Bildungsstufen aufstrebende Geistesbahn ist .
Geschichte studieren !
Müllers Schweizer Geschichte !
Bon !
Aber sie ist vorbei , gedürrte Quetschen , schmackhaft zwar , aber was soll ich mit Backobst !
Die Reise nach Augsburg Der Morgen war ein seliges Erwachen für den guten Berthold , die Mutter hatte es ihm schon im Schlafe angesehen , daß er sich wohl befinde , und war gleich heiter und gesprächig .
Beide dachten auf schöne Gaben , die sie dem Faust verehren wollten , als die Nachricht kam , er habe sich in großem Zorn aus der Stadt fortbegeben , nachdem er am Morgen sein Nachtlager kennen gelernt , zugleich beschuldigten ihn die Leute vieler schändlicher Laster .
seufzte .
Aber Berthold , der viel in Römern und Griechen gelesen hatte , suchte ihr deutlich zu machen , wie gerade die allgemeine , wissenschaftliche Ansicht , wenn sie allein herrschend würde , die sittlichen Grenzen des einzelnen Menschen auslösche ;
er sehe so Mannigfaltiges , Widersprechendes geglaubt und geehrt , daß er nur den Geist achte , in welchem alles getrieben würde .
schüttelte mit dem Kopfe und warnte Berthold gegen die Bücher , daß er es nicht auch einmal so treibe wie Faust , wenn er ganz gesund würde .
Wirklich hatte schon Berthold am Dreikönigstage einen Lusten zum Dreikönigsschmaus beim , als die beiden Töchter , die noch immer keinen Mann bekommen hatten , ihn besuchten und dazu einluden .
Sie kamen ihm diesmal ganz anders vor , die frische Luft hatte ihre Gesichter angeregt und es war ihm , als ob der Glanz von Apolloniens Augen noch auf ihnen weilte .
Hätten die beiden Jungfrauen durch seine Stirn sehen können , sie hätten diese Stimmung gewiß benutzt , denn sie waren nicht freiwillig so einsam in der Welt geblieben .
Aber in ihrem ruschligen , schwatzhaften Wesen übersahen sie alle Neuigkeiten an dem reichen Berthold , wie er heimlich der einen an den Arm faßte und die andre zu seinem Schranke hinzerrte , wo Zeichnungen von Orden , zum Dreikönigsfeste brauchbar , durchsucht wurden .
Ja er schalt nicht , als ihm Babeli einigen Festkuchen auf die saubern Pergamentbilder krümelte .
Schon nahm er sein Barett , als die Mutter eintrat und nach seinem Beginnen fragte .
Es wurde ihr erzählt , sie sollte auch Teil nehmen .
– , rief die Alte , – , sagte Berthold , – , sagte die Mutter , – , sagte Berthold bedeutend .
– , riefen die Mädchen , , und trippelten mit Gelächter davon ;
wenn sie es recht bedacht , hätten sie lieber weinen mögen , aber sie waren drüber hinaus und längst mehr auf Zerstreuung und Putz , als auf Liebesabenteuer gerichtet .
Nun fragte Berthold nach Anton , seinem Gesundheitsgenossen , aber die Mutter schimpfte heftig auf den Knaben , er habe sich nicht nur recht unbescheiden im Essen und Trinken aufgeführt , sondern auch die Nacht mit Faust im Keller vertrunken , sie habe deswegen schon dem alten Sixt den Kopf gewaschen und dieser habe ihn zur Strafe nach einem armen Dorfe zum Ausmalen der Kirche geschickt .
Berthold wagte nicht , seinen Vorschlag laut werden zu lassen , ihn ins Haus an Kindesstatt zu nehmen .
Mit Fingerling hatte Berthold ein ganz andres Verhältnis , jener glaubte ihm nie genug Dank für den Reichtum abstatten zu können , der durch den Schatz , eigentlich durch seine Anwendung über sie beide gekommen , er suchte Berthold an den Augen abzusehen , was ihm Freude mache .
Seine Lebhaftigkeit gab ihm bei seinen weißen Haaren etwas Jugendliches , er war wie ein alter Bedienter immer in einer Art Verschwörung mit Berthold gegen die Mutter .
Nie hätte diese zugegeben , daß Berthold so viel Geld für seltne Handschriften , alte Waffenstücke und andre Altertümer ausgäbe , wenn sie die Preise gewußt hätte .
Aber Fingerling brachte die Sachen ins Haus , als ob sie ihm von Handelsfreunden geschenkt wären , und bedauerte nur immer den Raum , den sie einnähmen , nachdem das Haus durch die Erbschaft der Gräfin mit Gerät so dicht vollgestopft wäre .
Bertholds Wonne war der Waffensaal , den er mit Fingerling eingerichtet hatte und den nur dieser mit ihm betreten durfte .
Da las er ihm vor aus den Heldenbüchern , jeder Hauptheld hatte da seine Rüstung , sein eigen benanntes Schwert und der Rosengarten war eigen künstlich mit gemachten Bäumen und Blumen , welche die natürlichen übertrafen und mit Bildern von Wachs ausgeführt , so daß er die Mitte des Saals einnahm , und daß die beiden alten Spielkameraden mit den Figuren zusammensetzten , was sich an Hauptbegebenheiten im Buche zutrug .
Als Berthold nun mit jedem Tage an Kraft und Gesundheit zunahm , da wurde er an einem Februarsonntage gar unerwartet für Fingerling traurig .
Er konnte sich der Tränen nicht erwehren , und Fingerling mußte lange in ihn dringen , ehe er ihm die Ursache sagte , endlich sprach er :
– Fingerling wollte ihn zur Ruhe ermahnen , weil sich das nicht so geheim treiben lasse , sonst sei er selbst , obgleich kein schulgerechter , doch ein geübter Reiter auf seinen Reisen geworden .
Aber Berthold war nicht von der Sache abzubringen :
, sprach er , – – Da sah Fingerling , daß die Sache ihm ernstlich ans Herz griff , er versprach alles zu tun , um diese seine Sehnsucht zu befriedigen , schlug ihm auch vor , in einem großen Schafstalle vor der Stadt auf dem Hofe , den Berthold kürzlich gekauft hatte , eine Reitbahn für sie beide einzurichten , auch ein Paar gutmütige Pferde zu den ersten Versuchen aus den Ackergespannen auszusuchen .
– Da fiel ihm Berthold um den Hals und konnte kaum ruhen , bis die Sache ausgeführt war , ja er schlug vor , gleich nach dem Rathause zu gehen , wo von einem Komödienspiele , worin die Waiblinger sehr ausgezeichnet waren , ein trojanisches , hölzernes Pferd stehen geblieben , um Sitz und Haltung vorläufig zu üben .
So taten auch die beiden Freunde , schützten Geschäfte vor und verschlossen sich im Rathaussaale , wo das hölzerne Pferd stand .
Fingerling zeigte , so gut er es wußte , wie die Zügel und der Steigbügel zum Aufsteigen gefaßt sein wolle – mit einem Schwunge saß Berthold oben und freute sich der Höhe .
, rief Fingerling , Auch das tat Berthold , bemerkte aber plötzlich solche Bewegung in dem Rosse , daß er die Zügel immer stärker anzuhalten für nötig fand , was aber alles nicht half , denn unaufhaltsam stürzte der stolze , von der Sonne ausgetrocknete Holzbau zusammen , Berthold an die Erde , und aus dem hohlen Bauche sprang Anton schlaftrunken , sich die Augen reibend , hervor .
Fingerling half erschrocken seinem lieben Berthold auf , fragte ihn sorglich , ob er sich Schaden getan , dieser aber hörte nicht auf ihn , sah Anton verwundert an und sprach :
– Anton antwortete mit der Bitte , seinem Vater nichts zu sagen , er habe sich vom Lande heimlich in die Stadt geschlichen , um sich einmal bei der Ratskellerwirtin , die ihm sehr gnädig , satt zu essen , und da sei er nach Tische im trojanischen Rosse zur Ruhe übergegangen , zugleich dankte er , daß sie ihn erweckt hätten , er müsse noch sechs Meilen bis zum Dorfe zurückgehen .
Berthold schenkte ihm etwas auf den Weg und Anton eilte fort .
fragte Fingerling .
, antwortete Berthold , Schon am andern Morgen hatte Fingerling alles zum Reiten auf dem Vorwerke eingerichtet .
Der ehrliche alte Meier war sehr verwundert und erfreut über die Seltsamkeit des Herrn , wußte aber in allem gut zu raten , da er in seiner Jugend ein wackerer Reitersknecht gewesen war , und auch die künstlichen Aufzäumungen und Zügelbewegungen , samt der richtigen Anwendung des Sporns , wie es die Rennpferde verlangen , wohl verstand und sich darüber mitteilen konnte .
Als nun der Bürgermeister zuerst an der Leine im Kreise ritt , da meinte er sich unwiderstehlich nach einer Seite niedergezogen , aber er blieb dennoch mutig sitzen .
Als er abgestiegen , fand er sich in allen Gliedern seltsam zerschlagen , aber er ließ sich nichts merken , weder vor dem Freunde , noch vor der Mutter .
Besonders unbequem war es ihm in den nächsten Tagen , wo er heimlich anfing , zu zweifeln , ob er zu solchen Beschwerden sich gewöhnen werde .
Aber der Meier machte ihm mit seinem Lobe immer frische Lust , er rühmte seinen guten Anstand , er werde sicher ein guter Reiter werden .
Bald war er seinem überlegen , auch waren ihm bald die geduldigen Ackerpferde zu gering , die Rennbahn zu enge .
Es wurden ein Paar schöne Rennpferde von einem verarmten Ritter gegen einige Stücke Tuch eingetauscht und nun beschlossen , durch ein feierliches Vorbeireiten das Schelten der Mutter zu besänftigen .
Demnach tat ihr Fingerling kund , daß an einem Sonntage ein fremder Ritter , der sehr viel kaufe , bei ihnen eintreffe , sie möchte ihm ein Mahl bereiten lassen .
Das war alles geordnet und nur allein darum ärgerlich , daß ihr Sohn so lange ausbleibe , da sah sie einen stattlichen Rittermann , in voller Rüstung auf hohem Roß über den Markt traben und ging ihm feierlich an die Türe entgegen .
Der Ritter ließ sein Pferd kunstreich traversieren , daß sie heimlich den Übermut des Menschengeschlechts bejammerte , auf glattem Pflaster so brotlose Künste zu machen , dann stieg er ab , – sie blickt ihm in den offnen Helm , sie stockt in ihrem Gruß , – es ist ihr lieber Sohn , der Bürgermeister , der ihr um den Hals fällt .
Nun erst erschrak sie über seine Kühnheit , fürchtete , er würde ihr in allen Dingen ausschrammen , nachdem er solche gefährliche Kunst heimlich erlernt habe , und suchte ihn mit Scheltworten und Tränen von dieser brotlosen Kunst abzubringen .
Aber Berthold hatte das alles voraus gesehen und sprach zu ihr , als er sich an den hochgeschmückten Tisch gesetzt hatte :
– , seufzte , – fragte Berthold , – schlug in Verzweiflung die Hände über den Kopf zusammen und rief zu Gott um Rat , wie sie sich benehmen solle , ob sie den jungen Menschen in solche gefährliche , verführerische Stadt hinziehen lassen dürfe .
, sagte sie , - Da trat Fingerling mit kluger Rede zwischen , versprach die Fahrt mitzumachen , den wie seinen Augapfel zu bewachen , versicherte , die Reise sei notwendig , weil sonst alle Webstühle still ständen , und trank auf die glückliche Heimkehr .
So war die Erlaubnis zur Reise der sorglichen Mutter über den Kopf weggenommen .
Als die Zeit nahete , verwunderte sie sich , daß sie es erlaubt habe , dennoch sorgte sie fleißig für das Reisegerät und packte außer der Wäsche eine ganze Apotheke und eine halbe Küche in die Mantelsäcke , und konnte immer noch nicht mit ihren Anstalten fertig werden , nachdem schon Maximilian mit seinem prachtvollen Einzuge fertig geworden war .
Endlich war der Ritt angeordnet , der Bürgermeister hatte einem Ratmann die Geschäfte übertragen , der Buchhalter sorgte für das Haus , die Pferde standen bepackt vor dem Hause , dennoch ließ sich nicht abhalten , dem Sohne noch einmal alle Warnungen einzuprägen , die sie in der ganzen Zeit gesammelt hatte , und zum Schluß suchte sie ihn noch mit der Ahndung zu rühren , als ob sie ihn nicht wieder sähe .
Obgleich er diese Ahndung schon oft gehört hatte , so beschwerte sie doch sein Herz und er ritt die erste Strecke gar nachdenkend in seinem Reisemantel .
Endlich wurde es ihm leichter ums Herz , er genoß der ersten Freiheit seines Lebens , und der keusche Frühling blickte mit tausend Blüten , wie mit neugierigen Augen in die geheime Sehnsucht , die ihm seit der Genesung jedes artige Jüngferchen zu einer Apollonia erhob , daß er jede ehrfurchtsvoll , aber oft anblicken mußte .
Die Gesundheit hatte das Samenkorn , das bis dahin in ihm wie im Sarge geruhet , schnell zum Keimen gebracht , es sprengte das Steingewölbe , das ihn bisher umgab ;
er war , er fühlte sich frei und zu etwas bestimmt .
Und wie herrlich glänzte ihm das Schwabenland , überall Züge von Reisenden ;
hier Kaufleute , die neben ihren Frachtwagen einhergingen , dort Landsknechte , die einen Hauptmann suchten ;
Pilger , die zu dem wundertätigen Bilde der schönen Maria in Regensburg zogen und Frauen und Männer , wie sie gingen und standen , mit ihrem Gesange fortrissen , denn es war das erste Bild unter den Deutschen , in welchem die geheime Gewalt des Heiligen mit der offenkundigen der Schönheit verbunden war .
Hätte Fingerling nicht Einspruch getan , der gute Berthold wäre mit zu dem Bilde gezogen , aber der lebendige Trieb nach lebendiger Schönheit wuchs in dieser Annäherung .
In reger Geistestätigkeit , von allem angesprochen , doch ohne sonderbare Reisevorfälle , kamen die beiden Reisenden in die Nähe Augsburgs , hatten schon mit einiger Beklemmung die weite Stadt mit ihren vielen Türmen von einer Anhöhe überschaut , als bei der Wertachbrücke , der auf der einen Seite , auf der andern , der schöne Verlobte , dessen hoher Braut entgegen ritten und dem Bürgermeister den Weg verrannten .
Aus dem Gerede der voreilenden Menschen , mehr noch aus der Ähnlichkeit mit vielen Holzschnitten erkannte Berthold den Kaiser schon in der Ferne und wurde gezwungen , ihn recht in der Nähe zu betrachten , weil er von der Menge , die nicht weichen wollte , an das Geländer der Wertachbrücke angedrängt wurde .
Er freute sich , wie viel milder der Kaiser aus des höchsten Weltkünstlers Hand gekommen , als aus der Hand der Maler ;
der Kaiser hatte wohl recht , einmal zu sagen :
Der Kaiser trug über seinem , mit Gold eingelegten Panzer einen roten , mit großen Perlen und grünen Edelsteinen gestickten Waffenrock , auf seinem Helme den zweiköpfigen Adler , der in der Krone wie in einem Neste seine Jungen ausbrütete – ein Zeichen , daß er diesmal die Nachfolge im Reiche für seinen vermitteln wollte .
Er ritt ein ganz weißes Roß mit leibfarbenen Nüstern und Augenwinkeln in goldnem Zaumzeuge , ein Pantherfell seine Satteldecke , das mit schweren , goldnen , betroddelten Gitterbändern um den Leib des Pferdes angezogen war .
Der war dagegen einfach in einem Marderpelz gekleidet , sein Roß war schön , aber etwas scheu , so daß er sich manchmal von der Seite des Kaisers abwandte .
Der Bräutigam , , ließ sich in einem leibfarbenen , seidenen , mit Hermelin aufgeschlagenen , mit Silber gesticktem kurzen Mantel sehen , einen grünen Kranz auf dem Haupte , aber seine Schönheit , seine Freudigkeit war sein bester Kranz , so daß ihm jeder die schöne Braut gönnte , der das unzählige Volk , wogegen alle Hartschierer zu schwach , mit Freudengeschrei entgegen jauchzte , sie recht in der Nähe zu sehen .
Sie war in ihrem Wagen so nahe an Berthold gedrängt , daß er wie einer der Fürsten zu ihrer Begrüßung entgegen geritten schien .
Er sah die steigende Röte ihrer Wangen unter dem Kranze von Edelsteinen ;
das Klopfen ihres Herzens bebte in dem Blumenstrauße , der auf der reichen Silberwoge ihres Busens unterzusinken schien .
Berthold hörte deutlich , daß sie nach fragte , den sie bis dahin nur im Bilde gesehen , das auf ihrem Herzen an goldner Kette hing , und Berthold meinte , sie frage ihn und zeigte nach der andern Seite des Wagens , der nach beiden Seiten offen , nur oben mit goldnem Teppich gedeckt war .
sprach er ;
er wußte es genau , denn ein Nachbar hatte es ihm kurz vorher erzählt .
– , sagte die Braut , , die ihn für den hielt und sich jetzt an der Schönheit Kasimirs weidete , indem sie bescheiden die Augen mit einem Wadel von Pfauenfedern deckte .
Der Bräutigam beugte vor ihr ein Knie , nachdem er vom Pferde gestiegen , die Braut reichte ihm den Mund , dann lockte sie der Kaiser auseinander , indem er in den Wagen stieg und ihnen sagte , sie würden einander noch lange genug sehen , auch sprach er :
Er winkte zum Fortfahren und die schöne Braut reichte Berthold die Hand , als einem Verwandten , dem sie sich freute verbunden zu sein .
Der Kaiser blickte sie befremdet an und fragte :
– , antwortete der Kaiser , fragte er Berthold .
Und Berthold antwortete noch freundlicher , von dem Händedruck erwärmt :
– , sprach Maximilian , In dem Augenblicke bewegte sich der Wagen fort und Berthold versank in ein stummes Nachsehen , nicht allein , weil er gewünscht hätte , der Augenblick möchte immer und ewig währen , sondern auch , weil es ihn recht kränkte , daß er noch keine Frau besitze .
Aber kaum waren die sechs Prachtwagen , die dreihundert bayrischen Ritter mit ihren Reisigen und Trabanten vorüber , so riß der unglaubliche Volksstrom den Bürgermeister aus den Gedanken und mit sich fort nach dem Felde an der Stadt .
Jedermann wollte der Trauung in der Ulrichskirche beiwohnen , nur Berthold wußte nichts von der Ursache dieser Eile und widersetzte sich dem Drange , um Fingerling zu erwarten , der unbemerkt schon früher von ihm fortgetrieben war .
Den Fußgängern widerstand er auf seinem starken Rennpferde , aber die Reiter , die nachfolgten , zogen ihn unwiderstehlich dem Tore zu , umsonst lavierte er von einer Seite zur andern , wie ein Schiff , das mit halbem Winde fährt , die Volksmenge trieb ihn fort , wie ein höheres Geschick .
Am Tore stieg der Drang aufs höchste , denn die kaiserlichen Trabanten hinderten den Eintritt , damit , das geehrte vierzehnjährige Kind des Stadtschreibers , ihre lateinische Rede an der Spitze vieler hundert weiß gekleideter Jungfrauen Augsburgs ungestört vor der Braut halten konnte .
Kaum war die Rede geendet , das Kind im Wagen der Braut aufgenommen , die vornehmsten Jungfrauen in die nächsten Häuser zur Sicherheit gebracht , während der Brautzug hereinfuhr , so schloß sich das Tor mit vieler Gewalt und die neugierige Menge war wie ein Feind ausgeschlossen .
Gleich verbreitete sich der gute Rat unter dieser Menge , ans nächste Tor zu eilen , um dort noch zur Kirche zu gelangen .
Da war aber große Eile wegen des Umweges nötig und um so ärger wuchs das Gedränge , Reiter stürzten , Wagen warfen um , niemand kümmerte sich darum , am schlimmsten ward einer Schar der weiß bekleideten Jungfrauen mitgespielt , die nicht Zeit gehabt hatten , sich in die Stadt zu flüchten ;
auf ihren weißen Kleidern war der Schmutz der bespritzten Wagen und stampfenden Rosse deutlicher zu erkennen , als auf den dunkelfarbigen oder bunten Mänteln .
Während der Donner des Geschützes von den Wällen die übrige Menge immer wilder nach der Mitte des Festes hintrieb , fand Berthold sich immer lebhafter von Mitleid gegen die Verunglückten hingezogen , die um ihre Hoffnungen betrogen , Schmerz statt Lust eingetauscht hatten ;
dort hob er einen Gestürzten aufs Pferd , hier half er einem Wagen aus dem Graben heraus , und sah sich dabei nach Fingerling , aber vergebens um .
Bei dieser Geschäftigkeit hatten sich die Leute verlaufen , es wurde ihm tausend Segen gewünscht , aber die Trauung war inzwischen vorüber gegangen , das bezeichnete der neue Donner des Geschützes von den Wällen , wie ihm einer mit Bedauern sagte .
Verdrießlich , seinen Freund nicht finden zu können , der in seinem Mantelsack alle Empfehlungsbriefe an Handelsfreunde trug , noch verdrießlicher , daß an ein Unterkommen in Wirtshäusern , wie ihm jeder versicherte , jetzt gar nicht zu denken , ließ er sein Pferd langsam den Fußstapfen der Menschen nach dem andern Tore hin folgen .
Schluchzend , weil sie sich einsam glaubte , ging da eine hohe Jungfrau von kräftigem Wuchse , und besah mit Trauern ihr Kleid , an welchem die eine Seite ganz zerrissen und beschmutzt wie eine Trauerfahne erschien .
Berthold fühlte sich vom Mitleide hingezogen , er ließ sein Pferd etwas schneller gehen , daß er fast an ihr vorbeigeritten wäre , wenn ihn nicht die schönen blauen Augen festgehalten hätten , die gleich Vergißmeinnicht am Bache ihre äußersten Blätter eintauchten und mit Tropfen füllten , ehe sie ihm , beschämt gesehen zu sein , die langen , vierfachen Flechten des dichten , gelbbraunen , sanft gekrausten Haares zugewendet hatte .
Jetzt konnte er so recht mit müßiger Lust beschauen die Wölbung des Nackens , die breiten Schultern die schlanken Hüften , die weißen , runden Arme , vielleicht zum erstenmal der Sonne entblößt , während die Hände von ihren Strahlen gebräunt waren , die zierlichen Füße mit hohem Spann , den edlen Gang in der Bewegung aller Falten , die gleichsam von einem edlen Tanze widerhallten .
Noch saß der Kranz von mancherlei Feldblumen freudenstolz auf dem Haupte der Betrübten , deren Angesicht sich in dem Rosenbusch versteckte , welcher die Mitte des keusch geteilten Busens bezeichnete .
Da war kein Mangel , kein Überfluß , sondern in dem Ebenmaß ein rechtes Bild menschlicher Zufriedenheit , alles schien an der hohen Jungfrau fest und beweglich zugleich , nirgends Zwang , alles eine schöne Gewohnheit der verhältnisreichen Gestalt .
Er hätte so gern ihr Antlitz gesehen und besann sich auf eine Frage , aber er fand keine , so ritt er stumm an ihrer Seite , wendete sich zu ihr und wieder von ihr ab , wie eine Wetterfahne bei streitendem Winde , denn Apollonia fiel ihm ein , aber so blaß wie der Mond am Tage gegen diese neue Sonne seines Lebens .
Er hätte weinen mögen mit ihr und mußte sich freuen , denn alles lebte in ihm mit Freude an der Welt , in solchen Augenblicken der Bestimmung zeigt sich Gott in der Herrlichkeit seiner Welt , wie auf dem Throne , jedem nach seinem Maße .
So kam wie eine höhere Gabe ein Zutrauen in Bertholds Seele , daß er mit ernster Stimme zu der Jungfrau sprach :
Sie sah ihn an , schüttelte mit dem Kopfe und sprach mit Schluchzen , das gegen ihren Willen wieder ausbrach :
– Bei diesen Worten sah sie von neuem den großen Riß und mußte wieder weinen und jammerte über die Schläge , die sie von der Mutter erhalten würde , obgleich sie keine Schuld bei dem Unfall hätte , es müsse einer im Gedränge mit der Degenschnalle eingehakt sein .
– Berthold versprach die Mutter zu besänftigen , er werde ihr den Drang und die Not am Tore berichten .
, sagte das Mädchen , – Und nun erzählte sie von dem Einzuge und schien ihr Unglück etwas zu vergessen , bis sie an Häuser kamen und sie dem Bürgermeister das niedrige Dach ihres Hauses zeigte , da wollte sie in Angst keinen Schritt weiter tun , sondern sich hinter dem steinernen Brunnenbecken verstecken .
Berthold faßte seinen Entschluß , ritt voran nach dem Hause und bat die Jungfrau langsam nachzukommen , indem er sich den Namen der Mutter , welche hieß , von ihr sagen ließ .
Er klopfte an das Haus und hörte sie im Hause schelten , wer sie schon wieder stören wolle ;
gleich trat auch eine rüstige Frau heraus , etwas stark , doch ohne davon beschwert zu sein und vom Ansehn jugendlicher , als sich bei einer erwachsenen Tochter vermuten ließ .
Sie hatte wahrscheinlich am Webstuhle gesessen , denn sie hielt noch ein Schiff in Händen und fragte mit Ungeduld , was Berthold wolle .
Das Ansehen , die Stimme noch mehr erinnerten Berthold an etwas Bekanntes , inzwischen achtete er nicht darauf , sondern brachte seine Entschuldigung der langsam sich annähernden Tochter in der Art vor , er sei beim Einzuge auf die Tochter gedrängt worden , und habe ihr ohne bösen Willen mit seinem Sporn das Kleid zerrissen , er biete ihr einen Gulden zur Sühne und diesen Gulden reichte er ihr zugleich dar .
Der Anblick des Geldstücks löschte alle Zornglut der Mutter , sie schalt die Tochter , daß sie sich nicht mehr in acht genommen , sie sagte Berthold , daß er nicht hätte reiten sollen , wenn er sein Pferd nicht zu führen verstehe , endlich versicherte sie aber doch , weil er sie so höflich angesprochen , wolle sie diesmal nicht schmälen , doch sei es zu viel , was er ihr biete , sie wolle das Stück verwechseln lassen und ihm das zuviel herausgeben .
– , sprach Berthold darauf , Die Mutter sah ihn bedenklich an und maß ihn vom Kopf bis zum Fuße .
, sprach sie , – , sagte die Jungfrau , – , sagte die Mutter .
– , sagte die Tochter , – fragte die Mutter .
Das Haus Valentins wurde um ein Glied vermehrt , auf das die Blicke aller gerichtet waren ;
Valentin brachte nämlich vom Oberndorfer Markt eine schöne Kuhkalbin mit .
Ehe das Thier in's Haus gebracht wurde , musterten und schätzten es die Nachbarn und alle Vorübergehenden .
Die Mutter , Ivo und Nazi gingen dem Ankömmling bis vor die Thüre entgegen .
Hier erhielt Ivo ein hölzernes Pferd , dann übergab Valentin , vergnügt um sich schauend , das Seil an Nazi , herausfordernd betrachtete er die Nachbarn und wiederum das Thier , das er mit einem Schlage in den Stall entließ .
Das Thier war schön und stattlich , mit einem Worte , so was man eine nennt .
Als die offene Stelle im Stalle wieder besetzt war , eilte Ivo , sein hölzernes Pferd auf der Brust tragend , mit Nazi in den Schuppen ;
sie brachten für die Fremde , aber das Thier öffnete den Mund nicht und brummte nur so vor sich hin .
Ivo strich ihm sanft mit der Hand über die zarten Haare , es wendete den Kopf nach dem Knaben und schaute ihn lange an .
Ivo tummelte dann sein hölzernes Pferd , das that gar nicht fremd , es war überall zu Hause und trug den Kopf mit der Hahnenfeder immer stolz .
Nachts erwachte Ivo plötzlich von seinem Schlafe ;
er hörte ein Jammern , das ihm durch die Seele schütterte .
Die Klagen der Allgäuer Kalbin erschollen immer tiefer und tiefer aus dem Innersten heraus , und es war , als ob sie ihr ganzes Leben damit ausklagen müßte .
Ivo hörte lange zu , wie das Schreien durch die Stille der Nacht so wehvoll und schauerlich klang .
So oft das Thier eine Pause machte , horchte er mit angehaltenem Athem ;
er glaubte , jetzt und jetzt müsse doch das Klagen aufhören , aber es kam immer wieder .
Ivo weckte endlich seinen Vater .
Ivo verdeckte sich die Ohren mit dem Kissen und schlief wieder ein .
Fast drei Tage lang fraß die Kalbin keinen Bissen , endlich aber gewöhnte sie sich an das andere Vieh im Stalle und war still und fraß wie die andern .
Zu neuem Jammer gingen ihr aber die Klauen an den Vorderfüßen ab ;
sie waren nur gewohnt , auf weicher Weide , nicht aber einen so weiten Weg auf harter Straße zu gehen .
Ivo half nun oft dem Nazi der Kalbin die Füße verbinden , seine Demuth und sein Mitleid , das er der Fremden bezeigte , war gar groß ;
sie erwiderte aber auch , so weit sie vermochte , seine Theilnahme , und Nazi , der sich gar wohl auf die Thiere verstand , sagte :
So viel Freude nun Ivo an der Allgäuerin gewonnen , ebensoviel Schmerz erlebte er an seinem hölzernen Pferde .
Dieses war durch den Lauf der Zeit unsauber geworden .
Ganz in aller Stille lief er daher eines Morgens nach der Schwemme , wusch und putzte es tüchtig , aber laut wehklagend kehrte er heim , denn alle Farben waren abgelaufen .
So erfuhr Ivo schon frühe , wie wenig dem gemachten Spielzeuge zu trauen ist .
Das Schicksal gab ihm aber reichlichen Ersatz für seinen Verlust .
Es war wiederum einmal spät in der Nacht , da war Alles im Hause wegen der Kalbin auf den Beinen ;
sie gebar ein Junges .
Ivo durfte nicht in den Stall , er hörte von ferne ein jämmerlich dumpfes Wehklagen , denn auch die Hausthiere hat der Fluch getroffen , daß sie .
Als es kaum Tag war , eilte Ivo in den Stall .
Er sah das schöne Kälbchen zu den Füßen der Mutter , es war ein Stromel 2 , die Mutter küßte und leckte es mit ihrer Zunge ;
niemand durfte sich ihm nahen , denn die Kuh war dann wie wütend , nur als Ivo hinzu kam und das Kälbchen schüchtern berührte , war die Allgäuerin ruhig ;
ihr Erstgebornes war ein Sohn , und Ivo ließ bei seinem Vater nicht nach , bis er ihm das Versprechen gab , daß man das Kälbchen , das heißt :
großziehen wolle .
Von nun an war Ivo jedesmal in der Küche dabei , wenn der Wöchnerin warme Tränke bereitet wurde , und niemand als er durfte ihr den Kübel hinhalten .
Fast nie bleibt eine Freude ungestört , das erfuhr auch Ivo .
Eines Tages kehrte er aus der Schule heim , da sah er einen großen Hund auf der Hausschwelle stehen .
Sorgsam ging er an ihm vorbei nach dem Stalle .
Dort erblickte er einen Mann mit einem blauen Ueberhemde , ein roth und gelb gewürfeltes Halstuch hing lose geknüpft an seinem Halse , und in der Hand hielt er den von Messingdraht umwundenen Griff eines Schlehdornstockes .
Ivo sah wohl , daß das ein Metzger war .
Der Vater stand bei ihm und sagte :
Der Vater schüttelte den Kopf .
Ivo hatte dieß kaum vernommen , da wurde ihm Alles klar .
Er stellte sein Schulzeug schnell an die Wand , sprang in den Stall , fiel dem Kälbchen um den Hals , und es mit seinen Armen fest umklammernd , rief er :
er weinte laut und konnte kaum noch die Worte hervorbringen :
Das Kälbchen schrie laut , gleich als ahnte es , was vorging , und die Kuh wendete den Kopf und brummte , ohne das Maul zu öffnen .
Valentin nahm in Verlegenheit seine Mütze ab , schaute hinein und setzte sie wieder auf .
Mit einem lächelnden Blicke auf Ivo sagte er endlich :
Der Metzger ging fort , sein Hund bellte ihm voraus , gleich als wollte er den innern Zorn seines Herrn laut werden lassen .
Er fuhr dann unter die Hühner und Gänse Valentins und jagte sie auseinander , gerade wie ein Bedienter an den Untergebenen von seines Herrn Feinden seinen Muthwillen ausläßt .
Ivo war nun glücklich mit dem Kälbchen , er hatte es vom Tode gerettet ;
aber es schnitt ihm doch tief durch die junge Seele , daß sein Vater ihm sein Ver sprechen hatte brechen wollen .
Er vergaß dieß indes bald wieder , und mit großer Freude führte er in seinen Freistunden das Muckele hinaus an einen Rain und ließ es weiden .
Eines Nachmittags stand Ivo neben seinem Muckele an dem Wiesenrain in der Hohlgasse , er hielt das Seil und ließ das Kälbchen fressen .
Mit heller Stimme sang er ein Lied , das ihn der Nazi gelehrt .
Die Töne klangen wie von Sehnsucht und Heimweh durchzittert .
Er sang :
Kaum hatte das Lied geendet , da sah er die Emmerenz von der Leimengrube herkommen .
Sie trieb mit einem dürren Tannenzweige junge Entchen vor sich her , bei Ivo hielt sie an und ließ die Entchen sich im Graben tummeln .
erzählte sie , sagte Ivo .
Emmerenz ahmte die Thierchen nach ;
den Kopf auf die Seite legend und von unten aufschauend , blickte sie Ivo gar lieblich an , der wiederum sagte :
.
sagte Emmerenz mit sinnendem Blicke , Hier standen die Gedanken zweier jungen Seelen vor der geheimen Thüre der Natur .
Eine Weile herrschte Stille , dann aber sagte Ivo :
So plauderte Emmerenz .
Ivo fing aber plötzlich an zu singen :
Emmerenz sang dagegen :
Ivo sang wieder :
Bald begann nun eins , bald das andere der Kinder , und sie sangen :
So sangen die Kinder noch mancherlei , eins schien das andere an Liederreichtum überbieten zu wollen .
Endlich sagte Ivo :
Ein gewisses Schamgefühl hielt ihn ab , mit Emmerenz zugleich durch das Dorf heimzukehren ;
er war sich bloß der Scheu vor seinen neckenden Kameraden bewußt .
Nachdem Emmerenz eine Weile fort war , machte sich Ivo mit seinem Muckele auf den Heimweg .
Ivo , der , mit einer besonders feinen Empfindung begabt , auf Alles sein Gefühl übertrug , sah mit Schmerz , daß die Allgäuerin , seitdem ihr Junges abgewöhnt war , sich gar nicht mehr um dasselbe bekümmerte .
Er hatte noch nicht gewußt , daß die Thiere nur so lange mit liebender Sorgfalt an ihren Jungen hängen , als diese in unmittelbarer Abhängigkeit und in natürlichem Zusammenhange mit ihnen stehen .
Nur so lange die jungen Vögel noch nicht recht fliegen und ihre Nahrung holen können , nur so lange ein Junges an der Mutter saugt , dauert das elterliche Verhältnis .
Aus dem natürlichen Zusammenhange herausgerissen , oder ihm entwachsen , kennen die Eltern , und besonders die Hausthiere , die Jungen nicht mehr .
Der Mensch allein , der zu seinem Kinde nicht bloß in leiblichem , sondern auch in geistigem Zusammenhange steht , nur der Mensch allein erhält ewige Liebe für seine Sprößlinge .
Fußnoten 1 Heimweh .
2 Schwarzgestriemt .
3 Füße .
4 15 Kreuzer .
5 Eigentlich nennt man bloß junge Gänse so , junge Entchen aber heißen Geitle , Emmerenz gebrauchte aber abwechselnd beide Ausdrücke .
6 Hühner .
7 Korb .
8 Großmutter .
9 Wahrlich .
5. Feldleben 5. Feldleben .
Nicht nur zu Hause bei Mensch und Vieh , sondern auch draußen bei der stillwachsenden Saat und unter den rauschenden Bäumen hatte Ivo ein reich angeregtes Leben ;
die ganze Welt mit ihren Herrlichkeiten und stillen Freuden zog in die offenen Paradiesespforten dieser jungen Seele ein .
Wenn wir durch das ganze Leben so fortfahren könnten , an Wachstum und Fülle zuzunehmen wie in der Kindheit , ein himmlisch gesegnetes Dasein wäre unser Loos ;
aber das All dringt plötzlich in uns ein , und wir haben unser ganzes Leben lang nur damit zu thun , es zu zerlegen , zu enträtseln und zu erklären .
Während der großen Vacanz , zur Zeit der Ernte und der Heberet 1 , war Ivo fast immer mit Nazi im Felde .
Da draußen lebte er erst recht und doppelt auf , und wenn er den Blick aufwärts richtete , so war das Blau seiner Augen wie ein Tropfen aus der Himmelsbläue droben , die sich so still und klar über die Erde und die emsigen Menschen ausbreitete , und es war , als ob dieses leibhaftige Stückchen in einen Menschen versenkten Himmels wieder aufstrebe zu seinem unendlichen Urquell .
So etwas wenigstens dachte einst Nazi , als er den aufschauenden Ivo am Kinn faßte und ihn inbrünstig auf die Augen küßte .
Gleich darauf aber schämte er sich dieser Zärtlichkeit und neckte und schlug im Scherze den Ivo .
Wenn die Kühe angespannt wurden , war Ivo immer zur Hand , er legte der Allgäuerin , die nun auch zum Felddienste angehalten wurde , das Polster zwischen die Hörner ;
es freute ihn , daß das hölzerne Joch doch nicht gerade so hart auf dem Kopf der Thiere liege .
Dann stand er im Felde bei den Thieren und wehrte ihnen mit einem Baumzweige die Bremsen ab .
Zu dieser Sorgfalt für die wehrlos Angefochten hielt ihn Nazi mit weisen Ermahnungen an .
Ivo und Emmerenz stellten sich auch oft , schon lange ehe die Kühe oder der Falb angespannt wurde , auf den Wagen und tanzten auf dem Brette ;
dann fuhren sie selig hinaus in's Feld ;
tummelten sich auf der Wiese , sammelten das Heu auf Schochen 2 und stießen einander muthwillig hinein .
So oft der Nazi in's Feld fuhr , stand Ivo bei ihm auf dem Wagen , oder er saß auch allein oben , die Hände in den Schooß gelegt ;
und wie sein Leib erzitterte von dem Rütteln des Wagens , so hüpfte ihm das Herz im Leibe .
Er sah träumerisch hinaus in die Gefilde .
Wer mag ermessen , welches lautlose Naturleben die Brust eines solchen Kindes bewegt ?
Auch fromme Wohlthätigkeit übte Ivo schon frühe .
Emmerenz mußte als Kind armer Eltern die abgefallenen Aehren auf dem Felde zusammenlesen .
Ivo ließ sich nun von seiner Mutter ein Säckchen nähen , hing es an einem Bändel um den Hals und sammelte für Emmerenz die Aehren .
Die Mutter warnte ihn nur , während sie ihm das Säckchen umhing , er solle acht geben , daß der Vater ihn nicht sehe , denn er würde zanken , da es sich für ein Kind vermögender Eltern nicht schicke , Aehren zu lesen .
Ivo sah verwundert nach seiner Mutter , eine tiefe Betrübniß blickte aus seinem Antlitze , aber sie haftete nicht lange .
Mit himmlischer Freude , wie er sie fast noch nie empfunden , ging er barfuß über die scharfen Stoppeln und sammelte für Emmerenz einen ganzen Sack voll Gerste .
Er war dann dabei , als Emmerenz mit einem Teile davon die jungen Entchen fütterte , er ahmte die Thierchen nach , wie sie so hastig hin und her springend die Körner aufschnabelten .
Einst ging Ivo mit Nazi in's Feld .
Der Falb , ein wohlbeleibtes Pferd mit tief eingeschnittenem Kreuze und weißer Mähne , die bis auf die Brust hinabreichte , war an die Egge gespannt .
An des Schloßbauern Haus trieb der Wirbelwind eine Staubsäule in die Höhe .
erzählte Ivo , erwiderte Nazi , erwiderte Ivo , die rauhe Hand Nazi's fassend .
Nazi hatte recht prophezeit .
Sie waren kaum eine Stunde im Felde , als sie von einem furchtbaren Hagelwetter überfallen wurden .
Schnell wurde das Pferd von der Egge gespannt , Nazi schwang sich mit Ivo hinauf , und im Galopp ging es der Heimath zu .
Es war so dunkel geworden , als ob die Nacht hereinbräche .
Ivo schmiegte sich furchtsam an Nazi :
sagte er , erwiderte Nazi .
Sonderbar !
Ivo fing vor Furcht an , laut zu lachen , so daß es dem Nazi angst und bange wurde .
Schrecken und Freude sind so nahe verwandt , daß Ivo in dem Zittern seiner Seele sozusagen ein kitzelndes Wohlgefühl empfand .
Leichenblaß und zähneklappernd kam Ivo nach Haus , seine Mutter brachte ihn schnell in's Bette , besonders auch um ihn vor dem Vater zu verbergen , der es schon lange nicht leiden wollte , daß das zarte , zum Pfarrer bestimmte Kind mit in's Feld ging .
Ivo war kaum einige Minuten im Bette , da kam der Nazi mit einem Apothekerglas , gab ihm einige Tropfen daraus zu trinken , worauf er in einen sanften Schlaf verfiel und schon nach einer Stunde so gesund war wie zuvor .
– – Die unvergleichlichste Freude genoß einst Ivo , als er einen ganzen Tag lang , ohne zwischendrein nach Hause zu kommen , mit in's Feld durfte .
Morgens in aller Frühe , schon vor der Frühmesse , ging er mit Nazi und dem Falben , der an den Pflug gespannt war , hinaus in's Feld , nach dem größten und entferntesten Acker Valentins , der an der Isenburger Gemarkung im Würmlesthäle liegt .
Es war ein schöner heller Augustmorgen , es hatte in der Nacht gewittert , ein frischer Lebensathem wehte von den Bäumen und Feldern .
Die Kleeblumen , das einzig Blühende im Felde , schauten wie mit glitzernden Augen auf zur Sonne , die man noch nicht sehen konnte , obgleich es längst heller Tag war ;
sie war jenseits hinter dem Hohenzollern aufgegangen .
Der Pflug griff wacker ein , ein erquickender Brodem stieg aus der braunen , regengesättigten Erde auf .
Der Falb schien sich fast gar nicht anzustrengen , und Nazi lenkte den Pflug so leicht wie ein Fährmann das Ruder eines mit dem Strome schwimmenden Kahnes .
Weit ringsum war Alles so hell , und bald da , bald dort sah man Menschen und Vieh fröhlich arbeiten .
Als es in Horb zur Frühmesse läutete , hielt Ivo an .
Das Pferd stand still , der Pflug ruhte in der Furche , Ivo und Nazi falteten die Hände ;
es war fast , als ob der Falb auch mit bete , denn er schwenkte den Kopf mehrmals auf und nieder .
Darauf zogen sie noch die Furche bis ans Ende , setzten sich an den Rain und verzehrten ein Stück Brod .
sagte Ivo , sagte Nazi , Nun ging es wieder tapfer zur Arbeit , die heute so leicht war , daß Nazi zu singen begann , aber nichts vom Pflügen und nichts vom Säen und überhaupt nichts von der Feldarbeit .
Er sang :
Jetzt schlug Nazi ein Schnippchen , setzte den Hut fester und sang , wohl in Erinnerung an die Vergangenheit :
Achtes Kapitel Der unerwartete Besuch war inzwischen in das Frontzimmer eingetreten , und während Stine wieder auf das Fenster und ihre hier aufgestellte Rahmenstickerei zuschritt , forderte sie den jungen Grafen auf , auf dem schräg zur Seite stehenden Sofa Platz zu nehmen .
Er lehnte dies aber ab und schob statt dessen einen Stuhl in die Nähe Stines , die sich ihrerseits sofort wieder ihrer Arbeit zuwandte , freilich in sichtlicher Erregung .
Die Nadel flog , und der orangefarbene Faden von Flockseide blitzte bei jedem neuen Stich , den sie machte .
, begann sie , während sich ihr Kopf immer tiefer auf die Stickerei senkte , Aber ehe der , an den sich die Frage richtete , noch antworten konnte , fuhr sie schon mit einer ihr sonst fremden Lebendigkeit fort :
, sagte der junge Graf , Er hatte sich , während er diese letzten Worte sprach , erhoben und sah , seine Hand auf Stines Stuhl lehnend , in den Sonnenball , der eben zwischen den nach Westen stehenden Bäumen des Invalidenparks niederging .
Alles schwamm in einem goldenen Schimmer , und das Schweigen , in das er verfiel , zeigte , daß er auf Augenblicke von nichts als von der Schönheit des sich vor ihm auftuenden Bildes hingenommen war .
Endlich aber nahm er sich Stines Hand und sagte :
Stine lächelte vor sich hin .
Der junge Graf aber , der es nicht sah oder nicht sehen wollte , fuhr in dem ihm eigentümlich elegischen Tone fort :
, sagte Stine , Der junge Graf sah sie bei diesen Worten forschend und beinah verwundert von der Seite her an .
Er hatte sich darin gefallen , ihr , um der freundlichen Umgebung willen , in der er sie gegen Erwarten antraf , ohne weiteres das Glück zuzusprechen , und war nun doch betroffen , sie so rundheraus das bestätigen zu hören , was er ihr selber eben gesagt hatte .
Stine sah das alles und setzte deshalb hinzu :
, nahm Stine wieder das Wort , Stine lächelte verlegen vor sich hin .
Endlich aber sagte sie :
Allmählich , während dies Gespräch geführt wurde , war die Sonne drüben niedergegangen , und nur ein letztes verblassendes Abendrot schimmerte noch zwischen dem Gezweige der Parkbäume .
Stine hatte längst den Stickrahmen beiseite gestellt , und der junge Graf , der ihr jetzt gegenübersaß , sah in dem Fensterspiegel , wie , die ganze Straße hinunter , die Gaslaternen aufflammten .
Er war so benommen davon , daß er eine Weile schwieg und dem eigentümlichen Straßenbilde zusah .
, sagte Stine , Der junge Graf nickte .
Dann nahm er Stines Hand wie zum Abschied und sagte , während er sich rasch erhob :
Stine gab ihm das Geleit bis auf den kleinen Korridor ;
dann aber rasch in ihre Stube zurückkehrend , trat sie ans offene Fenster und sog die frische Luft ein , die vom Park her herüberkam .
Aber es blieb ihr bang ums Herz , und sie hatte das bestimmte Gefühl , daß ihr nur Schweres und Schmerzliches aus dieser Bekanntschaft erwachsen werde .
Im selben Augenblick , wo der junge Graf , von Stine geleitet , aus dem Zimmer in den Korridor trat , trat auch die Polzin von ihrem Horcheplatz wieder an den Klapptisch zurück , wo sich nun zwischen den beiden Eheleuten sofort ein kurzes , aber intimes Zwiegespräch entspann .
, sagte Polzin , während er sich wieder an den Webstuhl setzte .
, sagte Polzin .
, sagte Polzin und griente , 9. Kapitel Neuntes Kapitel Der junge Graf wiederholte seine Besuche .
Während der ersten Woche kam er einen Tag um den andern , dann täglich ;
aber immer blieb er nur bis Spätnachmittag .
Dann ging er wieder .
Einmal kam ausnahmsweise der Abend heran , und man öffnete die Fenster und sah hinaus .
Die Schwere der Luft machte , daß das Straßentreiben unten anders als sonst auf die Sinne wirkte , die Lichter brannten trüber , und das Geläute der Pferdebahnglocke klang gedämpfter herauf .
Über dem Parke drüben stand der Mond und warf seinen Schimmer auf einen frei zwischen den Bäumen stehenden Obelisken ;
die Nachtigallen schlugen , und die Linden blühten in aller Pracht .
Der junge Graf wies darauf hin und sagte :
, sagte der junge Graf , Dann schwieg er wieder , und der Ton , in dem er gesprochen hatte , klang fast , wie wenn er sie mehr beneide als beklage .
Bald danach brach er auf , sichtlich bewegt von der Wendung , die das Gespräch genommen , und Stine sah , als er auf die Straße hinaustrat , daß er nicht , wie gewöhnlich , nach links hin auf die Bahnhofsbrücke zuschritt , sondern , quer über den Damm , nach dem eingegitterten Park .
Kälte und Klarheit des Urtheils stehen sehr häufig in Wechselbeziehung , daher gehört ein gewisser Fond von Egoismus dazu , alle Gegenstände , selbst diejenigen , welche uns selbst alteriren könnten , in der gehörigen Entfernung und Sehweite festzuhalten , damit sie nicht verhältnißmäßig zu große Dimensionen annehmen .
Landsfeld war Egoist , aber sein Egoismus war von der Art , daß er den Enthusiasmus für die Idee nicht nur nicht schwächte , sondern daß er mit ihm völlig zusammenfloß .
Alle Siegeszeichen , die er in dem Kampfe für die Idee erworben , hing er in dem Tempel auf , in welchem sein eigenes Ich als Gott thronte .
Seine Schwärmerei für Lydia – denn es war noch bloße Schwärmerei , was ihn zu ihr hinzog , noch keine Liebe – hatte indessen seit jener ersten Nacht nach und nach einen so individuellen Charakter angenommen , daß er selbst fühlte , wie das Verhältniß , in dem er bisher das ideale Streben zu seinem Ich gesetzt hatte , auf dem Punkte stand , sich umzukehren , so daß nämlich in Kurzem er nicht mehr die Idee seinem egoistischen Selbstgefühl , sondern vielmehr dieses der Idee zum Opfer darbringen werde :
kurz er war auf dem besten Wege , dem Glauben , dem Vertrauen hingebungsvoll seine Brust zu öffnen .
Von Tage zu Tage wurde sein Benehmen gegen Lydia aufrichtiger , herzlicher und wärmer , obschon er es vermied , Scenen gleich der am Ende des vorigen Kapitels beschriebenen herbeizuführen .
Ja , er ertappte sich jetzt auf dem Gefühl eines leisen Vorwurfs , wenn er , seinem Plane gemäß , zuweilen sein Auge beobachtend auf ihren reinen Zügen ruhen ließ , um nach irgend einer Nahrung für seine Zweifelsucht zu spähen .
Lydia hing mit einer wahrhaft überirdischen Liebe an ihrem Gemahl .
Die völlig inmaterielle Liebe , welche das Wesen dieses unnatürlichen Verhältnisses zwischen den beiden Gatten ausmachte , übte indeß einen Einfluß auf ihr Gemüth aus , der demjenigen auf Landsfelds Empfindung ganz entgegen gesetzt war .
Während der Letztere durch Beschränkung seines Egoismus , welche eine natürliche Folge von Lydiens reiner Weiblichkeit war , zur Ruhe , zur Einheit mit sich selbst und zur Versöhnung mit der Welt zurückgebracht wurde , versetzte der feine Aether jener platonischen Seelengemeinschaft Lydia in einen Wechsel nervöser An-und Abspannung , der zuletzt nachtheilig auf ihre Gesundheit wirkte .
Ihre Gesichtsfarbe wurde allmählich bleicher , der frische Glanz ihres schönen Auges schwächer :
ihr ganzes Wesen erhielt den Ausdruck einer tiefen ihres eigenen Ursprungs unbewußten Schwermuth , die sich in unbewachten Augenblicken zuweilen sogar in Thränen Luft machte .
beunruhigte sich nicht allzusehr über diese Veränderung in Lydiens Wesen , da sie sie aus ganz natürlichen Gründen sich erklärte , und Lydia überdies , wenn sie von ihrer Mutter gefragt wurde , ob sie sich glücklich fühle , stets von Verehrung und Liebe für Landsfeld überströmte .
Landsfeld hätte wohl am ersten durch Lydiens Verstimmung beunruhigt werden können , in so fern er darin einen Beweis gegen ihre weibliche Reinheit und vollkommene Unschuld hätte finden können .
Allein er fühlte selber zu fein , um sich nicht sagen zu müssen , daß , wenn sein Zweifel sich im Geringsten gerechtfertigt halten dürfte , Lydiens Wesen ein ganz anderes hätte sein müssen .
Denn es lag weder unwilliges Erstaunen darin , noch konnte er eine Spur von Stolz an ihr bemerken , wodurch er zu der Vermuthung hätte veranlaßt werden können , sie habe ein klares Bewußtsein , ja nur eine unbestimmte Ahnung über die Art seiner Vernachlässigung .
Vielmehr blieb ihre mädchenhafte Zärtlichkeit und rührende zutrauensvolle Hingebung zu ihm nicht blos gleich , sondern nahm täglich an Tiefe und Leidenschaftlichkeit zu .
Und fragte er sie zuweilen , ob sie sich unwohl fühle , daß sie so bleich und niedergeschlagen aussähe , so pflegte sie nur lächelnd und seufzend zu erwiedern :
– – fragte sie einmal , statt auf seine Frage zu antworten .
Landsfeld machte ihr den Vorschlag , häufiger in Gesellschaften zu gehen .
meinte er .
Da sie in Alles willigte , was er über sie bestimmte , so hatte sie auch hiergegen Nichts einzuwenden .
Aber das Uebel nahm dadurch nur eher zu als ab .
Selbst ihre Freundinnen aus der Pension , von denen einige ebenfalls verheirathet , und ein machten , konnten in ihr die frühere Sympathie nicht wieder erwecken .
Häufig ereignete es sich auch , daß sie Abends , wenn sie mit Landsfeld in ihrer Behausung wieder angelangt war , noch in sich gekehrter erschien als gewöhnlich .
Wenn er sie dann fragte , was der Grund ihrer nachdenklichen Stimmung sei , so antwortete sie entweder ausweichend oder sie bekannte selber den Grund davon nicht zu wissen .
– sagte er , in ihr Schlafzimmer tretend , als sie einmal von der glänzenden Hochzeitsfeier einer ihrer Freundinnen zurückgekehrt waren .
– – – – Sie blickte ihm fast bittend in's Auge .
Er verstand sie recht gut , aber sie über sich selbst aufzuklären , wagte er kaum noch .
Mit einer wahren Angst hatte er schon oft daran gedacht , wie er in der Schranke , die er willkührlich zwischen sich und Lydia gesetzt , sich eine Macht geschaffen , deren Besiegung ihn vielleicht noch größeren inneren Kampf bereiten würde , als ihm ihre Aufstellung gekostet hatte .
War er vor drei Monaten – so lange waren sie jetzt verheirathet – in Verlegenheit um die Mittel gewesen , seiner eigenen Leidenschaftlichkeit zu widerstehen , so war er es jetzt vielleicht noch mehr um die Mittel , diesen Widerstand , der für ihn fast zu einem moralischen Zwange geworden war , auf geeignete Weise aufzuheben .
Und gerade diese ganze Umkehrung der Verhältnisse hatte seiner allmählig erwachenden wahrhaften Liebe zu ihr eine Intensität gegeben , die ihm jene Schranke zu einer drückenden Fessel umschuf .
Landsfeld war in der That unglücklicher noch als Lydia .
– sagte er , sich wie an jenem ersten Abende an sie schmiegend – – sie verbarg ihren Kopf an seiner Brust .
Landsfeld erschrak .
– dachte er .
– – – fragte er laut .
– Eine flammende Röthe überdeckte ihr Gesicht , als sie nach einem kurzen aber heftigen Kampfe diese Worte herausgebracht hatte .
Landsfeld athmete etwas freier .
– fragte er mit einem Lächeln , das ihr neuen Muth gab .
– – setzte er schnell hinzu .
– Lydiens Stimme drückte von Neuem eine so mädchenhafte Zaghaftigkeit aus , daß Landsfelds Besorgniß wieder rege wurde .
fragte er aufmerksam .
Lydia wollte eben antworten , als sie plötzlich , nach dem Fenster zeigend , ausrief :
– sagte Landsfeld , sie sanft zurückdrängend , da sie das Zimmer verlassen wollte .
Bei diesen Worten verließ er das Zimmer und ging leise den Korridor hinab .
Am Ende desselben traf er Gertrud , welche eben im Begriff war , das Zimmer der Forsträthin zu öffnen .
fragte er .
– – Landsfeld kehrte zu Lydia zurück , die in ängstlicher Spannung am Fenster seiner harrte .
Nachdem er sie mit einigen Worten beruhigt hatte , drang er von Neuem in sie , ihre Mittheilungen fortzusetzen .
Lydia war durch diesen Zwischenfall zu sehr aus ihrer früheren Stimmung gebracht , als daß sie seiner Bitte mit der nöthigen Unbefangenheit hätte genügen können .
– sagte sie bittend .
– Er drückte einen warmen Kuß auf ihren Mund und eilte nach seinem Zimmer .
Als Karl dem ihm gewordenen Auftrage gemäß gegen fünf Uhr an die Thüre seines Herrn klopfte , fand er denselben bereits angekleidet am Sekretair mit dem Siegeln eines Briefes beschäftigt .
– sagte er – Als der Diener das Zimmer verlassen , nahm Landsfeld das Licht vom Tische und begab sich mit leisen Schritten nach dem Schlafzimmer Lydiens .
Behutsam öffnete er die Thüre und schloß sie eben so .
Es rührte sich nichts .
Dann stellte er das Licht auf die Console , und verdeckte es durch einen Lichtschirm , um seinen hellen Schein etwas zu dämpfen .
Darauf trat er vor das Lager seiner Gattin , und versank in eine lange und stumme Betrachtung .
Lydiens Schlaf schien nicht ruhig gewesen zu sein .
Ihr linker Arm hing unbedeckt über die Bettlehne heraus , während der andere eine Hand breit unterhalb ihres Busens ruhte .
Der kleine weiße Fuß von vollendeter Schönheit hatte die rothseidene Bettdecke von sich gestoßen .
– – Landsfelds Blicke ruhten mit stiller Wehmuth auf diesen Reizen , ohne daß sich in ihm ein Verlangen irgend einer Art regte .
Fast schmerzlich war der Ausdruck seines Gesichts , als er , in tiefes Sinnen verloren , vor dem Lager stand .
Plötzlich wurde er aufmerksam .
Lydia bewegte die Lippen .
Er bog sich sanft über sie .
– sagte sie leise .
– – Vielleicht war es nur im Traume , ohne Bezug und deutungslos .
Und dennoch veränderte sich der Ausdruck in Landsfelds Gesicht ;
ein freudiges Lächeln erheiterte seine düsteren Züge .
– sagte er halblaut theils zu sich , theils zu Lydia .
– Er hatte wie in Selbstvergessenheit bei diesen Worten die Hand auf ihr Herz gelegt .
Sie zuckte einen Augenblick zusammen .
Dann zog ein lächelndes Erröthen über ihre Wangen und Lippen .
– sprach sie im Schlafe fort – Landsfeld war niedergekniet und drückte einen Kuß auf ihr Herz .
Dann stand er leise auf , hob die herabgefallene Decke vom Boden und breitete sie leicht über den schönen Körper der holden Schläferin .
Auch den herabgesunkenen Arm legte er vorsichtig auf die Decke und verließ dann , nachdem er noch einen Kuß auf ihre Stirn gedrückt hatte , eben so behutsam , als er gekommen war , das Zimmer .
– Rasch verzehrte er sein Frühstück und eilte , als ihn Carl benachrichtigte , daß Alles bereit sei , hinunter .
Es war ein kalter , aber heller Dezembermorgen , obgleich die Sterne noch an dem tiefblauen Himmel funkelten .
Landsfelds Schritte knarrten auf dem festgetretenen Schnee , welcher sich über Nacht mit einer leichten , frischen Flockenschicht bedeckt hatte .
Er schwang sich auf's Pferd und ritt , gefolgt von seinem Diener , dem Anhaltischen Thore zu .
– sagte die alte Gertrud , als sie einige Stunden später in das Zimmer ihres geliebten Pflegekindes trat , die eben die Augen aufgeschlagen .
– sagte diese , mit der Hand sich über das vom Schlaf geröthete Gesicht fahrend – – fragte sie , mit dem Eröffnen des Briefes beschäftigt .
fragte die neugierige Alte .
Gegen Mittag , als Lydia mit ihrer Mutter plauderte , trat Gertrud wiederum mit einem Briefe in der Hand , der abermals an ihre junge Gebieterin gerichtet war , herein .
– sagte die letztere , zu ihrer Mutter gewendet .
Sie durchflog das , wie es schien , eilig geschriebene Blatt und sagte dann :
Auf die Frage der Forsträthin , was der Grund dieser plötzlichen Kälte sei , erwiederte Lydia ausweichend und im Allgemeinen , sie habe ihr gar nicht mehr gefallen ;
denn sie konnte sich aus einer ihr selbst unerklärlichen Scheu nicht überwinden , ihrer Mutter das Gespräch mitzutheilen , dessen Anfang sie sogar ihrem Gatten nur mit großer Selbstüberwindung erzählt hatte .
fragte die Forsträthin .
– – verbesserte Lydia .
Lydia gab zuletzt der Ueberredungskunst der Mutter nach und fuhr in Begleitung Gertruds nach dem Potsdamer Eisenbahnhofe , ohne eine tief verschleierte und in einen Pelz gehüllte Dame zu bemerken , die ihr mit ängstlicher Sorgfalt auf dem Fuße folgte , und , nachdem der Zug in Potsdam angelangt war , schnell ausstieg und ohne erst zu suchen , auf eine der eleganten Equipagen zuging , welche auf dem Bahnhofe hielten .
Sie pochte darauf dreimal an das herabgelassene Seitenfenster des Wagens , worauf es von Innen herabgelassen wurde .
– fragte eine männliche Stimme .
war die Antwort .
Der Mann war indeß ausgestiegen und befahl dem Kutscher vor dem Perron vorzufahren , während er selbst , sich tief in den Mantel hüllend , zu Fuß nach der Stadt eilte .
– sagte die Verschleierte , welche selbst den Wagen bestiegen , zu Lydia , die sich nach allen Seiten umsah , um die versprochene Equipage ihrer Freundin zu suchen .
– erwiederte Lydia .
– – erwiederte die Erstere .
Arglos stieg sie mit Gertrud in den Wagen , dessen Seitenfenster indeß wieder aufgezogen waren .
Die Wagenthüre wurde zugeworfen , und Lydia rollte an der Seite der Verschleierten auf dem unebenen Pflaster Potsdams rasch dahin .
Anfangs war's ihr , als hätte sie die allerdings durch den Schleier unkenntlich gemachten Züge der ihr unbekannten Gesellschafterin Theresens – dafür glaubte sie sie halten zu müssen – schon einmal irgendwo gesehen .
Da ihre Stimme ihr aber völlig fremd erschien , so glaubte sie , es sei eine Täuschung , deren sie sich durch eine indiskrete Frage nicht versichern wollte .
fragte sie , als der Wagen vor einem einzeln stehenden ziemlich eleganten Hause außerhalb des Thores hielt .
– erwiederte die Gesellschafterin , indem sie Lydia beim Aussteigen behülflich war , ironisch , was Jener nicht entging .
– fuhr sie fort , indem sie die Treppe hinauf eilte .
Sie hatten indeß ein behaglich erwärmtes und sehr geschmackvoll möblirtes Zimmer betreten , dessen Fenster auf den Garten hinauslagen , welcher jetzt in seinem winterlichen Schmuck einen melancholischen Anblick gewährte .
Lydia legte die warmen Oberkleider ab und fragte nach Gertrud .
– fragte die zuvorkommende Gesellschafterin , und entfernte sich nach empfangener bejahender Antwort .
Bald darauf ließ sich ein leises Klopfen an der Thür vernehmen .
Auf Lydiens öffnete sich die Thüre , aber statt der erwarteten Pflegemutter erschien zu ihrem größten , sprachlosen Erstaunen – – Berger .
11. Kapitel Eilftes Kapitel – sagte der , in dessen Wäldern die Jagd stattfinden sollte , zu dem eben angekommenen Landsfeld .
setzte er leise hinzu – Landsfeld war es nicht unlieb , Alicen , die er lange nicht gesehen , – einmal wieder zu sprechen , und seine Freude , die er über dies zu erkennen gab , war diesmal aufrichtig .
– fuhr Jener fort .
Landsfeld lachte .
Indessen hatten sich die übrigen Theilnehmer an der Jagd nach und nach eingefunden .
Nur Alice fehlte noch .
Nachdem zwei volle Stunden auf sie gewartet hatte , gab er , an ihrem Kommen überhaupt zweifelnd , das Zeichen zum Aufbruch .
Als die Sonne ihren höchsten Standpunkt erreicht hatte , sammelten sich die Jäger zu einer kurzen Rast auf einem zuvor dazu bestimmten Platze und nahmen ein für die Umstände ziemlich glänzendes Frühstück ein .
Nach einigen Minuten hörte man ein deutliches Pferdegetrappel , das sich dem Sammelplatz zu nähern schien .
– flüsterte der Major Landsfeld in's Ohr .
Er hatte sich nicht geirrt .
Im schwarzen Amazonenkleide , den Hut keck in die Locken gedrückt , sprengte Alice , von einem Reitknecht gefolgt , auf die Gesellschaft zu .
Ihr Gesicht glühte und alle ihre Bewegungen verriethen eine ihr sonst ungewöhnliche fieberhafte Hast .
war ihre erste Frage an , nachdem sie die erste Begrüßung seitens der Gesellschaft leicht und mit Grazie erwiedert hatte .
Alice trat rasch auf Landsfeld zu .
– fragte er , sich zur Ruhe zwingend .
– fragte er in einem Tone , als verstünde er die Bedeutung des Worts gar nicht .
Erzählung Braka , die alte Zigeunerin im zerlumpten roten Mantel , hatte kaum ihr drittes Vaterunser vor dem Fenster abgeschnurrt , wie sie es zum Zeichen verabredet hatte , als Bella schon den lieben vollen dunkelgelockten Kopf mit den glänzenden schwarzen Augen zum Schieber hinaus in den Schein des vollen Mondes streckte , der glühend wie ein halbgelöschtes Eisen aus dem Duft und den Fluten der Schelde eben hervor kam , um in der Luft immer heller wieder aus seinem Innern heraus zu glühen .
, sagte Bella , – , sprach die Alte , und ihr schauderte , – , antwortete Bella , – , sagte Braka , – , antwortete Bella , – , weinte die Alte , – , bat Bella , – So fragte Bella zitternd und die Tränen fielen ihr aus den Augen durch den Mondschein auf harte Steine nieder – wär ich ein ziehender Vogel gewesen , ich hätte mich niedergelassen und meinen Schnabel eingetunkt und sie zum Himmel getragen , so traurig und so ergeben in seinen Willen waren diese Tränen .
– , schluchzte die Alte , – Bella konnte vor Schrecken kaum fassen was sie ihr reichte .
Die Alte fuhr fort :
– Die Alte ging und Bella sah ihr nach wie einem bösen Briefe , der ihr vor Schrecken aus der Hand gefallen und den sie doch gern ganz wissen möchte ;
sie wäre lieber mitgegangen , aber sie zauderte in ihrer Traurigkeit und scheute das rauhe Volk , was sie da antreffen würde , so sehr sie es liebte .
Die Zigeuner waren damals in der Verfolgung , welche die vertriebenen Juden ihnen zuzogen , die sich für Zigeuner ausgaben , um geduldet zu werden , schon sündlich verwildert ;
oft hatte darüber geklagt und alle seine Klugheit angewendet , sie aus dieser Zerstreuung nach ihrem Vaterlande zurückzuführen .
Ihr Gelübde , so weit zu ziehen , als sie noch Christen fänden , war gelöst , denn sie waren schon aus Spanien vom Weltmeere zurückgekehrt ;
nur der Wunsch nach der neuen Welt hielt sie in der alten , die nur Krieger , keine Pilger hinübersetzen wollte .
Das Zurückführen nach Ägypten war aber bei der zunehmenden Türkenmacht , bei der Verfolgung überall , bei dem Mangel an Gelde unendlich schwer .
Schon hatte der Herzog , was sonst ihre Nationalbelustigung war , Proben von Stärke und Geschicklichkeit , ( wie sie schwere Tische auf ihren Zähnen im Gleichgewichte trugen , wie sie sich springend in der Luft überschlugen oder auf den Händen gingen ) alles das , was sie mit dem Namen der starken Mannskünste bezeichneten , zu ihrer Erhaltung zu benutzen gesucht , aber von einem Gebiete ins andre zurück gedrängt , erschöpften sich diese Erwerbsquellen und auch die Besseren , wenn selbst das Wahrsagen nicht mehr galt , sahen sich gezwungen ihre ärmliche Nahrung zu stehlen oder mit jagdfreien Tieren , wie
Maulwürfe und Stachelschweine fürlieb zu nehmen .
Da fühlten sie erst recht innerlich die Strafe , daß sie die heilige Mutter Gottes mit dem Jesuskinde und dem alten Joseph verstoßen , als sie zu ihnen nach Ägypten flüchteten , weil sie nicht die Augen des Herrn ansahen , sondern mit roher Gleichgültigkeit die Heiligen für Juden hielten , die in Ägypten auf ewige Zeit nicht beherbergt werden , weil sie die geliehenen goldnen und silbernen Gefäße auf ihrer Auswanderung nach dem gelobten Lande mitgenommen hatten .
Als sie nun später den Heiland aus seinem Tode erkannten , den sie in seinem Leben verschmäht hatten , da wollte die Hälfte des Volks durch eine Wallfahrt , so weit sie Christen finden würden , diese Hartherzigkeit büßen .
Sie zogen durch Kleinasien nach Europa und nahmen ihre Schätze mit sich , und solange diese dauerten , waren sie überall willkommen ;
wehe aber allen Armen in der Fremde .
Das mußte voraus berichtet werden , jetzt zu unsrer Geschichte zurück .
Ein neuer Haufe , unter denen Happy und Emler , waren vor acht Tagen aus Frankreich ohne alles Geld angekommen , der Herzog entschloß sich zu ihrem Unterhalt selbst seine Künste wieder einmal zu zeigen , er ging mit ihnen in ein Wirtshaus , und als er eben zu aller Bewundrung acht Männer auf Arm und Schultern trug , kam das Geschrei , der Happy sei gefangen , er habe zwei Hähne im Hofe gestohlen und im Fortgehen habe ihn ihr Krähen verraten und Michael , der Herzog , sei bloß darum im Zimmer geblieben , um die Leute heranzulocken .
Die verziehen wegen ihres Reichtums keinen Diebstahl ;
vergebens stellte sich , als ob er den Happy im Augenblicke erschießen wollte , er selbst und Emler wurden mit dem Happy verhaftet , und als Diebe zum Strange verurteilt :
damals gab es ein strenges Recht gegen die Zigeuner , sie totzuschlagen , wo sie sich finden ließen .
Michael beteuerte umsonst seine und Emlers Unschuld vor dem Gerichte und sprach :
– Dieser sichre Ort wurde ihm durch das Gesetz und er weinte schmerzliche Tränen aus der Höhe zur Erde , daß er , der letzte männliche Erbe seines hohen Hauses , so ehrlos und unschuldig umgebracht werde ;
da schloß sich seine Kehle bis zum Jüngsten Tage , wo er seine Klage gegen die Unbarmherzigkeit der Reichen vortragen wird , die ein Menschenleben gegen die Sicherung ihrer toten Schätze gering achten , da wird das Strick so wenig durch ein Nadelöhr gehen , wie ein Kamel , und so werden die Reichen nicht eingehen ins Himmelreich , wo Bella ihren Vater wiederfindet .
Als Bella wieder zu sich gekommen , rief sie mehr als einmal :
– Der schwarze Hund kam jetzt gegen seine Gewohnheit von der Kammertür , legte sich ihr zu Füßen und heulte :
fragte sie ihn und der Hund nickte .
Der Hund nickte wieder , lief ans Fenster und kratzte .
Bella sah hinaus , der Schieber war offen geblieben :
sie sah die Gestalt ihres Vaters fernglänzend schweben , und plötzlich sank er hinunter .
– Mit dem Weinkruge und dem Brote , den schwarzen Hund zur Seite , trat sie in den verwüsteten Garten ;
das Haus war schon seit zehn Jahren der Gespenster wegen unbewohnt geblieben , denn so lange hatten die Zigeuner sich darin eingenistet und den Besitzer , einen reichen Kaufmann der Stadt , der es sich als Sommersitz eingerichtet hatte , daraus zurückgeschreckt , bis er selbst wegen eines Bankerotts eingesteckt und sein Vermögen für die Gläubiger in bekannter Nachlässigkeit verwaltet wurde .
Jetzt hatten sie unter dem Schwert der Gerechtigkeit vollkommene Ruhe dort zu hausen , nur durften sie sich am Tage nicht zeigen , während ihnen Nachts alle Leute aus dem Wege gingen .
So trat das bleiche schöne Kind wie ein Gespenst zur Haustüre hinaus und der Wächter in den nahen Gärten flüchtete sich bei ihrem Anblick in eine entfernte Kapelle , um betend den heiligen Schutz des Glaubens zu fühlen .
Bella wußte nicht , daß sie erschreckte , die Trauer um den Verlust ihres einzigen Gedankens , ihres Vaters , über den sie sich ganz vergessen hatte , machte sie stumpfsinnig , sie wußte nichts als die Regeln der alten Braka genau zu erfüllen ;
es war ihr das Liebste , daß sie noch etwas zu ihres Vaters Ehre tun konnte .
Sie breitete also , wie es bei Totenmahlen ihres Volkes gewöhnlich , ihren Schleier über einen Feldstein aus , setzte zwei Becher und zwei Teller darauf , brach ihr Brot für beide , goß Wein in beide Becher , stieß mit den Bechern an , leerte den ihren und schüttete den Becher des Toten in den schwimmenden Bach , der sich in geringer Entfernung von dem Hause in die Schelde verlor .
Und wie sie dies erste Opfer in den Fluß schütten wollte , da rauschte es in der Flut und tauchte empor , als ob ein großer Fisch , der in dem Strome keinen Raum hatte , auftauchte und emporschwämme , der Mond trat hinter dem Hause hervor und sie sah ihres Vaters bleiches Angesicht , auf seinem Haupt die Krone , welche ihm die Zigeuner aufgesetzt hatten , ehe sie ihn in das fließende Wasser warfen .
Und wie die Welle mit dem teuren Haupte kreiste , so ging dem armen Kinde der Kopf um ;
sie glaubte , er lebe noch , er suche sich aus dem Wasser zu retten , sie sprang hinein und hielt ihn fest , der schwarze Hund hielt aber sie am Rocke fest und stemmte sich gegen das Ufer ;
so wurde sie in sinnloser Trauer festgehalten und konnte weder den Leichnam ans Ufer bringen , noch mit ihm fortschwimmen ins Meer .
Endlich kam Braka zurück , und da ihr an der Türe nicht aufgemacht worden , schlich sie in den Garten , wo sie das wunderbare Bild wie versteinert sah , den kräftigen Michael im Totenhemde mit der glänzenden silbernen Krone , über ihm das bleiche Mädchen , die schwarzen Locken über ihm hinwallend , an ihrem Kleide gehalten von dem schwarzen Hunde mit feurigen Augen .
Die Alte mußte nach ihrer Art lachen , weil es etwas so Seltsames war , ungeachtet es ihr sehr zu Herzen ging , und sie nicht von Herzen , sondern nur mit dem dürren Munde wie ein Hungernder lachen mußte ;
dann sprang sie hinzu , hob das Mädchen mit Gewalt ans Ufer und sprach :
– Bei diesen Worten zog die Leiche still hinunter und der Mond ging unter Wolken und Bella sank in die Arme der Alten .
Vier Wochen des Schmerzes waren vergangen , die Alte konnte ihrer eigenen Sicherheit wegen nicht alle Tage kommen , und Bella langeweilte sich mit dem Hunde , dessen Künste sie nicht mehr sehen mochte , der ewig schlief , oder , wenn gegessen wurde , wedelte , sich leckte , kratzte ;
sie kam endlich darauf , womit andere Erben anfangen , den Nachlaß der Verstorbenen zu durchsuchen .
Sie schloß die geheime Kammer auf , nicht ohne Schrecken und Ehrfurcht , aber ihre Erwartung war getäuscht ;
da waren keine seltene Kleider und Kostbarkeiten , meist nur Bündel von Kräutern , Säcke mit Wurzeln , einige Steine , lauter Dinge , von denen sie nichts verstand , weil der Vater ihrem kindischen Wesen keine Achtsamkeit für das Geheime zugetraut hatte .
Endlich fand sie doch in einer Kiste alte Schriften , die sie durchblättern konnte , manche mit köstlichen Siegeln geziert , auf wunderlichem Papier in fremder Sprache , die sie aber noch nicht gelernt hatte , andre aber niederländisch-deutsch , das sie wohl schreiben und lesen konnte , da ihre Mutter , aus einem alten Hause der mit Michael entflohen diese Liebe zur alten Sprache ihrem Manne und ihrem Kinde zugebracht hatte .
Sie nahm diese Bücher und las eben Nachts , denn bei Tage schlief sie , um alles Geräusch zu vermeiden , als Braka ihr durch eine zahme Ohreule , mit der sie sich seit einiger Zeit herumtrieb , ein dreimaliges Zeichen gab , daß sie eingelassen sein wollte .
Bella sprang unwillig von ihrem Buche auf , das merkwürdige Zauberhistorien enthielt , und wie Braka eingetreten , setzte sie sich wieder stillschweigend dabei nieder , daß die Alte ganz böse ihre Hände in die beiden Seiten stemmte :
– sagte Bella , Die Alte sah in das Buch hinein und sagte :
– – , fuhr die Alte fort , – sprach Bella , – , fuhr Braka fort ;
– , meinte Bella , und las weiter in ihrem Buche .
– , sprach die Alte , – , sagte Bella und las weiter , – , fragte die Alte weiter , – , sagte Bella , – , sagte die Alte , – , sagte Bella , Die Alte ging mit einer gescheiten Neugierde ;
an der Türe bat sie Bella , den schwarzen Hund wegzurufen , der immer vor der Kammertür lag und niemand als Bella einzulassen Befehl hatte .
Bella rief ihn zu sich und die Alte ging ohne Aufenthalt in die Kammer .
Als sie drin war , lachte Bella , wies den Hund wieder zur Kammertür und versteckte sich , um den Schreck der Alten zu sehen ;
es war ein Prinzessinnenspaß , aber sie war auch liebenswürdig , wie eine Prinzeß und war von je wie eine Prinzeß verehrt worden .
Nicht lange nachher wollte die Alte mit einem großen Kräuterbündel und mit einem Sacke zur Türe hinaustreten , aber der schwarze Hund machte ihr ein Paar feurige Augen und zeigte die Zähne ;
sie trat erschrocken zurück und rief nach Bella in großer Angst .
Zu gleicher Zeit hörten sie ein ungewohntes Getrappel von Pferden vor der Türe , Menschen , welche über den Hof kamen , und Bella flüchtete sich erschreckt mit dem Lichte und den Speisen und mit dem Hunde zur Alten in die Kammer , die sie verschlossen , um dort in aller Stille abzuwarten , ob dies der Prinz gewesen sei , der seinen Kampf gegen die Gespenster ausfechten wollte .
Sie hatten sich nicht geirrt , es war Karl , der künftige Beherrscher einer Welt , in der die Sonne nie untergeht , in der ersten Frische des vollendenden Wuchses , der in das verlassene Zimmer kam .
Bella konnte ihn durch ein verstecktes Türloch recht deutlich sehen , ihr war nie so etwas vorgekommen ;
sie hatte nur braune Zigeuner gesehen , lustig und heftig ;
dieser aber trat so großmütig einher , so sanft in geübter Kraft , sie wußte , daß er es war , der künftige Herrscher , noch ehe ihn seine Begleiter als Prinz gegrüßt .
Sein Hochmut entzückte sie , mit dem er Cenrio zurück wies , der die Wette zurücknehmen wollte , weil er behauptete , der Prinz habe durch seine Anwesenheit bewährt , daß er sie wirklich ausführen wolle .
Der Prinz warf aber rasch sein schwarzsammetnes Barett auf den Tisch , breitete seinen Regenmantel über die Bettstelle und befahl Cenrio auf die Umgebung des Hauses zu wachen und ihm ein paar brennende Kerzen im Zimmer zurückzulassen , er sei müde .
Cenrio empfahl ihm das Zeichen mit der Pistole nicht zu vergessen , wenn er jemand bedürfte oder im Fall diese versagte , dabei besah er das Schloß , so würde sein Rufen schon genügen , da er einen Soldaten unter dem Fenster ausstellen und selbst in der Nähe wachen würde .
Der Prinz meinte , er möchte sich das Wachen und Bewachen ersparen , in seinem Panzerhemde mit gutem Degen bewaffnet , sollte ihm so leicht niemand gefährlich werden ;
die Ammenmärchen von Geistern schreckten ihn aber nicht mehr .
Cenrio verließ das Zimmer .
Der Prinz stützte sich auf die Hand und lallte ein Lied , um wach zu bleiben ;
dann streckte er sich aufs Bette und sang wieder , indem er einschlummerte ;
da das Bette der Kammer gegenüber stand , konnte Bella ihn deutlich sehen und die Worte vernehmen .
, sagte die Alte mit leiser Stimme zu Bella .
Seine Augen sanken nieder und sein Haupt .
Er war eingeschlafen und Bella starrte noch immer zu ihm hin und konnte sich nicht satt sehen ;
die Alte aber hatte schon ihren Anschlag gefaßt .
Die Waffen , Degen und Pistole lagen vor dem Bette des Prinzen , die sollte Bella erst leise holen und dann den Geist spielen und sich zu ihm legen ;
aber nur mit Mühe beredete sie das Mädchen dazu , Schuh und Strümpfe auszuziehen , damit sie leise gehen könne und ihr Kleid auszuziehen , damit sie nirgends anstoßen möge und mußte sie fast zur Kammertür hinaus stoßen , die sie vorsichtig nur anlegte , um ihr den Rückzug zu sichern .
Das alte Weib hatte sicher eine böse Absicht bei diesem Vorschlage :
das Kuppeln war lange ihr Hauptgeschäft und diesmal konnte sie auf einmal das Glück aus dem niedern Stande emporreißen .
Bella ahndete von dem allen nichts , es war ihr lieb den Prinzen in der Nähe zu sehen ;
darum untersuchte sie nicht lange , ob der Vorschlag der Alten wirklich vernünftig angelegt sei .
Sie trat also mit großer Sorgfalt an das Bette des Prinzen , der so fest schlief , daß sie mit Sicherheit seine Waffen hätte forttragen können die Alte sah beide mit Freuden an .
Bella nach Art der Zigeuner in eine blaue Leinewand statt des Hemdes gewickelt , die von einem goldnen Gürtel festgehalten wurde , hatte die runden blendenden Ärme etwas scheu nach dem Prinzen ausgestreckt , die zierlichen leisen Tritte der schimmernden Füße hinziehend zu ihm , aus ihren unzähligen Locken tausend Glückslose auf ihn taumelnd in tausend süßen Blicken , bis der Mund sich nicht mehr halten konnte und auf den Mund des Prinzen niedersank .
Bis jetzt war ihr alles gelungen , der Prinz aber von dem Kusse erweckt , vor den erschreckten Augen von tausend Phantomen seines Traumes , wie mit glühenden Kugeln umstürmt , sprang mit höchstem Ungestüme auf , und stürzte atemlos schreiend in das Nebenzimmer ;
seine Pistole , seinen Degen , alles hatte er vergessen , solch ein Grauen wohnt in der Tiefe des hochmütigsten Menschen vor der unnennbaren Welt , die sich nicht unsern Versuchen fügt , sondern uns zu ihren Versuchen und Belustigungen braucht .
Bella war so entsetzt von seinem Abscheu , daß sie sich stumm und willenlos der Alten über ließ , die sie rasch durch die versteckte Tapetentüre in die Kammer trug .
Bald darauf kam der Prinz mit Cenrio und einigen Soldaten zurück , die in Wahrheit alle größere Lust hatten draußen zu bleiben , als einzudringen .
Wer so etwas nicht empfunden hat , wird es nicht glauben , aber ein Gespenst schlägt eine ganze Armee in die Flucht , denn was einem braven Manne übermächtig furchtbar ist , das ist es im Durchschnitte für alle .
Der Prinz zeigte noch den meisten Mut ;
er schwur laut :
– Cenrio schwur , daß er es nach diesem Schrecke des Prinzen seiner Gesundheit wegen nicht zugeben dürfe , der Prinz selbst , ließ sich nicht lange bitten , diese harte Probe seiner Herzhaftigkeit aufzugeben .
Er war nicht beschämt , da alle bleich und erschreckt umhersahen und beim leisesten Geräusch zusammenfuhren , auch konnte er jetzt noch , ohne daß Adrian , der bei seinen Büchern saß , etwas davon gemerkt hätte , nach Hause kommen .
Die Alte war nicht ganz zufrieden mit dem Entschluß , indessen wußte sie das Gute davon doch noch vollständig zu nutzen , um sich und den Ihrigen das Haus zu sichern , denn kaum war die Haustüre von den rasch auswandernden Gästen verlassen , so sprang sie zum Schrecken der guten Bella wie eine Rasende aus der Kammer , schlug mit allen Türen heftig auf und zu , warf alle Tische um , daß die Abziehenden in stiller Angst ihre Pferde bestiegen und ohne sich umzublicken , nach der Stadt ritten , wo sie auf ewige Zeiten durch vergrößernde Erzählungen den Geisterruf des Gartenhauses
bestärkten .
Der Prinz mußte noch in derselben Nacht mit einem Fieber für sein Wagestück büßen .
Der liebliche Kopf der Bella schwebte ihm darin vor , das Fieber verriet ihn , indem es ihm eine falsche Wahrheit zeigte , und er beichtete es mit großer Betrübnis am anderen Morgen dem Adrian , wie er in ein Gespenst verliebt sei .
Das war eine köstliche Gelegenheit für diesen , dem die Sorge für das Lateinlernen seines Enkels , besonders übertragen hatte , ihm zur Buße eine große Menge Vokabeln aufzugeben , die auch der Prinz mit einigem Erfolge gegen den nächtlichen Eindruck brauchte .
Die arme Bella in ihrer Einsamkeit , mußte ihre erste Zuneigung härter büßen .
Nachdem es ihr ein paar Tage genügt hatte , statt zu schlafen , an ihn zu denken und Nachts von allen Seiten umzuschauen , ob er nicht wieder zum Besuche in ihr Geisterhaus kommen würde , nachdem Braka sie ernstlich ausgescholten hatte , daß sie so törichten Gedanken , die sie vor der Zeit bleichten , ihre frischen Tage hingebe , nachdem sie sich diesen und andern Rat gar oft wiederholt hatte und doch immer wieder vergaß und in den beliebten fremden Gedanken abgleitete , fragte sie einmal Braka , ob es denn kein Mittel gebe , wie man unsichtbar werden könne , um in der Stadt herumwandern zu dürfen .
Braka lachte und sprach :
– Bella behielt diese Nachricht still vor sich , sie fiel ihr ins Gemüt , als ob sie dieselbe nie vergessen könnte , kaum war die Alte wieder auf den Erwerb ausgegangen , so suchte sie die Bücher wieder hervor die seit dem Besuche des Prinzen in einem Winkel gerastet hatten sie sah bei dieser Gelegenheit , daß die Alte ihr den ganzen Vorrat seltener heilender Kräuter und Wurzeln fortgetragen hatte , und diese Untreue brachte sie zu dem Entschlusse , ihr nichts mehr von allem zu entdecken , wozu sie die geheimen Kräfte ansprechen wollte .
Aber welcher neue Ekel war ihr in diesen Büchern vorbereitet , viel geheime Regeln , Zeichnungen , von denen sie nichts verstand , den Stein der Weisen zu finden , Geister zu zitieren , Krankheiten zu beschwören , das Vieh zu verzaubern , endlich auch ein Mittel Gold zu machen , aber dies Mittel so weitläuftig , als müßte man zwei Monden anspannen , um zur Sonne zu fahren .
So verging ihr eine Woche nach der andern , bis sie in einer Nacht ganz ermüdet auf eine ausführliche Nachricht traf , wie Alraunen zu bekommen , und wie diese dienstbar Geld und was ein weltliches Herz sonst begehre mit stehlender untrüglicher Listigkeit zuführten .
Aber welche Schwierigkeit sie zu gewinnen , und doch war es die leichteste von allen Zaubereien ;
die Zauberei braucht die härteste Schule , wer sie aushalten kann , möchte auch wohl in den gewöhnlichsten Geschäften ohne alles Geheimnis zu zaubern scheinen .
Wer kennt jetzt nicht die Bedingungen einen Alraun zu gewinnen und wer möchte sich ihnen noch unterziehen , wer könnte sie erfüllen ?
Es wird ein Mädchen gefordert , das mit ganzer Seele liebt , ohne Begierde zur Lust ihres Geschlechtes , der die Nähe des Geliebten ganz genügt ;
eine erste unerläßliche Bedingung , die vielleicht in Bella zum erstenmal wahrgeworden war , weil sie von den Zigeunern , die sie bisher kennen gelernt , immer als ein Wesen höherer Art behandelt worden und sich dafür anerkannt hatte ;
die Erscheinung des Prinzen war ihr aber so heilig rein , wie der Körper des Allerheiligsten in der Messe , vorübergegangen , zu schnell um ihre Betrachtung zu wecken .
In solchem Mädchen , das so mächtig von der Phantasie in allen Segeln angehaucht wird , soll gleichzeitig der übermännliche Mut wohnen , Nachts in der eilften Stunde mit einem schwarzen Hunde unter den Galgen zu gehen , wo ein unschuldig Gehenkter seine Tränen aufs Gras hat fallen lassen ;
da soll sie ihre Ohren mit Baumwolle wohl verstopfen , und mit den Händen suchen , bis sie die Wurzel erreicht , und trotz allem Geschrei dieser Wurzel , die keinesweges natürlicher Art , sondern ein Kind der unschuldigen Tränen des Erhenkten ist , ihr das Haupt entblößen , einen Strick aus ihren eignen Haaren umlegen , den schwarzen Hund daran spannen , dann fortlaufen , so daß der Hund im Wunsche ihr zu folgen , die Wurzel aus der Erde zieht , wobei er von einer erblitzenden Erschütterung des Bodens unfehlbar er schlagen wird .
Wer in diesem Augenblicke , dem entscheidendsten seine Ohren nicht wohl verstopft hat , kann von dem Geschrei auf der Stelle unsinnig werden .
Bella war wiederum die einzige seit Jahrtausenden , bei der sich alle diese Erfordernisse vereinigten ;
wer war unschuldiger , als das teure Haupt ihres , der in rastloser Tat für sein armes Volk , in steter Mühe und Not für die Seinen , um das Unbedeutendste einem Reichen zu entfremden , allzu ehrlich und stolz gewesen war .
Welches Mädchen hätte Mut gehabt in der Mitternacht einen solchen Weg mit Überlegung zu machen , als Bella , die nun schon seit vier Jahren , wo ihre Mutter gestorben , ein verstecktes nächtliches Leben geführt hatte und mit dem Laufe des Mondes , mit den Sternen zu vertraulich bekannt war , um in der Nacht noch eine besondre Einsamkeit und Traurigkeit wahrzunehmen .
Welches Mädchen hatte wie sie einen schwarzen Hund , aus dessen Augen mehr blickte , als sein Mund ausbellen konnte , und wiederum welchem Mädchen war dieser einzige Gesellschafter so verhaßt , wie ihr , die ihn seit früher Zeit , wo er sie gebissen , nicht leiden konnte , und ihn jetzt noch mehr verachtete , nun er ihr mit einer widrigen Demut diente , und sie doch auf allen Wegen belauerte , und wenn sie recht zärtlich mit einer Puppe aus alten Kleidern , wie mit dem Prinzen sprach , sie auslachte ;
auch hatte der Vater immer behauptet , es stecke der böse Feind in dem Hunde .
Welches Mädchen hatte endlich so langes Haar , wie Bella , um es zu Stricken flechten zu können und welche mochte es , wie sie , ruhig zu dem Versuche hingeben ;
sie aber wußte nichts von ihren Schönheiten , es war ihr lieb , daß sie künftig nicht so lange an ihren Haaren zu kämmen hätte und so sank ihr Haar , in dessen glatten Locken sich oft die Sterne wie im Haupthaar der Berenize gespiegelt hatten , im raschen Schnitt einer Schere wie ein schwarzer Schleier auf den Boden rings um sie her , ihrem Hund Simson eine Kette daraus zu flechten , die ihm den Tod brächte .
Sie merkte bald , daß er alles , was sie gesprochen , vernommen habe , denn statt daß er sich sonst kleine Vorräte an Knochen und Brot im Garten vergrub , so öffnete er jetzt nach und nach alle diese vergrabenen Schätze und fraß unersättlich .
Hätte jenes sie rühren können , so empörte sie dies noch mehr ;
übrigens schien er nicht traurig , aber er sah sie spöttisch an und als der erste Freitag kam , denn ein Freitag wird zur Ausführung gefordert , durchkroch er das ganze Haus noch einmal , beroch alle Winkel , und führte sich in seinem Lager gegen seine Art unreinlich auf , welches sie ihm aber diesmal lieber verzieh , als ihrer Alten die Langweiligkeit , mit der sie in unendlichen Erzählungen von , ihre ganze verfluchte erste Liebschaft erzählte , die Bella leicht um eine der Hauptbedingungen bei der Aufsuchung der Alraunenwurzel hätte bringen können , wenn diese nicht aus Ungeduld über ihre lange Anwesenheit im
Zählen der Minuten sie und die Stunden überzählt hätte , bis es zwölfe geschlagen , da sprang endlich Bella aus Ungeduld auf , und fing mit der Alten aus Ärger , daß sie alles noch eine Woche aufschieben müsse , den Kranichtanz der Zigeuner an , daß diese endlich ohne Atem in einen Sessel fiel und hustete und schwur , so lustig habe sie auf ihrem Hochzeittage nicht einmal getanzt ;
dabei nahm sie ein Stück Lakritzensaft in den Mund , um den Husten zu dämpfen und trabte endlich mit großem Bedauern fort , daß sie schon weggehen müsse .
Etwas Angst hatte Bella doch gespürt ;
nun die Woche versäumt war , schien es ihr doch besser , daß sie sich noch vorbereiten könne und der schwarze Hund schien nicht minder diese Frist zu wünschen , um noch recht essen zu können ;
sie gewährte ihm gerne die leckersten Bissen , weil sie wußte , was er für sie tun müsse , ja zuweilen , ungeachtet ihres Widerwillens gegen das Tier , kamen ihr bei seinem Anblicke Tränen in die Augen , doch tröstete sie sich immer mit dem Zusatze im Zauberbuche , daß treue Hundeseelen , die in solchem Geschäfte blieben , zur Seele ihrer Herren gelangen , und sie war gewiß , daß sich der Hund beim besser als bei ihr gefallen müsse .
Endlich kam der zweite Freitag , es war schon kalt geworden , die ruhigen Gewässer waren dünn befroren und die Alte hatte sich bei ihr entschuldigt , daß sie in den nächsten Tagen nicht heraus kommen könne ;
ihr Husten sei aber so stark , sie müsse sich heimhalten .
Alles schien erwünscht , die Nachbarn waren alle nach der Stadt gezogen , die Nacht war dunkel und der Wind führte die ersten Schneeflocken über die trockene Erde .
Bella durchlief noch einmal das Zauberbuch , ihr Herz schlug heftig , als es langsam eilf schlug , der schwarze Hund schleppte ihre Puppe , in der sie ihren Prinzen sah und verehrte , herbei , zerrte und biß darin :
das brachte sie zum Entschluß ;
diesen Schimpf , den er ihrem Liebling angetan , mußte er büßen ;
schnell nahm sie die Stricke , die sie aus ihren Haaren geflochten , und die sie bisher , um der Alten keinen Argwohn zu geben , auf ihrem Kopf getragen und schlug auf ihn .
Er wollte zur Türe hinaus , sie öffnete die Türe und beide waren in die zauberhafte Winterwelt hinaus versetzt , und gingen dem Winde nach ihren Weg , ohne ihn zu kennen , bloß nach der Richtung , um den Berg zu erreichen , auf welchem das Hochgericht gehalten wurde .
Diese Straße war leer von Menschen , aber mehrere Hunde kamen mit großem Lärmen unter den Gartentüren hervorgesprungen , liefen auf den schwarzen Simson los , aber im Augenblicke , wo sich diese Philister ihm naheten , sah er sie an , zeigte seine Zähne und die größten , wie die kleinsten Hunde flüchteten mit einer Angst , den Schwanz zwischen den Beinen in die Gärten zurück , daß sie sich selbst unter den Türen einklemmten und erbärmlich schrieen .
Gleiche Angst zeigten ein paar Stachelschweine , die ihre Stacheln voll Äpfel und Birnen , die sie sich in den Gärten angewälzt und angestachelt hatten , quer über den Weg zogen , sich aber bei dem Anblicke des Hundes zusammenkugelten , daß dieser ihnen ihre Beute sehr behaglich abnahm und verzehrte .
Bella hatte sich dabei ausgeruht , nun war es ihr aber sonderbar , daß , wie sie jetzt aufstand und sich dem Berge näherte , ein anderer immer in ihre Fußtapfen zu schreiten schien und zwar mit solcher Sorgfalt , daß er mit der Spitze seines Fußes jedesmal die Ferse des ihren anrührte , sie wagte nicht umzusehen und lief immer hastiger zu , bis ein Schlag vor den Kopf sie niederstreckte .
Der Schlag war indessen nur wenig betäubend , sie faßte Mut , als alles umher still war ;
sie faßte um sich , als niemand sie anfaßte , und fühlte , daß sie gegen einen herabgelassenen Schlagbaum angerannt war ;
was aber in ihre Schritte so eilfertig getreten , war ein Dornstrauch , der sich an ihr Kleid gehängt hatte .
Sie mußte sich über ihre Furcht verwundern und nahm sich vor , jetzt aufmerksamer und besonnener zu sein , und vergaß es doch bald wieder , als eine Zahl von Pferden , die in einer Koppel lagen , bei ihrer Annäherung aufsprangen und über Busch und Hecken fortjagten .
Jetzt war sie oben und sie sah über die reiche Stadt hin , wo noch manches Licht brannte , ein Haus war aber hell erleuchtet und da , meinte sie , müsse der Prinz wohnen :
so hatte ihr die Alte sein Haus beschrieben und sie wußte , daß sein Geburtstag gefeiert wurde .
Sie hätte alles bei dem Anblicke vergessen , selbst die trocknen Gehenkten über sich , die einander fragend anzustoßen schienen , hätte nicht der schwarze Hund aus eigener Lust unter dem Dreifuße gegraben .
Sie fühlte , was er gefunden und hatte eine menschliche , eine kleine menschliche Gestalt in Händen , die aber mit beiden Beinen noch in der Erde wurzelte ;
sie war's , sie war's , die geheimnisvolle Mandragora , das Galgenmännlein , sie hatte es gefunden ohne Mühe , und in einem Halsumdrehen war der Strick ihrer Haare umgelegt und um den Hals des schwarzen Hundes angeschirrt ;
dann lief sie in Angst wegen des Geschreis der Wurzel fort .
Sie hatte vergessen ihre Ohren zu verstopfen ;
lief nun so schnell sie vermochte , und der Hund ihr nach ;
er riß die Wurzel aus dem Boden und ein erschrecklicher Donnerschlag stürzte ihn und Bella nieder ;
doch hatte ihr sichrer schnellfüßiger Lauf sie schon funfzig Schritte entfernt .
Das hatte Bellas Leben errettet ;
doch blieb sie lange ohnmächtig und erwachte erst , als schon die beglückten Liebhaber von ihrem Glücke lässig heim kehrten , einer von diesen sang ein jauchzendes Lied von seinem feinen Liebchen und von den falschen Zungen , die heimliche Liebe ausschwätzen ;
halb hatte er dabei Schlummer in den Augen , und so kam es , daß er sie übersah .
Als sie davon erwachte , wußte sie nicht , wie sie an diesen Ort gekommen , den sie nicht mehr erkannte ;
schwach richtete sie sich auf und sah im ersten Morgenschimmer ihren toten Simson .
Sie erkannte ihn , erinnerte sich auch allmählich , warum sie hergekommen und fand an den Haarflechten , die sie jetzt dem Hunde abnahm , ein menschenähnliches Wesen , gleichsam einen beweglichen Umriß , aus welchem die edlen Sinne noch nicht hervorgetreten sind , ähnlich einer Schmetterlingslarve :
so war der Alraun und wunderbar ist es zu nennen , wie sie auf der einen Seite des Prinzen gar nicht mehr denken konnte , der eigentlichen Ursache , warum sie den Alraun aufgesucht , ganz vergessen hatte , so liebte sie diesen auf der andern Seite mit jener ersten Zärtlichkeit , welche zart durchdringend seit jener Nacht , wo sie den Prinzen gesehen , in ihr zur Erscheinung gelangt war .
Zärtlicher kann eine Mutter ihr Kind , das sie bei einem Erdbeben verschüttet glaubt , nicht wieder begrüßen , nicht vertrauter , nicht bekannter , als Bella den kleinen Alraun aus dem letzten Erdenstaube an ihre Brust hob , und ihn von allem Anflug reinigte .
Er schien von dem allen nichts zu wissen , sein Atem strömte aus kaum bemerkbaren Öffnungen des Kopfes , nur als sie ihn eine Zeitlang auf ihren Armen gewiegt hatte , bemerkte sie an einem ungeduldigen Stoße seines Armes gegen ihre Brust , daß er diese Bewegung liebe ;
auch beruhigte er Arme und Beine nicht eher , bis sie ihn wieder mit schaukelnder Bewegung erfreulich einschläferte .
So eilte sie mit ihm in ihre Wohnung zurück ;
sie achtete nicht des Hundegebells , nicht einzelner Marktleute , die sich früh vor den Toren der Stadt sammelten , um die ersten bei der Eröffnung der Tore zu sein ;
sie sah nur auf den Kleinen , den sie sorgsam in ihren Überrock eingeschlagen hatte .
Endlich war sie in ihrem Zimmer , hatte ihr Licht angezündet und besah das kleine Ungeheuer :
Es tat ihr leid , daß er nicht einen Mund zum Küssen , nicht eine Nase habe , die ein göttlicher Atem herrschend und sanft geformt , daß keine Augen sein Innres kund machten und daß keine Haare den zarten Sitz seiner Gedanken umsicherten ;
aber ihre Liebe minderte das nicht .
Sie ging sorgsam zu ihrem Zauberbuche , um sich wieder zu erinnern , was mit dieser gegliederten und beweglichen Rübe anzufangen sei , um ihre Kräfte , ihre Bildung zu entfalten und sie fand es bald .
Zuerst sollte sie den Alraun waschen , das vollbrachte sie , dann sollte sie ihm Hirse auf den rauhen Kopf säen und wie diese aufginge in Haaren , so würden sich seine übrigen Gliedmaßen von selbst entwickeln , nur müsse sie an jede Stelle , wo ein Auge entstehen sollte , ein Wacholderkorn eindrücken , wo aber der Mund werden sollte , eine Hagebutte .
Zum Glück konnte sie diese Sämereien alle herbeischaffen , die Alte hatte ihr neulich einige gestohlne Hirse gebracht , Wacholderbeeren brauchte ihr Vater häufig zum Räuchern in seinem Zimmer ;
sie hatte den Geruch nie leiden können , jetzt war er ihr lieb , denn es war noch eine Handvoll übrig geblieben ;
ein Hagebuttenstrauch hing im Garten noch voll roter Früchte , als die letzte Pracht des Jahres .
Alles wurde herbeigeschafft , zuerst die Hagebutte an den rechen Ort eingedrückt , sie merkte aber nicht , daß sie ihm diese bald aus Liebe schief küßte ;
dann drückte sie ihm zwei Wacholderbeerkerne ein es schien ihr , als sähe der Kleine sie an , das gefiel ihr so wohl , daß sie ihm gerne ein Dutzend eingesetzt hätte , wenn sie nur einen schicklichen Platz dazu hätte ausfinden können ;
aber wo sie ihm am liebsten Augen eingesetzt hätte , hinten , da fürchtete sie , möchte er sich oft wehe daran tun ;
zuletzt brachte sie noch ein Paar Augen in seinem Nacken an und wir müssen ihr eingestehn , daß diese Erfindung nicht ganz zu verachten gewesen sei .
So fröhlich und ernstlich zugleich begann sie dies Werk , ein Wesen zu schaffen , das wie der Mensch seinen Schöpfer bis an sein Ende sie betrüben sollte ;
selbstzufrieden , wie ein junger Künstler , dem alles über Erwartung glückt , besah sie ihr kleines unförmliches Ungeheuer und verbarg es in einer zierlichen Wiege , die sie im Hause vorgefunden , wohlbedeckt mit Betten , entschlossen selbst gegen die alte Braka , dies als das erste Geheimnis ihres Lebens zu bewahren .
Braka , die sich am andern Abende durch ihr verabredetes Katzengeschrei kund machte , merkte doch an ihr eine Veränderung , und fragte listig nach allen Seiten , insbesondre als sie den schwarzen Hund nicht mehr bemerkte :
– Bella sah seitwärts auf ihre Arbeit nieder , sie schälte Äpfel , und erzählte recht umständlich , wie sie Nachts im Garten gewesen , wie ein schäumender Hund dort gegen sie angerannt sei , wie sich ihr schwarzer Simson auf ihn gestürzt und beide einander so grausam zerzaust und herumgerissen , bis der fremde Hund sich geflüchtet hätte , worauf der Simson lahm und blutend ihm nachgelaufen und seit der Zeit von ihr nicht wieder gesehen worden sei , vielleicht weil er gefühlt , daß er toll werde und sie nicht habe verletzen wollen .
Eine recht rührende Erfindung !
Bella hatte sie so wahrscheinlich vorgetragen , ungeachtet es ihre erste Lüge war , daß Braka beruhigt war und sich in Verwunderung über das treue Tier und über das große Unglück , dem sie entgangen , ausließ .
Nun hatte Bella Mut , ihr alles einzubilden , was sie künftig von ihrem Wurzelmännchen zu sagen nötig finden würde ;
doch wartete sie ungeduldig , daß die Alte ginge , denn sie fühlte eine rechte Unruhe , ob noch nichts Lebendiges an ihm wahrzunehmen sei .
Nachdem die Alte ihr Zwiebelgericht , das sie sich bereitet , ausgetunkt hatte , ging sie endlich von dannen .
Bella schloß die Türe und eilte zu ihrer heimlichen Wiege ;
zagend deckte sie auf und freudig sah sie schon die keimende Hirse auf dem Scheitel des Wurzelmännleins , auch die Wacholderkerne hatten sich schon angesogen ;
es war überhaupt ein Bewegen innerlich in dem kleinen Wesen , wie Frühlings im Acker beim ersten heißen Sonnenscheine nach dem Regen , es wächst noch nichts , aber die Erde trennt sich und lockert sich , und wie die Sonnenblicke alles fördernd umgehen , so regte sie küssend alle Kräfte der geheimnisvollen Natur auf .
Erst nach später Ermüdung entschloß sie sich neben ihrem Kleinod schlafen zu gehen , ihre Hand aber ließ sie auf der Wiege ruhen , daß es ihr nicht entführt werden könnte .
Was wundern wir uns über ihre sonderbare Neigung zu der halbmenschlichen Gestalt , nachdem sie zu dem schönen Fürstensohne so ausschließliche Neigung gezeigt hatte ;
es ist das Heiligste , diese Anhänglichkeit an alles , was wir schaffen , und ruft uns , während wir vor den Häßlichkeiten der Welt , und unsren eignen erschrecken , die Worte der Bibel in die Seele :
.
O Welt bilde dich schöner aus , daß du dieser Gnade würdig werdest .
Vergessen war in ihr aller Eigennutz , wie sie sich durch den kleinen Wundermann zu ihrem geliebten Prinzen wollte hintragen lassen ;
dieses Wunderkind , in Gefahr errungen , füllte jetzt alle ihre Gedanken , von ihm träumte sie , aber ihre Träume waren nicht glücklich ;
sie sah den vergessenen Fürstensohn vor sich , wie er im Wettstreite mit andern das zierliche Pfeilspiel der Spanier übte , worin sie durch die Stärke und Schnelligkeit des Wurfs sowohl , wie durch die geschickte Wendung der Pferde , einander zu necken und zu übervorteilen suchen , aber der Prinz siegte über alle , seine Pfeile rissen Sterne vom Himmel und warfen sie wie zierlichen Schmuck ihr auf die Brust .
Die meisten dieser Sterne verloschen , einer aber bebte in tiefem Lichte auf der Mitte ihrer Brust ;
und sie sah immer tiefer hinein , unendlich tiefer und konnte sich nicht satt sehen und darüber erwachte sie .
Kaum war sie erwacht , so wußte sie nicht mehr , nach wem sie sich so eifrig gesehnt hatte ;
ihr war es , als sei es der kleine Wurzelmann gewesen , den sie mit lautem Jubel begrüßte , als er ihr ganz vernehmlich , wie ein kleines Kind entgegenwimmerte , mit runden schwarzen Augen sie ansah , als wollten sie ihm aus dem Kopf herausfallen ;
sein gelbfaltiges Gesicht schien entgegengesetzte Menschenalter zu vereinigen , und die Hirse auf seinem Kopfe , hatte sich schon zu borstigen Locken vereinigt , so auch , was auf seinen Körper von den Hirsekörnern heruntergefallen war .
Bella meinte , er schreie nach Essen und war in großer Verlegenheit , was sie ihm geben sollte , wo sollte sie Milch hernehmen , Sie bedachte sich lange ;
endlich gedachte sie der Katze , die auf dem Boden gejungt hatte , ein Jubel war ihr diese Erfindung ;
die Jungen wurden heruntergehet und zu dem Wurzelmännlein , das sie schon spöttisch ansah , in die Wiege gelegt ;
die Katze ernährte jetzt willig ihn mit den übrigen Jungen und die kleinen Blindgebornen duldeten es , daß der nach allen Seiten sehende Fremdling ihnen voraus , ohne daß es die Alte merkte , die mütterliche Vorsehung aussog .
Bald knieend , bald auf den Knieen hockend , konnte Bella stundenlang diesen Listen ihres Männleins zusehen ;
wo er die andern überlistete , schien es ihr hohe Überlegenheit , wo er sich feig vor ihren Tatzen zurückzog , Schonung und Klugheit ;
nichts machte aber dem Mädchen so viel Freude an ihm , wie die Augen im Nacken .
Schon verstand er sie damit , wenn sie ihm winkte , wo eine der Kätzchen von dem Zitzen heruntergefallen war und legte sich vor , bis er auch daran kommen konnte .
Ihre Zuneigung wuchs so schnell , daß sie sich über jeden Tropfen Milch kränkte , der von den eingebornen Jungen dem Fremdlinge entzogen wurde , daß sie lange mit sich kämpfte , aber endlich nicht widerstehen konnte , eines dieser Jungen heimlich fortzutragen und nahe am Bach ins Gras zu legen .
Dann floh sie schnell , damit es ihr nicht folgte , sie war aber kaum einige Schritte gelaufen , so hörte sie etwas ins Wasser einplumpen , sie mußte ihre Augen hinwenden und sah wie der Strom die kleine blinde Katze forttrug .
Das jammerte ihr , sie gedachte ihres unschuldigen Vaters , der denselben Weg gezogen , sie hätte nachspringen mögen , doch blieb sie am Ufer stehen und fühlte , daß sie gesündigt ;
der Himmel ward dunkel über ihr , die Erde frostig unter ihr und die Luft unstet um sie her ;
sie schlich ins Haus und weinte .
Und als der kleine Wurzelmann mit den Augen im Nacken dies ersah , fing er an der Brust der Katze laut zu lachen an , daß die Katze aufsprang und eins der Jungen mit sich fortzog , das sich ihr in Angst angebissen hatte .
Jetzt war das Wurzelmännchen auch so mutwillig geworden , daß es sich nicht viel um die milde Nahrung der Milch kümmerte , zwar sah es schon aus , wie ein altes Männlein , das zum Kinde zusammengeschrumpft war , aber es hatte noch alle Unarten der kleinsten Kinder dabei .
Gerade weil es sah , daß Bella über den kleinen Mord mit ihm zürnte , drängte es sich immer mehr zu ihr und schlagen konnte sie es nicht und was sollte sie da tun , als es küssen und ihm den Willen lassen , der sich durch Hingreifen nach allerlei Wurzeln zeigte , die nicht von ihrem Vater her im Zimmer so umherlagen , sondern von der alten Braka bei ihrer Mauserei aus Unkenntnis weggeworfen waren .
Kaum hatte das Männlein eine Springwurzel genossen , so fing es an so lächerlich über Tisch und Stuhl , kopfüber , kopfunten zu springen , daß Bella in Angst die Augen wegwenden mußte und ihm ängstlich wie ein Huhn dem ausgebrüteten Entchen nach lief und nach sah , wie sie ihn nirgend fassen und erreichen konnte .
Listig wußte er bald an allen Ecken aufzusuchen , was ihm diente , so fand er bald auch die Sprechwurzel , welche die grünen Papageien vom höchsten Gipfel des Chimborasso in die Ebenen bringen , wo sie die Baumschlangen von ihnen gegen Äpfel eintauschen , die am verbotnen Baume gewachsen , wer sie aber den Schlangen abjagt , das kann allein der Teufel und sie von dem zu bekommen , ist schwer und hat schon manchen ehrlichen Erzieher in Verlegenheit gesetzt .
Als er diese ekelhafte Wurzel gierig genossen , sprang er auf einen Ofen und wie ein Vogel , dem die beschnittnen Flügel wiedergewachsen , zur Verwunderung seines Herrn , plötzlich empor auf den Baum vor dem Fenster fliegt und erst spottend sein Lied pfeift , das er von ihm gelernt , eh' er sich von ihm fort im wilden Natursang durch die Luft schwingt , so waren die ersten Worte des Männleins ein spottendes Wiederholen ihrer Lehren :
– Er konnte nicht aufhören , ihr das vorzusagen ;
sie hätte ihn gern gezüchtigt , aber er saß ihr zu hoch .
Zuletzt um ihre Geduld ganz zu erschöpfen , setzte er sich eine alte verrostete Brille auf , und fabelte in leeren spottenden Einfällen von allerlei Neckerei , die er der Welt antun möchte , um sich zu unterhalten .
Da mußte sie laut weinen und konnte nicht mehr hinauf sehen , denn das Vertraulichste am Menschen sind die Augen und es ist wohl zum Verzweifeln , wenn die Schwäche der Natur solchen harten fühllosen Glasglanz zwischen dem geliebten Menschen und uns notwendig macht , und das kann den Scharfsehenden schwindlig machen , wenn er sehen muß , wie der Sinn , der sonst seine Freude nur in Luft und Licht sucht , jetzt die harte Gewalt der Erde zu seiner Hülfe brauchen muß , die ihn notwendig mit sich herabzieht und vernichtet .
Eine Brille ist das schrecklichste Gefängnis , aus welchem die ganze Welt verändert erscheint und nur die Gewohnheit kann den Schreck vor dieser Welt , wie sie dadurch erscheint , aufheben .
Wirklich erschrak jetzt Bella bis im tiefsten Herzen vor dem Liebling , der im Luftraume ihrer Schöpfung vergöttert gewesen , sie sah ein , daß sie auf ein Mittel denken müsse , den Alraun zu bezwingen und nahm sich vor , darüber mit Braka zu reden .
Als sie das still in sich beschlossen hatte , rief ihr das Männlein vom Gesimse des Zimmers zu :
– Bella erschrak , wie eine überwiesene Sünderin , diese Allwissenheit oder vielmehr dieses ahndende Augenpaar in dem Kleinen setzte sie in Verzweifelung , die Angst befestigte in ihr den Entschluß , sich des kleinen furchtbaren Teufels zu entledigen .
Er rief dabei vom Gesimse :
– Zugleich stieg er herunter , sprang zu ihr auf den Schoß und küßte sie so herzhaft , daß er ihr fast die Haut aufriß mit seiner harten Barthirse , dennoch fühlte sie eine sonderbare Bewegung ihres Blutes , die sie nicht verstand , über die sie auch nicht nachdachte ;
doch war ihr der Kleine im Augenblicke so lieb und sie erwartete und wußte nicht was , von ihm .
Eine Woche später und der Alraun war in seiner Art völlig ausgewachsen , etwa dreieinenhalben Fuß hoch ;
Braka hatte schon etwas von ihm gemerkt , auch hatte er nicht Lust sich länger einsperren zu lassen , wenn sie kam , vielmehr wollte er sich der Alten recht glänzend zeigen , zog ein silbergesticktes altes Faltenkleid von Bellas Mutter an , das ihm Bella nach allen Seiten aufnähen mußte , so saß er eines Abends ganz ruhig in der Ecke und schien zu lesen als Braka eingelassen wurde .
Bella sagte , es sei ihre Base , ein sehr reiches Mädchen , die sie zu sich nehme , die auch Braka beschenken wolle .
Braka , die ihr Kompliment auch zu machen verstand , wo sie es nötig glaubte , griff der vermeinten Base nach der Hand , um sie zu küssen , war aber doch etwas verwundert über die harte , trockene , haarige Wurzelhand und zögerte mit dem Kusse .
Darüber wurde der Wurzelmann böse und gab ihr eine derbe Maulschelle .
Braka konnte sich in solchem Falle nicht mäßigen , sie stemmte beide Hände in die Seite und fing so heftig an zu schimpfen , daß die lachende Bella sie kaum mit der Vorstellung beruhigen konnte , die Nachbarn möchten sie hören und dann wäre ihr Zufluchtsort auf einmal verraten .
Der Alraun hatte sich aber durch die Schimpfreden nicht weniger in der guten Meinung gestört gefunden , er sprang sehr geschickt auf und rings um Braka her und verfolgte sie mit unzähligen Fußtritten ;
dabei fiel ihm der Schleier herunter , sie erkannte ihn gleich für das , was er war , und demütigte sich erschrocken vor ihm .
Als er sie in Ruhe ließ , setzte sie sich ganz zerschlagen auf einen Sessel und rief einmal über das andre :
– , rief der Kleine , – , sagte Braka , – Der kleine wurde darüber sehr aufgebracht , er verbot es sehr strenge , ihn nicht den Schweinen vorzuwerfen , und ließ sich erklären , was dies für ein Tier sei .
Braka wollte ihm erst beweisen , daß er sich um die Welt und was darin fresse , gefressen werde und sonst vorgehe gar nicht zu bekümmern habe , er müsse Schätze graben und sich um weiter gar nichts bekümmern , als aber der kleine Cornelius wieder sehr grimmig wurde , suchte sie ihn zu besänftigen , indem sie ihm allerlei hohe Ämter vorschlug , die er verwalten könnte .
Es war , als wenn er schon einmal gelebt hätte , so schnell wurde er durch eine kurze Erinnerung mit allen menschlichen Verhältnissen bekannt .
Bei verwachsenen Kindern findet sich häufig ein Ansatz zu dieser fatalen Gescheitheit .
Nichts unter allem , was Braka ihm von dem schönen Leben eines Kuchenbäckers oder Kellermeisters vorschwatzte , reizte ihn so mächtig , als ein Kommandostab , wenn er in glänzender Rüstung , wie in dem Schlosse ein Feldmarschall abgebildet war , vor tausend Rittern an dem Hause vorüberreiten würde und ihren Gruß annehmen , ja er befahl , ihn im Hause nicht anders als zu nennen , und ihm dazu eine Rüstung zu schaffen .
, sprach die listige Braka , – , sagte der Kleine , – Mit ihren Nägeln hätte Braka die Steine ausgerissen , wenn sie kein ander Werkzeug hätte finden können , jetzt aber lag die eiserne Ofengabel ihr recht angenehm zur Hand vor der Türe , sie war im Augenblicke damit bei der Arbeit ;
ein Glück , daß der Schatz nur mit einem Stein vermauert war , alle Fußtritte des Marschalls hätten sie nicht abgehalten , das Haus zu durchbohren ;
auch ließ sie sich durch das Kratzen und Beißen des Männleins nicht abhalten , den Kasten voll guter Gold- und Silbermünzen in Beschlag zu nehmen .
Sie setzte sich darauf und hielt dann ihren feierlichen Vortrag :
– Hätte Cornelius sich umgewendet , so hätte er ihre Falschheit wohl sehen können , aber ihm war , seit er lebte , noch nicht so wohl geworden , als in diesen Worten der Alten ;
er sprang ihr auf den Schoß und herzte und küßte sie , daß Bella aus Eifersucht ihn packte und statt zu küssen , ihn biß .
Er verstand keinen Spaß in so etwas , es hätte viel Streit geben können , wenn nicht die Alte mit Beratschlagung , was nun anzufangen , hervorgetreten wäre :
Vierunddreißigstes Kapitel Beinahe vierzehn Tage gebrauchte der , um sich notdürftig zu fassen , und nie während seines Aufenthalts in der Fremde hatte er mit solcher Sehnsucht auf eine Lebensäußerung aus Krodebeck und vom Lauenhofe gewartet als dieses Mal .
Er wartete vergeblich , und wir wissen weshalb .
Da er die Sache den Leuten zu Krodebeck so eilig als möglich gemacht zu haben glaubte , so begriff er nicht im mindesten ihr Stillschweigen , und das machte ihn womöglich noch ratloser und zorniger .
Er war ratlos im höchsten Grade .
Hatte er das Recht , dem einen Besuch auf seine freundliche Mitteilung zu machen und ihm mit den Fäusten auf den Leib zu rücken ?
Was wußte er von dem ?
In welcher Weise sollte er ihm gegenüber auftreten ?
Der Name dieses Herrn war ziemlich häufig in der Unterhaltung seiner und Freundinnen aufgetaucht , und jedermann schien eine Ehre darein zu setzen , ihn zu kennen , und es für ein großes Vergnügen zu halten , mit ihm verkehren zu dürfen .
Tonie hatte freilich nie von ihm gesprochen , und nun zeigte es sich plötzlich , daß sie ihn jedenfalls genau gekannt haben mußte , daß sie längst im allergenauesten Verkehr mit ihm gestanden haben mußte !
Und was hatte die schöne neulich , als er mit ihr nachts von der Villa Wanesch heimfuhr , gesagt ?
Alle Augenblicke sah er erschreckt über die Schulter , als ob da eben jemand hinter ihm höhnisch und hell gelacht habe ;
und dann lachte er selbst und nannte sich einen Dummkopf und hielt sich vor , wie vielen Ärger , wie viele Sorgen und Unannehmlichkeiten er sich erspart haben würde , wenn er nach dem ersten Besuch in der Laimgruben ruhig nach Italien weitergereist wäre und sich bei Pisa dem Studium der Kamelzucht , seiner Absicht gemäß , gewidmet hätte .
rief er grimmig .
Im nächsten Moment durchrieselte es ihn wieder heiß und kalt :
Seit vierzehn Tagen hatte nicht so frei und leicht geatmet wie an dem Abend , an welchem ihm dieser praktische , für alle Parteien so komfortable aufging .
Zum erstenmal seit vierzehn Tagen speiste er wieder mit Vergnügen und Appetit zu Nacht , um sich dann in das Karlstheater zu begeben und mit bescheiden-heiterm Gemüte den alten Nestroy in seinem eigenen Meisterstück – zu bewundern .
Das war ganz ein Stück , sowohl für sein allgemein ästhetisches Verständnis wie für seine augenblickliche Stimmung .
Für die hohe Komödie oder gar die Tragödie war er eben nicht gemacht , und da er sich ganz gemächlich und wohl dabei befand , so können wir ihm nur Glück dazu wünschen .
Er kam vollkommen in Harmonie mit sich und der Welt heim , speiste zum zweitenmal zu Nacht und trank diesmal , in seiner Ecke allein sitzend , fast zuviel .
Seit vierzehn Tagen hatte er nicht einen so ruhigen Schlaf genossen wie jetzt , und als er am folgen den Morgen erwachte und mit etwas schwerem Kopf sein Programm für den heutigen Tag sich aufs neue zurechtlegte , fand er nichts daran zu ändern und machte , seine rüstige Gestalt und sein ehrlich Gesicht mit außergewöhnlichem Wohlgefallen im Spiegel beschauend , eine außergewöhnlich sorgfältige Toilette .
Während derselben fiel ihm allerlei ein , an welches er hatte , und seltsamerweise spielte das keine unbedeutende Rolle in diesen schwankenden Erinnerungen .
Der dachte an die Zeiten , wo er mit offenem Munde zu den Füßen der hohen Dame saß , mit dem tapfern Tyrus eroberte und wurde und alles glaubte , was das Frölen sagte , und nichts an der Art und Weise , wie es es sagte , auszusetzen fand .
murmelte er , und :
fügte er hinzu , sich seiner eigenen ritterlichen Ahnen erinnernd .
Ach – hatte auch jener gerufen , der im Jahre des Herrn 1578 mit dem einen Ende der großen Wurst in den Fäusten drei Tage und drei Nächte hindurch seinen Schemel im Kreise um die Säule im Kommißhaus zu Wolfenbüttel rückte , und es war ein Glück zu nennen , daß der jetzige mit seiner Toilette zu Ende gekommen war , ehe er seine Erinnerungen bis zu diesen Almen hinuntergeführt hatte !
– , sagte er vor dem Frühstückstisch im Kaffeehause .
Er trat hinaus in die Gassen und ging noch ein wenig spazieren .
Im Schaufenster eines Waffenhändlers betrachtete er längere Zeit mit innerlichstem Wohlbehagen ein elegantes Pistolenkästchen , und da in diesem Augenblick ein anderer junger eleganter Herr neben ihm stehenblieb , blickte er denselben unwillkürlich mit Interesse an und würde sich wenig verwundert haben , wenn sich derselbe ihm plötzlich als der vor- und zur Verfügung gestellt haben würde .
Da das aber nicht geschah , so ging er weiter und sah noch eine geraume Zeit dem Exerzitium an der Franz-Josephs-Kaserne zu und verlor sich allmählich dabei vollständig in seine eigenen heitern und finstern militärischen Erlebnisse .
Unter den nachdenklichsten Betrachtungen über die Frage , ob die tschechischen , slowakischen und hungarischen Flüche und Liebkosungsworte , die ununterbrochen durch das deutsche Kommando schnarrten , rollten , zischten und klapperten , an Ausdruck und Bedeutung wohl denen seines eigenen alten Wachtmeisters gleichkommen möchten , hätte er beinahe die Visitenstunde versäumt .
Mit einem plötzlichen Schrecken hörte er die Turmuhren schlagen und blickte auf die eigene Uhr und richtete eiligst seine Schritte der Vorstadt Mariahilf zu .
Wir aber haben vielleicht wieder einmal Gelegenheit gehabt , uns zu überzeugen , daß auf sein Denken , Dichten , Tun und Lassen jetzt , wo sich unsere trübe Geschichte ihrem Ende zuneigt , noch viel weniger ankommen kann als im Beginn derselben .
– Vor dem Hause in der Vorstadt Mariahilf hielt ein Reitknecht zu Pferde mit einem prächtigen ledigen Pferde , welchem der fünf Minuten lang mit höchstem Verständnis seine Aufmerksamkeit widmete , ehe er das Haus betrat .
Mit ihrem zuvorkommendsten Lächeln begrüßte ihn im dritten Stockwerk die schöne Toinette , und mit seinem hellsten , offensten Lachen kam ihm der unter dem Bilde des Zinsgroschens entgegen , nachdem ihn die Kammerjungfer angemeldet hatte .
rief der Edle , beide Hände ihm darbietend .
Dem Junker summte der Kopf , und Arm in Arm betrat er mit dem Edlen das Zimmer Antoniens .
Es schwindelte ihm , es drehte sich alles um ihn , er hatte ein dumpfes Bewußtsein , daß er einem eleganten jüngern Herrn im Reitkostüm mit den herzlichsten Worten vorgestellt werde ;
er hatte ein dumpfes Bewußtsein davon , daß er etwas von Ehre und großem Vergnügen murmele .
Dazwischen schwankte , fast noch undeutlicher , eine Vision von seiner Tonie in einem schwarzen Sammetkleide , bleich und doch lächelnd , in ihrem Sessel ;
er wußte ziemlich deutlich , daß er den Arm des Edlen sehr fest gepackt halte , und – wer es dem Edlen gesagt haben mochte , jetzt war das Wort eine Wahrheit :
er gehörte ganz zur Familie , und er wußte ganz bestimmt und klar , daß man von ihm erwarte und innigst wünsche , er werde diese Ehre , dieses Vergnügen tief im Herzen zu empfinden und zu würdigen wissen und sich demgemäß aufführen und betragen .
Am meisten klares Gefühl von sich selber hatte er in dem Moment , als er eine kleine kalte Hand in der seinigen hielt und jemand mit ruhiger , sanfter , aber tonloser Stimme zu ihm :
sagte ;
doch das ging schnell vorüber , und nachher dauerte es eine geraume Weile , ehe ihm seine Umgebung vollständig klar und bestimmt aus dem Nebel hervortrat .
Noch eine geraume Weile hörte er gleich einem Betrunkenen nur Bruchstücke der fortgesetzten Unterhaltung , die längst weitergeglitten war , ehe er diese Bruchstücke in irgendwelche logische Verbindung unter sich hatte bringen können .
Und als er endlich seine gewöhnliche Beurteilungskraft wiedergewonnen , da mußte denn auch er einsehen , daß es längst zu spät war , hier die Lösung des Knotens nach dem alten faustrechtlichen , oft ganz praktischen Modus vorzunehmen .
Als ein alter Freund des Hauses war er von dem gerührten Schwiegervater dem Schwiegersohn vorgestellt worden , und mit dem freundschaftlichsten , offensten , herzlichsten Entgegenkommen hatte ihn der angenommen .
Es war eine absolute Unmöglichkeit , von dem klarsten Rechte , grob zu sein , Gebrauch zu machen ;
durch außergewöhnliche Höflichkeit , sozusagen durch einen Brennspiegel von poliertem Stahl hätte sich in dieser Hinsicht vielleicht noch etwas ausrichten lassen ;
allein einen solchen Brennspiegel besaß der freilich nicht .
Man saß ganz harmlos und plauderte , und zwar durchaus nicht über irgend etwas Außergewöhnliches .
Alle saßen , nur der Edle stand oder lehnte vielmehr hinter dem Sessel des Schwiegersohnes , etwas bedientenhaft zwar , aber doch nur mit großer Mühe fähig , sich selbst zu bezwingen und den teuern Menschen nicht alle zwei Minuten zärtlich tätschelnd auf die Schultern zu klopfen .
Alle hatten die Tür und damit auch die horchende Kammerjungfer im Rücken ;
nur Antonie saß ihr mit dem Gesicht zugewendet .
Wieder waren der Sonne wegen die Vorhänge herabgezogen , aber ein schöner Wind hob und senkte sie , durch die geöffneten Fenster spielend , und glänzende Lichter und magische Schatten durchtanzten wechselweise das Gemach .
Es hielt ein Wagen vor dem Hause , und kam mit – lachend , rosig , rauschend kamen sie und schüttelten perlende , blitzende Tropfen des Lebens von ihren Schwingen und aus ihrem Gefieder , wie ein Paar weiße Schwäne , die sich im Sonnenschein halb aus ihrem Element freudekreischend aufrichten .
Sie küßten Antonie auf die Stirn , und sie lachten über den .
Sie lachten über den Edlen und lachten über den , und sie hätten mit und über jeden geweint , wenn es die Umstände erfordert hätten – teilnehmend , naiv , herzlich und voll überquillender Lust am Dasein unter allen Umständen .
Sie litten es nicht , daß Antonie noch länger die Augen mit der Hand beschattete .
Emanuele zog ihr liebkosend die Hand herab und nannte sie ein dummes , süßes , zuckersüßes Herzchen .
rief der .
Sie sahen ihn alle darauf sehr verwundert an , und vor allen übrigen der , welcher jetzt auch am meisten das Recht dazu hatte .
erhob die Hand wieder und winkte dem armen Teufel :
Sie blickten sämtlich wahrhaftig mit großer Verwunderung auf den , und Zoe klopfte ihm mit dem Fächer auf den Arm :
Und Emanuele drohte ihm lächelnd mit dem Finger und legte denselben zierlichen Finger in demselben Augenblick bedeutungsvoll auf die Lippen .
Unterdessen war wieder ein Wagen vorgefahren , und ein alter Herr war mühselig ausgestiegen , hatte die Nummer des Hauses mit einer Notiz in seiner Brieftasche verglichen und war mühsam die Treppen hinaufgestiegen .
Niemand hatte den Klang der Türglocke vernommen , niemand den schweren greisenhaften Schritt im Vorzimmer .
sagte die hübsche Kammerjungfer , voll zweifelhaften Staunens den neuen Besucher meldend , und mit einem lauten Schrei richtete sich das Pflegekind des empor , stieß mit heftiger , krampfhafter Bewegung die sie auf beiden Seiten Umgehenden zurück und sank langsam in die Knie , beide Arme nach dem Retter ausstreckend .
Daß der nicht in die Knie sank , hatte seinen Grund einzig und allein in der vollkommenen Versteinerung des Mannes .
Er wußte die Bedeutung des Besuches sehr gut zu würdigen und sah gläsern auf den alten Mann und wiederholte tonlos die Meldung der schönen Kammerjungfer :
– Fünfunddreißigstes Kapitel Fünfunddreißigstes Kapitel Ja , da stand er !
– so alt , so kümmerlich , halb blind und tief gebückt , und doch ein Ritter und ein Held , dieser – wie vielleicht in diesen Tagen die menschenbevölkerte Erde keinen zweiten aufweisen konnte , um damit vor dem milden Auge der Sonne zu prangen und sich zu rühmen !
Es war ein weiter Weg aus dem chinesischen Gartenhäuschen auf der Terrasse zu Krodebeck in die Vorstadt Mariahilf ;
aber es war ein noch viel weiterer und wunderbarerer Weg aus der müden , schlaftrunkenen , längst wie in sich selber verlorengegangenen Existenz des Greises in diese helle , grelle , wirbelnde gegenwärtige Stunde hinein .
Wahrlich lag ein Heroentum sondergleichen in dieser Kraft , mit welcher der alte Mann aus der vergangenen Zeit den Leuten der Gegenwart unter die Augen trat – ein vom Kopf bis zu den Füßen geharnischter Streiter , ein waffenrasselndes Gespenst , das den besten Willen hatte , den Kampf auf Leben und Tod mit den erstaunten und bestürzten Herrschaften aufzunehmen , und welches sich durchaus nicht aus dem goldenen , heiterblauen , vergnüglichen Tage , aus dem hellen Mittage hinweglächeln ließ .
Was der auf der Stelle wußte , das ahnten die übrigen bereits im nächsten Moment so bestimmt und deutlich , daß der Herr des Hauses sich jede weitere Erklärung ersparen mochte .
Der wußte ganz genau , was ihm die Ankunft dieses wunderlichen Ritters bedeute ;
er erschien als der Ruhigste im Kreise , und da wir die Ehre hatten , ihn ziemlich genau kennenzulernen , so wissen wir , daß er auch wirklich vielleicht der Ruhigste war .
Er lehnte sich jetzt freundlich-nachdenklich auf den Sessel der schönen Zoe , und um Augen und Mund zwinkerte und zuckte ein gar nicht geheimgehaltenes Ergötzen über die händereibende Verlegenheit seines lieben , teuern , verehrungswürdigen und verehrten Geschäftsfreundes , seines , seines , oder wie er ihn sonst in den Momenten zärtlichster Vertraulichkeit zu nennen beliebte .
Der Edle war in der Tat verlegen und rieb sich wirklich die Hände .
Er sprach von der großen Ehre , die ihm und seinem Hause widerfahre , er bat seine Enkelin , sich doch zu fassen und zu beruhigen ;
er bat mit dem kläglichsten Blick im Kreise umher um Hülfe , und vor allen Dingen wünschte er den , die holde Zoe , die heitere Emanuele , den norddeutschen Krautjunker und – sich selber zu allen Teufeln oder – mit Ausnahme der letzterwähnten Persönlichkeit – in die allerunterste , tiefste und kühlste Kasematte der von ihm so unendlich geliebten und verpflegten Festung Verona .
flüsterte der zu , und Zoe bewegte leise das Haupt :
Sie blieben natürlich , und sie blieben auch nicht die einzigen , welche an diesem seltsamen Morgen dem und seiner Enkelin einen Besuch machten .
Es hielten noch mehrere Wagen vor dem Hause , und die Türglocke klang , und Toinette meldete manchen wohlklingenden Namen .
Es rauschten Schleppen herein , und Kavaliere von allen Lebensaltern und Stellungen kamen , ihre Glückwünsche zu bringen ;
die glänzenden , im Sonnenschein tanzenden Wogen stiegen immer höher um den Greis und sein Pflegekind , und beide sahen und hörten nichts mehr von dem , was sie umgab , umflüsterte und in wachsender Verwirrung umdrängte .
Der hatte seinen Pflegesohn zurückgeschoben und sich über die Tonie geneigt .
Er hatte sie wortlos aufgehoben , und sie hatte die Arme um seinen Nacken geschlungen und hing an ihm , und er war stark genug , sie zu halten und zu stützen .
Sie weinte laut und bitterlich , als ob sie beide allein miteinander in einer Wüste gewesen wären .
Es war für beide die Zeit vergangen , wo sie auf die Gefühle der Leute um sie her Rücksicht nahmen , den Anstand bewahrten und Furcht hatten , sich lächerlich zu machen .
Sie waren ja allein in einer Wüste allein in der Wüste des Lebens , der Lebendigkeit .
Sie fühlten wohl den Boden , den Fels , auf welchem sie standen , unter sich wanken , sie wußten , daß die Wogen um sie her wuchsen , daß das Leben , die Lebendigkeit immer recht behält , sie wußten , daß sie verloren waren , und sie waren doch glücklich und sicher – gerade darum waren sie glücklich und sicher .
Mit zärtlicher , liebkosender Hand streichelte der unter den Blicken des , des , der schönen Damen und des der die Wangen :
Unterdessen war schon vor einer Stunde ein blasser , reisemüder , überarbeiteter Mann aus den Wagen gestiegen , die der D-Zug von Berlin in rasender Fahrt nach Hamburg gebracht .
Es war Dornes fester Vorsatz gewesen , in Berlin noch den Abend mit seinem allerlei Fachmännisches durchzusprechen .
Auf der Nachtfahrt von Wien nach Berlin hatte er wenig geschlafen .
– Sein Gehirn durchsiebte rastlos alles , was es aufgenommen hatte – verglich eigene Resultate mit den in Wien gesehenen , ging bohrend und konzentriert all diesen unerhört schwierigen Formeln und Zahlen und Zeichen der chemischen Versuche nach .
– – Und dann – ganz jäh fuhr , wie ein Blitz , der Gedanke an die vergötterte Frau dazwischen .
– Und sein erschöpftes Hirn hatte einen tollen Gedanken ... Wenn er wüßte – wenn es eine Wissenschaft gäbe – das geheimste Leben solcher Frau zu erforschen – auseinanderzulegen – wie eine chemische Verbindung .
– – Weil es seine Frau war , und weil sie sich auch gerade vor ihm mehr verbarg als vor anderen Männern , sah er sie als etwas Geheimnisvolles .
– Zuweilen – – In Berlin gönnte er sich kaum rechte Muße zu Mahlzeiten und dachte :
– Und inmitten aller Hetze kam ihm dann immer die Vorstellung :
sie will morgen so früh aufstehen ... Das rührte ihn ... Das wollte er ihr ersparen ... Und plötzlich fragte er sich :
was sie wohl heute abend tut ?
Montag hatte sie einige Gäste , daß sie sich die zusammenbitten wollte , erzählte sie noch , ehe er ging ... Aber Dienstag abend ?
Und heute abend ?
– Oh , und das frühe Aufstehen ... Morgen früh halb sechs Uhr schon an die Bahn ... Solch ein Unsinn ... Aber sie machte manchmal solche törichte Aufopferungen – nur um ihm zu zeigen , wie teuer er ihr war ... Und ganz aus den dunkelsten Gründen seiner Erinnerungen kam so etwas herauf wie Schreck – eine Beobachtung meldete sich – – Immer fielen diese Beweise von Zärtlichkeit in Zeiten , wo er voll Unruhe war – wo es ihm schien , als stehe ein anderer Mann an seinem Wege und wollte seine Straße als Räuber kreuzen ... Aber welche Tollheit ... Nein
!
Und er zwang das nieder – wie so oft – schämte sich – bat den fernen schwarzen Augen alles ab ... Und fünf Minuten vor fünf depeschierte er doch an , daß er sogleich nach Hamburg weiterreisen müsse und am Abend nicht mit ihm zusammen sein könne ... Während er die Depesche schrieb , quoll ihm die Güte , die weiche Sehnsucht nach der Frau als Rührung im Herzen hoch .
Nein , sie sollte nicht früh in den rauhen Morgen hinaus .
– Diese ersten Apriltage steigen oft mit solcher Herbheit aus der Nacht empor .
Das wollte er ihr ersparen – er wollte sie überraschen .
– – Und seltsam – als er sich jäh vorstellte :
sie nimmt die Ueberraschung vielleicht unfreundlich auf – da siedete so etwas wie Haß über das weiche Gefühl hin – und ließ ihn erbeben .
– – Die Fahrt wurde fiebrische Ungeduld .
Sie sank aber in feigste Unschlüssigkeit zusammen im Augenblick , wo er den Fuß auf den Asphalt des Hamburger Bahnsteigs setzte .
Wo war sie ?
Einsam und friedlich zu Haus ?
Mit den neuen Bekannten im Theater ?
Hatte sich jemand der Strohwitwe angenommen und sie für den Abend eingeladen ?
Vielleicht war so gütig gewesen .
Oder lud sie sich irgendeine Gesellschaft ein ?
Marieluis ?
Oder – oder Allert ?
... Der Mann fühlte :
sein Mut versank ihm , wie Boden unter den Füßen beim Erdbeben ... Plötzlich dachte er , daß er zunächst zu seinem Teilhaber gehen und ihm von den wichtigen Erlebnissen der Wiener Reise berichten wolle .
Allert selbst war darin so aufmerksam :
kam er heim von einer Geschäftstour , müde , abgespannt , so trat er doch noch oft spät bei dem Arbeitsgenossen ein und sprach von seinem Erfolg .
Es erschien mit einemmal als die nächste Pflicht :
zuerst zu Hellbingsdorf .
Der war ja nun , seit seine Mutter hier wohnte , jeden Abend bei ihr .
Außerdem :
war so gütig , nahm sich Julias an , obgleich sie sie nicht mochte – ganz seltsam hellseherisch begriff er das mit einem Male .
– Ja , wahrscheinlich – Julia war dort .
– – Also dahin – gleich – zuerst .
– – Und er schleppte , völlig wie verbohrt in seine Gedanken , seinen Handkoffer selbst mit sich ... Vom Hauptbahnhof nach – wenige Minuten ... Dann treppan – treppan .
– Und der schrille , zitternde Klang der elektrischen Glocke fuhr über seine Haut als Frösteln .
Therese öffnete .
bat er .
wehrte er ab .
Therese fand es ja ein bißchen wunderlich , daß er in das große Wohnzimmer vorn eintrat und ihr abwinkte , als sie das Licht aufdrehen wollte ... Aber was wollte sie machen ?
Wo es doch eben war ... Er trat in dem dunklen Zimmer ans Fenster .
Es war matt durchhellt vom Licht , das die Räume einer Weltstadt immer füllt , das in Straßen und auf Plätzen die Nacht vertreibt und noch bis zu den höchsten Stockwerken hinauf seinen Schein sendet .
Er sah hinaus und hinüber ... Die Nacht war klar .
Schwarzblank flutete da unten das Wasser , und das Verkehrsleben zog drüber hin .
Erleuchtete kleine Dampfer krochen , gleich Riesenglühwürmern , hin und her – begegneten sich , zogen in geraden und geschweiften Linien aufeinander zu und wieder auseinander – ruhten an Brücken zwei Minuten aus und rauschten weiter ... Der Himmel stand schwarzblau und mit Sternen besäet über ihm .
Kein Lüftchen regte sich .
Drüben , hinter den Anlagen des jenseitigen Ufers , sah er die Häuser .
In ihren Fronten waren die erhellten Fenster wie längliche viereckige , unregelmäßig aufgeklebte Stückchen Glanzpapier auf dunklem Grund .
Und er sah so deutlich zwei , die rotgelb schimmerten .
– Vielleicht sah er sie nicht wirklich – oder nahm irgendwelche hellen Flecke dafür .
– – Ja , so deutlich sah er sie – daß er dahinter , durch die Seide und den Tüll der Vorhänge , eine Frau auf umdämmerten Kissen sich dehnen sah – und sie war nicht allein ... Therese kam aus ihrer Küche heraus .
Sehr eilends und erschreckt .
Da war doch eine Tür hart ins Schloß geworfen worden ?
Und sie ging nach vorn .
Nein – das !
Weg war der Doktor , und da stand wahrhaftig sein Handkoffer ... Der Mann lief treppab – er rannte an der Uferstraße hin und rannte Menschen an – er kam an die Lombardsbrücke – seine Füße wurden schwer – immer langsamer ging er .
– Und ob er gleich endlich nur noch schlich – einmal kam er doch an ... Er ging auf und ab vor dem Hause – lange .
Dann schritt er über den Straßendamm und betrat die Anlagen am Ufer , die die Straße jenseits einfaßten .
Von da konnte er an der Front des Hauses emporsehen .
Und nun sah er sie wirklich , diese beiden sanften , von rotgelbem Licht so warm und lockend erfüllten Fenster , und sah die dicht zusammengezogenen Vorhänge , durch die all dieser wohltuende Schimmer kam ... Die Feigheit fiel von ihm ab wie ein gelöster Panzer – er war plötzlich kalt , entschlossen , sicher .
– Dies friedlich schöne Licht war ihm wie ein Ruf .
– Er ließ sich davon rufen ... Schnell ging er ins Haus – auf den Treppenstufen mit dem kleinen , stählernen Schnepper fingernd ... Und stumm – ohne daß ihm wie sonst dieser nervöse , trockene Hustenreiz kam , der wie ein Heroldsgeräusch war – stumm und rasch trat er ein ... Da lag in der dämmerigsten Ecke des Zimmers , tief eingebettet in all diese phantastischen , farbigen Kissen ein Weib , von dünnen , weißen Stoffen war der schlanke Körper straff umspannt – Und neben ihr saß vornübergebeugt
ein Mann und schien zu der Weinenden zu sprechen ... Allert erhob sich auf der Stelle – peinlich betroffen – jäh von dem Gefühl erschreckt , daß ein Rasender ihn beschlichen habe – daß der ihn falsch sähe – mißdeutend – sagte er ;
sprach der andere Mann .
Allert erbleichte .
– – brauste er auf ... rief seine Frau dazwischen – und welche kalte , herrische Verachtung war in ihrem Ton .
– fuhr der Mann fort – in einer furchtbaren , stillen Sammlung – ein Besessener , der nicht tobt – Allert , mit einem vor Zorn entstellten Gesicht , versuchte sich zu sammeln .
Er begriff – er mußte es sich versagen , jetzt mit diesem Mann zu streiten .
Das Briefchen der Frau , das ihn hergelockt , trug er bei sich – er konnte , er durfte sich nicht auf Kosten des Weibes reinigen von Verdacht .
Nach diesen Beleidigungen hatte er dem anderen den Glauben an seine Ehre mit nachdrücklicheren Mitteln einzuschärfen , als es Worte sind – – sprach er ruhig , Der Mann erhob unterbrechend , abwehrend die Hand – es war eine gebieterische Geste des Schmerzes – in den hellen Augen glimmte ein gesammelter , kalter Haß .
– Das gab ihm Größe , diese kurzauf züngelnde Größe , die dem Wahn die Gewalt gibt , sich über die Wahrheit zu setzen ... Und Allert gehorchte .
Er ging .
Nicht ohne von der Schwelle her eine förmliche Verneigung in der Richtung zu machen , wo er die weiße Frauengestalt sah .
– sprach sie und zuckte die Achseln .
Sie sah ihn an .
Sie kannte die Männer von Grund aus .
Auch den ihren .
Und hatte ihn tief verachtet , weil er mit sich spielen ließ ... Nun war sie betroffen , sah etwas Rätselhaftes – das sie nie – auch in ihrem ganzen künftigen Leben nicht begriff .
So oft war er blind gewesen – hatte blind sein wollen – aus Hörigkeit – und diesmal – diesmal , wo er keinen Grund zur Eifersucht hatte – – Diesmal ?
?
... Unfaßlich war es – ganz unfaßlich .
– Wie sie so , einige Herzschläge lang , mit jagenden Gedanken , ihm in die Augen blickte , quoll leise ein neues , furchtbares Gefühl in ihr auf ... Angst vor diesem Feigling .
Was ist Angst vor einem Zornigen ?
– Was Zittern vor der Mannhaftigkeit ?
– Nichts , nichts – – aber wenn die Feigen hassen !
– sprach sie langsam .
Sie ging an ihren Schreibtisch .
Sie schloß auf .
– Da hinten im Fache – wie viel Briefe – sauber in Bündeln – umbunden mit kleinen Goldlitzen .
– Und vorn allerlei Papiere durcheinander – Rechnungen – dazwischen noch Allerts Zeilen im Umschlage , darauf die Adresse von seiner kräftigen Schrift .
– Sie hatte nicht gleich gespürt , daß ihr Mann herankam – schleichend fast – und hinter sie trat .
– Gerade hatte sie Allerts Brief in der Hand , und nun wandte sie sich rasch um , mit ihrem Körper den Blick auf das offene Schubfach zu hindern .
– Ein jähes Gefühl trieb sie warnend , – sonst trat ja dieser Mann schonend hinweg , wenn sie in seiner Gegenwart einmal an ihren Schreibtisch ging – als scheue er den Blick – wolle Diskretion zeigen .
– Und nun kam er so nah heran ?
– Zu spät – er stieß sie fast hinweg – er umkrallte den Rand des offenen Schiebefaches ... schrie sie .
Er dachte nicht mehr an Allert – oder nicht mehr an ihn allein – da waren andere Handschriften – in Bündeln , wohlgehäuft , lagen sie da – das Herz und Hirn seiner Frau spiegelten sie – hineinsehen konnte er nun – wissen , wissen , wissen – – Sie rang mit ihm .
Umsonst .
Und endlich kauerte sie , die Ellbogen auf den Knien , das Gesicht in den Händen , auf dem Rand des Ruhebettes .
Nicht mehr eine Verführerin , sondern ein für den Augenblick geschlagenes Weib , das nun trachtete , sich zu sammeln , seine Hilfskräfte zu bedenken , sich klarzumachen , wie der Mann dennoch zu besiegen sei ... Dieser bettelhafte Mann .
Oder war er nicht mehr der gierig Verlangende , von ihrer Gnade Lebende – vor ihrem Blick Zitternde ?
– Nicht mehr ?
Er saß vor dem Schreibtisch – über die aufgezogene Schublade geneigt – die wie ein Stück entblößtes , aufgewühltes Dasein war .
Feine Goldfäden wurden zerrissen – sauber geordnete Briefbündel glitten auseinander , als seien sie in lauter kleine Schollen aufgelöst worden – aus ihren glatten , stillen , weißen , flachen Lagern standen die Worte wieder auf , die ihr Leben nur durch die Augen haben , die sie liest – die nicht sind , wenn das Papier nicht entfaltet wird , darauf sie sich hinreihen .
Hier waren aber kalte , feste Finger , die aus dem Spaltenmund dereinst in fiebernder Wonne geöffneter Umschläge nun die zusammengelegten Bogen nahmen .
Hier waren stechende Blicke , die in furchtbarer Ruhe lasen .
– – Die Minuten liefen .
Außer dem Rascheln der Papiere kein Laut .
Die Frau seufzte nicht einmal – sie horchte – sie dachte – sie erwog .
– Und da stand er auf .
Befreit .
Ein Mann .
Er fühlte keinen Schmerz – noch nicht – in dieser Stunde noch nicht .
Ganz wunderbar beschwingt und erlöst war ihm .
Er hatte seine Hörigkeit zerbrochen .
Nicht einmal Liebeshaß war in ihm – nur das Gefühl , daß irgend etwas Ungeheures von ihm genommen , daß Schimpfliches zu Ende sei .
Eine Schmach beendet .
Er ging auf die Frau zu .
Sie erhob ihr Gesicht aus den Händen und sah ihn an .
unterbrach er sie ;
sagte er .
Und er sah sie an – mit seinen hellen Augen – fest , kalt – erstaunt fast – und langsam quoll nun doch etwas in ihm auf – als Vorbote künftigen Grames :
ein furchtbarer Zorn gegen die Frau , die auch Mutter war ... Er sah diese arme , junge , hochaufgeschossene Ingeborg , die immer verlegen war und sich überflüssig fühlte neben der schönen Mutter – und er sah das dunkeläugige Kind mit dem spanischen Namen und dem tollen Temperament – – Sie erkannte einen Wechsel in seinem Auge .
Daß da was aufglomm .
Es wirkte furchtbar .
Und eine wahnwitzige Idee zuckte durch ihr Hirn .
Wenn er haßte , sich rächen , sich von ihr befreien wollte ... Er brauchte nicht Dolche und Kugel .
Er beherrschte eine fürchterliche Wissenschaft – sie machte ihn , wenn er wollte , zum Herrn über Leben und Tod – leise , unentdeckbar , konnte er hinwegräumen , was seiner Rache verfallen war .
Sie fror vor Angst .
Und wenn sie auch in dieser Stunde so lange rang und flehte und log und verführte , bis ihr Sieg ward .
– – Er konnte morgen , in wiedererwachendem Haß , ihre Speisen mischen und ihr jeden Trunk zu einem schleichenden Todesurteil machen .
Dieser Wahnsinn – diese Furcht vor der Rache eines , den sie feige gekannt , brach ihren Willen – gab ihm die neue Richtung :
nur fort – fort – – um ihr Leben schien es zu gehen – nur fort .
– – Sie erhob sich .
Mit ihrer letzten Kraft versuchte sie Hochmut zu heucheln .
sagte er .
Und sie ging .
Allert war von jener merkwürdigen Gefaßtheit wie gebunden , die so oft einem großen Schreck nachfolgt .
Ganz erstaunlich kaltblütig und ruhig fühlte er sich , als er langsam die Treppen hinunterging .
Er ging nach Hause .
Es war weit .
Das gelassene Dahinschreiten tat gut .
Er fragte sich :
und jetzt ?
Das nächste war klar :
an Patow schreiben :
Komme sofort und stehe mir in einer Ehrensache bei .
Von heute auf morgen ließ die sich natürlich nicht abwickeln .
Wen hatte denn Dorne ?
Hier keinen Menschen .
Er gehörte einer schlagenden Verbindung an .
Er mußte sich einen von seinen alten Korpsbrüdern herbeizitieren .
Also das gab eine Verzögerung .
Und die schien zunächst das allerärgerlichste .
Eine Beleidigung soll sofort abgewaschen werden – solange sie es nicht ist , brennt sie wie Feuer weiter – dachte Allert kräftig .
Nun , das sind die Sinnlosen ja immer .
Aber ihre Taten ziehen die Besonnenen mit in den Wirbel und Abgrund .
Allert fühlte voll Empörung , daß er nicht die mindeste Lust habe , sich totschießen oder schwer verwunden zu lassen .
Wegen so einer Frau !
Das war denn doch zu toll .
Ihm fiel ein weiser Ausspruch ein , den früher mal getan :
Schuld meidet eben den Schein , die Unbefangenen tappen oft zu dumm in was 'rein .
Und hier konnte ja nicht einmal von Unvorsichtigkeit und dummem Hineintappen die Rede sein .
Auf welche Weise hätte er sich denn diesem Zusammensein entziehen sollen ?
Er war doch an den Mann gekettet .
Da ließ es sich schwer einrichten , die Frau zu meiden .
Daß die Eifersucht des Mannes sich so jäh gegen ihn gewendet hatte , war Allert nicht sehr verwunderlich .
Da hatte eine Zündschnur lange geglimmt und das Feuer des Argwohns sich allmählich herangefressen an den Sprengstoff .
Dem armen Menschen konnte man aber jetzt seinen bösen Irrtum nicht klarmachen .
Nachdem der Collaborator am andern Morgen die unterbrochene Aufzeichnung der Sagen vollendet hatte , suchte er seinen Freund auf und fand denselben vor einer fast fertigen Farbenskizze :
ein Tyroler , der oberschwäbischen Burschen und Mädchen ein neues Lied vorsingt .
bemerkte der Collaborator , entgegnete der Maler , unterbrach ihn Reinhard .
schloß Reinhard und schaute eine Weile nach der Thür , die er hinter dem Störenfried verschlossen hatte .
Zur Staffelei gewendet , versank er in Gedanken ;
er hatte so rüstig und zuversichtlich begonnen und jetzt war's ihm doch , als ob das Musikalische nicht wohl zu malen sei .
Er erinnerte sich nun , daß er ein Bild für die neue Kirche versprochen , und ging nach dem neuen Bau , um sich Räumlichkeit und Größe zu betrachten ;
einmal aus der Werkstatt , ging er nicht wieder zurück , sondern wanderte ins Feld .
Als er hier die arbeitenden Bauern betrachtete , zog der Gedanke durch seine Seele :
– Nun fiel ihm auch eine Bäuerin ein , er saß im freien Felde am hellen Mittag auf dem Pfluge , ein Weib kam den Rain herauf , sie trug das einfache Essen im tuchumwickelten Topfe , ihr Antlitz leuchtete , als sie ihren Mann sah , der , die schirmende Hand an die braune Stirn gelegt , nach ihr ausschaute ;
sie lächelte und ihr Mund schwellte sich wieder zum Kusse .
– dachte Reinhard , aus seinen Träumen aufseufzend ;
Aber – so sonderbar ist der Mensch in seiner Doppelnatur geartet – Reinhard konnte wenige Minuten darauf sein Traumbild in flüchtigen Umrissen in sein Skizzenbuch zeichnen .
Wohl that er's nur zur Erinnerung , aber es war doch noch mehr , und daß er überhaupt so bald eine Träumerei in eine Skizze verwandeln konnte , mußte ihm zeigen , wie weit ab er davon war , seinen Künstlerberuf hinter sich zu werfen .
– Die Züge des Weibes hatten unverkennbare Aehnlichkeit mit einem nicht gar fernen Mädchen .
Reinhard wollte sich selbst entfliehen , indem er mit voller Kraft den Bergwald hinaufrannte :
er schweifte lange umher , da sah er in einer Schlucht die zur Trift abgeholzt war , einen Hirtenknaben , der auf seinen Stock gelehnt über die weidenden Kühe hinweg nach dem Thal schaute .
Reinhard schlich leise an ihn heran , nahm ihm den breiten , schwarzen Hut vom Kopfe und machte eine tiefe Verbeugung ;
der Knabe lachte und dankte vornehm nickend , ein frisches Antlitz von feuerrothen Lockenkrausen umwallt , schaute zu Reinhard auf .
fragte der Knabe keck ;
Reinhard ward handelseins , der Knabe aber wollte nichts vom Stillehalten wissen , bis er den Groschen in der Tasche habe .
Reinhard mußte willfahren .
Während der Arbeit erfuhr er nun , daß der Knabe beim Lindenwirth diente und hier dessen Kühe hütete .
antwortete der Knabe schelmisch , was so viel hieß als :
man wird dir's nur schnell sagen , ja , wart ' ein Weilchen .
fragte Reinhard .
Reinhard sah den Knaben so verwirrt an , daß dieser die Hand an die Seite stemmte und herausfordernd fragte :
Reinhard beruhigte den Knaben , der sich in Zorn hineinarbeiten wollte , er schenkte ihm noch einen Groschen ;
das that gute Wirkung .
– Als die Zeichnung vollendet und Reinhard weggegangen war , jauchzte der Knabe laut auf , daß die Kühe , das abgegraste Futter im Maul haltend , nach ihm umschauten .
Der Knabe setzte sich schnell auf den Boden und betrachtete mit unendlicher Befriedigung Wappen und Schrift an den beiden Groschen , dann zog er das in ein Knopfloch gebundene Lederbeutelchen vor , darin noch anderthalb Kreuzer waren , legte schmunzelnd das neue Geld hinein und sagte , den Beutel zudrehend :
Während sich dies im Walde zutrug , hatte der Collaborator im Dorfe ganz andere Begebnisse .
Er besuchte den Schullehrer und traf in ihm einen abgehärmten Mann , der schwere Klage führte , wie sein Beruf so viel Frische und Spannkraft erheische und wie der bitterste Mangel ihn niederdrücke , so daß er sich selber sagen müsse , er genüge seinem Amte nicht .
Der Collaborator gab ihm zwei Gulden , die er nach Gutdünken verwenden solle , den Schulkindern eine Freude damit zu machen , ausdrücklich aber verbot er , ein Buch dafür zu kaufen .
– Der neuen Kirche gegenüber auf den Bausteinen saß ein hochbetagter Greis , der jetzt den Collaborator um eine Gabe bat .
Auf die Frage nach seinen Verhältnissen erzählte der Alte , daß ihn eigentlich die Gemeinde ernähren müsse und daß sie ihm auch Essen in's Haus geschickt habe ;
er habe es aber nur zweimal angenommen , er könne nicht zusehen wie seine sieben Enkel um ihn her hungern , während er sich sättige .
Die umstehenden Maurer bestätigten die Wahrheit dieser Aussagen .
Der Collaborator begleitete den alten Mann nach Hause und das Elend , das er hier sah , preßte ihm die Seele so zusammen , daß er zu ersticken glaubte ;
er gab hin was er noch hatte , er hätte gern sein Leben hingegeben , um den Armen zu helfen .
Lange saß er dann zu Hause und war zum Tode betrübt , endlich machte er sich an die Arbeit , das Clavier zu stimmen .
Mittag war längst vorüber , da kam Lorle zu ihm ;
sie hatte sich zwar gestern vorgenommen mit dem zu trutzen , aber es ging nicht .
Für ein gutes Gemüth giebt es keine schwerere Last , als erfahrene Unbill oder Kränkung in der Seele nachzutragen .
Lorle hatte alles Recht dazu , wieder freundlich zu sein .
sagte sie , sagte Lorle , Der Collaborator traf den Pfarrer im Lehnstuhl , zur Tasse Kaffee eine Pfeife rauchend .
Nach den herkömmlichen Begrüßungen wurde das Anliegen vorgetragen , der Pfarrer schlürfte ruhig die Tasse aus und setzte dann dem Fremden auseinander , daß der Plan sei , die Leute hülfen einander schon von selbst .
Der Collaborator entgegnete , wie das keineswegs der Fall sei , daß man deshalb die Wohlthätigkeit organisiren müsse , um zugleich frischen Trieb in die Menschen zu bringen .
Der Pfarrer stand aus und sagte mit einer kurzen Handbewegung :
man bedürfe hier der Schwärmereien von Unberufenen nicht .
Jetzt gedachte der Collaborator der Armuth und Noth , die er erst vor wenigen Stunden gesehen ;
immer heftiger werdend rief er :
Der Pfarrer kehrte sich verächtlich um und sagte :
er würdige solche demagogische Reden – er war noch aus der alten Schule und hatte den Ketzerstempel communistisch noch nicht – kaum der Verachtung .
Er machte eine Abschiedsverbeugung und rief noch :
Der Collaborator kam leichenblaß zu Reinhard in das Wirthshaus und aß keinen Bissen .
Als ihn Lorle nach dem Erfolge seines Ganges fragte , erwiderte er wie zankend :
dann preßte er wieder die zuckenden Lippen zusammen und war still .
Reinhard hielt Lorle sein Skizzenbuch hin und fragte :
Lorle zog ihre Hand von dem Skizzenbuche zurück .
Auf dem Spazirgange , den die Freunde nun gemeinsam machten , schüttete der Collaborator sein ganzes Herz aus ;
Reinhard verwies ihm sein Verfahren und er erwiderte :
fuhr der Collaborator wieder auf , Die Beiden gingen geraume Zeit still den Bergwald hinan ;
ein alter Mann , der ein Bündel dürres Holz auf dem Rücken trug , begegnete ihnen , der Collaborator stand still und sah ihm nach , dann sagte er :
Auf diese Nothbank des Vielleicht suchte der Collaborator seine quälende Sorge abzusetzen ;
es gelang ihm nicht , aber er konnte doch verschnaufen , doch so viel freien Athem schöpfen , um neuen Eindrücken offen zu sein .
Reinhard traf das rechte Mittel , um den Freund zu erlösen , er stimmte jetzt mitten im Walde das Weber'sche an , der Collaborator begleitete ihn schnell im kräftigen Baß ;
sie wiederholten die Strophen mehrmals , und so ein Lied thut Wunder auf eine betrübte Seele , die sich nach Freiheit sehnt , es leiht dem Geiste Schwingen , daß er mit den Tönen frei über die Welt hinschwebt .
sagte der Collaborator wiederum , rief Reinhard endlich dazwischen , schnalzte mit den Fingern und begann zu singen :
Mit solchen , die Reinhard schockweise kannte , überschüttete er seinen Freund ;
so oft dieser zu grübeln beginnen wollte , sang er ein neues und der Collaborator konnte nicht umhin , die zweite Stimme zu übernehmen .
Wohlgemuth kamen sie zu Hause an und merkten nicht , daß die Leute die Köpfe zusammensteckten und allerlei munkelten .
Am andern Morgen stand Reinhard vor dem Bett des Collaborators und sagte :
Der Aufgeforderte war ohne viel Zögern bereit , er hatte sich's zwar vorgesetzt , so viel als möglich sich in das Kleinleben des Dorfes zu versenken ;
nun sollte sich's ändern .
Erkräftigende , sonnige Wandertage verlebten die beiden Freunde ;
wie der Himmel in ungetrübter Bläue über ihnen stand , so breitete sich auch eine gleiche einige Seelenstimmung über sie .
Was der Eine that und vorschlug , war dem Andern lieb und erwünscht ;
nie wurde hin und her erörtert , und so hatte jeder Trunk und jeder Bissen den man genoß eine neue Würze , jedes Ruheplätzchen doppelte Erquickung .
Freilich war der Collaborator noch immer der Nachgiebige , aber er war's nicht aus rücksichtsvoller Behandlung , sondern unmittelbar in freudiger Liebe .
Da er es selten unterließ , einen gegenwärtigen Zustand mit einer allgemeinen Betrachtung zu begleiten , sagte er einmal :
– Reinhard gab auf diese Rede seinem Freund einen derben Schlag auf die Schulter , er hätte ihn gern an's Herz gedrückt , aber diese Form seines Liebesausdruckes war ihm genehmer und dünkte ihn männlicher .
– Sie kamen nun in eine geologisch höchst merkwürdige Gegend .
Der Collaborator vergaß eine Weile all das menschliche Elend was ihn bedrückte , denn er machte in den Steinbrüchen manchen glücklichen Fund ;
er fand in einem Kalkbruch nicht nur einen Koprolith von seltener Vollkommenheit , sondern auch noch manche andere Seltenheit .
Als er mehrere sehr schöne versteinerte Fischzähne gefunden , äußerte er seine eigenthümliche Empfindung , hier Ueberbleibsel einer alten Welt zu haben , die viele tausend Jahre älter ist als unsere Erde .
Reinhard hörte solche Auseinandersetzungen gern an , denn ihm ward jetzt auf den Wegen die Entstehungsgeschichte unserer Erde eröffnet .
Von der Verfasserin von Clementine Bei Gerhard , dem ersten Restaurant einer großen deutschen Handelsstadt , hatte sich im Spätherbst des Jahres achtzehnhundertzweiunddreißig nach dem Theater eine Gesellschaft von jungen Leuten in einem besondern Zimmer zusammengefunden , die anfänglich während des Abendessens heiter die Begegnisse des Tages besprach , allmälig zu dem Theater und den Schauspielern zurückkehrte und nun in schäumendem Champagner das Wohl einer gefeierten Künstlerin , der Giovanolla , trank , welche an jenem Abende die Bühne betreten hatte .
sagte entzückt der , sagte wegwerfend der junge Horn , der Sohn und Erbe eines reichen Kaufmanns .
fiel der Vetter , ein geborner Engländer , und erst seit wenig Tagen in dieser Stadt , dem Sprechenden ins Wort , , antwortete der Gefragte .
rief im komischen Zorn der Maler , Horn war halb beleidigt , halb verlegen .
sagte er , , nahm der , ein schöner , junger Mann , der bis dahin schweigend der Unterhaltung zugehört hatte , die ihm nicht zu gefallen schien , das Wort , fragte der Vetter .
antwortete Reinhard zögernd .
rief der Engländer aus .
lachte Erlau , sagte Hughes .
fiel Horn ein , unterbrach Reinhard die Rede , rief Erlau dazwischen , fügte er halblaut , gegen Reinhard gewendet , hinzu , Die Unterhaltung war zu einem Punkte gekommen , auf dem sie leicht eine verdrießliche Wendung nehmen konnte , da öffnete sich plötzlich die Thüre und ein junger , hübscher Mann , kaum dreißig Jahre alt , trat in das Zimmer .
Er war nur mittler Größe , aber kräftig und wohl gebaut , hatte krauses , schwarzes Haar , eine gebogene Nase , ein Paar durchdringend kluge , schwarze Augen , und vor Allem eine hohe , gewölbte Stirn , die beim ersten Anblick den Mann von Geist und Charakter verrieth .
Seine Bewegungen waren rasch , wie sein Blick .
Er hatte eine gelbliche aber gesunde Farbe , und war modern , doch ganz einfach gekleidet .
Kaum war er in das Zimmer getreten , als Erlau und Reinhard ihm mit dem Ausruf :
entgegen gingen .
Er wandte sich aber , die Begrüßung nur flüchtig erwidernd , an Horn , und sagte :
fuhr er , gegen die Freunde gewendet , fort , und setzte sich zu ihnen nieder .
Horn machte ein paar besorgte Fragen , die von beruhigend beantwortet wurden , dann brach jener auf , und William wollte ihn begleiten .
Erlau indessen , der niemals genug Leute beisammen haben konnte , und dem der Engländer gefiel , redete ihm zu , bei ihnen zu bleiben , um noch ein paar Stunden zu plaudern .
sagte er , William war das zufrieden , und Horn empfahl sich dem kleinen Kreise , indem er William versicherte , dabei warf er einen spöttischen Blick auf Meier , den dieser nicht sah , da er Horn den Rücken zugewendet hatte , und den Reinhard mit verächtlichem Achselzucken erwiderte .
Ein Kellner räumte die leeren Bouteillen , die gebrauchten Gläser fort , und setzte eine volle Flasche vor die Zurückbleibenden hin .
Erlau , Reinhard und William , die schon seit einer Stunde beim Weine saßen , geriethen allmälig in eine immer munterere Laune , gegen welche Meier's Ruhe eigenthümlich abstach .
Vor Allen konnte Erlau's ausgelassene Fröhlichkeit sich nicht genug thun ;
ein Witz folgte dem andern , ein Toast dem andern .
rief er aus , Der Toast wurde erwidert .
Hughes trank auf die Einheit Deutschlands ;
Reinhard ließ die deutschen Frauen leben , Erlau vor Allen die Schauspielerin , von der schon früher die Rede gewesen war , und Meier gab sich dem Treiben hin , wie ein Erwachsener , der mit Kindern spielt .
Er nahm äußerlich Theil daran , während ihn im Innern offenbar ein anderer Gegenstand beschäftigte , und er in ein Hinträumen versank , aus dem Erlau's Ruf :
Schweigend und nur mit dem Kopfe nickend dankte dieser , und trank sein Glas aus .
Damit war aber Erlau noch nicht zufrieden .
Reinhard und Hughes standen auf , und der Letztere rief lebhaft :
Auch Reinhard , in dem noch mancher Widerhall seiner Studentenjahre nachtönte , erhob sein Glas , und bereitete sich , es gegen die andern Gläser klingen zu lassen , nur Meier blieb ruhig sitzen und sagte :
Dieser ruhige , ernste Ton schien Erlau plötzlich abzukühlen , während er den Engländer in lebhafte Bewegung versetzte .
Er ging rasch auf Meier zu , und rief :
Meier that , wie Jener es verlangte , und that es gern , denn es lag so viel Ehrenhaftes in dem Gesicht des Fremden , daß es augenblicklich für ihn einnahm .
Auch Reinhard schüttelte ihm die Hand und man trank auf die Dauer und das Gedeihen des neuen Bundes .
Dadurch blieb Erlau allein stehen ;
er goß zwei Gläser voll , nahm in jede Hand eins derselben und sprach in affectirter Traurigkeit :
– Dabei leerte er das zweite Glas , und sagte verdrießlich , während die Andern herzlich lachten !
– Mit diesen Worten brach er auf und die Gesellschaft ging aus einander .
fragte am nächsten Morgen ihren Bruder , als dieser in das Wohnzimmer seiner Eltern trat , in welchem die Familie frühstückend beisammen saß .
rief die Mutter , antwortete der Vater , sagte die Mutter , im Gegentheil , Der Vater lächelte , und Eduard erwiderte :
Was man daselbst vernimmt Die Trauung sollte eben vollzogen werden , als man dem Prinzen meldete :
Die Alte , die er so mißhandelt habe , erbäte sich's zur Gnade und als Vergütung des ihr zugefügten Schadens , in den Tempel zu kommen und der Zeremonie beiwohnen zu dürfen .
Er erlaubte dies um so eher , da er willens war , sich wegen des Vorgefallenen bei ihr zu entschuldigen .
Nachdem Saugrenutio dem Großen Affen sehr andächtig ein Rauchopfer gebracht hatte , fing er an , einen Lobpsalm anzustimmen und öffnete , ohne daran zu denken , den Mund so weit , daß Tanzai , der noch immer mit seinem Auftrage beschäftigt war , glaubte , er könne nie eine schönere Gelegenheit finden , ihm den Schaumlöffel hinunterzustoßen .
Auch würde es ihm bei dem Enthusiasmus , worin sich der Oberpriester befand , gelungen sein , hätte nicht die Alte in dem Augenblick , da der Stiel fast auf seinen Lippen war , so heftig zu niesen angefangen , daß Saugrenutio aus seiner Ekstase zu sich kam und den üblen Streich gewahr ward , den ihm der Prinz spielen wollte .
Um ein Haar hätte er die Zeremonie abgebrochen und die Versammlung auseinander gehen lassen .
Doch glaubte er , der Prinz sei dadurch genug gestraft , seine Absicht gescheitert zu sehen , und so entschloß er sich , die Trauung zu beenden .
Er sprach mithin die heiligen Worte laut und ohne scheinbare Verwandlung des Gesichts aus .
Die Alte hatte während der Zeit mit leiser Stimme einige barbarische Worte vorgebracht .
Kaum hatte Saugrenutio die Trauformel nachgesprochen , als jene sich behende in die Luft schwang und dem Prinzen sowohl als Neadarne ins Gesicht spie :
– Mit diesen Worten verlor sie sich aus den Augen der Zuschauer .
Alle erschraken ob diesem Wunder .
Neadarne war einer Ohnmacht nahe .
Tanzai , als ein ziemlich schlechter Naturkundiger , behauptete , daß die Alte durch Künste verschwunden sei , die gar nicht übernatürlich wären ;
und was sie von ihrer Rache gesagt habe , darüber brauche man nicht zu erschrecken , weil weder die Prinzessin noch er Merkmale davon verspürten .
Man stellte sich , als wäre man davon überzeugt ;
allein der König selbst war höchst betroffen , weniger über die Drohungen der Fee als darüber , daß der Große Affe die ganze Zeit über , als man vor dem Altar gestanden , sich unablässig in den Schwanz gebissen und die linke Lende gekraut hatte .
Man verließ den Tempel .
Der Prinz schickte sofort nach dem Logis der Russa , um zu wissen , ob die Alte nach demselben zurückgekehrt wäre .
Da vernahm er , daß man sie , gleich als sie aus dem Tempel verschwunden sei , auf einem Wagen , von zwei Schnecken gezogen , bei der Russa habe anlangen sehen .
Dies Fuhrwerk , mit erstaunlicher Schnelligkeit durch die Lüfte geflogen , habe sich über dem Logis der Prinzessin niedergesenkt ;
die Alte habe letztere entführt , und sie wären alle beide verschwunden .
Diese Flucht ging dem König sehr zu Herzen .
Er hatte sich geschmeichelt , die Schwarzkünstlerin so lange festzuhalten , bis sie den Zauber aufgehoben hätte , womit sie vermutlich die Neuvermählten belegt habe .
Inzwischen ließ er sich von dem , was er hierüber dachte , nichts merken , aus Besorgnis , daß so traurige Mutmaßungen vollends die Freuden eines so erhabenen Festes stören möchten .
Ganz voll von seiner Liebe , nahm Tanzai an der Unruhe seines Vaters wenig teil .
Er beobachtete seine teure Neadarne mit jenem feurigen Verlangen , welches die Aussicht , bald glücklich zu sein , einflößte .
Die Prinzessin hörte ihm in stiller Bescheidenheit zu , war aber zerstreut , denn sie schien sich mit wichtigen Dingen zu beschäftigen .
fragte er sie endlich , – entgegnete sie .
– fuhr er fort , rief er , indem er sie zärtlich küßte , versetzte sie .
fügte sie errötend hinzu .
– rief er .
Es läßt sich schwer bestimmen , was diese Unterredung für ein Ende genommen haben würde , wenn man nicht verkündet hätte , daß es Zeit zur Tafel sei .
Tanzai , der lieber die Glocke der Mitternacht als die zum Mittagsessen hätte schlagen hören , begab sich gleichwohl in den Eßsaal , in der Hoffnung , den Oberpriester auf andere Gedanken zu bringen .
Letzterer mußte sich zur Tafel einfinden ;
und wiewohl er bei gegenwärtiger Lage der Dinge darauf rechnen konnte , nicht sehr gut bei Hofe angeschrieben zu sein , so dachte er doch , daß es ihm als einem geschickten Staatsmanne zukäme , seine Entrüstung und Lust , sich zu rächen , zu verhehlen .
Der Prinz , der entschlossen war , ihn womöglich durch Güte zu gewinnen , fragte ihn freundschaftlich , als er ihm im Salon begegnete , ob er durch seine Unnachgiebigkeit ihn lebenslang unglücklich machen wollte ?
versetzte Saugrenutio , – entgegnete der Prinz .
versetzte der Priester .
rief Tanzai zornentflammt .
setzte er hinzu und ergriff ihn beim Arm .
– rief Saugrenutio .
Sosehr der Priester sich auch sträubte , so hatte dennoch der Prinz , der stärker war , ihm jenen Unglücksstiel bereits an den Mund gebracht , als der König auf den Lärm hin herbeilief und seinem Sohn vorstellte , daß die Fee ihm ja verboten habe , Gewalt zu gebrauchen , und daß er sich durch die gewaltsame Behandlung des Oberpriesters verhaßt , aber um nichts glücklicher machen würde .
Saugrenutio konnte den Göttern danken , daß der König dazugekommen war .
Der Prinz ließ ihn fahren und schwur , nicht mehr daran zu denken .
Saugrenutio , wieder beruhigt , setzte sich zur Tafel , sprach das Benedicite über die darauf befindlichen Gerichte , und Freude begann in den Herzen aller aufzuleben .
Tanzai aber , der sein Vorhaben nicht aus den Augen verloren hatte und gewiß war , es bewerkstelligen zu können , wenn Saugrenutio sich so berauschte – was ihm oft begegnete – , daß er über der Tafel einschliefe , sorgte dafür , daß ihm mehr Wein eingeschenkt wurde , als die Hälfte der Gäste hätte zu sich nehmen können .
Allein diese Vorsicht war vergebens .
Saugrenutio aß , sang , trank , plauderte und – ward nicht betrunken .
Endlich wurde die Tafel aufgehoben , und der Rest des Tages verstrich unter den Lustbarkeiten , welche fürstliche Beiläger gemeiniglich zu begleiten pflegen .
Wie langweilig waren sie nicht für Tanzai !
Wie oft sehnte er sich nach ihrem Ende !
Wie lang schien ihm nicht die Komödie , die er gleichwohl selbst veranstaltet hatte .
Wie ungern ging er zur Abendtafel .
Neadarne , die ihn unablässig ansah , teilte seine Ungeduld .
Der König trug aus Unbedacht seinem Sohn an , dem Balle beizuwohnen , allein Tanzai , dem alles zuwider war , nahm die Prinzessin bei der Hand , wünschte dem Cephaes gute Nacht und verfügte sich in seine Gemächer .
2. Teil 9. Kapitel :
Die Hochzeitsnacht Neuntes Kapitel :
Die Hochzeitsnacht Nach diesem Ausruf des scheschianischen Verfassers , den ich vielleicht zur Unzeit abgeschrieben habe , wiederholt er , was der Leser schon aus dem vorigen Kapitel ersehen könnte , nämlich , daß der Prinz Neadarne wegführte .
Er entkleidete sie , wie die Geschichte sagt , schneller , als er sie am Morgen angekleidet hatte .
Ganz betroffen und sprachlos wagte die Prinzessin es beinahe nicht , ihn anzublicken .
Tanzais Ungestüm setzte sie in Erstaunen .
Bisweilen wollte sie ihm Einhalt tun , allein die Pflicht lehnte sich gegen ihren Widerstand auf , und die noch stärkere und sanftere Liebe unterstützte ihre Nachgiebigkeit und brachte ihre Verschämtheit zu Fall .
Endlich gelang es Tanzai , sie auf das Brautbett zu bringen .
Bald darauf flog er zu ihr und verschlang mit den Augen alle die Schönheiten , welche Hymen ihm preis gegeben hatte .
Was er sah , küßte er ;
was er geküßt hatte , besah er wieder von neuem ;
überall schweiften seine rastlosen Hände umher .
Neadarne fand bald , daß anstelle der Scham ein ihr völlig unbekanntes Gefühl ihre ganze Seele füllte ;
sie seufzte , gab der sanften Regung nach , die Tanzai in ihr erzeugt hatte , und endlich erklärte ein zärtlicher Kuß ihre feurigen Entzückungen .
Schon ertönten die schmeichelhaftesten Namen , schon widerhallte das Geräusch der Seufzer im Zimmer ;
schon glaubte sich Tanzai auf dem Gipfel seiner Wünsche , als er bei gleich starken Begierden nicht mehr gleiche Kraft verspürte .
Voll Erstaunen über diesen unvorhergesehenen Vorfall schloß er die Prinzessin in die Arme , aber vergebens ;
umsonst suchte er in den zärtlichsten Liebkosungen ein Mittel gegen sein Unglück .
Alles erhöhte sein glühendes Verlangen , aber nichts gab ihm das wieder , wodurch er es der Prinzessin beweisen konnte .
Bestürzt und beschämt über den Zustand , worin er sich erblickte , verfügte er sich wieder neben Neadarne , in der festen Hoffnung , daß die Erstorbenheit aufhören und seine Geliebte selbst zu deren Endigung beitragen würde .
Aber wie groß war sein Erstaunen , als er , um den Beistand ihrer teuren Hand flehend , gewahr wurde , daß es vergeblich sein würde , sich deren bedienen zu wollen .
Es zeigte sich seinen Augen kein Gegenstand mehr , auf den die Prinzessin ihre Huld hätte erstrecken können .
Er erkannte die Folge seines Verlustes ;
und je ungewöhnlicher er war , je unersetzlicher schien er ihm .
rief er .
– fragte die Prinzessin .
– versetzte Tanzai .
– entgegnete sie .
– rief der Prinz , Die Prinzessin betrachtete ihn jetzt mit Aufmerksamkeit und konnte nicht umhin , über den Zustand , worin sie ihn sah , sehr bestürzt zu sein ;
wiewohl sie , wie sie selbst sagte , nicht wußte , in was für einem Zustande er sich eigentlich befinden müßte .
sagte sie mit einer zärtlichen Umarmung zu ihm .
– erwiderte er , fuhr er fort , indem er sie in seine Arme drückte ;
Mit diesen Worten legte er Neadarne wieder auf das Brautbett .
Er fühlte seine Begierden noch heftiger wallen als vorher und begriff nicht , wie sie ihm nichts von dem wiedergaben , was er verloren hatte .
Er entdeckte in der Wallung , worin er war , Reize , die ihm vor Ingrimm Seufzer auspreßten .
Endlich , außer sieh vor Wut und Müdigkeit , faßte er den Entschluß , sich neben sie zu legen , ebenso betreten über das , was künftig daraus werden sollte , als über das , was es schon jetzt war .
10. Kapitel :
Verlauf der Hochzeitsnacht Zehntes Kapitel :
Verlauf der Hochzeitsnacht .
Was für einen Streich dem Prinzen der Schaumlöffel spielt sagte endlich Neadarne zu ihm , – versetzte Tanzai .
Likse und Panulla Likse , eine chinesische Wasserverkäuferin und Panulla , eine singhalesische Straßendame , saßen im Haftlokal der Polizeistation auf der in Singapore .
Es ist morgens sechs Uhr .
Beide Frauen sind in der Nacht betrunken von der Straße aufgelesen und in das vergitterte Haftzimmer gesteckt worden .
Der einfenstrige Raum liegt im ersten Stock eines einstöckigen indigoblauen Hauses .
Das Gitterfenster reicht bis zur Diele .
Likse und Panulla sind von den Stühlen , auf denen sie geschlafen , aufgestanden .
Sie hocken am Boden bei dem Gitterfenster , schauen auf die lebhafte Morgenstraße hinunter und warten auf ihre Haftentlassung .
Likses Kopf ist wie ein gelber , großer , ausgehöhlter Kürbis , in den man ein Licht gestellt hat .
Ihre Augäpfel leuchten noch prall von übernächtiger Trunkenheit .
Panulla hat noch rot und weiße Schminke und Puderreste im Gesicht .
Ihre Wangen sehen aus wie zwei künstlich gefärbte Stücke Zucker .
Beide Gesichter , das gelbe und das rosaweiße , kleben an dem Gitter und verfolgen interessiert den Straßenlärm unten in der von Singapore .
Nackte Malaien , halbnackte , grobblau gekleidete Chinesen , Bananenhändler , Wasserträger , Fischverkäufer , Garküchenkarren und Rikschawagen rennen durcheinander , schieben und poltern über die Pflastersteine .
Räder und Menschenstimmen überlärmen sich mit ruckhaften Sätzen .
Die beiden Weiber am Gitterfenster begrüßen Bekannte unten , Gesichter nicken herauf , Hände winken .
Vom dröhnenden Straßenleben zittern die Eisenstäbe des Gitters , daran sich die Finger der beiden Frauen festhalten .
Likse , die Chinesin , hat weite , schwarze , glänzende Kalikohosen an und eine blaue schräggeknöpfte Leinenjacke .
Ihr lehmgelbes Gesicht grinst immer freundlichst .
Ihre eingedrückte Nase schnuppert zwischen den Eisenstäben sehnlichst nach der Straße hinunter .
Panulla in einem alten japanischen Krepp-Kimono von rosagrauer Farbe , rote Ahornblätter darauf eingefärbt , hockt am Boden .
Ihr schmaler Hals dreht sich wie ein Reiherhals hin und her .
Sie verfolgt alle Vorübergehenden mit beweglichem Kopf , als möchte sie gleich einer Störchin die Leute wie Frösche aus einem Sumpf zu sich heraufangeln .
Die chinesische Likse ist grobknochig .
Ihre derben Brüste und ihr Gesäß sind dick wie Wassermelonen .
Panulla aber ist wie ein Heupferdchen schmal und wetzt ihre Kniee hüpfend am Gitter , wenn sie bekannte Matrosen auf der Straße begrüßt .
Allmählich sammelt sich ein Bekanntenkreis von chinesischen Barbieren , malaiischen Wagenziehern und chinesischen Kuliweibern unter dem Fenster an .
Unter viel Geschrei unterhalten sie sich mit den gefangenen Weibern .
Einer wirft ein paar Bananen hinauf , ein Fischhändler ein paar dünne Fische .
Die breitmäulige Likse verschlingt die lebenden rohen Fische .
Panulla lutscht an den Bananen .
Aus einer chinesischen Bar , über der Straße , kommt ein junger Mensch gerannt .
Er hat einen langen Bambusstab in der Hand ;
darauf ist ein Stück Schwamm gebunden .
Den feuchten Schwamm reicht er den gefangenen Frauen hinauf .
Likse schnuppert und riecht sofort , daß der Schwamm in Branntwein getaucht ist .
Panulla errät den Branntwein aus Likses Augen , und beide Weiber pressen gierig ihre offenen Mäuler durch die Gitterstäbe , um den Branntweinschwamm zwischen die Lippen zu bekommen .
Kaum hat Likse den Schwamm mit der Nase berührt , versucht Panulla die Chinesin zur Seite zu zerren .
Die aber bleibt unerschütterlich auf ihren zwei stämmigen Beinen stehen , schnappt nach dem Schwamm und saugt .
Der Bekanntenkreis unten brüllt ein heulendes Gelächter , denn Panulla ist wie ein Affe auf Likses Schulter gesprungen und würgt Likse von rückwärts am Hals , damit die Chinesin keinen Schluck Branntwein in den Magen hinunterschlucken kann .
Likses gelbes Kürbisgesicht wird braun wie ein irdener Krug .
Sie würgt und schlingt und will Panulla abschütteln .
Die dünne Malaiin hängt wie eine Zange am Hals der dicken Chinesin .
Likse fallt auf die Kniee , prustet den Branntwein aus den Nasenlöchern , und immer noch reitet Panulla auf der breiten Chinesin wie ein Jaguar , der sich in einen Elefantenrücken eingebissen hat .
Die gelben Zuschauergesichter auf der Straße tanzen wie Reihen gelber Lampions im Winde , und viele Köpfe stoßen im Gelächter zusammen .
Panulla hat endlich , über den Rücken der Chinesin hinweg , den Schwamm durch das Gitter mit den Zähnen erschnappt , ihn mit dem Mund von der Bambusstange gerissen , den Branntwein mit den Lippen ausgesogen und den Schwamm dann blitzschnell zurück auf die Straße gespuckt .
Aber jetzt erhebt sich furchtbar die knochige Chinesin von der Erde , schnaubend wie ein Flußpferd , das ans Land steigt .
Ehe sich Panulla , die am Gitter hängt , die Schreckensgesichter der Zuschauer unten auf der Straße erklären kann , hat die mächtige Likse die Malaiin von rückwärts am Haar zur Erde gerissen .
Das Haar geht auf , und die chinesische Wasserträgerin schleift die Straßendirne wie an einem schwarzen Strick in den Hintergrund des schmalen Haftlokales .
Die Zuschauer stehen noch ein paar Augenblicke unten und warten .
Ihre gestreckten Hälse reichen nicht bis zum ersten Stock , um in die Zimmertiefe zu schauen , und da weder Panulla noch Likse wieder am Gitter erscheinen , gehen alle lachend auseinander ;
das Straßenleben eilt eintönig lärmend wie vorher unterm Fenster vorüber .
Auf den Steinplatten hinten an der Zimmerwand liegt Panulla in der einen Ecke wie eine fortgeworfene Puppe mit ausgerenkten Armen und komisch verbogenen Beinen , als ob ihr ein Wirbelwind alle Glieder in den Gelenkkugeln verdreht hätte .
Ihr rosa Kimono liegt zerschlitzt in vielen Fähnchen unter ihr .
Als hat sie Lust zu lachen , verzerrt Panulla die Mundwinkel und zeigt die Zunge wie einen blauen Lappen .
Ihr Haarstrang ist fest , gleich einer Henkerschnur , um ihren Hals geknotet .
Die Malaiin rührt sich nicht mehr .
In der anderen Ecke der Zimmertiefe ist Likse rückwärts über einen Stuhl gestürzt .
Ihre Beine stehen gespreizt in die Luft nach der Zimmerdecke .
Ihre gelben Waden schauen aus den schwarzen zurückgefallenen Kalikohosen .
Das gelbe Gesicht der Chinesin steht verkehrt auf dem Fußboden und scheint wie eine leuchtende Lampe durch das dunkelblau getünchte Zimmer .
Die blaue Jacke ist von der linken Brust gerissen .
Der kleine Glaskopf einer Stecknadel blitzt neben der Brustwarze .
Kaum ein einziger kleiner Blutstropfen sammelt sich langsam um den Stecknadelknopf und erstarrt zu einem winzigen roten Kreis .
Likse hat Panulla mit der Malaiin eigenem Haar erwürgt , und Panulla hat der Chinesin im Kampf eine Stecknadel so tief in die Brust gestochen , daß die Nadel das Herz traf und bis zum Nadelkopf im Fleisch stecken blieb .
Likse und Panulla sind tot .
Die Malaiin bekommt allmählich durch die Totenstarre einen schiefen Ausdruck , als ob sie spottet .
Das Wagenrütteln der Straße erschüttert den Fußboden , und Likses ausgestreckte Beine schaukeln in der Luft , als ob sich die Chinesin im Kopfstehen übe .
Die erwürgte Malaiin hat eines ihrer verdrehten himmelnden Augen auf die Beine der Chinesin in die Luft gerichtet .
Das andere Auge sieht nach der entgegengesetzten Seite zum Fenster .
grinste Panullas Augapfel und verdunkelte sich bräunlichrot unterm Gewitterhimmel , während ihr anderer Augapfel , beschienen von der Indigowand des Zimmers , blau leuchtete .
Likses Beine wippten beim einsetzenden Sturmwind , der das Haus schüttelte .
Es war , als fluchte ihr offener Mund :
Und Likses Beine wackelten noch lebhafter .
Panulla aber höhnte mit ihrem schiefen Blick stillschweigend :
Die Chinesin grinste mit ihrem umgestürzten Gesicht , und aus ihren Nasenlöchern trieb der aufsteigende Alkohol , den sie ausgeprustet hatte , kleine lebende Blasen .
Panulla funkelte argwöhnisch mit ihrem blauen Augapfel :
Der erste Blitz bestrich Likses Gesicht noch gelber , so daß ihr breiter offener Mund bis an die Ohren glänzend zu lachen schien .
Auf Panullas Stirn bildeten sich kleine glitzernde Schweißperlen , als ob die Gedanken , die von ihr noch im Haftlokal umgingen , sich auf ihre Stirnhaut niederschlugen und sich dort kristallisierten ;
und diese glitzernden Gedanken wiederholten nochmals das Gespräch von heute nacht , das Likse und Panulla hier im Haftzimmer vor Sonnenaufgang hatten .
hatte die Malaiin belehrend behauptet .
Der toten Panulla triefte , bei dem stummen Selbstgespräch ihrer alten Gedanken , wie vor lauter Genuß , ein langer Speichelfaden aus dem Mund .
Eine See- und Mordgeschichte Wieder an Bord !
– Es liegt mir daran , gleich in den ersten Zeilen dieser Niederschrift zu beweisen oder darzutun , daß ich noch zu den Gebildeten mich zählen darf .
Nämlich ich habe es in Südafrika zu einem Vermögen gebracht , und das bringen Leute ohne tote Sprachen , Literatur , Kunstgeschichte und Philosophie eigentlich am leichtesten und besten zustande .
Und so ist es im Grunde auch das Richtige und Dienlichste zur Ausbreitung der Kultur ;
denn man kann doch nicht von jedem deutschen Professor verlangen , daß er auch nach Afrika gehe und sein Wissen an den Mann , das heißt an den Buschmann bringe oder es im Busche sitzenlasse , bloß – um ein Vermögen zu machen .
Eduard ist nämlich mein Taufname , und Mopsus heißt bei der Schäfer in Arkadien , welcher .
fragt Damon , der Schultheiß von Arkadien , und dieselbe Frage an mich zu stellen , ist die Welt vollauf berechtigt .
Aber vielleicht weiß grade sie das mir mitzuteilen !
Wie kommen Menschen dahin , wo sie sich , sich besinnend , zu eigener Verwunderung dann und wann finden ?
Ich an dieser Stelle kann nur so viel sagen , daß ich glaube , den als dafür verantwortlich halten zu dürfen .
Meinen alten .
Meinen alten guten Freund von der Landstraße der Kinderzeit in der nächsten Umgebung meiner Heimatstadt in Arkadien , also – von allen Landstraßen und Seewegen der weitesten Welt .
Nachdem man also seinen Berechtigungsgrund , im alten Vaterlande mitzusprechen , wo gebildete Leute reden , auf den Tisch gelegt hat , kann man hoffentlich weitergehen .
Dieses tue ich jetzt mit der Zwischenbemerkung , daß ich absolut nicht sagen kann , ob ich für das heutige Vaterland bloß nur allein orthographisch noch recht oder richtig schreiben kann .
Es sind selbst in dieser Richtung während meiner Abwesenheit zu große kleine Leute am Werke gewesen und können unter polizeilicher Beglaubigung das wundervolle ironische Wort des französischen Erbfeindes gebrauchen :
Nous avons changé tout cela .
Das haben wir am verkehrten Ende aufgenommen , sagt freilich leider der deutsche Mann nicht !
Der nimmt immer die Sache ernst , vorzüglich wo sein Vorteil , sein Ehrgeiz oder seine Eitelkeit mit im Spiel ist .
Aber es ist doch hübsch im Vaterlande , und wenn dem nicht so wäre , so würde ich dieses sicherlich nicht der Rückreise-Unterhaltung wegen an Bord des auf den langen Wogen des Atlantischen Ozeans niederschreiben .
Zum wenigsten werde ich mir , wenn das Wetter gut bleibt , dreißig nicht ganz unnütz verträumte Seefahrtstage – von Hamburg aus gerechnet – durch die ungewohnte Federarbeit verschaffen .
Wie aber würden sich meine Nachbarn am Oranjefluß und im Transvaalschen über unsern gemeinsamen wundern und freuen , wenn sie das Kajüten-Gekritzel lesen könnten , so sie es in die Hände kriegten !
Zu dem letztern ist aber sowenig eine Aussicht wie zu dem erstern , und unser Präsident , mein guter Freund daheim im Burenlande , hat wirklich auch wenig Zeit zu so was , sonst täte er mir wohl den Gefallen und sagte mir seine Meinung über mein Manuskript .
Es war eine sternenklare Nacht , und wir waren auf dem Heimwege .
Nicht nach dem Kap der Guten Hoffnung , sondern vom .
Einer gottlob unter einem ganzen , ja auch unter einem halben Dutzend deutscher Männer hat immer Astronomie ein wenig gründlicher getrieben als die übrigen und weiß Auskunft zu gehen , Namen zu nennen und mit seinem Stabe zu deuten , wo die andern vorübergehend in der schauerlichen Pracht des Weltalls verlorengehen und kopfschüttelnd sagen :
Es ist großartig .
Man kann in vielen Wissenschaften Bescheid wissen und sich doch bei passender , stimmungsvoller Gelegenheit belehren lassen müssen , wo der Sirius zu finden ist , wo die Beteigeuze und wo der Arktur und der Aldebaran .
Die den Orion kennen , sind den andern schon weit voraus ;
denn auch was die Sternbilder anbetrifft , tappen die meisten im dunkeln .
So allein und einfach wie mein Südliches Kreuz steht das nicht am Himmel , und wenn nördliche Männer den Großen Bären zu finden wissen , ist das schon viel , doch verfallen auch hierbei nicht üble Kenner manchmal in den Irrtum , daß sie den Polarstern ihm zurechnen und nicht dem Kleinen Bären .
Wir sahen auf dem Heimwege vom Brummersumm nach den Sternen .
So gegen Mitternacht , wo sie dann und wann am schönsten zu sehen sind und einer am wenigsten bei seiner Betrachtung gestört wird .
Zu den Stunden auf einem Feldwege allein mit den noch übrigen Genossen seiner Jugend zu sein – das ist etwas !
Wovon man reden mag , ob Politik , Börsengeschäften , Fabrikangelegenheiten , Ästhetik :
jeder Mann und berufenste Mitredner in allem diesen darf ungehöhnt sein gescheitestes Wort abbrechen und aufblinzelnd bemerken :
Da liegt doch auch was drin !
– Nachher darf er natürlich eine Prise nehmen , wenn er schnupft ;
ich für mein Teil rauche und zünde mir gern beim Anblick des unendlichen Heeres der himmlischen Lichter eine frische Zigarre an , denn das leuchtet doch auch , und der Mensch auf Erden ist darauf angewiesen , gegen alles und also auch gegen das » Übermaß der Sterne « zu reagieren .
Jaja , und wenn man auch noch ein Deutscher älterer Generation ist , so bleibt man doch am liebsten bei dem Nächstliegenden , dem angenehmen Abend , der guten Gesellschaft , und was sonst so dazu gehört , wenn man sich auch , der Abwechselung wegen , einmal auf » Siriusweiten « in das Glitzern und Flimmern überm Kopfe davon entfernt .
Und das ist unser gutes Erdenrecht .
Es ist uns , wenigstens fürs erste , wichtiger , zu wissen , was für Menschen hier mit uns leben und mit welchen von ihnen man es zu tun gekriegt hat , eben kriegt und morgen kriegen wird , als herauszukriegen , ob der Mond und der Mars bewohnt sind und von wem oder was .
– Nun mußte mir aber die Weggenossenschaft grade dieses Abends näherliegen als alles , was auf dem Mars , dem Monde , dem Sirius und der Beteigeuze , der Venus und dem Jupiter herumlaufen konnte .
Es waren die Leute , mit denen man ging , die einem in der Fremde im Wachen und im Träumen , vorzüglich jedoch im Halbwachen und im Halbtraume , plötzlich vorübergleiten oder sich in den Weg stellen !
Die , an welche man lange Jahre nicht gedacht und an die man dann um so intensiver zu denken hat :
I , der und der !
Ob der gute alte Kerl wohl noch lebt und es ihm nach Verdienst wohl ergeht ?
... Und nun – da – guck den Stänker – den hämischen Schulbankpetzer !
Wie kommt mir der Bursche in seinen zu kurzen Hosen und Rockärmeln grade jetzt , hier an dieser Straßenecke am Hafen , in den Sinn , hier unter den Palmen und Sykomoren und andern Mohren und bei der äquatorialen Hitze ?
Aber es freut einen doch , grade bei der Hitze und unter dem exotischen , heidnischen Niggerpack , daß man in kühlerer Zeit mal mit dem heimatländischen , germanischen Christen zu tun gehabt hat und von ihm mit der Nase drauf gestoßen worden ist , wie treuherzig es in der Welt und unter den Leuten zugeht !
... Herrgott , da kommt ja Meier !
... Meier !
Aber wie von einer Teekistenbemalung , mit dem seligen Porzellanturm von Nanking hinter sich !
Wie kommt denn der liebe alte Junge und Schafskopf zu dem wundervollen Zopf und dem Mandarinenknopf vierter Rangklasse ?
... Herrje , und Stopfkuchen ?
Wie komme ich denn grade hier auf Stopfkuchen , auf meinen dicken , den ersten auf unserer Bank in der Tertia von unten auf gerechnet ?
Ei , Stopfkuchen !
... Stopfkuchen !
Ich hatte weder in der Stadt noch im Brummersumm alle wieder beieinander angetroffen .
Den einen hatte der Tod , den andern das Leben daraus weggeholt .
Und was den Brummersumm im besondern anbetraf , so war der eine zu gut verheiratet und der andere zu schlecht , als daß sie noch die gehörige Stimmung für die abendliche , ja manchmal auch nächtliche Gesellschaft und Geselligkeit dort aus ihrem Eheleben hätten herausschlagen können .
Einer aber von uns hatte auf den Brummersumm Verzicht geleistet und blieb bei seinem Weibe aus ganz besonderm Grunde , und sein Name oder vielmehr sein Spitzname war :
Stopfkuchen .
Er wird sehr häufig auf diesen Blättern das Wort haben ;
es war aber auch eine längere Zeit in der alten Schenke die Rede von ihm gewesen und auf dem Heimwege unter dem glitzernden Sternenhimmel und in der langen Pappelallee auch .
Ich aber war eine geraume Zeit hinter den andern gegangen , ohne an der Unterhaltung teilzunehmen , und hatte nur wiederum alte Erinnerungen lebendig werden lassen und hatte nur gedacht :
Ich war , wie gesagt , nach Jahren der Abwesenheit einmal wieder ihr Gast , der Gast der Heimatstadt , im Kruge zum Brummersumm gewesen oder hatte vielmehr endlich einmal wieder daselbst einen Stuhl eingenommen .
Natürlich könnte man hier Gedanken , Gefühle , Stimmungen und Anmerkungen aus der Tiefe des deutschen Herzens , Busens und Gemütes heraus noch recht erklecklich weiter , und zwar ins Behaglichste ausmalen ;
man tut es aber nicht , sondern bemerkt nur das Notwendige .
Nämlich als Kind schon begleitete ich meinen jetzt längst verstorbenen Vater dorthin .
Er hatte seine Pfeife da stehen , doch dann und wann hatte ich ihm auch eine neue hinauszutragen .
Viele Leute werden nun sagen :
Der selige alte Herr gab da seinem Jungen ein recht sauberes Beispiel !
Und sie haben recht und wissen gar nicht , wie sehr sie recht haben .
Er tat es auch und gab mir ein nettes Beispiel – freilich nicht bloß in dieser Hinsicht .
Ich bin also Stammgast des Brummersumms von Kindsbeinen an gewesen und habe schon um dessentwegen mit geheiratet , um gleich dem wackern alten Vater allerlei von dorther an meine eigenen Jungen drunten im weitergeben zu können .
Die verwilderten , halbschlächtig deutsch-holländischen Schlingel geben gottlob unter den Buren , Kaffern und Hottentotten manch ein Kulturmoment weiter , was aus dem Brummersumm stammt .
Sie sagen dann gewöhnlich dabei :
Mein Vater hat's gesagt , und der hat's schon von seinem Vater , unserm Großvater in Deutschland .
Ja , so ein richtiger deutscher Spießbürger in seiner Kneipe !
Man zieht die Achseln nur deshalb über ihn , weil man selbstverständlich stets den unrichtigen für den richtigen nimmt .
Wo in aller Welt als wie so im Brummersumm läßt sich denn der Spieß leichter umdrehen , auf daß man die langweilige , die dumme , die abgeschmackte , die boshafte , die neidische Welt drauflaufen lasse ?
Und wo kann man kräftiger nachstoßen , um das überleidige Untier völlig zu Boden zu bringen ?
Wie sich freilich die zu dem Brummersumm verhält , das steht auf einem ganz andern Blatte .
Auf einem ganz besondern Blatte aber steht , wie sich meine selige Mutter zu ihm verhielt .
Erst in reifern Jahren natürlich habe ich den Sachverhalt herausgekriegt durch wehmütig-fröhliche Rückerinnerung , und da ist der Gesamteindruck ein höchst erfreulicher .
Das brave Weib hatte sich nicht nur mit dem Brummersumm abgefunden , sondern es ermahnte dann und wann meinen Vater :
Und seltsamerweise geschah dieses am häufigsten dann , wenn Sorge , Kummer und Verdruß unser Haus in der Stadt umkrochen und böser Lebensdunst sich darüber und also zumeist über ihrem teuren Haupte zusammengezogen hatte .
Es gibt wohl nichts , was mehr für die Frau und den Brummersumm spricht .
Ich hatte auch an dem Abend , unter dessen Sternkonstellationen diese Blätter sich auftaten , alle möglichen alten Erinnerungen von neuem aufgefrischt .
Sie hatten im Brummersumm gemeint , ich sei doch recht schweigsam aus dem Kaffernlande auf Besuch nach Hause gekommen , und sie bedachten wie gewöhnlich nicht , daß man den Mund halten und doch die lebendigste Unterhaltung mit einem , mit mehreren , mit vielen führen kann .
Dazu hatte ich wirklich das meiste vernommen , was an diesem Abend um mich her gesprochen worden war , und ein im Vorübergehen rasch und leicht hingesprochenes Gesprächsthema hatte mich in der Tat länger und eingehender beschäftigt und nachdenklicher bei sich festgehalten als die an dern um den alten Tisch herum .
Es gehört nämlich jetzt einer von uns der Kaiserlichen Reichspost als Beamter an , und der erzählte oder gab vielmehr beiläufig in die Unterhaltung hinein :
klang es im Kreise .
sagte der ganze Brummersumm .
seufzten verschiedene der Herren , indem sie noch einmal hinzufügten :
hatte auch ich gemurmelt .
– Und ein unbehagliches Gefühl , eine Pflicht und Verpflichtung leichthin versäumt zu haben , überkam mich .
hatte vorhin einer am Lebenstisch mich gefragt .
, hatte ich geantwortet ;
und nun sind die folgenden Blätter seinetwegen , Störzers wegen , mit geschrieben worden .
wiederholte ich mir , eine halbe Stunde oder eine Stunde später , als ich im Wirtshause , in meinem Absteigequartier in hiesiger Stadt , mit mir und den Heimatseindrücken des eben abgelaufenen Tages allein war .
Er , Störzer , gehörte freilich , zu meinen allerbesten Jugendbekannten , und mein Vater war's gewesen , der mich mit ihm bekannt gemacht und auf seinen Umgang hingewiesen hatte , indem er mir riet :
Der letztere Teil dieser Rede war mir damals wohl etwas dunkel geblieben ;
heute weiß ich , daß mein seliger Papa vor dem Worte wohl die dazugehörigen Beiwörter unterschlagen hatte .
Aber welch ein richtiger Junge achtet nicht einen Menschen , der ihm als ein Muster aufgestellt wird , weil er sich weder aus dem Wetter noch aus dem Wege etwas macht ?
pflegte in jenen glücklichen Tagen meine arme selige Mutter zu fragen .
Das Kind steckte bei Störzern , seiner Kunst , sämtlichen autochthonen und auch einigen exotischen Vögeln nachzupfeifen , – flöten , – zirpen und – schnarren , bei seiner » Kriegsbereitschaft « Anno achtzehnhundertfünfzig und bei seiner – Geographie .
Die Sache war doch ganz klar , so dunkel sie auch einem den Deckel vom Suppennapf abhebenden und vergeblich um sich schauenden Muttergemüt sein mochte .
Beiläufig :
daß wir ebenfalls zur Post ( damals noch nicht Kaiserlichen ) gehörten und daß mein Vater in seinen letzten Lebensjahren sogar genannt wurde , trug wohl auch das Seinige zu dem angenehmen und innigen Verhältnis zwischen mir und Störzer bei .
Wir rechneten uns einander , wie man das ausdrückt , zueinander ;
und auf meinen Wegen nicht um , sondern durch die Welt habe ich niemals ein selten Posthorn zu Ohr bekommen , ohne dabei an meinen seligen Vater , meine selige Mutter und den zu denken .
Übrigens bekam Störzer auch jedesmal eine Zigarre mit auf den Weg , wenn er dem Vater und mir draußen vor der Stadt begegnete .
Da war's wohl kein Wunder , wenn er jedesmal , wo er mich allein traf , zu fragen pflegte :
– Ich hätte ihm doch , wenn nicht zuerst , so doch unter den ersten meinen Besuch machen sollen .
Jetzt war es wieder einmal zu spät für etwas .
Drei Monate später , an einem Dezemberabend , spazierte in der Passage der Panoramen .
Der Abend war sehr milde ;
ein Regenguß hatte eine Menge Leute in die Passage getrieben .
Zwischen den Kaufläden drängte und schob sich die Menge ;
man kam nur langsam von der Stelle .
Die verschiedenen Beleuchtungsmittel , weiße Kugeln , rote Lampen , ganze Reihen von Gasflammen schütteten Tageshelle über die lange Doppelreihe von Auslagen , in denen die Waren der Juweliere , der Zuckerbäcker , Modistinnen usw. ausgebreitet lagen .
Weiter ragte ein riesengroßer roter Handschuh in die Luft , der aussah wie eine abgehackte , blutige Hand , durch eine gelbe Manschette festgehalten .
war langsam bis zum Boulevard hinaufgegangen .
Er warf einen Blick auf die Straße und ging dann langsam wieder zurück .
Die warme , feuchte Luft hatte in dem engen Durchgang allmählich einen durchsichtigen Dunst entwickelt .
Trotz der zahlreichen Menge herrschte eine Stille , in der man auf den von Regenschirmen benetzten Steinplatten die Schritte der Spaziergänger hören konnte .
Um den neugierigen Blicken der Menge sich zu entziehen , pflanzte der Graf sich vor einem Papierladen auf und betrachtete mit großer Aufmerksamkeit die dort ausgestellten Waren .
Tatsächlich sah er nichts , er dachte an Nana .
Warum hatte sie wieder gelogen ?
Am Morgen hatte sie ihm geschrieben , er möge sich heute abend nicht zu ihr bemühen ;
ihr Ludwig sei krank , und sie wolle die Nacht bei ihrer Tante zubringen , um ihren Sohn zu pflegen .
Doch er schöpfte Verdacht , erschien in ihrer Wohnung und erfuhr da von der Hausmeisterin , daß Madame ins Theater gefahren sei .
Das setzte ihn in Erstaunen , denn sie hatte in dem neuen Stücke , das an diesem Tage gegeben wurde , keine Rolle .
Wozu die Lüge , und was konnte sie diesen Abend im Varietétheater zu tun haben ?
Der Graf merkte gar nicht , daß ein Vorübergehender ihn weggestoßen hatte und daß er jetzt vor der Auslage eines Galanteriewarenhändlers stand , wo eine bunte Menge von Notizbüchern , Zigarrentaschen u. dgl .
ausgebreitet lag , die alle eine blaue Schwalbe in der Ecke trugen .
Gewiß :
mit Nana war eine Veränderung vor sich gegangen .
In der ersten Zeit , nachdem sie vom Lande nach Paris zurückgekehrt war , machte sie ihn schier wahnsinnig mit ihren Liebkosungen und ihren Versicherungen , daß er der einzige Mann sei , den sie anbete .
Er fürchtete Georges nicht mehr , der von seiner Mutter in Fondettes zurückgehalten wurde .
Es blieb noch der dicke Steiner , den der Graf zu verdrängen dachte , ohne sich über den Gegenstand in Erklärungen einzulassen .
Er wußte , daß der Bankier wieder einmal in argen Geldverlegenheiten und nahe daran war , von der Börse ausgestoßen zu werden ;
er klammerte sich nur noch an die Aktionäre der Landessalinen und hoffte , noch eine letzte Einzahlung durchzusetzen .
Als der Graf den Bankier einmal bei Nana traf und diese darüber zur Rede stellte , erwiderte Nana in ernstem Tone , sie könne Steiner nach den großen Ausgaben , die er für sie gemacht , nicht wie einen Hund davonjagen .
Übrigens lebte er seit drei Monaten in einem solchen Sinnentaumel , daß er kaum eine andere Empfindung hatte als das Bedürfnis , sie zu besitzen .
In dem späten Erwachen seines Fleisches bekundete er eine kindische Gier , die keinen Raum übrig ließ weder für die Eitelkeit noch für die Eifersucht .
Ein einziges bestimmtes Gefühl traf ihn hart :
Nana war nicht mehr so wie früher , sie küßte ihn nicht mehr auf den Bart .
Das beunruhigte ihn .
In seiner Unkenntnis der Frauen fragte er sich , was sie ihm vorzuwerfen habe .
Er glaubte , alle ihre Wünsche befriedigt zu haben , und immer wieder fiel ihm der Brief vom Morgen ein , dieses Lügengewebe , das keinen andern Zweck hatte , als ihr zum Vorwande für den Besuch des Theaters zu dienen .
Ein neuer Menschenstrom hatte ihn inzwischen auf der Passage hinausgeschoben und er stand jetzt vor der Auslage eines Restaurateurs in stummer Betrachtung eines riesigen Rheinlachses versunken .
Endlich schien er sich von diesem Anblick losreißen zu wollen .
Er blickte auf und sah , daß es nahezu neun Uhr sei .
Jetzt mußte Nana bald das Theater verlassen , und er würde die Wahrheit erfahren .
Er setzte seinen Weg fort und erinnerte sich der Abende , die er an diesem Orte schon zugebracht , und an denen er gekommen war , um sie nach dem Theater abzuholen .
Alle Kaufläden waren ihm schon bekannt ;
er erkannte sie nacheinander an dem Geruch des Juchtenleders , der Vanille , der Pomaden usw. Er wagte es nicht , vor den Zahltischen der Geschäfte stehen zu bleiben , deren Damen ihn , als eine bekannte Figur , ruhig ansahen .
Einen Augenblick schien er die lange Reihe von kleinen runden Fenstern oberhalb der Türen der Kaufläden studieren zu wollen , als ob er sie jetzt zum ersten Male unter dem Gewirre der Firmentafeln entdecke .
Dann kehrte er wieder bis zum Boulevard zurück und blieb eine Minute stehen .
Der Regen floß jetzt in Form eines feinen Staubes herab , dessen Kälte ihm Gesicht und Hände erfrischte .
Er dachte jetzt an seine Gattin , die sich zur Zeit auf einem Schlosse bei Macon befand , um zu besuchen , die seit dem Herbste kränkelte .
Der Landaufenthalt mußte jetzt abscheulich sein bei diesem regnerischen , schmutzigen Wetter .
Plötzlich erfaßte ihn die Unruhe wieder .
Er eilte zurück aus Furcht , daß Nana ihm durch die Galerie des Montmartre entkommen könnte .
Jetzt stellte er sich vor der Theatertür auf die Lauer .
Nur ungern wartete er an diesem Ende des Ganges , wo er erkannt zu werden fürchtete .
Es war dies an der Ecke der Galerie der Variétés und der Galerie Saint-Marc , ein häßlicher Winkel mit dunklen Buden , eine Schusterei ohne Kundschaft , Niederlagen von staubigen Möbeln , ein rauchgeschwärztes , schläfriges Lesekabinett , dessen Lampen unter ihren Schirmen ein grünliches Licht verbreiteten .
An diesem verdächtigen Orte sah man stets nur elegant gekleidete Herren , die geduldig vor diesem Theaterzugang warteten , bei dem betrunkene Theaterdiener und schlampige Statistinnen aus und ein gingen .
Eine einzige schwache Gasflamme warf ihr Licht auf die Theatertür .
Der Graf hatte einen Augenblick den Gedanken , zu befragen , doch hielt ihn wieder die Furcht davon ab , daß Nana durch die Hausmeisterin von seiner Anwesenheit benachrichtigt , ihm über den Boulevard entschlüpfen könne .
Er nahm seinen Gang wieder auf und war gefaßt darauf , daß man ihn hinausweisen werde , um das Gitter zu schließen , wie es ihm schon zweimal geschehen war .
Der Gedanke , allein zu Bett gehen zu müssen , schnürte ihm die Brust zu .
Jedesmal , wenn Mädchen in bloßem Haar oder Männer in schmutziger Wäsche herauskamen und ihn betrachteten , blieb er vor der Türe des Lesekabinetts stehen und schaute hinein .
Drinnen saß an einem langen Tische ein einziger Leser , ein altes , grünes Männchen , das eine grüne Zeitung in den grünen Händen hielt .
Einige Minuten vor zehn Uhr erschien noch jemand :
ein großer , blonder Mann in eleganter Kleidung , er ging gleichfalls vor der Theaterpforte auf und ab .
Bei jeder Begegnung blickten die Herren einander mißtrauisch an .
Der Graf ging bis ans Ende der Galerie , wo ein hoher Spiegel in die Wand eingelassen war , und als er sich in dem Spiegel erblickte , ergriff ihn ein Gefühl , gemengt aus Scham und Furcht .
Es schlug zehn Uhr .
Es fiel plötzlich Muffat ein , daß er sich ja leicht überzeugen könne , ob Nana in ihrer Loge sei .
Er stieg die drei Stufen des Theaters empor , durchschritt rasch den gelb getünschten Vorraum und schlich sich dann in den Hof .
Um diese Stunde schwamm dieser Hof , feucht und schmal wie ein Brunnen , mit seinen verpesteten Aborten , seinem Brunnen und dem Kochherde der Hausmeisterin in einer schwarzen Dunstwolke .
Die beiden hohen Mauern waren durch die Fenster beleuchtet , die auf den Hof gingen .
Unten befand sich das Requisitenmagazin und der Feuerwehrposten , links lag die Kanzlei , rechts im Stockwerk befanden sich die Logen der Künstler .
Der Graf hatte sofort bemerkt , daß die Fenster der Loge Nanas beleuchtet waren ;
er war getröstet , glücklich und stand , in die Höhe starrend , selbstvergessen in dem Moraste des Hofes und in dem abscheulichen Gestank , der in diesem rückwärtigen Teil eines alten Pariser Hauses herrschte .
Aus einer geborstenen Dachtraufe fielen schwere Tropfen nieder .
Aus der Loge der fiel ein Strahl des Gaslichtes schräg herab und beleuchtete einen schmutzigen Winkel des Hofes , wo allerlei Gerümpel und altes Scherbenwerk angehäuft war .
Jetzt wurde irgendwo eine Tür kreischend geöffnet und der Graf entfloh von diesem Orte .
Nana mußte bald kommen .
kehrte in die Passage zurück .
Er dehnte jetzt seinen Spaziergang weiter aus , durchschritt die große Galerie und folgte der Galerie der Variétés bis zur Galerie Faydeau , die um diese Stunde kalt , öde und düster dalag .
Er kam denselben Weg wieder zurück am Theater vorbei , ging um die Ecke der Galerie Saint-Marc und kam bis zur Galerie des Montmartre , wo eine Zuckersägemaschine , die bei einem Gewürzkrämer in Tätigkeit war , seine Aufmerksamkeit fesselte .
Bei dem dritten Rundgang aber ließ ihn die Furcht , daß Nana ihm entrinnen könne , alle menschliche Würde vergessen .
Er nahm , gleich dem erwähnten blonden Herrn , vor dem Theater Stellung , wobei die beiden einen Blick wohlwollender Freundlichkeit , aber doch nicht völlig frei von Argwohn , wechselten .
Im Zwischenakte wurden sie von Maschinisten , die herausgekommen waren , um rasch ein Pfeifchen zu rauchen , hin und her gestoßen :
sie schienen es nicht zu merken .
Drei nachlässig frisierte Mädchen in schmutziger Kleidung erschienen auf der Schwelle und aßen Äpfel , wobei sie die Kerne ausspuckten .
Die beiden Herren sahen zu Boden und ließen sich die schamlosen Scherze dieser Dirnen gefallen , die schließlich die Frechheit hatten , einander auf die Herren zu stoßen .
Jetzt stieg Nana die drei Stufen herab .
Sie erbleichte , als sie Muffat bemerkte .
stammelte sie .
.
Sie entfernten sich langsam .
Der Graf , der allerlei Fragen vorbereitet hatte , fand jetzt kein Wort .
Sie dagegen war sehr gesprächig und erzählte ihm mit großer Zungenfertigkeit , sie sei noch um acht Uhr bei ihrer Tante gewesen , dann aber , als sie sah , daß es Ludwig besser gehe , auf ein Stündchen ins Theater gegangen .
fragte der Graf .
entgegnete sie nach einigem Zögern .
Er merkte , daß sie log ;
aber als er ihren warmen Arm an dem seinigen fühlte , schwand ihm alle Kraft und Selbständigkeit .
Er vergaß die Pein des langen Wartens und dachte nur daran , sie zu behalten , jetzt , da er sie hatte .
Er hatte ja Zeit , am folgenden Tage zu erfahren , was sie in ihrer Loge zu tun hatte .
Nana , sichtlich die Beute innerer Kämpfe , blieb an der Ecke der Galerie der Variétés vor dem Schaufenster eines Fächerhändlers stehen .
rief sie , auf eine Elfenbeingarnitur zeigend .
Dann fuhr sie in gleichgültigem Tone fort :
sagte er , Sie sprach davon , daß der Knabe möglicherweise noch einen Anfall bekomme , und daß sie nach Batignolles zurückkehren möge ;
doch ließ sie davon wieder ab , als sie sah , daß der Graf sich anheischig machte , sie zu begleiten .
Einen Augenblick wurde sie von der inneren Wut der Frau ergriffen , die sich in der Klemme sieht ;
doch faßte sie sich und dachte nur daran , Zeit zu gewinnen .
Wenn sie bis Mitternacht sich seiner entledigt hatte , konnte noch alles nach Wunsch gehen .
bemerkte sie , erwiderte der Graf , einigermaßen verwirrt durch den vertraulichen Ton , in dem Nana von der Gräfin sprach .
Sie fragte , um wieviel Uhr die Gräfin eintreffen werde ?
Der Zweck dieser Frage war zu erfahren , ob er nicht die Gräfin vom Bahnhofe abzuholen gedenke .
Dann verlangsamte sie ihre Schritte und schien sich für die Kaufläden sehr zu interessieren .
Schau , das schöne Armband , rief sie vor einem Juwelengeschäft .
Sie liebte es , durch diese Passage der Panoramen zu gehen .
Diese Schwärmerei für das schillernde Geschmeide und die Galanterieartikel hatte sie aus ihren Jugendjahren behalten .
Wenn sie vorüberkam , konnte sie sich von den Schaufenstern nicht trennen , ganz wie zu jener Zeit , als sie noch in ihren Kinderschuhen umherlief ;
sie vergaß sich vor den Süßigkeiten eines Schokoladehändlers , lauschte den Klängen einer Spieluhr in einem benachbarten Laden und wurde besonders durch den aufdringlichen Geschmack des wohlfeilen Tandes der Nähzeuge in Nußschalen angezogen , der Zahnstocherbehälter , der winzigen Nachahmungen der Vendômesäule und der Obelisken , die als Thermometerständer dienten .
Heute abend jedoch schaute sie nur , ohne zu sehen ;
sie war zerstreut und verdrießlich .
Es ärgerte sie , daß sie nicht frei war , und es kam ihr der Gedanke , irgendeinen dummen Streich zu begehen .
Was hatte sie davon , daß reiche Verehrer ihr zu Füßen lagen ?
Sie ruinierte den Bankier und den Prinzen durch kindische Launen , ohne zu wissen , wohin das Geld kam .
Ihre Wohnung am Boulevard Haußmann war noch immer nicht vollständig möbliert .
Bloß der Salon , ganz in rotem Satin , fiel durch die Überladung und Fülle an Möbeln auf .
Gerade jetzt wurde sie von ihren Gläubigern mehr als je gepeinigt .
Seit einem Monate mußte sie diesem diebischen Steiner mit dem Hinauswerfen drohen , wenn sie tausend Franken von ihm haben wollte .
Er schien völlig auf dem trocknen zu sitzen .
Muffat wieder war in diesen Dingen ohne jede Erfahrung ;
er wußte nicht , wieviel man zu geben habe , und Nana konnte ihm wegen seines Geizes nicht zürnen .
Ach , wie würde sie alle diese Leute an die Luft gesetzt haben , wenn sie sich nicht zwanzigmal täglich Grundsätze einer guten Aufführung wiederholt hätte !
Es galt vernünftig sein ;
Zoé sagte es jeden Morgen , und sie selbst hatte stets eine fromme Erinnerung gegenwärtig , das herrliche Bild von Schloß Chamont .
Deshalb verhielt sie sich , trotz ihrer inneren Wut ganz untertänig am Arme des Grafen , während sie von Schaufenster zu Schaufenster schritten .
Draußen trocknete schon das Pflaster ;
ein frischer , lauer Wind strich unter der glasgedeckten Galerie hindurch und brachte die farbigen Lichter , die Gasflammen , den brennenden Riesenhandschuh , der einem Stück aus einem Feuerwerke glich , zu hellerem Leuchten .
Vor der Türe des Restaurants löschte ein Kellner die Lichter aus , während in den hell erleuchteten , aber leeren Läden Mädchen an ihren Zahlpulten mit offenen Augen zu schlafen schienen .
Sie verließen langsam die Passage ;
Nana wollte zu Fuß gehen ;
das tue ihr gut , meinte sie ;
auch habe sie keine Eile .
Vor dem Englischen Kaffee bekam sie Lust , Austern zu essen ;
sie habe , sagte sie , seit dem Morgen nichts gegessen ;
weil Ludwig krank sei .
Muffat wagte nicht , ihr zu widersprechen .
Aber da er sein Verhältnis zu ihr nicht offenkundig machen wollte , verlangte er ein Kabinett und eilte rasch durch den Gang , um dorthin zu gelangen ;
sie folgte ihm langsam mit der Miene einer Frau , die die Örtlichkeit genau kennt .
In dem Augenblicke , als sie eintreten wollten , wurde die Tür des anstoßenden Kabinetts , aus dem lauter Jubel und Gelächter hörbar wurde , plötzlich geöffnet , und Daguenet trat heraus .
Schau .
Machearts Auto sauste durch die Nacht , ein Urweltungeheuer .
Die schneidende Luft nahm den Insassen fast den Atem .
Keiner sprach .
Als sie vor dem Hause hinter dem Efeuturm hielten und Leonie über die Rosenterrasse verschwunden war , bat der Amerikaner den schweigsamen Gefährten um eine kurze Unterredung .
, begann er ruhig , Konrad fuhr auf .
entgegnete er schroff .
machte eine korrekte Verbeugung und ging .
Am Abend danach fand Leonie mit der Karte des Amerikaners ein versiegeltes Paket auf ihrem Zimmer , dem sie eine Perlenkette entnahm .
sagte sie langsam , das Schmuckstück in leise zitternden Fingern Konrad hinhaltend .
antwortete er ausweichend mit gepreßter Stimme .
murmelte sie , müde in den Sessel sinkend , während sie die Kette durch die Finger zog .
Minutenlanges Schweigen .
Unten knarrte ein Fenster , im Efeu raschelte es .
Leonie starrte Konrad an , entgeistert , und schleuderte die Perlen , aufspringend , zu Boden .
Das Geräusch weckte ihn aus seiner Versunkenheit .
Er hob den gesenkten Kopf .
Die Falte auf seiner Stirn stand schwarz zwischen seinen Brauen , zwei scharfe Striche zogen sich an Mund und Nase hinab .
– In diesem Augenblick kam er sich so verächtlich vor , daß er dankbar gewesen wäre , wenn das Mädchen , aus deren weit aufgerissenen Augen wilde Verzweiflung sprach , einen Revolver gezogen und ihn niedergeschossen hätte .
Aber sie schrie nur auf .
Laut und gellend .
Und flog die Treppe hinab – an die Bucht .
Eine lange , schwarze Gestalt richtete sich jäh empor vor ihr , sie mit beiden Armen wie mit Eisenklammern umfassend .
sagte eine glockentiefe Stimme .
Die Arme lösten sich – Schritte verklangen – ihr Kopf lag schwindelnd an Konrads Schulter .
stöhnte er .
Sie sah auf , wehmütig lächelnd :
Heiter , als wäre die Nacht nichts als ein Traum gewesen , erschien sie am nächsten Tage unter den Hausbewohnern .
Nur Sabine fiel irgend etwas Fremdes an ihr auf :
meinte sie nach einem freundlich prüfenden Blick .
Als sie Konrads übernächtige Züge gesehen hatte , forschte sie nicht weiter .
Am Abend gab Macheart wieder ein Fest , sein Abschiedsfest , wie er sagte .
Der Wagen , der Konrad und Leonie hinüberfahren sollte , stand vor der Türe .
sagte Leonie leise , sich vor die Freundin niederkauernd .
meinte sie erstaunt .
Und Leonie , deren Stimme unmerklich gezittert hatte , erhob sich rasch .
Ihr Mantel verschob sich dabei ein wenig und enthüllte eine Schnur mattschimmernder Perlen , die Sabine noch nie an ihrem Halse gesehen hatte .
Aus allen Orten der Gegend waren Landleute und Sommergäste an jenem Abend nach Urfeld geströmt .
Man erzählte sich Wunderdinge von all den Herrlichkeiten , die der goldne Stab des amerikanischen Hexenmeisters in das kleine , weltverlorene Nest gezaubert hatte .
Und der Gasthof war überfüllt von seinen Freunden , die aus München und Oberammergau , aus Garmisch und Innsbruck seiner Einladung gefolgt waren .
Der Wirt strahlte .
Die weiblichen Hotelgäste saßen schon seit Stunden aufgeregt vor dem Spiegel und putzten sich .
Vor dem Landungssteg schaukelte die Segeljacht Machearts , von Blumengirlanden umkränzt , bunt gewimpelt , mit Hunderten vielfarbiger Lämpchen bis in die Masten hinauf geschmückt ;
zahllose große und kleine Boote schaukelten um sie , und ein Weg , von lodernden Pechfackeln erleuchtet , führte vom Eingang des Gartens bis zu ihr .
Eine Via triumphalis war es , durch die Leonie , von Macheart geleitet , schritt ;
auf ihren gelbseidnen Mantel , den sie um den Körper zog , als wüßte sie von jeder Falte , was sie betonen , was verhüllen sollte , warfen die Flammen abwechselnd züngelnde rote Lichter und schwarze Schatten .
Bewundernd und staunend , hämisch und neidisch starrten ihr von rechts und links Hunderte von Augen entgegen .
Macheart lächelte wie ein Sieger über seine Beute .
dachte Konrad gequält .
Als sie das Schiff betraten , krachten Raketen und prasselten Leuchtkugeln gen Himmel ;
der milde Glanz der Sterne erlosch vor all den glänzenden künstlichen Feuern ;
die Berge verhüllten ihr Antlitz ;
vor dem Knallen der Champagnerpfropfen verstummte das leise Geflüster der Wellen .
Die Natur schämte sich .
Aus seidenen Kissen und seltenen Blumen hatte Macheart für Leonie einen erhöhten Sitz errichten lassen , auf dem sie mit erfrorenem Lächeln thronte , still und bleich , eine Siegesbeute .
Ein wundervoller Teppich – Hunderte lebendiger Alpenrosen in ein Netz geflochten – hing vom Schiff hinab in das Wasser wie eine Krönungsschleppe .
Mit leisem Grüßen dorthin , wo Konrad saß , hob sie den gefüllten Becher .
Aber er trank keinen Tropfen , denn der Wein widerstand ihm .
Was er tun wollte , mußte nüchtern getan werden , ganz nüchtern .
Als die anderen alle in seligster Selbstvergessenheit nicht mehr wußten , was um sie her geschah , und der stets gleich beherrschte Amerikaner das Umlegen der Segel beaufsichtigte , um den Landungssteg wieder zu erreichen , Leonie aber müde mit geschlossenen Lidern in ihren Kissen lehnte , trat Konrad dicht an sie heran und sagte :
Ein traurig-zärtliches Lächeln umspielte ihre Lippen , während sie antwortete :
Das Schiff stieß an den Steg , der Anker rasselte .
Leonie stand , den Kopf in den Nacken geworfen , neben dem Amerikaner , mit der Miene der Herrin vom Platze der Hausfrau Besitz ergreifend , und reichte jedem der Gäste die Fingerspitzen zum Abschied .
Keiner wagte ein Wort , das die Grenze der Ehrerbietung überschritten hätte .
Konrad allein verneigte sich tief und stumm , ohne ihre Hand zu berühren .
Glutheiße Nächte kamen .
Bleiern , wolkenlos spannte sich der Himmel über dem stillen See .
Die Büsche an der Chaussee waren grau vor Staub , der Efeuturm und die Bucht dahinter waren noch schwärzer als sonst .
Konrad hatte Sabine rückhaltlos , keine Selbstanklage scheuend , erzählt , was sich begeben hatte .
Sie hatte nur genickt :
Und als der stille Gast abends erschien , hatte er ihm warm die Hand geschüttelt und gesagt :
Dann sprachen sie nicht mehr davon .
Konrad mied den Weg nach Urfeld .
Er dachte an seine Abreise .
Nach Hochseß wollte er .
Ohne daß sie je ein Verlangen nach seiner Gegenwart geäußert hätte , fühlte er aus den Briefen der Großmutter , ihren andeutenden Bemerkungen über die Alterserscheinungen , die sich mehr und mehr bemerkbar machten , daß sie wünschte , ihn um sich zu haben .
Wenn er trotzdem noch zögerte , so geschah's , weil der merkwürdig veränderte Zustand Egils eine fast ganz begrabene Hoffnung wiedererweckte .
Seine Angstzustände , die bisweilen an den Beginn des Verfolgungswahnsinns erinnert hatten , seine verworrenen und von tiefer Verbitterung zeugenden Selbstgespräche , die Konrad hie und da vom Fenster aus belauschte , waren gewichen und hatten einer stillen , selbstsicheren Ruhe Platz gemacht ;
oft schien er sogar von starker Siegeszuversicht erfüllt .
Nur daß er sich noch immer am Tage nicht zeigte , und aus lebhaftestem Gespräch plötzlich erschlafft in sich zusammenfiel , bewies , daß er nicht völlig genesen war .
In einer jener Nächte , die keinerlei Kühlung brachte , ging Konrad zum Strande hinunter , um zu baden .
Als er mit ein paar kräftigen Stößen hinausgeschwommen war , bemerkte er einen nicht weit vor sich , der dieselbe Erfrischung suchte .
Er schwamm mit erstaunlicher Sicherheit und Gewandtheit , so daß Konrad es aufgab , ihm zu folgen .
Plötzlich tauchte der Fremde unerwartet dicht neben ihm auf .
rief Konrad überrascht .
antwortete der lachend .
frug Konrad , als sie miteinander den Hügel aufwärts gingen ;
er dachte unwillkürlich , daß sie sich sorgen müsse .
sagte Egil ;
und nach einer Weile , wobei seine Stimme wieder den Tonfall feierlicher Rede annahm :
Eines Abends – schon fingen die ersten gelben Blätter an , von den Bäumen zu fliegen – trat der Gast früher als sonst auf die Terrasse , um die nun keine Rosen mehr blühten .
Ein feines Rot färbte seine eingefallenen Wangen und gab seinem schmalen Antlitz etwas Knabenhaftes .
Freudig erregt kam Sabine ihm entgegen , und zärtlich und vorsichtig , als wäre die zierliche Gestalt sehr zerbrechlich , legte er den Arm um sie :
sagte er in einfacher Herzlichkeit , Sie hob die Arme , um mit beiden Händen seinen Kopf umfassen zu können , dabei leise fragend :
hörte ihn Konrad inbrünstig beteuern , während er leise davonschlich , die beiden ihrem Glück überlassend .
Später , als die Nacht sich tief herabgesenkt hatte , und alle drei durch den Garten gingen , blieb Egil am Tor der alten Kapelle stehen .
sagte er andächtig und drückte die eiserne Klinke nieder .
Sie gab nach .
Sie drehte sich , als wäre sie immer benutzt gewesen , lautlos in den Scharnieren .
Er trat ein .
Sabine legte in plötzlicher Angst die Hand auf seinen Arm :
Mit einem großen fremden Blick sah er sie an .
sagte er und ging mit festen Schritten , die in dem leeren Raum dumpf widerhallten , dem Altar zu .
Es raschelte und knarrte in dem dunklen Gotteshaus .
Vor den Fensterhöhlen hing der Sternenhimmel wie ein Vorhang .
Da erhob sich seine Glockenstimme , vor der jeder andere Laut verstummte :
Die Glockenstimme schwieg .
Eine andere , stöhnende , klanglose schien es zu sein , die fortfuhr :
– Sabinens Hand krampfte sich in Konrads Arm .
Die Stimme , die aus dem Dunkel kam , war kreischend geworden .
Etwas fiel polternd zu Boden , – Konrad stürzte nach vorn , stolpernd und schwankend , Sabine hinter ihm – schrie es gellend .
Egil lag lang ausgestreckt auf dem Boden .
Sie brachten ihn ins Haus .
Tagelang verschloß er sich wieder in sein Zimmer .
Bis er eines Nachts wieder heimlich aus dem Fenster kletterte .
Konrad hörte das Geräusch und schlich ihm nach .
Egil aber wandte sich um und ging ihm entgegen .
– sein Gesicht , das fahl und eingefallen war wie ein Totenkopf , verzerrte sich vor Entsetzen .
Mit den Händen , an denen die Adern wie Stricke schwollen , wies er um sich :
flüsterte er heiser , er schlug stöhnend die Hände vor das Gesicht – Ein Weinen , wie das eines wimmernden Kindes , erschütterte seinen Körper .
sagte Konrad mitleidig und suchte ihn fortzuführen .
Das Weinen verstummte .
Die verzerrten Züge glätteten sich .
Er folgte ruhig .
Konrad aber fand von da an keinen Schlaf mehr .
Sabine , die sich allmählich von dem Schrecken der nächtlichen Predigt zu erholen begann , wagte er von seinem Erlebnis nichts mitzuteilen , um so weniger , als Egils Verhalten ihr gegenüber sie zu neuen frohen Hoffnungen berechtigte .
So verurteilte er sich denn selbst zu der Rolle des geheimen Aufsehers .
Er ließ Egil nicht aus den Augen ;
er folgte ihm des Nachts , ohne sich von seiner scheinbaren Ruhe und Beherrschung täuschen oder von seinem Zorn einschüchtern zu lassen .
Sabine vor dem schrecklichsten Erleben zu schützen , sah er als die Aufgabe an , die er hier noch zu erfüllen hatte .
Es war ein milder Septembertag mit mattem Sonnenschein .
Silberne Nebel wogten vom See herüber und legten sich bald fest wie ein Mantel um Häuser und Bäume , bald flatterten sie wie graue Fahnen von Dächern und Wipfeln .
Den Kirchturm umschlangen sie besonders zärtlich :
oft schien's , als leuchteten weiße Arme unter ihrem zarten Gewebe hervor , als zeigten sich winkende Hände .
sagte Egil , der schon am Nachmittag das Zimmer verlassen hatte ;
Und er sah mit großen , offenen Augen in die Ferne .
Freudestrahlend betrachtete ihn Sabine .
frug sie zärtlich .
entgegnete er , sie auf die Stirne küssend .
wandte er sich an Konrad , Und sie gingen im Walde einsame Wege , auf deren weichem Boden der Ton des Schrittes erstarb .
begann Egil , als sie außer Hörweite waren .
Egil zuckte lächelnd die Achseln .
Seine großen glänzenden Augen bohrten sich förmlich in seines Begleiters Antlitz .
entgegnete Konrad fest .
Konrad schüttelte den Kopf .
Und der andere erzählte im Weitergehen , wobei seine Schritte den Rhythmus der Rede skandierten .
Sie schwiegen beide , der Erzähler und der Zuhörende .
Bis Egil plötzlich händeringend aufsprang und schrie :
sagte Konrad gepreßt , rief der andere , seine Stimme sank zum Flüstern hinab , und in seine Züge trat jener Ausdruck , halb Wildheit , halb Blödsinn , wie in der Nacht , da er von seinen Verfolgern sprach .
Er drängte sich dicht an Konrads Ohr :
mahnte Konrad .
Der Phantasierende zuckte zusammen und kam langsam wieder zu sich .
murmelte er .
Dann legte er ihm schwer beide Hände auf die Schultern und sagte laut :
Sie gingen den Weg zurück am Ufer in dichtem Nebel .
Da , wo er zur Kapelle umbog , blieb Egil noch einmal stehen , zog ein Etui aus der Tasche , dem er eine kleine Spritze entnahm , und ein Fläschchen mit einer kristallhellen Flüssigkeit .
– sagte er mit bitterem Lächeln ;
Statt aller Antwort umklammerte Konrads Rechte die seine .
Und so , Hand in Hand , gingen sie bis nach Hause .
Am Morgen darauf war Egil verschwunden .
Eine alte Frau hatte ihn in der Nacht zum See hinuntergehen sehen , und ein Fischer , der im Morgengrauen hinausgesegelt war , hatte einen einsamen Schwimmer verfolgt , bis er versank .
Der See gab seine Leiche nicht zurück .
Als Konrad , der die verzweifelnde Sabine nicht einen Augenblick verlassen hatte , in München von ihr Abschied nahm , einen letzten , langen , sorgenden Blick auf sie werfend , sagte sie , zum erstenmal den schmerzverzogenen Mund zu einem Lächeln zwingend :
Unterwegs erreichte die Nachricht der schweren Erkrankung der .
Von Konrads Pilgerfahrt Siebentes Kapitel Von Konrads Pilgerfahrt und den Wundern der heiligen Fiorenza Ein feuchter , kühler Vorfrühlingstag .
Auf der Chaussee von Hochseß nach Ebermannstadt – der nächsten Eisenbahnstation – die über das kahle Hochplateau hinüberführte , standen kleine , schmutzige Wasserlachen ;
langsam fielen schwere Tropfen von den spärlichen blätterlosen Bäumen am Wege ;
in ihren Wipfeln saßen die Krähen und kreischten .
Der Wind pfiff und fauchte hier oben ungefesselt über den steinigen , dürren Boden , den nur eine dürre Grasnarbe überzog .
Das klägliche Blöken der Schafe , die die Öde ein wenig belebten , klang dazwischen .
Aus den Dörfern liefen die Leute zusammen ;
sie standen und warteten , die Frauen in Tücher gehüllt , blaß , die Augen blau umrändert , die Männer in dicken Jacken , in deren Taschen sie die roten Fäuste vergruben .
Märzkälte ist unbarmherziger als Dezemberfrost ;
sie ist ein aszetischer Mönch , dessen Zerstörungswut keine Schönheit widersteht ;
unter ihrer Berührung wird alles häßlich .
Von fern her bimmelte ein Glöckchen , ein zweites , ein drittes antwortete .
Es klang nicht , wie sonst Glocken klingen :
jubelnd , tröstend , feierlich ;
es klang wie gleichgültiges Geschwätz .
rief ein pockennarbiger Bub und sprang vom Apfelbaum im Wirtsgarten , auf dem er gesessen hatte .
Der Straßenschmutz spritzte hoch auf um ihn .
Und die Neugierde erhellte die mißmutigen Gesichter .
Neugierde – sonst nichts .
Die in dem Sarge dort , der sich in riesiger Silhouette vom Grau der geraden Chaussee und des bleiernen Himmels näher und näher kommend abhob , war ja nur eine Fremde gewesen !
sagte ein alter Mann , sich umständlich in sein großes , rotes Sacktuch schnäuzend , fiel die dicke Wirtin ein , johlte ein junger Bursche , das eitel und vielsagend lächelnde Weib in die wulstig hängenden Wangen kneifend .
Das Lachen der Umstehenden verstummte jäh .
Schwer schwankte der Leichenwagen , von sechs schwarz gedeckten Pferden gezogen , vorüber .
Von Kränzen war er umhängt ;
die armen Blumen darin , die , wenn sie noch dem Erdreich verbunden sind , den Regen freudig aufblühend als sehnsüchtig erwartete Nahrung empfanden , aber unter seiner Berührung zum zweiten Male sterben , sobald sie gebrochen wurden , hingen welkend die Köpfchen .
Ein zweiter Wagen folgte .
Sonst nichts .
Irgendwo bimmelte ein Glöckchen , – blechern und gefühllos .
brummte eins der Weiber ;
die anderen nickten , zogen die Tücher fröstelnd enger um die Schultern und trotteten davon .
Nur ein paar Kinder steckten noch eifrig tuschelnd die Köpfe zusammen .
sagte der Große mit den Pockennarben grinsend , Die Kleinen sahen ängstlich hinab , wo die schwarzen Wagen Schritt vor Schritt sich weiter bewegten .
sagte ein Mädchen , meinte eine andere und riß die Augen weit auf , wie märchentrunken .
Drei und zwanzigstes Kapitel Als sie in ihre Kammer trat , warf sie sich mit den Kleidern aufs Bett und ließ ihre wunden Augen weinen , so lange sie wollten .
, rief ihr Inneres mit allen seinen blutenden Wunden , Der sanfte Mond erhellte nach und nach ihr kleines Gemach , aber in ihrer Seele blieb düstre Nacht und ununterbrochne Schwermuth .
– fuhr sie fort mit ungestillten Qualen sich zu denken , rief sie dann laut unter neuen Thränen , Schlaflos brachte sie die Nacht unter Schinerzen hin , die sie sich selbst machte , und wie mit einem Fieber kämpfend fand sie Liese am andern Morgen mit erhitzten , geschwollenen Augen , die die Spuren des Wachens und des Weinens trugen .
Marie erklärte ihr alles , ihr ehemaliges enges Verhältniß mit ihrem , den sie in dem Förster wieder gefunden hatte , ihre Erwartungen eines erneuerten Antrags , und ihren Entschluß , ihn auszuschlagen .
Liese fand diesen Vorsatz unbillig und unklug .
, sagte sie , Liese würde ihr noch mehr Gründe vorgelegt haben , wenn nicht ein Morgenbesuch des Försters ihre Rede unterbrochen hätte .
Sie hielt sich nun für überflüssig , lächelte fromm und bedeutend auf Marien und entfernte sich mit der Zuversicht , daß er mehr auf sie wirken werde , als sie .
Ludwig erschrak , als die erste Röthe der Ueberraschung vorüber war , die sein Kommen auf ihre Wangen trieb , über die kranke , leidende Gestalt , die ihm weniger bleich und zusammen gebrochen im Rosenlichte des gestrigen Abends vorgekommen war , – über das lebensmüde Auge , mit dem sie ihn ansah , und über die blassen Lippen , mit denen sie sich bemühte , zu lächeln .
rief er aus , heftig bewegt von ihrem Anblick , der ihn einst in der vollen , frischen Blüthe der Gesundheit so sehr entzückt hatte .
– versetzte Marie sanft , Ludwig konnte seine Augen nicht mehr beherrschen .
rief er , Marie sank erbleichend , fast ohnmächtig in seine Arme .
sagte sie rasch , sagte Ludwig , und diese feierliche Minute schloß den Bund der Freundschaft und der Liebe .
Marie versprach ihm die Seinige zu seyn .
Als es allmählig ruhiger in ihnen wurde , erzählte ihr Ludwig seine Schicksale seit ihrer Trennung .
Mit den süßesten Hoffnungen , die ihn zu einer lachenden Zukunft berechtigten , war er mit seinem Prinzen ausgereiset , aber bald wiegte die immer zunehmende Entfernung seine Seele in eine düstre Schwermuth , die seinem Herrn nicht entging .
Er gestand ihm seine Liebe , seine Sehnsucht nach der Geliebten , und seinen Wunsch , sie auf immer zu besitzen .
Der Prinz hörte ihm theilnehmend zu , sagte aber nichts darauf .
Ohngefähr zehn Monate nach ihrer Abreise rief ihn der Prinz zu sich .
sprach er mit nassen Augen , indem er ihm seine Bestallung als Forster auf dem Waldenberg gab , um die er sich heimlich für ihn bemüht hatte .
– Der Prinz liebte ein Mädchen unter seinem Stande .
– Sie zu vergessen und ihre gefährliche Nähe zu fliehen , that er diese Reise .
Ludwig konnte nie ohne die tiefste Achtung und Rührung von der Würde sprechen , mit der er seine hoffnungslosen Leiden trug .
– Auf den Flügeln der Sehnsucht eilte er nun zurück , in der Hoffnung , seine Marie werde in froher Verwunderung sein Glück mit ihm theilen .
Aber ihr Haus war leer , ihr Vater begraben , sie selbst verschwunden ;
– nur an ihrer Stelle fand er den Brief , der ihm fürchterlichen Aufschluß über alles gab , was ihm räthselhaft schien .
– Er schwieg von dem heftigen Schmerz , den er empfand , da er sah , daß Marien seine Erzählung peinigte , die sie gleichwohl selbst von ihm gefordert hatte .
Er verließ die Stadt , die ihm nun unerträglich war , theilte die Summe Geld , die sie ihm beschieden hatte , unter ein paar arme Verwandten ans , und bezog mit finsterm , menschenfeindlichem Gram seinen Waldenberg .
Eh' er sich noch auf immer der Einsamkeit überließ , die ihn erwartete , bemühte er sich um Nachrichten von dem .
Man sagte ihm , daß er im vorigen Herbst sich mit einer jungen , schönen und reichen Gräfin vermählt habe , die einsam auf dem Lande lebte , da das Geräusch der Welt keinen Reiz für sie habe .
Da stand ihm das ganze Bubenstück seines Nebenbuhlers vor den Augen .
Er kannte Mariens strenge Grundsätze und ihre feste Tugend .
Nur durch eine Scheinheurath war es möglich gewesen , zu ihrem Besitz zu gelangen .
Bald loderte das Feuer seines Zorns zu dem Vorsatz auf , dem Betrüger die Maske zu entreißen ;
– bald aber , wenn er ihren Brief von neuem überlas , sagte er zu sich selbst :
Warum soll ich die goldne Täuschung vernichten , in der sie so selig schwärmt ?
Ach , sie würde doch an meinem Herzen keinen Ersatz finden für den süßen Traum , aus dem ich sie weckte !
– – So zog er sich ganz von der Welt in die Stille seines ländlichen Lebens zurück und ihr Andenken schwand nie aus seiner Seele , die sie immer betrauerte .
Auch Marie theilte ihm , nicht ohne innern Kampf , ihr voriges Leben mit , und schilderte ihm unparteiisch und treu ihre Bekanntschaft mit Wodmar , ihre Liebe , ihre Verbindung und dann die Entdeckung seiner Verrätherey .
Es griff sie an , von Dingen zu sprechen , die ihr nur die bittersten Erinnerungen erwecken konnten .
Ludwig bemerkte es .
sagte er schonend und sanft .
– Marie weinte seiner Güte Thränen des Danks und der Rührung .
– Ludwig blieb den ganzen Tag bey ihr und die gutmüthige Liese war außer sich vor Freude über ihren schnell gelungenen Plan .
Am Abend führte er seine Geliebte ins Freye und besuchte mit ihr die hohe Eiche , unter der er sie wiederfand .
Stumm und selig ging er neben ihr her , – schweigend und voll sanfter Wehmuth folgte Marie den grünen Spuren des Weges an seinem Arm , die sie gestern noch einsam betrat .
Das volle , glühende Abendroth goß selbst auf die östlichen Wolken seinen reizenden Purpur aus , – die Abendglocke tönte melodisch durch die stille Luft , die sie umgab , und schien ihr in dieser rosenfarbenen Minute der Nachhall ihrer ersten Jugend zu seyn , in der sie einst mit ähnlichen Aussichten , wie jetzt , nur nicht so traurig , vor Ludwig stand .
Aber in ihre süß gerührte Seele drang die herbe Vorstellung von allem , was sie ehemals davon geschieden hatte .
– 24. Kapitel Vier und zwanzigstes Kapitel Unter einem immerwährenden Wechsel von Weh und Freude in Mariens Seele gingen einige Wochen vorüber und Ludwig bestand nun auf die Erfüllung ihres Versprechens .
Mit schwerem Herzen willigte Marie in eine Verbindung mit ihm auf ewig .
Nicht als ob sich der leiseste Zweifel an seinem schonenden , vergebenden Edelmuth in ihr geregt hätte , – nur zu tief hatte sie so manche Probe seiner Delikatesse durchdrungen ;
aber in ihrer Seele , in der sich alles auf Nebelgrund mahlte , fühlte sie deutlich , daß ihr die Vergangenheit ewig eine Wunde bleiben würde , die nur der Tod zu stillen vermöchte .
Was ihr ehemals im blendenden Rosenlicht der Liebe verzeihlich dünkte , schien ihr jetzt ein Verbrechen zu seyn , und dahin gehörte auch ihr wankelmüthiges Benehmen gegen Ludwig , und die Uebereilung , mit der sie im Rausch der Leidenschaft die Belohnung , die sie seiner festen Treue schuldig war , ihrem eignen , erträumten Glück und der Liebe eines Mannes opferte , der ihrer so unwerth war .
Aber Ludwig wollte nicht ohne sie leben und sie ergab sich sanft in seine Wünsche .
Ihre Heurath wurde feierlich in der Kirche vor der ganzen versammelten Gemeinde vollzogen , und Konrad und Liese wohnten der Trauung mit einer so gerührten , innigen Freude bey , als würde ihre eigne Tochter vor dem Altar zur unzertrennlichen Gefährtin des glücklichen Försters geweiht .
Marie bezog nun mit ihrem Manne den Waldenberg , und ihre kleine , aber angenehme Wohnung war ganz so einsam , wie sie es wünschte .
In nützlichen Beschäftigungen brachte sie ihre Tage hin , und über ihre Gestalt breitete sich eine holde Ruhe , die ihr Wesen beseelte und Ludwig die süßeste Hoffnung gab , sie werde von ihrem Grame genesen .
Aber er war nur erschöpft , nicht gehoben , und führte sie langsam dem offenen Grabe zu .
Sie empfand immer einen schmerzlichen Unterschied zwischen ihrem und Ludwigs Innern .
Je reiner und fleckenloser das seinige war , je vorwurfsvoller dünkte ihr das ihrige , und alle seine Liebe kam ihr nur wie ein mitleidiges Herabneigen zu einer unglücklichen Verirrten vor , so sehr er sich auch Mühe gab , ihr zu zeigen , daß er sie nicht allein liebte , sondern auch achtete .
– Ihrem traurenden Herzen that seine Güte weh , und je weiter er sich von jeder Erinnerung voriger Zeiten entfernte , je näher leitete sie ihr stiller Schmerz zu ihr hin .
Einige Monate war sie seine Frau gewesen , da überfiel sie eine unbeschreibliche Mattigkeit .
Ludwig pflegte sie mit aller Zärtlichkeit , die er für sie empfand , und suchte alles hervor , was sie erheitern und stärken konnte .
sagte sie zu ihm , – Ludwig konnte das seinige nicht trocknen und ihr nur durch eine Bewegung mit der Hand zu verstehn geben , daß er ihn gewähren würde .
fuhr sie fort , – Ludwig that es mit einem namenlosen Kummer .
– sagte sie , als er fertig war , und zog ihn liebevoll zu sich nieder .
In ihren schönen Augen schwamm ein feuchter Schimmer , der sich in eine volle Thräne sammelte und ihre eingefallene , blaßgeröthete Wange hinabschlich , – unterbrach sie Ludwig auf ihre Hand gebeugt , die er fest an sein Herz drückte .
– – Marie ließ sich also eine Feder bringen und Ludwig irrte im Walde umher , den Schreckensbildern zu entfliehn , mit denen ihr herannahendes Ende ihn umgab .
Es war still in dem öden Krankenzimmer um sie her , wie in ihrer Seele , und sie nahm alle ihre Kräfte zusammen , um diese Zeilen zu schreiben :
» Wenn Sie dieses Blatt erhalten , werden vielleicht die Hände schon verwesen , die es schrieben , und das Herz , das Sie geliebt hat , schlägt nicht mehr und schlummert in der Erde .
Aber ehe es der Todeskampf stumm und kalt macht , will es noch einmal zu dem Ihrigen sprechen und Ihnen vergeben .
Still und feierlich naht sich mir die Minute meines Sterbens , und ich sehe ihr heiter entgegen , denn sie erscheint mir wie eine geliebte Gestalt im Traum und öffnet mir den Himmel .
Ich habe nichts auf dieser Welt gehabt , als den kurzen , aber süßen Wahn Ihrer Liebe , – den Schmerz betrogen worden zu seyn , und Thränen .
Selbst die Zärtlichkeit des besten , edelsten Mannes vermochte mir nichts mehr als doppelte Reue zu geben , daß ich ihn jemals meiner unglücklichen Leidenschaft aufopfern konnte ;
– ich scheide also gern , da meiner traurenden Seele die Erde nur ein Kerker dünkt .
– Aber in diesen letzten Stunden meines Lebens wird mein Herz weich und geneigt zu vergeben .
Nehmen Sie also mit dem letzten Lebewvhl , das ich Ihnen durch die weite Ferne zurufe , die uns trennt , die Versicherung hin , daß ich versöhnt mit Ihnen sterbe .
Ach , ich will es Ihnen nicht verbergen , daß mein Haß und mein Abscheu für Sie mit meiner fallenden Gesundheit dahin floh , und – meine Lippen soll auch im Tode keine Lüge beflecken , – daß ich Ihr Bild und alle meine ehemalige Liebe zu Ihnen in meinem brechenden Herzen mit ins Grab nehme .
Seyn Sie glücklich in den Armen ihrer liebenswürdigen Gemahlin , und mein Andenken störe nie Ihre Heiterkeit , sondern nur Ihren Leichtsinn , indem es Sie an die traurigen Folgen erinnert , die er hatte .
Ich verzeihe Ihnen , ich würde Ihnen noch mehr sagen , aber der Augenblick ist nun vorüber , der mir erlaubte , offenherzig zu seyn , und alle die übrigen , die ihm folgen , gehören Ludwig und meinen Pflichten !
– Leben Sie ewig , ewig wohl !
Einst , wenn Ihr Herz zur Tugend zurückgekehrt ist und sich müde geschlagen hat im Getümmel der Welt und unter dem Drucke des Lebens , dann Wodmar !
– o diese Hoffnung ist Deiner Marie süß , – dann sehn wir uns wieder !
« Sie endigte diesen Brief mit vieler Heiterkeit und Ruhe des Geistes , siegelte ihn selbst und gab ihn Ludwig , mit der Bitte , ihn nach ihrem Tode zu besorgen .
Konrad eilte so schnell , als es ihm möglich war , zu holen , und Liese kam nicht von dem Krankenbett ihrer geliebten Freundin , und gab durch die unermüdete Sorgfalt , mit der sie sie abwartete , und durch die redlichen Thränen , die sie bey ihrer immer zunehmenden Entkräftung vergoß , einen rührenden Beweis , wie gut der Mensch seyn kann , auch ohne Politur , die oft am innern Werthe nimmt , was sie dem Aeußerlichen an Glanz giebt .
Ludwig , dessen treues Herz sich , nachdem er sie wiedergefunden , fester als jemals an sie geheftet hatte , – Ludwig , der jetzt den Moment sich nahen sah , in dem er sie für dieses ganze lange Leben verlieren sollte , hatte keinen Trost für seinen Schmerz , als den , der allen Unglücklichen bleibt , den Trost der Sterblichkeit .
Er verließ das Zimmer seiner geliebten Gattin keinen Augenblick , und bewachte unter Furcht und Hoffnung , die in ihm abwechselten , jede ihrer Bewegungen .
Einst erwachte sie nach einem sanften Schlummer , – ihr Auge blickte sich hell und selig um , und sie reichte in trunkner Freude Ludwig ihre Hände , der an ihrem Bette saß .
sagte sie , und die Glorie der Verklärung schien ihre bleiche Gestalt zu umschweben und lieh ihr ein überirdisches Lächeln , – Ihr Auge wurde starrer unter den freudigen Thränen , die es vergoß , – ihr Mund bewegte sich noch lächelnd , aber ohne zu sprechen , und ohne Krampf und Zuckungen floh in Ludwigs Armen , wie der leise Athem der Frühlingsluft , ihr entrinnendes Leben dahin !
– – 25. Kapitel Fünf und zwanzigstes Kapitel kam an , – um ihre Nichte begraben zu sehn .
Am folgenden Tage , 9. November , erwachte ich spät , erst nach zwölfstündigem Schlaf .
Conseil kam , wie gewöhnlich , und erkundigte sich , wie geschlafen , und um seine Dienste anzubieten .
Der Canadier schlief noch immer fort , als wie ein Mensch , der sein Lebtag nichts anders thut .
Ich ließ den wackern Jungen nach Belieben schwatzen , ohne ihm viel zu antworten .
Die Abwesenheit des während unserer gestrigen Unterhaltung machte mir Gedanken , und ich hoffte ihn heute wieder zu sehen .
Ich zog alsbald meine Byssuskleider an .
Ueber die Beschaffenheit dieses Stoffs machte Conseil öfters seine Bemerkungen .
Ich belehrte ihn nun , daß er aus den glänzenden , seidenartigen Fasern gemacht sei , womit eine Art an den Ufern des Mittelländischen Meeres sehr häufiger Muscheln an die Felsen geheftet ist .
Früher bereitete man daraus schöne Zeuge , Strümpfe , Handschuhe , denn sie waren zugleich kernhaft und sehr warm .
Die Mannschaft des Nautilus ließ sich darin billig kleiden , und man konnte die Baumwolle , Schaafe und Seidenwürmer der Oberwelt entbehren .
Als ich angekleidet war , begab ich mich in den großen Saal .
Er war leer .
Ich vertiefte mich in die Betrachtung der Conchylienschätze , welche unter Glasscheiben geordnet waren , musterte auch die umfassenden Herbarien voll der seltensten Meerespflanzen , die , obwohl getrocknet , doch ihre wunderschönen Farben bewahrt hatten .
Diesen ganzen Tag über wurde ich nicht mit einem Besuch des beehrt .
Die Fensterläden blieben geschlossen .
Man wollte wohl uns nicht mit dem Anblick so schöner Dinge übersättigen .
Die Richtung des Nautilus blieb unverändert Ost-Nord-Ost , seine Geschwindigkeit zwölf Meilen , seine Tiefe fünfzig bis sechzig Meter .
Am 10. November gleiche Verlassenheit , gleiche Einsamkeit .
Kein Mensch von der Bemannung kam mir zu Gesicht .
Den größten Theil des Tages verbrachte ich in Gesellschaft von Ned und Conseil .
Sie waren erstaunt über die unerklärliche Abwesenheit des Kapitäns .
War der seltsame Mann krank ?
Wollte er in Beziehung auf uns seine Absicht ändern ?
Trotzdem genossen wir , wie Conseil meinte , vollständige Freiheit , köstliche und reichliche Nahrung .
Unser Wirth hielt sich innerhalb unseres Vertrags .
Wir hatten nicht zu klagen , und zudem gewährten uns noch die besonderen Umstände , womit unser Schicksal verknüpft war , so schöne Entschädigung , daß wir ihm keinen Vorwurf zu machen hatten .
An diesem Tage begann ich mein Tagebuch , so daß ich darnach alles mit größter Genauigkeit berichten kann ;
und ich schrieb es auf Papier , das aus Seegras gefertigt war .
Am 11. November , früh Morgens , gab mir die im Innern des Nautilus verbreitete frische Luft zu erkennen , daß wir uns auf die Oberfläche des Meeres begeben hatten , um unsern Vorrath von Sauerstoff zu ergänzen .
Ich stieg auf der im Mittelpunkt befindlichen Leiter zur Plateform hinaus .
Es war sechs Uhr .
Der Himmel zeigte sich bedeckt , das Meer grau , doch ruhig ;
kaum eine Bewegung der Wellen .
Sollte wohl der , wie ich hoffte , sich einfinden ?
Ich bemerkte nur den Steuerer in seinem Glas-Gehäuse .
Ich setzte mich auf einen Vorsprung , welchen der Rumpf des Bootes gewährte , und athmete mit Behagen die köstliche Seeluft ein .
Allmälig ward der Nebel durch die Strahlen der Sonne zerstreut , die im Osten am Horizont emporstieg .
Das Meer gerieth wie durch ein Laufpulver in Flammen .
Das in der Höhe zerstreute Gewölk färbte sich in wunderbarer Schattirung der Töne .
Ich bewunderte diesen freundlichen Sonnenaufgang , der so belebend wirkte , als ich Jemand die Treppe herauf kommen hörte .
Ich war schon im Begriff den Kapitän zu begrüßen , aber es war der Schiffslieutenant , welchen ich bereits beim ersten Besuch des Kapitäns kennen gelernt hatte .
Er trat vor auf die Plateform und schien meine Anwesenheit nicht zu bemerken .
Mit seinem starken Fernrohr forschte er am Horizont mit äußerster Achtsamkeit nach allen Richtungen .
Darauf trat er zu der Lucke und sprach eine Phrase , die ich mir buchstäblich gemerkt habe , wie sie jeden Morgen in gleicher Lage gesprochen wurde .
Sie lautete :
» « Was sie bedeutet , kann ich nicht sagen .
Nachdem der Schiffslieutenant diese Worte gesprochen , stieg er wieder hinab .
Ich meinte , der Nautilus werde seine unterseeische Fahrt fortsetzen , begab mich daher wieder zu der Lucke , stieg hinab und ging in mein Zimmer .
So verflossen fünf Tage , ohne daß die Lage sich änderte .
Jeden Morgen stieg ich zur Plateform hinaus .
Die nämliche Person sprach die nämliche Phrase .
Der erschien nicht .
Ich hatte mich schon darein ergeben , ihn gar nicht mehr zu sehen , als ich am 16. November , beim Eintritt in mein Zimmer , auf dem Tisch ein an mich adressirtes Billet fand .
Ich öffnete es ungeduldig .
Die Schriftzüge waren frei und klar , aber etwas gothisch , was an deutsche Schrift erinnerte .
Sein Inhalt war :
rief Ned aus , der nebst Conseil mit mir eingetreten war .
– fügte Conseil bei .
– fuhr Ned-Land fort .
– sagte ich bei wiederholtem Lesen des Briefes .
– versetzte der Canadier .
Ich bemühte mich nicht , den Widerspruch zwischen dem offenbaren Groll des Kapitäns gegen das Festland und die Inseln , und seiner Einladung zu einer Jagdpartie im Wald – zu vereinigen , und antwortete nur :
Ich sah mich zuerst auf der Landkarte um , und fand unter'm 32°40' nördlicher Breite und 167°50' westlicher Länge ein im Jahre 1801 vom entdecktes Inselchen , welches auf den alten spanischen Karten Rocca de la Plata , d.h .
benannt war .
Wir befanden uns also ungefähr achtzehnhundert Meilen von unserm Abfahrtspunkt entfernt , und die etwas geänderte Richtung des Nautilus führte ihn südöstlich .
Ich zeigte meinen Gefährten den kleinen , mitten im nördlichen Stillen Meer verlorenen Felsen .
sagte ich zu ihnen , Ned-Land zuckte mit den Achseln , ohne zu antworten , dann ging er nebst Conseil weg .
Nach einem Abendessen , das mir der Steward stumm und mit gleichgiltiger Miene auftrug , schlief ich ein , nicht ohne einige Befangenheit .
Am folgenden Tag , 17. November , merkte ich beim Erwachen , daß der Nautilus vollständig unbeweglich war .
Ich kleidete mich rasch an und begab mich in den großen Saal .
Der befand sich da .
Er hatte mich schon erwartet , stand auf , grüßte und fragte mich , ob es mir genehm wäre , ihn zu begleiten .
Da er mit keinem Wort seine achttägige Abwesenheit berührt hatte , so sprach ich auch kein Wort davon , und erwiderte blos , ich sei nebst meinen Gefährten bereit , ihn zu begleiten .
fügte ich bei , – – – erwiderte mir der Kapitän , – rief ich aus .
– – – – – – – – – Ich sah den Commandanten des Nautilus mit einer Miene an , die nichts Schmeichelhaftes für ihn hatte .
dachte ich .
– Diesen Gedanken konnte man auf meiner Stirne lesen , aber der beschränkte sich darauf , mich einzuladen , ihn zu begleiten , und ich folgte als ein Mann , der sich in alles ergiebt .
Wir kamen in den Speisesaal , wo das Frühstück aufgetragen war .
sagte der Kapitän , Ich war also beflissen , dem Mahl Ehre zu machen .
Es bestand aus verschiedenen Fischen und Stücken Holothurien , trefflichen Thierpflanzen , Bei essen von eröffnenden Algen .
Zum Trunk diente klares Wasser , worin ich nach dem Beispiel des Kapitäns einige Tropfen Liqueur mischte , der , wie zu Kamtschatka , aus einer Algenart gewonnen war .
Der aß zuerst , ohne ein Wort zu sprechen .
Dann sagte er :
– – – – – sagte ich .
– – fragte ich .
2. Reisefreunde Wir fuhren einmal unser mehrere in einem Postwagen .
In dem Kasten saß ein Vater mit zwei Töchtern – ich weiß es nicht genau , aber ich hielt ihn dafür .
Das ältere der Mädchen , ungefähr dreizehn oder vierzehn Jahre alt , erregte durch ihr ernstes und ruhiges Benehmen unsere Aufmerksamkeit und unsern Beifall .
Das jüngere war noch fast ein Kind , das mit kindlichen Augen in die Welt hineinschaute .
Außer diesen drei Personen saß noch eine Frau in dem Kasten , die ich für die Begleiterin , gewesene Amme , oder sonst etwas dergleichen von den Mädchen hielt , obwohl sie vielleicht auch ganz und gar nicht zu ihnen gehören konnte ;
denn sie gab , ungleich der gewöhnlichen Art solcher Frauen , sehr wenige Zeichen von sich , regte sich wenig und sprach oft wirklich postenlange kein Wort .
In dem hintern Gelasse des Wagens saßen ich und ein ältlicher Mann , den wir seines blassen Aussehens und seiner schwarzen Kleidung halber scherzweise Paganini nannten .
Er lächelte einmal bei diesem Spottnamen trübsinnig und sagte :
Unter dem Vordache des Wagens saß neben dem Postgeleiter ein Student , von dem ich nichts zu sagen weiß , als daß er sehr viel aus einem Meißnerkopfe rauchte , an dem er ein langes Rohr und ein bewegliches Mundstück hatte .
Die Reise war durch ganz und gar nichts ausgezeichnet , weder durch sehr schlechtes noch durch sehr schönes Wetter – weder durch ein Glück noch durch ein Unglück weder durch besonders langweiliges noch durch ungemein anziehendes Gespräch .
Als wir uns erst ein wenig in einander hinein gelebt hätten und die Sache ein wenig in den Gang gekommen wäre , hatten wir unser Ziel erreicht , und wir gingen auseinander .
Ich hätte das Ding längst vergessen , wenn nicht der Zufall eine Fortsetzung daran gestückt hätte , wie er es oft mit den unzusammengehörigsten Sachen tut .
Man wird bei solchen Vorgängen gereizt , nach einer Art Vernunft in dem Gemengsel zu suchen , und wenn wirklich etwas daraus erfolgt , schieben wir es der Vorsehung in die Schuhe mit welchem Rechte oder Unrechte , weiß ich nicht .
Die Sache aber war so .
Als ich einmal , ich weiß nicht nach welch langer Zeit , in Wien war und in dem Gasthofe zur Dreifaltigkeit , den ich immer zu benützen pflege , die hintere Wendelstiege in den Hof hinab stieg , welche Stiege gewiß jeder Reisende kennt , der einmal in diesem Gasthofe gewohnt hat , weil sie so enge ist , daß sich ihrer zwei kaum ausweichen können :
so begegnete mir hinauf steigend leibhaftig und wirklich unser falscher Paganini .
Ich erkannte ihn sogleich wieder , was hauptsächlich dadurch möglich wurde , daß er , wie ich glaube , den nämlichen schwarzen Frack anhatte , wie damals im Postwagen .
Da ich ihm meinen Gruß zurief , erkannte er mich auch , und wir drückten uns gegenseitig die Freude aus , uns hier so unvermutet getroffen zu haben .
Wie es bei Reisenden gebräuchlich ist , fragten wir um unser Befinden , wie lange wir schon da seien , und wie lange wir uns noch aufzuhalten gedächten .
Da erfuhren wir nun , daß wir nicht nur schon drei Tage Zimmernachbarn wären , sondern daß wir es auch wahrscheinlich noch sehr lange bleiben würden .
Er hatte nämlich einen Prozeß zu betreiben und mußte in dieser Angelegenheit viele Gänge und Besuche machen :
ich war wegen der Betreibung eines Bittgesuches in Wien und hatte der Gänge und Besuche gewiß nicht weniger zu tun .
Wir sprachen nach dieser Mitteilung die Hoffnung aus , daß wir uns gewiß nun öfter sehen würden , und um dies nicht eine bloße Redensweise sein zu lassen , verabredeten wir eine gemeinschaftliche Speisestunde in unserm Gasthofe , so oft es nämlich einem jeden von uns möglich sein würde ;
und bemerkten , daß wir uns auch ohne dem , da wir so nahe wären , manchmal treffen könnten .
In Folge dieses Versprechens kamen wir nun an dem Wirtstische zusammen , wir fanden Behagen an einander , und jeder erschien gerne zu der festgesetzten Stunde , wenn er nicht notwendig verhindert war .
Zuletzt geschah es auch , daß wir sogar manchmal an Abenden , wenn es etwas regnerisch war , oder wenn einem ein Verdruß in dem Haupte spukte , an der Tür des Nachbars pochten ;
wenn er zu Hause war , eintraten , ein Stündchen verplauderten , und nicht selten den Verdruß verloren , weil man ihn erzählen und sich recht weidlich darüber aussprechen konnte .
Zuweilen gingen wir dann auch an irgendeinen Vergnügungsort , wohin der einzelne , wenn er nicht aufgefordert worden wäre , gewiß nicht gegangen wäre .
So lebten wir drei Wochen neben einander , und lächerlich war es , daß wir beide immer im schwarzen Fracke gingen , natürlich , weil er immer bei Rechtsmännern , ich aber bei Beschützern aufwarten mußte .
Er nannte mich daher einmal , da ich wieder ganz schwarz zum Speisen nach Hause kam , .
Es war dies der einzige Scherz , den ich den Mann , der eher immer trübsinnig war , sagen hörte .
Einmal war wieder recht schlechtes Wetter .
Es war kein tüchtiger Regen , der alles rauschen und strömen macht , und daher doch wieder fröhlich ist , sondern es war das Wetter , das mir schier unter allen das widerwärtigste ist ;
ein dicker , unbeweglicher Nebel , der sich wie Fließpapier an die Fenster legt , der oben am Himmel Sonne , Mond und alle Turm- und Häuserspitzen wegfrißt , und unten auf Erden alle Dinge naß , schmutzig und tropfend macht .
Zum Überflusse war noch Sonntag , an dem wir beide keine Geschäfte hatten .
Wir saßen stochernd und in den Zeitungen blätternd herum .
Da geriet ich auf einen Einfall und legte ihn meinem Nachbar vor .
Wir sollten nämlich in eins der Theater gehen , ohne eher , als wir uns in dem Hause befänden , zu wissen , in welches , und ohne das Stück zu kennen , das aufgeführt würde ;
denn die Zettel , die gewöhnlich auf einem Tischlein im Speisezimmer lagen , hatten wir vorher keiner angeschaut .
Ihm war es recht , und ich schritt ans Werk .
Ich ließ einen Lohndiener rufen , riß aus einem weißen Blatte Papier fünf Stücke , schrieb auf jedes den Namen eines der fünf Theater Wiens , rollte sie zusammen und befahl dem Diener , eins zu ziehen .
In das Theater , dessen Namen er auf seinem Zettel finden würde , sagte ich , solle er uns Karten zu Sperrsitzen holen und die Karten in Papier gewickelt bringen .
Unterwegs möge er uns einen Wagen bestellen , dem er das Theater nenne , daß er uns um halb sieben Uhr dahin fahre .
Mein Nachbar ließ alles willig geschehen , und der Diener ging fort .
Als er wieder gekommen war und uns die in Papier gewickelten Karten gebracht hatte , gingen wir auf mein Zimmer und verbrachten den Rest des Nachmittages , wie man solche Nachmittage zu verbringen pflegt , das heißt , wir rauchten ein wenig , sahen bei den Fenstern auf den Nebel hinaus , und manchmal auf die Uhr .
Endlich ward es finster , weil die Zeit im späten Jahre war , es ward zuletzt auch halb sieben Uhr , und der Wagen wurde uns gemeldet .
Ich hatte den Plan , daß wir durchaus nichts von der Fahrt wissen sollten , ich sagte daher meinem Nachbar , daß ich die Fenstervorhänge des Wagens herab lassen wolle .
Er war , wie gewöhnlich , zufrieden , und wir stiegen ein .
Der finstere Wagen fuhr aus dem Tore , wendete um Ecken , fuhr ziemlich lange fort , und setzte uns endlich an dem Josephstädter Theater ab .
Ich sagte nun meinem Begleiter , wir wollen innen keinen Zettel anschauen , daß wir das Stück , das gespielt wird , nicht vorher kennen .
Er willigte ein , wir gingen in das Haus , unsere Sitze wurden geöffnet , und wir setzten uns nieder .
Wir waren ganz nahe an der Bühne , was uns angenehm war , und was wir dem Schutze unsers Lohndieners verdankten .
Das Theater war schon sehr voll , man könnte sagen , gedrängt voll , und doch kamen noch immer neue Menschen und klappten auf allen Seiten die Sperrsitze , woraus wir schlossen , daß ein sehr beliebtes Stück bevorstehe ;
aber unserem Vorhaben getreu fragten wir niemanden , und da wir Fremde waren , redete uns auch niemand an .
Endlich , da schon alles außerordentlich erfüllt war , klang das Zeichen des Anfanges .
Es wurde eine Musik gemacht , die kürzer und unbedeutender war , als sie gewöhnlich Stücken vor her zu gehen pflegt .
Dann war es stille , und der Vorhang ging auf .
Die Bühne zeigte ein schönes Zimmer und war leer , nur daß ganz vorne an den Lampen zwei Notenpulte standen .
Unter den Zuschauern war das tiefste Schweigen .
Da trat ein junger , schwarz gekleideter Mann aus dem Hintergrunde der Bühne hervor und führte ein Mädchen in weißem Gewande an der Hand – es war nicht eigentlich ein erwachsenes Mädchen , sondern ein Ding , das noch zwischen Kind und werdender Jungfrau stand – das weiße Kleid ließ dem Kinde sehr wohl , es hatte zwei breite , auf den Rücken hinab gehende Zöpfe , und die Augenbogen , wie ich zu bemerken glaubte , waren besonders klar .
Die Haare waren einfach gescheitelt .
Die Zuschauer erhoben , als sich dieses Paar zeigte , einen unglaublichen Sturm des Beifalles , und man erkannte leicht , daß er dem Kinde gelte , welches durch den jungen Mann bloß eingeführt worden war .
Das Mädchen , da es in die Mitte der Bühne gekommen war , verbeugte sich dankend gegen die Zuschauer und blieb dann stehen , ungefähr wie jemand , dessen Sinn schon auf ganz andere Dinge gerichtet ist , und der die vorliegenden Beifallszeichen cher als eine Unterbrechung als etwas anderes ansieht .
Endlich hörte der Lärm auf , und das Kind ging von der Mitte der Bretter , wo es bisher gestanden war , gegen die Lampen vorwärts .
Seine Züge entwickelten sich – ich geriet in das äußerste Erstaunen , und mein Nachbar und ich sahen uns plötzlich an ;
denn das Kind war niemand anderer als jenes ältere der zwei Mädchen , die einmal mit uns in dem Postwagen gefahren waren , das immer so ernst gewesen war , und das uns so gefallen hatte .
Es war das nämliche Mädchen , dem der Beifallssturm gegolten hatte , und das , als wir wieder hin sahen , eben eine Geige von einem der zwei Pulte nahm und sich noch einmal verbeugte .
Mein Nachbar und ich sagten zu einander :
, und wir wußten nun auch , ohne daß es uns jemand sagte , wer von den Lampen hell beleuchtet vor uns stehe :
.
– Mich ergriff nun jetzt ein ganz anderes Gefühl , nämlich die Angst , ob das Mädchen auch so gut spielen würde , wie ich es wünschte , und wie es mir um sie lieb wäre , wenn es wäre .
Mir war von jeher bloße Fertigkeit sehr zuwider , und sogenannte Wunderkinder machten mir jedes Mal einen Schmerz .
Welch eine Qual und welche unzählige Stunden der Anstrengung müssen vorhergehen , ehe das Kind sich die unglaubliche Fertigkeit erwirbt und die arme gelehrige Seele ein äußerst genau in das Ganze eingreifendes Geräte wird .
Daher hatte ich Mitleiden , als ich das schöne , blasse Mädchen vor den Lampen stehen sah , ehe man anfing .
Die Züge waren unbeweglich , und ich dachte mir damals , diese Büste könnte man in Marmor hauen .
Ich glaubte zu erkennen , daß sie auf das nicht achte , was um sie vorgehe , allein das konnte eben so gut Befangenheit als Kunstgefühl sein .
Endlich begann die Musik des Orchesters – ich blickte auf sie – sie stand ruhig und sah mit ihren ernsthaften Augen vor sich .
Als der Augenblick gekommen war , wo sie einfallen mußte , lag die Geige mit einem leichten Ruck an ihrer Schulter – und im Augenblicke ging auch der schöne , gehaltene Ton durch die Räume und durch alle Seelen .
Mir war es auf der Stelle klar , dieser Ton könne gar nicht anders als aus dem Herzen kommen , so wie alle folgenden aus dem Herzen kamen , weil sie so zu Herzen gingen .
Ich habe in späteren Zeiten das Mädchen wohl noch spielen , nie aber mehr sprechen gehört , ich bin mit ihr nie mehr zusammen gekommen , und habe sie auch nicht kennen gelernt .
Ich kann daher aus andern Umständen nicht beurteilen , wie tief ihr Fühlen sei ;
aber aus diesen Tönen war es mir eine Unmöglichkeit , zu denken , daß es nicht so sei .
Ich mußte mit Befremden in das Antlitz eines noch so jungen Kindes schauen , das schon so empfand .
Wie ihre Saiten durch die andere Musik hervor tönten , wie sie so entschieden heraus ragte , wie ein Mann :
war es mir , als höre ich ein inniges , starkes , erzählendes und manchmal auch klagendes Herz .
Gar schön aber war es , wie die Unschuld in dem Spiele herrschte – eine Unschuld , die , möchte ich sagen , nur bei Kindern möglich ist , welche noch an kein Ich denken , das gefeiert werden soll , sondern die Sache spielen , die ihnen das einzige ist , das da gelte .
Ich schäme mich daher nicht , es zu gestehen , daß ich von dem Kinde mit einer tiefen , schönen , sittlichen Gewalt erfüllt wurde .
Ich klatschte daher auch nicht in die Hände , als sie endete , was aber unzählige andere mit fürchterlichem Gepolter taten .
Ich kann nicht denken , daß diese das Eigentliche empfinden ;
denn wenn ein Künstler , also ein höherer Mensch – und jeder wahre Künstler muß das sein – vor uns steht , uns einen schönern , reinern Teil seiner Menschlichkeit vor Augen fahrt und die unsere zu sich empor hebt :
dort ist mir , als sollten wir bescheiden verehren .
Mit lustigem Beifallsklatschen und Rufen lohnt man nur den bezahlten Lustigmacher .
Das Mädchen senkte die Geige , es verbeugte sich nur einmal und kurz , und wurde von demselben jungen Manne , der es eingeführt hatte , wieder fort geführt .
So endete die erste Abteilung .
Nach einem kurzen Zwischenraume , den die Menschen mit Gespräche und Gebrause ausfüllten , begann die zweite .
In derselben führte Theresa die jüngere Schwester heraus .
Sie hielt sie , gleichsam wie eine ältere Beschützerin , an der Hand .
Wir sahen das jüngere der zwei Kinder aus dem Postwagen , das mit seinen Augen so kindlich geschaut hatte .
Das Mädchen , bedeutend kleiner als Theresa , war ebenfalls weiß gekleidet , aber statt der gescheitelten Haare und der Zöpfe hatte es ein Kinderköpfchen , rund um voll Locken .
Theresa stimmte ihr die kleinere Geige , die auf dem zweiten Pulte lag , und reichte sie ihr dar .
Die jüngere Schwester stand nicht , bevor das Spiel begann , mit dem Ernste , und ich möchte sagen , mit der Düsterheit da , wie die ältere getan hatte , welche wußte , was für ein tiefes und schwankendes Ding jetzt beginnen werde :
sondern sie war wie ein zuversichtliches Kind , das eine schwere Aufgabe her zu sagen hat , aber auch weiß , daß es dieselbe kann .
Das Spiel fing an .
Die Kleine spielte es mit Freudigkeit und mit Sicherheit Theresa begleitete sehr bescheiden und half nur hie und da gelegentlich mit einem starken Striche aus .
Da sie endeten , erhob sich ein rauschender , stürmender , tobender Beifall .
Die kleine Künstlerin verbeugte sich freudig , wie eben ein Kind , das froh ist , daß es seine Sache gut gemacht hat .
Ich dachte mir :
du liebes Wesen , das Herz mit seinen Freuden und Leiden muß noch nicht in dir erwacht sein ;
die Töne sind dir nette , gute Dinge , aus denen man recht schöne Sachen machen kann – aber du erfuhrst es noch nicht , welch eine Seligkeit und auch welch eine Wehmut in ihnen liegen könne .
– Theresa führte unter einem Beifallsjubel das mit Lob überschüttete Kind von der Bühne ;
nur in der Mitte wendeten sich beide noch halb um und verbeugten sich .
So endete das zweite Spiel .
Im dritten spielte Theresa etwas Heiteres , aber Anstandvolles .
Ich könnte sagen :
sie wand ihre starken goldenen Töne herrlich um die Häupter der Menge .
Dann spielten beide ein kurzes Duett , und dann wieder Theresa allein .
Mir fiel jetzt mein Nachbar ein , den ich in der Tat ganz und gar vergessen hatte .
Ich wußte nicht , ob er ein Kenner oder ein Freund der Musik sei , wir hatten , wie mir schien , von Musik früher nie gesprochen .
Er war auch die ganze Zeit über so stille neben mir gesessen , er hatte mich nicht angeredet , er hatte sich nicht gerührt , so daß es begreiflich wird , daß ich , der ich so aufmerksam gegen die Dinge vor mir hingezogen wurde , auf ihn vergessen konnte .
Jetzt sah ich ihn an – aber ich erstaunte und erschrak fast ;
denn es fielen ihm Tränen , eine nach der andern , Schlag auf Schlag , über die gefurchten Wangen herab .
Dabei saß er starr und unbeweglich .
Alle , die um uns herum , und alle , die schön geputzt in den Logen saßen , blickten gegen die Bühne hin und sahen ihn nicht .
Ich aber war ein wenig unruhig , und meine Aufmerksamkeit war geteilt .
Die Töne gingen vor uns fort , und die Musik war eine traurige .
Seine Tränen wurden noch reichlicher , und meinem ihm zugewendeten Ohre war es fast vernehmlich , als seien sie in ein hörbares Schluchzen übergegangen .
Ich fürchtete , ich würde ihn aus dem Theater fort bringen müssen ;
denn da jetzt das Spiel aus war , sahen auch die Augen anderer Menschen auf ihn hin .
Aber er hielt sich fest .
Die Tränen wurden nicht mehrere , eher weniger , und das Schluchzen wurde nicht hörbarer .
Er sah hiebei nicht rechts und nicht links .
Theresa spielte noch etwas Einfaches , sehr Edles – dann war noch einmal ein ganz kurzes Duett – und dann war die Vorstellung aus .
Da nun die Menschen sich zum Gehen erhoben , da ein Teil derselben sich in Bänken und Gängen stellte , um den lärmenden Beifall fortzusetzen , so war es unter dem Gedränge leichter , meinen Nachbar fort zu bringen , da jetzt niemand weiter auf ihn achtete .
Ich tat auch , als hätte ich nichts gesehen , und da er näher gegen das Ende der Bank gesessen war , ging er in der Menge vor mir her .
Auf dem langsamen Wege bis zu dem Tore wurde nichts zwischen uns gesprochen , aber da wir in dem Wagen , den ich draußen herbei gerufen hatte , saßen , sagte er die Worte :
Da ich diese Äußerung durchaus nicht verstand , antwortete ich nichts darauf , und er sprach auch während des Fahrens nichts weiter .
Als wir in unserem Gasthofe angekommen waren und ich eben den Fahrlohn für den Wagen bezahlte , ging er in sein Zimmer hinauf .
Ich tat desgleichen , und begab mich nach einiger Zeit in das Gastzimmer hinunter , um noch etwas weniges zum Nachtmahle einzunehmen .
Es saßen verschiedene Menschen da , worunter ich einige kannte , da sie ebenfalls Bewohner des Gasthofes waren und sich gewöhnlich zu den Versammlungsstunden in dem Speisesaale einzufinden pflegten .
Wir sprachen verschiedene Dinge , unter andern auch von den und ihrer heutigen Vorstellung , aber nur oberflächlich , wie es bei Reisenden oft gewöhnlich ist , die , wenn sie sich auf mehrere Augenblicke zusammen finden , gern einige flüchtige Worte wechseln .
Mein Nachbar kam nicht zum Abendessen herunter .
Ich blieb länger sitzen als gewöhnlich , teils weil ich müde war , teils weil die Eindrücke , welche ich empfangen hatte , nur nach und nach verschwanden .
Als ich von dem Speisesaale über den Hof zu meiner Wendelstiege ging , sah ich gegen die Fenster meines Nachbars hinauf , sie waren schwarz , und er hatte bereits sein Licht ausgelöscht .
Ich stieg die Treppe hinan , und da ich , um zu meinem Zimmer zu gelangen , an dem seinen vorüber mußte , hielt ich unwillkürlich an der Tür etwas an ;
aber es war totenstille in dem Innern , und der Bewohner mochte wohl schon in tiefem Schlafe liegen .
Da ich mein Gemach aufgeschlossen und wieder zugeschlossen hatte , da ich mein Licht auf dem Nachttischchen entzündet hatte , da ich ausgekleidet war und in dem Bette lag :
hatte ich erst die rechte Zeit und nahm mir die rechte Muße , über das Benehmen meines Nachbars nachzudenken .
Es mußte mir in der Tat bedeutend auffallen , und ich konnte nicht anders , als mir Vermutungen darüber zu machen .
Ich hätte in der frühern Zeit eher gedacht , daß der mittelgroße , hagere , blasse Mann durch Töne nicht gar leicht zu bewegen sein müsse ;
denn in dem Wesen desselben lag etwas Stilles , mitunter auch Trockenes , aber immer etwas , das sich nicht aufdringt , sondern eher in sich zurück tritt und verschließt .
Daß wir ihn Paganini nannten , war mehr Schalkheit , durch die flüchtigste äußere Ähnlichkeit angeregt , als daß wir ihm diese Kunst zutrauten .
Es boten sich mir drei Arten dar , sein heutiges Benehmen zu erklären .
Entweder war er wirklich für Musik so empfänglich , daß das außerordentliche Spiel der auf ihn so wirkte , daß er nicht mehr Herr seiner Bewegung war und in die Tränen ausbrach , die wir an ihm sahen .
Dann aber ist es nicht erklärlich , daß ich das nie früher bemerkt hatte ;
denn ungewöhnliche Empfänglichkeiten für ein Ding offenbaren sich meistens sehr bald , sei es durch die Rede , welche der Empfängliche gerne auf das Ding hinlenkt , sei es ein wenn auch minder bedeutender Anlaß , der das Ding herbei führt und die Empfänglichkeit darlegt .
Oder es mochte bei meinem Nachbar auch der zweite Fall sein , daß er nämlich zu jener Art Menschen gehört , die , ohne es zu wissen , eigentlich tiefes Gefühl haben , das nur außerordentlich schwer aufgeschlossen wird , aber , wenn es aufgeschlossen ist , desto stärker und nachhaltiger dahin strömt .
An solchen Menschen gehen oft Töne , Farben und andere Gelegenheiten Jahre lang ohne Wirkung vorüber , wie Wasser über einen Felsen ;
aber von ungefähr werden sie durch einen Anlaß von ihrem unbekannten Innern ergriffen , daß sie seiner Gewalt , die sie überkommt , gar nicht zu steuern wissen , ihr wie Kinder ohne Hilfe hingegeben sind und ihre Ratlosigkeit vor aller Welt offenbaren müssen .
Bemerkungen über gewaltsame Revolutionen überhaupt Nichts kömmt mir alberner vor , als wenn man sich in moralischen und politischen Gemeinsprüchen über die Befugnisse und Nichtbefugnisse einer ganzen Nation , ihre Regierungsform zu ändern , ergießt ;
wenn man darüber räsoniert , was ein Volk , wenn es sich empört , hätte tun sollen und wie es hätte besser und gelinder handeln können und sollen und ob zuviel oder zuwenig Blut dabei vergossen worden .
Ja , wenn von einem Plane die Rede ist , den ein einzelner Mann entwirft , wenn die Frage ist , ob Brissac recht und weise handelte , als er , ehe sich auf dem Throne befestigt hatte , über dem Entwurfe brütete , aus Frankreich eine freie Republik zu machen , dann läßt sich vielleicht entscheiden , inwiefern er dazu Befugnis und Veranlassung hatte , ob er , bei der damaligen Stimmung und politischen Lage der Nation , sich mit einem glücklichen Erfolge schmeicheln durfte oder nicht und welche Mittel er hätte anwenden sollen und können , um seinen Zweck zu erreichen ;
wenn aber ein ganzes Volk , durch eine lange Reihe von würkenden Ursachen , dahin gebracht ist , seine bisherige Regierungsform , die nicht taugte , die nicht in die jetzigen Zeiten , nicht zu dem gegenwärtigen Grade der Kultur paßte , in welcher sich der größte Teil der Bürger unglücklich fühlte , mit Gewalt über den Haufen zu werfen , wenn sie alle hierzu durch einen Geist belebt werden , den ihre elende , verzweifelte Lage in ihnen erweckt hat , wenn dies also nicht nach einem bestimmt angeordneten Plane , sondern durch einen Windstoß geschieht , der auf einmal das Feuer , das lange unter der Asche
geglimmt hatte , in helle Flammen auflodern macht – wer kann da Ordnung fordern ?
wer kann da bestimmen , ob zuviel oder zuwenig geschieht ?
Schreibe dem Meere vor , wie weit es fortströmen soll , wenn es den Damm durchbricht , den Jahrhunderte untergraben haben !
Und wenn auch bei solchen gewaltsamen Umwälzungen Szenen vorfallen , bei deren Anblicke die Menschheit zurückschaudert , wer trägt dann die Schuld dieser Greuel ?
Ganz gewiß mehr die , gegen welche man sich empört ( oder vielleicht ihre Väter ) , als die Empörer selbst – auf sie , die entweder durch despotische Mißhandlungen das Volk aufs äußerste gebracht oder durch Beispiel und Beförderung des schändlichsten Luxus und aller Wollüste wahren Seelenadel und Einfalt der Sitten in allen Klassen der Bürger zerstört oder wenigstens , sorglos in ihrem Berufe , von boshaften , gleisnerischen , raubsüchtigen Schranzen umgeben , die Untertanen der Verführung , der Plünderung und dem Drucke preisgegeben , es gegen jede Herrschaft , gegen jeden Zwang
erbittert , alle Herzen von sich abgelenkt haben – auf ihnen ruht die Sünde .
Die Menschen im ganzen lieben Ruhe und Frieden , setzen nicht leicht den mäßigen , aber sichern Genuß des Gegenwärtigen aufs Spiel bei der Aussicht eines mühsam zu erkämpfenden ungewissen Künftigen ;
allein wenn der Despotismus es dahin gebracht hat , daß die Staatsverfassung einem Kriege aller gegen alle ähnlich sieht , wenn jeder nimmt , wo er ungestraft nehmen darf , niemand Gesetze anerkennt , sobald er sich Impunität erschleichen , ertrotzen oder erwürgen kann , wenn kein Eigentum mehr respektiert wird , wenn kein Bürger sicher ist , den Erwerb seines Fleißes vor den Klauen der Raubtiere bewahren zu können , wenn man endlich doch Leben und Freiheit wagt , man spiele das große Spiel mit oder nicht – wer wird es dann auch dem Sanftmütigsten zum Verbrechen machen wollen , daß er , statt
sich geduldig schinden zu lassen , mit dreinschlägt , mit zugreift , da , wo soviel zu gewinnen und keine andre Gefahr zu laufen ist , als die ihm , nicht weniger , täglich in seiner friedlichen Hütte drohte , als er sich auch nicht regte ?
Überhaupt ist es ganz verlorne Mühe , zu räsonieren über die Befugnisse eines Volkes , seine Regierungsverfassung zu ändern .
In den großen Plan der Schöpfung gehören diese Umkehrungen ;
sie sind unvermeidlich ;
sie werden herbeigeführt durch die Ebben und Fluten der Kultur ;
die Menschen sind nur die Werkzeuge in der Hand der alles ordnenden Vorsehung .
Ist der Zeitpunkt da , stimmen alle Umstände dazu ein , so sind alle Würkungen einzelner Leute , alle Anstalten der Regenten , alle Predigten und Deklamationen dagegen vergeblich .
Das Recht des Stärkern ist in der ganzen Natur herrschend .
Worauf sonst als auf dieses Recht gründen die Despoten ihre Gewalt ?
womit sonst als mit diesem Rechte des Stärkern machen sie uns , an der Spitze von hunderttausend Mann , die Gründe , worauf ihre Deduktionen gestützt sind , anschaulich ?
Ist dies Recht aber nicht auf ihrer Seite , so haben auch ihre Gründe wenig Gewicht , und sie müssen dem nachgeben , der mit mehr Nachdruck den Beweis seiner Rechtmäßigkeit führt .
Von der Natur sind nun einmal die Menschen nicht in Klassen geteilt , nicht einige zum Gehorchen , andre zum Herrschen bestimmt .
Der Mensch , der sich von einem Menschen regieren läßt , tut dies entweder , weil er muß oder weil er will .
Er muß , wenn der andre stärker ist , sei es an Körper oder Geiste oder durch Bündnisse mit mehrern .
Er will , wenn er sich behaglich dabei fühlt oder wenn er in dem Wahne steht , der andre sei auf irgendeine Weise berechtigt , ihm Gesetze vorzuschreiben .
Wenn aber kein Übergewicht da ist , wenn Liebe und Zutraun aufhören , wenn Unzufriedenheit eintritt und Wahn verschwindet – dann demonstriere einmal , drohe einmal , Fürst , Moralist , Staatsmann !
und siehe zu , ob du etwas ausrichtest !
Denn ( möge auch der Satz noch so herbe klingen !
) man kann dem Menschen die Notwendigkeit der Erfüllung aller moralischen Pflichten unwiderleglich beweisen ;
aber ich weiß nicht , wie man es anfangen kann , einen Menschen zu überzeugen , daß er eine natürliche , angeborne Verbindlichkeit auf sich habe , einem andern Menschen von Fleisch und Bein zu gehorchen , wenn er dies nicht glauben will , nicht glauben muß oder nicht sein Interesse dabei findet , es zu glauben .
Seine Vernunft sagt es ihm nicht ;
die Religion sagt ihm , daß er seiner Obrigkeit gehorchen solle ;
aber wer diese Obrigkeit sein soll und wer das Recht hat , sie einzusetzen , da wir keine Theokratien mehr haben , das sagt sie ihm nicht , und das ist doch der Punkt , worauf es ankömmt .
Gegen Kontrakte , die er nicht selbst geschlossen hat , wird er viel Einwendungen finden , wenn sie ihn drücken ;
die Beförderung der allgemeinen Ruhe , des allgemeinen Wohls kann einen Philosophen bewegen .
Privatvorteile aufzuopfern , aber nicht den Pöbel – diesen zum ruhigen Gehorsame zu bringen , wenn man ihn weder durch Wahn noch Gewalt zwingen kann , dazu gibt es , ich sage es noch einmal , kein andres Mittel , als daß man in ihm den freien Willen erwecke , gern zu gehorchen .
Wie dies möglich zu machen sei , das soll noch , zur Erbauung aller Regenten , in diesen Blättern gezeigt werden , und ich zweifle nicht , einer von ihnen wird mich für dies Rezept mit einer kleinen jährlichen Pension von einem paar tausend Tälerchen belohnen .
Unter den zahlreichen Geschenken , die sie aus fremden Beuteln nehmen , würde dieses , denke ich , nicht am schlechtesten angelegt sein ;
und ich will ihnen dann nie wieder ein Rezept aufdringen .
Dritter Abschnitt Dritter Abschnitt Anwendung dieser Sätze auf die französische Revolution Lasset uns nun , was ich von den großen Staatsumwälzungen überhaupt gesagt habe , auf die französische Revolution anwenden !
Unvermeidlich war sie , vorauszusehn war sie , mit allen ihren fürchterlichen Folgen ;
das wird jetzt jeder Geschichtsforscher und Philosoph zugestehn müssen ;
aber dergleichen mit klaren Worten voraus zu verkündigen , das ist eine kitzlige Sache , besonders in despotischen Staaten .
Seit Jahrhunderten seufzte Frankreich unter dem Drucke des fürchterlichsten orientalischen Despotismus .
Bekannt genug sind die greulichen Schandtaten , die verheerenden Kriege und die innerlichen Unruhen , durch welche die Regierung der mehrsten Könige aus dem , besonders die des blutdürstigen und des verächtlichen , sich auszeichnete .
Der große , edle Heinrich genoß der ruhigen Tage zu wenige , um seinem armen Volke wieder aufzuhelfen ;
aber er lebte lange genug , um dies Volk mit der Glückseligkeit , einen guten und weisen König zu haben , bekannt zu machen , damit es desto lebhafter den Kontrast dieser Zeiten mit den vorigen und nachherigen Regierungen fühlen möchte ;
und so gab er selbst der Nation den Unterricht , was sie von ihren Königen einst fordern , das Beispiel , worauf sie ihre Monarchen einst hinverweisen könnte .
Die männlichen und weiblichen Vormünder des bis zu seinem Tode minderjährigen , schwachen verschafften Frankreich Ansehn von außen und Armut , Sklaverei und Zerstörung aller Moralität von innen .
Auf die tiefste Stufe der Erniedrigung aber wurde die Nation durch den und nachher durch den kindisch eiteln Tyrannen , der sich den Beinamen des großen Ludwigs geben ließ , herabgestürzt .
Die Regierung dieses abscheulichen Menschen war eine ununterbrochene Reihe von glänzenden Niederträchtigkeiten , Grausamkeiten und Verwüstungen .
Er spielte mit dem Leben , dem Eigentume , der Ehre , der Freiheit , der ganzen bürgerlichen , physischen , moralischen und intellektuellen Existenz seiner Mitbürger .
Kaum hatte der magre Aachensche Frieden dem Blutvergießen eine Ende gemacht , so fing er , ohne alle andre Ursache , als weil er seinem Nebenbuhler um Ruhm , , die Größe beneidete , welche er nicht erreichen konnte , einen neuen Krieg an , der mit dem für Frankreich ebenso nachteiligen Ryswickischen Frieden geschlossen wurde .
Jeder Staat , der seinem niedrigen Hochmute ein Opfer versagte , wurde von ihm geneckt , angegriffen und von seinen zu einem Schauplatze grausamer Ermordungen , Verheerungen und Mordbrennereien gemacht .
Das nannte er dann Siege und ließ sich dafür von feilen Dichtern lobpreisen und von Malern und Bildhauern der Verachtung der freien Nachwelt ausstellen .
Indes Hunderttausende in seinem Namen erwürgt wurden , bauete er asiatische Paläste , in denen er mit Histrionen , Schranzen und geilen Weibern Ballette tanzte und Unzucht trieb .
Ihm waren beschworne Verträge und das königliche Ehrenwort Kinderpossen , und gleich als wenn ihm die weltlichen Händel nicht Gelegenheit genug gegeben hätten , wie ein reißendes Tier unter friedlichen Menschen herumzufahren , riß er den grausamen und heuchlerischen Pfaffen den Dolch und die Fackel des Fanatismus aus der Hand und stürzte damit unter seine treuesten und fleißigsten Untertanen , von denen indes der fünfte Teil doch seiner Mordlust glücklich entwischte , auswanderte und Wohlstand und Segen mit sich fort in fremde Provinzen trug .
Allein seine Lieblingswaffen waren unredliche Politik , Kabale , Ränke und Bestechungen ;
mit diesen verbreitete er Mißtrauen und Zwist an auswärtigen Höfen und tötete edle Gesinnungen und große Gefühle in den Herzen seiner Untertanen .
Noch galt er für einen eminenten , glänzenden , gefürchteten Bösewicht ;
aber auch diesen Schimmer von Größe nahm das Glück ihm im Spanischen Sukzessionskriege , in welchem seine nur für seine Eitelkeit fechtenden Heere fast immer geschlagen , seine Provinzen entvölkert und die Schulden gehäuft wurden .
Am Ende seiner Tage blieb dem Elenden keine andre Wonne übrig , als , umgeben von Bettlern , mit der alten Vettel , die er sich hatte zum Eheweibe aufschwätzen lassen , die Sünden , die er gern noch länger begangen hätte , am Rosenkranze abzubeten .
Sprechet , was hatte dieser Bösewicht vor den Vitellien , Diokletiane und Heliogabeln voraus ?
Oh !
er stand tief unter ihnen .
Diese schwachen Tyrannen konnten doch noch einen Teil ihrer Schuld auf das Glück und die Verblendung eines Volks schieben , das sich vergriffen hatte , als es ihnen ein Los zuteilte , dessen sie sich so unwürdig zeigten ;
auch war die Stimmung des damaligen Zeitalters rauher ;
aber Ludwig , mit den herrlichsten Anlagen , wenigstens zum Privatmanne , von der Natur ausgerüstet , unter einer Nation und in einer Periode geboren , die sich durch mildere Sitten auszeichneten , ein Liebhaber und Kenner der schönen Künste – nein !
von ihm kann nichts den Fluch abwenden , den soviel Millionen Menschen seinem Andenken nachschicken .
Man könnte sich wundern , daß nicht schon damals die französische Nation aus dem fürchterlichen Schlafe erwachte , in welchen der Despotismus sie hineinmanipuliert hatte , daß sie nicht schon damals aufsprang und die unnatürlichen Fesseln abschüttelte , wenn man nicht Rücksicht nehmen müßte auf ihren herrschenden Charakter und auf das Zusammentreffen vieler Umstände .
Sie war von jeher gewöhnt , einem einzelnen Beherrscher zu gehorchen , hielt dies für die Ordnung der Natur , liebte enthusiastisch die monarchische Verfassung und ihre Könige ;
der äußere Glanz der Taten , wodurch sie sich , obgleich als Maschine eines hochmütigen , eiteln Toren , in den ersten glücklichen Kriegen verherrlichte und andre Völker demütigte , kitzelte den Nationalstolz ;
der Leichtsinn , der den Franzosen so eigen ist , ließ sie das Elend nicht wahrnehmen , in welches sie nach und nach hineingezogen wurden .
Der Prunk der Schauspiele und Feste blendete ihre Augen , wirkte auf ihre Sinnlichkeit , riß die Bürger aller Klassen in einen Strudel von Zerstreuungen hinein .
Sie sangen , witzelten und tanzten den Hunger weg .
Noch herrschte in dem an Hülfsquellen so reichen Frankreich keine so allgemeine Not , die nicht irgendeine komische Seite gehabt hätte , auf welche ein lustiger Franzose ein Epigramm machen konnte ;
und dann lachte das ganze Volk mit .
Die ärgsten Räsoneurs schwiegen auch oder wurden gar in Lobredner verwandelt , wenn sie einen Brocken von der allgemeinen Beute erhaschten , sich durch Kreaturen von Kreaturen ein Ämtchen oder ein Jahrgeld erbetteln konnten ;
ein großer Teil der Nation vergaß das Murren unter dem Geräusche der Waffen – und , kurz , die ärgsten Wirkungen des despotischen Unfugs wurden erst unter den folgenden Regierungen recht , sichtbar .
Die Regentenschaft des vollendete den Ruin und die Korruption des französischen Volks , und seine Administration zeichnete sich durch Bubenstücke und Laster aller Art aus , obgleich er selbst mehr ein schwacher Wollüstling als ein unternehmender Bösewicht war .
Zeiten sind uns noch so nahe ;
die Inkonsequenzen und Abscheulichkeiten dieser Regierung , die Diebstähle aller öffentlichen Staatsbedienten , die in den gesegnetesten Jahren durch die königlichen Getreidepächter künstlich erregte Hungersnot , die greuliche Finanzverwaltung , die höllische Wirtschaft der raubgierigen und ränkevollen Mätressen , die mutwillig verlornen Schlachten , in welchen tapfre Krieger von unbärtigen Knaben , von unwissenden Kreaturen der und von erkauften Schurken auf die Schlachtbank geliefert wurden , die heimlichen Einkerkerungen und Ermordungen edler Männer , die
das Unglück hatten , den Haß der verschwornen Rotte auf sich zu laden , die lettres de cachet , die heillosen Verschwendungen – das alles ist uns noch in frischem Andenken .
Und so erbte dann der arme , gutmütige den Thron , auf welchem er ein Volk beherrschen sollte , das in Not , Armut und Verzweiflung schmachtete ;
der Staat war mit Schulden belastet , das tiefste Verderbnis der Sitten in allen Ständen verbreitet , die wichtigsten Ämter im Reiche hatte man an Bösewichte verhandelt , die tausendmal des Galgens wert waren , an welchem einige von ihrer Bande nachher ihre rühmliche Laufbahn geendigt haben ;
der Adel übte ungestraft die ärgste Tyrannei gegen den unglücklichen Bauernstand ;
aus Mangel an Geld und Kredit ruheten die mehrsten Nahrungszweige , die dem Bürger hätten aufhelfen können , bei welchem noch obendrein der verheerende Luxus die unnützen Bedürfnisse vervielfältigt hatte ;
nur der verächtlichste Teil derselben , der sich in den Hauptstädten von diesem Luxus nährte , erschwang sich so viel , daß er den Großen in ihrer Verschwendung nachahmen konnte ;
die Erpressungen aller Art gingen indessen fort ;
die Auflagen waren unerträglich und unnatürlich ;
die Geistlichkeit steuerte nichts und verschwelgte in sittenloser Üppigkeit , was der unglückselige Landmann im Schweiße seines Angesichts und mit heißen Tränen herbeischaffte .
Der Frieden gab der Nation Muße , diesem allen nachzudenken ;
das Volk durch Feste zu übertäuben , dazu fehlte es auch an Mitteln ;
was aber vollends die fürchterlichsten Folgen prophezeiete , war die durch den Despotismus selbst beförderte , nun täglich allgemeiner sich ausbreitende Aufklärung .
Eine gewisse räsonierende Philosophie , die , wenn sie , unter weniger unglücklichen äußern Umständen , von Einfalt der Sitten begleitet ist , die Menschen lehrt , mit ihrem Zustande zufrieden zu sein , unvermeidliche Widerwärtigkeiten zu ertragen , den Mangel an Wohlstand durch verdoppelte Mäßigkeit zu ersetzen und ihre innere Gemütsruhe nicht durch gefährliche Plane auf eine ungewisse Zukunft zu stören , diese Philosophie , sage ich , hatte einen Anstrich von Bitterkeit angenommen .
Sie öffnete dem Volke die Augen über seinen verzweifelten Zustand , erweckte in ihm das Gefühl , nicht länger mehr die schändlichsten Mißhandlungen ertragen zu können ;
man fing an , über ursprüngliche Menschenrechte , über den Beruf der Könige , über die Gültigkeit der Privilegien des Adels und über Pfafferei und Hierarchie laut zu reden und zu schreiben .
Indessen hofft man immer alles von jeder neuen Regierung ;
also erwartete man auch von Milderung des allgemeinen Elendes , Abschaffung der Mißbräuche – aber man wartete lange vergebens .
Was er hätte tun können und sollen , was die Königin zum Besten gewirkt hat oder nicht gewirkt hat , ob man die Finanzen besser verwalten , den unnützen Aufwand einschränken , redlicher und offner hätte verfahren können , darüber lasset uns jetzt nicht räsonieren !
– genug !
dem Jammer wurde nicht abgeholfen , und die Unruhe und die Gärung nahmen zu .
Nun berief man denn endlich die Stände des Reichs ;
allein von der einen Seite waren schon die Forderungen der lange Zeit mißhandelten , oft getäuschten sogenannten untern Stände zu hochgespannt , von der andern schienen Adel und Geistlichkeit gar nicht zu ahnden , daß die Zeit , Übermut zu zeigen , ererbte Verdienste gelten zu machen und durch Verjährung geheiligte Mißbräuche aufrechtzuerhalten , verstrichen wäre .
Man sprach wohl von freiwilligen , ansehnlichen Beiträgen , von großmütigen Aufopferungen , aber der fand diese Sprache nicht mehr passend .
Er war nicht mehr zu überzeugen , daß er , der größere , wichtigere und arbeitsame Teil der Nation , geboren sein könnte , länger die untergeordnete Rolle zu spielen , sich taxieren , sich im Blinden führen , sich nicht nach bestimmten Gesetzen , sondern nach Willkür regieren zu lassen .
Alles Zutrauen , aller guter Wille war verschwunden – mögen immerhin bösgesinnte Stürmer das Feuer angeblasen haben !
Genug , dies Feuer war da , glimmte in allen Ecken , mußte unvermeidlich einmal mit Ungestüm ausbrechen .
Was für Auftritte nachher erfolgt sind , das ist bekannt genug – noch einmal !
ich vermesse mich nicht , darüber zu urteilen , und glaube nicht , daß irgend jemand , bei der Lage der Sachen , sagen dürfe , .
Ich glaube , daß die Anarchie kein Werk einzelner Aufrührer , sondern die unvermeidliche Folge der abscheulichen Behandlung ist , durch welche man das Volk aufs äußerste getrieben hatte .
Ich glaube endlich , daß die Deputierten zwar ihre Vollmachten überschritten sind , daß sie aber dem Geiste des größten Teils der Nation gemäß gehandelt haben und daß , wenn sie weniger getan hätten , neue Empörungen gefolgt sein würden , bis doch alles endlich auf diesen Punkt des allgemeinen Umsturzes alles dessen , was irgend mit der ehemaligen Staatsverwaltung zusammenhing , gekommen sein würde .
Dies alles wird schon dadurch bestätigt , daß das Volk freiwillig zu Deputierten der zweiten Versammlung noch eifrigere , kühnere Männer ( oder vielmehr , leider !
Jünglinge ) gewählt hat , welche die Einschränkungen der königlichen Gewalt noch viel weiter treiben .
Schwerlich hätte man zum Beispiel , bei der jetzigen Stimmung , die Einrichtung von zwei Kammern , wie in England , zustande gebracht ;
und wäre es geschehn , so würden bald die dem Despotismus und den vorigen Mißbräuchen ergebnen höhern Stände neue Trennungen bewirkt haben – so glaube ich ;
aber ich verlange nicht , irgend jemand zu meinem Glauben zu bekehren .
Über diese Revolution , über die neue Konstitution und über die Schritte der Nationalversammlung muß man jetzt so manche widersprechende Urteile hören und lesen , daß man in der Tat immer vorsichtiger in seinen Entscheidungen werden sollte .
Von einer Seite schildert man uns diese große Begebenheit als das Werk der verachtungswürdigsten , eigennützigsten Bösewichte , Aufrührer und Königsmörder , verschworen , das ganze Reich in Elend und Verwirrung zu stürzen , um im trüben zu fischen .
Man schildert uns die Beschlüsse der Deputierten als ein Gemische von schreienden Ungerechtigkeiten und törichten Hirngespinsten und die Ausschweifungen des Pöbels als unerhörte , nie gesehene Greuel , planmäßig von den Verschwornen veranstaltet .
Endlich prophezeiet man dem armen Frankreich den gänzlichen Ruin oder eine nahe bevorstehende Umkehrung der Dinge durch eine Contre-Revolution und die Einmischung der übrigen europäischen Mächte .
Von der andern Seite erheben die Freunde der Revolution dieselbe , mit allen ihren schon erlebten und noch zu erlebenden Folgen , bis in den Himmel .
Sollen wir ihnen glauben , so ist , solange die Welt steht , noch keine größere , der Menschheit wichtigere und wohltätigere Begebenheit vorgefallen .
Sie lassen uns alle dabei verübten Gewalttätigkeiten als notwendige , durch die Größe des Zwecks geheiligte Mittel ansehn .
Sie schildern uns die Männer , bei diesen Unternehmungen vorangegangen sind , als die edelsten , weisesten , uneigennützigsten , kraftvollsten Helden und Philosophen und verkündigen nicht nur der französischen Nation von jetzt an die ruhigste , glücklichste Periode , ein Goldnes Zeitalter , sondern allen übrigen europäischen Staaten eine baldige Nachfolge .
Die gemäßigtere Partei billigt den Zweck , tadelt aber die Mittel oder findet , daß man im ganzen zu weit gegangen sei , oder hofft , daß diese allgemeine Gärung nach und nach alle Gemüter zum Frieden geneigt machen , daß man von beiden Parteien die Saiten herabstimmen und am Ende eine monarchische Staatsverfassung wieder herstellen werde , doch also , daß die Gewalt des Königs und der Minister , durch die Mitwirkung gewisser Volksrepräsentanten , beschränkt sei .
Nur wenige sind weise genug , sich aller entscheidenden Urteile zu enthalten , das , was geschehn ist , wie unvermeidliche Folge vorhergegangener Mißbräuche zu betrachten und die beste Entwicklung von der gütigen und weisen Vorsehung zu erwarten .
Wundern wir uns nicht über die große Verschiedenheit dieser Meinungen !
Selbst zwei gleich unparteiische , gleich einsichtsvolle Reisende können , was sie während dieser Unruhen in Frankreich sehen , aus sehr verschiednen Gesichtspunkten betrachten .
Der eine , wie zum Beispiel der , durchreist , ehe er den französischen Boden betritt , Gegenden , in welchen von allen Seiten der Anblick der Not , der Niedergeschlagenheit , der Sklaverei , welche des armen Landmanns Erbteil in so manchen Provinzen sind , und des Übermuts und der willkürlichen Anmaßungen der höhern Stände sein moralisches Gefühl empört hat ;
und nun wird er auf einmal auf einen Schauplatz versetzt , wo ein von der eben mühsam errungnen ( wahren oder , wäre das auch , eingebildeten ) Freiheit wonnetrunkenes Volk ihm entgegenjubelt ;
wo er , im Geräusche dieser allgemeinen Trunkenheit , keinen Seufzer , keine Klage hört , wo die ganze Nation , zu einem herrlichen Feste vereinigt , in dem Augenblicke der Berauschung alle Privatuneinigkeiten und allen Parteigeist vergißt , wo Freund und Feind Hand in Hand um den Altar der Freiheit den Reihen tanzen und wo er , in diesem ungeheuren Gewühle , doch auch nicht eine einzige Szene von Unordnung oder Gewalttätigkeit wahrnimmt , ohne welche in monarchischen Staaten selten das Geburtsfest irgendeines der Menschheit sehr unwichtigen und unnützen Großen gefeiert werden kann – wen kann es
befremden , wenn dieser Mann , bezaubert von dem vorher noch nie genossenen einzigen Anblicke in seiner Art , von einem Anblicke bezaubert , der den gefühllosesten Menschenfeind mit Wonne und Bewunderung erfüllen müßte , wenn dieser Mann , sage ich , sein Herz sich er weitern fühlt und diese Empfindung sich in ihm erneuert , indem er die Szenen schildert , wobei er ein Zeuge gewesen , wenn er dann mit Wärme einer Revolution das Wort redet , die wenigstens nach dem , was er gesehn und gehört hat , soviel Millionen Menschen glücklich und froh macht ?
– Wehe dem verächtlichen Sklaven , der deswegen von dem Kopfe oder von dem Herzen dieses Mannes nachteilig urteilen oder gar es versuchen wollte , ihn , wegen einiger kühnen Ausdrücke oder einiger vielleicht ( doch nur vielleicht ) übertriebnen Deklamationen , verdächtig oder lächerlich zu machen !
1 Ein andrer , nicht weniger hellsehender Reisender kömmt in eine französische Stadt , wo grade der noch nicht beruhigte Pöbel sich gegen wahre oder vermeintliche Unterdrücker Grausamkeiten aller Art erlaubt , den Gesetzen und der Polizei trotzt , die jugendliche Kraft und die ihm noch neue Freiheit mißbraucht , wie Jünglinge , die eben dem Schulzwange entkommen sind , ihre Unabhängigkeit zu mißbrauchen pflegen ;
er eilt erschüttert hinweg von diesem Schauplatze blutiger Gewalttätigkeiten ;
auf der Rückreise schließt sich einer von denen an ihn , die bei der Revolution , vielleicht ohne alle Schuld , Vermögen , bürgerliche Ehre und Sicherheit eingebüßt haben .
Dieser unterhält ihn mit den schrecklichen Auftritten , die in seiner Provinz vorgehen ;
mit Tränen in den Augen schildert er ihm die Not seiner verlassenen , ehemals wohlhabenden , nun dürftigen , unglücklichen , flüchtigen Familie , die zerstörten Paläste , die Wohnungen , wo sonst Frieden und häusliches Glück zu Hause waren , jetzt in Steinhaufen verwandelt , auf denen man unschuldige Bürger mordet – befremdet es euch , wenn dieser Reisende ein Bild von der französischen Revolution entwirft , das jenem wie die Hölle dem Himmel ähnlich sieht ?
Allein nicht nur in der Verschiedenheit der einzelnen Szenen , die ein Fremder in Frankreich wahrnehmen kann , je nachdem er zu dieser oder zu einer andern Zeit , in dieser oder einer andern Provinz seine Bemerkungen sammelt , liegt der Grund des Widerspruchs in den Urteilen über die französische Staatsumwälzung , sondern auch in den Verhältnissen , Stimmungen und herrschenden Ideen der Menschen selbst , die darüber reden und schreiben .
Wer bis dahin eine Herrschersrolle gespielt hat und nicht ganz gewiß ist , daß , sobald es auf freiwillige Wahl ankäme , die Untergebnen lieber ihm als einem andern gehorchen würden , der zittert vor der Möglichkeit , daß man ihm , wenn der Revolutionsgeist allgemein würde , diese Hauptrolle abnehmen und eine untergeordnete anweisen könnte .
Deswegen gibt es unter den großen und kleinen Monarchen so wenige , die auf die neue Ordnung der Dinge gut zu sprechen sind – vom und Zepterführer an bis auf den Schulmonarchen herab , der fürchtet , die Discipuli möchten ihm den Baculum aus der Hand winden .
Fast alle bei den alten Einrichtungen interessierte , an empfangne Huldigung und passiven blinden Gehorsam gewöhnte Personen reden der willkürlichen Gewalt das Wort .
Personen , die in solchen Ämtern und Würden stehen , welche man in freien Staaten für unbedeutend , unnütz oder gar für verächtlich und schädlich hält , Hofschranzen und andre besoldete , pensionierte und bepfründete Müßiggänger , können den Gedanken nicht ertragen , daß ein System Anhänger finden möchte , das ihre ganze Existenz vernichtet , indem es nur dem Fleiße und dem wahren Verdienste Achtung , Vorrechte und Vorteile einräumt :
Solche Fürsten und Edelleute , die sich bewußt sind , daß sie gar nichts mehr sein würden , wenn sie aufhören sollten , Fürsten und Edelleute zu sein ;
Auch manche bessere , verdienstvollere Männer unter diesen , die aber von Jugend auf mit den Vorurteilen ihres Standes aufgewachsen und gewöhnt sind , Dinge , deren Wert jetzt in Frankreich gänzlich verrufen ist , wo nicht wie Schätze voll inneren , echten Gehalts , wenigstens wie eine durch den Stempel der Konvention gewürdigte , nützliche Ware zu betrachten ;
Geadelte Bürger und alle solche Personen , die es sich haben Mühe und Geld kosten lassen , in eine Klasse hinaufzurücken , mit Ständen in Verbindung zu kommen , die sie außer dem vielleicht verachten würden ;
Hohe und niedre Geistliche aller Bekenntnisse , die so gern Religion und Gottesverehrung , Theologie , Dogmatik , Kirchensystem und Christuslehre miteinander verwechseln , ihr Amt zu einem besondern Stande im Staate erheben und ihre Sache zur Sache Gottes machen ;
Solche Menschen , die überhaupt gegen jede Neuerung eingenommen sind und es gern beim alten lassen ;
Schmeichler , feile , kriechende Schriftsteller , wie der elende in Wien einer ist , und alle solche Insekten , die unbemerkt herumkriechen und sich fürchten müßten , zertreten zu werden , wenn sie sich nicht in das Unterfutter der Großen dieser Erde einnisteten ;
an Leib und Seele arme Schlucker , die sich von den Brosamen nähren , welche von der Herren Tische fallen ;
Gutmütige , furchtsame , mitleidige , gefühlvolle und sanguinische Menschen , welche durch die Schilderung der verübten Gewalttätigkeiten erschüttert und empört werden ;
Untertanen guter Fürsten , besonders in dem nördlichen Teile von Teutschland , die , unter milden Regierungen , bei dem ruhigen Genusse ihres Eigentums und ihrer Freiheit , gar keinen Begriff vom Despotendrucke haben und – oh !
der glücklichen Unwissenheit !
– das Bedürfnis einer andern Verfassung nicht kennen .
Alle diese stimmen mehr oder weniger lebhaft die allgemeine Meinung gegen die französische Revolution .
Man kann ihnen , was die nachteiligen Eindrücke betrifft , welche sie bewirken , noch diejenigen zugesellen , die aus unvernünftigem Eifer , ohne Kenntnis der Sache , aus unbändigem Freiheitssinne , aus ungerechter Unzufriedenheit mit den Regierungen , welche nicht so hohe Begriffe wie sie selbst von ihren Verdiensten haben , sich unberufen zu ungeschickten Verteidigern aufwerfen .
Man sollte meinen , die neue Verfassung müßte in republikanischen Staaten die eifrigsten Verfechter finden ;
allein es zeigt sich fast allgemein das Gegenteil .
In England affektierte man anfangs , dieser großen Begebenheit gar keine Aufmerksamkeit zu widmen .
Erst in der Folge hat man mehr Wärme für die Sache besonders unter denen wahrgenommen , die mit den jetzt in England einreißenden Mißbräuchen in der Verfassung unzufrieden sind .
Dagegen hat sich der durch eine Schmähschrift , in welcher er seine großen Talente zu falscher Darstellung und Verdrehung offenbarer Tatsachen mißbraucht , die Gunst des Ministers erbettelt , um ein Jahrgeld zu erlangen , das er zu teuer mit der allgemeinen Verachtung erkauft .
Die Widerlegung , womit der edle Paine ihn zu Boden geschlagen hat , verdient von Freunden und Feinden der Revolution gelesen zu werden .
Was man in Holland über diese Gegenstände urteilt , kann kaum hierher gehören ;
denn die Vereinigten Niederlande haben jetzt weniger als jemals eine republikanische Verfassung .
In der Schweiz sind die großen aristokratischen Kantons , wie sich's begreifen läßt , gegen die Sache , und die kleinern , glücklichen freien , halten sich wenig mit politischen Räsonnements über fremde Verfassungen auf .
In den italienischen Freistaaten herrscht ein Ton in der Staatsverwaltung , der zu den in Frankreich angenommenen Grundsätzen gar nicht passen will .
Unter den teutschen kleinen Freistaaten ist vielleicht Hamburg der einzige , wo man sehr viel warme Bewundrer der neuen französischen Verfassung findet .
Im ganzen scheint der Nationalstolz der Republiken , bei dem Genusse ihrer errungnen Freiheit , andern Ländern eben auf die Weise den Besitz dieses Guts zu mißgönnen , wie ein Kavalier von alter Familie dem Parvenü und dem geadelten Bürger nicht gewogen zu sein pflegt .
Diese Bemerkungen treffen aber auf keine Weise die Vereinigten Staaten von Nordamerika ;
denn dort herrscht allgemeine Wärme für die französische Revolution .
Gegenseitige Dankbarkeit knüpfen beide Nationen aneinander – edle Gefühle , die in despotischen Staaten von Eigennutz und Politik erstickt , aber da heiliggehalten werden , wo wahre Tugend allein Anspruch auf Achtung und Ehrerbietung geben kann !
In Amerika haben die Franzosen den Wert der Freiheit kennengelernt , und dort hat sich einer ihrer ersten Männer , ja , gewiß einer der edelsten Männer in der Welt , Fayette , ausgebildet .
Von der andern Seite verdanken die nordamerikanischen Staaten größtenteils den Franzosen ihre errungene Unabhängigkeit .
Gegen die Menge derer nun , die wir als nicht unparteiische Gegner der französischen neuen Verfassung angeführt haben , kann der Haufen derer , die in Europa davor eingenommen sind , freilich nur sehr klein sein , und selbst unter diesen können wir die nicht für kompetente Richter gelten lassen , welche , ohne eigentliche Überlegung und ohne Kenntnis der Sache , aus blindem Feuerreifer für alles Neue und Außerordentliche , die Partei jeder Umkehrung der Dinge nehmen .
Solche Menschen schaden auch der besten Sache durch ihr Lob .
Wie unbeträchtlich bleibt daher nicht die Anzahl der unparteiischen und gründlichen Beurteiler jener wichtigen Begebenheit , und wie wenig beweist die größere oder kleinere Anzahl der Tadler oder Verteidiger vor oder gegen dieselbe ?
Es bleibt noch eine dritte Klasse von Menschen übrig , nämlich die , welche ihre Meinung darüber gar nicht sagt .
Sie besteht teils aus Furchtsamen , die es mit keiner Partei verderben wollen , teils aus solchen , die sich über nichts bestimmt zu erklären pflegen , sondern die schafsköpfige Gewohnheit haben , es immer erst abzulauern , wie eine Sache ausfallen wird , und dann hintennach zu versichern , das hätten sie gleich also vorausgesehn .
Ich glaube nun hinlänglich erwiesen zu haben , daß jetzt noch jedes bestimmte Urteil über das , was in Frankreich geschehn und was davon zu erwarten ist , übereilt sein würde .
Man wende dagegen nicht ein , daß wir offenbare Tatsachen vor uns haben , nach denen wir unsre Meinung berichtigen können !
Diese Tatsachen werden uns von Zeitungsschreibern , Journalisten und andern Schriftstellern oft äußerst unvollständig , verstümmelt und entstellt vorgetragen .
Nicht jeder will , nicht jeder darf schreiben , wie und was er gern schreiben möchte .
Vielen von diesen Nachrichten fehlt es durchaus an historischer Glaubwürdigkeit ;
durch die Art der Darstellung kann jedes Faktum eine ganz andre Gestalt gewinnen .
In Frankreich kann jetzt fast nicht ein einziger Mensch für einen unbefangenen Zuschauer gehalten werden ;
der Reisende sieht die größern Wirkungen , aber selten die kleinen Triebfedern ;
und wenn er uns diese so schildert , wo er sie sich denkt oder wie ihm andre Leute die Sache vorgestellt haben , uns aber den Beweis schuldig bleibt – ein Fehler , den einige Schriftsteller bei Erzählung der merkwürdigen Vorfälle vom fünften und sechsten Oktober begangen haben !
– , so darf man wohl auf alle Weise vor zuviel Leichtgläubigkeit und voreiliger Beurteilung warnen .
Alles , was ein unparteiischer Mann sich daher erlauben darf , diese große Begebenheit zu sagen , wird , meiner Meinung nach , sich ungefähr auf folgendes einschränken müssen :
Die französische Revolution wurde unvermeidlich herbeigeführt durch eine Kettenreihe von Begebenheiten und durch die Fortschritte der Kultur und Aufklärung .
So , wie die vorige Regierungsverfassung war , konnte sie , bei dermaliger Stimmung der Nation , nicht bleiben , Verkehrte Maßregeln , welche die Hofpartei gleich anfangs nahm , erbitterten das Volk , vermehrten das Mißtraun und bewirkten Gewalttätigkeit .
Die Lebhaftigkeit des Nationalcharakters ließ voraussehn , daß nun schnelle und rasche Schritte folgen müßten , und es würde albern sein , bei allen diesen Umständen von Franzosen etwas anders zu erwarten .
Alle Gewalttätigkeiten aber , die vorgegangen sind , alle Ermordungen , alle Plünderungen , Mordbrennereien , Ausschweifungen und überhaupt alle gesetzlose Handlungen sind , in Vergleichung mit den Unordnungen und Greueln , womit von jeher ähnliche , ja , viel geringre Vorfälle bezeichnet gewesen , für nichts zu rechnen .
Diese Revolution ist eine große , beispiellose und , sie falle aus , wie sie wolle , sie sei rechtmäßig oder widerrechtlich unternommen worden , der ganzen Menschheit wichtige Begebenheit .
V Am folgenden Morgen saß Alice mit ihrer bleichen am Fenster und sah gedankenlos in den trüben Nebel hinein , der sich zwischen die Häuser der Straße gedrängt hatte .
Lydia war mit einer Handarbeit beschäftigt ;
man hätte sie für theilnahmlos halten können , wenn sich nicht bei jedem Seufzer , der unbewußt den Busen ihrer gütigen Beschützerin hob , ihr großes feuchtes Auge einen Augenblick auf das Gesicht der Letztern gehoben hätte .
Alice konnte diese Blicke nicht bemerken , da sie halb abgewendet von Lydia hinausschaute ;
auch war sie gewohnt , Lydia so sehr mit sich selber beschäftigt zu wissen , daß sie sich in ihrer Gegenwart weniger , als sonst ihre Gewohnheit war , Zwang auferlegte .
Nicht als wenn Alice vor Andern , selbst vor Männern , ihre Seufzer stets unterdrückt hätte – aber sie that es dann gewiß nicht unwillkürlich , am wenigsten ohne Bewußtsein .
Sie setzte ihren Stolz darein , stets Herrin ihrer selbst zu sein ;
denn sie wußte , daß die Herrschaft über sich selbst zugleich die erste Bedingung und die sicherste Garantie für die Herrschaft über andere war .
– Noch eine dritte Person , die wir fast vergessen hätten , befand sich im Zimmer :
Salvador .
Er hatte sich in dem entferntesten Winkel niedergekauert und klimperte auf einer alten Mandoline eine spanische Romanze .
Sein dunkler Blick war starr auf Lydia gerichtet , die ihn entweder nicht bemerkte oder – vielleicht aus dem Gefühl , daß sie dem seinigen begegnen würde – ihr Auge absichtlich nicht nach dem Winkel richtete .
Alice fuhr plötzlich vom Fenster zurück , so daß Lydia erschreckt nach der Ursache fragte .
– – – bemerkte Lydia – – – sagte halblaut Alice , als stelle sie diese Frage an ihre eigene Erinnerung .
– – Alice winkte auf die Straße hinab .
Lydia verließ das Zimmer .
Salvador hörte auf zu summen und zu klimpern .
Bald darauf klopfte es leise aber hastig an der Thüre , und ein zitterndes junges Mädchen stand auf der Schwelle .
– – sagte Alice mit jenem Zauber , welchen das Mitleid in der weiblichen Brust erzeugt .
– Anna hatte gleich bei dem ersten Ton von Alicens Stimme den Kopf erhoben ;
eine tiefe Röthe überfluthete ihre bleichen abgehärmten Züge .
– Einen Schrei , halb von der Angst , halb von Freude ausgepreßt , ausstoßend , stürzte sie auf die schöne Frau zu und warf sich stumm zu ihren Füßen , die sie mit ihren Armen umklammerte .
– – – – – – – brachte sie endlich mit Mühe hervor .
Alice erbleichte .
– – – erzählte Anna , ihre noch immer reichlich fließenden Thränen trocknend – Alice hatte sich erhoben und ging mit hastigen Schritten im Zimmer auf und ab .
– – – sagte Anna und erzählte den gestrigen Vorfall mit dem von Möller empfangenen Goldstück .
– – – murmelte Alice , die durch den Grund der Verhaftung indeß ziemlich beruhigt wurde ;
obschon es nicht unmöglich war , daß man einen andern Verdacht gegen Ralph geschöpft hatte und ihn durch dieses Mittel unschädlich machen wollte .
– Sie schickte Salvador zu Gilbert mit der Aufforderung , sogleich zu ihr zu kommen .
– – tröstete sie Anna – – fragte Anna schüchtern .
– – – – fragte Alice , die von der neuen Namensveränderung Gilberts nicht wußte .
Anna sah Alicen verlegen an .
Sie wußte von ihrem Bruder , daß Möller und Gilbert ein und dieselbe Person seien , zweifelte aber zugleich daran , ob sie dies , Alicen gegenüber , eingestehen sollte .
Alice , welche die Wahrheit ahnte , half ihr aus der Verlegenheit .
Anna , erfreut über diese unerwartete Wendung der Dinge , küßte dankbar die Hand Alicens , als draußen Schritte hörbar wurden und bald darauf Gilbert , gefolgt von Salvador , eintrat .
Ersterer sah erhitzt und angegriffen aus .
Er warf sich nach einem flüchtigen erschöpft auf einen Stuhl .
Was konnte diesen kalten Menschen so aufgeregt haben ?
Diese Frage lag in Alicens halb spöttischen , halb besorgten Blicken .
– unterbrach sie endlich das peinliche Schweigen .
– – murmelte er , nur Alicen verständlich .
– – – – – – – – – – fragte mit ironischem Mitleid Alice , deren Augen bei dieser Nachricht einen eigenthümlichen Glanz annahmen .
– – – – Gilbert warf , indem er diesen Namen aussprach , einen Blick auf Alicen , der eine Verläumdung gegen den Bruder Annas enthielt .
Diese schien ihn nicht verstehen zu wollen .
– – sagte sie kalt .
– Gilbert erbleichte .
– fragte er mit unsicherem Tone .
In diesem Augenblick bemerkte er Anna , die bei seinem Eintritt sich zurückgezogen hatte .
– – Dann wandte sie sich zu Anna :
Gilbert und Anna verließen die Wohnung .
Alice eilte mit einer schnellen Bewegung ins Nebenzimmer , aus dem sie nach wenigen Minuten als junger Mann heraustrat .
Salvador , der Alicen noch nie in Männerkleidung gesehen , riß vor Ueberraschung eine Seite auf seiner Mandoline entzwei und starrte mit offnem Munde auf die plötzliche Erscheinung , bis die Stimme Alicens , die ihm eine Kutsche zu rufen befahl , ihn seines Irrthums überführte .
rief sie dem Kutscher zu , welcher ihr die Fahrmarke in den Wagen reichte .
– Nach einer kurzen Fahrt war sie am Hotel angelangt , und von dem vertrautesten Kammerdiener des Prinzen in einen Gartenpavillon geführt .
Hunderterlei blühende exotische Gewächse füllten das phantastisch geschmückte Zimmer , mit einem fast betäubenden narkotischen Wohlgeruch an .
Der Prinz in einem orientalischen Kostüm , das ihm als Negligee diente , war in halbliegender Stellung auf einer Ottomane hingestreckt und über ihn hin breiteten mächtige Faisenpalmen ihre eleganten , fußbreiten Blätter aus .
Der vor ihm stehende milchweiße Marmortisch war mit einer Menge Zeitungen und Journale bedeckt .
Beim Eintritt Alicens erhob sich der Prinz und führte sie schweigend zur Ottomane .
Alice warf einen Blick auf den Zaubergarten , der sie umgab und seufzte .
Es war nicht das erste Mal , daß sie als Knabe verkleidet hier eingetreten und vom Prinzen in derselben Weise , wie heute , empfangen wurde .
Aber jene Zeit gehörte der Vergangenheit an .
– – – fragte der Prinz nach einer Pause .
– Jetzt war die Reihe zu seufzen am Prinzen .
Doch sagte er lächelnd :
Alice erzählte die Gefangenschaft Ralphs und bat den Prinzen um Verwendung für den Unglücklichen bei dem – fuhr sie fort – – , erwiederte der Prinz , Alice erbebte .
Sie schien mit sich über einen Entschluß zu kämpfen .
Vom Divan aufspringend , schritt sie hastig zwischen den Gewächsen auf und ab .
Endlich blieb sie vor dem Prinzen stehen .
Ihr Anblick war völlig verändert .
Ihr dunkles Auge strahlte wunderbar , ihr lockiges Haupt war hoch aufgerichtet .
– Sie streckte ihm die Hand entgegen .
– – sagte ungläubig der Prinz ;
doch legte er seine Hand in die dargebotene Alicens und zog sie zärtlich an seine Lippen .
– – erwiederte Alice , einen köstlichen Granatapfelbaum eines seiner rothwangigen Kinder beraubend – Der Prinz , welcher die Worte Alicens auf den Chevalier bezog , lächelte ungläubig , weshalb Alice plötzlich , allen Rückhalt verschmähend mit leidenschaftlichem Tone ausrief :
– Der Prinz , auf welchen der Name der Gräfin den Eindruck eines elektrischen Schlages gemacht hatte , zitterte heftig .
Sein flammendes Auge bohrte sich tief in das auf ihn niederblickende Auge Alicens , dessen Ausdruck sich nicht veränderte .
Ungestüm entriß er ihr seine Hand und flüsterte mit gebrochener Stimme :
– Das sanfte Lächeln , welches Alicens Züge überstrahlte , wurde selbst durch diesen harten Vorwurf nicht verwischt , nur mischte sich der Ausdruck einer leisen Ironie hinein , als sie mit Ruhe erwiederte :
– Ein stummer Wink hieß sie fortfahren .
– – – – – – – sagte der Prinz zerstreut .
– – – – – – – – – Der Prinz hatte mit wachsender Unruhe dem Berichte Alicens zugehört .
Als sie geendet , lag auf seinem bleichen Gesicht der Ausdruck eines tiefen Hohns .
– – Er stützte den Kopf in die Hand , um die Thräne zu verbergen , welche wider seinen Willen in sein Auge trat .
– – sagte er nach einer Pause .
– – – sagte der Prinz sehr ernst .
– – – Alice ergriff bei diesen Worten seine Hand – Der Prinz lächelte .
Aber dieses Lächeln enthielt , so wollte es Alicen bedünken , Etwas von Mißtrauen in sich .
Sie zog einen Brief aus ihrer Schreibtafel und reichte ihn dem Prinzen .
– – – – rief aufspringend der Prinz – – Alice erschrak über die Heftigkeit des Prinzen .
– – – , keuchte der Prinz in fast sprachlosem Zorn .
Der Brief knitterte in den krampfhaft zitternden Händen , und seine Augen rollten wild , als suchten sie den verborgenen Feind .
– – sagte Alice – Während der Pause , welche Alicens Worten folgte , hörte man nur das Rauschen des Briefes , der des Prinzen Hand entfiel .
Dann taumelte er ohne Bewußtsein auf den Divan nieder .
Nach einer qualvollen halben Stunde schlug der Prinz die Augen auf und blickte noch halb betäubt um sich .
Endlich erkannte er Alicen , deren Anblick ihm die ganze Erinnerung über das , was mit ihm vorgegangen war , zurückgab .
Ein Schauer durchzitterte seinen Körper – doch versuchte er zu lächeln .
– – Schweigend schritt Alice auf die Thüre zu .
– – sagte noch einmal der Prinz .
Sie kehrte zurück und sah ihn fragend an .
– – VI VI Der 18. März ist wirklich ein denkwürdiger Tag in der preußischen – ich wollte sagen :
deutschen Geschichte .
Nicht etwa darum , weil Mailand und Berlin an diesem Tage gemacht haben – eine Thatsache , die übrigens von der extremen Demokratie , und daher natürlich auch von der extremen Aristokratie einmüthig bestritten wird ;
– noch viel weniger darum , weil in Preußen an diesem Tage der Absolutismus gestürzt wurde – denn auch daran wird von den rothen – und schwarzweißen Enthusiasten nicht geglaubt ;
– am allerwenigsten aber darum , weil der 18. März der Vorabend des Geburtstages der Berliner Bürgerwehr , jener durch ihr Motto des auf deutsch :
der aktiven Feigheit berühmten Phalanx , war :
– sondern weil sicherlich kein Tag mehr verflucht und gesegnet , mit Füßen getreten und in den Himmel erhoben , betrauert und gefeiert , geschmäht und besungen ist , und das Alles mit Unrecht .
– Der 18. März ist unschuldig wie ein neugebornes Kind , das hat es sattsam dadurch bewiesen , daß es mit ihm gespielt hat , wie mit einem Kinde .
Denn man muß wissen , daß das selbst noch ein Kind war , obgleich ihm an diesem Tage die Wiege nicht mehr – wie Schiller sagt – als ein erschien , wie bisher , weshalb es denn auch herauszusteigen versuchte ;
daß der Versuch nicht gelang , daß es sich nachher , als der rechte Zuchtmeister kam , in den Winkel des passiven Widerstands verkroch und schließlich wieder folgsam in die alten Windeln wickeln und in die alte Wiege hineinlegen ließ , das ist für ein Kind , dem die Ruthe gezeigt wird , ja ganz natürlich .
Also warum so viel Aufhebens vom 18. März ?
– Die Bewegung , deren Schlußakt die Nacht vom 18. zum 19. März bildete , hatte sich schon einige Wochen vorher angekündigt .
Eine dumpfe Gährung , über deren Ursache sich nur wenige Rechenschaft geben konnten , hatte sich der Gemüther bemächtigt .
Trotz der unfreundlichen Witterung waren die öffentlichen Plätze und Promenaden fast den ganzen Tag über mit Menschen übersäet , die entweder zu Gruppen zusammentretend aufmerksam auf eine Stimme lauschten , die aus ihrem Mittelpunkt hervordrang , oder paarweise dahin schlendernd mit lebhaften Gestikulationen über die neuesten Dekrete der provisorischen Regierung in Paris diskutirten .
Dasselbe Schauspiel wiederholte sich in den Restaurationen , Kaffeehäusern und Conditoreien .
Besonders in der und bei fand sich gegen 6 Uhr Abends , wenn die neuesten Zeitungen vom Rhein ankamen , stets ein zahlreiches , aus Gelehrten , Künstlern , Beamten , Officieren u.s.w. zusammengesetztes Publikum ein , und horchte Kopf an Kopf gedrängt mit angehaltenem Athem auf die Worte , welcher bei Stehely meist das Amt des übernahm .
War die Vorlesung , welche häufig mehrere Stunden dauerte , und nur durch einzelne halbunterdrückte Exklamationen unterbrochen wurde , welche entweder dem Staunen über das Vorgelesene oder einer unzeitigen Störung galten , beendet , so lösete sich die lang gefesselte politische Phantasie der Zuhörer zunächst in einem unverständlichen Summen auf , das nicht unpassend mit dem fernen Brausen des Meeres oder dem düstern Grollen eines nahenden Orkans verglichen werden kann , bis es endlich crescendo in tosenden Wogendrang einer allgemeinen politischen Discussion ausbrach .
Ungefähr eine Woche vor dem 18. März war wieder Abends eine zahlreiche Gesellschaft bei Stehely versammelt , welche mit Ungeduld die erwartete .
Das Gedränge in den engen Zimmern war groß , so daß man sich nur mit Mühe hindurchzudrängen vermochte .
Fern oder wenigstens unberührt von dem lauten Treiben der politischen Menge saßen in einer ziemlich dunkeln Ecke zwei Männer , welche sich von Zeit zu Zeit kurze Bemerkungen über die einen oder andern Gäste zuflüsterten .
Der Aeltere von ihnen mochte zwischen 40–45 Jahre zählen , obschon sein Alter schwer zu bestimmen war .
Denn seine breite , kluge Stirn war bereits mit vielen Runzeln bedeckt , während das hellbraune nach oben strebende Haar noch seine ganze Fülle und das hellbraune Auge noch seinen vollen Glanz besaß .
Der militärisch kurz gestutzte Schnurrbart trug viel zu dem Ausdruck offner Männlichkeit bei , welcher der ganzen Erscheinung aufgeprägt war .
Sein Begleiter saß fast ganz im Schatten , so daß man die Züge seines auffallend bleichen Gesichts nicht genau erkennen konnte .
III. Leonhart sah wochenlang keinen Menschen und schloß sich in seine Kammer ein .
Er zermarterte wieder sein Gehirn mit tausend Ueberflüssigkeiten , indem er nun dumpfem Groll an die Verräthereien dachte , welche all die Judasse um ihn her gewiß hinterm Rücken an ihm verübten .
Mit düsterm Groll reckte er seinen Arm vor sie hin und schwor sich :
Wieder sprach in ihm jene innere Stimme sein Gerechtigkeitsgefühls , das ihn stets schwächte , weil nur der Einseitige durch Selbstsucht stark wird :
Aber da erhob sich eine andere Stimme in ihm , gewaltig wie die Wahrheit , und laut rief er es zum Himmel empor , daß die Wände seiner Stube dröhnten :
Er wünschte blutige Thränen zu weinen , dieser angebliche Ewigkeitsmensch , immer und immer wieder durch Nichtiges abgelenkt und innerlich zerrieben .
Viele Tropfe höhlen den Stein – der nie endende nagende Aerger unterhöhlte seine Geisteskraft .
Facit indignatio versum – aber wenn die Indignation nie aufhört , so versiegen auch die Verse zuletzt .
Das ist ja eben das Erhebende bei der deutschen Geschäftslitteratur und -Kunst , daß man die durchgehende Gemeinheit der Welt dort concentrirt findet , gleichsam symbolisch .
– Leonhart's Gehirn fing an , durch sein zerrüttetes Nervensystem und seinen krankhaften Gemüthszustand geschwächt zu werden .
Die unnatürliche Lebensweise der jungen Leute in Berlin , das nächtelange Umherschwärmen in den Kneipen und Nachtcafés , das sogenannte lähmt die frische Schwungkraft .
Seit er ein ständiger Zuschauer bei dem geworden war , ging es vollends mit ihm bergab .
Dieser benutzte ihn bei seinen Experimenten und die leichte Nervose Leonharts wurde hierdurch noch verschlimmert .
Er bildete sich ein , magnetische Kräfte zu besitzen ;
er abonnirte sich auf die , das Leiborgan der Spiritisten , und ließ sich von einer Collegin , die als begeisterte Prophetin des Spiritusmus galt , immer tiefer in dessen Geheimnisse einweihen .
Ueberall sah er gewissermaßen Gespenster seiner Vergangenheit um sich her .
In jeder Droschke , wo ein leidlich ähnliches Gesicht herausnickte , glaubte er eine verlassene Geliebte zu er kennen .
In der Hasenhaide bummelnd , sah er einst vor der Bude ( soll heißen :
Desdemona ) eine Gestalt mit einem Packet vor sich hergehn , die er zu erkennen glaubte .
Er machte sich sofort auf die Beine und stiefelte ihr nach , trotzdem bei der großen Hitze ihm der Schweiß aus allen Poren rann .
Als er sie erreichte , drehte sich die Unbekannte um – ein wildfremdes Gesicht starrte ihn an , so daß er , verlegen etwas vor sich hinstotternd , eiligst vorüberging .
Er fing an , um Mitternacht hallucinative Gedichte zu entwerfen – vulkanische Ideen- und Gefühlsmassen machten sich Luft , um alsbald in kalter Lava zu erstarren Kein sproßte aus den Abgrundrissen seiner Träume empor – nur Erdpechflammen zuckten gespenstig auf .
Sobald einmal ein Gehirn eine solche Richtung genommen hat , daß seine Begriffe alle transcendental werden , sobald also wirkliche Hallucinationen vorliegen , wirkt auch dies wie realistische Wahrheit .
So ist Dante zu erklären .
Das Menschengehirn hat keine Grenzen , mag also auch transcendental denken Maßstab für das Alles bleibt nur immer das Streben nach Wahrheit , welches innere Wahrhaftigkeit verbürgt selbst bei der tollsten Exaltation .
– – Eine gewisse auffallende Kleinlichkeit paart sich oft in einem groß veranlagten Gehirn mit den umfassendsten Ideen .
Es ist charakteristisch , daß Goethe auf seinen Manuskripten keinen Klex dulden konnte .
Napoleon's welterobernder Geist beschäftigte sich oft mit den kleinsten Nebendingen des ungeheuren von ihm geleiteten Räderwerks und fühlte sich gepeinigt durch die kleinsten Störungen desselben .
So giebt es Schriftsteller , die von ihren Druckfehlern selbst in der Erinnerung noch gefoltert werden .
Nun ist ein Druckfehler ja ein häßlich Ding .
Aber es steht fest daß man selbst die auffälligsten Druckfehler als bloßer Leser übersieht , weil man mehr erräth als liest .
Auch bringt es die sonstige Gleichgültigkeit des Lesers mit sich , daß er einen Druckfehler nie tragisch und als Störung empfindet , während der Autor seinen reinlichen Stil unauslöschlich schimpfirt glaubt .
Der Corrector hat ein wichtiges Amt , dessen er sich kaum bewußt .
Seine Nachlässigkeit kann einen Autor unglücklich machen .
Was hilft's , wenn eine Autoren-Correctur mangelhaft ausgeführt , hinterher darüber zu jammern !
Geschehn ist geschehn , und der Flecken bleibt für ewige Zeiten haften , über dem ein Autor verzweifelnd brüten mag , da ihn ein durch Corrector-Nachlässigkeit ruinirter Satz ewig wie ein Vorwurf drückt .
Man pflegt zu trösten :
Jeder sehe ja , daß dies ein Druckfehler sei !
Welch' ein Irrthum !
Das Publikum liest so blind und dumm , daß es dergleichen Fehler wirklich für baare Münze nimmt und sich den Kopf über den Sinn derselben zerbricht .
Dieses Kleben am Kleinlichen tritt als natürliche Reaction ein bei Größen , die sonst nur zu sehr ins Große und Weite schauen .
So rächt sich die Alltäglichkeit des Außenlebens am Ungewöhnlichen .
Unter solcher Reaction litt eben Leonhart's Ueberarbeitung .
Immer aufs neue zogen ihn allerlei Erbärmlichkeiten ab .
Seine ganze poetische Stimmung ging zum Teufel .
Schadenfroh wußte man ihn überall bei fremden Fehden zu verwerthen .
Vorsicht , Vorsicht mangelte ihm ewig .
Stets ließ er sich zu tief in jede persönliche Zwistigkeit ein und die alberne Furcht vor der Verleumdung der Welt fraß sich immer tiefer .
Doch hatte er so Unrecht ?
Kann nicht aus jeder Mücke ein Elephant werden , denn man aufbläht , um die Laufbahn eines genialen Menschen zu hemmen ?
Ein unbedacht entfallenes Wort wird zum Verbrechen .
Man verliest einseitig Briefe und Urtheile über einen Abwesenden , der sich nicht wehren kann .
Ewig verleitete ihn seine Gutmüthigkeit , für andre Leute zu eifrig Partei zu nehmen , als wäre dies seine eigene Sache .
Er bedachte nicht , daß die Welt überhaupt nicht an selbstloses Wohlwollen glaubt und Allem unlautere Motive unterschiebt .
Seine krankhaft argwöhnische Seele die ängstlich hinterm Rücken Ohren trug , um auf das Geflüster der Menschen zu horchen , setzte immer das Uebelste voraus .
Dann aber wuchs auch andererseits sein kühner Muth und er sah Allem fest ins Auge .
Was konnte man ihm anhaben , ihm , der über Alles erhaben .
Er fühlte sich rein , er durfte es , so weit er von Pharisäismus .
entfernt und so oft er an seine Brust schlug :
Gott sei mir Sünder gnädig !
Denn Viele hielten ihn für edler als er war , Jeder beanspruchte Hülfe von ihm , und raisonnirte , wenn er sie nicht erhielt .
Wer aber hatte ihm denn geholfen , wo sein Leben doch so viel wichtiger ?
Nichts komischer , als die überspannten Anforderungen an die Menschen höherer Art , da man doch die Herzensroheit der sonstigen Gesellschaft kennt .
Den riesenhaften Egoismus eines Napoleon zugestanden stellt ein Vernünftiger stets die Frage , ob die Mehrzahl , der Menschen nicht in ihrer winzigen Weise genau den gleichen Grad von Egoismus verkörpere – ohne die Entschuldigung des Genies dafür beanspruchen zu können .
Nichts aber bereitet dem kleinen Philistergeiste so innigen Genuß , als die Schwächen und Mängel der Größe zu erspähen .
So wird denn ein unmöglicher Maßstab sittlicher Vollkommenheit angelegt .
Man will nicht begreifen , daß auch der größte Mensch nur eben ein – Mensch bleibt und sich der Nothdurft menschlicher Schwäche nicht entziehen kann .
Man fragt erstaunt , selbst wenn man vorurtheilslos den sonst edlen Grundstoff einer genialen Natur würdigt , wie es denn möglich , so viel Niedrigkeit mit so viel Größe zu vereinen .
Und doch liegt es in der Artung der Ausnahmenaturen , daß sie alle menschlichen Seiten in sich vereinen .
Selbstlose Begeisterung paart sich kalter Berechnung , ideale Reinheit schmutziger Sinnengier .
Verzweifelnd an seinem eingeschnürten Leben , suchte Leonhart seine einzige Rettung und Erhebung in der Betrachtung einer edleren Vorzeit .
Aus der erstickenden Wirrniß der zwerghaften Kleinigkeitskrämer flüchtete er in den Verkehr mit Geistern vergangener Tage .
Seine düstere mystische Gluth entflammte sich an der thatkräftigen Askese des Puritanismus .
War nicht auch Cromwell erst in hohem Alter nach vergeudeter Jugend erweckt worden zum Dienste Gottes ?
Der wilde Größenwahn des Puritanismus , der sich berufen fühlte alle Gewaltigen der Erde wie Stoppeln zu vertilgen mit der Schärfe des Schwertes , seiner Gottessendung bewußt , durchrann die Adern des skeptischen Berliners .
Durch Cromwells Briefe und Reden geht ein Ton wie von klirrendem Stahl und Milton's Prosa-Polemik stampft wuchtig einher , wie ein Cromwellscher Kürassier im Büffelkoller .
– Noch wirft der große Oliver seinen Schatten über das Inselreich , ob auch der Junkerei Hyänenzahn seinen Staub ausscharrte und in die Lüfte streute .
Recht so .
Die Luft trug ihn über Meer und Länder als befruchtenden Samen , bis die der transatlantischen Republik emporwuchs .
Stets aufersteht im Angelsachsenthum der alte Puritaner .
Sein Schlachtruf rauschte durch das Sternenbanner auf der Schanze von Bunkershill .
Und ein Jahrhundert darauf , bei Appotomax Court Station , als vor den neuen die neuen den Degen streckten – auch da ritt Cromwells Geist mit Bibel und Feldherrnstab die Reihen entlang .
Und im heißen Sande des Sudan , als Gordon sich als Sühnopfer weihte für seines Volkes Sünden , da beugte sich Cromwells Schatten herab auf den letzten Puritaner .
Als der Freischärler sich in den Sattel schwang , zählte er 42 Jahre .
Und binnen sieben Jahren erreichte er die höchste Feldherrnstufe , ohne je Soldat gewesen zu sein , so wie ja ursprünglich Abneigung gegen alles Soldatenthum empfand und doch blitzschnell die höchsten Höhen der Strategie erklomm .
Die innere Untheilbarkeit der genialen Begabung bedarf ja keines Drills , da in jedem Helden ein Dichter , in jedem Dichter ein Held steckt .... In wildem Grimm , seiner eigenen Ohnmacht bewußt , schleuderte er aufs Papier :
In meiner Seele haust der Tod .
Jehovah , will dein streng Gebot , Daß ich soll untergehen ?
Der Feinde Schaar ist übergroß Und ich bin arm und schwach und bloß .
Wie soll ich da bestehen ?
In meiner Seele haust der Tod .
Ringsum die feige Meute droht .
Und du hast mich verlassen ?
Ich schreie nach Gerechtigkeit .
So strafe der Philister Neid , Die deinen Diener hassen !
Du bist es , der mich kämpfen heißt .
In deine Hände , heiliger Geist , Befehl' ich meine Sache .
Die Dummheit und die Schurkerei Erbebt vor meinem Todesschrei .
Donnre , du Gott der Rache !
Schlag mich ans Kreuz , verfluchte Rotte !
Begeifere , was die Größe that !
Doch glaubt dem unbekannten Gotte :
Euch allen die Vernichtung naht .
Ich werde schreckbar mich erheben Und Euch zermalmen Stück für Stück , Daß in erbleichendem Erbeben Ihr schaudert in Euch selbst zurück .
Du über den Dingen schwebende Gotteskraft , Aus irdischem Wehe schrei' ich empor zu Dir , Der in ewig sonniger Klarheit Thront und richtet !
Lockre des Lebens Bürde auf meinen Schultern , Nimm die drückende Last von meiner Stirne Der uralten ewig neuen Martergedanken !
Nicht erhören sollst Du des Sünders Flehn , Wenn ich die Sünde , die nimmer vergeben wird , Wider den heiligen Geist die Sünde Je ich verbrochen !
Wenn meines Hohns versengender Racheblitz , Wenn meines Zornes Donner geschleudert je , Ohne vollgerechte Vergeltung Der Unbill zu üben !
Wenn dies Gezücht , das schmutzig erbärmliche , Das mich umkreucht wie zischende Schlangenbrut , Je gerecht an mir gehandelt In prahlender Dummheit !
Wenn diese Welt in Waffen , die mich umtobt , Wenn dieser falschen Freundlinge Selbstigkeit , Wenn all die neidgeblähten Männlein Nicht strotzen von Ohnmacht !
Wenn nicht gefrevelt diese verderbte Zeit An Deinem Erwählten , heiliger strenger Gott , Wenn nicht moschustriefende Zwerge Den Riesen geblendet !
Jehova , räche mich !
Schenk mir die alte Kraft , Daß der Philister gleißendes Götzenhaus Ich zerbreche , auf daß meine Seele , Stirbt mit den Heiden !
Ja , Du erhörst mich , ja , Du erfüllst mein Flehn .
Ich allein gegen sie alle , Ich !
Denn Ein Gott nur lebt im Himmel .
Zittert , ihr Götzen !
Unbeschreiblicher Geisterduft spann sich um ihn her , lehrte ihn die lautlose Sprache einer anderen Welt .
Sein Dasein gestaltete sich ihm zur bloßen Pantomime , welche das Wesen und das Wesenlose verquickte und in welcher die eigne Existenz zu einem Schattenspiel der Laterna Magica des Unendlichen ward .
Und doch untergrub diese Weltentrücktheit noch mehr sein Nervensystem .
Oft hält man für Charakterschwäche , was Nervenschwäche sein mag .
Der Magenkranke ißt am liebsten das Unverdaulichste , der Nervöse sucht ordentlich das ihm Schädliche .
Denn eine verhängnißvolle Tendenz zum Unheil liegt in der Menschennatur .
Der Verfolgungswahn brach aus .
Ueberall ahnte er Gefahren , sah überall Schurken , die seine Schritte belauerten .
Zugleich brach dabei das kranke Gewissen durch .
Denn wer nichts zu fürchten hat , der fürchtet auch nichts .
Jene unsagbare Angst , die ihn manchmal befiel , überkam ihn .
Während er angesichts jeder Gefahr sich zu beherrschen wußte , auf hoher Plattform den Trieb sich hinabzustürzen bezwang , bewältigten ihn im Halbschlaf ähnliche Vorstellungen mit lebenswirklicher Todesangst .
Er wand sich hin und her , von schrecklichen Träumen gequält .
Und zugleich erfüllte ihn das Bewußtsein , daß seine eigene Unvorsichtigkeit diese grundlosen Befürchtungen heraufbeschwor .
Als echter Phantasiemensch lebte er stets in der Minute und kannte da keine Vorsicht noch Rücksicht .
In drei litterarische Prozesse zugleich war er als Zeuge verwickelt .
In einem sollte eine Postkarte vorgelegt werden , welche Böswillige mißdeuten konnten .
In dem andern hatte er nicht ganz correct gehandelt und in dem dritten erschien er theilweise selber schuldig .
Seine Phantasie malte ihm nun unablässig das Schlimmste vor , was irgend eintreten möchte !
Die Verleumdung der Welt konnte sich an jede Kleinigkeit heften und die Dinge ausspinnen !
In dem allen aber mahnte doch das heimliche Bewußtsein , daß man insofern etwas Richtiges rathen könne , als er , wie jeder Mensch , so manchen Punkt in seinem Leben wußte , der keineswegs dem idealen Bilde entsprach , das seine Verehrer von ihm entwarfen .
Oft war er kleinlich und selbstsüchtig , oft lächerlich gewesen ( bekanntlich fürchtet der Mensch noch mehr lächerlich , als gemein , zu erscheinen ) .
Und schon dies quälte sein überzartes Gewissen , wie Andere ein wirkliches Vergehen .
Mitten in diesem Zustand eines kindischen , dem Psychiater als Anzeichen einer schweren Nervenkrankheit wohlbekannt , producirte er aber unaufhörlich mit überreizter Fruchtbarkeit .
Leonhart schien wirklich ein Genie-Ungeheuer .
Was er wollte , konnte er .
Er schleuderte seine Genialitäten aufs Papier , willenlos .
Zugleich stieg seine Macht , ohne daß er es wollte .
Sein Willenszentrum schien so überwältigend , daß es gleichsam magnetisch ausstrahlte , und andere , ohne es zu ahnen , in seine Bahn gezwungen wurden .
Das Innere des Genies scheint ein Krater , der fortwährend explodirt und innere Umwälzungen mitmacht .
In Folge dessen fühlt sich die Außenwelt dadurch beunruhigt und bedroht .
Nun sind aber die Flammenausbrüche des Genies nicht nur verheerend , sondern auch fruchtbar machend wie Nilüberschwemmungen .
Erst wenn der Krater schweigt , sieht man , daß Paradiese aus der Erde schossen .
– – Kürzlich war er einem früheren Liebchen begegnet , die als Gesellschafterin einer alten Dame in demselben Hause wie er gewohnt hatte .
Er war von dort verzogen .
Der Zufall wollte es , daß er eines Tages am Schöneberger Ufer auf sie stieß .
In dem Entzücken des Wiedersehens benahm sie sich so anstößig liebevoll , als gebe es er keine Menschen auf der Straße , so daß er , halb gekehrt , halb um unangenehme Ueberraschung zu vermeiden , ihr vorschlug , sie zu Hause zu besuchen .
Ihre Dame war zufällig auf eine Woche verreist und sie sollte das Haus hüten .
Aber würde der Portier nicht merken – wenn , sie in ihrer Leidenschaft redete ihm das aus .
Wirklich kamen sie auch unangefochten in ihre Parterrewohnung , wo sie , kaum angelangt , in einem Liebesparoxysmus über ihn herfiel , daß ihm der Hut vom Kopfe flog .
Wer kann dem Wirbelwind widerstehn , wenn ein Weib seinen Willen haben will !
Sie habe in letzter Zeit den gelesen und sich an Gretchens Stelle versetzt .
Und Die könne sie nicht beklagen , sondern nur beneiden .
Sie habe Den genossen , den sie liebte .
Was hätten denn Andre vom Leben !
Jeden Abend einsam am Fenster sitzen und an den Einen denken !
Sie solle sich einen Bräutigam , der's ehrlich meine , anschaffen ?
Ja , wo fände sich der !
Und wenn auch , sie mache sich doch nun mal aus allen Männern nichts , außer Einem .
Und die Männer seien alle schlecht , die Weiber freilich auch .
Aber er , er allein sei gut .
Ja doch , wenn er auch nichts davon hören wolle .
Man brauche nur in seine Augen zu sehn , dann sehe man , er sei doch ein guter guter Mensch , wenn auch manchmal etwas unwirsch und heftig .
Dann kamen die Geschichten von all den Nachstellungen , denen sie ausgesetzt , da sie ja auffallend hübsch .
Dann wieder ein Strom von Zärtlichkeiten .
Mitleid und Leidenschaft zugleich ergriffen ihn , als sie so anbetend vor seinem ( sie sprach es wie aus ) auf den Knieen lag , obschon sie im Grunde nur mit ihr Eigenthumsrecht auf ihn betonte .
Das Sopha war weich .
Draußen auf dem Hofe spielte ein Leierkasten – – Heftiges Klingeln weckte sie auf .
Als sie mit noch ziemlich verwirrten Kleidern zur Thür eilte , ergab es sich , daß der Portier Unrath witterte und es für strafbar erklärte , fremde Herrn in die Wohnung zu bringen ;
dazu sei sie nicht von ihrer Gebieterin zurückgelassen .
versicherte sie .
Nach einigem Parlamentiren gab sich der Mann mit dieser berühmten Ausrede zufrieden und verschwand brummend vom Schauplatz seiner Pflichterfüllung , da die Bediensteten und Portiersleute meist zueinanderhalten .
wiederholte sie mehrmals , als er sich hastig zum Aufbruch fertig machte .
Er aber wollte durchaus nicht bleiben , durchaus nicht .
Ein widerlicher Schrecken befiel ihn .
Wenn man ihn nun hier überraschte – es hing ja nur an einem Haar – , welch ein Skandal !
Und der Ruf des unglücklichen Mädchens für immer ruinirt .
Wenn das Weib auch rücksichtslos und schrankenlos sich hingiebt , nur den einen Zweck im Auge , so sollte doch der Mann um so mehr sich zu beherrschen wissen .
Und ach , er liebte sie ja nicht !
Lüderlichkeit scheint das einzige Mittel , um sich über die Qualen der Liebe wegzusetzen .
Die Sinnlichkeit birgt das Lebensproblem .
Nur wer sie überwand , ist glücklich .
Traurig genug , daß sich mit Genialität fast immer eine abnorme Sinnlichkeit paart .
7. Sulpicia an Calpurnien .
Bajä , im Februar 301 .
Was soll ich sagen , Calpurnia ?
Soll ich mehr das Glück deines frohen Sinnes bewundern , oder deine ungeheure Anmaßung bedauernd anstaunen ?
Du fängst an zu lieben , ja du liebst bereits , du bleibst in der Gegenwart des geliebten Gegenstandes , und darfst es wagen , deinen Gefühlen so nahe , oder überhaupt nur einige Grenzen setzen wollen ?
Entweder du irrest schrecklich , und wirst nur zu früh aus deinem sorglosen Schlummer erwachen , oder – du bist die glücklichste Sterbliche , die jemals gelebt hat , und leben wird .
Aber du , die du unsre Tragiker auswendig weißt , kennst du die Stelle nicht :
Ich fürchte die Götter , wenn sie allzugünstig sind ?
1 Daß du und Agathokles einander näher kommen , daß ihr euch , trotz des Contrastes , oder eben um des Contrastes eurer Gemüther wegen , wechselseitig anziehen würdet , das habe ich vorgesehen , als Tiridates mir nebst der Schilderung seines Freundes , die Nachricht brachte , daß er als Gastfreund in eurem Hause lebe .
Daß du aber auch mit dieser Empfindung , mit der Neigung zu einem Agathokles , wie bisher mit allen übrigen , nach Gefallen zu spielen , sie zu ' lenken und zu drehen hoffen kannst – das hatte ich nicht er wartet .
Was denkst du denn von der Liebe ?
Welche Begriffe machst du dir von ihr ?
O daß die Stimme einer unglücklichen Freundin die Kraft hätte , dich zu warnen , da es noch Zeit ist !
Ja , die Liebe ist die schönste , die seligste Empfindung , deren das menschliche Herz fähig ist ;
sie ist es , die den armen Sterblichen auf Augenblicke seiner dürftigen Existenz vergessen läßt , und ihn in den Aufenthalt der seligen Götter zu ihren Freuden entzückt .
Aber – diese Freuden sind nicht für den Sohn der harten Erde , für das zu Mühe und Sorgen bestimmte Geschlecht des Deucalion 2 gemacht !
Die Götter strafen den Eingriff in ihre Rechte , und stoßen den Frevler , der in dieser sterblichen Hülle sich an ihren Tisch drängen wollte , in den Tartarus hinab .
Sieh hier den wahren Sinn der Fabel des Tantalus , oder Prometheus , der den himmlischen Funken stahl , um die Gebilde seiner Hand damit zu beleben !
Nicht das stolze , kalte Vorrecht der Vernunft , die Seligkeit der Liebe , die ganz eigentlich das Glück des denkenden Wesens ausmacht , war es , womit er seine Geschöpfe weit glücklicher zu machen dachte ;
aber die Himmlischen straften den Raub , und Prometheus büßte durch unendliche Martern , was er in einem schönen Augenblick verbrach .
Ja , unendliche Martern liegen unter den reizenden Blumen der Liebe verborgen !
Das fühle ich , das wirst auch du fühlen , und darum möchte ich warnen , rufen , flehen :
Ziehe dich zurück , so lange es noch Zeit ist , wenn du nicht die größte , Wahrscheinlichkeit eines glücklichen .
Erfolges hast ;
siehst du aber den , liebt dich Agathokles , wie du ihn , stellt sich eurer Verbindung kein anderes Hinderniß in den Weg – o dann gehe hin , du Liebling der Götter , genieße deines Glückes , unbeneidet von der trauernden Freundin , der kein so schönes Loos fiel , die aber an deiner Freude sich mit freuen wird !
Genieße es , aber gedenke der Nemesis 3 , und laß die heilige Scheue , die Furcht , es zu verlieren , dir seine Dauer versöhnend sichern !
O meine Calpurnia !
Wie will ich mich freuen , wenn ich dich glücklich weiß !
Du bist edel , gut , schön , liebenswürdig :
vielleicht haben die Götter dich zu dem höchsten Glück bestimmt , das ihre Huld dem Menschen geben kann .
Sein Abglanz soll meine Nacht erhellen .
Tiridates ist seit vorgestern von hier fort , um nach Rom zu gehen , und sich auf eine lange Reise zu bereiten .
hat ihn nach Nikomedien beschieden .
Es sollen neue Versuche gemacht werden , vom Kaiser und Senat seine Einsetzung auf den Thron seiner Väter zu bewirken 4 .
Es soll ein Heer gerüstet werden , den Persern ist der Krieg angekündigt , in Armenien sind wichtige Dinge vorgefallen , Verschwörungen für und wider das Geschlecht der Arsaciden .
Welche Blitze aus den Wolken brechen werden , die sich von allen Seiten an unserm Horizont herauf ziehen , wissen nur die Götter .
Wir müssen in geduldiger Ergebung zitternd erwarten , wen und wie der Schlag treffen soll .
O welches traurige Loos , wenn die Liebe eines unglücklichen Paares , in das Schicksal der Reiche und Nationen verwebt , von ihm stürmisch fortgerissen wird , und nichts thun kann , als sich blind dem unwiderstehlichen Zuge hingeben !
Calpurnia !
Wie bist du auch in diesem Stücke glücklich !
Eure Liebe wird kein Monarch stören , euer Bündniß wird nicht auf der beweglichen Welle der Volksgunst getragen !
Kein ernster Wille einer Nation entscheidet über euer Loos !
Ihr dürft euch im stillen Schatten des Privatlebens lieben , und mit einander leben , bis der Tod diese Bande sanft löset , und eines nach dem andern in das dunkle Reich der Nacht führet .
O wie gern würde ich der schimmernden Aussicht auf den Thron der Arsaciden entsagen , wie gern – wenn nur einmal die welken Bande , die mich an Serranus binden , durch das Machtwort des Augustus gelöset wären – mich mit Tiridates in irgend einem stillen Winkel der Wett verbergen !
Aber darf ich wohl diese Wünsche laut werden lassen ?
Darf ich den zum Thron gebornen , den der heiße Wunsch der bessern Mehrheit seines Volkes , den die Stimme der Weisen unter den Römern , den endlich sein hohes Gemüth mehr als Alles das zum Herrschen ruft , von seiner erhabenen Bestimmung ablenken , und ihn um in niedriges Dunkel begraben ?
Könnte ich diesen Verrath an der Welt , an seinem Volke verantworten , und endlich , könnte ich hoffen , daß ein Herz , wie Tiridates , in dieser stillen Beschränktheit , dieser ruhmlosen Abgeschiedenheit , glücklich seyn würde ?
Und so muß ich schweigen , dulden , tragen , das , was das Aergste für liebende Herzen ist , Trennung , und Ungewißheit der Zukunft .
Seit gestern – wie stille , wie unendlich einsam ist es um mich her !
Nirgends höre ich mehr die Stimme des Geliebten , nirgends begegnet mir mehr die hohe theure Gestalt in der kalten , beziehungslosen Umgebung .
Von Allem , was uns bevorsteht , kenne ich nur die Gefahren , die Hindernisse , die Schrecken mit Gewißheit .
O meine Liebe !
Das sind Schmerzen , von denen du keinen Begriff hast .
Mögen die Götter dich vor ihrer Kenntniß bewahren !
Was ist der Tod im Arm des Geliebten gegen diese Qual ?
Mit jedem Augenblicke sterbe ich einmal , denn jeder Augenblick rückt die lange , gefahrvolle Trennung näher , und so habe ich tausendmal den Tod gefühlt , ehe er kommen wird , sich meiner wirklich zu erbarmen .
Calpurnia !
Ich bin sehr gebeugt , und zu den Leiden eines zerrissenen Gemüthes gesellt sich seit einigen Tagen ein körperliches Uebelbefinden , ob blos Zuwachs des erstern , ob Folge desselben und der vielen Verdrüßlichkeiten , die ich hier mit unsern Leuten und besonders mit Novius , unserm Verwalter , einem durchaus bösen Menschen hatte , weiß ich nicht .
Genug , jetzt , da ich nach mehr als zwei Monaten wieder in deine Arme zurückkehren , und den Geliebten vor der unendlichen Trennung vielleicht noch einmal in Rom sehen könnte , scheint meine zerrüttete Gesundheit mir auch diesen letzten Trost verweigern zu wollen .
Ich habe an Serranus geschrieben , und eine wohlgeschlossene Sänfte bestellt .
Vielleicht kömmt er selbst , oder sendet einen seiner Vertrauten , mich abzuholen .
Das wäre mir sehr angenehm , denn ich fürchte mich , krank und allein zu reisen .
Von den hiesigen Leuten mag ich Niemand mitnehmen , ich habe sie auf einer viel zu schlechten Seite kennen gelernt .
Wäre jene Hoffnung nicht , ich würde ohne weiteres die Rückkehr meiner Gesundheit und der bessern Jahreszeit hier erwarten .
Aber diese Aussicht ist auch auf ein bloßes Vielleicht nicht aufzugeben , und zwei Tage , mit dem Geliebten vor einer langen – ach wer bürgt dafür ?
– vielleicht ewigen Trennung zugebracht , sind mit keiner Krankheit , mit keinen Schmerzen , ja selbst mit dem Tode nicht zu theuer erkauft .
Fußnoten 1 Aus Seneca's Tragödie :
Die Trojanerinnen .
2 Deucalion und Pyrrha waren die einzigen Menschen , die nach einer Wasserfluth , in der die übrigen Sterblichen zu Grunde gingen , übrig blieben .
Auf Befehl der Götter warfen sie mit verhülltem Angesichte Steine hinter sich , aus welchen Menschen entstanden , und die Erde auf's Neue bevölkerten .
3 Nemesis war die Göttin des rechten Maaßes , die Richterin des Uebermuthes .
Man sehe hierüber des verklärten Herders unübertrefflich schönen Aufsatz :
Nemesis , im zweiten Bande seiner zerstreuten Blätter 4 Armenien war lange Zeit ein unabhängiges Reich , in welchem Könige aus dem Geschlechte der Arfaciden regierten .
Endlich wurde es von den Persern überwältigt , ihr letzter getödtet , und sein einziger , als Kind , nur mit Mühe und durch die Treue der Diener seines Vaters an den römischen Hof gerettet .
Hier wurde der Prinz in Hoffnungen auf das Reich seiner Ahnen erzogen , und zeichnete sich bei jeder Gelegenheit durch persönliche Tapferkeit und Edelmuth aus Nachdem Armenien sechsundzwanzig Jahre lang das persische Joch getragen hatte , erschien Tiridates , der rechtmäßige Erbe , von den Römern unterstützt , in seinem Vaterlande .
Alles eilte zu seinen Fahnen , und er war bereits wieder Herr seines Reichs , als die Zwistigkeiten in Persien , die seine Fortschritte bisher begünstigt hatten , sich zu seinem Schaden in einen Frieden auflösten , und er nun nicht mehr im Stande war , das Erbe seiner Väter gegen die ungerechte Uebermacht der Perser zu vertheidigen .
Er floh zum zweitenmale aus seinem Vaterlande aber die Römer , welche wohl einsahen , wie wichtig und nützlich es ihnen seyn würde , Armenien von Persien zu trennen , und ihm einen eigenen , ihnen ergebenen Bundesgenossen zum König zu geben , nahmen sich seiner gerechten Ansprüche auf's Neue an , und der Krieg wurde an Narses , König von Persien , erklärt .
8. Calpurnia an Sulpicien 8. Calpurnia an Sulpicien .
Rom , im Februar 301 .
Ich habe deiner Ueberkunst wegen gestern mit Serranus sprechen wollen .
Ich sandte zu ihm , aber er ist krank , und wirklich sehr bekümmert , daß er , wie sein erster Vorsatz beim Empfange deines Briefes war , dich nicht selbst abholen kann .
Es waren wirklich schon alle Anstalten zu seiner Reise getroffen , als er krank wurde .
Jetzt also komme ich , dich abzuholen , mein Vater hat es mir erlaubt , unser alter treuer Phödo , der Freigelassene meines Vaters , begleitet mich .
Leb' wohl !
in vier Tagen bin ich bei dir .
9. Agathokles an Phocion 9. Agathokles an Phocion .
Rom , im Februar 301 .
Tiridates geht nach Mailand zum , von da nach Nikomedien .
Zum persischen Kriege werden eifrige Zurüstungen gemacht , in ihnen sieht Tiridates den Keim seiner künftigen Größe , die Hoffnung unumschränkter Herrschaft über das Reich seiner Väter .
Galerius scheint ihn zu lieben , wenn Menschen , wie er , oder Cäsarn überhaupt , lieben können .
Auch Diocletian ist ihm nicht abgeneigt .
Sein schlauer Geist sieht in des Tiridates gegründeten Ansprüchen einen schönen Vorwand , den Uebermuth der Perser , die ihm sein Reich vorenthalten , zu demüthigen .
Narses trotzt auf ungeheure Heere , auf seines allzugünstiges Glück , und die Cäsarn , eingedenk Valerians 1 schimpflicher Gefangenschaft , und seines entehrenden Todes , brennen , die alte Schmach in Perserblut abzuspühlen .
So stehen beide Völker einander gegenüber ;
und nach der vorigen Niederlage des Galerius ist das Auge der Welt auf diesen entscheidenden Kampf gleicher Kräfte ängstlich geheftet .
Auch meines , Phocion !
und höher schlägt mein Herz bei dem Bilde künftiger Schlachten , großer Ereignisse , verhängnißvoller Thaten , die für das Vaterland so wichtig werden können .
Aber nicht allein des Vaterlandes Schicksal , auch das Schicksal des Freundes ist's , was mich diesmal lebhafter als je für diesen Krieg bewegt .
Tiridates Glück hängt davon ab .
Ich liebe ihn , seine Ansprüche sind gerecht , der Ausgang kann mir nicht gleichgültig seyn .
Er gründet noch manche andre Hoffnung auf den Fortgang seiner Waffen , die ihm wohl sehr theuer , nach meiner Meinung aber nicht eben so gerecht ist .
Sulpicien , die er mit unaussprechlicher Heftigkeit liebt , denkt er durch eine Scheidung , die er durch die Einwirkung des Galerius zu erhalten hofft , ihrem Manne zu entziehen , und dann auf den armenischen Thron zu erheben .
Es ist Alles unter ihnen verabredet und sicher bestimmt , nur Zeit und Gelegenheit wird erwartet .
Mir ist diese Sache widerlich , und ich würde einen vorzüglicheren Ruhm darin finden , gar nicht im Geheimnisse zu seyn , wo abrathen vergebens , und zustimmen wider meine Denkart ist .
Nicht viel besser , als der Plan zu einem Raube , scheint mir diese Verabredung , durch überdachte Maaßregeln einem Manne daß zu nehmen , was rechtmäßig sein ist .
Mag immer Serranus Sulpiciens schätzbaren Eigenschaften kein gleiches Verdienst entgegen zu setzen haben , und mit eben so viel Leichtsinn als Schwäche über Gebühr an armseligen Vergnügungen hängen – sie ist nach den Rechten der Väter , nach ihres Vaters Willen , mit ihrer eigenen Zustimmung sein Weib geworden , und soll es bleiben , bis gegenseitige Uebereinkunft beider Gatten ein Band , zu lösen für gut findet , das nicht länger mit ihrem Wohl bestehen kann .
Tritt einst dieser Fall ein , dann mag sie aus seinem Hause in das eines Andern übergehn .
Was noch mehr als diese heimliche Falschheit mich innerlich verdrießt , ist der Leichtsinn , mit welchem Calpurnia in diesen Plan eingeht , und ihn , so viel sie kann , unterstützt .
Was könnte dieses Mädchen seyn , wenn nicht allzugroße Leichtigkeit der Denkart , und ihr Hauptgrundsatz , daß Behaglichkeit und Vergnügen der einzige und letzte Zweck unsers Daseyns sind , sie über manches Erhabne und Ernste so spielend wegführte .
Sie hat viele achtungswerthe Vorzüge , sie ist eines hohen Grades vom Menschenliebe , von Freundschaft fähig , manches Opfer sogar bringt sie mit festem Willen und heiterm Sinn , und mitten in dieser würdigen Stimmung geht sie mit unbegreiflichem Leichtsinn zu Thorheiten und Aeußerungen über , die mein Gefühl tief verwunden .
Aber sie ist schön , Phocion !
Sie ist das schönste Weib , das ich je gesehen habe .
Das fühle ich , und zürne mir selbst , daß ich es so tief fühle .
– Wenn sie , hingegossen auf ihr Ruhebett , die goldne Leier im Arm , durch Ton und Gesang meiner Sinne bezaubert , oder in begeisterter Stellung , noch unendlich reizender durch den seltenen Ernst , der ihre Züge erhebt , schöne Stellen aus unsern Dichtern declamirt , oder endlich , was ich zwar nur ein einziges Mal sah , im pantomimischen Tanz , wie eine Luftgestalt , daherschwebt , und in jeder Bewegung tausend namenlose Grazien entfaltet ;
o Phocion !
wie schön ist sie dann !
Nur einmal , wie ich dir sagte , sah ich sie so ;
denn trotz ihrer epikuräischen Grundsätze hat sie ein sehr seines Gefühl für Schicklichkeit und weibliche Würde .
Es war ein stiller traulicher Abend , kein fremder Zeuge außer mir gegenwärtig , als sie auf vieles Bitten ihres ältern , der ihr Liebling zu seyn scheint , ihrem Vater , den Brüdern und mir bei verschlossenen Thüren dies unendlich reizende Schauspiel gab .
Sie tanzt vortrefflich , noch anziehender aber sind die Bewegungen ihrer Arme , ihr Mienenspiel , ihre Geberden , womit sie sprechend und unverkennbar dem Zuseher die Fabel des Stückes vergegenwärtigt .
Ja , Phocion !
dieser Eindruck , wird nie aus meiner Seele schwinden .
Ist das aber recht ?
Soll ein Spiel unsrer Sinne , eine angenehme Einwirkung auf äußere Organe , denen kein deutlicher Begriff zum Grunde liegt , vermögend seyn nicht allein mächtig auf den edlern Theil unseres Selbst zu wirken , sondern sogar diesen Theil wider seine Ueberzeugung mit sich fortzureißen , und zu Handlungen zu bestimmen , die vor der prüfenden Vernunft nicht bestehen können ?
Was ist der Mensch für ein armes , schwaches Geschöpf !
Ein Spiel , nicht allein des Schicksals , der allgewaltigen Natur , der Leidenschaften – auch ein weit verächtlicheres seiner Sinne , die selbst bei besseren Menschen sich gegen die Vernunft empören .
Unbegreiflicher Zauber der Schönheit !
Was bist du !
Ein Phantom , ein conventioneller Begriff , abgeändert nach Clima und Zeit , weder aus der Natur der Menschen bestimmbar , noch überhaupt unter Regeln zu bringen !
An den schönsten Gestalten Griechenlands geht der Bewohner der beißen Zone ungerührt vorüber , und was uns widrig erscheinet , entzündet seine Einbildungskraft , und bezwingt sein Herz .
Und was ist endlich Schönheit oder Reiz ?
Diese oder jene unwillkührliche Gestaltung des Körpers , die Lage irgend einiger Muskeln , das zartere oder gröbere Gewebe der Haut , eben so eine bloße Wirkung physischer Kräfte , jedem Einfluß der Vernunft entzogen , als die Bildung eines Grases , einer Blume , und eben so ohne Folge für den inneren Werth , der doch allein den Menschen zum Menschen macht !
Tausendmal , Phocion , habe ich mir dies gesagt , tausendmal , wenn Calpurnia in ihren Reizen vor mir schwebte , mich bemüht , die Natur und Quelle des mächtigen Eindrucks zu zergliedern , und so die Wirkung des Ganzen aufzuheben .
Es gelang auf einen Augenblick , im nächsten verschwand alle Speculation vor der allgewaltigen Macht der Schönheit .
Phocion !
ich fange an , mit mir selbst sehr unzufrieden zu werden .
Ich weiß bestimmt , daß Calpurnia ihres Charakters wegen mich nie wahrhaft glücklich machen kann , und trotz dieser festen Ueberzeugung – – Wie kann ich Tiridates tadeln , der auch nichts anders thut , als dem Eindrucke nachgeben , dem zu widerstehn , ihm Kraft und Wille fehlt ?
Wille ?
Fehlt mir dieser ?
Nein , Phocion !
diese Gerechtigkeit darf ich mir widerfahren lassen .
Ich will widerstehn , und ich hoffe , ich werde es .
Ist kein Schild wider diese Reize in Vernunft und Grundsätzen zu finden :
so übrigt die Flucht , die keinem , der ernstlich will , entstehen kann .
Calpurnia hat in diesen Tagen einen Beweis gegeben , daß sie nicht allein liebenswürdig sey , daß sie auch mit Kraft einen edlen Vorsatz auszuführen vermöge .
Zweiter Teil L... , 3. März 1888 Vor allem will ich Sie beruhigen , daß weder meine Mutter noch Detlev etwas von unsren Gesprächen gehört haben – sie schalt nur , daß ich zu viel mit Ihnen getanzt hätte .
– Herrgott , wenn sie wüßte , daß ich jetzt an Sie schreibe – es ist bald fünf Uhr , unten auf der Straße rasseln schon Milchwagen , ich liebe nichts mehr , als so eine Nacht durch aufzubleiben , und heute wäre es mir unmöglich gewesen zu schlafen .
Es kommt mir wie ein Wunder vor , daß ich nun wirklich einen Menschen gefunden habe , dem ich alles sagen kann und der mein Freund sein will .
Sie machen sich ja keinen Begriff davon , wie allein ich war und wie todunglücklich ich mich von jeher zu Hause gefühlt habe , besonders in diesem letzten Jahr , wo auch Detlev mir immer fremder wurde .
Sie wollten mir das nicht recht glauben , aber es ist wirklich so :
meine Mutter sieht es nicht gerne , wenn ich viel mit ihm zusammen bin .
Sie hat ihm das Versprechen abgenommen , mich keine modernen Bücher lesen zu lassen und mich mit seinem Verkehr nicht in Berührung zu bringen .
Nur unter der Bedingung darf ich mit ihm ausgehen , die Eltern sind ja schon außer sich , daß er so in all diese Sachen hineingekommen ist und mit freidenkenden Menschen verkehrt .
Aber Sie können sich vorstellen , wie mir dabei zumut war , wenn er mir von Ihnen und den andern erzählte , wie von einer Welt , die mir immer verschlossen bleiben sollte .
Dann fand ich eines Tages auf seinem Schreibtisch und und nahm es mir herüber .
Ganze Tage habe ich darüber zugebracht und konnte weder essen noch schlafen , nur immer wieder lesen , sowie ich allein war .
Es kam mir vor , als ob jedes Wort für mich geschrieben wäre , ich wußte mit einemmal , daß es keine unmöglichen Hirngespinste waren , mit denen ich kämpfte , – wenn sich alles in mir sträubte gegen das Leben , das man mir aufzwingen will .
Früher empfand ich es immer als eine Art Unrecht gegen meine Eltern , mich so dagegen aufzulehnen und heimliche Sachen zu tun , aber nun ging es mir plötzlich auf , daß jeder ein unveräußerliches Recht an sein Ich und sein eigenes Leben hat .
Wissen Sie die Stelle :
das Eine darfst du nie verschenken , – dein Selbst , dein Ich , den heilgen Dom – du darfst's nicht binden – nicht es lenken – nicht hemmen seines Lebens Strom – Er rauscht dahin und strömt und schwillt :
– bis er im Meer die Sehnsucht stillt .
Wenn Sie erst mein ganzes , bisheriges Leben kennen , werden Sie begreifen , was für einen überwältigenden Eindruck das auf mich machte , als ob plötzlich etwas Erlösendes durchbräche , wo früher eine dumpfe , undurchdringliche Masse war .
Und dabei muß ich immer wieder an den großen Krummen im denken , wie er im Nebel auf ihn losschlägt und nicht durchkann , und der Krumme antwortet :
Aber wo er hinkommt , ist wieder dasselbe da und ruft :
Zuerst hab' ich das alles ganz allein durchlebt , aber es hätte mich einfach erstickt , ich mußte mit Detlev davon sprechen .
Und da kamen wir uns wieder so viel näher , er hat mir dann auch die andern Bücher gegeben , und was waren das für Stunden , wenn wir zusammen darüber sprachen .
Er arbeitet abends immer in meinem Zimmer , und da reden wir oft die ganze Zeit von alledem .
Dann erzählte er mir auch von Ihnen , und ich versuchte , ihm das Verantwortungsgefühl auszureden , weil ich Sie so gerne kennenlernen wollte .
Als ich Sie ein paarmal gesehen hatte , wußte ich ja gleich , daß wir uns verstehen würden .
Und wie Detlev es dann durchsetzte , daß ich zu dem Tanzabend mitdurfte – sehen Sie , da hatte ich das Gefühl , als ob etwas Entscheidendes kommen müßte , jetzt oder nie .
Sonst wäre es wieder an mir vorbeigegangen , und ich hätte in dem alten Elend weiterleben müssen .
– Und nun ist es wirklich geschehen – als ich hinter Mama und Detlev nach Hause ging mit Ihrem Brief in der Tasche , dachte ich immer nur :
jetzt kann kommen , was will , das können sie mir doch nicht mehr nehmen .
Daß wir uns öfter sehen , wird allerdings schwierig sein , ich weiß schon gar nicht , wie ich immer zur Post kommen soll , um Ihre Briefe abzuholen – also wenn möglich , Mittwoch im Dom , die Tür beim Turm ist ja immer offen .
Und nun leben Sie wohl – es kommt mir vor , als ob ich Ihnen so viel zu sagen hätte , daß es nie ein Ende nimmt .
8. März , nachmittags Eben komme ich von unsrer so schmählich zerrissenen Zusammenkunft im Dom zurück .
Der Schrecken sitzt mir noch in allen Gliedern .
Gott im Himmel , wenn mein Vater uns gesehen hätte – ich hätte mir auch denken können , daß er unserm Besuch die Kirchen zeigen würde .
Und was der Kirchendiener wohl gedacht hat , als wir auf allen vieren zwischen den Bänken durchliefen .
Es war eine gute Idee von Ihnen , denn sonst hätten sie uns sicher gesehen .
Aber es war doch schön , daß wir uns wenigstens so lange in Ruhe unterhalten konnten .
Glauben Sie nur nicht , daß ich Ihnen unsre häuslichen Verhältnisse übertrieben habe .
– Seit wir hier sind , habe ich mit Mühe erreicht , daß ich den ganzen Tag in meinem Zimmer sein kann und nicht mehr nähen muß .
Da habe ich mir mit einer spanischen Wand eine Art Atelier eingerichtet , wo ich male und modelliere .
Aber es ist unmöglich , allein weiterzukommen – ich darf weder Modelle nehmen , noch mir Gipsabgüsse ausleihen .
Meine Mutter findet , ich soll dann wenigstens Sachen – Geschenke , Porzellanteller usw. machen .
Das fällt mir natürlich nicht ein , und so bleibt mir nichts übrig , wie meine alten Stiefel und ähnliches zu malen .
Davon hab' ich schon eine ganze Galerie .
– Ich weiß ganz gut , daß meine Mutter mich auf diese Weise zwingen will , nachzulassen .
Aber ich lasse nicht nach .
Es ist überhaupt ein fortwährender Krieg .
Mit meinem Vater kann ich auch zu keinem Verständnis mehr kommen , er hat sich in letzter Zeit mehr um mich gekümmert , aber es ist doch zu spät .
Ich kann mich nicht freundlich mit ihnen stellen , wenn ich sie zugleich fortwährend hintergehen muß .
Und das wieder muß ich , um zu meinem Lebensrecht zu gelangen .
Ein ehrlicher , offener Kampf würde mir gar nichts nützen , sie sperren mich dann höchstens noch mehr ein .
Und was das Leben so schön macht , kann nicht schlecht sein .
Wo bliebe dann die Wahrheit ?
In all dieser verschrobenen Sittlichkeit und Moral ist ja doch kein Funke davon .
Ich lese jetzt gerade von Bebel und Lassalles .
Was ist das für ein Kerl , ich bin ganz weg , in den hätte ich mich wahnsinnig verliebt .
Seine Flugschriften will ich jetzt auch lesen , Detlev hat sie ja .
P.S .
Die Mutter hat Detlev gestern gefragt , ob er etwa mit zu diesem abscheulichen Ibsenklub gehörte , wo die Mädchen mit jungen Männern über unmoralische Sachen sprächen und zusammen Ibsen läsen .
– Sie hat in einer Gesellschaft davon gehört .
Natürlich waren und die damit gemeint , aber wer mag den Namen Ibsenklub aufgebracht haben ?
Vielleicht haben wir Detlev jetzt bald so weit , daß ich die alle einmal kennen lerne .
Übrigens hat Mama bei dieser Gelegenheit auch noch gesagt :
– Sie scheinen also doch guten Eindruck gemacht zu haben .
20. März Es ist morgens um fünf Uhr – beim Aufwachen fiel mein erster Blick auf die Blumen von Ihnen , die noch immer blühen .
– Ich stehe jetzt immer so früh auf , um mehr Zeit für mich zu haben , und diese stillen Morgenstunden sind das schönste am ganzen Tag .
Früher in Nevershuus lief ich oft so in der Frühe auf die Wiesen hinaus und manchmal heimlich durch die Stadt zum Strand .
Es war so schön , ganz allein am Meer zu sein , ich habe oft noch Heimweh danach .
Aber was hätte ich für ein Leben geführt , wenn wir dort geblieben wären – jetzt scheint doch wenigstens hier und da ein Lichtstrahl durch die Türspalte .
Und das tut auch wirklich not .
Gott , was ist das für ein Familienleben , mir schaudert , wenn ich gleich zum Frühstück hinunter muß .
Den ganzen Tag gibt es Auseinandersetzungen und Szenen , wo nur zwei in einem Zimmer beisammen sind .
Sagt einer :
das ist weiß , so schreit gleich der andere :
nein , was fällt dir ein – schwarz ist es .
Und alles hat Nerven , selbst die Hunde sind nervös bei uns und fangen an zu quieken , wenn zu laut gesprochen wird .
Aber es ist Zeit , ich muß hinunter , leben Sie wohl , bis wir uns wiedersehen .
Ellen .
28. März Wenn wir uns doch bald wiedersehen könnten , ich habe Ihnen so viel zu erzählen .
Vorgestern nahm Detlev mich nun wirklich mit zu Seebalds , und Olafson war zuerst auch da .
Es wurde über die gesprochen , über Murgers und über freie Liebe .
Und dann erzählte Olafson von Paris .
Wie kann er wundervoll reden – wenn er sprach , schwiegen alle still , aber ich glaube , uns war allen zumut , als ob man laut schreien müßte vor Begeisterung oder weinen oder irgend etwas ganz Verrücktes tun .
Was sind das alles für Menschen , endlich einmal wirkliche Menschen , ohne Schablone und voll Künstlertum und Freiheit .
Es ist einem , als ob man sein Leben lang taub , blind und stumm in einer Höhle gesessen hätte und nun zum erstenmal sieht , zum erstenmal menschliche Stimmen hört , die ins Leben rufen .
Nachher zeigte Lisa uns ihre Skizzen .
Gott , wenn ich denke , daß man auch einmal so hinauskönnte .
Sie fanden es alle entsetzlich , daß ich so eingesperrt bin , besonders Marga , die ja auch Ihre besondere Freundin ist .
Ich bin sehr angetan von ihr – man sieht , daß sie ihren Lebenskampf mit Stärke und Entschlossenheit kämpft .
Später gingen wir mit der ganzen Gesellschaft zu Allersens .
– Sie haben ganz recht :
das düstere , alte Haus paßt wunderbar zu diesen Menschen .
Die zwei Schwestern saßen in großen Lehnstühlen und sahen aus wie seltsame schwarze Blumen .
Anita spielte mit einer kleinen Katze – von der anderen weiß ich nicht , wie sie heißt , und der Bruder mit dem Christuskopf stand am Fenster .
Sie sagten alle sehr wenig , aber man fühlt , daß sie es auch nicht nötig haben , so viele Worte zu machen wie wir anderen .
– – das war ein ereignisreicher Tag für mich , ich finde , das Leben wird jetzt mit jedem Tag schöner und reicher .
Und ich bin mitten drin , nun lasse ich es nicht wieder fahren .
14. April Kaum eine Stunde ist es her , daß wir uns trennten – nur die Rose , die im Glas vor mir steht , sagt mir , daß ich nicht geträumt habe – daß wir jetzt für immer zusammengehören .
Friedl , ich hätte Dir noch so unendlich viel zu sagen , aber ich kann nicht .
Es ist , als ob die ganze Wirklichkeit um mich versunken wäre – ich weiß nur noch unsre Liebe , und daß uns nichts mehr trennen kann .
Abends Und dieser Tag ist verschont geblieben von all den Dissonanzen , die mich sonst quälen und zerreißen .
Ich war ganz alleine mit den Eltern , und es fiel ausnahmsweise kein böses Wort zwischen uns .
Mein Gott , und wenn sie einmal mit mir so sind , fühle ich auch wieder , wie ich sie im Grunde doch liebe .
Ich war in einer so weichen Stimmung , daß ich ihnen am liebsten um den Hals gefallen wäre .
Gute Nacht , Geliebter , meine ganze Seele ist bei Dir und gehört Dir .
Mein Fenster steht weit offen , die Luft ist voller Frühling , und in mein Leben ist zum erstenmal Sonne gekommen .
21. April Hab Dank für Deinen Brief – wenn Du wüßtest , wie mich Deine Worte glücklich machen und auch wieder traurig .
Ach , Friedl , daß wir jetzt an eine lange Trennung denken müssen , wo wir uns eben erst gefunden haben – das ist sehr schwer .
– Aber es war schon lange festgesetzt , daß ich für diesen Sommer zu meinen Verwandten sollte .
Länger wie ein halbes Jahr können sie mich hier zu Hause ja nicht ertragen .
Aber sieh , wir können ja auch aus der Ferne alles miteinander teilen – wir müssen um unsrer Liebe willen alles ertragen , und ist es nicht geradeso schön , daß niemand darum weiß ?
– Und ich weiß doch nicht , wie ich nur einen Tag ohne Dich leben soll , und nun erst Wochen und Monate .
– – Ich muß Dir heute abend noch ein Wort schreiben und Dir immer wieder sagen , wie glücklich ich bin .
Endlich – endlich ist es Frühling geworden , und ich komme mir wirklich vor wie ein Baum , der Knospen treibt .
Ich sehe nun endlich das Leben vor mir liegen – in Schönheit und Freiheit , nur die letzten Schranken gilt es noch einzurennen , und sie sollen und müssen fallen .
Herrgott , wir sind ja noch so jung – die paar Jahre , bis ich mündig bin , werde ich wohl noch aushalten , und dann soll keine Macht der Welt mich zwingen , noch zu bleiben .
Sollte ich etwa mit gebundenen Händen immer weiter zusehen , wie man mir mein Leben zertritt , bis die Jugend vorbei ist und alles zu spät ?
Nein , siehst Du , Friedl , ich muß hinaus aus alledem , sonst gehe ich innerlich zugrunde .
– Und denke Dir nur , wie göttlich es werden kann , wenn wir beide in München wären – Du studierst und ich male , und wir lieben uns , wie noch nie zwei Menschen sich geliebt haben .
– Ich sitze oft stundenlang da und stelle mir das alles vor , und es wird immer leuchtender in mir .
Aber es macht vor allem Deine Liebe , und daß ich jetzt endlich einmal fühle , was Glück ist – da blüht dann auch alles andre auf .
Sag mir immer wieder , jeden Tag , daß Du mich lieb hast – Ich küsse Dich tausendmal – – 24. April Warum kamst Du gestern nicht ?
Du fehltest mir so unter den anderen .
Gerade dann , wenn es lustig und laut ist , kommt mir auf einmal eine solche Sehnsucht nach Dir .
– Wir trafen uns vorm Tor , der ganze Ibsenklub , und zogen in irgendein Wirtshaus weit draußen an der Landstraße , wo wir zur Feier des Karfreitags Grog tranken und sehr viel Lärm machten .
Auf dem Rückweg kamen wir an der kleinen Kirche vorbei und hüpften im Gänsemarsch oben auf der Mauer entlang , als plötzlich die Türen aufgingen und die andächtige Gemeinde herausströmte .
Wir machten , daß wir herunterkamen , und tanzten alle angefaßt um Lisa herum , die nicht mitgewollt hatte .
Die Kirchenbesucher und Vorübergehenden schienen einigen Anstoß daran zu nehmen , und wir wurden verschiedentlich ermahnt weiterzugehen .
Es war zu schade , daß Du nicht da warst .
– Detlev und ich kamen noch etwas angesäuselt zu Tisch und wurden mit einem Donnerwetter über unser langes Ausbleiben empfangen .
– Sie sind auch außer sich , weil wir uns weigerten , morgen mit zur Kommunion zu gehen , den ganzen Abend wurde kein Wort gesprochen – aber wäre es nicht Feigheit , es um des Friedens willen doch zu tun ?
2. Mai Das ist nun unwiderruflich der letzte Abend – für Monate .
Eben bin ich noch mit unsrem alten Nero im Mondschein durch den Garten gegangen – und mir war ganz wehmütig dabei .
Dies Tier ist das einzige Wesen , das hier zu Hause wirklich an mir hängt und mich vielleicht etwas entbehren wird .
Nein , es ist nur gut , daß ich fortkomme , dieser Zustand reibt mich auf .
Immer liegt es wie ein dunkler Schatten über meinem Leben , das sonst so froh und licht sein könnte .
Friedl , denke daran , daß ich keine Mutter habe , nie gewußt , was Mutterliebe ist – das alles mußt Du mir ersetzen , und Du tust es ja schon .
2 Antonio hatte den Tag in der Brancacci-Kapelle zugebracht mit .
Dieser Sklave seiner Launen war plötzlich von der Lust angewandelt worden , die zu kopieren .
Antonio malte am Sockel unter dem Taufbilde .
Sie kehrten einander die Rücken zu und wechselten kein Wort .
Ohne Gruß verließ Lippi zuerst die Kirche , und bald darauf wurde auch sein Widersacher durch die Dunkelheit , die einzubrechen begann , gezwungen , von seiner Arbeit abzulassen .
Filippos Staffelei stand vor dem Eingangsbogen der Kapelle .
Ein letzter Tagesschein beleuchtete die Kopie schwach , aber deutlich .
Antonio verweilte vor ihr , und neidische Bewunderung ergriff ihn .
Wie das mühelos hingestrichen war , wie das von Talent strotzte !
Wie dieser straflos alles durfte , wie er sogar zum Frevel berechtigt schien und sich vermaß , die Worte mit der Anwendung auf sich zu wiederholen :
Er genoß das Leben , seine Heiterkeit gewann ihm alle Herzen , er wurde gesucht und geliebt und ließ sich finden und lieben .
Schenkte er hie und da auch der Arbeit einen Tag , lohnte sie ihm dieses karge Ge schenk überreich – um wie vieles reicher als dem unermüdlich strebenden Antonio !
Der kannte keine andere als die herbe Wonne des Fleißes ;
in sie vergrub er , was jung und freudedurstig in ihm war , wie in ein Grab und hatte nur eine Sehnsucht und rang nur nach einem Ziel – nach der Macht eines großen Könnens .
Er war nicht verblendet über sich , er sah :
Was ich so heiß begehre , wonach ich rastlos jage – der das gemalt hat , der hätte es , sobald er die Hand danach ausstreckte ... Eine fressende Pein ergriff ihn .
Ist denn die Kunst eine Dirne , die sich dem treuen Bewerber versagt , um ihre Gunst dem Gleichgültigen zu schenken , der ihrer in flüchtiger Laune begehrt ?
Sein Schrei schlug an die Wände der leeren Kirche , die ihn dumpf widerhallten .
Der unheimliche Schall sagte ihm zu ;
die rieselnden Schauer , die ihn durchliefen , milderten seine ätzende Qual ;
das leise Grauen , das ihn erfaßte , schläferte sie wohltuend ein .
So fuhr er fort , in den hohen , dunklen Raum laut hineinzurufen :
Er warf sich zur Erde nieder , stöhnend , rasend , in wahnsinnigem Schmerz .
Er preßte sein wild klopfendes Herz an die kalten Steine und fühlte sich unsäglich elend und um alles Glück und um alle Hoffnung betrogen .
Daheim auf dem ersten Treppenabsatz traf er Cencetta .
Wie gering war die Beachtung , die er ihr schenkte , und doch wartete sie Tag für Tag geduldig auf ihn , um ihm , wenn er kam , einen leisen Gruß zu bieten , der meist unerwidert blieb .
Heute einmal nicht .
Sie hatte , an die Rampe des Halbstockes gelehnt , mit weit ausgestrecktem Arm die kleine Lampe über die Stufen gehalten , die er heraufstieg , so langsam , so merkwürdig langsam .
Und nun erhob er den Kopf und richtete die Augen auf sie und lächelte sie an , die so demütig und so sehnsüchtig nach einem Blick der Güte von ihm verlangte , wie er nach einem Zeichen der Huld von seiner Göttin .
Es war aber ein gar trauriges Lächeln , das ihr ebenso weh tat als wohl .
Und doch hätte sie aufgejubelt beim leisesten Ahnen der Gedanken , die ihm in diesem Augenblick durch die Seele schwebten ... Das ganze Bild stand vor ihm .
Wehmütig , leidvoll , bitter kam ihm alles zu Sinne , was seiner wartete ... auch aller Spott und Hohn ... Cencetta blickte ihm beseligt nach , als er in das Zimmer des Meisters trat .
Der Gruß , den er ihr im Vorbeigehen gegönnt hatte , war zutraulich und herzlich gewesen .
Den langen Sommertag hatte die Nacht abgelöst .
In Masaccios großer Stube brannte die dreiarmige Lampe .
Der Meister saß am Tische mit dem Rücken gegen die Tür .
Unberührt lagen Mappe , Pinsel und Stifte neben ihm , der sonst sogar während der Mahlzeiten die Arbeit nur für Augenblicke unterbrach .
Er hatte sich behaglich zurückgelehnt und führte – er , der Schweigsame – ein lebhaftes Gespräch mit einem jungen Mädchen , dessen Anblick auf Antonio wie der einer himmlischen Erscheinung wirkte .
Sprachlos blieb er stehen , und Masaccio , der sich nach ihm umgewandt hatte , mußte die Aufforderung , näherzukommen und am Tische Platz zu nehmen , wiederholen , bevor der Jüngling ihr stumm und zögernd gehorchte .
Nun saßen die zwei schönen Menschen dem Maler gegenüber .
Das Licht der Lampe fiel auf sie herab , aber nicht von ihm , von ihnen schien der Glanz auszugehen , der die dämmerige Stube erhellte .
Masaccio sah das verzückte Staunen , mit dem Antonio die Jungfrau betrachtete ;
er sah auch – und dabei beschlich ihn ein nie gekanntes , bitteres Gefühl – die Röte , die in Margheritas Wangen stieg , als sie nach einem Blick auf Antonio , der kaum weniger Staunen ausdrückte als der seine , die Augen senkte .
Sie , die eben so zutraulich geschwatzt und kindlich gelacht hatte , wurde plötzlich schweigsam und befangen .
Leise und rührend beschattete ein träumerischer Ernst ihre glanzvollen Züge .
Ergriffen sagte sich der Meister , daß er Zeuge eines hohen Wunders war , des ersten Erwachens von etwas Allgewaltigem , für das ganze Leben Entscheidendem in zwei jungen , erbebenden Seelen .
Ja , sie waren geboren , um einander zu beglücken , die Blühenden , Schönheitbegnadeten !
– Guidi betrachtete sie , und ein bitteres Lächeln verzog seinen Mund .
In dem Augenblick erlebte er an sich das Beschämendste , erlebte , daß er fähig sei zu empfinden , was er am tiefsten verachtete – Neid .
Ja , ja , ja , der Meister beneidete seinen demütigsten Schüler ... Er erhob seine Hände und ließ sie , fest angepreßt , an seinen eingefallenen Schläfen , seinen hohlen Wangen herabgleiten .
Ein tiefer Atemzug , ein kurzer Kampf , und er langte nach seiner Mappe und sprach :
rief der Jüngling und hatte auf einmal die Sprache wiedergewonnen .
Antonios Warnung erfüllte sich .
Das erste Bild , das Maso von seiner Base entwarf , mißlang , und mit einem zweiten war er nicht glücklicher .
geriet in Begeisterung , als er Margherita zum erstenmal erblickte , und schwur hoch und heilig :
jetzt sei es ihm leuchtend aufgegangen , wozu ihn der Himmel mit Talent begnadet habe .
Damit er Gottes vollkommenstes Werk nachschaffe – dazu !
Und er malte das Dorfkind aus Fontana als heilige Rosa , als heilige Katharina , als heilige Cäcilia , und es entstanden liebenswürdige und anmutige Bilder , keines aber hatte eine mehr als flüchtige Ähnlichkeit mit Margherita .
Jeder Versuch , den er mit einer bei ihm unerhörten Beharrlichkeit anstellte , ihre Züge mit dem Stift und dem Pinsel darzustellen , bedeutete einen Mißerfolg .
Ehrlich gestand Antonio seine Freude darüber ein .
Was hätte es ihm auch genützt , sie verbergen zu wollen ?
Sie würde sich ja doch verraten haben ;
sie war so heilsam , diese Freude !
Sie hob seinen eine furchtbare Stunde lang niedergeworfenen Mut , ließ den Glauben in ihm aufleben , daß er sich jede Fähigkeit und auch die zutrauen dürfe , die höchsten Güter des Lebens an sich zu fesseln :
den heiß ersehnten Ruhm und die Liebe der Geliebten .
Untrennbar erschienen ihm die beiden und eines das andere bedingend .
Im Sturm war die Liebe gekommen , emporgeflammt wie eine Feuersäule ;
er fühlte sich von neuen Kräften durchströmt , von einem Bewußtsein seiner selbst , wie er es nie gekannt hatte .
Die Zukunft lag in strahlendem Lichte vor ihm , und er traute sich das Erreichen der fernsten Ziele zu .
Masaccio überflügeln , wie der Masolino überflügelt hatte , der größte Maler Italiens und im Besitze des schönsten Weibes sein , davon träumte er , das spiegelten wonnige , kühne Phantasien ihm vor .
Arme kleine Cencetta !
Während eines flüchtigen Augenblicks hatte er sie an seiner Seite und in ihr seine Lebensgefährtin sehen können , als das lang verschmähte Gut , mit dem die Resignation sich endlich bescheidet .
An seinem grauen Himmel war sie hingezogen wie ein weißes Wölkchen , eine Labe dem in trostlose Eintönigkeit blickenden Auge ... Jetzt schimmerte der Himmel in allverklärendem Glanze , und die Sonne leuchtete über der glücktrunkenen Erde .
Wer hätte da noch einen Gedanken für dich übrig , weißes Wölkchen , armer Dunst !
Mit Blitzesschnelligkeit verbreitete sich unter den Künstlern die Nachricht , im Pisanohause sei das schönste Mädchen zu Gaste , das jemals in Florenz gesehen worden war .
Von allen Seiten eilten sie herbei und baten um die Gunst , Margherita abbilden zu dürfen .
Jeder versuchte es , keiner konnte sich des Gelingens rühmen , nicht einmal Ghiberti , nicht einmal Donatello .
Viel weniger noch , der sich mit bäuerlichem Eigensinn in die Lösung der lockenden Aufgabe verbiß , und , für den sie die köstlichste Naturstudie war .
Der , , brachte von einem Besuche in Florenz Entwürfe mit , die das ungläubige Staunen seiner Landsleute erregten .
Er jedoch fühlte , daß sie kaum einen leisen Begriff von der Schönheit , die sie darstellen sollten , zu geben vermochten .
Kein irdischer Meister bildet die Pracht dieser Formen , dieser Linien nach .
Verhältnismäßig am nächsten kam mit seinem zarten Pinsel dem Ziele des allgemeinen Ehrgeizes .
In seinen Miniaturen spiegelte sich doch etwas von dem lieblichen Glanze wider , der Margheritas Angesicht umfloß .
Die ideale Pracht und Reinheit ihrer Züge ganz treu nachzugestalten , dazu reichte auch seine Kunst nicht aus .
Sie gerieten immer weniger fein oder herabgewürdigt zum Kleinlichen .
sagte Antonio zu den jungen Malern .
Er hatte wohl recht .
Was sie von sich verlangt hatten , war vielleicht wirklich nicht Menschensache .
Um so mehr Menschensache aber war es , nach dem Besitz des Unnachahmlichen selbst zu streben .
Die meisten fühlten sich so gut wie berechtigt , für die Niederlage , die sie als Künstler erlitten hatten , als Anbeter und Bewerber entschädigt zu werden .
hing , sobald es zu dunkeln begann , sein klösterliches Gewand an den Nagel und schlich in Goldbrokat , den Dolch im blinkenden Gürtel , um die Rosenhecke vor dem Hause herum .
Die Herrin der Villa Pisano verglich ihn , aller Naturkunde spottend , mit einem .
Er spielte den Gekränkten und wollte sie zur Beichtmutter seiner Liebesleiden machen , was sie ablehnte .
Einen andern als Filippos tändelnden Ton stimmten Briefe und Sonette an , die täglich an der Pforte abgegeben und von Cencetta in Empfang genommen wurden zur Beförderung an die Gefeierte .
Über das glückliche Haus , das ihr zur Wohnstätte diente , ging ein Blumenregen nieder , Serenaden wurden vor ihm abgehalten , die süßesten Liebeslieder stiegen zu seinen Fenstern empor .
Trieben die Musikanten es gar zu toll , dann erschien Pulcheria auf der Loggia , von miauenden Katzen umringt , und dankte verbindlich für die Huldigungen , die sogleich eingestellt wurden .
Auf Margherita machte die Bewunderung , die sie erregte , anfangs keinen besonderen Eindruck .
Sie staunte nur darüber , wie über so manches in Florenz , und setzte alles , was sie erlebte , auf Rechnung der Gebräuche , die in der Stadt gang und gäbe und eben ganz andere waren als die auf dem Dorfe .
Daheim war es niemand eingefallen , ein Wesen aus ihrer Schönheit zu machen ;
niemand hatte ihr einen Vorzug eingeräumt vor ihren Gefährtinnen .
Sie hatte ihr einförmiges Leben still dahingelebt .
Sie hatte gesponnen und geflickt und – wenn es etwas zu kochen gab – gekocht , die Woche hindurch .
Und sonntags war sie in die Kirche gegangen und in die Osteria und hatte am Morgen gebetet und am Abend getanzt .
Und sie hatte ihre Eltern treu gepflegt , als sie erkrankten , und ihr Patengeschenk , ihren größten Schatz , ihr gesticktes Seidentuch , zu Gelde gemacht , um ein Kreuz auf das Grab ihrer Mutter setzen zu können .
Sie mußte an die Tränen denken , mit denen sie sich von diesem kleinen Tuche getrennt hatte , als sie eines Morgens ein viel schöneres am Riegel ihrer Zimmertür befestigt fand .
Es war reich mit bunter Seide gestickt und mit Goldfäden durchwirkt und hatte lange , seidene Fransen .
Als sie es in die Höhe hob , kam ein Paar allerniedlichster Schuhe aus feinem , rotem Leder zum Vorschein , das auf dem Boden stand und von den Fransen verdeckt worden war .
Margherita stieß einen Schrei des Entzückens aus und konnte trotz Cencettas Versicherungen nicht glauben , daß auch die ihr gehörten .
fragte sie endlich und küßte die Schuhe und drückte das Tuch liebkosend an ihr Gesicht .
Cencetta durfte den Geber nicht nennen ;
sie hatte es hoch und heilig geschworen und hielt nur zu gerne Wort .
, hatte Antonio gesagt , So herzlich und gut redete er zu ihr und streichelte ihre erglühenden Wangen , und sie , in ihrer opfermutigen Hingebung , versprach alles , was er wollte .
Durch sie erfuhr Margherita nicht , woher die Geschenke kamen , die keine emphatischen Widmungen trugen , nicht von bebänderten Pagen überbracht wurden und nicht mit höflicher Empfehlung von an den Spender zurückbefördert werden konnten .
Sie waren und blieben da .
Margherita fand sie in Gestalt von Ohrringen , Ketten , Amuletten , kostbaren Stoffen unter ihrem Kopfkissen , in ihrem Schranke , ihrer Truhe .
Ohne zu fragen :
Woher nehmt Ihr alle die Kostbarkeiten ?
ohne den geringsten Einwand zu erheben , befolgte Cencetta die Anordnungen Antonios .
Nur wenn er sagte :
– da schwieg Cencetta , schüttelte fast unmerklich den Kopf und lächelte traurig vor sich hin .
Dach und Fach , Vater und Mutter machen es nicht aus .
Die kann eines haben und doch viel ärmer sein als die arme Margherita .
Die Zeit verging .
Der Lerneifer Antonios war allmählich erloschen .
Der früher unermüdlich Emsige fand nun täglich einen Vorwand , sich spät bei der Arbeit in der Kapelle einzustellen und sich bald wieder fortzuschleichen .
Daß er deshalb nicht müßig ging , schien dem Meister ausgemacht .
Guidi und Pulcheria zweifelten auch nicht daran , daß die Beschäftigung , die er hinter dem Rücken Masaccios betrieb , einträglich und daß er der Spender der geheimnisvollen Geschenke sei , die der schönen Hausgenossin dargebracht wurden .
Einmal hatte Pulcheria ihre offenbar in die Sache eingeweihte Dienerin ins Verhör genommen .
Doch war Cencetta in so heftiges Schluchzen ausgebrochen , hatte die Gebieterin so leidenschaftlich beschworen , sie nicht zu einem Treubruch zu verleiten , daß darauf verzichtete , der Kleinen ein Geständnis abzuringen .
Ihrem Maso redete sie aber ins Gewissen und erklärte ihm die Notwendigkeit und die Pflicht , die Schliche seines Schülers aufzudecken .
Guidi ließ alles gelten , versprach , Antonio zur Rede zu stellen – und verschob immer wieder die Ausführung des leidigen Auftrags .
Er hatte ihn noch nicht erfüllt , als ein Zufall ihm die Gelegenheit dazu in die Hand spielte .
Eines Morgens , da er sich auf dem Wege nach dem Carmine befand , sah er zwei Männer längs des mit Ölbäumen bepflanzten Hügels der Stadt zuschreiten .
Sie schienen in lebhaftem Wortwechsel begriffen , gingen sehr rasch und entschwanden bald seinen Augen .
In dem einen von ihnen hatte er Antonio , in dem andern den erkannt .
nannte der sich selbst , hatte ein breitspuriges Auftreten , biedere Manieren und ewig ein väterliches Lächeln auf dem fettglänzenden Gesicht .
Offiziell vermittelte er Geschäfte zwischen Künstlern und Kunstfreunden und verkaufte allerlei Luxuswaren .
Unter der Hand befaßte er sich mit dem Absatz von Geheimmitteln und – wie er glimpflich sagte – von fazetiösen Bildern .
In der Via Ginori befand sich sein wohlbekannter Laden , und dort suchte Masaccio ihn auf .
Der Verdacht , den der Maler gefaßt , als er seinen Schüler in Gesellschaft des Giorgio erblickt hatte , bestätigte sich .
Nach einigem Zögern und Hin- und Herreden gab der Händler zu , daß Antonio ihm allerlei gangbare Ware für sein stets ausverkauftes Magazin von Ergötzlichkeiten liefere .
Er ließ sich sogar herbei , einiges davon vorzuzeigen , kleine , sauber ausgeführte Darstellungen unsauberer Vorgänge .
Einzelne Gestalten und Gruppen erinnerten noch an die Schildereien , mit denen der dereinst seine Schüsseln und Krüge geschmückt hatte .
schrieb den tiefen Unmut , der sich in Masaccios Zügen aussprach , einem andern als seinem wirklichen Grunde zu .
, sagte er seufzend , Er erschrak über den Blick , den der Maler ihm zuwarf , und verbesserte sich :
, wiederholte Guidi so sanft , als die Entrüstung , die in ihm kochte , es erlaubte .
Er blinzelte ungläubig :
, sprach er vertraulich zuredend und wollte seine behaarte Hand auf die Schulter Guidis legen .
Der fuhr zurück wie vor der Berührung eines Aussätzigen .
Als Antonio ein nächstes Mal wieder vorzeitig Feierabend machen wollte , befahl ihm Masaccio zu warten , bis er selbst die Kapelle verlassen werde , und ihn dann zu begleiten .
Er habe eine Entdeckung gemacht , die er ihm nicht vorenthalten dürfe , sagte er .
Ungewohnte Strenge lag in seinem Tone ;
Antonio wagte keinen Widerspruch und folgte dem Meister auf dem Weg , den er einschlug und der zum Ponte alla Carraia führte .
Es war Nacht geworden , Schirokkoluft wehte atembeklemmend und schwer ;
träge wälzte der Fluß trübe Wellen durch sein halbversandetes Bett .
Jenseits des Arno schritten die beiden Männer durch die Via Guelfa und weiter an einzelstehenden , armseligen Häusern vorbei und gelangten endlich zu dem zwischen Buschwerk fast verborgenen Eingang eines Gartens .
Ein dichter Laubgang empfing sie , den Masaccio mit sicherem Schritte betrat .
Antonio suchte ihn zurückzuhalten .
fragte er und trachtete nicht länger , seine furchtbare Unruhe zu verbergen .
, versetzte Guidi ruhig .
Der freie Raum , den sie jetzt erreichten , war fast menschenleer , nur hie und da eine Bank von stillen Leuten besetzt .
Beobachter , schüchterne Neulinge , Späher vielleicht .
Schwelende Öllämpchen , auf Tischen aufgestellt , bildeten rote Zünglein im Dunkel .
Buschwerk und Bäume , die sich schwarz abhoben vom bleifarbigen Himmel , umgaben das , wie es schien , geräumige Haus .
Verhüllte Gestalten , eng umschlungene Paare glitten vorüber , traten lautlos ein .
Schwacher Lichtschein stahl sich durch einige verhangene Fenster des oberen Geschosses ;
die des unteren standen offen .
Die Klänge einer frechen Musik drangen aus ihnen hervor und zwischendurch Gesang und wüstes Gejohle und das Jauchzen trunkener Weiber .
Mit bebender Hand umklammerte Antonio den Arm :
, erwiderte der Meister und zog ihn unerbittlich näher zum Hause .
Auf der Schwelle erschien eine Frau in verschossenem Seidenkleide , Blumen und Goldflitter in der hochaufgetürmten Frisur .
Ihre harten , scharfen Züge hatten etwas von der unheimlichen Starrheit einer Larve .
Lauernd betrachtete sie die Herannahenden .
Ein Lächeln blitzte über ihr bemaltes Gesicht , als sie in dem einen von ihnen Antonio erkannte .
Sie schien reden zu wollen , besann sich aber und deutete nur grinsend auf ein buntes Schild , das , von Lampenlicht beleuchtet , über der niedrigen Haustür an einem Arm aus geschmiedetem Eisen hing .
Auch erhob die Hand , und auch er deutete nach dem Schilde und sprach gebieterisch :
Antonio gehorchte nicht .
Er hielt den Blick fest auf den Boden gesenkt und wiederholte ein Mal ums an dere :
, sagte Masaccio , als sie sich wieder im Freien befanden .
Von dem Tage an erhielt Margherita keine anonymen Geschenke mehr , und sie war es zufrieden .
Sie kam sich ohnehin schon reich genug vor , und überdies – bedurfte sie des Putzes ?
Wenn sie in dem einfachen Kleide ausging , das Pulcheria ihr hatte machen lassen , wurde sie dennoch Madamigella und sogar tituliert , und das schmeichelte ihr .
Von der Meinung , die Art , in der man ihr in Florenz begegnete , sei auf Rechnung der städtischen Gebräuche zu setzen , war sie nach und nach abgekommen , Sie sah , daß weder Cencetta noch andere Mädchen soviel Aufmerksamkeit erweckten wie sie , und hätte stumpfsinnig sein müssen , um sich des Vorzugs , den sie genoß , nicht bald als eines ganz persönlichen bewußt zu werden .
Nicht nur die Maler und die Bildhauer blieben stehen und sahen ihr bewundernd nach , wenn sie sich an Pulcherias Seite auf der Straße blicken ließ .
Jung und alt , vornehm und gering huldigte ihr , und sie machte sich ein Vergnügen daraus , den Zauber , den sie besaß , mit spielerischer Neugier zu erproben .
Sie konnte es gefahrlos tun , denn mehr , als sie mit Blicken anzufunkeln oder anzuschmachten , wagte keiner ;
die Nähe der alten bot Schutz und Schirm gegen Zudringlichkeit .
Jeder wußte das , nur Antonio wollte sich davon nicht überzeugen lassen .
Er war wie auf dem glühenden Roste , wenn er Margherita auswärts vermutete , und stand wie aus dem Boden gewachsen vor ihr und warnte vor dem Eintritt in diese oder jene Straße , fabelte von der oder jener drohenden Gefahr .
Pulcheria empfing ihn bei solchen Gelegenheiten durchaus ungnädig :
Ach Gott , ja !
Wenn die Tochter der Pisano wollte , war sie Mannes genug , Zudringliche von ihrem Schützling abzuwehren .
Wollte sie aber auch in jedem Falle ?
Antonio fand , daß es einen gab , gegen den sie sträfliche Nachsicht übte , den Sohn einer der vornehmen Damen , die ihr ab und zu einen Besuch machten .
Er hieß Bernardino und war das einzige Kind der reichen und ihr Abgott .
Ein feines Früchtchen , das schon mit vierzehn Jahren auf Liebesabenteuer ausgegangen , sich aber heute noch , als Zwanzigjähriger , vor einem bellenden Hunde verkroch .
Er bewohnte einen schönen Palast , ritt die edelsten Pferde , kleidete sich prächtig und kunstvoll , hatte ein hübsches Gesicht mit lebhaften und unruhigen Vogelaugen und war hager und schlottrig in seinen zarten Gliedern .
Dieser Montanini fand alle Augenblicke einen Vorwand , der hochverehrten Pulcheria seine Aufwartung zu machen .
Er stiefelte hinter ihr her – allerdings nur , wenn sie mit Margherita ausging ... in respektvoller Entfernung , ja !
aber doch !
– und :
fragte Antonio so oft und so eindringlich , daß Pulcheria endlich ungeduldig wurde .
erwiderte sie .
rief Antonio in Wut und Verzweiflung .
versetzte das Fräulein und erteilte ihm in einem Atem ein Verbot und einen Befehl .
Das Verbot , in ihrer Gegenwart von unziemlichen Dingen zu sprechen , und den Befehl , sie von seinem Anblick zu befreien .
Pulcheria und Margherita pflegten regelmäßig am Sonntag dem Hochamt im Dome beizuwohnen , und immer fand Bernardino sich dort ein und reichte ihnen am Eingang und am Ausgang seine in Weihwasser getauchten Fingerspitzen .
Manchmal erwartete er sie auch schon in der Nähe von San Giovanni und folgte ihnen in gemessener Entfernung .
Sie auf der Straße anzusprechen , hatte er so wenig wie irgendein anderer je gewagt .
Eines Sonntagmorgens , als über Florenzia , der herrlichen , warmer Frühlingsodem hinstrich , alle Bäume und Sträucher grünten , in den Gärten die Blumen blühten und in den Herzen der Menschen die Liebesknospen schwollen , da hüpfte auch im Seelchen Bernardinos ein Funken Mannesmut empor .
Sein Schneider hatte ihm einen längst bestellten , köstlichen Anzug aus weißer Seide gebracht .
Als er sich seiner Mutter darin zeigte , weinte sie vor Rührung und sprach in ihrer zärtlichen Verblendung :
Es freute ihn , daß er so gut aussah .
Er befahl dem Gärtner , die zwei schönsten Rosen , die es im Garten gab , abzuschneiden , nahm sie in Empfang und schlug den Weg zum Dome ein .
Weil er aber in seiner blütenweißen Pracht und mit seinen Rosen in der Hand zuviel Aufmerksamkeit erweckte , zuviel spöttische Zurufe und kecke Fragen zu hören bekam , trat er in ein dunkles Sackgäßchen und wartete dort ungeduldig und lange umsonst und verlor allmählich die Hoffnung , den kühnen Streich , den er ersonnen hatte , ausführen zu können .
Auch der Unternehmungstrieb , der so angenehm in ihm geprickelt hatte , begann sich zu empfehlen , als die Ersehnten endlich sichtbar wurden .
Pulcheria kam langsam und feierlich einher , wie sie es auf dem Weg zur Kirche schicklich fand , und trug nicht ihr leichtsinnig flatterndes Mäntelchen , sondern einen würdevollen Mantel aus schwerem dunkelgrünem Sammet .
Ein Erbstück , darauf wollte schwören , nach , der ihn in Perugia zur Feier der Enthüllung seines berühmten Brunnens angelegt hatte .
Ihren Gang nach dem der Padrona bemessend , kam einen Schritt hinter ihr Margherita , den Rosenkranz um die Hand geschlungen , den schwarzen Schleier auf dem Haupte .
dachte der Kleine , und es überrieselte ihn , und er sah , daß alle , die ihr begegneten , etwas Ähnliches empfanden wie er , ein Staunen , freudig und verwirrend , eine Bewunderung , in die sich Ehrfurcht mischte .
Das blendende , prunkende Tageslicht umspielte liebkosend die Erscheinung eines Vollkommenen mitten unter Unvollkommenheiten .
Bernardino schrumpfte förmlich zusammen im Angesichte dieser Majestät und zog sich tiefer in sein Versteck zurück .
Dabei streiften seine bauschigen Ärmel und sein Mantel die Wand , und da gab's ein Rauschen und Knistern von feinster Seide und von schwerer Goldstickerei , so vornehm , so stolz , daß ihm sein entflohenes Selbstbewußtsein nach und nach wiederkehrte .
Er warf sich in die ausgepolsterte Brust seines Wamses , ließ noch Pulcheria am Hause vorübergehen , trat leise und plötzlich vor Margherita hin und zwang sie stehenzubleiben .
Nun aber war auch sein Heldenmut erschöpft , die Worte , die er hatte sagen wollen , blieben ihm im Halse stecken .
Stumm , mit einer flehenden Gebärde bot er ihr seine Rosen an .
Margherita war überrascht .
Er kam ihr komisch und auch ein wenig rührend vor ;
sie deutete mit dem Finger auf die Blumen und sagte scherzend :
Und er suchte sie ihr aufzudrängen .
Das Geläute der Kirchenglocken ertönte .
Sie griff nach den Rosen , und Bernardino stammelte entzückt :
In dem Augenblick hatte Pulcheria sich nach ihrer Begleiterin umgesehen und rief ihr streng und hastig zu :
Zugleich wurde Bernardino hart angelassen .
Der unsichtbare Beschützer hatte sich einmal wieder in einen sichtbaren verwandelt .
Antonio faßte den Arm des ertappten Schlaukopfs .
, sprach er , Sein Ton war voll Grimm und Schmerz , und aus den Augen , die er funkelnd auf sie richtete , sprach die glühendste Liebe , eine Liebe , groß und prächtig , eine lodernde Flamme , neben der Bernardinos zitterige Leidenschaftlichkeit ein schwaches Glasten schien .
Antonios nervige braune Hand lag noch immer auf dem weißen Atlas des Puffärmels und zerdrückte ihn unbarmherzig , und der magere Arm , der darin steckte , machte vergebliche Versuche , die Umklammerung loszuwerden .
Auf einmal aber gab sie von selbst nach .
Die starke Hand hob sich – mit einer fast entschuldigenden Bewegung .
Margherita hatte gesprochen .
, entschied Pulcheria und warf ihm ein ungnädiges zu .
Beschämt und gekränkt wich der Kleine zurück .
Die Frauen setzten ihren Gang zur Kirche fort ;
Antonio folgte ihnen .
Nach einer Weile sah Margherita sich nach ihm um und sagte :
, erwiderte er .
Sie wiegte den Kopf .
Ihr Lächeln war voll holden Zaubers und schöner Rätsel .
und jetzt lachte sie , und Pulcheria pflegte ihr Lachen mit in Musik gesetztem Sonnenschein zu vergleichen , etwas , das nur sie sich vorstellen konnte .
Heute hatte sie nicht die gewohnte Freude an dem süßen Schall .
befahl sie , Sie war im Begriff , zwischen die jungen Leute zu treten , als sie sich plötzlich von ihnen getrennt sah .
Ein Zug Sbirren bog aus einer Seitenstraße um die Ecke von Santa Maria Maggiore und schritt längs der Kirchenmauer in der Richtung des Domplatzes .
Erschrocken drückte sich das Fräulein an die Wand und hatte plötzlich ihre Schutzbefohlene aus den Augen verloren .
Margherita befand sich mit Antonio auf dem Platze des Baptisteriums , jenseits des Sbirrenzuges .
jubelte er .
brach er hochatmend aus .
Und sie , mitergriffen von der Glückseligkeit , die sein ganzes Wesen ausströmte , leuchtete ihn an mit strahlendem Blick .
sprachen ihre Augen , ihre Lippen aber sprachen :
– sie streckte die Spitze des Fußes vor – Er neigte seinen Kopf zu dem ihren und hauchte ihr ins Ohr :
Sie hörte ihm zu in einem seltsamen Gewirr von Gefühlen .
Geschmeichelt , wonnig erstaunt , ein wenig bang .
Sie hätte seiner Stimme ewig lauschen mögen und seinen Worten , und erwartete doch gespannt , daß der Zug der Sbirren ein Ende nehme .
Als er vorüber war und Pulcheria wieder zum Vorschein kam , gab's ein Begrüßen wie nach langer Trennung .
Margherita bedauerte die Padrona und fegte ihr den Mauerstaub vom Mantel .
Pulcherias Entrüstung über die rohe Soldateska fand einen energischen Ausdruck .
An die Wand gepreßt von diesen Lümmeln , die Tochter der Pisano – wie Luft !
Bei lebendigem Leibe um das Bewußtsein ihrer Persönlichkeit gebracht , tödlich beschämt durch das Gefühl der Auflösung in nichts !
Im Dome kniete Antonio hinter Margherita , und als sie einmal verstohlen nach ihm blickte , sah sie ihn , die Augen in Verzückung zum Allerheiligsten auf dem Altar emporgerichtet , mit einer Sehnsucht , einer Andachtsglut , als ob er die Seligkeit des Himmels zu sich herunterbeten wollte .
Am Abend , als alles still geworden war im alten Hause am Monte Oliveto , Margherita und Cencetta in ihrer großen Stube zwischen dem Zimmer der Herrin und der Katzenresidenz schliefen , Antonio sich in seine Dachkammer begeben hatte , leistete Pulcheria ihrem Pflegesohn noch Gesellschaft beim Nachtmahl .
Sie erzählte von den Vorgängen am Morgen :
Masaccios Lippen verzogen sich , als sie so sprach , zu einem seltsamen Lächeln .
, sagte er .
Sein Lächeln hatte der Freundin weh getan , und was ihr weh tat , wies sie von sich als das Üble und Feindliche .
Göttliche Bestimmung sei freilich alles , erwiderte sie gereizt .
Auf der Hand pflege sie jedoch nicht zu liegen und am wenigsten sich in der Verliebtheit zweier Grasäffchen zu offenbaren .
Sie legte den Finger an die Stirn , ein phosphoreszierendes Leuchten erglomm in ihren großen grauen Augen .
– nun schlug sie mit der flachen Hand auf ihre Knie , kreuzte dann die Arme , richtete den Kopf empor und schloß :
, sagte Masaccio .
, wiederholte sie stolz .
Am nächsten Tage schon nahm die alte Jungfrau Margherita ins Gebet :
O ja !
– von allen Menschen gefiel er ihr am besten .
Sie war ihm auch so gut , wie sie glaubte nie einem anderen sein zu können .
Und dankbar , so dankbar war sie ihm !
Sie wußte , daß er ihr gern alles , was er besaß , gegeben , ihr freudig jedes Opfer gebracht hätte .
Ja , sie liebte ihn , von ganzem Herzen liebte sie ihn .
Seine Braut wollte sie aber noch nicht genannt werden , und wenn er sie darum bat , hatte sie hundert Ausflüchte .
erwiderte sie ihm scherzend .
sagte sie ernsthaft .
Sie scheute sich , dem bis zum Wahnsinn Eifersüchtigen ein Recht zu der Tyrannei einzuräumen , die er sich jetzt schon über sie anmaßte .
Wenn er ihrer sicher wäre , würde er ruhiger sein , schwor Antonio ihr zu .
Er würde sie nie mehr quälen , sich nie mehr so wild und unerträglich gebaren , wie es jetzt gar oft und zu seiner eigenen Bestürzung geschah .
Er würde auch die Arbeit wieder aufnehmen , bei der es ihn längst nicht mehr litt .
Er irrte als Tagedieb umher , den Ermahnungen Masaccios zum Trotz , der schon gedroht hatte , ihn aus der Schule zu entlassen .
Das Johannesfest nahte heran .
Großartige Vorbereitungen zu der kirchlichen Feier und zu den Spielen und den Wagenrennen , die ihr folgen sollten , wurden getroffen .
Ganz Florenz befand sich in freudiger Aufregung , die Betrübten vergaßen ihr Leid , die Armen ihre Sorgen , gar manche Feinde ihren Haß .
Eine fröhliche , erwartungsvolle Stimmung war zur Herrschaft gekommen , ergriff alle , riß alle mit .
Sonnenhell spiegelte sich diese Heiterkeit im Gemüte Margheritas wider .
Sie war berauscht von den Schilderungen der Dinge , die da kommen sollten , die sie mit ansehen , bei denen sie vielleicht eine Rolle spielen würde .
Konnte sie sich doch nie öffentlich zeigen , ohne Aufsehen zu erregen , ohne um sich herum flüstern zu hören :
hatte ihr erzählt , daß vor fünf Jahren , als beim Wagenrennen auf ihrem Balkon erschien , unermeßlicher Jubel sie begrüßte .
Das ganze Volk brach in Zurufe aus :
Er selbst , obwohl er damals erst elf Jahre alt war , hatte sich sterblich in die herrliche Frau verliebt und um ihretwillen große Pein gelitten , heftige Liebespein !
Und doch – was war die Schönheit im Vergleich zu der Margheritas ?
Was ein Finklein ist im Vergleich zum Paradiesvogel , eine Feldblume zur königlichen Lilie .
Filippo versprach sich vom Erscheinen Margheritas beim Feste ein unerhörtes Aufsehen .
Sie lachte zwar und versicherte , sie glaube von seinen Geschichten kein Wort , redete aber von nichts anderem mehr als vom Johannistage und von den Wunderdingen , die er bringen werde .
Sie hatte einen lebhaften Streit mit Antonio , der ihr das Versprechen abschmeicheln wollte , sich fernzuhalten von den Feierlichkeiten .
Er verließ sie im Zorne , kam aber schon nach wenigen Stunden wieder und flehte , erschöpfte seine ganze Redekunst – umsonst .
Sie hörte ihn mit komischer Aufmerksamkeit an und brach endlich in ihr silberhelles Lachen aus .
, begann sie zu singen , , sagte er .
, sagte sie .
Er suchte endlich für ihre Weigerung dort Trost , wo er ihn schon lange nicht mehr gesucht hatte , bei der Arbeit .
Eines Morgens war er planlos durch die Straßen gewandert und zum Platze vor Santa Maria Novella gelangt .
Dort traf er eine Menschenmenge , die den Vorbereitungen zum Wagenrennen zusah .
Als er diese Leute betrachtete , einander im Äußern so unähnlich , wie sie's auch gewiß im Innern waren , und die nun ein und dasselbe Interesse vereinte , das wieder in jedem seinen eigenen Ausdruck fand – da löste sich eine besonders charakteristische Gruppe aus der Masse und gestaltete sich ihm zum Bilde .
Und er ging nach Hause und zeichnete und malte , und sein alter , heiliger Feuereifer kam wieder über ihn .
Er richtete sich seine Kammer als Werkstatt ein , er gedachte Masaccio mit der Frucht seiner jungen Kunst zu überraschen .
Die kühnsten Hoffnungen knüpfte er an das Gelingen :
die Aufnahme in die Malergilde , viele Bestellungen , hohen Sold , die Möglichkeit , Pulcheria eine stolze Antwort zu geben auf ihre Frage :
Wovon wollt ihr leben ?
Ein Blütenmeer lachte die Zukunft ihm entgegen , in den Himmel wuchsen seine Träume – da wurde ihm mit einem Schlag alles vernichtet .
Dem heißen Tage war ein schwüler Abend gefolgt .
In der dumpfen Luft lagen die Düfte der Olivenbäume und der Buchshecken schwer wie etwas Körperliches .
Antonio trat an das offene Fenster und beugte sich hinaus .
Pulcheria , Masaccio und die beiden jungen Mädchen waren im Garten .
Er konnte sie nicht sehen , aber er hörte ihre Stimmen .
Plötzlich gellte ein Schrei – ein Freudenschrei .
Cencetta hatte ihn ausgestoßen , und nun rief sie , er vernahm es deutlich :
und noch einmal :
Das war ihr Bruder .
Was wollte der ?
Was führte den nach Florenz ?
Antonio stürmte die Treppe hinunter und in den Garten hinaus und rannte mit ausgebreiteten Armen auf den Ankömmling zu .
Zweites Kapitel Adrienne war zum erstenmal in ihrem Leben einsam .
Ihre frühe Jugend war in einer geräuschvollen Pension verflossen ;
inmitten der lärmenden Gefährtinnen hatte sie sich allein gefühlt .
Ihre jungen Mädchenjahre verlebte sie in vornehmen Häusern als Gesellschafterin oder Erzieherin ;
auch da umgab sie sich mit einer unsichtbaren Mauer und glaubte sich allein , wie sie denn auch fortfuhr , ihr Wesen abzuschließen , sogar noch in der Ehe .
Diese Art selbstgeschaffener Einsamkeit , die sie aus Trotz künstlich sich aufrecht erhielt , war ganz verschieden von dem ungestörten Alleinsein , zu dem sie sich jetzt gezwungen sah .
Sie konnte ihre Bitterkeit nicht damit sättigen , daß sich der nebenan arbeitende Gatte nicht um sie bekümmerte .
Sie konnte niemand auf eine etwaige freundliche Bitte antworten :
es forderte sie eben niemand zu einem Spaziergang , einem Theaterbesuch , einer Ausfahrt auf .
Sie brauchte ihr innerliches Alleinsein von keiner Umgebung mehr abzutrotzen .
Die Magd , eine gutmütige , beschränkte Person , waltete ihres Amtes als Köchin und Kindswärterin zugleich in tadelloser Gewissenhaftigkeit .
Das Kind lebte sein junges Pflanzendasein in gesunder Regelmäßigkeit weiter , das heißt , es schlief mehr als den halben Tag und ließ sich in seinen wachen Stunden umhertragen , wobei es sich die Welt mit ganz verständnislosen Augen ansah .
Neben dieser geringen Arbeit war die sehr vereinfachte Küche bald besorgt .
Auch schien es den beiden Frauen nicht der Mühe wert , für sich , in Abwesenheit des Herrn , viel zu kochen .
Adrienne fing an sehr schlecht zu leben und der Magd die ganzen Küchenbestimmungen zu überlassen , welche diese nach ihren dörflichen Heimatgewohnheiten traf .
Adrienne versuchte es , sich mit dem Kinde zu beschäftigen .
Es war ein Vierteljahr alt und begann eben erst zu lächeln , ein Lächeln , welches natürlich bloß physischem Behagen entsprang .
Adrienne hatte es sich anders gedacht , .
Die schönen Redensarten , welche sie in Büchern gelesen und von Frauen gehört , die mit der Mutterliebe kokettirten , von dem ausfüllenden , entzückenden Glück , welches der Besitz eines Kindes gibt , schienen ihr erlogen .
Dieses kleine Menschenwesen bedurfte nur einer rein körperlichen Pflege , das Kind hatte seine Mutter , die Mutter hatte das Kind noch nicht in geistigen Besitz genommen , und dieser allein ist es , der Seelenfreuden und Seelensorgen gibt .
Wohl ergriff auch ihr Herz bange Furcht , wenn das Kind je zuweilen unruhig oder fieberhaft war , das aber sind die mütterlichen Instinkte , die auch dem Tier nicht fehlen .
Manchmal träumte sie sich voraus , in die Zeiten , wo aus dem schlummernden Bündelchen ein denkender Mensch , ein Mann geworden sein würde .
Dann ward ihr Herz ergriffen von den bangen und seligen Ahnungen der Mutterlasten .
Sie erschauerte unter dem Bewußtsein der tödlich ernsten Pflichten , die ihr denkendes Kind ihr auferlegen würde ;
sie sah ihren Sohn im voraus als guten , bedeutenden Menschen oder als mißratene Frucht am Baum des Lebens .
Sie schlief nächtelang nicht aus Sorge um ihres Kindes Zukunft ;
sie kämpfte mit ihrem Sohn , sie lobte ihn , sie weinte um ihn , fühlte allen Stolz einer glücklichen , alle Schmach einer unglücklichen Mutter .
Und dann hielt ihr die Gegenwart nichts entgegen als ein kleines , dummes , unerwachtes Lebewesen , das sich in den Armen der sorglichen , mit Kindern vielgewandten Magd behaglicher fühlte als in den zarten , unsicheren Händen der Mutter .
sagte sie sich dann , Adrienne war an eine rastlose Thätigkeit gewöhnt .
Sie hatte immer fleißig sein müssen , in der Pension , bei fremden Leuten , in ihrer Ehe , denn Arnold sprach viel von dem sittlichen Wert aller Arbeit , auch der Frauenarbeit , was Adrienne als Mahnung zur Unermüdlichkeit aufzufassen sich verpflichtet glaubte .
Weil nun so ihre Thätigkeit immer einem gewissen Zwang entsprossen war , hatte sie sich schon von Kindheit an gewöhnt , alle Erholung heimlich zu suchen .
In der Pension hatte sie gleich den anderen Mitschülerinnen heimlich gelesen ;
in ihrer dienenden Stellung verbarg sie ebenfalls die Neigung ;
als Frau hatte sie verstohlen in ein Buch geguckt , wenn Arnold und die Magd ausgegangen waren .
Nun hörte mit dem Zwang allmälich auch die Thätigkeit auf .
Die immer fleißige Nadel wurde seltener und seltener eingefädelt , aber da niemand ein Verbot oder nur eine Frage über das Lesen an Adrienne richtete , nahm sie auch kein Buch mehr zur Hand .
Die Inhaltlosigkeit der Tage und die geringe Nahrung steigerten die Nervenerschlaffung der jungen Frau bis zur brütenden Schwermut .
« sagte sie eines Abends laut vor sich hin .
Der einzige Tag , der neues Leben brachte , war der Sonntag .
An diesem traf , seit Arnolds Abreise , regelmäßig ein Brief von Joachim und einer von ein .
Joachim war kein Federheld ;
seine Briefe erzählten in einem ungeschminkten , etwas bummeligen Ton allerlei kleine Erlebnisse aus seinem gesellig bewegten Landleben , von denen er immer die Befürchtung aussprach , daß sie Adrienne langweilen möchten .
In der That hatte sie auch keinerlei Teilnahme für seine Berichte als die des Neides , der die reicheren Lebenserscheinungen in einem andern Dasein gegen die Armut derselben im eigenen hält .
Für diejenigen , welche der Welt absterben , ist Neid der letzte Faden des Zusammenhaltens , der erste , um wieder anzuknüpfen .
schrieb nur immer kurz :
Auf diese immer verschieden , aber immer knapp eingekleideten Fragen antwortete Adrienne zuerst :
Darauf schrieb nicht mehr .
Aber das bemerkte Adrienne nur am ersten Sonntag .
In ihre Verlassenheitsekstase war eine neue Wendung getreten .
Ein Brief von Arnold , der erste , lange Brief , war die unmittelbare Veranlassung dazu geworden .
Der Kapitän beschrieb die Reise des Schiffes , welches zur Zeit , da er den Brief verfaßte , in Alexandrien vor der Rhede lag .
Er erzählte so klar , gefällig und doch gründlich , als sei der Bericht für eine Zeitung bestimmt .
Als er von sich und seiner Reise alles Bemerkenswerte mitgeteilt , ging er zu Adrienne und ihrer Einsamkeit über .
Er war zu nüchtern und einsichtsvoll , um die Tage seines Weibes durch das Mutterglück ausgefüllt zu denken ;
alles , was in dieser Richtung jetzt in Adrienne unter schweren Grübeleien vorging , war für ihn , den Mann , eine einfache und selbstverständliche Thatsache .
Er berührte diesen Punkt , ohne zu ahnen , daß er ihr schon zu denken gegeben ;
er berührte ihn , um sie auf ihre Pflicht zu verweisen , sich schon jetzt für die Zukunft vorzubereiten .
Adrienne lächelte herbe .
Anstatt von Sehnsucht nach Weib und Kind zu sprechen , sandte er ihr vom Bord des Schiffes aus noch Ermahnungen .
Das war so seine Art .
Aber der stumpfe Gehorsam war Adrienne zur Gewohnheit geworden .
Und in der Wollust , aus dem Beschäftigungsrat ihres Gatten eine Quälerei für sich zu gestalten , suchte sie sich zur Uebung dasjenige aus , was ihr in der Schule und als Lehrerin die größten Mühen und Aergernisse gemacht , nämlich das Französische .
Sie hatte kein Sprachtalent , und obwohl sie mit einem sich oft bis zur Verzweiflung steigernden Fleiß vollkommen die grammatische Seite der Sprache beherrschen gelernt hatte und fließend las , war ihr das Sprechen und Lehren doch immer eine unendliche Schwierigkeit gewesen .
Sie beschloß , sich einige französische Bücher laut zu lesen und zu übersetzen .
In Arnolds Bibliothek fanden sich keine vor .
Sie schickte die Magd mit einem Zettel zur nächsten Buchhandlung .
Als die Magd mit dem Baby auf dem Arm im Laden den Zettel abgab , in welchem einige neue französische Bücher forderte , sagte sich der Commis , daß eine junge Offiziersdame mit dem ohne Zweifel gemeint habe , und packte einige Bücher von Belot , Gyp und ein , nicht ohne auf der begleitenden Nota den Vermerk zu setzen , daß die neue wohlfeile Ausgabe von Zola , oeuvres complètes , durch sie zu beziehen sei .
So kam Adrienne zu Büchern , zu einer Lektüre , von deren Dasein sie bisher keine Ahnung gehabt .
So schlugen zum erstenmal die Laute aus einer verruchten , zerfallenden Kultur an ihre streng verschlossen gewesenen Ohren .
Kein Warner war zugegen , der ihr das erste Staunen , das erste Erröten hätte deuten und ihr sagen können :
Die peinliche , schamhafte Neugier wandelte sich schnell in ein Gefühl brennender , fast schmerzlicher Spannung .
Die Begier , immer weiter sich die Schleier heben zu sehen von Seiten des Lebens , bis zu denen sich nicht einmal ihre Phantasie verirrt gehabt hatte , ergriff ihre ganze Seele .
Sie las und las .
Bis zum Morgen brannte das Licht vor ihrem Bette .
Das Geschrei des Kindes , die Fragen der Magd wurden zu Störungen .
Die Dezenz des Lasters erscheint den Lasterhaften als der Ersatz für wohlanständige Formen , für die verlorene Sittlichkeit – die Phantasien eines Unschuldigen und bisher auch Unwissenden gehen in das Riesengroße , Unfaßliche und suchen hinter dem , was ihm bekannt wird , noch immer Schrecklicheres .
Adrienne zitterte , als seien die Sünden der Welt auf sie gefallen .
Sie krankte an der Furcht , daß dies alles Wahrheit sei , und an der Gier , zu erfahren , ob hinter der Wahrheit noch eine andere , noch unmenschlichere sich verberge .
Von den durchlesenen Nächten , von steter Spannung aller Nerven wurden ihre Wangen noch schmäler , ihre Augen leuchtender .
Kaum nahm sie sich Zeit , sich sorgsam anzukleiden , ja , sie scheute vor dem Spiegel zurück , denn einmal , als sie , ihr schönes Haar kämmend , den zarten weißen Arm erhob , dachte sie :
und bebte vor Scham wegen dieses Gedankens .
Einmal an einem der ersten Tage des Mai , der sich mit einer üppigen Schönheit über den deutschen Norden ausbreitete , wie man ihn in dieser Zone selten genießt , einmal versuchte Adrienne , den Folterqualen zu entrinnen , unter denen ihr Wesen bebte .
Sie warf das Buch von sich und eilte in die Natur , um in ihre erhitzte Brust reine , frische , weite Atemzüge zu ziehen .
Ihr Auge war scheu , ihr Fuß unsicher , sie kam sich vor wie aus einer Haft entlassen und doch noch nicht genug gestraft .
Am Ufer der Kieler Bucht standen jetzt die Buchen des Gehölzes von Düsternbrook im jungen Laube .
Der Sonnenschein rann durch das noch gelbliche und undichte Blattwerk , so daß die Wege von Licht- und Schattenflecken unruhig gemustert schienen .
Rechts vom Wege , vor der steil abfallenden Uferböschung und zum Teil sich an dieser terrassenförmig niedersenkend , befanden sich Gärten und vorn an der Straße in diesen weiße Landhäuser .
Das Wasser blitzte in der Tiefe auf .
Es war eine Wonne und eine Pracht in dem Bild und in der von Syringenduft durchsättigten Luft , daß Adrienne sich von den Wundern des Frühlings wie betäubt fühlte .
Wie selig mußten heute die Menschen sein , die liebten und mit einem frohen Genossen den Durst ihrer Herzen ganz stillen konnten .
– Ein Bataillon kam mit klingendem Spiel die Wald-und Villenstraße herabgezogen .
Vorauf zahllose Jungen , zu seiten mitmarschirende , lachende Menschen .
Adrienne stand auf dem Bürgerstiege still .
Die Trompeten schmetterten , die Trommel dröhnte , vom Glockenspiel , das , mit rot-weißem Pferdehaarbusch geschmückt , hinter dem Tambourmajor getragen wurde , fielen einzelne Silbertöne wie Schmuckperlen in die Flut der Töne .
Die Militärmusik spielte einen bekannten , sehr flotten , sehr übermütigen Marsch .
Die geheimnisvolle Macht , die eine schmetternde , frohe Weise über ein wundes Herz hat , zeigte sich auch hier wieder .
Da werden plötzlich tausend unbestimmte Wünsche wach , da fließt jede ungestillte Sehnsucht der Seele in einer unendlichen Wehmut zusammen , da durchwallt das müde Blut ein Bedürfnis nach ungewohnten , berauschenden Freuden .
Zu viel , zu viel !
Adrienne fühlte ihr Herz zerreißen .
Sie stand und horchte gierig den verhallenden Klängen nach und floh dann durch die Straßen heim .
Das Leben war ihr verschlossen – so wollte sie wenigstens ihr Gehirn mit den Erzählungen aus demselben betäuben .
Zurück zu den Büchern !
Zu Hause lag ein Brief von Joachim auf dem Tisch .
Sie schob ihn fort – er machte ihr Unbehagen .
Sie dachte daran , daß auch Joachim ein Mann sei , und schauderte in krankhafter Abneigung .
Es war Mittagszeit .
Adrienne setzte sich und löffelte mit der Rechten ihre schlechte Wassersuppe aus , während ihre Linke einen französischen Roman hielt , auf dessen Seiten sie eben die frivole Beschreibung eines Champagnerdiners las .
Ihre Wangen glühten .
In ihrer Seele regte sich , tief , dunkel , wie in gesunde Menschenseelen sich die Sünde schleicht , eine fürchterliche Empfindung :
die des Neides auf jene Weiber , von denen sie las .
Und dabei dehnte eine unermeßliche Angst ihre Brust .
Alle ihre Nerven waren angespannt wie zu einer Katastrophe .
In diesem schwülen Augenblick trat die Magd ein .
Adrienne erschrak so , daß sie krampfhaft aufschrie .
sagte die Magd .
Adrienne starrte sie mit offenem Mund an .
Da erhob sich im Korridor eine sonore , frohe Stimme und rief :
Adrienne kannte die wohltönende Altstimme nicht , aber sie schrie zum zweitenmal auf , als die Dame nun in der Thür erschien .
Es war .
Und es war , als hätte jemand in einer dunklen Stube plötzlich Licht gemacht .
Fanny breitete die Arme aus , und die unglückliche Frau rettete sich hinein wie in einen Hafen , schmiegte sich an Fanny , als stände hinter ihr jemand , der sie wieder in einen häßlichen Sumpf zurückreißen wolle .
sagte Fanny ;
Dabei ging ihr Auge über die Wassersuppe und das sonnenlose Zimmer hin .
Adrienne bebte so heftig , daß Fanny sie liebevoll zum Sofa führte , wo sie sich in eine Ecke warf , das Gesicht an den Polstern verbergend .
Fanny hob unterdes den herabgefallenen französischen Roman auf , sah hinein , blickte kopfschüttelnd auf Adrienne und klappte das Buch zu .
Dann trat Fanny vor den Pfeilerspiegel und nahm ihren schleierumwundenen Reisefilzhut ab .
Sie strich mit ihren weißen , wohlgeformten Händen den welligen Scheitel hinunter , doch erwies sich die Bemühung , das glanzlose , lockere Blondhaar zu glätten , als nutzlos ;
es war immer ein wenig rauh bis in den dicken Knoten , der in klassischer Weise über dem schlanken Nacken saß .
hatte ein Gesicht mit großen Zügen :
eine gebogene Nase , eine breite Stirn , einen großen Mund mit herrlich gezeichneten Lippen und wundervollen Zähnen und ein hellbraunes Auge unter dunklen Brauen , mit einem raschen , klaren Blick .
Diesen großen , regelmäßigen Zügen wurde eben durch diesen Blick und ein besonderes Lächeln jede Härte genommen , und wer zum erstenmal sah , empfing stets den Eindruck , einer sehr schönen und ohne Zweifel bedeutenden Frau gegenüber zu stehen .
Ihre Kleidung war von jener ausgesuchten Einfachheit , die bei englischen Herrenschneidern sehr teuer erkauft wird .
Trotzdem Fanny geradenwegs von der Bahn und von einer weiten Reise kam , waren ihre Farben frisch , ihr Lächeln munter , ihre Kleider sauber .
Sie trat zurück an den Tisch .
sagte sie mit dem unbefangensten Ton von der Welt , Adrienne hob ihren Kopf .
Hatte Fanny denn kein Auge oder kein Gefühl für ihre sichtliche Verstörtheit ?
Desto besser , desto bequemer !
stotterte sie .
lachte Fanny .
sagte die junge Frau , am ganzen Leibe zitternd .
sprach Fanny mit kräftiger Betonung ;
Adrienne verbarg das unglückliche Buch und schlich hinaus , sich ihren Hut zu holen .
Unterdes besah Fanny sich alles im Zimmer auf das genaueste .
Hiebei entging ihr nicht der verschlossene Brief auf dem Tisch ;
sie hielt ihn prüfend zwischen den Fingern , als Adrienne wieder eintrat .
sagte Adrienne .
antwortete Fanny .
fragte Adrienne erstaunt ;
Fanny sah sinnend vor sich hin ;
es war ein Blick , wie ihn Menschen zuweilen in ihre reichbewegte Vergangenheit zurückthun .
Alles , was gewesen ist , erscheint wie ein Gemälde , nicht in uns , sondern außer uns , und wir , die wir durch die Zeit die richtige Standferne eingenommen haben , betrachten das Gemälde kritisch .
sprach sie endlich langsam , Und heiterer setzte sie rasch hinzu :
In Adrienne ging etwas Seltsames vor .
Sie umarmte Fanny heftig und rief :
sagte Fanny erschreckt , rief die junge Frau voll Leidenschaft .
antwortete die andere , In der Kinderstube besah Fanny sich den kleinen Joachim und meinte , ob man von ihr erwarte , daß sie ihn hübsch fände , andernfalls würde sie sich die Freiheit nehmen , zu sagen , er sähe ebenso aus wie alle Babies von sechzehn Wochen .
Dann fuhren sie zusammen denselben Weg , den Adrienne vor einigen Stunden in düsterer Stimmung gemacht .
Wie anders war ihr jetzt zu Mute :
an der Seite einer Frau , die eine sorglose Heiterkeit entweder wirklich besaß oder doch mit unendlicher Anmut zur Schau trug , in einem bequemen Wagen an den Fußgängern vorbei , mit denen sie vorhin selbst im Staube gewandert , in der Gewißheit , ein feines Diner mit interessanten Gesprächen zu genießen .
Selbstverständlich beging Adrienne den Irrtum , diesen ganzen Wechsel dem Umstand zuzuschreiben , daß Fanny als reiche Frau sich jede Stunde angenehm machen könne .
Aber wenigstens verführte diese Betrachtung sie heute nicht zum Neid .
Oben auf der Höhe von Düsternbrook liegt die Seebadeanstalt Bellevue ;
der Blick beherrscht von hier aus die Bucht , die Fortifikationen und weit draußen das Meer .
Hier saßen die Frauen , und wie Fanny es gewünscht hatte , stahl sich durch die Krone der Linde , unter welcher sie speisten , ein Sonnenstrahl in ihr bernsteinfarbiges Glas , darin Moselwein perlte .
Fanny hatte in den Pausen zwischen den Schüsseln Arnolds Brief gelesen und reichte ihn jetzt der jungen Frau zurück .
sagte sie aufatmend , Voll Widerspruchsgeist bemerkte Adrienne mit einem herben Zug im Gesicht :
Fanny ließ die Gabel sinken , die sie eben zum Munde führen wollte , und sah ihr Gegenüber ebenso erstaunt als traurig an .
sagte sie schmerzlich , Bei diesem Bedauern regte sich in Adriennens Brust ein Gefühl von heftigem Zorn gegen ihren Gatten .
Und Fanny , die das auf dem zarten Gesicht kommen und gehen sah wie Wolkenschatten über ein sonniges Blachfeld , Fanny bereute ihre Aeußerung .
Sie war zu klug , um nicht zu wissen , daß sie nicht offen auf Arnolds Seite stehen dürfe , wenn sie das ungesunde Gemüt dieser Frau sich erschließen und heilen wollte .
sagte sie ablenkend ;
sprach Adrienne gleichgiltig ;
lachte Fanny gutmütig ;
bemerkte Adrienne , eine Mandel zerbrechend .
las Fanny halblaut , Fanny lachte .
fragte Adrienne ;
sagte Fanny belustigt , setzte Fanny voll Eifer auseinander .
sagte Adrienne zweifelnd .
sprach Fanny , den Kopf schüttelnd , grollte Adrienne .
versicherte Fanny , der alsbald nach dem schnellen Entschluß schon hunderterlei Vorteile der neuen Ordnung einfielen .
Fanny verstummte plötzlich , und man sah es ihr unschwer an , daß ihr geschäftiger Geist mit Plänen , Zahlen , Einteilungen eifrig arbeitete .
dachte Adrienne voll Staunen , Und sie stand nicht an , mit dem lehrhaften Unfehlbarkeitsgeist , der noch von ihren Erzieherinjahren in ihr lebte , etwas hochmütig auf Fanny herabzublicken .
Doch Fanny fuhr mit einer schnellen Frage aus ihren Grübeleien auf , mitten hinein in die überhebenden Gedanken der Schwägerin .
sagte Adrienne , eine kleine Beschämung niederkämpfend .
fragte Adrienne glücklich .
All ihr inneres Widerstreben war schon in der Sekunde erstorben , als Fannys stolze Gestalt heiter über ihre Schwelle trat .
sagte Fanny , » Die beiden Frauen stießen fröhlich zusammen an .
Und am späten Abend saß Fanny , deren Nerven offenbar keine Ermüdung kannten , noch im Gasthofzimmer am Tisch , um einen ihrer bündigen Briefe zu schreiben .
schrieb sie , Der Inhalt dieser kurzen Zeilen erschien dieser Frau vollkommen genügend , um sie über das Weltmeer zu senden .
Jede andere Frau hätte hier acht und mehr Seiten voll geschrieben .
Aber Fanny ging mit dem beruhigten Gefühl zu Bett , sich vollständig ausgesprochen zu haben .
3. Kapitel Drittes Kapitel Auf der Strecke , die der Jagdzug von Hamburg nach Berlin alltäglich mehrmals durchrast , jagt er in stolzer Eile an kleinen Stationen vorbei .
Diese , wie Lazarus am Tisch des Reichen , fangen nur die Brosamen vom Weltverkehr auf , und nur die Lokal- und Bummelzüge schleppen Menschen und Güter den Knotenpunkten zu , wo sich die Linien der eisernen Erdstraßen kunstvoll verknüpfen .
Hier schüttet ein Zug seinen Inhalt in den andern aus ;
hier zerstiebt in alle Windrichtungen , was meilenlang von einem pustenden Dampfroß gemeinsam vorwärts gezogen wurde ;
hier rennen Menschen wie Flüchtlinge auseinander , die eben stundenlang eifrig und angenehm zusammen plauderten , sich die Fahrt verkürzend ;
hier schlingen ausgehungerte und verdurstete Männer und Frauen heiße , fettig riechende Bahnhofskost , brühheißen Kaffee , schäumendes , überlaufendes Bier hinein ;
hier ist ein Rufen , Läuten , Schreien sondergleichen , das Geld klappert auf dem blechernen Wechselbrett der Buffetière ;
Qualmgewölk ballt sich unter dem Schutzdach des Perrons .
Und wenn endlich der schrille Abschiedspfiff des fertigen Zugs durch die Luft klagt , setzt alles sich erschöpft und befriedigt in seine Coupéecken fest , der Inspektor sieht der dunklen Schlange nach , die mit ihren Gliedern auf dem Geleise dahingleitet , bis sie sich draußen , fern vom Bahnhof , in schwindelnde Eile setzt – dann ist eine Weile Ruhe , bis von der andern Seite der feuerspeiende Kopf einer andern Zugschlange sich in den Perron schiebt .
So lärmt und jagt die Menschheit auf ihrem jetzigen Gefährt durch die Lande .
Aber die kleinen Stationen stehen an den großen Bahnen wie verschüchtert neugierige Kinder .
Von ihnen aus schauen noch sehnsüchtige oder bange Augen auf die Fenster der vorüberfliegenden Eilzugwaggons .
Da ist jeder Ankommende oder Abreisende noch ein Ereignis , das in Ursache und Wirkung besprochen wird , und der Wartesaal mit seinem bescheidenen Bierausschank und dem Buffet , wo einige Käsebrote unter einer Glasglocke trocknen , ersetzt den Bewohnern des nahen Städtchens , Fleckens oder Dorfes das Café und die Börse der Großstädter .
Die Ankunft eines Zuges zu erwarten , ist Ziel für manchen Erholungsspaziergang .
Auf dem Perron einer solchen kleinen Station , die auf sonniger Fläche inmitten märkischen Sandes lag , wanderte ein junges Mädchen hin und her .
Die Mittagssonne verkleinerte durch ihren hohen Stand den Schatten , den sonst das rote Backsteingebäude warf , bis zu einem schmalen Strich .
In diesem Schattenstrich an der Mauer saß der Bahnhofsinspektor auf der Bank und trocknete eben den innern Rand seiner roten Mütze aus .
Die Glasthür , die in den Wartesaal führte , war innen mit einer Filetgardine geschmückt ;
zwischen ihr und dem Glas surrten große Brummer auf und ab .
Rechts und links vom Gebäude befanden sich in jungen Gebüschanpflanzungen die zum Bahnhof gehörenden Nebenräumlichkeiten ;
zwischen diesem Gebüsch und der Mauer des Haupthauses führten die Wege nach hinten , wo die Landstraße zu vermuten war .
Wenn das auf und ab wandelnde Mädchen vorbeikam , sah sie immer da hinaus , wo wie im Ausschnitt das Bruchstück einer Equipage zu sehen war .
Die Vorderleiber der Pferde verbarg das Haus , die Hinterräder des Wagens das Gebüsch ;
man sah den auf seinem Bock schlummernden Kutscher und die Pferdeschweife , die zuweilen aufschlugen , um Fliegen zu verjagen , und hinter dem allem eine endlose Fläche und einen zitternden Dunst unter grell blauem Himmel .
Endlich drang durch die Stille des Mittags ein zweitöniges Glockensignal .
Der Inspektor sprang auf ;
um die Hausecke kam , krummbuckelig , mit müden Knieen , der Perrondiener ;
die Wartesaalthür öffnete sich , und die Restaurationsfrau erschien in derselben , auf dem Arm ihr Kind , dem sie gerade das Näschen schneuzte .
fragte der Inspektor , auf das junge Mädchen zutretend .
Der Bahnhofsinspektor hatte zugleich das Amt des Telegraphisten inne und war somit genau über den Depeschenverkehr der Umgegend unterrichtet .
Das Mädchen sagte darauf etwas unfreundlich im Ton :
Damit wandte sie sich um und setzte ihr Wandern fort , deutlichst zeigend , daß ihr keinerlei Unterhaltung erwünscht sei .
Der Inspektor wechselte darauf einen Blick mit der Frau in der Thür , einen Blick , mit dem sie sich darüber verständigten , daß man ein so unhöfliches Benehmen von eben gewöhnt sei .
Diese ging an das äußerste Ende des Perrons und starrte vor sich hin .
Sie sah auf die im Sonnenschein gleißenden Schienen , auf den gelben , grobkörnigen Kies , der zwischen den Schienen die Holzschwellen kaum deckte , und dachte , mit welchen Worten sie am leichtesten sagen könne , was doch gesagt werden mußte .
Severina war ein Mädchen , das niemals durch ihre Schönheit , aber immer durch ihre Gestalt auffallen konnte , die , von mittlerer Größe , Linien von vollendetem Ebenmaß aufwies .
Ein reizender Fuß zeigte sich unter dem kurzen Kleid , eine schöne Hand hielt herabhängend ein Paar Handschuhe .
Das Gesicht zeigte die Negerlippen eines breiten Mundes .
Darüber stand ein aufgestülptes Näschen .
Unter der niedrigen weißen Stirn leuchtete ein dunkles , großes Augenpaar ;
dunkelbraunes Haar war mit wenig Sorgfalt lose um den kleinen Kopf geordnet ;
die starken Backenknochen , die breiten Kiefer gaben dem Gesicht beinahe etwas Tierisches .
Die unruhigen Augen sahen nun dem Zug entgegen , der jetzt endlich in großer Kurve sich dem Perron näherte .
Richtig , da beugte sich ein Kopf aus einem Coupé , und gleich darauf streckte sich eine Hand heraus und winkte mit dem weißen Taschentuch .
Severina lief neben dem Coupé her , bis der Zug endlich stand , gerade am andern Ende des Perrons .
Dabei wurde sie seltsam blaß .
rief aus dem Fenster .
Der Inspektor eilte auch herbei und riß die Thür auf , der Fanny nun rasch entstieg .
bemerkte der Inspektor .
lachte Fanny , Dabei ergriff sie mit der Rechten das Bündel von Tüchern und Schleiern , in welchem der kleine Joachim stak , preßte es gegen sich und reichte die Linke Adrienne hinauf .
Diese , überaus blaß und von Hitze ermattet , kletterte herab , die Magd mit sehr vielem Handgepäck folgte , und mit dumpfem Krach flog die Coupéthür wieder zu .
Da stand die kleine Gesellschaft nun im Sonnenschein , Adrienne verzagt über die flache , schattenlose Gegend , Fanny ungeduldig , neue Nachrichten von ihrem Heim zu hören , das sie seit fünf Tagen verlassen .
sagte Severina , mit ihren dunklen Augen einen so flehenden , bedeutungsvollen Blick auf Fanny richtend , daß diese augenblicklich fühlte , es sei etwas geschehen , wobei man ihrer bedürfe .
Sie drückte Severina stark die Hand .
fuhr Severina fort , meinte Fanny freundlich , Mühlen war ein zu Fannys Gütern gehöriges Dörfchen , welches in unmittelbarer Nähe der Station lag .
sprach Fanny , den Arm des jungen Mädchens ergreifend , erklärte sie Adrienne .
grüßte sie den Kutscher .
Da Severina schwieg und neben Fanny mit sichtlichem Zögern einherschritt , so fragte Fanny mit einigem Nachdruck :
setzte Fanny bestimmt dem von der andern zögernd ausgesprochenen Namen hinzu .
sagte Severina finster , meinte Fanny , berichtete das Mädchen .
rief Fanny , sagte Severina mit großer Bitterkeit .
schalt Fanny , über deren Gesicht sich die Schatten sorgenvoller Gedanken gebreitet hatten , fragte das Mädchen .
sprach Fanny milde .
Sie schritten beide auf den Wagen zu , in dessen einer Ecke Adrienne schon lag , den aufgespannten Sonnenschirm über sich , die müden Augen auf den fernen Horizont gerichtet , zu dessen blauender Waldlinie eine endlose , pappeleingefaßte Chaussee lief .
fragte sie .
Der Wagen setzte sich in Bewegung ;
Adrienne war zu erschöpft , Severina nicht gewohnt zu sprechen ;
die Magd surrte ein Schlummerlied mit geschlossenen Lippen und wiegte dabei das Kind im Arm .
Lautlos gingen die Räder im Sande ;
Lerchen stiegen mit zwitscherndem Gesang in die Höhe .
Fanny , die lange still nachdachte , fuhr plötzlich wie erwachend empor , sah Severina an , nickte ihr heiter zu und begann mit dem Kutscher ein Gespräch , welches sich zum Entsetzen Adriennens um das Befinden einer zum Kalben stehenden Kuh und eines krank gewesenen Pferdes drehte .
Eine Fahrt von zwei Stunden , davon die letzte halbe Stunde sie durch einen schönen Eichenwald führte , brachte sie nach Mittelbach .
Adrienne war noch nie auf dem Lande gewesen , sonst würde ihr die Sauberkeit und Behäbigkeit aufgefallen sein , welche selbst die kleinsten Anwesen hier umgaben .
Das Dorf gruppirte sich um eine Kirche , die aus einem von blühendem Hollunder und breitkronigen Linden überschatteten Kirchhof aufragte .
Nahe dem Kirchhof befand sich im bunt blühenden Garten das Pastorenhaus .
Nur ein weißer Spitz stand hinter der hölzernen Gitterpforte und bellte durch die Trallen den vorüberfahrenden Wagen an .
Sonst schien das Haus von Bewohnern verlassen .
Neben dem Pastorengarten bog eine tiefschattige Ulmenallee von der Dorfstraße ab und führte geradewegs in fünf Minuten auf das Schloß zu .
Das Schloß verdiente im Grunde diesen stolze Baulichkeiten versprechenden Namen keineswegs .
Es war ein großes , breites Haus , das über dem Parterre ein Stockwerk und einen zweifensterigen Erker trug .
Vor der grün angestrichenen Hausthür befanden sich ein Beischlag , dessen Bänke je von einer Linde überschattet waren , die wie zwei Schildwachen rechts und links vor der grau getünchten Hausmauer standen .
sagte Fanny mit einem Seufzer , Adrienne lächelte ;
sie glaubte nicht anders , als daß dieser Seufzer ein gewisses Kokettiren mit Sparsamkeit sei , denn daß eine reiche Frau wie Fanny ihren Wünschen Grenzen ziehen müsse , schien ihr undenkbar .
sprach Severina .
Auf den Bänken im Beischlag saßen drei Männer und eine Frau .
Sie sprangen auf , als der Wagen hielt , und wollten alle zugleich den Schlag öffnen .
Der großen , übermäßig mageren Frau gelang es , die erste zu sein .
Sie ergriff mit ihren starkknochigen Händen Fannys Rechte und sagte :
sprach Fanny , ihr die mageren Wangen streichelnd , die aus einer unter dem Kinn geschlossenen schwarzen Tüllhaube hervorsahen , fragte der lächelnd .
Adrienne saß unterdessen ruhig im Wagen und beobachtete diese Menschen , mit denen sie nun leben sollte .
Vor allem fiel ihr der ins Auge , ein Mann , der seine Hünengestalt in ein enges Tricotjaquet und ganz enge Beinkleider gesteckt hatte .
Um seinen auffallend hohen und blendend weißen Halskragen schlang sich eine blauweiß getupfte Krawatte , die in breiten Flatterenden über dem dunklen Jaquet herabhing .
Sein Diplomatengesicht trug die Zier eines spitz gedrehten Schnurrbartes , sein dunkles Haar war äußerst glatt und auf jene altmodische Art frisirt , welche in die Schläfen gesichtwärts je eine Haarlocke vorschiebt .
Die Morgenglocken tönen und klingen und wollen nicht enden , durch die still wogende Saat wallt in langer Reihe eine fromme Schaar , die Kirchenfahnen blau und roth flattern und knattern im sanften Windhauch , laut ausgerufene Worte werden nachgemurmelt in der endlosen Reihe , Gesänge schallen hin über Wiese und Feld und der rauschende Wald verschlingt sie .
Hoch oben im Blau verborgen , schmettert die Lerche ihr Lied und badet im lichten Aether ;
erfrischender Duft athmet von den Höhen und aus den Gründen , und die Weihrauchwölkchen aus den geschwungenen Kesseln zertheilen sich rasch .
Dort senkt sich der Zug den Feldweg hinab , die Fahnen sind versunken und die Menschen mit ihnen , dort aber steigen sie schon wieder die Höhe jenseits hinan ;
weit voraus sind die Ersten , und noch bewegt sich das Ende des Zuges zwischen den Hecken der Gärten am Dorfe .
Die Menschen ziehen hin durch die Flur und danken dem Gotte , der so reiche Saat emporsprossen ließ , sie flehen um ferneren Schutz und segnen die Frucht ihrer Arbeit .
Es ist der Bittgang durch das Feld .
Diese Wege zogen sie oft einsam , belastet und müde , heute sind sie alle vereint , frei und in ihren Feierkleidern ;
nur Worte , andächtige Grüße schicken sie hin über die Häupter der schwankenden Aehren , die sich still zu einander neigen , als verstünden sie den Gruß und flüsterten Unhörbares sich zu .
Den Zug schloß eine uralte wohlgekleidete Frau , sie ging etwas gebückt und führte einen rothwangigen Knaben von etwa neun Jahren , der stets tänzelte und hüpfte .
Als man an der Thalschlucht anlangte , sagte die Alte :
Sie setzten sich auf den Rain und der Knabe las aus dem Gebetbuche vor .
Dann sprach die Alte mit tiefer Rührung von der Güte Gottes , der nun die armen Menschen wieder so reich gesegnet habe .
Endlich richtete sie sich auf und streichelte den Knaben über Stirn und Wangen , und nun machten sie sich still auf den Weg .
Im Dorfe war Alles wie ausgeflogen , die Glocke schien gleich einer Mutterstimme die Fernhingezogenen zu rufen , daß sie der Heimath nicht vergäßen .
Deß hatte es keine Noth , denn bald füllten sich die Straßen wieder und Alles eilte mit doppelter Hast zur harrenden Speise .
Eben bebte der letzte Ton des Geläutes aus , und schon schlug es zwölf Uhr .
Der Mittag ist glühheiß , die Sonne sticht so spitz .
Nach der Mittagskirche ist es wiederum leer auf der Straße .
Die Pappel beschaut sich weithin im glatten Spiegel des Weihers und kein Lüftchen bewegt ihre langstieligen Blätter ;
die Enten liegen am Ufer , und da sie nichts zu reden und nichts zu essen haben , stecken sie die Schnäbel unter die Flügel und – gut Nacht Mittag !
Eine Schaar Hühner hat unter einem leerstehenden Wagen Schatten gesucht , und nur eine unruhige aus ihrer Mitte gräbt sich tief ein in den Sand .
Das ganze Dorf ist wie schlafen gangen .
Am Rathhause aber hört man gewaltigen Lärm , besonders tönt eine mächtige Stimme hervor .
Alle Mannen sind dort versammelt , denn der Schultheiß bringt einen neuen Vorschlag an die Gemeindeversammlung .
Zweierlei Mißlichkeiten hatten bisher beim Einzuge des Zehnten stattgefunden .
Vor Allem die Scherereien durch die Zehntknechte , da war man nicht Herr seines Eigenthums , bis die ihren Theil geholt hatten ;
pachteten Ortsangehörige den Zehnten , so blieb dieser Mißstand derselbe und führte noch zu allerlei Feindschaften bei der Steigerung u.s.w. Darum hatte der Gemeinderath für dieses Jahr sowohl den als den gepachtet , und verlangte dafür die Bestätigung der Gemeinde .
Der Vorschlag war sachgemäß und billig , Alles schien einverstanden .
Da erhob sich der , der zugleich auch Obmann des Bürgerausschusses war , und rief :
Alles lachte und man hörte eine Stimme sagen :
Luzian fuhr fort :
fragte der Schultheiß , entgegnete Luzian , schrie es von allen Seiten und hinkte noch der Eine und Andere mit seiner Rede nach , als bereits wiederum Stille eintrat und Luzian dann fortfuhr :
er stieß lächelnd seinen Nachbar an , Dieses wurde nun auch einstimmig beschlossen .
Es war so erstickend heiß in der Gemeindestube , daß Viele schon innerlich grollten , weil die Verhandlung so lange dauerte , obgleich es ja ihr nächstes Wohl betraf .
Andere schlichen sich , da die Thür offen gelassen werden mußte , still davon und dachten , die Zurückbleibenden würden schon ausmachen was gut sei ;
sie stimmten gar nicht mit , und gewiß waren diese Ausreißer nicht minder vorn dran , wenn es galt , die Ueberlasten aller Art zu beklagen .
Die Ueberwitzigen beschönigen dann wohl gar ihre Faulheit mit der klugen Rede , daß der Bettelsack doch ein Loch habe und da nicht zu helfen sei , es müsse Alles anders kommen .
Denn nicht blos hinter Brillen hervor dringen solche kluge Blicke , die über Alles hinaus sind und alles Thun eitel finden ;
die urthümliche Lungerei ist grad so weit .
Endlich ward die Gemeindeversammlung aufgehoben , die Straßen belebten sich .
Viele Männer zogen ihre Röcke aus und schickten sie sammt den Hüten durch herbeigerufene Knaben nach Hause ;
der kleine Umweg von da in's Wirthshaus war ihnen zu viel .
Allerlei Gruppen bildeten sich , wir bleiben bei der um Luzian .
Er erhielt allgemeines Lob und man sagte ihm , es sei einmal so , wenn Er in der Versammlung sei , so warte eben alles , bis er dem Gemeinderathe die Streu schüttle .
Es muß hiebei bemerkt werden , daß Gemeinderath und Ausschuß , besonders wo jener lebenslang gewählt ist , sich oft verhalten , wie Regierung und Stände , so weit diese aus unabhängigen Männern bestehen .
Schon geraume Zeit kämpfen alle Einsichtigen gegen die Lebenslänglichkeit des Gemeinderaths , aber das Staatsgesetz verharrt unbeugsam , und so hat man zu jenem Verfahren genöthigt , das Luzian oben angab ;
man hat damit den Einklang mit dem Gesetze tiefinnerlichst untergraben .
Luzian hatte noch einen besonderen Grund , warum er , wie man sagt , gerne dem Gemeinderath eine hölzerne Wurst auf's Kraut legte .
Wir werden das schon noch sattsam erfahren .
bemerkte jetzt der .
entgegnete Luzian , sagte der Brunnenbasche , ein wohlhäbiger , bejahrter Mann , der die Rolle des Schalksnarren im Dorfe spielte .
Luzian gab ihm keine Antwort und ging voraus .
Man ging nach dem Wirthshause .
Luzian las die Zeitung , deren verschiedene Blätter in einem kleinen Kreis vertheilt waren , Andere da der Pfarrer das Kegeln am Sonntag verboten hatte .
Bald aber legten die Spieler die Karten weg , die Zeitungsleser rieben sich die Augen und die Buchstaben flimmerten vor ihnen , es war plötzlich stockdunkel .
rief der Erste , der zum Fenster hinaussah .
Es gab nicht genug Fenster für die Drängenden , man rannte hinaus in's Freie .
Schreckensbleich wurde jedes Antlitz , das aufschaute .
Schwere , schuppenartig gestaltete Wolken schoben sich im ganzen Gesichtskreise träg in einander ;
mit jedem Augenblicke wurde es düsterer und nächtiger .
Die die Wirthsstube verlassen hatten , kehrten nicht mehr dahin zurück , sondern eilten heimwärts , immer wieder aufschauend und die Hände von sich abstreckend , als müßten sie den Einfall des Himmels von sich abwehren .
Die in der Wirthsstube verblieben waren und ihre noch in der Hand gehaltenen Karten an sich drückten , um den Nachbar nicht einschauen zu lassen , warfen das Spiel mit allen Trümpfen weg und nahmen sich nicht einmal Zeit , den Rest ihres Trunkes zu leeren ;
auch sie eilten .
Jedes wollte zu den Seinen stehen , als wäre das Unglück abzuwenden , wenn man sich ihm mit vereinter Kraft entgegenstemmte ;
jedenfalls war es leichter zu tragen .
Der Wirth war bald allein , und indem er die Reste zusammenschüttete , sagte er vor sich hin :
Der Vorder- so wie der Nachsatz dieses Gedankens kam nicht zu Worte , denn er wagte es nicht , vor sich selbst die Furcht auszusprechen , die ihn erzittern machte .
Luzian ging still das Dorf hinab , manchmal zwinkerte er mit den Augen , wenn er aufschaute , und preßte die scharfgeschnittenen Lippen zusammen .
Am Schulhause begegnete er dem Lehrer , der die Kirchenschlüssel trug und als Küster eben zum Wetterläuten gehen wollte .
sagte Luzian , Im Weitergehen schnalzte Luzian mit beiden Händen und spie oft aus .
Fast vergaß er über seinem Aerger , was am Himmel vorging , er mußte sich jetzt zusammennehmen , daß ihm der Hut nicht vom Kopfe gerissen wurde ;
der Sturmwind wirbelte graue Staubwolken vor ihm her zusammen , schon fielen jetzt einzelne breite Tropfen , und als er die Klinke seiner Hausthür erfassen wollte , zuckte ein gelber Blitz , so daß Luzian geblendet nach dem Griffe tastete .
begrüßte ihn seine Frau , fragte Luzian .
Während die Frau hinausging , trat Luzian in die Nebenstube , er fand dort eine Schlafende , die wol durch das drückende Wetter jetzt schon eingeschlafen war .
Es ist dieselbe Frau , bei der wir heute beim Bittgang verblieben sind , als wir , gleich ihr die Andern weiter ziehen ließen .
Auf leisen Sohlen kehrte Luzian wieder in die Stube zurück , er lehnte die Thür nur an , ohne sie in's Schloß fallen zu lassen .
Die Bäbi und der Paule traten mit glühenden Wangen in die Stube .
Die Mutter hatte draußen wol ein großes Feuer zu löschen gehabt .
Bäbi stellte sich sogleich zu Victor an das Fenster , es gelang ihr dadurch , ihr flammendes Antlitz zu verbergen , das sie dem Vater nicht zeigen wollte .
sagte Paule und steckte aus Ehrerbietung die in der Hand gehaltene Pfeife in die Brusttasche .
begann Bäbi , unterbrach sie Luzian ;
unterbrach die Frau den Redenden , begann Luzian , rief die Frau in Angst und Pein , Luzian schwieg , die Frau breitete ein Tischtuch auf dem Tische aus , legte das Gesangbuch und die Bibel aufgeschlagen an der Stelle :
mitten auf den Tisch und streute Salz auf dessen vier Ecken .
( schloßt ) rief Victor am Fenster .
Die Mutter nahm ihn still an der Hand , führte ihn an den Tisch und betete dort laut mit ihm .
Luzian lächelte vor sich hin , als der Knabe las :
3 Natürlich :
des Priesters Macht reicht hinab in die tiefste Hölle und hinauf in den höchsten Himmel , warum sollte er dem Wetter nicht Einhalt thun können ?
Rührend klang dann das alte Lied , in dem es heißt :
Wie mit scharfen Schroten schlug es nun gegen die Fenster , eine Scheibe sprang und aus der Ferne hörte man andere klirren , Fensterladen abknacken und Klageschreie verhallen .
jammerte Luzian und rang die Hände vor sich hin .
Victor hatte schon lange neben ausgeschielt , jetzt sprang er auf und holte eine durch die geöffnete Scheibe eingedrungene Schloße ;
sie war fast so groß wie ein Taubenei .
rief Victor , und Alles antwortete wie aus Einem Munde :
Immer dichter und dichter kam der Hagelschlag .
sagte Luzian , nach Außen winkend , trauervoll in Ton und Miene .
Luzian und Paule schlossen schnell die Fensterladen , um die Scheiben zu wahren ;
Licht wurde angezündet .
plauderte Victor .
gebot Luzian mit scharfem Tone , dann setzte er flüsternd hinzu :
Keines redete mehr ein Wort , selbst Victor ging auf den Zehen und betrachtete das Zerfließen der Schloße auf seiner warmen Hand ;
nur manchmal hob er sie auf und versuchte beim Lichte durchzuschauen ;
Tropfen fielen auf das Gesangbuch und vermischten sich dort mit den Thränen , welche die Frau geweint hatte .
Man horchte still hinaus ob das Wetter noch nicht nachlasse , das wüthete aber immer toller ;
wie aus riesigen Wurfeln schüttete es immer wieder und jeder letzte schien der gewaltigste .
sagte Paule .
Niemand antwortete .
Endlich fielen nur noch einsame Tropfen an die Fensterladen .
Menschenstimmen wurden auf der Straße hörbar .
Man öffnete und schaute wirklich wie aus der Arche Noah hinaus .
Welch ein Fluthen und Wogen überall !
Das gurgelte und murmelte lustig , aber die Menschen waren nicht von der Erde verschwunden , sie waren geblieben zu Jammer und Noth .
Alles rannte durcheinander hin und her und hinaus auf's Feld , Jedes wollte seine zerschlagene Hoffnung sehen ;
Einige kehrten schon heim und brachten eine Handvoll ausgeraufter Aehren mit , sie zeigten sie mit thränenschweren Blicken .
Heulen und Wehklagen der Frauen erfüllte die Straßen und die Häuser ;
stumm , gesenkten Hauptes wandelten die Männer dahin , innerlich fröstelnd ballten sie die Fäuste , sie hatten so wacker gearbeitet und die Arbeit war hin und die Hoffnung .
In allen Gärten waren die Stützen der Bäume zu Boden gestreckt und neben ihnen lag das unreife Obst , fast kein Baum , dem nicht ein Ast abgeknackt war , viele waren ganz niedergeworfen .
An diesem Abende reichten die Eltern kummervoll den Kindern ihr Essen , sie selber aber hungerten und schwere Sorge nagte an ihren Herzen die bange schlaflose Nacht .
Heute hielt sich von selbst das strenge Gebot , daß nicht mehr auf den Straßen gesungen werden durfte .
Draußen ist's so würzig , wie eine balsamische Glätte zieht es durch die Luft ;
in den Häusern und in den Herzen aber ist es trüb und dumpf .
Fußnoten 1 Neuning , ein Haufen von neun Garben .
2 Die nur eine einzelne Kuh zum Anspannen haben .
3 Wörtlich aus :
Guter Samen auf ein gutes Erdreich .
Ein Lehr- und Gebetbuch sammt einem Haus- und Krankenbüchlein für gutgesinnte Christen , besonders für's liebe Landvolk , von Aegidius Jais , S. 203. Ein Blick in's Haus und in die Rathsstube Ein Blick in's Haus und in die Rathsstube .
Das war ein traurig Erwachen am Montag .
Die Sensen und Sicheln waren gedengelt , die Menschen fühlten ihre Sehnen gespannt und straff zu frischer Arbeit , jetzt ließen sie die Hände sinken und schauten still drein .
Dennoch ruhte auf manchem Auge , das sich ausgeweint hatte , auf manchem Antlitze ein Abglanz stiller Verklärung , man möchte sagen wie auf der Natur rings umher , die sich auch ausgeweint zu haben schien .
Ein Ungemach , das hereingebrochen , sieht sich am andern Morgen ganz anders an ;
am Tage seiner Entstehung willst du es nicht dulden , kannst du es nicht fassen , es soll sich nicht einnisten in deiner Seele als Wahrheit ;
wie wäre es möglich ?
Du selbst lebst und deine Gedanken sind wach .
Wie kann dir etwas entrissen werden , das dir angehört , das du mit deinen Gedanken festhältst ?
Sinkt die Nacht , versenkt dich in Schlummer und macht dich dein selbst vergessen , so faßt dich am Morgen das , was dich gestern betroffen , noch immer mit staunendem Schmerze , aber schon ist es zur Vergangenheit geworden , die mit unwandelbarer Gewißheit feststeht , du kannst nicht mehr daran rütteln und mußt dich darein ergeben , mit stillem Schmerz dein zerstücktes oder überbürdetes Leben der heilenden Zukunft entgegenführen .
Auf Feld und Flur funkelte und flimmerte der Morgenthau , der trieft hernieder , ob die Halme sich auf ihren Stengeln neigen oder geknickt zur Erde geworfen sind .
Die Sonne stand am Himmel in voller Pracht , sie bleibt nicht aus am Himmelsbogen , nur manchmal lagern sich Wolken , Wetter und Nebel zwischen sie und die Erde und das Erdenkind vermag nicht durchzuschauen , das Licht genügt ihm nicht , es will seinen Urquell erfassen .
Das Licht aber haftet im Auge wie in der weiten Welt draußen , und das Auge vermag es nur zu schauen , weil das Licht in ihm ist .
Du suchst den Urquell und er ist in dir wie in der Welt .
Das Korm am Halme , das zur Erde niedergeworfen ist , geht in Verwesung über und setzt nur zu seinem eigenen fruchtlosen Untergange neue Keime an .
Der Mensch aber gleicht nicht dem Halme , er kann sich aufrichten durch die Kraft seines Willens .
Frisch auf !
du mußt dich durch die Welt schlagen , ja hindurchschlagen , das ist's .
Der Tag ist verloren , ausgebrochen aus der Kette deines Lebens , den du in Trübsinn und thatenloser Verzweiflung hinstarrtest .
Aus solcherlei Gedanken heraus , die er nach seiner Art hundertfältig herüber und hinüber und auf die besonderen Verhältnisse der Einzelnen anwendete , ging Luzian am andern Morgen von Haus zu Haus .
Er nöthigte auf manches kummerstarre Antlitz das Zucken eines Lächelns durch seinen Haupttext :
Luzian brachte es zu Wege , daß mancher Mann , der Alles stehen und liegen und in sich verfaulen lassen wollte , sich nun doch aufmachte , um wenigstens das Obst zur Schweinemastung einzuheimsen .
Es war schon viel gewonnen , daß man sich wieder zur Thätigkeit aufraffte .
Freilich fing man zuerst mit dem Kleinsten an , aber das trifft sich meist , daß man nach erlittenem Ungemache zuvörderst das Nebensächliche , oft Unbedeutendste in Angriff nimmt , man getraut sich noch nicht an das Hauptstück ;
die Hand gewinnt jedoch hiemit wiederum Stärke und Festigkeit , das Blut strömt wieder lebendiger zum Herzen und erfrischt es mit neuem Muth .
Müde und lechzend kam Luzian zu Mittag nach Hause und sein erstes Wort war :
entgegnete die Frau , sagte die Ahne , die im großen Lehnstuhl saß .
schloß die Frau lächelnd , indem sie das Tischtuch von der Suppe zurückschlug ;
denn es ist hier Sitte , besonders im Sommer , daß man geraume Weile vor der Essenszeit die Suppe auf das ausgebreitete Tischtuch stellt und dann das Tuch wieder über die Schüssel schlägt , um die Suppe in sich verdampfen und abkühlen zu lassen .
Man liebt das heiße Essen und das langwierige Blasen nicht .
Wir sind gestern unter so seltsamen Umständen vor dem Wetter hier in das Haus geflüchtet , daß wir kaum Zeit hatten uns die Leute näher zu betrachten .
Wir müssen uns damit sputen , bevor vielleicht eine unversehene Erschütterung Alles so von der Stelle rückt , daß wir den vormaligen stillen Wandel der Menschen und Verhältnisse kaum mehr herausfinden mögen .
Der ruhende Mittel- und Schwerpunkt des Hauses war die Ahne , die uns bereits gestern im hellen Sonnenschein an der Hand Victors begegnete .
Die Gestalt ist groß und hager , mit runzlichem , fast klein gewordenem Antlitze , das dunkelbraune Auge scheint kaum gealtert zu haben , das blühweiße Tuch , das sie fast immer um den Kopf gebunden trägt und dessen Eckzipfel hinten weit hinabfallen , rahmt das Gesicht auf eigentümliche Weise ein und gibt ihm einen nonnenhaften Anblick ;
sie ist aller ihrer Sinne mächtig , im ganzen Behaben äußerst säuberlich , fast zierlich .
Nur zum sonntäglichen Kirchgange entfernt sie sich vom Hause .
Schon geraume Weile vor dem ersten Einläuten macht sie sich auf den Weg , erwartet sodann im Winter in der Stube des Schullehrers , im Sommer auf der Bank vor dem Rathhause den Beginn des Gottesdienstes .
Mancher , der die alte Cordula so dahin wandeln sieht , eilt , um sich noch mit ihr auf der Rathhausbank zu besprechen ;
sie hat ein offenes Herz für Leid und Lust , und oft findet hier auf dem Vorhofe eine heiligere Erhebung statt als im Innern des Tempels .
Manche suchten aber auch in neckischer Weise die Ahne auf ihren Hauptspruch zu bringen , sie wollte es aber nie glauben , daß man ihrer spotte .
Dieser Hauptspruch der Ahne war nämlich :
Sie verehrte den Kaiser , von dem ihr Vater oft und oft gesprochen hatte , fast wie einen Heiligen ;
sein Andenken war mit dem an ihren Vater unauflöslich verknüpft , als wären sie Geschwister gewesen .
Sie hegte den vielverbreiteten Glauben , daß der Kaiser , weil er's so gut mit allen Menschen gemeint habe , von scheinheiligen Pfaffen um sein junges Leben gebracht worden sei .
In solch gegenständlicher Weise faßt der Volksglaube die Untergrabung der edeln Pläne des hochherzigen Kaisers .
Einst las Luzian der Mutter eine Lebensgeschichte des Kaisers vor und sie behauptete , das sei just so wie ihr Vater erzählt habe , nur anders gesetzt .
Das Dorf hatte bis in die neueste Zeit zu Vorderösterreich gehört und ein Oheim der Mutter war kaiserlicher Rath in Wien gewesen , sie hatte ihn noch gekannt , da er einst im Dorfe zum Besuche war ;
sie bewahrte noch eine Granatschnur , die er ihr damals schenkte .
Der einzige Streit , den sie bisweilen mit Luzian hatte , war darüber , weil er nicht ihrem Verlangen willfahrte und nach Wien an die Nachkommen des kaiserlichen Rathes schrieb ;
sie behauptete immer , es sei unmenschlich wenn Blutsverwandte so gar nichts von einander wissen .
Eine besondere Vorliebe hatte die Mutter für den Victor , ihr Urenkelchen , sie sagte oft :
Man hätte fast glauben sollen , Luzian sei der leibliche Sohn der Ahne , die er auch fast immer Mutter nannte , während er in der That nur ihr Schwiegersohn war .
Seine Frau neckte ihn oft und stellte sich eifersüchtig wegen der Liebschaft der Beiden zu einander ;
denn Luzian ging die Sorgfalt für die Mutter über Alles , und er hätte ihr gern , wie man sagt , das Blaue vom Himmel geholt , um sie zu erfreuen .
Luzian war ein Mann im Anfang der fünfziger Jahre , stämmig , ein Sägklotz , wie er von seinen Freunden manchmal genannt wurde , weil er zum Spalten zu dick war und sich nicht splittern ließ ;
sein Gesicht war voll und gespannt und verrieth entschiedenes Selbstbewußtsein , der starke Stiernacken bekundete Unbeugsamkeit .
Noch gegen Ende des Befreiungskrieges war er zum Soldatendienste ausgehoben worden , kam aber zu keiner Schlacht .
Die Sägmühle hatte er seinem übergeben und bauerte nun auf dem Gute im Dorfe .
Victor , Egidi's ältesten Sohn , hatte er sich und der ( Urgroßmutter ) zulieb in's Haus genommen , angeblich indeß , damit der Knabe der Schule näher sei .
Margret , Luzians Frau , ähnelte der Mutter unverkennbar ;
war auch ihr ganzes Dichten und Trachten dem Haushalte zugewendet , so war doch Luzian nicht minder ihr Stolz , nur ließ sie es nie merken wie die Mutter , wenigstens nie in Worten .
Sie bildete sich mehr darauf ein als Luzian selber , daß dieser schon zweimal zum Abgeordneten vorgeschlagen war .
Spöttelte sie auch manchmal über sein vieles Lesen , so war es ihr doch nicht unlieb , da er dadurch fast immer im Hause war und Alles in bester Ordnung hielt ;
auch glaubte sie , daß er eben viel gescheidter sei als alle in der ganzen Gegend .
Klagte sie auch wiederholt über die Gemeindeämter und vielen Pflegschaften , die sich Luzian aufbürden ließ , so dachte sie doch wieder im Stillen bei sich :
Bäbi , das hochgewachsene Mädchen mit auffallend dunkeln Augen und starken Brauen , gehört eigentlich gar nicht mehr recht in's Haus .
Sie hatte noch gestern zu Paule , ihrem Bräutigam , gesagt :
Die Bekanntschaft Egidi's mit seiner Frau und den Kindern müssen wir abwarten , bis sie sich uns selbst vorstellen .
So wären wir also hier im Hause mit Allen bekannt und können sie ungestört mit den beiden Knechten und der Magd zu Mittag essen lassen .
Man kennt aber namentlich einen Bauern nicht recht , wenn man seinen Besitzstand nicht weiß ;
an ihm äußert sich nicht nur die ganze Sinnesweise und der Charakter , sondern dieser stützt sich auch meist darauf .
In andern Stellungen bilden sich Lebenskreis , Haltung und Geltung vornehmlich aus der Persönlichkeit heraus , hier aber wird das Meßbare und im Werthe zu schätzende vor Allem Stützpunkt des Charakters in sich und seiner Bedeutung nach Außen .
Du wirst daher oft finden , daß ein Bauer , der Vertrauen zu dir faßt , dir alsbald all' seine Habe aufzählt , oft bis auf das Kälbchen , das er anbindet .
Er will dir auch damit zu verstehen geben , was er daheim bedeutet .
Da sitzen sechzig Morgen Ackers und so und so viel Wald und Matten , besagt oft die Art wie sich ein Bauer im fremden Wirthshaus niedersetzt .
Gehörte Luzian auch keineswegs zu letzterem Schlage und stellte sich seine Ehre und Schätzung noch auf etwas anderes , so müssen wir doch noch schnell sagen , daß er vier Pferde , zwei Paar Ochsen , sechs Kühe und ein Rind im Stalle hatte ;
darnach messet .
Die Pferden werden allerdings nicht blos zum Feldbau , sondern auch zu Holz- und Bretterfuhren gebraucht , da Luzian diesen Handel eifrig betreibt , der ihm manchen schönen Gewinnst abwirft .
Nach Tische wurde Luzian auf's Rathhaus gerufen .
Er fand dort außer dem Schultheiß und den Gemeinderäthen auch den Pfarrer .
Luzian maß diesen mit scharfen Blicken , denn er sollte ihm zum Erstenmale so nahe sitzen .
Der Pfarrer war ein junger Mann , der die erste Hälfte der zwanziger Jahre noch nicht überschritten hatte , groß und breitschulterig , mit derben Händen , das Gesicht voll und rund , aber blutleer und in's Grünliche spielend , die zusammengepreßten Lippen bekundeten Entschiedenheit und Trotz ;
ein eigentümliches Werfen des Kopfes , das in bestimmten Absätzen von Zeit zu Zeit folgte , ließ noch Anderes vermuthen .
Ueber und über war der Pfarrer in schwarzen Lasting gekleidet , der lange , weit über die Kniee hinabreichende Rock , die Beinkleider und die geschlossene Weste waren vom selben Stoffe ;
er wollte die leichte Sommerkleidung nicht entbehren und doch keine profane Farbe sich auf den Leib kommen lassen .
Der spiegelnde Firniß des rauhen Zeuges gab der Erscheinung Etwas , das ans Schmierige erinnerte , während der junge Mann sonst in Ton und Haltung eine gewisse vornehm stolze Zuversicht kund gab .
Dieß sprach sich sogar in der Art aus wie er jetzt , während die Blicke Luzians ihn musterten , mit einem kleinen Lineal in kurzen Sätzen in die Luft schlug .
sagte der Schultheiß , fragte Luzian das Papier in Handen , warf der Pfarrer entgegen , sagte Luzian , schloß der Pfarrer und warf das Lineal auf den Tisch .
entgegnete Luzian mit großer Ruhe , da er noch nicht enden wollte , – unterbrach Luzian .
berichtete der Gefragte .
sagte Luzian , Der Pfarrer stand auf , preßte die Lippen und sagte dann mit wegwerfendem Blick :
Solche geschickte Wendung konnte Luzian doch nicht auffangen , er stand betroffen , Alles schrie über ihn hinein und er sagte endlich :
Niemand dankte .
Aergerlich über sich selbst verließ Luzian die Rathsstube , er hatte das Heu vor der unrechten Thür abgeladen .
Der Anhang , den er selbst unter dem Gemeinderath hatte , schüttelte jetzt den Kopf über ihn .
Wir müssen um einige Monate zurückschreiten , um die Stimmung Luzians zu ergründen .
Die Regungen des tiefgreifendsten Kampfes zuckten eben erst in der Gemeinde aus .
Der alte Pfarrer , der so eins war mit dem ganzen Dorfe , war plötzlich nach dem Bischofssitze berufen worden , er kehrte nicht mehr zurück , statt seiner verwalteten die Pfarrer aus der Nachbarschaft wechselsweise die Ortskirche .
Kurz vor Ostern verkündete das Regierungsblatt die Ernennung und fürstliche Bestätigung eines neuen Pfarrers .
Dieß war das Signal für Luzian , der den ganzen innern Verlauf kannte , daß sich die ganze Gemeinde wie Ein Mann erhob .
Der Gemeinderath mit sämmtlichen Ortsbürgern reichte einen Protest gegen die neue Bestallung ein , der zu gleicher Zeit an die Regierung und an den Bischof geschickt wurde .
Sie verlangten ihren alten Pfarrer wieder oder falls dieß nicht gewährt würde , das freie Wahlrecht ;
sie wollten keinen von den jungen Geistlichen , gegen deren Anmaßungen sogar schon beim Landstand Klage erhoben worden war .
Das war die lebendigste Zeit , in der Luzian seine ganze Kraft entwickelte und die Gemeinde stand ihm einhellig zur Seite .
Noch ehe indeß ein Bescheid auf den Protest einging , wenige Tage vor der Fastenzeit , bezog der neue Pfarrer seine Stelle .
Sonst ist es bräuchlich , daß das ganze Dorf seinem neuen Geistlichen bis zur Grenze der Gemarkung entgegengeht , dießmal aber war er nur von dem Dekan und einigen Amtsbrüdern geleitet .
In den meisten Häusern sah man nur durch die Scheiben dem Einziehenden entgegen , man öffnete das Fenster erst , wenn er vorüber war , da man nicht grüßen wollte .
Der Gemeinderath und Ausschuß war auf dem Rathhause versammelt , die ganze Körperschaft ging in das Pfarrhaus und überreichte abermals den Protest .
Der Dekan sprach beruhigende Worte und händigte zuletzt dem Schultheiß die abschlägige Antwort des Bischofs ein .
Still kehrte man in das Rathhaus zurück und dort wurde beschlossen , in fortgesetztem Widerstande zu beharren .
Am Sonntag , das Wetter war hell und frisch , versammelte sich das ganze Dorf zu einer Pilgerfahrt ;
in großem Wallfahrtszuge ging's nach Althengstfeld , dem Geburtsort Paule's .
Viele wollten sogleich aus dem Auszuge einen Scherz machen , und schon zog Lachen und Lärmen durch manche Gruppen .
Der Brunnenbasche vor Allen ging von Einem zum Andern und hetzte und stiftete , daß das Ding auch ein Gesicht bekäme ;
den Mädchen erzählte er , daß seine Frau bald ausgepfiffen habe , und er fragte diese und jene , ob sie ihn , einen Wittwer ohne Kinderheirathen wolle , aber ohne Pfaff , so wie die Zigeuner .
Da und dort fuhr ein gellender Schrei und ein Gelächter auf ;
der so andächtig begonnene Auszug schien zum Fastnachtsscherze zu werden .
– Nach dieser Erzählung , über die wir recht herzlich lachten , fuhr die Bois-Laurier folgendermaßen fort :
fuhr die Bois-Laurier fort , Ich mußte über dieses letzte Abenteuer so fürchterlich lachen , daß nicht weitererzählen konnte .
Zur Gesellschaft lachte sie herzlich mit , und ich glaube , wir würden so bald nicht aufgehört haben , wenn nicht zwei ihr bekannte Herren sich hätten anmelden lassen .
Sie sagte mir , diese Unterbrechung tue ihr sehr leid , da sie mir bis dahin nur die schlechte Seite ihrer Lebensgeschichte habe zeigen können , durch die ich wohl eine sehr schlechte Meinung von ihr bekommen habe .
Sie hoffe aber , mir bald auch das Gute erzählen zu können , damit ich sähe , wie eifrig sie die erste Gelegenheit benutzt habe , um aus dem Lasterleben herauszukommen , in das die abscheuliche Lefort sie hineingebracht habe .
Ich muß allerdings der Bois-Laurier die Gerechtigkeit widerfahren lassen , daß sie während der ganzen Zeit meiner Bekanntschaft mit ihr in ihrem Lebenswandel sich nichts Unrechtes zuschulden kommen ließ , mit Ausnahme meines Abenteuers mit dem ;
doch hat sie stets ihre Beteiligung an jenem Streiche abgeleugnet .
Fünf oder sechs Freunde bildeten ihren ganzen Verkehr ;
ich war das einzige weibliche Wesen , das sie sah , denn sie haßte die Weiber .
Unsere Gespräche waren vor der Welt sehr anständig , aber im höchsten Grade ausgelassen , wenn wir unter vier Augen uns gegenseitig unsere Geständnisse machten .
Die Männer , die sie bei sich sah , waren lauter gesetzte Leute .
Es wurden Kartenspiele um geringen Einsatz gespielt , und nachher wurde fast jeden Abend bei ihr soupiert .
Nur der , ihr angeblicher Oheim , hatte das Vorrecht , unter vier Augen mit ihr zu verkehren .
Wie ich bereits sagte , waren uns zwei Herren angemeldet .
Sie kamen ;
wir spielten eine Partie Quadrille und speisten dann in sehr heiterer Stimmung zusammen .
Die Bois-Laurier war von reizender Laune ;
vielleicht fand sie es erwünscht , mich nicht allein zu lassen , um über mein Erlebnis vom Vormittag nachzudenken – genug , sie nahm mich mit in ihr Bett .
Ich mußte bei ihr schlafen , denn – mit den Wölfen muß man heulen ;
wir sagten und machten alle möglichen Dinge .
– Am Tage nach dieser ausgelassenen Nacht sprach ich zum erstenmal mit Ihnen , mein lieber Graf , glücklicher Tag !
Ohne Sie , ohne Ihre Ratschläge , ohne die zärtliche Freundschaft und glückliche Sympathie , die uns von Anfang an verbanden , wäre ich besinnungslos in mein Unglück gerannt .
Es war an einem Freitag ;
ich erinnere mich noch , Sie waren im Amphitheater der Oper , dicht unter der Loge , worin die Bois-Laurier und ich saßen .
Unsere Blicke begegneten sich zufällig , aber sie blieben wie gebannt aneinander haften .
Einer Ihrer Freunde , der an demselben Abend bei uns zu Tisch sein sollte , kam in unsere Loge ;
kurz nachher redeten Sie ihn an .
Man neckte mich mit meinen Moralbegriffen .
Sie schienen neugierig zu sein , diese näher kennenzulernen , und Sie waren erfreut , als Ihnen in unserem Gespräch dies gelang .
Die Übereinstimmung Ihrer Gefühle mit den meinigen erregte meine Aufmerksamkeit .
Ich hörte und sah Sie mit einem Vergnügen , das mir bisher unbekannt gewesen war .
Dieses Vergnügen war so stark , daß es mich belebte , mich geistreich machte und Gefühle in mir entwickelte , von denen ich bisher selber nichts gewußt hatte .
Dies ist die Wirkung der Herzenssympathie ;
es ist , wie wenn man mit den Organen des anderen dächte , der diese Sympathie erregt hat .
In demselben Augenblick , wo ich zu der Bois-Laurier sagte , sie solle Sie einladen , mit uns zu soupieren , machten Sie denselben Vorschlag Ihrem Freunde .
Wir verabredeten uns :
Als die Oper aus war , stiegen wir alle vier in Ihren Wagen und fuhren zu Ihrem kleinen Palais .
Dort spielten wir eine Quadrille , wobei wir beide für die Fehler , die wir in unserer Zerstreutheit begingen , reichlich zu bezahlen hatten .
Hierauf setzten wir alle uns zu Tisch und speisten zu Abend .
Mit Bedauern trennte ich mich von Ihnen , aber ich fand einen angenehmen Trost darin , daß Sie mich um Erlaubnis baten , mich zuweilen besuchen zu dürfen , und daß Sie dies in einem Tone taten , der mich überzeugte , daß Sie wirklich die Absicht hatten , Ihr Wort zu halten .
Als wir allein waren , fragte die Bois-Laurier mich mit aller Neugier aus und suchte in scheinbar unabsichtlicher Weise herauszubekommen , was wir beide nach dem Essen unter vier Augen miteinander gesprochen hatten .
Ich sagte ihr ganz einfach , Sie hätten dem Anschein nach gerne wissen wollen , was für eine Angelegenheit mich nach Paris geführt hätte und hier noch zurückhielte ;
ich sagte ihr , Ihr Benehmen hätte mir so viel Vertrauen eingeflößt , daß ich Ihnen ohne Zögern fast meine ganze Lebensgeschichte und meine augenblickliche Lage erzählt hätte .
Ferner sagte ich ihr , meine Lage hätte Sie allem Anschein nach gerührt , und Sie hätten mir zu verstehen gegeben , daß Sie später mir gerne durch die Tat beweisen möchten , welche Gefühle ich Ihnen eingeflößt .
erwiderte mir die Bois-Laurier ;
Nachdem die Bois-Laurier mir noch manche andere Lehren gegeben , um die verschiedenen Charaktere der Männer kennenzulernen , gingen wir zu Bett und trieben wieder alle möglichen Ausgelassenheiten .
Als wir am andern Morgen erwachten , sagte die Bois-Laurier zu mir :
Fortsetzung der Geschichte der philosophischen Therese Fortsetzung der Geschichte der philosophischen Therese Als geendet hatte , versicherte ich ihr , sie könne sich auf meine Verschwiegenheit verlassen , und dankte ihr herzlich , daß sie zu meinen Gunsten die natürliche Abneigung überwunden habe , einem anderen Menschen die Verirrungen ihrer Vergangenheit anzuvertrauen .
Es war inzwischen fast Mittag geworden .
Die Bois-Laurier und ich waren noch in diesem Austausch höflicher Redensarten begriffen , als die Kammerfrau mir meldete , daß Sie mich zu sehen wünschten .
Mein Herz erbebte vor Freude ;
ich stand auf und eilte zu Ihnen ;
wir speisten miteinander zu Mittag Und waren fast den ganzen übrigen Tag beisammen .
Drei Wochen verflossen sozusagen , ohne daß wir uns verließen .
Ich merkte gar nicht , daß Sie die Zeit dazu benützten , um sich zu überzeugen , ob ich Ihrer würdig sei .
Meine Seele war berauscht , von der Freude , Sie zu sehen , und hatte für kein anderes Gefühl Raum ;
und obgleich ich keinen anderen Wunsch hatte , als Sie mein Leben lang zu besitzen , so kam es mir doch niemals in den Sinn , einen bestimmten Plan zu verfolgen , um mir dieses Glück zu sichern .
Indessen beunruhigte mich fortwährend die Bescheidenheit Ihrer Reden und Ihr allzu vernünftiges Benehmen mir gegenüber .
Wenn er mich liebte , sagte ich zu mir , würde er mich lebhaft umwerben , wie ich es an anderen sehe , die mir versichern , daß sie die heißeste Liebe für mich empfinden .
Dies beunruhigte mich .
Ich wußte damals noch nicht , daß vernünftige Menschen auch in ihrer Liebe vernünftig sind und daß die Leichtsinnigen stets und überall leichtsinnig sind .
Nach einem Monat endlich , lieber Graf , sagten Sie mir eines Tages ziemlich lakonisch , meine Lage habe Sie seit dem ersten Tage unserer Bekanntschaft beunruhigt ;
mein Gesicht , mein Charakter , mein Vertrauen zu Ihnen hätten Sie bestimmt , auf Mittel zu sinnen , um mich von dem Labyrinth fernzuhalten , worin ich mich unfehlbar binnen kurzem verirren müßte .
fuhren Sie fort , Ich wollte Sie unterbrechen , um Ihnen zu danken , aber Sie ließen mich nicht sprechen und fuhren fort :
Ihre Worte hatten mich tief erschüttert .
Ich fühlte eine unbeschreibliche Lust in dem Gedanken , einen Mann , der so dachte wie Sie , glücklich machen zu können .
Zugleich sah ich die Gefahr , mich in ein Labyrinth zu verirren , und ich sah , daß Ihre Großmut mich davor schützen wollte .
Ich liebte Sie ;
aber wie mächtig , wie schwer zu zerstören sind die Vorurteile .
Ich fürchtete mich davor , als eine ausgehaltene Geliebte vor der Welt dazustehen , weil an diesem Stande ein gewisser Makel mir zu haften schien .
Ferner hatte ich Angst , ich könnte ein Kind bekommen .
Meine Mutter und wären beinahe bei der Entbindung gestorben .
Außerdem war ich gewöhnt , mir selber eine Wollust zu verschaffen , die , wie man mir gesagt hatte , ebenso köstlich sein sollte wie die Umarmung eines Mannes ;
hierdurch erstickte ich das Feuer meines Temperaments .
Ich hatte niemals sinnliche Wünsche , weil der Begierde stets sofort die Befriedigung folgte .
Was mich bestimmen konnte , war also nur die Aussicht auf ein baldiges Elend oder der Wunsch , Sie glücklich zu machen , um dadurch selber glücklich zu werden .
Der erste Grund berührte mich kaum , der zweite brachte meinen Entschluß zur Reife .
Mit welcher Ungeduld erwartete ich nun Ihre Rückkehr , sobald ich mich entschlossen hatte !
Am nächsten Tage kamen Sie ;
ich stürzte mich in Ihre Arme .
rief ich , Ich erinnere mich , daß Sie mich in diesem süßen Herzenserguß unterbrachen .
Sie versprachen mir , niemals meinem Geschmack und meinen Neigungen widersprechen zu wollen .
Alles wurde abgemacht .
Am nächsten Tage teilte ich der Bois-Laurier mein Glück mit .
Sie nahm unter strömenden Tränen von mir Abschied , und wir reisten endlich an dem von Ihnen festgesetzten Tage nach Ihrem Landgut ab .
An diesem angenehmen Orte angekommen , hatte ich gar keine Zeit , mich über die Veränderung meiner Lage zu verwundern , weil mein Geist keine andere Sorge und keine andere Beschäftigung kannte , als Ihnen zu gefallen .
Zwei Monate verflossen ;
Sie drängten mich nicht , Ihnen gewisse Freuden zu gewähren , aber Sie suchten in mir selber unermüdlich die Begierde danach zu erwecken .
Ich kam allen Ihren Wünschen entgegen , nur den Genuß gewährte ich Ihnen nicht , den Sie mir als besonders entzückend rühmten .
Ich konnte mir eben nicht denken , daß er lebhafter sein sollte als die Genüsse , an die ich gewöhnt war und an denen teilzunehmen ich Ihnen anbot .
Im Gegenteil , ich schauderte bei dem Anblick des Pfeils , mit dem Sie mich zu durchbohren drohten .
Im Grabe Es war eine eigenartige Stimmung , in welcher ich mich befand , als mich der Ustad hinauf nach der mir zugedachten Wohnung führte .
Es war nicht Spannung , noch viel weniger Neugierde .
Ich hatte das Gefühl , als ob eine schon längst in mir lebende und doch niemals ganz in das Bewußtsein getretene Sehnsucht nun in Erfüllung gehen werde , als ob mir ein Glück bevorstehe , auf welches ich schon längst , aber ohne mein Wissen , vorbereitet worden sei .
Warum war ich dabei so ernst , als ob auf jeder der Stufen , welche wir emporstiegen , eine Gestalt aus vergangenen Tagen stehe und stumm mahnend die Hand erhebe ?
Als wir oben vor der Wohnung des Ustad angekommen waren , sah ich eine zweite Treppe .
Auf ihrer Biegung stand ein brennendes Licht .
Er zeigte hinauf und sagte :
Ich sah ihn fragend an .
Da legte er mir die Hand auf die Schulter und fuhr fort :
antwortete ich .
Er öffnete seine Wohnung , nickte mir mit wehmütigem Lächeln zu und verschwand dann hinter der Thür .
Ich ging weiter .
Indem ich dies that , kehrte Alles , was ich bisher aus seinem Munde gehört hatte , zu mir zurück .
Wie tief , wie bedeutungsvoll war jedes Wort gewesen !
Aus welcher Höhe schaute jeder Gedanke dieses Mannes auf die Oberflächlichkeit gewöhnlicher Menschen nieder !
hatte er mich genannt .
Wie alles so ungewöhnlich war , so durfte ich auch dieses Wort nicht in der umgangsüblichen Bedeutung nehmen .
Er meinte es ganz zweifellos nicht leer , sondern voll .
Ich konnte überzeugt sein , daß ich seinen Inhalt auch in mir selbst zu suchen und zu finden haben werde .
Die zweite Treppe stieg in das Innere des Felsens hinein , an welchen sich die oberste Etage des lehnte .
Ich sah nur eine einzige Thür .
Sie stand offen .
Gedämpfter Lichtschein fiel heraus .
Ich trat ein .
Welch eine Ueberraschung , diese !
Das war doch allem Anscheine nach das Studierzimmer eines europäischen Gelehrten !
Es sah ganz so aus , als ob der letztere soeben erst den Raum verlassen habe , um aber gleich wieder zurückzukehren .
War er Geograph ?
Ethnolog ?
Den Fußboden bedeckten die Felle wilder Tiere , denen die präparierten Köpfe , Klauen und Krallen gelassen worden waren .
An den Wänden hingen neben den Kriegswaffen verschiedener Völker auch allerlei friedliche , aber interessante Gebrauchsgegenstände derselben .
Neben einem höchst bequemen persischen Diwan stand ein indischer Perlmuttertisch , auf welchem einige aufgeschlagene Bücher lagen , als ob vor ganz Kurzem noch in ihnen gelesen worden sei .
Ich trat hin , um nachzuschauen .
Ein geöffnetes neues Testament !
Ein mit Tinte unterstrichener Vers :
Daneben ein beschriebenes , nicht losblätteriges sondern eingebundenes Manuskript .
Da , wo der Verfasser aufgehört hatte , lautete der Satz :
Auf dem Schreibtische brannte eine Lampe , deren Licht durch einen grünen Schirm gemildert wurde .
Der letztere war von feinster Seide , von Frauenhand gestickt .
Arabische Schriftzeichen , doch wohlbekannte Worte :
Als ich den Schirm emporhob , um diesen Wahrheitsspruch zu lesen , sah ich , daß es eine sogenannte Astrallampe war .
Astral !
Das erweckte eigentümlicherweise eine Erinnerung aus meiner Knabenzeit in mir .
Ich hatte in einem alten Buche gelesen , daß es Astralgeister gebe , welche die uns unbekannten Sterne bewohnen .
Meine kindliche Phantasie gab sich die größte Mühe , diesen Geistern Gestalt und Farbe zu erteilen , wobei sie natürlich zu den sonderbarsten Resultaten kam .
Da hörte ich , daß der Rektor für seine Studierstube eine Astrallampe als Geburtstagsgeschenk bekommen habe .
Ich ging augenblicklich hin und bat um die Erlaubnis zu einer Exkursion auf dieses geisterhafte Gebiet .
Man kann sich denken , wie enttäuscht ich war , als sich bei der sehr eingehend vorgenommenen Okularinspektion keine einzige meiner sehr hoch gespannten Erwartungen erfüllte !
Der sah mir meine Betrübnis an und fragte nach dem Grunde .
Ich teilte ihm denselben aufrichtig mit .
Da lachte er und sagte :
Da fiel ihm ein , daß meine Fassungskraft doch nicht der seinigen gleiche .
Darum fuhr er fort :
Ich verstand dieses Letztere ebensowenig wie das Vorhergehende ;
aber das Leben hat mich dann gelehrt , den alten , erfahrenen Rektor zu begreifen .
Und als ich nun hier im hohen Hause vor der Lampe des Ustad stand , da war es mir , als ob es ein vielgestaltiges Weben von lauter , lauter Geisterwinzigkeiten um mich her gebe und als ob eine unsichtbare , hundertstimmige Schadenfreude mir in die Ohren raune :
Ich nahm sie vom Tische weg , um die beiden Nebenräume anzusehen , welche rechts und links an dieses Zimmer stießen .
Der eine war zum Schlafen bestimmt .
Ein weiß überzogenes Bett .
Ich fühlte das Leinen an und war geneigt , es für europäisches zu halten .
Die Wände zeigten keinen andern Schmuck als nur ein einziges , primitiv eingerahmtes Bild von sehr bescheidener Größe .
Es hing der Fensterseite gegenüber .
Als ich die Lampe hoch hielt , um es zu betrachten , sah ich , daß es eine mit großer Liebe ausgeführte Federzeichnung war und eine auf Bergeshöhe stehende kleine Dorfkirche vorstellte .
Es handelte sich hier augenscheinlich nicht um ein Werk der Phantasie , sondern dieses Gotteshäuschen war ohne allen Zweifel hier nach der Wirklichkeit wiedergegeben .
Unter dem Bilde standen einige geschriebene Zeilen .
Ich las :
Wer hatte das geschrieben ?
Und für wen war es geschrieben worden ?
Wenn der Schreiber ein Dichter war , so hatte es ihm hier sehr fern gelegen , mit seinem Geiste zu prahlen .
Wo gäbe es wohl einen Menschen , der einem gottgeweihten Hause gegenüber sich nicht klein zu fühlen hätte !
Selbst der größte der Dichter würde wissen , daß er dem prunkenden Reime zu entsagen habe , falls er im Geiste zur Kirche gehen wolle .
Der wirklich Größeste wird hier am feinsten sein .
Der Raum , den ich nun betrat , war die Bibliothek .
Ihr Vorhandensein konnte mich nicht überraschen , obgleich nicht anzunehmen war , daß Pekala , die von den Büchern des Ustad gesprochen hatte , hier oben nach Belieben schalten und walten dürfe .
An allen vier Wänden gab es hohe Stellagen , welche mit Büchern , Karten und wohlumschnürten Paketen gefüllt waren .
Diese letzteren lagen nach Jahren und Monaten geordnet , und ihre Aufschriften sagten mir , daß sie Briefe enthielten .
Es gab auch mehrere am Boden stehende , offene Kästen , welche bis an den Rand mit Briefen oder Zeitungen gefüllt waren .
In der Mitte des Zimmers stand ein ungewöhnlich großer Tisch .
Er war mit Büchern , Karten und Skripturen belegt und sehr bequem für einen geistig arbeitenden Mann , der es liebt , viel Platz zu haben .
Die Fenster der ganzen Wohnung waren hoch und breit , um möglichst viel Licht einzulassen .
Aus dem mittelsten Gemache , welches ich zuerst betreten hatte , führte eine Thür hinaus ins Freie .
Ich öffnete sie , um mich draußen umzusehen .
Wie froh überrascht war ich , als ich sah , daß ich mich auf einem platten Dache befand , unter welchem jedenfalls die Wohnung des Ustad lag .
Hier oben gab es nichts als nur die von mir beschriebenen drei Stuben .
Sie waren von der Vorderfront des Hauses so weit zurückgesetzt , daß man diesen schönen Vorplatz gewonnen hatte , welcher mir die allerfreieste Aussicht nach Norden , Osten und Süden bot , während auf der Westseite der Weg hinauf nach der Glockenhöhle an mir vorüberführte .
Es ist eine meiner Eigenheiten , so viel wie möglich im Freien zu arbeiten , selbst auch des Abends und des Nachts .
Ich kann sagen , daß ich meine glücklichsten , geistig belebtesten und fruchtbarsten Zeiten auf den platten Dächern des Morgenlandes verlebt habe .
Wer des Nachts unter funkelndem Sternenhimmel von den Dächern Siuts hinauf nach der Höhe des Stabl Antar , von Jerusalem hinüber nach Mar Eljas , von Tiberias über den Genezareth , vom herrlichen Brummana des Libanon hinunter auf die Lichter und den Hafen von Berut geschaut hat , dem werden diese Stunden lebenslang im Gedächtnisse bleiben .
Und nun auch hier vom hohen Hause aus der unbeschreiblich schöne Blick hinaus und hinein in die orientalische Nacht , die nicht so , wie die abendländische , nur vom Abend nach dem Morgen schreitet , sondern vom Paradiese nach dem Paradiese wandelt !
Da hörte ich ein Geräusch .
Ich schaute mich um und sah den Ustad , welcher bei mir eingetreten war .
Er bemerkte , daß ich mich auf dem Vorplatze befand , und kam heraus .
Ich lehnte an der Brüstung .
Er sagte nichts .
Die Hände auf die Steine vor uns legend , schaute er still auf den See hinab .
Ich hörte seinen Atem leise gehen .
Da , nach einer kleinen Weile wendete er sich mir halb zu und sprach , nach unten deutend :
Wie seltsam !
Soeben waren ganz ähnliche Gedanken in mir aufgestiegen !
Doch sagte ich nichts .
Ich konnte kein Wort finden , welches wert gewesen wäre , jetzt gesprochen zu werden .
Dieses Gedicht war im jetzigen Augenblick in ihm entstanden .
Daß er es sofort in laute Worte gefaßt hatte , war mir ganz selbstverständlich .
Jeder Dichter pflegt das zu thun .
Er wendete sich wieder ab und sagte nach kurzer Pause , an seine letzten Worte anknüpfend :
sagte ich .
fragte er schnell .
Sonsten ist in diesem Winter nichts Sonderliches fürgefallen , als daß der barmherzige Gott großen Seegen gab , im Achterwasser wie in der Sehe , und wieder gute Nahrung in der Gemeine kam , so daß auch von uns konnte gesaget werden , wie geschrieben stehet :
ich hab dich ein klein Augenblick verlassen , aber mit großer Barmherzigkeit will ich dich sammlen 1 .
Dannenhero wurden wir auch nit müde dem Herrn zu danken , und thät die Gemeine der Kirchen viel Gutes , kaufete auch wieder neue Kantzel- und Altartücher , da der Feind die alten geraubet , item wollte mir das Geld vor die neuen Kelche wieder erstatten , so ich aber nit genommen hab .
Doch hatte es noch bei zehen Bauern im Kapsel die ihr Saatkorn zum Frühjahr nit schaffen kunnten angesehen sie ihren Verdienst vor Vieh und das liebe Brodkorn ausgegeben .
Machte also mit ihnen einen Vertrag , daß ich ihnen wölle das Geld dazu fürstrecken , und könnten sie es mir in diesem Jahr nicht wieder aufbringen , möchten sie es im nächsten mir wiedererstatten , welches sie auch dankbarkich annahmen , und schickten wir bei sieben Wagens nacher Fredland in Meklenburg , vor uns Alle Saatkorn zu hohlen .
Denn mein lieber in Hamburg hatte mir allbereits durch den , der zu Weihnachten schon wieder binnen gelaufen war , vor den Birnstein 700 Fl .
übermachet , die ihme der Herr gesegnen wölle .
Sonsten starb diesen Winter die alte Thiemksche in Loddin , so vor eine Großmutter im Kapsel ware , und auch mein Töchterlein gegriffen hat .
Aber sie hat in letzter Zeit wenig Arbeit gehabt , inmassen ich in diesem Jahre nur zwei Kinder getaufet , als Jung seinen Sohn in Ueckeritze , und ihr Töchterlein , so die Kaiserlichen gespießet .
Item sind es fast fünf Jahr , daß ich die letzten Brautleute vertrauet .
Dannenhero männiglich gießen mag , daß ich hätte mögen zu Tode hungern , wenn der gerechte Gott mich nit auf andere Weiß so grundgütig bedacht und gesegnet hätte .
Darumb sei ihm allein die Ehr .
Amen .
Hierzwischen aber begab es sich nit lange darauf , als der Ambtshaubtmann das letzte Mal da gewesen , daß die Zauberei im Dorfe begunnte .
Saß eben und traktirte mit meinem Töchterlein den Virgilium im zweiten Buch , von der gräulichen Verwüstung der Stadt Troja , so doch noch erschröcklicher gewesen denn unsere , als das Geschreie kam , daß unsern seine rothe Kuh , so er sich vor wenigen Tagen gekaufet , im Stalle alle Viere von sich gestoßen und verrecken wölle , und solches ein seltsam Ding wäre , angesehen sie noch vor einer halben Stunden wacker gefressen .
Mein Töchterlein möchte doch hinkommen , und ihr drei Haare aus dem Schweif ziehen und selbige unter der Stallschwellen verscharren .
Denn sie hätten in Erfahrung gebracht , wenn solches eine reine Jungfer thät , würde es besser mit der Kuh .
Thät ihnen mein Töchterlein also den Willen , dieweil sie die einige Jungfer im ganzen Dorf war ( denn die andern seind noch alle Kinder ) und schlug es auch von Stund an , so daß sich männiglich verwunderte .
Aber es währete nit lange so kam Witthahnsche ihrem Schwein beim gesunden Fressen auch was an .
Selbige kam also angelaufen :
daß mein Töchterlein sich umb Gotts Willen erbarmen und ihrem Schwein auch etwas gebrauchen wölle , da böse Menschen ihme was angethan .
Dannenhero erbarmte sie sich auch , uhd es half alsogleich wie das erste Mal .
Doch hatte das Weib , so gravida war , von dem Schröcken die Kindesnoth überkommen , und wie mein Töchterlein kaum aus dem Stalle ist , geht sie jünsend , und sich an allen Wänden stützend und begreifend in ihre Bude , rufet auch ringsumbher die Weiber zusammen , da die rechte Großmutter wie bemeldet verstorben war und währet es nit lange , so scheußt auch etwas unter ihr zur Erden .
Doch als sich die Weiber darnach niederbücken , hebt sich der Teufelsspök , so Flügel gehabt , wie eine Fledermaus , von der Erden , schnurret und burret in der Stuben umbher , und scheußt dann mit großem Rumor durch das Fenster , daß das Glas auf die Straßen klinget .
Wie sie aber nachsehen , ist allens fort .
Nun kann man genugsam bei sich selbsten abnehmen , welch ein groß , gemein Geschrei hieraus entstande .
Und judicirte fast das ganze Dorf , daß Niemand nit , denn den alten Seden sein gluderäugigt Weib solchen Teufelsspök angerichtet .
Aber die Gemein wurde bald in solchem Glauben irrig .
Denn desselbigen Weibes ihre Kuh kriegt es bald auch so , wie alle Andern ihre Kühe .
Kam dahero auch wehklagend herbeigelaufen , daß mein Töchterlein sich ihrer erbarmen wöll , wie sie sich der Andern erbarmet , und umb Gotts willen ihrer armen Kuh helfen .
Hätte sie ihr verarget , daß sie von dem Dienst beim Ambtshaubtmann ihr etwas gesaget , so wär es ja aus gutem Herzen geschehn etc. Summa , sie beredete mein unglücklich Kind , daß sie auch hinginge , und ihrer Kuh half .
Unterdessen lag ich an jeglichem Sonntag mit der ganzen Gemein auf meinen Knieen dem Herrn an , daß er dem leidigen Satan nit wölle gestatten uns dasjenige wiederumb zu nehmen , was seine Gnad uns nach so vielerlei Noth aufs Neu zugewendet , item , daß er den autorem von solchem Teufelsspök an das Tageslicht bringen wölle , umb ihm die verdiente Straf zu geben .
Aber es half Allens nit .
Denn allererst waren wenig Tage verstrichen , so kam seiner bunten Kuh auch was an , und kam er wieder , wie all die Andern zu meinem Töchterlein geloffen .
Ging sie also auch hin , aber es wollte nit anschlagen sondern das Viehe verreckete fast unter ihren Händen .
Item hatte von das Spinngeld , so sie diesen Winter von meim erhalten , sich ein Ferkelken angeschaffet , so das arme Weibstück wie ein Kind hielte und bei sich in der Stuben lauffen hatte .
Selbiges Ferkelken kriegt es auch wie die andern im Umbsehen ;
doch als mein Töchterlein hiezu gerufen wird , will es auch nit anschlagen , sondern es verrecket ihr abermals unter den Händen , und erhebt das arme Weibsbild ein groß Geschrei , und reißt sich für Schmerz die Haare aus , so daß es mein Kind erbarmet und sie ihr ein ander Ferkelken verspricht , wenn meine Sau werfen würd .
Hierzwischen mochte wohl wieder eine Woche verstreichen , in währender Zeit ich mit der ganzen Gemein fortfuhre , den Herrn umb seinen gnädigen Beistand , wiewohl umbsonst , anzurufen , als Sedensche ihr Ferkel auch was ankömmt .
Läuft dahero wieder mit großem Geschrei zu meiner Tochter , und wiewohl diese ihr sagt , daß sie ja sähe , es wölle nit mehr helfen , was sie vor das Vieh gebrauchte , hörte sie doch nit auf , selbiger mit großem Lamentiren so lange anzuliegen , bis sie sich abermals aufmachte , ihr mit Gotts Hülfe beizustehn .
Aber es war auch umsonst , angesehen das Ferkelken schon verreckete , bevorab sie den Stall verlassen .
Was thät aber nunmehro diese Teufelshure ?
Nachdeme sie mit großem Geschrei im Dorf umbhergeloffen , saget sie :
nun sähe doch männiglich , daß mein Töchterlein keine Jungfer mehr wäre , denn warumb es sonst jetzt nit mehr helfen sollte , wenn sie dem Viehe was gebrauchte , so es doch vorhero geholfen ?
Hätte wohl ihre Jungferschaft in dem Streckelberg gelassen , wohin sie diesen Frühjahr so fleißig trottire , und wüßte Gott , wer selbige bekommen !
Doch weiter sagt sie noch nichtes , und erfuhren wir dies Allens nur hernachmals .
Und ist wahr , daß mein Töchterlein diesen Frühjahr ist mit und ohne mich in den Streckelberg gespaziret , umb sich Blumen zu suchen , und in die liebe Sehe überzuschauen , wobei sie nach ihrer Weiß diejenigen Versus aus dem Virgilio so ihr am Besten gefallen , laut gerecitiret , ( denn was sie ein paar Mal lase , das behielte sie auch .
) Und solche Gänge wegerte ich ihr auch nicht , denn Wülfe hatte es nicht mehr im Streckelberge , und wenn es auch noch einen hatte , so fleucht er vor dem Menschen zur Sommerszeit .
Doch nach dem Birnstein verbot ich ihr zu graben .
Denn da er nunmehro schon zu tief fiele , und wir nicht wußten , wo wir mit dem Aufwurf bleiben söllten , daß es nit verrathen würd , nahm ich mir für , den Herrn nicht zu versuchen , besondern zu warten , bis mein Fürrath an Gelde fast klein würde , bevorab wir wieder grüben .
Solliches thät sie aber nicht , wiewohl sie es versprochen , und ist aus diesem Ungehorsamb all unser Elend herfürgegangen .
( Ach du lieber Gott , welch ein ernst Ding ist es doch umb dein heilig viertes Gebot !
) Denn da Ehre , so mich im Frühjahr heimbgesuchet , mir verzählet , daß der Cantor in Wolgast die opp .
St .
Augustini 2 verkaufen wölle , und ich in ihrer Gegenwärtigkeit gesaget , daß ich solche wohl vor mein Leben gerne kaufen möchte , aber das Geld davor nit übrig hätte , stunde sie ohne mein Wissen des Nachts auf , umb nach Birnstein zu graben , solchen auch so gut sie könnte in Wolgast zu versilbern und zu meinem Geburtstag welcher den 28sten mensis Augusti einfällt , mir heimlich die opp .
St .
Augustini zu verehren .
Den Aufwurf hat sie aber immer mit tännin Zweigen bedecket , so es genugsam in der Heiden hat , damit Niemand nichtes verspüren möchte .
Hierzwischen aber begab sich , daß der junge nobilis eines Tages angeritten kam , um Kundschaft von dem großen Zauber zu über kommen , so hier im Dorfe sein sölle .
Als ich ihme nun solchen verzählet , schüttelte er ungläubig das Haupt und vermeinete daß es mit aller Zauberei fast Lüg und Trug wäre wovor ich mich heftiglich perhorrescirete angesehen ich diesen jungen Herrn für einen klügeren Mann gehalten , und nun sehen mußte , daß er ein Atheiste war .
Solches aber merkete er und gab lächelnd zur Antwort , ob ich jemals den 3 gelesen , so nichts wissen wölle von der Zauberei , und argumentire daß alle Hexen melancholische Personen wären , die sich selbsten nur einbildeten , daß sie einen pactum mit dem Teufel hätten und ihm mehr erbarmens – denn strafwürdig furkämen ?
Hierauf gabe ich zur Antwort , daß ich solchen zwar nit gelesen , ( denn sage , wer kann Allens lesen , was die Narren schreiben ?
) aber der Augenschein zeige ja hier und aller Orten , daß es ein ungeheurer Irrthumb sei , die Zauberei zu leugnen , inmassen man alsdann auch leugnen könnte , daß es Mord , Ehebruch und Diebstahl gäb .
Aber dieses Argumentum nannte er ein Dilemma 4 und nachdeme er viel von dem Teufel gedisputiret , so ich vergessen , da es arg nach Ketzereien roche , sagete er :
er wölle mir von einem Zauber in Wittenberg erzählen , so er selbsten gesehen .
Als dorten nämblich ein kaiserlicher Haubtmann vor dem Elsterthore eines Morgens sein gutes Roß bestiegen , um sein Fähnlein zu inspiciren , hebet solches alsobald an , so grimmig zu toben bäumet , schüttelt mit dem Kopfe , prustet , rennet und brüllet , nit wie Pferde sonst thun , daß sie wiehern , sondern es ist anzuhören gewest als wenn die Stimm aus einem Menschenhalse käme , so daß männiglich sich verwundert , und Allens das Rößlein für bezaubert gehalten .
Es hätte auch alsobald den Haubtmann abgeworfen , ihm mit seinem Huf den Schädel eingeschlagen , daß er da gelegen und gezappelt , und hätte nunmehro ins Weite wöllen .
Da hätte ein Reutersmann sein Handröhr auf das verzauberte Roß abgedrucket , daß es gleich auf den Weg zusammengeschossen und verrecket sei .
So wäre er auch mit vielen hinzugetreten dieweil der Obrist alsofort Befehlig an den Feldscheerer gegeben , das Roß aufzuschneiden , umb zu sehen , wie es innerlich mit ihm stünde .
Wäre aber alles gut gewest , und beide der Feldscherer und Feldmedicus hätten testificiret daß es ein kern gesund Roß sei , wannenhero denn Allens noch weit heftiger über Zauberei geschrieen .
Hierzwischen aber hätte er selbsten ( verstehe den jungen Nobilis ) gesehen daß dem Rößlein ein feiner Rauch aus der Nasen gezogen , und als er sich niedergebucket , hätte er alsobald einen Lunten herfürgezogen , fast bei eines Fingers Länge , so noch geschwelet , und ihme ein Bube mit einer Nadel heimlich zur Nasen hineingestoßen .
Da wäre denn die Zauberei auf einmal vergeschwunden , und man hätte den Thäter nachgespüret , so auch alsobald gefunden wär , nämblich der Reutknecht von dem Haubtmann selbsten .
Denn da sein Herr ihm das Wammes ausgeklopfet , hätte er einen Eid gethan , es ihm zu gedenken , so aber der Profost selbsten gehöret , der von ungefährlich am Stall gestanden und geharnet .
Item hätte ein anderer Kriegsknecht bezeuget , daß er gesehn wie der Kerl ein Stück von der Lunten geschnitten , kurz zuvor ehe denn er seinem Herren das Roß vorgeführet .
– Also meinte nun der junge Edelmann wär es mit jeglicher Zauberei , so man damit auf den Grund ginge , wie ich ja auch selbsten in Gützkow gesehen , wo der Teufelsspök ein Schuster gewest , und würd es auch hier im Dorf wohl auf gleiche Weiß zugestehn .
Vor solche Rede wurde ich aber dem Junker von Stund an , als einem Atheisten abhold , wiewohlen ich in Zukunft leider Gottes gesehen hab , daß er fast recht gehabt , denn wäre der Junker nit gewest , wo wäre dann mein Kind ?
Doch will ich Nichtes übereilen !
– Summa :
ich ging fast verdrüßlich über diese Wort in der Stuben umbher , und fing der Junker nunmehro an mit meinem Töchterlein über die Zauberei zu disputiren , bald deutsch und bald lateinisch , wie es ihm ins Maul kam , und sollte sie auch ihre Meinung sagen .
Aber sie gab ihm zur Antwort , daß sie ein dumm Ding sei und keine Meinung haben könnte , daß sie aber dennoch gläube , der Spök hier im Dorfe ginge nit mit rechten Dingen zu .
Hierüber rief mich die Magd abseiten ( weiß nit mehr was sie wollte ) doch als ich wieder in die Stuben kam , war mein Töchterlein so roth , wie ein Schaarlachen und der Junker stunde dicht vor ihr .
Fragete sie dannenhero gleich als er abgeritten , ob etwas fürgefallen , so sie aber leugnete und erst nachgehends bekannte :
daß er in meinem Abwesen gesaget , daß er nur einen Menschen kenne , so zu zaubern verstünde , und als sie ihn gefraget , wer derselbige Mensch denn wäre , hätte er sie bei der Hand gegriffen und gesaget :
Weiteres aber hätte er nichtes gesaget , als daß er sie dabei mit brennenden Augen ins Angesicht geschauet und darüber wäre sie so roth worden .
Aber so seind die Mädchens , sie haben immer ihre Heimblichkeiten , wenn man den Rücken drehet , und ist das Sprüchwort wahr :
Mätens to höden Un Kücken to möten Sall den Düwel sülfst vertreten !
5 wie man leider nachgehends noch weiter finden wird .
Fußnoten 1 Jesaias 54 , 7. 2 Die Werke des heiligen Augustin .
3 Ein niederländischer Arzt , der lange vor Spee und Thomasius das Unwesen des Zauberglaubens seiner Zeit in der Schrift confutatio opinionum de magorum Daemonomia Frankfurth 1590 angriff , dafür aber von Bodinus und andern , selbst für den ärgsten Hexenmeister verschrieen wurde .
Und allerdings ist es auffallend daß derselbe freidenkende Mann früher in einer andern Schrift de praestigiis Daemonum , die Beschwörung der Geister gelehrt , und darin die ganze Hölle mit dem Namen und Zunamen ihrer 572 Teufelsfürsten beschrieben hatte .
4 verfänglicher Schluß .
5 d .i .
etwa Mädchen und Küchlein zu hüthen ;
soll ( wohl ) den Teufel selbst verdrießen wobei jedoch zu bemerken , daß die hochdeutsche Sprache das malerische Wort nicht ausdrücken kann , welches eigentlich bedeutet , mit vorgestreckten Armen das Korn oder irgend einen andern lockenden Gegenstand vor dem Andrange der Thiere zu schützen .
Capitel 14 Capitel 14. Wie der alte Seden plötzlich verschwindet , item der große nachher Pommern kömmt , und die Schanze zu Peenemünde einnimmt .
Mit der Zauberei war es nunmehro eine Zeitlang geruhlig 1 so man die Raupen nicht in Anrechnung zeucht , welche mir meinen Obstgarten gar jämmerlich geruiniret , und welches sicherlich ein seltsam Ding war .
Denn die Bäumleins blüheten alle so lieblich und holdseelig , daß mein Töchterlein eines Tages sagte , als wir darunter umbher gingen , und die Allmacht des barmherzigen Gottes preiseten , Aber es sollte bald anders kommen .
Denn es befanden sich im Umbsehen so viele Raupen ( große und kleine , auch von allerhand Farb und Colör ) auf den Bäumen , daß man sie fast mit Scheffeln messen mochte , und währete nit lange , als meine arme Bäumekens , allesammt wie die Besenreiser aussahen , und das liebe Obst , so angesetzet , abfiel , und kaumb vor meinem Schwein zu gebrauchen war .
Will hierbei auf Niemand rathen , doch hatte gleich dabei meine eigenen Gedanken , und habe sie noch .
Sonsten stand mein Gerstenkorn , so ich bei 3 Scheffeln in die Worth gestreuet sehr lieblich .
Auf dem Felde aber hatte ich nichtes ausgeworfen , angesehen ich die Bosheit des leidigen Satans scheuete .
Auch hatte die Gemeine heuer nit viel Seegen an Korn , inmassen sie zumb Theil aus großer Noth keine Wintersaat gestreuet , und die Sommersaat auch nit fort wollte .
Sonsten an Fischen fungen sie in allen Dörfern durch die Gnade Gottes viel , insonderheit an Häring , welcher aber schlecht im Preise steht .
Auch schlugen sie manchen Saalhund 2 und habe ich selbsten um Pfingsten aus einen geschlagen , als ich mit meinem Töchterlein an der Sehe ging .
Selbiger lag auf eim Stein dicht am Wasser und schnarchete wie ein Mensch .
Zog mir also die Schuhe aus und ging heimblich hinzu , daß er nichts merkete , worauf ich ihme mit einem Stecken so über die Nasen schlug ( denn an der Nasen kann er wenig vertragen ) daß er gleich ins Wasser purzelte .
Doch war ihm die Besinnung schon wegk , und mochte ich ihn nunmehro leichtlich ganz zu Tode schlagen .
Es war ein feistes Beest , obwohl nit gar groß , und brieten wir doch aus seinem Spek an die 40 Pott Thran , so wir beschlossen zur Winternothdurft aufzuheben .
Hierzwischen aber begab es sich , daß dem alten Seden flugs etwas ankam , also daß er das heilige Sacrament begehrete .
Ursache konnte er nit angeben , als ich zu ihm kam , hat es aber vielmehr wohl nit thun wöllen , aus Furcht für seiner alten Lisen , so mit ihren Gluderaugen sein immer hüthete , und nicht aus der Stuben ging .
Sonsten wollte Zutern sein klein Mädchen , ein Kind bei 12 Jahren am Gartenzaum auf der Straßen , wo sie Kraut vor das Vieh gepflücket , gehört haben , daß Mann und Frau sich etzliche Tage zuvorab , wieder heftig gescholten , und der Kerl ihr fürgeschmissen , daß er nunmehro gewißlich in Erfahrung gebracht , daß sie einen Geist habe , und wölle er alsobald hingehen und es dem Priester verzählen .
– Wiewohlen das nur Kinderreden seind , will es doch wohl wahr sein , anerwogen Kinder und Narren , wie man saget , die Wahrheit sprechen .
Doch laß ich das in seinen Würden .
Summa :
es wurde immer schlimmer mit meinem alten Fürsteher , und wenn ich ihne , wie ich den Brauch bei Kranken hab , alle Morgen und Abend heimbsuchte , umb mit ihm zu beten , und oftmalen wohl merkete , daß er etwas annoch auf seim Herzen hatte , kunnte er doch nichtes herfürbringen , angesehen die alte Lise immer auf ihrem Posten stunde .
So verblieb es eine Zeitlang , als er eines Tags umb Mittag aus zur mir schickete :
ich wölle ihme doch ein klein wenig Silbers von dem neuen Abendmahlkelch abschrapen 3 , weilen er den Rath gekriegt daß es besser mit ihm werden würd , wenn er es mit Hühnermist einnähm .
Wollte lange Zeit nit daran gehen , maßen ich gleich vermuthete , daß darbei wieder Teufelsspök verborgen , aber er tribulirete so lange , bis ich ihme den Willen that .
Und siehe , es half fast von Stund an , so daß er am Abend , als ich kommen war mit ihme zu beten , schon wieder auf der Bank saß , ein Topf zwischen den Beinen , aus welchem er seine Suppen kellete .
Wollte aber nit beten ( ein seltsam Ding , da er doch sonsten so gerne gebetet , und oftmals kaum die Zeit ausharren kunnte , ehe ich kam , so daß er wohl an die zween oder dreien Malen geschicket , wenn ich nit gleich zur Hand ware , oder sonst wo mein Wesen hatte ) , sondern sagete , er hätte schon gebetet , und wölle er mir vor meine Mühe den Hahnen zu einer Sonntagssuppen geben , wovon er den Mist eingenommen , maßen es ein großer schöner Hahnen sei , und er nichts Besseres hätte .
Und , weilen das Hühnerwerk schon aufgeflogen , trat er auch zu dem Wiem 4 so er in der Stuben hinter dem Ofen hatte , und langete den Hahnen herab , so er meiner Magd unter den Arm thät , so gekommen war mich wegkzurufen .
Hätte aber den Hahnen umb alles in der Welt nit essen wollen , besondern ließ ihn zur Zucht laufen .
Wie ich nun ginge , fragte ihn noch , ob ich am Sonntage dem Herrn vor seine Besserung danken solle , worauf er aber zur Antwort gab , daß ich solches halten könne , wie mir geliebte .
Verließ also kopfschüttelnd sein Haus und nahm mir für , ihn alsogleich rufen zu lassen , wenn ich in Erfahrung gezogen , daß seine alte Lise nit heimisch sei ( denn sie hohlete sich oft von dem Amtshaubtmann Flachs , umb solchen aufzuspinnen ) .
Aber siehe , was geschah schon nach etzlichen Tagen ?
Es kam das Geschreie , der alte Seden wäre wegkgekommen , und Niemand wüßte nit , wo er geblieben .
Sein Weib vermeinete , er wäre in den Streckelberg gangen , und kam dahero diese vermaledeyete Hexe auch mit großem Geheul bei mir vorgelaufen , und forschete von meinem Töchterlein , ob sie ihren Kerl nit wo hätte daselbsten laufen gesehen , dieweil sie ja alle Tage in den Berg ginge .
Mein Töchterlein sagte nein ;
sollte aber , seis Gott geklagt , bald genugsamb von ihme erfahren .
Denn als sie eines Morgens , ehe denn die Sonne aufgegangen gewest , von ihrer verbotenen Gräberei zurückkömmt , und in den Wald niedersteiget , höret sie flugs sich zur Seiten einen Grünspecht ( so sicherlich die alte Lise selbsten gewest ) so erbärmlich schreien , daß sie in das Gebüsche tritt , zu sehen , was er hätte .
So sitzt nun dieser Specht auf der Erden vor einem Flusch Haaren , so roth und ganz so gewest seind , wie den alten Seden seine , burret aber mit einem Schnabel voll auf , wie er ihrer gewahr wird und verkreucht sich damit in ein Astloch .
Wie mein Töchterlein noch stehet und diesen Teufelsspök betrachtet , kömmt der alte Paassch , so das Geschrei auch gehöret , und mit seinem Jungen sich Daukelschächte 5 in den Berg gehauen , auch herbei und entsetzet sich gleicher Weiß , wie er die Haare an der Erden sieht .
Und vermeinen sie erstlich , daß ihn ein Wulf gefressen , sehen dannenhero sich auch überall umb , aber finden kein einig Knöchelken .
Wie sie aber in die Höhe schauen , kommt es ihnen für , als ob oben im Wipfel auch was Rothes glitzerte , und muß der Junge in den Baum steigen , wo er denn alsogleich ein groß Geschrei anhebt , daß es hier auch auf eim Paar Blätter einen guten Flusch rother Haare hätte , so mit den Blättern zusammengeklebet wären , wie mit Pech .
Aber es wäre kein Pech nit , sondern sähe roth und weißsprenglich aus , wie Fischküt 6 .
Item wären die Blätter ringsumbher , wo auch keine Haare säßen , bunt und fleckicht , und voll unsauberen Stankes .
Wirft also der Junge auf Geheiß seines Herren den Kletten herab , und judiciren sie beide gleich unten , daß dies den alten Seden sein Haar und Hirn sei , und ihn der Teufel bei lebendigen Leibe gehohlet , weil er nit hat beten wöllen und dem Herrn danken vor seine Besserung .
Solches gläubete ich auch selbsten , und stellte es auch am Sonntag so der Gemeine für .
Aber man wird weiters unten sehen , daß der Herr noch andere Ursachen gehabt ihn in die Hand des leidigen Satans zu geben , angesehen er sich auf Zureden seines bösen Weibes von seinem Schöpfer losgesagt , umb nur wieder besser zu werden .
Vor jetzo aber thät auch diese Teufelshure , als wäre ihr das größete Herzeleid zugefüget , inmassen sie sich die rothen Haare bei ganzen Fluschen ausriße , wie sie von dem Grünspecht durch mein Töchterlein und den alten Paassch hörete und lamentirte , daß sie nunmehro auch eine arme Wittib sei , und wer sie in Zukunft verpflegen würd etc. Hierzwischen feierten wir auch an dieser öden Küsten , so gut wir kunnten und mochten mit der ganzen protestantischen Kirchen den 25sten Tag mensis Junii , wo für nunmehro 100
Jahren die Stände des heil .
Römischen Reichs dem großmächtigsten ihre Confession zu Augsburg fürgeleget , und hielte ich die Predigt über Matth .
10 , 32 .
von der rechten Bekenntnüß unsers Herrn und , worauf die ganze Gemeine zum Nachtmahl ging .
Doch gegen den Abend desselbigen Tages , als ich mit meinem Töchterlein zur Sehe gespatziret war , sahen wir umb den Ruden viele hundert Masten von großen und kleinen Schiffen , höreten auch ein merklich Schießen und judicirten alsbald daß es der großmächtigste sein möchte , so nunmehro , wie er versprochen , der armen bedrängeten Christenheit zur Hülf käme .
Im währenden Judiciren aber segelte ein Boot von der Oie 7 heran , worinnen ihr Sohn saß , so dorten ein Bauer ist und seine alte Mutter heimbsuchen wollte .
Acht Tage nach dieser Szene war die Hochzeit meiner Mutter und die von Franziska .
Ich blieb die einzige Frucht dieser Ehe , was aber von der Periode des ersten Flügelkleides bis zu jener der ersten jungfräulichen Gefühle mit mir vorgegangen , gehört in das Register kindischer Neigungen und Triebe und wird euch wenig interessieren .
So viel muß ich euch aber doch gestehen , daß ich , wie ehemals meine Mutter , mich von meinem Lehrer , , gern peitschen ließ , und da ich eine wilde Natur hatte , so geschah das öfter , immer aber im Beisein eines meiner Eltern , und erst zwei Tage , nachdem ich mich unartig aufgeführt oder nichts gelernt hatte .
Sehr gern sah ich meine kleinen Reize entblößt im Spiegel .
Oft stand ich viertelstundenlang mit aufgehobener Kleidung vor ihm , dachte :
personne ne me voit !
und musterte mich von oben bis unten .
Unter dem Regiment meines Vaters diente auch ein junger Franzose als Leutnant .
Dieser erhielt , als Söller mit seiner jungen Frau nach Glatz kommandiert wurde , die erste Stelle unter den jungen Freunden meines Vaters .
Dieser Franzose , obgleich von Bonhommie und redlichen Gesinnungen zusammengefügt , war übrigens der feinste und gierigste Wollüstling , den man sich nur denken konnte .
Als ein heimlicher Anbeter meiner Mutter – ich war damals zehn Jahre alt – mußte ich oft herhalten , wenn diese ihn ernsthaft und scherzhaft von sich abgewiesen hatte .
Jedesmal , wenn uns besuchte , und das geschah fast täglich , erhielt ich Bonbons oder irgendein Spielzeug , das mir Freude erweckte .
Dann wußte ich schon , was er wollte , nämlich mit der Mutter allein sein , und ich ließ mir das auch nie zweimal sagen .
Überhaupt besaß ein Maintien , ein savoir faire , das sich mit nichts vergleichen ließ .
Einmal kam ich etwas früher aus dem Garten als sonst und wollte eben die Tür des Zimmers öffnen , in dem sich meine Mutter und Beauvois befanden , als ich ein Gepolter und meine Mutter zu jenem sagen hörte :
Ich hörte nichts weiter , sah aber , was ich nicht hörte , durchs Schlüsselloch .
Und was sah ich !
Meine Mutter lag auf der Erde .
Beauvois hielt ihr Röcke und Hemd in die Höhe , hatte ihren linken Schenkel hoch gehoben , seine Beinkleider waren herabgelassen , sein ganzer Unterleib fasernackend , und sein Glied starrte wie ein Schlagbaum an einem Berliner Tor .
Bei diesem Anblick wurde mir so sonderbar zumute , daß ich kaum aufrecht zu stehen vermochte ;
ich deckte mich auf , sah der Szene aufmerksam zu und operierte mit meinem Finger zu gleicher Zeit , als Beauvois sich auf meine Mutter geworfen und seinen Cupido eingesteckt hatte , und zwar so dringend , daß ich vielleicht ebenso viel Vergnügen wie meine Mutter empfand .
Meine Mutter war im höchsten Grade wollüstig gebaut , ihre Sinne in steter Beschäftigung ;
mein Vater aber , ganz das Gegenteil , nie sehr auf weibliche Reize ausgegangen , mußte immer durch etwas Charakteristisches gereizt werden , wenn er einmal bei der Mutter seine Lust recht stillen wollte .
Indessen hatte mein Vater meiner Mutter gleich nach der Hochzeit ein paar Punkte aus dem innersten Schatz seines Herzens vorgelegt , die ihr eine heitere Zukunft versprachen ;
und ich glaube , ihrerseits hielt sie nichts ab , diese Punkte eher zu ihrem Vorteile zu benutzen als ihre Mutterpflichten .
Wie sie aber nach einem zweijährigen Ehestand wohl denken konnte , daß sie keine Früchte ihrer ehelichen Verbindung mehr erwarten dürfe , da nahm sie sich fest vor , nächstens diesem ihren ersten Witwengrad sich nach der ihr gegebenen Erlaubnis ohne Scheu einzuverleiben .
Diese Erlaubnis gab ihr nämlich mein Vater in den bestimmtesten Ausdrücken .
, sagte er , Meine Mutter lachte und versprach obendrein , ihm zu beichten , so wie sie nur den geringsten Skrupel fühlen sollte , der sie verhindern könnte , von seinem gütigen Anerbieten Gebrauch zu machen .
, versetzte der Vater – wie sie mir das alles selbst erzählt hat – rief entzückt meine Mutter , riß ihr Busentuch ab , legte sein Gesicht auf ihre wogende Brust und drückte ihn an sich , während sie seine Hosen aufmachte , das Hemd in die Höhe zog und den unbeschnittenen starren Zebaoth ihres Tempels mit weichen Fingern zu einem Koloß erhob .
Der Vater lachte , hob der Mutter Röcke und Hemd auf und steckte seinen Finger dahin , wo sie eigentlich etwas ganz anderes hingesteckt haben wollte .
, fuhr der Vater unter seiner Manipulation fort , und die Mutter setzte ihre Manier , sich im Angesicht des Geistes mit dem Fleisch zu unterhalten , mit zitternden Händen und Schenkeln fort .
Hier zog er ihre Lenden voneinander .
Hier bog er sie auf das Sofa und deckte sie vollends bis auf den Nabel auf .
rief er aus , , versetzte Louise , öffnete ihre Lenden und ließ den Vater sein Werk vollenden :
Und beide zerflossen !
Als das Hauptgeschäft der Rekonziliation beendigt war , setzte mein Vater seine Beweise weiter auseinander .
, sagte er unter anderem , , versetzte Louise , , fuhr der Vater fort , , versetzte meine Mutter und zog ihre Röcke über die Füße .
, fuhr mein Vater fort , Hier gab es eine Pause , und dann fragte der Vater :
, versetzte mein Vater , , meinte die Mutter .
schrie meine Mutter und legte ihre Lenden aufeinander :
, versetzte lachend der Vater , fragte der Vater , Meine Mutter ging , und Karoline erschien vor meinem Vater .
Linchen ging zu ihm .
Karoline schlug die Augen sittsam nieder und errötete .
, schrie Linchen und fiel ihm zu Füßen , seufzte Karoline , bückte sich tiefer und hob , indem sie meinem Vater die Hand küßte , den Steiß höher .
lallte Karoline , aber mein Vater stand auf , legte Linchen aufs Sofa und hob ihr Röcke und Hemd vom Hintern .
, fuhr mein Vater , elektrisiert von Linchens erhabensten Reizen , gegen sie fort , Hier legte er ihr das Hemd wieder in die gehörige Ordnung , deckte die Röcke darüber und richtete sie auf .
Linchen glühte über und über .
( Ihr wißt , Schwestern !
daß ich Malchen geheißen habe !
) Hier stockte sie .
rief mein Vater aus und griff der vor ihm Stehenden unter die Röcke .
Hier glänzten ein paar Tränen in ihren Augen .
Mein Vater hob ihr hier Röcke und Hemd auf und fuhr ihr mit der Hand zwischen ihre Schenkel .
Und eben stürzte ich zur Tür hinein und wollte dem Vater einen Blumenstrauß bringen – noch sah ich Karolines bloße Schenkel und meines Vaters Hand zwischen ihnen .
Schnell ließ dieser ihre Kleider nieder und sprang auf .
rief er mir verlegen entgegen .
Ich hüpfte auf ihn zu , überreichte meinen Strauß und küßte seine Hand .
Mein Vater sagte Karoline ins Ohr , sie sollte eine neue Rute binden .
, versetzte diese naiv , Mein Vater lachte und sagte laut :
Karoline ging , und der Vater nahm mich bei der Hand und führte mich zu .
, fing er an , machte Bücklinge , und ich hatte wieder eine Stunde weniger frei .
Diese Stunden gewährten mir indessen viel Vergnügen , euch aber will ich nicht von diesem , sondern von dem unterhalten , was mir begegnet ist , vorher aber noch die Geschichte meiner Eltern endigen , so weit sie mir die Mutter erzählt hat .
Kaum war mein Vater in das verlassene Zimmer zurückgetreten , so erschien meine Mutter im weißen Atlas-Kleide .
rief ihr mein Vater entgegen , Hier erschien Karoline mit der Rute .
Meine Mutter erblaßte .
, fragte sie verlegen .
Und somit ging er zur Tür und schloß sie ab .
Karoline stand da und zitterte .
Der Oberst nahm ihr die Rute ab und befahl ihr , einen Schemel an das mittlere Fenster zu stellen .
Diese Fenster gingen auf die Parade .
, versetzte mein Vater lakonisch , und drunten wirbelten die Trommeln .
, fragte meine Mutter sich selbst , ging zu Karoline und zog ihr das Halstuch ab .
Der Oberst trat auch zu ihr und zog ihr die Leinwand so rasch weg , daß ihre Brüste völlig entblößt ihm entgegenzitterten .
, sagte jetzt der Oberst , Louise errötete und sagte :
Der Oberst führte beide ans Fenster .
Linchen gehorchte , und ihr Busen wallte heftig auf und ab .
Der Oberst küßte die schwellenden Hügel und zog seiner Frau die seidenen Strümpfe von den Knien .
Als das geschehen war , mußte sie sich auf den Schemel niederknien , mit dem Oberleib sich zum Fenster hinauslehnen , und Linchen sie halten .
Nun nahm der Oberst die Rute , hob Louise das Hemd auf , hielt solches in der einen Hand und peitschte so lange , bis er Blut sah .
Nur ein paarmal schrie sie auf ;
übrigens war es , als wollte sie in ihren Schmerzen die Wollust studieren , denn sie regte sich nicht , und ihre Hinterbacken hielten so starr den Streichen sich dar , als wären sie versteinert .
Wie mein Vater glaubte , daß es Zeit wäre aufzuhören , befahl er Karoline , seine Frau abzutrocknen , und sagte dabei :
Meine Mutter weinte , und Karoline weinte .
, versetzte meine Mutter , Karoline führte meine Mutter ins Schlafzimmer und zog sie bis aufs Hemd aus .
Wie sie so dastand , erschien der Vater mit Beauvois Arm in Arm .
, sagte jener zu diesem , Beauvois erblindete beinahe , als er Louises und Karolines entblößte Brüste sah .
schrie Beauvois , , versetzte dieser und führte Linchen ans Bett , von dem er die Decke herabwarf .
Beauvois glühte schon .
Mein Vater sagte Linchen etwas insgeheim , und diese erschien gleich darauf mit einer Schale voll Essig , in dem sie Salz aufgelöst hatte .
, fing jetzt mein Vater an und zog meiner Mutter das Hemd vom ganzen Unterteil , Beauvois schrie laut auf , als er die Rutenstriemen auf dem schönen Hintern meiner Mutter erblickte .
Beauvois schlug die Augen nieder , wurde rot und sagte :
Karoline ging zu Beauvois , bat ihn um Verzeihung , nahm ihm das Portepée ab , zog ihm die Beinkleider herunter und enthüllte sein Meisterglied in einer so guten Verfassung , daß Louise bei dessen Anblick so gleich ihre Lenden öffnete und den harten Gast erwartete .
rief jetzt mein Vater , und Beauvois legte sich auf meine Mutter und insinuierte sich bei ihr so gut , daß die schönste Krisis der Natur sie plötzlich überrascht hätte , wenn nicht der Vater Karoline befohlen , den beleidigten Teil an das Vergessene zu erinnern .
Und nun fing Karoline an , den zarten Hintern mit der scharfen Lauge so wohl zu waschen , daß Louise unter Schmerz und Lust ihre Auflösung erwarten mußte .
Der Oberst hatte indessen Karoline die Kleidung aufgehoben und war , ehe sich's diese versah , an dem Orte des Vergnügens , der in seiner angeborenen Wildheit mehr Reize aufzuweisen hat , als Tassos ganzes mit Stanzen ausgemauertes Jerusalem .
Beauvois schnaubte wie ein Tiger , ächzte wie eine Rohrdommel und stöhnte wie ein auf der Hinfahrt nach dem Hades begriffener Reisender .
Während mein Vater die Mitte von Karolines Leib mit seinem Visierstab sondierte und manchen Kuß auf den alabasternen Steiß drückte , mußte sie immerfort an Beauvois' Flanken vorbei , in der einen Hand wie Hebe die Schale haltend , die andere , eingetaucht in die heilsame Essenz , aus Mnemosynens Gedankenstrichen ausgepreßt , über Louises Rosenhügel führen und den kommenden Sommer aus dem scheidenden Frühling prophezeien .
Aber Louise fühlte nichts als Beauvois' mächtigen Kommandostab in ihrem Zentrum und agierte so mächtig unter dessen Weisung , daß das Lager erzitterte , Linchen die Schale fallen ließ und vom Vater das Ultimatum ächzend erwartete .
Aber denkt euch den grausamen Vater !
Kaum merkte er die Annäherung des Gottes der Liebe , als er schnell seinen Pfeil aus der Wunde zog , und Linchen unter zuckenden Hüftenbewegungen den ganzen Inhalt ihrer Gedanken über das Mahagoniholz des Bettes , ohne Genuß , fruchtlos ausschütten mußte !
Meines Vaters Stammbaum stand noch wie eine Kerze , aber seinen Grundsätzen getreu , wollte er auch anderen , selbst bei der höchsten Verrückung aller intelligenten Kräfte , in der Oberherrschaft der physischen ein Beispiel geben , wie man handeln müsse , um weder der Natur , noch irgendeinem Vernunftrecht zu nahe zu treten .
Beauvois genoß das höchste Glück .
Meine Mutter erhob sich zwischen Lust und Schmerz , und Karoline dankte dem Oberst mit einem Handkuß für seine Schonung .
, versetzte er , Hier ging mein Vater zu einem Wandschrank , holte eine Flasche Burgunder heraus und zwei Gläser , schenkte ein und gab das eine dem Leutnant , das andere behielt er .
Als beide auf den Genuß seltener Freundschaft und Liebe angestoßen und ausgetrunken hatten , drückte mein Vater dem Leutnant die Hand und ging .
Aber kaum war er zur Tür hinaus , so ergriff ein wütendes meleagerisches Feuer den schon zum Schweine gebratenen Beauvois .
Er zog meiner Mutter das Hemd ab und nannte sie seine Venus , legte Karoline auf die Erde , hob ihre Röcke und Hemd mit Gewalt in die Höhe , nannte sich Jupiter , sie , die Aufgedeckte , Hebe , und fiel mit einer Wut über sie her , wie ehedem Ezzelin über .
Kaum aber hatte er seinen Tröster an ihrer Himmelspforte , so fiel er wie ein Sack und – eingeschlafen war er .
Karoline gehorchte .
Beauvois sah aus wie in Blumauers Aeneide .
Man trug ihn aufs Bett , entkleidete ihn gänzlich und , als er nun so nackend vor ihnen lag wie der erste Mensch vor unserem Herrgott , ergriff Karoline auf Befehl der Mutter seinen wieder unsichtbar gewordenen Tröster und hielt ihn fest .
Meine Mutter nahm ein scharfes Schermesser , zog die Vorhaut der verbrecherischen Rute über die Eichel hervor und trennte sie mit einem einzigen Schnitt von ihrer zweiunddreißigjährigen Stelle .
Das Opium war so stark , daß Beauvois nicht einmal von diesem heftigen Schmerz erwachte , sondern nur ein leises Zucken verriet , daß er bis in seine gefesselte Seele gedrungen und den Weibern Zeit ließ , mit heilendem Balsam den Schmerz schnell in die Gebiete des Wohlseins zurück zu treiben .
Die Dosis Opium , die Beauvois sowohl als der Oberst genommen hatten , mußte wenigstens vier Stunden wirken , und in dieser Zeit hofften Louise und Karoline dem beschnittenen Beauvois seinen Verlust erträglich gemacht zu haben .
Dauert ja der Schmerz eines zerrissenen Hymens auch nur so lange , bis die Leidende sich von der Notwendigkeit seiner Zerreißung in den Gefilden der Lust überzeugt hat .
Während Beauvois fortschlief und der Oberst im Nebenzimmer schnarchte , nahmen Louise und Karoline ein Bad und schäkerten miteinander , wie Weiber zu tun pflegen , und Louise vertrieb mit ihren Fingern aus Karolines Gliedern völlig den Unmut und die Unbehaglichkeit , die der Oberst durch das schnelle Zurückziehen seines Unerbittlichen in ihrem Innern verursacht hatte .
Doch ich halte mich zu lange bei der Geschichte meiner Mutter und ihrer Freundin auf ;
meine eigene fängt an , interessant zu werden , und dem eigenen Interesse des Reizes , der Lust oder der Schönheit entsagt kein Mädchen oder Weib um eines oder einer anderen willen .
So viel noch zum Schluß der Geschichte meiner Eltern :
Ehe noch Beauvois erwachte , waren meine Mutter und Karoline , ich und Gervasius auf dem Wege nach Teschen .
Unsere Flucht geschah so eilig , daß Gervasius kaum Zeit behielt , mich zuzudecken .
Die Veranlassung , mich aufzudecken – alle Zuhörerinnen fingen an zu lachen – , war nämlich diese :
Gervasius fing schon einmal die erste unserer physikalischen Unterhaltung damit an , daß er mir bewies , der Mensch sei ins Kreuz gemessen und genau in zwei Hälften geteilt .
, fuhr er in der nächsten Stunde fort .
Ich tat es .
Ich tat es .
Es geschah !
Monologe einer Fledermaus An dem studentischen Mittagstisch , wo ich speiste , nachdem ich die Hälfte der vorhandenen Pensionen durchprobiert , war ich flüchtig mit ihr bekannt geworden .
Sie hatte einen sehr schlechten Platz an der Ecke der langen schmalen Tafel .
Wollte jemand zu den am Fenster aufgereihten Stühlen , so mußte sie aufstehen und sich an die Wand drücken , nachdem sie ihren Stuhl rasch unter den Tisch gestoßen hatte .
Die aufwartenden Mädchen rannten gegen sie , wie gegen eine Klippe , machten dann beleidigte Gesichter und bedienten sie zu allerletzt .
Ich saß drei Stühle weiter und aß schon Fleisch , während sie noch keine Suppe hatte .
Sie knabberte mit zerstreuter Miene ihr trockenes Brötchen auf , machte zuweilen einen langen Hals , wenn alle Teller an ihr vorbeigingen , sagte aber nichts .
Sie sah kindlich-schüchtern aus .
Eines Mittags goß ihr das Mädchen die Bratensauce über die dunkelblaue Bluse , in der sie täglich erschien .
Sie stieß einen hellen Schrei aus und wurde dann sehr rot , als alle sie anblickten .
Ihr rundes weiches Gesicht nahm einen Ausdruck tiefer Bestürzung an , während sie an sich hinuntersah , – dann hörte ich auch ihre Stimme .
Sie sagte zu dem Mädchen , das sie beflissen abwischte :
Weiter nichts .
Sie sprach mit niemand , und niemand redete sie an .
Ganz fremd und einsam saß sie zwischen den übrigen , die sich meistens lebhaft , aber mit gedämpften Stimmen unterhielten .
Sie sah so jung aus , als ob sie überhaupt noch nicht hierher gehörte , ein richtiges naives Kindergesicht .
Gewöhnlich saß sie ernst und träumerisch auf ihrem unbequemen Eckplatz .
Zuweilen aber zuckten schelmische Geister um die vollen roten Lippen , und sie schien mit Mühe ein Lachen zurückzudrängen .
Ein paarmal begegneten sich unsere Augen , und der lebhafte , funkelnde Blick der ihrigen , der wenig zu dem naiven Gesichtsschnitt paßte , fiel mir wieder und wieder auf .
Es war etwas Sternengleiches , still Feuriges in diesen nicht großen , dunklen , stark gewölbten Augen .
Das reiche braune Haar war kurz geschnitten , aber nicht nach Männerart , sondern es legte sich , in der Mitte gescheitelt , in großen natürlichen Locken um die Stirn , die Schläfen und die vollen Wangen , die fast ländlich gesund in ihrer warmen Röte von den bleichen überwachten Gesichtern der andern weiblichen Tischgäste abstachen .
Sie gefiel mir , und ich begriff nicht recht , warum sie so allein blieb .
Sie hatte doch ein so einladendes Gesicht , wenn sie auch nicht hübsch war .
Allmählich begann sich zwischen ihr und mir eine freundliche , obschon wortlose Beziehung zu entwickeln .
Wenn ich an den Tisch kam , sah ich nach ihrem Platz , und wir tauschten ein kurzes erkennendes Lächeln .
Dasselbe geschah beim Aufstehn , und ich hatte bald das Gefühl , als kennte ich sie längst und wüßte ihre Gedanken .
Als ob wir in einer uns selbst noch verborgenen Verwandtschaft zu einander ständen .
In dem engen Flur , der als Garderobe diente , traf ich sie einmal , da schon alle weggegangen , wie sie stand und sich den Ellbogen rieb .
Mir fiel ein , daß sie den Mittag wieder arg gestoßen worden .
sagte ich , während wir unsere Jacken anzogen .
Fragend und errötend blickte sie mich an .
sagte sie lächelnd .
Sie sah mich schüchtern an .
sagte ich .
Da riß sie die Augen groß auf .
rief sie erstaunt .
Dann schüttelte sie heftig den Kopf und seufzte .
Ein Bekannter trat auf mich zu , und sie blieb scheu zurück , ohne daß wir uns von einander verabschiedeten .
Einige Wochen vergingen , bis wir uns wieder sprachen .
Ich hatte Laboratoriumsarbeit unmittelbar nach Tisch , und auch sie schien stets in Eile .
Eines Mittags aber hatte sie mein Grußlächeln so fröhlich erwiedert , hatte mich während des Essens so mit halboffenen Lippen angesehen , als ob sie mir etwas zurufen möchte , daß ich in der Garderobe einen Augenblick wartete .
sagte ich , als wir zusammen hinabgingen .
Sie lachte und nickte .
fragte ich , mich an ihrer Fröhlichkeit erheiternd .
Sie lachte lebhaft , und ich fiel ein .
fuhr sie mit klagender Betonung fort , scherzte ich .
Aber lebhaft wehrte sie ab .
sagte ich .
Das gefiel ihr .
Sie nickte , immer mit demselben entzückten Gesicht .
sagte ich belustigt .
Sie seufzte :
Sie sah mich an und errötete langsam .
fiel ich noch immer halb scherzend ein .
wiederholte sie leise in ernstem Ton .
Auch ihr Gesicht war ganz ernst umschattet .
fragte ich zweifelnd .
Sie sah mich schnell an .
und sie lächelte zuversichtlich , stolz .
Ich beobachtete ihren stetig wechselnden Gesichtsausdruck , der auf große Erregbarkeit schließen ließ , und ich dachte nach über das sonderbare Gespräch , das sie angeschlagen .
sagte ich , fast unwillkürlich , Sie nickte verwirrt , ließ den Kopf hängen .
Es war wieder ein unwillkürlicher Ausruf , den ich gern zurückgenommen hätte , als ich ihr erschrockenes Gesicht sah .
fragte sie leise .
Nun sah sie schon zum Weinen traurig aus .
Wieder mußte ich lächeln .
, wollte ich sagen , unterdrückte aber das Wort und sagte .
rief sie , wieder in höchster Verwunderung , Ich staunte :
sagte sie kläglich , Ich entschuldigte mich und beruhigte sie .
Es war sehr nötig .
Die Altersfrage schien der wunde Punkt zu sein , den ich unabsichtlich gestreift .
, klagte sie ratlos , Ich sagte ihr , daß es im Gegenteil schön sei und von ihrer Gesundheit und Jugendkraft Zeugnis ablege , aber sie schüttelte doch den Kopf .
Ich konnte nicht wiedersprechen , und meine Zustimmung regte sie wieder auf .
rief sie voll Eifer und Trauer .
Sie sprach jetzt so laut und unbekümmert , daß die Vorübergehenden sie ansahen .
Ihr Wesen hätte etwas Exaltiertes gehabt ohne diese gesunden roten Wangen und das stets bereite Lächeln .
Bei ihr erschien die Erregung als der natürliche Zustand eines lebensvollen Geschöpfes .
Ich bat sie , mich zu besuchen , aber sie lehnte zögernd ab .
sagte ich bedauernd .
rief sie kopfschüttelnd , Damit lief sie wie gejagt den Weg zurück , den wir schlendernd im Gespräch gegangen .
Ich blickte ihr in Gedanken nach , nicht ohne Bedauern .
Wie lange würde diese kindliche Frische noch vorhalten , die sie auszeichnete .
Schon hatte sie die Sprache der Studentinnen , die mir wohl bekannt war , diesen Ton der immer Unruhigen , immer Gehetzten , Nimmerfertigen , Zweifelnden und Verzweifelnden .
Der Trupp lustiger blutjunger Studenten mit dem rotweißen Band und Cerevis der Zofinger , der in lässigem Schritt und mit lautem Lachen mir entgegenkam , vertiefte die gedrückte Stimmung .
, sagte ich mir , Nach wie vor saß die kleine rotwangige Studentin mittags auf ihrem schlechten Platz , wo man sie stieß und vernachlässigte , und wenn wir uns sahen , so grüßten wir uns mit dem erkennenden Lächeln .
Aber obwohl das täglich geschah , so schien es mir doch unverkennbar , daß die Wangenröte verblaßte , daß die weiche Rundung des Gesichts abnahm .
Oft schien mir selbst das stille Sternenfunkeln der Augen getrübt .
Einst , in der Garderobe , berührte ich leicht ihre Schulter .
Sie zuckte mit ihrem gewohnten liebenswürdigen Lächeln die Achseln .
ein sehnsüchtiger Ausdruck trat in ihre Augen .
wiederholte ich dringender , Sie blickte auf die Uhr :
Sie senkte den Kopf .
sagte sie leise , Wir waren nun doch zusammen bis auf die Straße gekommen , wo die Sonne vom wolkenlosen Himmel auf eine ganz leichte Schneedecke schien .
Die Luft hatte etwas Balsamisches , Veilchenduftiges , obgleich wir in den letzten Novembertagen waren .
Die schwarzblauen Berge mit den weiß bepuderten Bäumen und Sträuchern schienen ganz nahe gerückt , die Meisen zwitscherten fröhlich .
rief ich meiner Gefährtin ermunternd zu .
Aber sie sah hier draußen noch bleicher und matter aus , als im Zimmer .
bat ich .
Ihre Lippen zogen sich zusammen , sie drückte stumm meine Hand .
Sie bewegte verneinend den Kopf .
– wieder drückte sie meine Hand .
, begann ich noch einmal , Und plötzlich senkte sie den Kopf ganz und flüsterte :
Ein tiefes inniges Mitgefühl erfaßte mich , so , als hätte ich die Arme ausbreiten und die Einsame an meine Brust ziehen müssen .
Da hob sie die klugen Augen wieder empor und lächelte ernsthaft :
Und nun schoß ihr das Blut in die Backen .
rief ich bittend , und wir drückten uns noch einmal fest die Hände .
Seit diesem Gespräch beobachtete ich sie noch aufmerksamer bei Tische , sah sie von Tag zu Tage mit immer dem gleichen , unachtsamen und doch gespannten Blick auf ihrem Eckplatz sitzen und sich weniger denn je nach den Mädchen umsehn , die an sie anstießen .
– – Und dann , eines Tages , blieb sie aus .
– – Der leere Stuhl beunruhigte mich , ich weiß nicht wieso , ich mußte immer dorthin sehn .
Am folgenden Tage ward er weggenommen .
fragte ich das Mädchen .
Sie wußte es nicht , und auch die Wirtin sagte , sie habe keinen Bericht erhalten .
Es scheine ja fast , daß sie nimmer kommen wolle .
fragte ich .
Die Frau verneinte ;
damit war die Sache beendet .
Aber der Platz , der jetzt unbesetzt blieb , erinnerte mich immer von neuem an die kleine einsame Studentin , an die roten , verbleichenden Wangen .
Auf der Kanzlei der Universität erfragte ich ihre Adresse und beschloß , sie demnächst aufzusuchen .
Einmal dann stand ich vor jener Hausthür .
Aber die Furcht , zu stören , mich belästigend einzudrängen , trieb mich zurück .
Vielleicht war sie gar aus der Pension weggeblieben , um gerade meinen Annäherungsversuchen zu entgehn , sagte ich mir .
Es giebt so scheue Vögelchen , die sogar das Nest verlassen , nur weil ein fremder Blick hineingeschaut hat .
Außerdem – wie vielgestaltig ist der Kummer , der die Gesichter bleich macht , und wie wenig vermag der Dritte über diese verschiedenen Feinde des Lebens .
Ich tröstete mich !
Ein bißchen Liebesweh , vielleicht .
Ein krankhafter Ehrgeiz , der schon zurecht kommen wird mit der Zeit .
Examensorgen , zu denen man lächelt , wenn sie vorüber sind .
Oder gar nur irgend ein phantastisches Weh , wie das , nicht drei Augen zu haben !
– Da traf ich sie eines Abends auf der Straße .
Sie trat aus einem Metzgerladen und trug ein schmales Päckchen in der Hand .
Sie schrak zusammen , als ich sie anrief , kam aber dann mit dem alten freundlichen Lächeln auf mich zu .
Wir begrüßten uns herzlich .
fragte ich , Sie erwiderte kurz , daß sie sich selber etwas koche und ging nicht weiter ein auf meine Frage , ob das nicht sehr zeitraubend sei .
Ich fand sie ziemlich verändert , stiller und magerer ;
dabei ganz unzugänglich für alle Erkundigungen nach ihrem Ergehen .
fragte ich .
Da lebte sie auf .
das war ganz der alte Ton .
sagte ich beruhigt .
sie seufzte plötzlich tief , schüttelte meine Hand und war verschwunden .
– Ich kannte auch diese Art .
Es ist die Furcht einer ursprünglich zarten , weichen Seele , die sich mühsam , unter tausend Kämpfen und Thränen ein Schutzgewand gewebt hat , in die alte Hülflosigkeit und Verletzbarkeit zurückzufallen beim ersten guten offenen Wort .
Diese Furcht macht abweisend .
Ich zankte mit mir selbst .
Kein lästigeres Gefühl , als das , sich aufgedrängt zu haben !
, sagte ich mir , Und ich beschloß , ihr ganz allein das Wort zu überlassen , falls wir uns wieder begegnen sollten .
– – Wenige Tage vor Weihnachten führte ein übermütiger Föhn , der durch die nassen Straßen blies , uns einander fast in die Arme .
Diesmal hielt ich mir Wort , wir sprachen nichts Persönliches , obgleich ihr Aeußeres mir schmerzlich auffiel .
Sie hatte sich immer höchst einfach und dunkel getragen , wie die übrigen Studentinnen auch , aber heute sah sie fast ärmlich aus , auch trug sie über der dünnen grauen Bluse keinen Mantel .
Wie ich mit den Blicken ihre zitternden Arme streifte , errötete sie , zog die Brauen abweisend zusammen und gab verwirrte Antworten .
Ich fragte abschiednehmend , ob sie über die Ferien in Zürich bleibe .
nickte sie , Plötzlich bückte sie sich , um einem vorübergehenden Kinde den Kopf zu streicheln .
Und so , in der geneigten Haltung , sagte sie mit heiserer Stimme :
Schwer schienen sich diese Worte von ihr loszuringen , und ich war nicht einmal in der Lage , ihren Besuch anzunehmen .
rief ich bedauernd , Sie starrte mich wortlos an .
flüsterte sie dann , wiederholte sie ;
– – setzte sie nach einer Weile hinzu .
sagte sie kurz , mit gekräuselten Lippen , – Und plötzlich legte sie ihren Arm um meinen Hals und küßte mich heftig auf den Mund .
Ihre Augen standen voll Thränen .
wiederholte sie schluchzend .
bat ich tief beunruhigt , aber sie schüttelte meine Hand ab und lief davon .
Aus den vier Wochen wurden drei Monate .
Die alte Heimat hielt mich fest mit vielen Liebes-und Freundesbanden .
– Sie war auch so gewachsen , die große Stadt , die immer schon groß gewesen .
Und riesenhaft in ihr gewachsen schien mir das Elend .
Es schaute mich beweglich an aus unzähligen kellerblassen , hohläugigen Gesichtern von Kindern , die der Hunger daheim in frühen Morgen- und späten Nachtstunden hinausgetrieben , um dem Erwerb nachzugehn .
Kleine Schulkinder , die vor und nach dem Unterricht in strengen Mägdedienst gespannt waren , ohne Frische , ohne Lebenslust , altkluge kleine Pfennigjägerinnen , denen die Schule nur unnötige Zeitvergeudung schien , weil man nichts verdienen konnte , während man dort saß .
Kleine Austräger , die mit Manneslasten auf den Kinderschultern auf dürren Beinchen über die schmutzigen Straßen wankten , die kein Spiel , keine Tollheit mehr trieben , wenn sie einen Augenblick frei hatten , sondern matt und schläfrig an den Hausmauern hockten und teilnahmlos auf den Schnee starrten .
Bis ein Mann kam und sie anwarb und jedem von ihnen eine Schaufel in die Hand drückte und sie wieder etwas zu schaffen hatten ;
– hier die Schaufel und dort die Bezahlung , und nun vorwärts in Reih' und Glied , wie die Zwangsarbeiter !
Wie die Galeerensträflinge .
Das war die Jugend , die Hoffnung der Zukunft , das Volk von morgen .
Und ringsum , auf Schritt und Tritt , der rasende Konkurrenzkampf der Erwachsenen , der Läden mit den Lockmitteln :
Farben und Licht , der Bilder und Schilder und Bildchen und Schildchen , die alle nichts waren als Reklamen ganz ebenso wie die Riesenschriften auf Schritt und Tritt , die wie Theaterfeerien nun in Rot , dann in Grün , jetzt in Weiß strahlten .
Da wimmelten die Frachtwagen , die immer neue Güter heranschleppten , auf den schmalen , krummen , hochhäuserigen Straßen , wie dort , im Hafen , die Schiffe , schnaufend und schwarzen Dampf ausstoßend gleich Unterweltgeistern , ungeheure Lasten von Nötigem und Unnötigem , über die Stadt ausgossen .
Da brüllte die Fondsbörse , deutlicher als sie alle , ihren wilden Schrei :
aus heisergeschrienen Kehlen .
Angezogen und abgestoßen , zerrissen von Furcht und Mitleid wie vor einer Welttragödie , die sich da aufführte , blieb ich drei Monate .
Und durch die Straßen Zürichs ging lauer Aprilhauch , als ich zurückkam , und die Sonne , die ich in drei Monaten drei Tage kaum gesehn , begrüßte mich mit einem warmen siegerischen Lächeln :
es sollte einmal wieder Frühling werden in der Welt .
Nach einigen Tagen war ich wieder im alten Gleis , freute mich , daß die Berge noch standen , und daß der blaugraue See nur Vergnügungsdampfer und Sonntagsruderer trug :
ein Gefühl wohligen Ausruhens , nah einer großen feierlichen Natur , war über mich gekommen .
Die Kollegien begannen erst in einigen Wochen , auf den Straßen sah man keine Studenten , auch keine Fremden , keine Reisenden , die Schweiz schien ganz den Schweizern zu gehören , und das erhöhte die Stille und Behaglichkeit .
Ich wußte zwar , auch hinter diesen weißen saubern Mauern ist nicht alles Frieden ;
Kampf und Spannung , Gährung und Hetzjagd spielt auch hier hinter den hellgrünen Fensterläden , aber es vergißt sich leichter unter einem milderen Himmel , und noch hat der Daseinskampf nicht die brutalen Großstadtformen angenommen .
Hier schien noch Freude möglich .
Und mit Musik und Blumenkränzen , mit buntem Maskenscherz und Feuerwerk zog eines schönen Tages im April der echte Zürcher Frühling ein , und alte Männlein in buntscheckiger , närrischer Verkleidung , und vierjährige Büblein und Armkinder in schimmernden Schalksröckchen und Engelsflügeln durchwanderten die sonnigen Straßen , und Zigeuner mit geschwärzten Gesichtern und Nubier auf Kamelen schrien auf Züridüütsch ihren Lenzgruß hinaus , und am Abend , um sechs Uhr , unter dem festlichen Geläute aller Glocken ward der Winter
verbrannt , der alte Frostriese , der die Welt für Monate in Eisesbanden gehalten .
Ich stand mitten unter der fröhlichen , schaulustigen Menge auf der prächtigen Quaibrücke , wo der rote Schimmer des Sonnenuntergangs den aufsteigenden Qualm vergoldete und sah , wie die weiße Riesenpuppe auf dem haushohen Pfahl von den ersten Flammen umzingelt ward , und wie dann zischend eine Menge glühender Schwärmer , Frösche und Raketen ihrem Kopfe entflogen , lustig in der blauen Luft zerstiebten und beim Zerkrachen ein lachendes Echo aus Kindermund weckten .
Der erbebte .
Nun flog ein Arm davon , nun stand die ganze Figur im Feuer .
Zahllose fröhlich emporgewandte Gesichter standen rotbestrahlt , auch die Erwachsenen in kindlicher Freude .
Plötzlich aber fiel mein Auge auf ein Antlitz von ganz andrem Ausdruck .
Angst , ja Entsetzen spiegelte sich in diesen weitaufgerissenen Augen , die Mundwinkel waren hinabgezogen , die Unterlippe fest eingebissen ;
so starrte sie wie gebannt auf die brennende Gestalt .
Und merkwürdig !
– blitzschnell verstand ich die Vision , die dies Entsetzen hervorgerufen , und ich sah sie auch !
Es war ja ein Scheiterhaufen , auf dem sich die qualvoll gekrümmte Gestalt einer Hexe am Marterpfahl wand , umjubelt von einer fanatisierten , irregeleiteten Menge .
Rote , schwindelerregende Nebel glitten über meine Augen , ich mußte sie schließen , ich mußte mich festhalten .
– – Als ich mich wiederfand , war ein Name auf meinen Lippen .
Ja , sie war es gewesen , deren erschrockene Augen ich da vor mir gesehn , die mir die seltsame Suggestion gegeben hatte .
Dann besann ich mich .
Nein , – – ich hatte mich geirrt .
Das Gesicht , das mich an Lilie gemahnt , war zwar schon hinter andern verschwunden , aber soviel hatte ich doch noch von ihm erhascht , daß ich nun einsah :
dieser bloße Kopf , dies schlichte Wollentuch um die Schultern konnte keiner Studentin gehört haben .
Eine Aehnlichkeit hatte mich getäuscht , zugleich aber traurig und dringend an die so lange nicht Gesehene gemahnt .
Das fast zärtliche Interesse für das eigentümliche Mädchen , das ganz in den Hintergrund gedrängt worden durch soviel laute , grelle , heftige Eindrücke , wachte wieder auf , und schon am Tage nach dem » Sechseläuten « machte ich mich auf den Weg in ihre Wohnung .
Eine Mansarde im dritten Stock der Universitätsstraße – dort sollte sie wohnen , laut jener alten Adresse .
Ich klopfte an viele Thüren , – es gab eine ganze Reihe Mansarden in dem bezeichneten Hause , aber man kannte sie nirgend .
Von den Hausleuten des zweiten Stocks erfuhr ich endlich , daß einmal ein Fräulein droben gewohnt habe , schon vor Weihnachten aber ausgezogen sei .
Ob der Name stimme ?
Sie wußten es nicht .
Die Familie , die jenes Dachzimmer vermietet , hatte auch schon die Wohnung gewechselt .
Etwas bekümmert kam ich nach Hause und erzählte meiner Wirtin , wie schnell auch in Zürich über einen Menschen Gras wachsen könne , da sagte sie auf einmal :
ja nun falle es ihr bei , vierzehn Tage nach meiner Abreise sei an einem Abend spät ein Frauenzimmer hereingekommen und habe mir nachgefragt .
Der Name möchte wohl der gleiche sein .
Aus ihrer Beschreibung der Fremden war nichts Sicheres zu entnehmen ;
rote Augen habe sie gehabt , wie vom Weinen , und über eine halbe Stunde habe sie , ohne ein Wort zu reden , auf einem Stuhl im Flur gesessen und ganz blöd und dumm vor sich hingestarrt .
sagte ich , tief erschrocken über den Bericht .
Die Wirtin meinte achselzuckend , sie habe anderes zu thun , habe auch gedacht , das Frauenzimmer werde selbst schreiben , wenn es etwas von mir wolle .
Sie hab's ihr auch geraten , soweit sie sich entsinne , aber wer keine Antwort gegeben , das sei das Frauenzimmer gewesen , und so habe sie denn endlich die Lampe wieder in die Küche genommen und es im Dunkeln sitzen lassen , bis es schließlich weggegangen sei .
Sie habe dann nur noch geschwind mit der Lampe hinter ihr drein , um zu sehen , daß sie nichts mitgenommen !
– – Ich ging auf die Universitätskanzlei .
sagte der Pedell , im Verzeichnis blätternd , Ich fragte , ob sie Exmatrikel genommen , der Pedell verneinte .
Der Mann wiederholte , daß er keine Auskunft geben könne .
Der Beamte schüttelte den Kopf .
So erbat ich mir nur noch ihre letzte Adresse .
hieß es , fügte er hinzu und wandte sich zu einem neuen Frager .
Ich dankte ;
niedergeschlagen ging ich .
Eine Welt von Traurigkeit lag , so schien mir , in der Nachricht , daß fort von Zürich , wohl gar heimgereist sei .
klang mir die zarte warme Stimme im Ohr .
Und dann wieder , die letzte Spur , zeigte sie mir verweint und ratlos vor meiner eigenen verschlossenen Thür sitzend .
Das konnte nichts Gutes sein , das konnte nichts Kleines bedeuten !
Ich ging nach dem Vogelsangweg Nummer 17. Eine einfache , derbe Frau , die mich auf dem Flur abfertigen wollte , da sie gerade beim Zimmerputzen war , trat mir entgegen .
sagte ich .
rief die Frau , mich gespannt ansehend , Und eilig die Hände abtrocknend , lud sie mich in die Stube , wo zwei kleine Kinder auf dem Boden spielten .
sagte die Frau , sobald ich sie über mein Anliegen verständigt hatte , Die Frau begann sich die Augen zu wischen .
rief ich entsetzt .
Die Frau starrte mich in aufrichtigem Erstaunen an .
Mir wurde eisig kalt und weh ums Herz , kaum konnte ich weiter hören .
flüsterte ich .
Die Frau zuckte die Achseln .
Die Frau riß die Thür auf und zeigte in ein enges Kämmerchen mit weißgetünchten Wänden .
– Das Sprechen war mir fast unmöglich .
Wieder zuckte die Achseln .
Ich drückte die hartgearbeitete gute Hand der Frau .
Was wäre die Welt ohne das Mitgefühl der Armen !
nickte ernsthaft .
Auf meinen fragenden Blick erklärte sie weiter :
Es dauerte eine Weile , bis wir uns wieder gefaßt hatten ;
ich sah's , die Frau litt noch heut bei der Erinnerung an die traurigen Tage , und ich – von mir will ich lieber nicht reden .
sagte ich .
unterbrach , « – – – – – – – – – Ich raffte mich mühsam zu der Frage auf , ob sie denn je die Absicht ausgesprochen , sich – Wieder kam das vielsagende Achselzucken .
– – – – – – – – – – – – Grausames , grausames Leben !
Am Tage ging es noch , da trat soviel Gegenwärtiges zwischen mich und die quälenden Bilder , die der Bericht der Frau heraufbeschworen .
Aber Nachts glaubte ich immer , wenn ich erwachte , nebenan ein Schluchzen zu vernehmen , und zuweilen fuhr ich auf , – ich hatte einen grellen Hilfeschrei gehört .
Das schreckliche Wort verfolgte mich .
– – – – Grausames , grausames Leben !
– So geht man blöd und hilflos an einander vorüber .
Und nun liegen vor mir ihre Gedanken !
– – Gestern ist das Packet gekommen , aber nicht mit der Post .
Ein junger Mensch hat es mir gebracht .
Sie lebt also .
Sie lebt !
Und hier !
Aber er konnte mir nichts von ihr sagen , er kannte die Absenderin nicht , wußte nicht ihre Adresse .
Er solle dies da mir übergeben , in meine Hände , weiter sprach er nichts Vielleicht wollte er nicht .
Sein kluges ernstes Gesicht widersprach seiner Behauptung , daß er gemacht .
Es glühte förmlich auf , als ich den Namen nannte .
Aber er sagte nein , er kenne sie leider nicht .
, sagte er .
Ich hatte nämlich das Packet vor seinen Augen geöffnet und meiner Freude , meiner überraschten Freude lauten Ausdruck gegeben , als ich sah , von wem es kam .
Ich drückte dem jungen Manne fest die Hand , ich war ihm so dankbar !
Und herzhaft erwiederte er den Druck , obgleich er anfangs , seiner beschmutzten Stiefel und seiner Arbeiterkleidung wegen , nicht ins Zimmer gewollt .
An der Hausthür schon hatte er kehrt gemacht .
Nun saß er hier drinnen ganz unbefangen , als kennten wir uns längst .
fragte ich .
Er verneinte , aber diesmal errötete er tief .
Seine Lippen bewegten sich , als ob er etwas sagen müsse .
Aber dann , mit einem unwillkürlichen feinen Lächeln stand er auf und ging .
Ich begleitete ihn bis an die Treppe ;
er flößte so viel Vertrauen ein , daß ich ihm noch einmal sagen mußte , wie sehr das unerhoffte Lebenszeichen mich erfreut hatte .
Und gleich mit einem Sprung an meinen Schreibtisch zurück , zurück an das Heft , das er mir gebracht .
Oben an der rechten Ecke hatte ich's gesehn :
, Zürich , Oktober 1887 .
Heute schrieben wir den 20. September 1892 ;
im Winter 1889 war verschollen .
Ein altes Heft von ihr also !
Was wollte das alte Heft mir sagen ?
Ich wog es ängstlich in der Hand .
Dann , als ich es aufschlagen wollte , fiel mir ein Briefchen entgegen , ohne Couvert , ohne Datum , aber an meinen Namen .
Ich las :
murmelte ich unwillkürlich , indeß ich das Briefblatt mit den schönen schwungvollen Schriftzügen aus der Hand legte , um mit Spannung und Herzklopfen nach dem Heft zu greifen .
Etwas Heißes , Bewegtes quoll mir aus den knisternden Blättern entgegen , die Tinte schimmerte wie eingetrocknetes Blut .
Und dann las ich :
18. Oktober 1887 .
In Zürich !
wahrlich und wahrhaftig in Zürich !
Mir sagt es dieser warme Sonnenschein , die Berge , der See .
Mit vollen Zügen trink' ich diese Luft ;
ist es nicht die Luft der Freiheit ?
Alles so heiter , so freundlich , so verheißungsvoll !
Endlich , endlich hab' ich sie , fass' ich sie , die heiß ersehnte Zukunft !
O daß es Wahrheit geworden !
Daß solch ein glücklicher Tag noch für mich aufgehoben war .
Ich möchte ihn auftrinken , diesen Sonnenschein , möchte all das Grau vergessen , all den trüben Nebel , der hinter mir liegt !
Ach , sollt es mir denn nicht glücken ?
Aber dies ist ja schon Glück !
19. Oktober .
Nein , gestern wußte ich noch nicht , was Glück ist , aber heut ' weiß ich's !
Ich war in der Universität .
In der Universität !
ich !
– Sie liegt so schön .
Ueber der Stadt , über dem Rauch der Herde , über dem Dunst der Straßen , über dem Wagengerassel und dem Arbeitslärm liegt sie ruhig und groß auf einem Berge , die Burg der Wissenschaft , das denkende Hirn von Zürich !
In freudiger Aufregung bin ich rundum gelaufen , ein paarmal – und dann , dann hab' ich mich schüchternen Fußes hineingetraut .
Es sind noch Ferien , ich durfte ruhig hineingehen über die breiten Sandsteinstufen .
Die Thür war offen , – alles frei und offen auch für mich !
Sogar die offne Thür war mir ein Symbol , das mich entzückte .
Hier war ich einmal kein Frauenzimmer , vor dem man den Schlüssel umdreht , hier war ich ganz einfach ein Mensch !
Ich atmete tief auf vor Freude ;
ach wie gehoben , wie gewachsen komm' ich mir vor , seit ich in Zürich bin !
Und dann ging ich glückselig durch all die langen hallenden Corridore und Treppen auf und ab .
Die Ehrfurcht nahm mir fast den Atem .
dachte ich die ganze Zeit .
Ein paar Thüren standen offen , niemand war in den Hörsälen .
Ich ging leise hinein .
Es war ganz schmucklos drinnen und wie ein Schulzimmer , aber über der Thür stand :
.
Neugierig blickte ich mich um und errötete heiß , als ich daran dachte , daß ich hier sitzen würde , auf einer dieser Bänke , ein Mensch wie ein anderer , wie ein Student .
Mir traten Thränen in die Augen .
Aber da standest du neben mir , meine Mutter und sahst mich groß und freudig an .
Ich sah's , du glühtest mit mir vor Entzücken , du hattest keine Furcht .
Da wurde mir auf einmal ganz mutig .
Ich ging auf das Katheder und sah hinunter , und plötzlich war es mir , als hätte ich etwas zu sagen , viel zu sagen !
Und die Bänke füllten sich , und Köpfe blickten mit emporgewandten Augen nach der Stelle , wo ich stand .
Es war wie eine Vision , die mein Herz fast stillstehn und dann schlagen machte , rasend , zum Zerspringen .
– – – Dann bin ich an das große Fenster gegangen und hab' hinuntergeblickt auf den Sonnennebel , in dem die Stadt lag und Berge und See .
All das hat mir solch einen unauslöschlichen Eindruck gemacht .
Ich dachte :
Und wiederum die Wissenschaft – wohin blickt sie ?
sie blickt hinab in das Leben und sucht seine Wege zu ergründen , die sich verschlingen , wie dort die Straßen vor meinen Augen .
Und wie schön war alles von dieser Höhe !
Die Hast , der Kampf , der wilde Drang ausgelöscht durch die Entfernung .
Und – Ausruhpunkte für das Auge – so viele , viele grüne Bäume .
19. Oktober .
Ein Zimmer hab' ich auch gefunden , ein ganz kleines Zimmerchen , für zwanzig Franken .
Eigentlich zu teuer für mich , – vielleicht kann ich später wechseln .
Es ist nur Bett , Waschkommode , Bücherbort , Tisch und Stuhl darin ;
die Wirtin sagte mir , mehr als einen Stuhl könne sie mir nicht geben , denn Besuch dürfe ich nicht annehmen .
Ich habe sie mit Lachen beruhigt !
Glaubt sie , daß ich hierhergekommen bin , um meine Zeit mit Besuchen zu vergeuden ?
Als ich ihr das sagte , wurde sie freundlicher und erzählte , die Studentinnen seien alle sehr fleißig .
sagte ich , meinte sie und wurde immer zutraulicher .
Sie wird mir auch die Kost geben .
Für siebzig Franken .
Es ist fast zuviel für mich , – ich habe ja so nötig zu sparen .
Ich habe gerechnet und gerechnet .
Ich werd ' es schwer haben ;
hundert Franken will Mama mir monatlich zu schicken suchen , – davon müssen auch die Kollegiengelder und die Bücher bezahlt werden , – neunzig Franken für Zimmer und Kost ist also jedenfalls zuviel .
Warum bin ich nur darauf eingegangen ?
Ach du grauer Nebel , der du hinter mir liegst – kommst du mir gleich wieder nachgekrochen , legst dich trüb und drohend um meinen Horizont ?
Ich wußt ' es ja !
ich wußt ' es ja gut , daß es schwer gehn würde .
Im besten Fall , also wenn Mama regelmäßig schickt , und – darf ich das hoffen ?
Und ich hoffe doch !
Nein , morgen muß ich das rückgängig machen mit der Wirtin ;
neunzig Franken sind viel zu viel .
20. Oktober .
Die Wirtin will nicht zurück .
Sie besteht darauf , daß ich wenigstens einen Monat bleibe unter den abgemachten Bedingungen .
Ich bin also gleich wieder kopflos in eine Klemme gerannt .
Ich hätte vorher überlegen sollen , aber das ist so schwer zu lernen !
Hast du es gekonnt , Mutter ?
Ach , warum dann hast du mir nichts vererbt von deiner Einsicht , deiner Vernunft ?
Siehst du denn nicht , daß ich unverbesserlich bin ?
Lieber Gott !
ich sollte jetzt reuig über meinen Leichtsinn nachgrübeln , und statt dessen fühl' ich mich wie auf Flügeln , denn – !
Mutter , hast du es gehört ?
Hast du es gehört ?
Ach , was frag ' ich viel , ich sah dich ja bei mir stehn , als ich bei ihm im Zimmer war .
Und er so gütig !
So einzig freundlich und ermunternd .
Er nimmt mich unbesehn !
Er nimmt mich unbesehn !
Das heißt vorläufig , auf mein Examenzeugnis als Lehrerin .
Im Laufe der ersten Semester muß ich dann die Matura machen .
Und wie gern !
Als er hörte , daß ich Jus studieren wolle , ward er ein wenig ernsthaft .
Als ich sagte , atmete er auf und wiederholte dasselbe wohlwollende :
In zwei Tagen ist die Immatrikulation .
Mir ist so feierlich zu Mute , wie einer armen Seele , die in den Kreis der Unsterblichen geführt werden soll .
Der Rektor hat mir solch einen kleinen Vorschmack von allem gegeben ;
Tag und Nacht denke ich nichts andres .
Sogar im Spiegel hab' ich mich schon drauf angesehen :
Ich trete gar nicht mehr auf den Boden , ich bin eigentlich immer da oben , wo es blau ist , zwischen den weißen Wolken !
Da treib' ich mich herum und bin ein kleiner , kleiner Vogel mit weitausgespannten Flügeln und schwimme , schwimme , stumm vor Freude !
21. Oktober .
Ein Traum .
Zu mir in die Stube kommt ein kleines grau und unscheinbar gekleidetes Mädchen und bittet mich , ob es sich nicht ein bißchen bei mir ausruhen dürfe .
Darauf kauert es am Feuer .
» frag ich sie , denn sie kommt mir so bekannt vor .
Da sagt sie :
Da wurde sie traurig und sagte :
Und dann flüsterte sie :
Dabei liefen ihr immer die Thränen herunter .
fragte ich .
Da sagte sie noch leiser :
Und ich fühlte , wie sie sich schämte , daß sie so nichtsnutzig war , und in diesem Augenblicke erkannte ich mich selbst , mein Gesicht und meine eignen Thränen , – ich wachte auf , und mein Kissen war naßgeweint .
– Ich mußte mich erst lange besinnen , eh' ich wußte , daß ich in Zürich bin .
23. Oktober .
Die Immatrikulation ist vorüber , ich bin also jetzt akademische Bürgerin !
Sehr feierlich und schön war des Rektors kurze Rede bei der Aufnahme .
Wir mußten versprechen , unsern Studien fleißig obzuliegen , die Satzungen zu halten , nichts zum Schaden oder zur Unehre der Universität zu unternehmen .
Ich habe mit Begeisterung mein Handgelübde abgelegt .
Der Rektor sah mich lächelnd an , ich glaube , ich habe ihm zu fest die Hand gedrückt .
Solche Ungeschicklichkeiten mach' ich immer .
Ich müßte viel , viel ruhiger werden !
Die andern waren es freilich auch nicht :
die Studentinnen , die mit mir aufgenommen wurden , sieben Mädchen , schienen alle aufgeregt .
Die Männer sahen ganz unbefangen und vergnügt aus , – für sie ist es aber auch nicht die große Sache , wie für uns !
Oh , ich will eine treue Jüngerin der Wissenschaft , eine unerschrockene Kämpferin für das Recht werden !
Ich habe ja dich , meinen unsichtbaren Schutzgeist , neben mir , dich mit den weißen Rosen im blonden Haar .
Immer seh' ich dich so , nickend , lächelnd , ermutigend , tröstend !
Oh , meine geliebte Mutter , du wirst meine Mitstreiterin sein !
24. Oktober .
Heut bin ich in aller Frühe auf den Zürichberg hinauf .
Wie wonnig es dort war !
Ein voller Sommertag .
Der Himmel lacht durch die zitternden Zweige der Birken und in tieferem Blau durch die Lücken der schwärzlichen Fichten .
Der frische Morgenwind schnellt den Thau von den bebenden Halmen , im Grase leuchten noch Blumen , blaßlila Skabiosen , dunkle Prunellen , und dicht die Brust an den Boden gedrückt , sah ich eine große weiße Strahlblume , silberweiß , eine kleine Sonne auf Erden !
So möchte ich an die warme mütterliche Erde gedrückt daliegen und mein Herz der Sonne öffnen , wie einen goldenen Kelch ........ Zuweilen fiel ein gelbes Blatt , und wie leises Rieseln stäubten die dürren , braunen Kätzchenschuppen der Birken .
Zwei weiße Schmetterlinge fliegen herbei , nähern sich einander , suchen sich , haschen sich , nun sind sie ganz nah – – da fährt ein stärkerer Lufthauch von Norden daher und drängt sie auseinander .
Ich saß dort oben und sah so vieles .
Das ist nicht mehr die beglückte , stille Sommerwärme , das tiefe Ruhen und Blühen :
ein schärferer Zug geht durch die Welt , eine Unruhe , eine Bewegung , als sei noch viel zu thun .
Kein braunes Grasblütchen steht still , kein Sonnenfleck , kein Blattschatten bleibt auf der Stelle .
ruft der süße Sommer , ruft der heutige Tag !
Und mein Herz klopft und meine Hand zittert , und ich springe auf , als sei auch für mich gleich viel , viel zu thun !
Gedanken – Pläne sausen mir durch den Kopf – Nein nein !
ich bin keine Sonnenblume mehr , die am Boden liegt und träumt – – das ist vorüber , vorüber .
28. Oktober .
Heut ist also der große Tag , heut geh' ich zum erstenmal ins Kolleg !
So früh hat's mich aus dem Bett getrieben – es ist noch dunkel , meine Lampe brennt , ich bin ganz fertig schon , aber es sind noch fast zwei Stunden .
Schon lange hab' ich am offnen Fenster gesessen , die Luft kam weich und regenschwer , wie Frühlingshauch herein ;
der Mond scheint trübe – jetzt hat er mir eine Fratze geschnitten , es hat mir fast gegraut !
– – Oh , so andächtig erwartungsvoll war mir noch nie .
Immer tönt mir eine Stimme im Ohr :
– – Nein , es ist nicht deine Stimme allein , meine Mutter , viele Frauenstimmen sind es , klagende und triumphierende !
Aber den Schluß hör' ich nicht , – wie angestrengt ich auch horche .
Weiter !
wie geht es weiter ?
Redet weiter , ihr lieben Schwesterstimmen !
Nicht wahr , ihr wünscht mir Gutes , ihr Abgeschiedenen ?
Was euch nicht zu teil geworden ist , – ich soll es – soll es erreichen ?
Oh , heut ist mein erstes Kolleg !
Triumphiert mit mir , ihr Lebenden , klagen will ich mit euch , ihr Gestorbenen , denen – von dem – – nein , ich kann nicht klagen , heute nicht !
Es wird hell !
es wird Morgen !
Heute ist mein erstes Kolleg !
– 30. Oktober .
Nach den ersten Kollegien .
Was ich gelernt , gelesen , gedacht , – all' das zerfliegt wie leere Spreu !
Ich bin so unwissend !
ich bin so weit zurück !
ich bin so schlecht vorbereitet !
Ich bin so dumm !
so kindisch dumm !
Ich soll mit bloßen Füßen auf scharfen Dornen gehn !
Harte Thatsachen starren mir entgegen , wo ich von himmelhohen Gedanken träumte !
Ist die Wissenschaft so etwas Plastisches ?
Konkretes ?
Aber das hab' ich ja gar nicht gewußt !
Im Rechtsleben , hab' ich gedacht , kommen ethische Ideen zum Ausdruck , aber es scheint gar nicht wahr zu sein !
Es scheint sich mehr um Gebräuche , als um Gedanken zu handeln ?
Ich glaube , die Menschheit als Ganzes denkt , fühlt viel humaner , als die Gesetze es verlangen .
Sie scheinen mir überholt , ausgewachsen , ihr Wortlaut mittelalterlich roh .
Und wenn ich sie mit den Jesusworten vergleiche , mit dieser unendlichen Zartheit der Empfindung , des Gewissens , die in jenen Lehren liegt , die vor 1900 Jahren ausgesprochen worden , so finde ich – – Ach , ich bin ein dummes Kind !
wen kümmert's , was ich finde !
Und doch , – es scheint mir , daß auch ich sagen muß – – helfen muß – – – 20. November .
Lange nichts hier eingeschrieben .
Ich bin ja zu verwirrt von all dem Neuen .
Dumme Sorgen kommen auch dazu , die dümmsten , elendesten Sorgen , die der Mensch sich machen kann , die um das nackte Leben !
Das heißt , ich mache sie mir nicht , sie zwingen sich mir auf , leider .
Mama schreibt sehr kurz ;
– neulich hat sie mit Papa meinetwegen eine heftige Szene gehabt .
Er hat sie gefragt , ob sie wisse , wo ich mich aufhalte .
Mit drohender Miene .
Sie hat nein gesagt .
Sie thut mir so furchtbar leid !
Ich bin es , die sie zu lügen zwingt , ich , die ich so leidenschaftlich gern ehrlich und wahr durch die Welt gehen möchte .
Es wird ihr sehr schwer , schreibt sie , das Geld für mich unbemerkt fortzuschicken .
Ach , wenn ich es doch nicht brauchte !
Manchmal , beim Essen , habe ich solch ein erstickendes Gefühl im Halse , – das abscheuliche , dumme Essen kostet am meisten !
Wenigstens hab ich ein billigeres Zimmer jetzt , nur sechzehn Franken !
Es liegt sogar freier als das vorige .
Zum Mittagessen geh ich fort , abends genügt ja Brot und Milch vollkommen .
Ach , es ist doch viel , was ein Mensch zum Leben braucht , unglaublich viel .
Man ist immer von neuem hungrig , und doch hätte man das Geld für soviel wichtigere Dinge nötig .
Ich müßte mir so viele Bücher kanfen , ich habe ja so unübersehbar viel zu lernen , nachzuholen !
Ach , und wenn man doch Zeit kaufen könnte , das wäre noch schöner !
Nur ein paar Jahre nicht vom Flecke gehn , nicht älter werden , bis man ein bißchen klüger geworden ist .
An welcher Stelle wird die zeit vergeben ?
Wo soll ich darum bitten ?
Manchmal überläuft's mich ganz heiß , wenn ich denke , wie ich ewig im Provisorium stecke , und ich sehe mich um , ob es den andern auch so geht .
Und dann scheint mir :
ja !
Unser Aller Leben ist ein Provisorium .
Aber soll es so sein ?
Soll das Leben vergehen , wie etwas Vorläufiges ?
Immer bereiten wir uns vor !
Wozu ?
Den Glauben an die Unsterblichkeit haben wir aufgegeben , aber nun betragen wir uns , als lebten wir ewig auf der Erde !
Ich nicht .
Mir ist so angst oft .
Aus allen Ecken ruft es :
Der Ruf raubt mir den Schlaf .
Und ich fahre auf , und – vertiefe mich in meine Bücher !
Was hilft es , daß ich's fast lächerlich finde , ich kann ja sonst nichts thun .
Ich muß ja aufnehmen , nur immer aufnehmen , ich bin ja nur eine Elementarschülerin , von der hintersten Schulbank .
2. Dezember .
Tage und Tage schon steht ein milchweißer Nebel über der Stadt und dem See , – eine reiche Schneesammtdecke überkleidet Wiesen und Weinberge .
Dazu ein milchweißer Himmel , lautlose Stille , balsamduftende Frische .
Kein Sonnenstrahl , kein Wind .
Alles ganz wie in meinem Kopfe jetzt .
Da ist's auch nebelig und still .
Ein gedämpftes Zuwarten .
Aber wenn nicht die Sonne irgendwo dahinter steckte , so wäre ja der Nebel grau und schwarz wie bei uns in Hamburg !
Nein , nein !
Wohl kommen Stunden , wo ich mich erschrocken umsehe und frage :
wo ist meine große Freude geblieben ?
Aber dann , auf einmal , ein interessantes Wort im Kolleg , ein weiter Gedanke , der mir ein großes dunkles Feld mit flüchtigem Blitzlicht erhellt , und ich erkenne alles , wie es ist .
Meine schöne Freude ist nicht vergangen , sie hat sich nur in viele viele Perlen zerteilt , wie das Quecksilber , wenn man's ausgießt .
Und die Perlchen verschlüpfen , verkriechen sich wohl in das einförmige weiße Gewebe des Tags ...... 20. Dezember .
Jetzt kommen Weihnachtsferien , morgen ist zum letztenmal Vorlesung , Viele sind schon verreist .
Es ist eigentümlich – ich stehe ganz so isoliert hier , wie ich immer in der Schule stand :
Niemand spricht mit mir , und ich spreche mit niemand .
Ich bin scheu , ich geniere mich , ich weiß ja nicht , ob es jemand gern sähe , wenn ich ihn anredete .
Aber die Einsamkeit drückt mich zuweilen , und wenn ich es wagte , bäte ich wohl einmal jemand um Rat bei meinen Studien .
Wenn ich es wagte !
Nein , sie sehn alle so sicher und sorglos aus – es geht nicht .
Und die einzige Studentin , die mit mir hört , ist so eilig immer und grüßt nie , nicht einmal dazu nimmt sie sich Zeit .
Das wäre doch Sünde , die noch zu stören .
– Weihnachtabend .
Ist es wirklich Weihnachtabend ?
Kein Zeichen sagt es mir , außer dem dunklen Tannenkranz , den ich eben um dein geliebtes Bild gewunden habe , meine Mutter !
– Es ist im Hause wie alle Tage .
In der Küche rasselt meine Wirtin mit Kesseln und Deckeln ;
heute Morgen hat sie mir ihr Herz ausgeschüttet .
Ihr Mann hat sich vor zwei Jahren das Leben genommen und zwar , wie sie sagt , um sie zu ärgern , denn die Versicherungsgesellschaft hat ihr nichts ausbezahlt , da der Mann durch Selbstmord geendet .
Nun hat sie einen Prozeß und möchte von mir Rat wissen .
Es war ein sonderbares Weihnachtsgespräch ;
so entsetzlich abstoßend erschien mir diese Frau , die kinderlos und nicht ganz arm , mit funkelnden Augen , die lebendiggewordene Habsucht , von dem und dem » sprach , der sich erhängt hatte , damit sie nichts bekomme .
krächzte sie , und ihr eigentlich hübsches Gesicht wurde zur Grimasse .
Ich wollte , sie hätte mir das nicht erzählt ;
sie ist mir ganz zuwider geworden , ich möchte so bald wie möglich ausziehn .
– – Und nun sitze ich und lese im römischen Recht und lese vom Erbrecht !
Man kann es ja wohl bewundern , diese Subtilitäten alle , diese feinsten Ausgestaltungen des Eigentumsbegriffes , aber sich dafür begeistern , es schön und wünschenswert finden als die Grundlage der menschlichen Beziehungen untereinander – nein , das scheint mir unmöglich !
Ueberall zwischen den Blättern sehe ich habsüchtig , eigensüchtig funkelnde Augen , und Finger , zum Behalten , zum Greifen gekrümmt , strecken sich daraus hervor .
Jeder Buchstabe krümmt sich zur Kralle .
Ich mag nicht mehr !
Heut abend nicht .
Ich muß das Buch zuklappen und meine Gedanken wandern lassen – es sind ja Ferien jetzt !
Das Fest der Liebe !
Ach , wo ist die Liebe ?
so hämmert's mir im Kopf .
Jeder für sich !
Oh die traurige Welt !
Das ist sie ja , die Welt von heute , die Welt des Egoismus , die Welt der achselzuckenden verbrecherischen Gleichgiltigkeit , die Welt der gähnenden Langeweile einerseits , die Welt der Hirn und Blut verspritzenden Frohn auf der andern Seite !
Die Welt , wie jene sie gemacht haben , die bis jetzt regierten durch Benutzung der rohesten tierischen Triebe .
das wäre die Welt , wie ich sie wünschte !
das schöne , heitere , enthusiastische Dasein , wie ich es für eine zukünftige glücklichere Menschheit träume !
Es ist so häßlich , für sich selbst zu sorgen , sein Recht verlangen , für sich selber kämpfen , alle verliehenen und ausgebildeten Kräfte für sich selbst verwenden , – so abstoßend und so langweilig !
Es ist so schön , alles das für andre einzusetzen , es ist so begeisternd , es leiht Riesenkräfte .
Und gewiß , ich fühle es tief hier innen :
es ist der einzige Weg zum Glück .
– 25. Dezember .
Ein Brief von Mama , aber vom Fest steht wenig darin .
Sie schreibt , ich würde hoffentlich das Glück finden auf meinem selbstgewählten rauhen Wege .
sagt sie , Dann wünscht sie mir und schickt mir ein schwarzes Spitzentuch .
Arme Mama !
Ich weiß ja nur zu gut , wie es sein wird .
Ein Weihnachtsbaum bis zur Decke und darunter gelangweilte oder gleichgiltige oder übellaunige Gesichter , – eine Menge Kuchen , Vormittagsvisite mit Portwein , – Gäste zu Mittag – Mockturtelsuppe , Gans und Karpfen – viel Rotwein – Toaste auf alle Familienglieder , – auf die Damen , – sattes Herumsitzen in den Schaukelstühlen und Sofaecken und nie ein Wort , ein gutes , frohes Wort , ein warmes , inniges Wort , das man inwendig weiter spürte !
Ist es nicht traurig , daß es so wenig warme Plätze giebt in der Welt , und daß es die meisten von uns beständig in der Seele friert oder doch fröstelt ?
Die Familie sollte solch eine warme Stelle sein , aber das ist nicht mehr .
Es ist nur noch ein Ort , wo die Menschen zusammenkommen , um zu essen und zu schlafen .
Ihre Gedanken sind meilenfern von einander ;
sie leben sich nicht zur Freude , nur zur Last .
Der Herd ist zerschlagen , ist entweiht .
Ich bin gegangen , und ich bin dessen froh , alle Tage .
Die Konvention , die Schablone , die Heuchelei hätte mich dort erstickt .
Aber so schön glänzt das alles auf den alten Bildern , daß er uns noch ergötzt , wenn auch nicht mehr erwärmt , der ferne fremde Feuerschein !
– 27. Dezember .
Nun hab' ich meinen Weihnachtstag doch noch gehabt .
Ich war dben im Walde im tiefen Schnee .
Ach , wie das herrlich war !
Geheimnisvoll und dämmerig am helllichten Tage .
An den hohen Fichten , die wie eisgraue feierliche Wächter am Rande stehn , waren die Reifverbrämungen von Ast zu Ast zusammengeschmolzen und hingen nun so in großen , schweren , unbewegten Massen , ernst , schweigend , nicht das kleinste Lüftchen rührte daran .
Scharf abgezirkelt , wie ein bleicher Vollmond stand eine weißliche Sonne am weißen Himmel , eine große blanke , strahlenlose Scheibe , in die man furchtlos die Augen versenken konnte .
Ich stand am Waldrand und sah das schöne Limmatthal im weißen Nebel verdämmern , Melancholie und Träumerei beherrschten die versteinte Welt .
Unsichtbare Vögel , unsichtbar in den dichtverschneiten Zweigen gaben schwache , träumerische , verhaltene Laute von sich .
Wie starre Korallen standen die niederen Gesträuche am Bergeshang , und plötzlich war mir , ich gehe auf dem Grunde des Meeres und sehe sie dort wachsen , abenteuerlich und vielgestaltig , die Korallen .
Ich ging und ging und dachte :
Der Nebel um mich stieg langsam höher und höher , schon verhüllte er den Weg , den ich eben gegangen .
Aber nun ward das Gefühl der Einsamkeit köstlich , trotz eines leichten Grauens .
Ich spürte heftiges Herzschlagen , und es zog mich wie mit Armen immer tiefer in den Wald , über den der Nebel ganz heraufrückte , als gelte es , das Geheimnis zu verhüllen , das zwischen den lautlosen Bäumen lagerte .
Eine Offenbarung wollte mir werden , ich fühlte es .
Ich blickte zur Sonne hin , ich suchte sie zwischen dem weißverwirrten Astwerk , da – plötzlich glühte sie auf wie eine Rose , der weiße Nebeldunst färbte sich warm , aus der Rose sprühten zuckende Funken , Flammen schlugen über den Himmel hin , lohten und stiegen empor , verklärt und verklärend , – – eine unbeschreibliche Glückseligkeit durchdrang mich – – Worte umklangen mich , – – kühne , unbegreifliche , und so wie aus weiter Ferne , aber mit hellem , hinreißenden Ton , – –
Worte , die ich nun wieder suchen muß , mein ganzes ferneres Leben lang !
– – – oh , wer dürfte diese Worte vollenden , ohne zu zittern , – oh , wessen Lippen sind rein genug , sie ohne Zagen auszusprechen !
1. Januar 1888 .
Zum erstenmale schreib' ich die neue Zahl .
Sie sieht gutmütig aus , scheint mir .
Ach , ich kann es brauchen , ich bin so bekümmert und so unsicher , was ich thun muß !
Diese Begegnung mit und ihre Zurechtweisungen alle – ich bin also auf ganz verkehrtem Weg und habe dies Semester vollständig verloren !
Schrecklich !
Schrecklich !
Sie hat's also auch noch nicht , und trotzdem studiert sie schon .
Wenn ich nur nicht so schüchtern – dumm wäre , hätte ich sie gefragt , warum sie mir so rät und sich selber anders ;
aber es ist doch gleichgiltig ;
mir scheint , ihr Rat ist vernünftig .
Wäre er nur früher gekommen !
Zeit und – Geld verloren , und ich habe so wenig von Beidem !
Nein , die Kollegien besuch' ich nach wie vor , es ist keine Gefahr , daß ich alles wieder vergesse , – ich glaube nicht .
Privatstunden kann ich erst später nehmen , die sind zu teuer !
Nein , ich muß mich allein vorbereiten .
Aber ich habe die Sache wirklich zurückgeschoben , vernachlässigt , und ich hatte doch extra dem Rektor versprochen , die Matura bald zu machen .
Wie ist nur das gekommen ?
Ich schäme mich so !
Nein !
vom Nervensystem der Ameisen weiß ich so gut wie nichts – oh Gott !
Aber das kann man ja lesen , das kann man ja lernen .
Es ist ja auch sehr interessant !
Aber man wird doch nicht nach den Ameisen allein gefragt – es giebt ja entsetzlich viele Tiere !
Und dann – Pflanzenphysiologie , sagt sie ?
Ich habe keine Ahnung !
Und alles ginge noch gut , alles , wenn nur die Mathematik nicht wäre .
Latein erschreckt mich kein bißchen , Geschichte geht auch , aber Trigonometrie !
Wo soll ich anfangen ?
Himmel , all die verlorene Zeit !
Und die Nervensysteme aller Tiere ?
Aller ?
Es giebt doch so viele !
Nein , wie entsetzlich !
Zum Lehrerinnenexamen hat man so wenig Naturgeschichte gefordert .
In unsern dummen Mädchenschulen lernt man ja nichts .
Ein Jahr !
ein ganzes Jahr für diese Vorbereitung !
Macht anderthalb mit diesem verlornen Semester !
Es ist zum Verzweifeln .
Und die gequälte Mama , die kaum vor Papa verbergen kann , daß sie mir Geld schickt .
Einmal wird er es erfahren , und dann ist's aus !
Was ich dann thun soll – ?
– Nein , noch will ich nicht daran denken , sonst verliere ich die Energie .
Das ist ein trauriger Anfang für das neue Jahr .
Ja , warum haben wir eigentlich keine Schulen , wie die Knaben ?
Warum fertigt man uns unglücklichen Mädchen ab mit einer Vorbildung , bei der wir weder leben noch sterben können ?
All die großen Gymnasien mit den unzähligen Zimmern , und kein Plätzchen darin für ein Mädchen , das etwas lernen möchte !
All die mächtigen wissenschaftlichen Anstalten , all die uralten berühmten Universitäten , und nirgend ein Raum für uns Armen !
Nur hier !
nur hier !
Oh wie ich dich liebe , du einziges , teures , gerechtes , liebes Schweizerland !
Ich möchte deinen gastlichen Boden küssen , der auch für uns arme Mädchen Gastlichkeit kennt !
Hier lebe ich !
hier darf ich ein wirklicher Mensch sein !
Alle Erfolge der Wissenschaft , alle neuen genialen Entdeckungen und Erfindungen , die daheim nicht für uns Frauen in Betracht kommen – hier hab' ich Teil daran , obgleich ich nur ein Mädchen bin .
Hier sind mir mitgerechnet .
Oh wie ich dankbar bin !
Ich hab' es schon als Kind gefühlt , wie ungerecht man uns behandelt .
Mit wieviel Hohn .
Unser Aufsatzlehrer hatte diese Phrase :
Als ich es zum erstenmale hörte , wurde mir sehr heiß , ich bekam vor Zorn und Scham Herzklopfen , ich mußte tief auf mein Buch sehn , – und so grenzenlos wunderte ich mich :
Wir hatten grade Iphigenie gelesen ;
wo ich ging und stand sah ich eine herrliche weiße Priesterin vor mir , ganz in Licht , so groß und so gut .
War Iphigenie auch nur so ein Kind , das nichts lernen kann ?
Und die Prinzessin im Tasso ?
Und Dorothea ?
Beim Mittagessen – ich weiß es wie heute , – ward Papa böse , weil ich ganz verkehrte Antworten gab .
rief er dicht an meinem Ohr .
sagte ich , ganz erschrocken .
sagte ich noch erschrockener .
Da kopfschüttelte er , warf die Gabel hin und seufzte schrecklich .
Es war ein trauriges Mittagessen .
Mama war auch sehr ungehalten , ich weiß nicht weshalb .
Aber ich konnte eigentlich nicht dafür , ich dachte noch lange vor dem Einschlafen an und an Iphigenie .
– Er sagte den Satz bald wieder .
Ich sah sein Gesicht an dabei !
Es war ganz verkniffen , und in seinen Augen spielte eine böse Flamme .
Er sagt es , um uns zu ärgern , dachte ich , er glaubt es selber nicht .
Wir waren vierzehn Jahr alt und konnten uns nicht wehren .
Wir sprachen nicht darüber in der Klasse , aber wir fühlten es wohl alle , wie er uns behandelte .
Ich träumte davon , daß ich ihm das nächstemal sagen wollte :
Aber ich wäre wohl eher gestorben , als daß ich es gesagt hätte .
Dann bekam ich unvermutet von Geld zu Weihnacht und kaufte mir heimlich Shakespeare dafür .
Papa und Mama durften nichts wissen , nur dir , meine süße Mutter , erzählte ich alles , und du schaltest mich nicht .
Weißt du , wie ich dir von Cordelia und Desdemona , von Imogen und Beatrice geschrieben hab ?
Wie ich dir gesagt hab , glückselig , frohlockend :
– Später dann hab' ich gesehn , daß sehr viele Männer denken und sprechen wie unser Aufsatzlehrer , und daß ihre Handlungsweise ihren Reden entspricht .
Sie wollen alles für sich behalten und sagen deshalb :
Und dabei sind ihre Gesichter verkniffen , und Bosheit und Hohn blitzt in ihren Augen .
Ich aber habe nicht aufgehört und will nicht aufhören , mich an denen zu trösten , die es besser , die es einzig gut wissen :
an den größten Dichtern aller Zeiten !
– – Was nützt mir nur mein Lehrerinnenexamen ?
Ich habe hundertfünfzig Gesangbuchlieder auswendig gelernt .
Ich habe sehr viel Kirchengeschichte gehabt .
Auch sehr viel preußische Geschichte !
Vielleicht erlaubt man mir bei der Maturitätsprüfung statt Differentialrechnung die hundertundfünfzig Gesänge aufzusagen und statt über das Nervensystem der Ameisen über irgend eine Synode zu sprechen ?
Einen Wert müssen die Sachen doch haben , da man sie uns so eifrig beigebracht hat !
12. Januar .
In der strahlenden schneeblauen Beleuchtung gehen die Menschen umher wie kranke , gelbe Schatten , wie Gespenster , so , als ob sie gar nicht hineingehörten .
Es schneit immer noch , aber dabei schleicht langsam die Sonne über den Schnee .
Mir ist so sonderbar schläfrig und gleichgültig , ich möchte mich unter die weißbehangene Hecke ducken , das Kleid überm Kopf , wie ich es als Kind so gern that und schlafen – schlafen – bis wieder die Schneeglöckchen läuten .
Wenn wir uns bequemten , zu thun wie die Bären und Fledermäuse , so einen langen , dauerhaften , ununterbrochenen Winterschlaf hielten – wieviel Spannkraft könnten wir aufspeichern !
Schlafen , schlafen und dann – im ersten Frühlingssturm wach' ich auf , schüttle mir die dürren Blätter aus dem Haar und den Schlaf aus den Augen , springe auf die Füße und – hui – wie der Wirbelwind den Hügel hinab !
Die Beine sind noch etwas starr , die Gelenke eingerostet , die Stimme will nicht jauchzen , wie sie soll .
Denn jauchzen soll sie , laut und gell !
und alle grünen Grasspitzen , die sich aufrichten , küß' ich im Vorüberrennen , und der Sonne werf' ich Kußhände zu und bin ganz geblendet und närrisch vor Freude !
Und nun erst die Menschen !
Alle alle hab' ich lieb !
Alle kenn ' ich sie !
In allen schlägt mein eignes Herz !
Und alle sind sie wie ich , verwundert , fröhlich über die Maßen , geblendet , närrisch und liebevoll .
Guten Morgen , guten Morgen , ihr aufgewachten Seelen !
Wie fühlt ihr euch ?
Gelt , die Welt ist schön ?
Alles neu , alles wieder geschenkt , und wir alle so jung !
Die Aeltesten von uns gleich jungen Kindern !
Da fliegt ein Zitronenfalter , habt ihr gesehn ?
Ha , wie die schwarzen Wolken rasen und der Regensturm über das grüne , sprießende Gras schmettert !
Heissa !
wie schön !
Sengende Sonne und tiefblauer Himmel , schräger , schimmernder Regenfall , flatterndes , drohendes Gewölk – alles untereinander , das bin ich !
Welt , ich bete dich an !
Frühling , du bist mein Geliebter !
Oben tanzen leuchtend die Sterne vor Lust , und drunten schlingt sich über die Ebenen , über die Hügel der frohe Menschenreihn , der Frühlingsreihn , das Fest der Auferstehung , das Fest der auferstandenen Kraft und Liebe !
Oh so könnte es sein , wenn wir den Winterschlaf hielten , statt in dem strahlenden Schneeblau herumzuwandern , vermummt und verschnupft , wie kranke , gelbe Gespenster , und wenn das Fest der Erneuerung kommt , müde und stubenverhockt und verständnislos das langersehnte Wunder an uns vorüberziehn zu sehn , das nur die Unmündigen noch bejauchzen und die Narren !
Ende Januar .
Heut Morgen war ich , unbefugter Weise , im botanischen Laboratorium .
Ganz zufällig , aus Neugier bin ich hineingeraten , da die Thür des Vorzimmers weit und einladend offen stand , und niemand drinnen zu hören war .
Es hat mir so unmenschlich gut gefallen , da drinnen .
Ich kam um acht Uhr in die Universität , kaum recht aufgewacht .
Es war so stillkaltes Wetter , Nebel um alle Berge , nicht einmal der Uetli zu sehn .
Die vielen Nadelbäume standen da wie schwarze Säulen , die dünnen schaudernden Birken sahn aus wie die Schatten ihrer selbst , eisgrauer , pulvertrockener Schnee lag auf den Rasenplätzen , der Springbrunnen vor der Universität war eine Fontäne aus Eiszapfen , und die rote , zierliche , pfeildünne Kirchturmspitze – es ist die Predigerkirche – schwamm undeutlich im kalten grauen Dunst .
Ganz verlassen sah die große Eingangstreppe aus , denn der Nachtwind hatte den alten , grauen Schnee auf ihren Stufen hoch aufgehäuft .
Ich kam in unser Auditorium und fand an der Thür den Zettel vom Professor , daß er heiser sei .
Fröstelnd , unbehaglich und verlassen strich ich auf dem kalten Korridor umher , wo noch die Hängelampen brannten und die Studierenden lautlos und gähnend ihre Ueberröcke und Mäntel ablegten .
– Da sah ich die offene Thüre zum Laboratorium , und es schien mir verlockend , hinein zu gehn .
Im Vorraum hing zwar ein dicker Mantel und eine Pelzkappe , aber im Saal , dessen Glasthüren eben so gastlich offen waren , sah ich doch niemand , zum Glück .
Ich ging auf den Zehen hinein .
Eben wurde es hier ordentlich hell , es gab auch große Fenster genug , an zwei Seiten .
Vor den langen Arbeitstischen an den Fenstern standen einladend die kleinen , gelben Hocker , – oh wie gern hätte ich mich dort mit hingesetzt !
In der Mitte des Raumes neben einem eisernen Pfeiler stand ein Arbeitstisch , über dem eine Gasflamme brannte , und auf der Gasflamme kochte etwas , es brodelte traulich in einem Glasgefäß , das in einem Topf mit Wasser hin und her wackelte .
Ein Hauch von Morgenfrische und Regsamkeit füllte den ganzen Raum .
Auf den Tischen , unter Glasglocken und in Glaskästen vor den Fenstern wuchs allerlei Grünes , auch Aquarien sah ich von verschiedenen Größen , und alles ward grüner im heller werdenden Licht .
Plötzlich bemerkte ich , daß jemand hereingekommen war , er an einem Schrank herumschloß und nun mit einer Ladung Mikroskope im Arm von einem Platz zum andern ging und die Mikroskope verteilte .
Er putzte und wischte daran und grüßte mich stumm , ohne sich zu wundern .
Ich wollte mich flüchten , aber da kamen mehrere Studenten und Studentinnen herein , und auch sie schienen sich nicht zu wundern , daß ich da war .
Ich sah zu , wie der Herr , jedenfalls der Assistent , nun vor jeden Platz zwei Wassergläser stellte und sie vorsichtig füllte , voll Selbstvorwurf den Kopf schüttelnd , wenn ein Tropfen nebenbei auf den Tisch fiel :
er wischte ihn auch sofort mit einem Tuche fort .
Inzwischen waren schon soviele Praktikanten da , daß es summte , wie in einem Bienenschwarm ;
sie liefen umher mit ihren Schlüsseln , um die Schiebladen zu öffnen und Objektträger und Präparirnadeln herauszunehmen .
Der Professor war auch schon da , nach rechts und links nickte er , und das buschige Haar bewegte sich dabei um das dunkle , eigentümliche Gesicht mit den lebensprühenden Augen .
Er rauchte noch schnell eine Zigarre fertig , während er neben der großen Tafel stand und tüchtig daran wischte .
Eben wollte ich ihn um Erlaubnis bitten , ob ich bleiben dürfe , als auch die junge erschien , von der ich schon wußte , daß sie seine Assistentin sei .
Sie sah sehr lieb aus , eine rundliche , kleine , blonde Dame , rotbackig von der Kälte , mit so freundlich bereitwilligen Augen , daß ich mein Anliegen gern bei ihr vorbrachte .
Sie sagte sogleich ja und wies mir einen Platz an .
Ich hörte und sah sehr viel Interessantes diese Stunde , aber das Ganze war als Ganzes schön , und einzig gefiel mir die Professorin-Assistentin , die überall am schnellsten entdeckte , wenn ein Student oder eine Studentin nicht weiter konnte oder eine besondere Auskunft wünschte .
Dann , sofort war sie da , und ihre immer streng wissenschaftlichen Erklärungen wurden wahrscheinlich mit nicht geringerem Interesse angehört , weil sie von einem so frischen , jugendlichen , roten Munde kamen !
Und so viele , viele Menschen haben keine Ahnung davon , daß dieses Schöne existiert , und so viele , viele Frauen glauben , es sei etwas Unnatürliches , Unpassendes , wohl gar Ungehöriges , die Frau im wissenschaftlichen Beruf !
Wie schade für sie selbst !
Könnte ich sie doch alle herrufen in das botanische Laboratorium !
– , sagen diese .
Aber , – ist sie denn so herrlich gediehen ?
Ist sie nicht grade in der Familie verkümmert ?
zwergwüchsig geworden ?
Der Mann entzieht sich dem Druck und Zwang der endlosen Kleinigkeiten , – er muß ja auch draußen auf die Geldjagd gehn , das begreift selbst die Beschränktheit !
– die Frau aber erstarrt darin , nimmt alles Nebensächliche für die Hauptsache und schätzt das Wesentliche gering .
Das Urteil wird gefangen , der Horizont durch lauter Nichtigkeiten verhängt .
Hinaus !
Hinaus !
Wir haben so lange gehockt , daß wir kurzsichtig wie die Schnecken geworden sind , und furchtsam überall unser Dach mitschleppen möchten .
– 17. Februar .
Es giebt hier ein Sprichwort :
, daß heißt , mit seinem Eigenen nach Gutdünken verfahren .
Ja , so haben sie mir gethan daheim .
Sie haben mir nur Stroh gesagt , sie haben mich wertlos gemacht vor sich selbst , vor mir selbst , vor allen , die mich kannten .
Warum ?
Weil ich anders bin als sie !
Aber heißt denn anders sein immer schlecht , wertlos sein ?
Drinnen im Hof , ein langes Gebäude rechts war die Werkstatt des .
Hier arbeitete er umgeben von seinen Gesellen und Knechten .
Eine große , glatte Steintafel lehnte vor ihm , an der er fleißig feilte , um Figuren in Lebensgröße als Hochbilder daran herauszumeißeln .
Neben ihm standen und der .
Ersterer , der bei ihm die sieben Fälle Christi in ebenso vielen einzelnen Steintafeln und zwei Kapellein bestellt hatte – eine so große Arbeit , daß sie leicht mehrere Jahre bis zu ihrer Vollendung erfordern konnte , war gekommen , um einmal nachzusehen , wie weit sie vorgeschritten , und hatte auch den als Kunstförderer bekannten Propst dazu mitgebracht .
hatte ihnen die beiden fertigen Hochbilder gezeigt , lächelnd ihr Lob vernommen , ohne selbst viel dazu zu sagen , und jetzt fuhr er in seiner Arbeit fort , um den Besuch seiner Gönner sich weiter nicht kümmernd .
Neben ihm stand sein neuester Handlanger , ein Bauernknecht aus dem nächsten Dorfe , den man nicht anders als den Riesen-Jacob nannte , so groß und stark war sein Gliederbau .
hatte ihn kürzlich bei seiner Werkstatt vorübergehen sehen und ihn gefragt , ob er sich von ihm wolle zum Handlanger dingen lassen ?
Da es im Winter für den Knecht keine Arbeit und schlechte Zeit gab , so nahm er das Anerbieten für diese Zeit an .
Er hatte gemeint , er sei gewählt worden , weil er wohl fünf für andere starke Männer Körperkraft besaß und mit Leichtigkeit große Steinblöcke da und dorthin tragen konnte , die Andere nur mühsam fortzuwälzen vermochten ;
indeß erstaunte er nicht wenig , als der Meister nur selten solche Leistungen von ihm verlangte , dafür ihn aber oft an seine Seite nahm , und indeß er selbst die kunstreichsten Formen in den Stein trieb , dem Riesen-Jacob mit der größten Genauigkeit zeigte und erklärte , wie man selbst das mache und wie er versuchen müsse , ihm das nachzuthun .
Der rohe Bauernbursche , der nur mit Ochsen und Pferden umzugehen verstand , Bäume zu fällen , und in Zeiten , wo die Ritter ihren Unterthanen und Hörigen die Ochsen geschlachtet und die Pferde entführt hatten , um sie bei ihren Raubzügen oder im Kriegsdienst zu verwenden , wohl auch selbst am Pfluge ziehen mußte – der verstand kein Wort von dem , was ihm der Meister sagte , lachte nur und wagte kaum einen rohen Versuch , den Meißel in den Stein zu treiben .
Die ihm nahe stehenden Steinmetzgesellen aber lächelten einander zu und merkten hoch auf , denn sie wußten :
so war einmal ihres Meisters Art .
Nie war er dahin zu bringen , Einem von ihnen , der bei ihm lernte , etwas ordentlich zu zeigen und mit seinen Gesellen über seine Arbeit zu sprechen ;
aber von Zeit zu Zeit miethete er sich einen unwissenden Bauernknecht als Handlanger , und dem zeigte er alle Dinge , als ob er den kunstbegierigsten Steinmetzen vor sich hätte – so ward es auch jetzt .
hatte eben zur Abwechslung und um seine rechte Hand ruhen zu lassen , den Meißel einmal in die linke Hand genommen , mit der er in gleicher Weise geschickt zum Arbeiten war , als sich die Thür öffnete und die , mit vielen Knixen vor dem Propst , und , einen Benediktiner-Mönch in die Werkstatt geleitete .
sagte sie zu dem Propst , sagte der Propst , der immer zu einem Späßchen aufgelegt war und die Worte dabei nicht wog , oder auch seinen Witz dann für den gelungensten hielt , wenn er damit andere Personen in Verlegenheit bringen konnte , Der Riesen-Jacob lachte unmäßig , und auch die Gesellen hatten Mühe sich das Lachen zu verbeißen , die Lehrlinge konnten ein leises Kichern nicht unterdrücken ;
alle wußten wohl , daß der Meister seit zwei Jahren erst mit dieser seiner zweiten Frau verheirathet in der glücklichsten Ehe lebte , aber auch daß , seitdem sie in das Haus gekommen , ein schärferes Regiment darin eingeführt worden .
Die Lehrlinge mußten manche Hausarbeit verrichten helfen , kehren , schwemmen und räumen , denn im ganzen Gehöfe wie im Haus und überall duldete sie keine Unsauberkeit und verbannte sie auch aus den verborgensten Winkeln ;
den Gesellen rechnete sie auch die Freistunden pünktlich nach , und hielt es ihnen vor , wenn einmal einer über den Durst getrunken oder sonst einen Unfug verübt .
Ihr Mann grollte meist nur still oder schickte fort , mit wem er unzufrieden war ;
sie aber suchte den Leuten in's Gewissen zu reden , sie durch moralische Vorstellungen und Kernsprüche zu bessern .
So war ihr von den Leuten , die zwar Respekt vor ihr hatten , aber denen das frühere lose Regiment doch besser behagte , als dies strengere durch sie geführte , bald der Beiname des Hausdrachen gekommen , und sie hatten keine geringe Freude , als jetzt selbst der geistliche Herr sie damit neckte .
aber , obwohl er das ernste Gesicht auch zu einem Lächeln verzog , fühlte doch , daß er seiner Hausfrau sich annehmen müsse , und sagte kurz und gut :
sagte , Der Meister schien schon nicht mehr auf das zu hören , was weiter um ihn vorging , sondern trieb den spitzen Stahl immer tiefer in den sich gestaltenden Stein , daß es lustig klang und Funken und Sand um ihn sprühten und stäubten .
Ketzel wendete sich darum zu und sagte :
Diese erröthete und fuhr sich mit der Schürze über's Gesicht , der Meister lächelte schlau und der Propst sagte :
rief die Meisterin sich entschuldigend , sagte , der doch seine Frau nicht wollte übermüthig werden lassen und sich die Oberherrschaft sichern .
Während dieses Gespräches war der Mönch an einem Seitenfenster stehen geblieben , das dem geöffneten Hofthor schräg gegenüber war , so zwar , daß man durch dasselbe auf die Straße und die bei dem Lindwurm Vorübergehenden sehen konnte .
Anfangs blickte der Mönch nur mürrisch da hinaus , ungeduldig , daß der Propst , den er schon allenthalben gesucht , nun statt sich mit ihm zu entfernen , kurzweilige Späße trieb , die seiner Würde sehr wenig gemäß waren .
Jetzt aber blickte der Mönch schärfer hin , wie gefesselt durch eine außerordentliche Erscheinung ;
ein sonderbares Zucken flog über sein erdfahles Gesicht und seine dunklen Augen blitzten unter den grauen Augenbrauen .
Jetzt wendete sich der Propst zu dem schweigenden Mönch und sagte :
Er lächelte und schmunzelte dabei schlau , denn sein immer voller Weinkeller , obwohl täglich aus ihm geschöpft ward , machte ihm mehr Freude , als eine volle Kirche .
verstand den Wink , daß der Propst jetzt seine Begleitung nicht wünsche , er blieb daher zurück , als sich dieser mit dem Mönch entfernte , und sagte zur Meisterin :
war auf den Propst noch ärgerlich wegen des Drachen und sagte :
runzelte die Stirn und winkte seiner Frau schelmischstrafend zu , als wolle er sagen , daß sie wohl Recht habe , daß man aber vor den Leuten in der Werkstatt nicht so reden dürfe .
Gleichzeitig aber sagte der Riesen-Jacob :
sagte der Meister ;
– verabschiedete sich und die Meisterin gab ihm das Geleite bis zu dem Brunnen vor dem Hausthor .
Es begann zu schneien , und der Lindwurm , dem große Flocken um den geöffneten Rachen spielten und an seinen Eiszapfen zu weichem Flaumenbart sich ansetzten , sah grimmiger aus als je vorher .
Bei diesem Anblick schien die Erbitterung auf den Propst auf's Neue erregt zu werden , und indem sie , nachdem sich entfernt , das Hofthor donnernd zuwarf , murmelte sie leise zwischen den weißen Zähnen :
– Indessen ging der mit dem Benediktinermönch durch das Schneegestöber seiner Wohnung zu .
Das Wetter war eben nicht darnach , Leute auf die Straße zu locken , welche nicht gerade die Nothwendigkeit heraustrieb .
Auch die unverdrossenen Nürnberger suchten bei solchem Wetter lieber in ihren Häusern ihre Geschäfte abzumachen , als wie sonst auf Gassen und Märkten sich umherzutreiben .
Darum begegneten die Beiden nur Wenige und der Propst sagte zu seinem Begleiter :
Der Mönch sagte mit einem fast verächtlichen bittern Lächeln :
antwortete der Propst , fiel ihm der Mönch ein , Es war , als hemme eine plötzlich fallende Schneelavine die eilenden Schritte des Propstes – so blieb er einen Augenblick erschrocken und regungslos stehen !
aber es fiel nicht ein Flöckchen mehr vom weißgewölbten Himmel herab , als vorher gefallen , und Nichts ließ sich sehen und hören , sein erschrockenes Stillstehen zu veranlassen .
Aber er griff jetzt den Mönch heftig unter den Arm , entweder um sich zu stützen oder ihn eilend mit sich weiter zu reißen , und sagte :
sagte Amadeus ;
So gingen sie schweigend und eilend noch die kurze Strecke nebeneinander , bis sie in die Propstei zu St .
Lorenz kamen .
Der Propst schlug mit dem eisernen Klöppel , der eine kolossale Eichel an einem Zweig von Eichenblättern darstellte , auf ein aus der Thür vorspringendes Eichenblatt gleichfalls von eiserner Arbeit , dreimal rasch nacheinander , und gleich darauf ward die Thür von unsichtbaren Händen geöffnet und sprang eben so schnell hinter den Eingetretenen wieder zu .
In einem hochgewölbten Zimmer des Erdgeschosses loderte ein mächtiges Feuer , hohe Polsterlehnstühle , mit verschossenem braunen Sammet bezogen , standen am Kamin .
deutete darauf und sagte :
sagte Amadeus , Eine Frau in mittleren Jahren , die Wirthschafterin des Propstes , trat ein , nahm dem Propst seinen Pelzmantel ab und brachte ihm einen Hausrock , blies mit dem Blasebalg in den Kamin , legte neue Scheite auf , warf dabei neugierige Blicke auf den Mönch und schien Lust zu haben , sich allerlei im Zimmer zu thun zu machen , um gegenwärtig bleiben zu können .
Der Propst aber sagte zu ihr :
Ehe nicht die Wirthschafterin wiedergekommen war , das Verlangte gebracht und auf einen kleinen Eichentisch am Kamin zwischen den Lehnstühlen zurechtgestellt , auf denen die Beiden Platz genommen , sprachen sie kein Wort zusammen .
Erst da sie sich entfernt , sagte der Propst :
versetzte dieser ;
antwortete Kreß unruhig ;
antwortete Amadeus ;
sagte Kreß unruhevoll , lehnte sich bekümmert in seinen Stuhl zurück und drehte hastig einen Daumen um den andern an seinen über den wohlgenährten Leib gefaltenen Händen .
antwortete Amadeus .
warnte der Propst .
Der Mönch lächelte :
antwortete der Propst , antwortete Amadeus , fiel ihm der Propst in's Wort ;
hatte lange nicht so viel und im Eifer gesprochen ;
kalter Schweiß stand auf seiner Stirn , und wer ihn jetzt gesehen , der konnte ihm manches vergeben und denken , daß in diesem Manne doch ein guter Kern war , an den man nur einmal zu pochen brauchte , so klang er hell und rein , trotz der dichten Hülle alltäglicher Erscheinung , die ihn umgab .
In seinen Augen standen Thränen , und während der Ausdruck seines Gesichtes sich drohend auf den Mönch richten sollte , ward er vielmehr angstvoll und flehend .
Dieser starrte vor sich nieder und sagte dann :
antwortete rasch der Propst ;
sagte Amadeus ;
Der Propst sah zwar noch kummervoll aus , aber um seinen Mund spielte ein schlaues Lächeln , mit dem er sagte :
sagte der Mönch :
versetzte der Propst , antwortete der Mönch aufstehend , entgegnete der Propst .
versetzte Amadeus , sagte der Propst nach langem Sinnen und mit sich selbst Ringen ;
sagte Amadeus , Er reichte dem Propst seine Hand ;
dieser nahm sie , stand auch auf und sagte :
sagte Kreß ;
Siebzehntes Kapitel Sechs Jahre waren hin , und wieder war Sommer , als ein schlank aufgeschossener Mann von Mitte Dreißig , der in seinem Aufzuge halb einem Cooperschen Trapper und halb einem Kalifornier aus den Diggings glich , auf einem bequemen Waldpfade , zu den Shawnee-Hills emporstieg , einem ausgedehnten , südlich vom Staate Kansas in den sogenannten gelegenen Gebirgszuge .
Er kam vom Fort MacCulloch , das er schon tags vorher verlassen , und hoffte noch vor Abend in dem an der andern Seite der Shawnee-Hills gelegenen Fort Holmes zu sein , an dessen Befehlshaber er einen Empfehlungsbrief hatte .
Der Brief selbst aber lautete :
So der Brief , der das , was Lehnert in den letzten sechs Jahren erlebt hatte , kurz erzählte .
Ja , so war es gewesen :
ein Vermögen war rascher hingeschwunden , als er es erworben hatte .
Im übrigen war die Nachricht von dem Bankrott der Neu-Mexiko-Bank , so unvorbereitet sie ihn traf , ohne tiefere Bewegung von ihm aufgenommen worden , weil ihn dieser beinahe völlige Vermögensverlust rasch und mit einem Schlag einem im Lauf des letzten halben Jahres in San Francisco geführten Spekulationsleben entriß , das ihm eigentlich schon widerstand , während er es noch mitmachte .
Ja , er sehnte sich aufrichtig danach , an die Stelle des mit deutschen und schweizerischen und vielfach auch mit französischen Abenteurern in den Diggings verbrachten Lebens , und des schlimmren in der kalifornischen Hauptstadt , wieder ein Leben voll Arbeit treten zu lassen , und die Reise nach dem Osten erschien ihm als der erste Schritt dazu .
Selbst der Eisenbahnunfall , der ihn traf , war nicht angetan , ihn anderen Sinnes zu machen .
Im Gegenteil , die stillen Wochen in Fort MacCulloch hatten ihn in diesen seinen Anschauungen nur noch gefestigt , und es war unter einem lange nicht gefühlten Behagen , daß er jetzt , frisch und rüstig , die Shawnee-Hills hinaufstieg , auf kaum fünfzig Schritt die beiden Cherokees vor sich , die seinen Koffer an einer über ihre Schultern gelegten Stange trugen .
Von Zeit zu Zeit sahen sie sich nach ihm um , und ihr freundliches Grinsen , wenn er nach diesem oder jenem fragte , steigerte nur noch die Heiterkeit seiner Seele .
Gegen Mittag hatten alle drei , nach mehrmaliger Rast , den Kamm des ziemlich hohen Gebirgszuges er reicht , und Lehnert sah nun weit und frei nach Norden hin .
Alles , was da vor ihm lag , war ein wohl an sieben Meilen breites , von der von Galveston kommenden Texas-Kansas-Missouri-Bahn durchschnittenes Quertal , an dessen entgegengesetzter Seite das Land allmählich wieder anstieg , bis es abermals einen ziemlich hohen , dem diesseitigen Zuge der Shawnee-Hills entsprechenden Bergzug bildete .
Dazwischen wenig Leben .
Von den Ortschaften an der Bahn hin waren nur die weiter entfernten sichtbar :
Station Darlington und Station Gibson ( letztere schon ganz drüben ) , während sich die verhältnismäßig nahe gelegene Station Holmes , samt ihrem gleichnamigen Fort , verbergen zu wollen schien .
Erst als Lehnert die beiden Indianer herbeirief und nach dem Fort fragte , gaben sie seinem Auge die richtige Richtung , und nun sah er ( die Station blieb versteckt ) wenigstens die vier gekupferten Türmchen von Fort Holmes deutlich in der Nachmittagssonne blinken .
Auch das palisadenumstandene Blockhaus sah er , samt seinem Feldsteinfundament , ja , die Luft war so klar , daß er vermeinte , die Palisadenstämme zählen zu können .
Einer der beiden Indianer aber , der ein wenig Englisch radebrechte , wies unausgesetzt mit der Fingerspitze darauf hin und wiederholte dabei :
, lächelnd und bedeutungsvoll hinzusetzend :
Und ehe noch sechs Uhr heran war , hatte sich Fort Holmes in aller Gastlichkeit aufgetan , trotzdem der mitgebrachte Empfelungsbrief , und zwar infolge zufälliger Abwesenheit des Kommandanten von Fort Holmes , noch gar nicht seine Schuldigkeit hatte tun können .
Als nun aber , zwei Stunden später , der Kommandierende wieder daheim war und den ausführlichen Brief seines von Fort MacCulloch gelesen hatte , steigerte sich das Entgegenkommen noch um ein erhebliches , und Aufforderungen von beinah dringlicher Natur ergingen an Lehnert , auch in Fort Holmes eine längere Rast nehmen zu wollen .
Es würde sich schon ein Faden spinnen lassen , und was das Zitherspielen angehe , dessen der Brief Erwähnung tue , so woll er nur sagen , die bei Station Darlington , keine fünfundzwanzig englische Meilen von hier , hätten eine Zither und würden sich gewiß bereit finden lassen , sie für kurze Zeit nach Fort Holmes hin zu leihen .
Auf der Bahn sei's nah , und wenn sie dann die Zither hätten ( und er wisse wohl , eine Zither sei noch viel schöner als eine irish harp ) , dann wollten sie spielen und die .
Aber nicht , nichts Englisches , alles Englische tauge nichts .
Und dann sollten die Indianer tanzen oder auch die Nigger , deren sie seit kurzem ein paar von Galveston her hätten , und wenn dann der Tag auf die Neige ginge , dann wollten sie sich auf den Wallgang setzen und den Mond aufgehen sehen und bei Brandy und Whisky , er habe noch einen feinen alten Glen Fillan , ihren Schwatz haben , von Chattanooga und Grant und Sheridan und von Bismarck und Moltke und .
In dieser Weise – denn Fort Holmes war ein einsamer Posten , ebenso wie Fort MacCulloch – drang man gleich am ersten Abend in Lehnert ein , dieser aber , den ein ernstliches Verlangen erfüllte , dem vielwöchentlichen Nichtstun ein Ende zu machen , blieb nur bis über den zweiten Tag .
Am Morgen des dritten nahm er Abschied und schritt vom Fort aus auf das gleichnamige Stationsgebäude zu , das , in kaum halbstündiger Entfernung , gerade da , wo der Schienenweg aus dem Gebirge trat , in einer halbmondförmigen Ausbiegung am Saum eines Ahornwäldchens lag .
Die kleine Bahnhofsuhr von Station Holmes zeigte neun Uhr früh , als Lehnert daselbst eintraf .
In einer Viertelstunde mußte der von Galveston nach dem Norden führende Zug dasein , er kam aber mit erheblicher Verspätung , so daß Lehnert und die wenigen Personen , die mit ihm auf dem Bahnsteige warteten , sich beim Einsteigen in die Wagen beeilen mußten .
Diese waren nur schwach besetzt , und in dem Coupé , darin sich's Lehnert alsbald bequem zu machen suchte , befand sich nur ein einziger Mitreisender , ein junger Mann von achtzehn Jahren , der , wiewohl einigermaßen abweichend von der Mode gekleidet , trotzdem leicht erkennen ließ , daß er einem guten Hause zugehörte .
Seine Züge verrieten den Deutschen , während andererseits die Sicherheit und Ruhe seiner Haltung mit gleicher Bestimmtheit zeigte , daß er , wenn auch vielleicht nicht in Amerika geboren , so doch jedenfalls amerikanisch geschult sei .
Die Gegend schien er zu kennen .
Er las , in die Ecke gedrückt , eine Galveston-Zeitung und hatte den linken Arm auf eine Ledertasche gestützt , in deren Messingschild , wenn nicht alles täuschte , der Name des jungen Reisenden eingraviert war .
Lehnert suchte denn auch das Eingravierte zu lesen , was ihm unschwer glückte .
stand in oberster Reihe , dicht darunter aber in etwas kleinerer Schrift :
Das war beinah eine Biographie , mindestens eine volle Adresse .
Lehnert , als er Namen und Ortsangaben entziffert hatte , war von dem allen aufs äußerste betroffen , und wenn er schon vorher den Wunsch einer Gesprächsanknüpfung gehabt hatte , so steigerte sich dieser Wunsch jetzt bis zum festen Entschluß .
Er wollte nur warten , bis der Mitreisende das Zeitungsblatt aus der Hand gelegt haben würde .
Das war nun geschehen , und Lehnert sagte :
Der , an den die Frage sich richtete , bejahte mit vieler Freundlichkeit und fragte dann seinerseits , woran er ihn erkannt habe .
, sagte Lehnert .
, fuhr Lehnert fort , , antwortete Tobias und streckte ihm die Hand entgegen .
Lehnert erschrak fast .
Lehnert , als sein junger Mitreisender so sprach , starrte nachsinnend vor sich hin und rauchte dabei mit verdoppelter Energie .
Dann warf er den Stummel weg , und es war ersichtlich , daß er sich einen Plan gemacht und eine Frage vorbereitet hatte .
Trotzdem schwieg er noch immer .
Endlich nah m er den Hut vom Kopf , strich sich über das volle Haar und sagte :
Der andere lachte .
Lehnert sah unausgesetzt in die Landschaft hinaus .
Erst nach einer Weile nahm er das Gespräch wieder auf und sagte :
Tobias schwieg .
Toby nickte .
Lehnert aber , als er gleich danach in Erfahrung brachte , daß man in weniger als einer halben Stunde schon auf Station Darlington eintreffen werde , ließ das Thema , das er vorläufig als erledigt ansah , fallen und sprach statt dessen von Utah und den Heiligen am Salzsee , von Portland , wohin er , um von dort aus in ein China-Handelshaus einzutreten , eigentlich habe gehen wollen , und zuletzt auch von Kalifornien .
fragte Toby .
Lehnert lachte :
Toby sah ihn groß an .
Unter diesem Gespräche hatte man Darlington erreicht , und beide stiegen aus .
Ein kleines Ponygefährt war schon vorher bis dicht an das Stationsgebäude herangefahren , und ein junges Mädchen von kaum sechzehn Jahren hielt die Zügel in Händen .
Ein listig dreinschauender junger Cherokee , der den Dienst auf der Station hatte , stand neben dem Gefährt und wartete .
Diesem warf das junge Mädchen mit großer Geschicklichkeit die Zügel zu , sprang vom Wagen und war im nächsten Augenblick in herzlichem Gespräch mit ihrem Bruder .
Dies Gespräch aber , wenn nicht alles täuschte , drehte sich um Lehnert und ob man ihn nicht sofort nach Nogat-Ehre mit hinausnehmen solle , was die Schwester von ihrem zu fordern schien .
Und in der Tat trat dieser noch einmal an Lehnert heran und sprach in dem Sinne , wie's Ruth gewollt hatte .
Lehnert blieb aber fest und beharrte bei seiner Ablehnung .
Er werde die Nacht im Stationshause zubringen und am anderen Morgen auf die Farm hinauskommen .
So sei's am besten , und Toby solle nur vorher schon für ihn sprechen und nichts von dem vergessen , was er ihm gesagt habe .
Damit trennte man sich , und eine Minute später rollte das Ponygefährt wieder in die Landschaft hinein .
Toby fuhr jetzt , während Ruth den Arm um des Bruders Schulter gelegt hatte .
Der blaue Schleier flog , und an einer Biegung des Weges sahen sich beide noch einmal um und grüßten .
, sagte Lehnert .
18. Kapitel Achtzehntes Kapitel Am anderen Morgen wollte Lehnert nach Nogat-Ehre hinaus und daselbst sein Heil bei den Mennoniten versuchen .
Aber bis dahin war noch eine lange Zeit , lang und bedrücklich , abgesehen davon , daß es Schwierigkeiten zu haben schien , auf der Station eine Bewirtung und selbst ein Unterkommen zu finden .
Als dies Unterkommen aber erst bewilligt war , fand sich auch ein Essen :
ein Huhn , das bei Eintreffen des Zuges noch im Wegekies umhergescharrt hatte .
Dabei blieb es denn freilich – es war eine von den Einsamkeitsstationen – , und Lehnert , um die Zeit notdürftig hinzubringen , sah sich gezwungen , stundenlang alte Geschäftsanzeigen und noch ältere Fahrpläne zu lesen .
Dann und wann kam ein Zug , das war etwas , aber die daraus erwachsende Zerstreuung war doch nur gering und jedenfalls immer nur von kürzester Dauer .
Der letzte Zug kam um neun Uhr vierzig Minuten und war ein Expreßtrain , der , auf der Strecke von Galveston bis St .
Louis nur dreimal auf längere Zeit anhaltend , an einer so kleinen Station wie Darlington mit rasender Geschwindigkeit vorübersauste .
Lehnert sah diesem Zuge nach und freute sich der am letzten Wagen ausgehängten Laterne , die , wie suchend , auf die durchflogene Strecke zurückzublicken schien ;
plötzlich aber schwand das Licht in einem Nebelstreifen , so wenigstens kam es ihm vor , und als Lehnert es wiederzufinden trachtete , sah er plötzlich statt des einen Lichtes viele Lichter , wie wenn der Zug mit seinen erleuchteten Waggons eine Biegung gemacht und aus der senkrechten Linie in die waagerechte übergegangen wäre .
Jeden Augenblick war er denn auch gewärtig , das helle , lichterreiche Bild , in dem er nach wie vor den Zug vermutete , zwischen den Bergen verschwinden zu sehen .
Als es aber blieb , überkam ihn eine Neugier , und er fragte den jetzt dienstfreien Beamten , was es sei .
, wiederholte Lehnert und sah unausgesetzt auf das Geflimmer , das ihn friedlich wie die Sterne zu grüßen schien .
Lehnert war früh auf und hatte wieder auf derselben Bank am Stationshause Platz genommen , von der aus er , am Abend vorher , erst auf den verschwindenden Eilzug und dann auf die bleibende Lichterreihe von Nogat-Ehre geblickt hatte .
Der Morgen war frisch und steigerte das Wohlgefühl , das ihm ein guter und auskömmlicher Schlaf gegeben hatte , trotzdem war seine Zuversicht hin und einem starken Zweifel gewichen , dem Zweifel , ob er , trotz seiner Unterredung mit Tobias , den Schritt auch tun und sich in Nogat-Ehre melden solle .
Wie war sein Leben verlaufen ?
Unter Abenteuer und Gewalttätigkeit und unter Auflehnung gegen Ordnung und Gesetz .
Und er wollte sich bei den Mennoniten verdingen ?
Ja , wer waren denn die Mennoniten ?
Damals , als er noch im Camp in Dakota lag und abends beim Gin immer nur ein Witzeln über die Mennoniten hörte , die für reich galten und weiter nichts , da hätt es vielleicht gepaßt , weil er's nicht besser wußte .
Sechsundzwanzigstes Capitel Primula saß in ihrem Studirzimmer an einem mit neuen Büchern , Journalen und Papieren bedeckten Tische .
Nach dem Empfangszimmer , das gleichfalls erleuchtet war , stand die Thür offen .
Sie hatte soeben ein längeres Gedicht beendigt , das noch heute Abend an die Redaction eines belletristischen Journals geschickt werden mußte , in dessen Briefkasten schon dreimal , unter der Chiffre die Notiz gestanden hatte :
Hochverehrte Frau !
wir harren sehnlichst auf das versprochene Manuscript .
– Da lag es nun , das versprochene Manuscript !
Eben war das letzte Pünktchen über das letzte i gemacht und schon sollte es hinaus in die weite , liebeleere Welt , bevor noch er , der sie zu all' diesen glühenden Strophen begeisterte , eine Zeile davon gehört hatte .
– Wenn er nur so früh käme , daß sie ihm wenigstens doch ein paar Verse vorlesen könnte , ehe die junge anlangte , in deren Beisein es natürlich nicht möglich war !
Da , horch !
war das nicht die Klingel an der Hausthür ?
Die Hausthür wird geöffnet – eine weiche Männerstimme – er ist's !
er ist's !
Dank , ihr gütigen Götter !
Primula warf einen schnellen Blick in den Spiegel , der über ihrem Arbeitstische hing und strich sich die blonden Locken aus dem blassen Gesicht , ergriff eine Feder und fing an ( ohne Tinte darin zu haben ) mit nervöser Heftigkeit auf einem weißen Blatt Papier zu kritzeln .
fragte bald darauf die weiche Stimme neben ihr .
rief die Dichterin , die Feder aus der Hand werfend ;
Oswald mußte sich in sein hartes Schicksal ergeben .
Plötzlich ertönte die Hausglocke .
Der Ton schien für die Dichterin nur ein Signal zu sein , mit doppelter und dreifacher Geschwindigkeit zu lesen , wobei sie ihrem Hörer , gleichsam um ihn am Entfliehen zu hindern , die Hand auf den Arm legte .
Noch fehlten vielleicht nur noch dreißig Strophen , da rauschte in dem Nebenzimmer ein seidenes Gewand , und in der offenen Thür , die nach dem Empfangszimmer führte , stand plötzlich die graciöse Gestalt .
fragte die junge Dame , mit einem halb scheuen , halb kecken Blick auf Oswald ;
erwiderte Primula in einem wehmüthigen Ton , das Manuscript auf den Tisch legend und sich erhebend ;
Damit schob die aufgeregte Dichterin ihre Gäste ohne viele Umstände in das Nebenzimmer , indem sie dabei Oswald zuflüsterte :
Sie ließ die Portiere fallen , sei es , um ungestört zu sein , sei es , um nicht zu stören ;
und Oswald und Emilie standen einander gegenüber , Oswald sprachlos vor Erstaunen über die so seltsame und unerwartete Auflösung des Räthsels , und Emilie ebenfalls trotz ihrer Gewandtheit und Keckheit für einen Moment rathlos ;
aber schon im nächsten hob sie die gesenkten Wimpern , lachte Oswald schelmisch aus ihren großen grauen Augen an und sagte rasch und im Flüsterton :
antwortete Oswald , unwillkürlich denselben raschen und heimlichen Ton anschlagend .
Ein Blick der glänzenden Augen und ein Zucken des reizenden Mundes füllten die Pause , welche die junge Dame in ihrer Rede machte , sehr beredt aus .
Oswald vermochte noch immer nicht , sich in die eigenthümliche Situation zu finden .
Er hatte Helenen erwartet , er fand Emilie , – Emilie , deren lieblich kokette Erscheinung ihn so wunderbar an einige der reizendsten und zugleich peinlichsten Scenen in dem wirren Drama seines Lebens mahnte , Emilie , der gegenüber er sich von vornherein zu einer entsagungsvollen Rolle verurtheilt hatte , aus welcher der Uebergang in die eines Liebhabers nicht eben leicht war .
Von den verschiedensten Empfindungen auf einmal bestürmt , suchte er vergeblich nach Worten .
fuhr Emilie , durch Oswalds Schweigen einigermaßen entmuthigt , in dem Tone eines verzogenen Kindes fort , dem ein hübsches Spielzeug vorenthalten wird und das deshalb große Lust hat , in Thränen auszubrechen ;
ist es recht , die Bitte – die unschuldige Bitte einer Dame nicht zu erfüllen und sie dadurch zu einem Schritt zu zwingen , den sie kaum vor sich selbst , geschweige denn vor dem Urtheil der Welt verantworten kann ?
Oswald trat unwillkürlich einen Schritt zurück und erwiderte in halb ernstem , halb spöttischem Ton :
Emiliens liebreizendes Gesicht , das bis dahin im rosigsten Lächeln gestrahlt hatte , wurde leichenblaß .
Ihre großen Augen wurden noch größer und starr , wie die Augen Jemandes , der einen heftigen physischen oder psychischen Schmerz zu erdulden hat ;
um ihre bleichen Lippen zuckte es krampfhaft , als ob sie etwas sagen wolle und doch nicht die Kraft dazu finden könne .
Ihre Glieder zitterten , sie griff nach der Lehne eines Stuhls , der in ihrer Nähe stand .
So tief hatte der Pfeil nicht verwunden sollen .
Oswald schämte sich seiner Grausamkeit , um so mehr , als es ihm mit der catonischen Strenge , die er herausgekehrt hatte , so gar ernst nicht wahr .
Er trat lebhaft auf Emilien zu ;
er ergriff ihre Hand , die er fest hielt , obgleich sie schwache Anstrengungen machte , ihm dieselbe wieder zu entziehen ;
er beschwor sie in leidenschaftlichen Worten , ihm zu verzeihen :
er bereue , was er gesagt habe ;
– sein Herz sei krank , sein Kopf verwirrt , sein Mund spreche oft , wovon sein Kopf und sein Herz nichts wüßten .
– Sie solle ihm Gelegenheit geben , zu sich selbst zu kommen , sich vor sich selbst und vor ihr zu rechtfertigen .
Emiliens Schmerz schien durch diese Worte und vielleicht mehr noch durch den innigen Ton , in welchem sie gesprochen wurden , einigermaßen gelindert zu werden .
Sie hatte sich auf den Stuhl gesetzt , auf dessen Lehne ihre kleine Hand vorher gezittert hatte ;
ihre Thränen begannen reichlich zu fließen , sie duldete es , daß Oswald , der sich über sie beugte , die Hand mit Küssen bedeckte , während er nur noch in leisen Worten , die mit jedem Augenblick leidenschaftlicher und zärtlicher wurden , ihre Verzeihung für seinen Wahnsinn – wie er es nannte – erflehte .
Ihr Weinen wurde sanfter , wie eines kleinen Kindes Weinen , dem die Puppe , die ihm verweigert wurde , nun endlich doch unter Küssen und Liebkosungen in die Arme gelegt wird .
Beide , Oswald sowohl wie Emilie , schienen ganz vergessen zu haben , daß sie sich in einem fremden Hause befanden , wo jeder nächste Augenblick ihnen eine beschämende Verlegenheit bereiten konnte , und sie durften von Glück sagen , daß ein ebenso unerwarteter wie lächerlicher Zufall ihnen die Besinnung wieder gab , die sie in der berauschenden Süßigkeit des ersten Neigens von Herzen zu Herzen verloren hatten .
Plötzlich ertönte nämlich aus dem inneren Gemach ein so gellender Schrei , daß die Beiden entsetzt in die Höhe fuhren und von dem einen Gedanken , die Dichterin stehe von oben bis unten in hellen Flammen , getrieben , in ihr Zimmer stürzten .
Der erste Blick , als sie die Portiere auseinanderschlugen , belehrte sie nun freilich , daß Primula nicht in Lebensgefahr sei , und als sie näher eilten , sahen sie denn auch , was geschehen war .
Primula hatte , verloren in Bewunderung einer ganz besonders gelungenen Strophe , der sie noch im letzten Augenblick durch eine glückliche Verbesserung einen unbeschreiblich pathetischen Charakter gegeben , statt der Sandbüchse das Tintenfaß ergriffen und den reichlichen Inhalt desselben bis auf den letzten Tropfen über ihr Manuscript und von dort in einem schwarzen Sturzbach auf den Schoß ihres gelbseidenen Kleides geschüttet .
Und da stand sie nun , die vom grausamsten Zufall verhöhnte Dulderin , – stumm , nachdem der erste wilde Schrecken ihr den gellenden Schrei ausgepreßt hatte , die mit Tinte arg besudelten Hände und die wasserblauen thränenden Augen zur Zimmerdecke erhoben , als wollte sie den selbst zum Zeugen anrufen des grauenhaften Schicksals , welches eines seiner begabtesten Kinder getroffen .
Oswald und Emilie hatten Mühe , ihr Lachen über diesen Anblick zurückzuhalten ;
aber alle Anstrengung , ernst zu bleiben , war vergeblich , als jetzt die Dichterin in tragischem Schmerz ihr Antlitz in beide Hände drückte und einen Augenblick nachher , wie der wildsten Zone wildster Krieger , mit schauerlichen Flecken betupft , vor ihnen stand .
sagte die beleidigte Dame mit sanfter Stimme , Die zum Weinen wie zur ausgelassensten Lustigkeit alle Zeit gleich bereite Emilie konnte hier nicht länger widerstehen .
Sie warf sich in einen Lehnstuhl und lachte , daß ihr die Thränen in die Augen kamen .
sagte Primula mit Würde , dann sich zu Oswald wendend , mit dem Tone des sterbenden Cäsar :
und sie wandte sich zu gehen .
rief Emilie aufspringend und ihr in den Weg tretend , Und sie drängte Primula mit sanfter Gewalt an den Trümeau , vor welchem sich sonst die Dichterin an ihrem eigenen musenhaften Anblick zu begeistern pflegte .
Jetzt aber war Hineinschauen , einen Schrei ausstoßen , wie wenn sie das Haupt der Gorgo erblickt hätte , und dann ohne weitere Vorbereitung Oswald , der glücklicherweise dicht hinter ihr stand , ohnmächtig in die Arme fallen , das Werk eines Augenblicks .
sagte Oswald , indem er die Ohnmächtige nach dem Sopha trug .
Auf Emiliens Sturmläuten erschien denn auch alsbald Primula's Zofe ;
aber schon hatte die Dichterin sich soweit erholt , daß sie die Augen halb aufgeschlagen und mit matter Stimme zu Oswald und Emilie sagen konnte :
Fünf Minuten später standen Emilie und Oswald , denen der schläfrige Lebrecht die Treppe hinuntergeleuchtet hatte , auf der Straße .
sagte Emilie , Emilie legte ihren Arm in den Oswalds , und so gingen sie ein paar Augenblicke schweigend nebeneinander .
Es war ein sehr dunkler , stiller Abend .
Die Herbststürme hatten die Bäume kahl gefegt und ruhten jetzt von ihrer wochenlangen Arbeit .
Der Winter stand vor der Thür , aber zögerte noch ein Weilchen , ehe er mit seiner starren Faust daran klopfte .
Auf den Straßen war es äußerst finster .
Emilie schmiegte sich eng an ihren Begleiter , der des Weges durchaus kundig schien .
fragte sie .
– Desto besser .
Ein sanfter Druck des runden Armes belohnte Oswald für diese Galanterie .
Sie waren , ohne weiter zu sprechen , in ziemlich raschem Gange bis an's Thor gekommen .
Sobald sie außerhalb der Stadt waren , fingen sie , wie auf Verabredung , an , langsamer zu gehen .
Oswald fühlte , daß das junge Weib hier an seinem Arme in seiner Gewalt sei , daß es in seiner Macht stehe , sie – nach ihrem Sinne wenigstens – glücklich zu machen .
Die tugendhafte Wallung von vorhin , bei welcher der Stolz , der sich nicht wegwerfen will , bedeutend mitgespielt hatte , war längst verflogen .
Die koketten Reize Emiliens , deren Macht er in der Fensternische von Barnewitz schon hinreichend empfunden , hatten ihre unausbleibliche Wirkung nicht verfehlt ;
und wenn er in diesem Augenblicke auch an die glänzendere Schönheit Helenens und an das dachte , was er seine wahre Liebe nannte , so diente dies nur dazu , ihm die Süßigkeit einer verstohlenen und gewissermaßen verbotenen Leidenschaft desto berauschender zu machen .
sagte er mit dem einschmeichelndsten Ton seiner weichen tiefen Stimme .
erwiderte Emilie , und sie schmiegte sich noch enger und inniger an ihren Begleiter ;
Das klang so kindlich , treu und gut , daß Oswald nicht begreifen konnte , wie er jemals die Liebe dieses liebenswürdigen Geschöpfes habe von sich weisen können .
– Zwei Dinge sind es , welche auf den gemüthlichen und gesellschaftlichen Charakter der Prager besonders einwirken , nämlich die Musik und das Bier .
Der nationelle Sinn für Musik , der in Prag fortdauernd mit großer Kunstliebe gepflegt wird , begunstigt eben so sehr eine gewisse Sanftmuth und Zärtlichkeit der hiesigen Sitten , als das vortreffliche Bier , der zweite Musengott der Bevölkerung , ein mildes Phlegma , eine gedämpfte Gemüthlichkeit in den Umgang bringt .
Auch die schwermüthige Stille , die hier auf den Straßen herrscht , scheint es mir zuweilen zu sagen , daß ich unter einer biertrinkenden Bevölkerung weile , der das künstliche Gebräu aus Malz und Hopfen über Alles gilt , sogar über die edleren Gaben des genialen .
Das Prager Bier , das in den hiesigen Felsenkellern so außerordentlich gut und kühl erhalten wird , besitzt in der That , bei einem eigenthümlich wohlthuenden Geschmack , so substanzreiche Theile , daß es einmal ein Kenner mit Recht ein flüssiges Brot nannte .
Und als solches wird es auch hier vielfältig genossen , da man sogar schon des Morgens mit Bier frühstücken sieht , und die ganze Atmosphäre Prags schien mir beständig so bierdurstig , daß ich das , was ich sonst für eine Barbarei gehalten haben würde , an mir selbst erlebte .
Ja , so bin ich , Heilige !
daß alle Sympathieen , die es nur in der Welt geben kann , augenblicklich auf mich einwirken .
Ist das nicht die alte lächerliche Vielseitigkeit an mir ?
Aber nun denke Dir , was es auf das Temperament eines Volkes für Einfluß haben muß , wo ein so starkes und schweres Bier zum Lieblingsgetränk geworden .
Doch der Prager genießt sein Bier selten ohne – Musik .
Aus den niedrigsten Bierhäusern schallt Dir Harfe , Flöte , Geige , Trompete oder Trommel , fast zu jeder Tageszeit , entgegen , und so wiegt sich die sanfte Biermelancholie schnell in eine weiche Musiksymphonie hinüber , die am Ende sogar in die Füße tritt , und die Schwere des Phlegmas zu einem rasch sich drehenden Tanz bewegt .
Doch ich merke jetzt erst , daß ich eine seltsame Einleitung gewählt habe , um mich heut mit Dir zu unterhalten .
Denn wahrlich von ganz anderen Dingen habe ich mir vorgenommen , Dir zu sprechen .
Ich wollte Dir von der vertriebenen französischen Legitimität , die droben auf dem hohen Hradschin ihren Wohnsitz aufgeschlagen , erzählen .
Es ist bald vier Uhr , und um diese Zeit hört in der Schloßkirche die Messe .
fragt die niedliche freundliche Kellnerin , indem sie sich mit einem wohlgelungenen Knix vor mich hinstellt .
Ich schaffe heut nichts , als einen Fiaker .
Der Regen gießt in Strömen herunter , die Straßen schwimmen , und ich muß hinauf zu dem erhabenen Dom von St .
Veit .
Es waren bald Anstalten getroffen , um mich fortzubringen .
Ich trat in den bedeckten Säulengang , und durch die Kirchthür , und hatte noch Zeit , den merkwürdigen Eindrücken , welche gothische Bauwerke immer auf die Stimmung und das Gemüth hervorbringen , mich zu überlassen .
Das auf hohen gothischen Bogen getragene Schiff der Kirche , die auf mächtigen Wandpfeilern ruhenden Kreuzgewölbe , die vielen in ehrwürdiger Pracht schimmernden Kapellen und Altäre , die stille andächtige Reihe der Betstühle ;
große historische Denkmäler , ehrfurchterregend in ihrem Alter und in ihrer Kostbarkeit ;
auf ihren Gräbern schlafende , in Stein gehauene Könige , Heilige , Märtyrer und Wundertäter ;
wunderbare Wandbilder , bedeutsame Inschriften , seltsam zierliches Schnitzwerk , bunte Malerei auf dem flimmernden Zwielicht der hohen Fenster ;
reicher Kirchenschatz der Metropolitane , Silber , Edelgestein und Vergoldung überall ;
Ballustraden , Baldachine , Kruzifixe , Weihgefäße und silberne Lampen ;
und zu allen diesem Einzelnen die ganze , in vielfache Ecken auslaufende Halle , mit ihrem geheimnißvollen Dunkel , das zuweilen plötzlich von den aus Thüren und Fenstern hereinbrechenden Tageslichtern durchblitzt wird , und mit der luftig schwebenden hohen Decke , zu der das Auge in staunender Verwunderung sich verliert ;
dieser Anblick und dieser Eindruck ist so gemüthserregend , daß man lange bei sich nachdenkt , ohne zu wissen , worüber , und doch wiederholt er sich fast bei jeder gothischen Kirche auf die ähnliche Weise .
Die historische Ehrwürdigkeit dieses alten Domes , der , schon oft dem Sturm der Zeiten verfallen , sich immer wieder , wenn auch nie mehr ganz vollständig in ehemaliger Pracht , erhoben , möchte noch dazu beitragen , die heiligen Schauer zu vermehren , die beim ersten Fußtritt , den man vom Eingang aus auf den tiefer liegenden Marmorboden setzt , die Seele ergreifen .
Etwas Unendliches scheint sich vor Dir aufzuthun , wenn Du die ehrfürchtigen Blicke durch die unbegränzte Tiefe der Kirche hinirren lässest , es ist Dir , als öffne sich die weite , geheimnißvolle , dunkle Zukunft des nach göttlichem Ebenbild geschaffenen Menschengeistes .
Und doch ist diese Unendlichkeit der Anschauung , die an Dich herantritt und in die Du alle Deine Gedanken tauchen möchtest , sie ist nur die Unendlichkeit der architektonischen Perspective , die der gothischen Baukunst eigenthümlich ist .
Diese Perspective in das Unbegränzte und Jenseitige , an der sich in vergangener Epoche der sehnsüchtige Geist des Christenthums zu diesem kühnen Schwung der Bauformen erhoben , regt mich jedoch mehr auf zu Gedanken , als daß sie mich mit einem festen Gedanken beglückte .
Es ist eine sinnliche Unendlichkeit , die darin auch in ihrer Wirkung Aehnliches mit der Musik hat , daß sie mehr Gedankenstimmungen erzeugt , als reine Gedanken zuläßt .
Diese Baukunst ist die in trunkenen Formen aufschwebende Andacht , die zu dem Unbegreiflichen betet , und so verbindet sie sich als das nebenstehende und verwandte Element mit der Kirchenmusik , um die Mystik des katholischen Gottesdienstes hervorzubringen .
Der Katholizismus ist die Religion der Kirche , er bedarf der Kirche zu seinem Glauben und zu seiner Andacht .
Unter freiem Himmel , wo bloß die helle Luft der Gotteswelt scheint und tagt , könnte er nicht bestehen , denn die heiligen Handlungen , die sein eigenstes Wesen ausmachen , sind an die Halle der Kirche , an Altar und Kapelle , an Meßgewand , Betstuhl und Wachskerze gefesselt .
Er bedarf der Baukunst der sichtbaren Kirche , der Dämmerung der Bogengänge , der Vertiefung der Kreuzgewölbe , um alle seine absichtsvollen und künstlichen Wirkungen zu erreichen , um in der Charwoche bald durch plötzlich bewerkstelligte Finsterniß , bald durch wieder aufglimmende Helle der heiligen Bedeutung der Erlösungsgeschichte eine Illusion für die Sinne zu schaffen .
Er bedarf der sichtbaren Kirche , um Katholizismus zu sein .
Es ist gerade wie mit der Legitimität ;
die bedarf des sichtbaren Thrones , um Legitimität zu sein .
Sie bedarf der Herrscherpracht unter goldenem Baldachin , um zu herrschen ;
sie bedarf der Säulen des Königspalastes , um die Macht des Bestehenden auch den Sinnen anzudeuten .
Sie bedarf des Scepters und des Reichsapfels in der Hand , um die Heiligkeit der Ueberlieferung , auf der sie ruht , zu bezeichnen ;
sie bedarf aller durch Jahrhunderte geweihten Insignien ihrer Hoheit , um zu zeigen , daß sie über der Gemeinde , über dem Volke steht , und nicht aus demselben hervorging .
Doch was rede ich von der Legitimität ?
Ich bin ja gekommen , um sie zu sehen .
Die Vesper hat bereits begonnen , aber das königliche Oratorium oben ist noch immer leer , und meine Augen spähen vergeblich nach .
Die Kirche ist mit manchen andern Neugierigen meiner Art gefüllt , die sich flüsternd und erwartungsvoll in den Gängen auf und nieder bewegen .
Es ist ein seltsames Leben in der schon halb verdunkelten Kirche , und ich irre unter lauter unbekannten und fremdartigen Gestalten umher .
Hier und da höre ich französische Laute an mein Ohr dringen .
Nun heißt es , der arme kranke Verbannte , werde heut nicht erscheinen , und die romantisch hochherzige ist in Brandeis .
Dagegen meldet der Kirchendiener , daß der Herzog und die und der zu sehen sein werden .
In der That befanden sich diese drei Mitglieder der vertriebenen Königsfamilie auf einem Umzuge durch die Kirche begriffen , um mehrere Schätze und Reliquien-Kostbarkeiten der reichen Metropolitane in näheren Augenschein zu nehmen .
Eben kamen sie den Gang herunter , um sich in die Wenzelkapelle zu begeben .
Sie schritten dicht an mir vorüber , und ich weiß nicht , mich überfiel es auf Einmal , als wäre ich im Grunde meines Herzens ein Stocklegitimer , denn ich machte der , auf deren ächt bourbonischem Gesicht der höchste Ausdruck von Trauer geschrieben stand , mit der tiefsten und ehrerbietigsten Verneigung Platz .
Fürchte jedoch nichts von mir , es war lediglich die Ehrfurcht vor dem Unglück .
Heiterer sah der aus , und schien sich den resoluten Muth , der ihn in mannigfach mißgünstigen Schicksalen seines Lebens stets ausgezeichnet , auch jetzt noch bewahrt zu haben .
Den kleinen hatte ich noch nicht genau gesehen , und ich folgte daher dem Zuge nach der berühmten , dem heiligen Wenzel gewidmeten Kapelle dieser Kirche .
Die St .
Wenzel-Kapelle , die sich gleich rechts vom Haupteingange befindet , ist die reichste an alten merkwürdigen Reliquien , Denkmälern und heiligen Erinnerungen .
Sie war von Anwesenden ganz angefüllt , und es herrschte eine eigene , ängstliche , drückende Stille , während die verbannte Familie vor dem Altar stand , und sich von dem Priester die aus mehreren Kästchen und Schränken hervorgeholten Kostbarkeiten und Heiligthümer vorzeigen ließ .
Der kleine hat ein hübsches , kluges , verstandvolles Gesicht , mit einer sehr gemäßigten Bourbonicität der Nase , dazu etwas Keckes und in die Zukunft Blickendes in seinem Auge , was , zugleich mit einer Beimischung von leiser , noch knabenhafter Trauer , ihm einen höchst interessanten Ausdruck gab .
Ich muß gestehen , seine Erscheinung , die ich mir anders gedacht , gefiel mir ganz außerordentlich , und ich hatte mich dicht in seine Nähe gedrängt , um ihn recht beobachten zu können .
Hinten in der Ecke der Kapelle standen zwei alte weißbärtige Franzosen zusammengekauert , allem Anschein nach mitausgewanderte , begeisterte Legitime , die den kleinen Duc , den einzig übrig gebliebenen Gegenstand ihrer Hoffnungen , das einzig sichtbare Pfand der wiederherzustellenden Legitimität Frankreichs , mit leuchtenden Augen unverwandt betrachteten .
Ich sah bald auf diese alten merkwürdigen Henriquinquisten hin , die von dem Anblick ihres letzten Bourbonen ordentlich trunken schienen , bald auf den jungen , hoffnungsvollen Henri selbst , der sich von der erst dazu am Arm stoßen ließ , um eine ihm von dem Priester vorgehaltene Reliquie zu küssen .
Ich nahm das für ein gutes Zeichen , und obwohl ich in Frankreich nicht zu den Legitimen gehören würde , freute ich mich doch von Herzen über den , und die alten Henriquinquisten .
Der eifrigste Reliquien-Küsser war der , welcher auf manche Gegenstände dieser heiligen Ueberlieferung drei bis viermal die Lippen heftete , und gar nicht davon ablassen konnte .
Als sie die Kapelle verließen , küßte er noch mit wahrer Inbrunst den an der Thür derselben befindlichen berühmten Ring , woran sich , wie mir der gutwillige Kirchendiener erzählte , der heilige Wenzel , als er zu Altbunzlau von seinem Bruder ermordet wurde , noch in der letzten Todesangst angehalten haben soll .
Die Scene war zu Ende , und die versammelte Menge begann sich allgemach wieder zu zerstreuen .
Ich schritt noch langsam in den Kreuzgängen auf und nieder , und konnte mich noch nicht von dieser wunderbaren Kirche trennen , die jetzt , wo die großen Schatten der Dämmerung von den hohen ernsten Pfeilern herabflossen , am mächtigsten meine Einbildungskraft und meine Gedanken in Bewegung setzte .
Ich hatte den , die Hoffnung der Legitimität , gesehen , und er hatte mir gefallen .
Ich hatte bemerkt , wie er nur widerwillig einige heilige Gegenstände küßte , und hatte mich darüber gewundert , weil ich den Katholizismus immer für die Religion der Legitimität gehalten .
Dennoch hatte es mir auch wieder gefallen .
Jetzt wurden so weitgehende Betrachtungen über diese Dinge in mir rege , daß ich zu dem heiligen Veit ausdrücklich flehte , er möchte mich noch so lange hier in der vertraulich einsamen Halle seines Domes lassen , bis ich mich recht zur Genüge in meinen auftauchenden Vorstellungen ergangen hätte .
Dann wurde wieder die Lust größer in mir , mich an irdischen Gestalten zu zerstreuen , statt in gefährliche Gedanken mich einzulassen .
Ich lief rascher in den Gängen hin und her , daß meine Tritte durch die ganze Wölbung wiederhallten .
Hier und da traf ich noch vor einem Altar oder Heiligenbild der Kirche Betende und Knieende an , darunter einige schöngebildete Frauen , die meine Aufmerksamkeit auf sich zogen .
Der inbrünstige Ausdruck der Andächtigen in den katholischen Kirchen hatte schon oft meine Bewunderung erregt , vornehmlich bei den Pragerinnen , die zugleich nicht verfehlen , alle Lieblichkeit ihrer Gestalt dabei anschaulich zu machen .
In der anmuthigsten Stellung sieht man sie , den Kopf tief auf den Busen heruntergeneigt , wie selbstvergessen in ihrer Frömmigkeit dastehen , während zugleich die dadurch hervortretende Rundung des schönsten Nackens an ein blühendes weltliches Element erinnert .
Und nachdem sie still und zierlich gebetet , machen sie zuletzt dem Bild ihres Patrons , vor dem sie gestanden , noch einmal eine gefällige , graciöse Verbeugung , und entfernen sich dann mit einem allerliebsten Knix aus der Kirche .
Das nenne ich gute Lebensart in der Religion .
Fürwahr , man ist auch dem lieben Gott einige gute Lebensart schuldig , und wenn man vor ihm betet , mag es nicht gleichgültig sein , ob man es in anständigen und schönen Formen thut , oder mit plumpen und ungebildeten Manieren .
Der Katholizismus ist die Religion der schönen Lebensart vor Gott , die Religion der glänzenden Formen in der Andacht .
Es gab einmal einen gewissen Pietismus , der in ein höchst vertrauliches , ich möchte sagen bürgerlich-familiäres Verhältniß mit dem lieben Gott gerathen war .
Dies war die Spenersche Hauspostillen-Zeit , die Morgen- und Abendsegen-Periode in der Theologie .
Diese Frommen – und ich mag nicht untersuchen , wieviel es ihrer noch heutzutage gibt – diese dachten sich den lieben Gott nicht anders , als einen alten guten Papa auf dem Großvaterstuhl in Schlafrock und Pantoffeln , mit dem sie sich Abends , selbst bis auf die Nachtjacke entkleidet , bequem und ohne Umstände unterhalten konnten .
Sie sprachen mit ihm Sachen aus der Wirthschaft , rechneten ihm ihre täglichen Ausgaben und Einnahmen vor , baten ihn um Zuschuß , wo es mangelte , und gelobten ihm , daß sie sich vor Ostern keinen neuen Rock machen lassen wollten .
Gott war wie ein Armenvorsteher gedacht , die ganze Welt als Spital angesehen , und der Fromme wand sich wie ein geduldiger Hospitalit von Tag zu Tag hin mit seinem pietistischen Krankensüppchen .
Es war ein erbärmliches Leben , eine bettelhafte Wirthschaft im Reiche Gottes .
Der Katholizismus hätte einen solchen Pietismus nie erzeugen können , sondern es war vielmehr die erste Folge des Protestantismus , welcher die romantischen Formen der Religion zertrümmert hatte , ohne daß jene Zeit noch die Kraft besessen , die verloren gegangene Hoheit der Kirche durch die größere Hoheit des Geistes zu ersetzen .
Daher das spießbürgerliche Verhältniß zu Gott , in dem dieser Pietismus sein Heil suchte , und worin fast alle geistige Natur des höchsten Wesens in den bloßen Eigenschaften eines mildthätigen Familienvaters zu Grunde ging .
Der Katholizismus , diese Religion der schönen Form , hat dagegen immer etwas Edles und Adliges , etwas Anstandsvolles in seiner Andacht behalten .
Die Kirche wird zum Thronsaal des Allerheiligsten , dem lieben Gott werden hohe feierliche Wachskerzen angezündet , und der Priester legt prächtige Galla an , und weiß tausend Verneigungen zu machen , wenn er sich vor den Altar stellt .
Glöcklein klingen , die strahlende Monstranz wird vorgezeigt , und die umstehende Schaar der Gläubigen stürzt anbetend auf ihr Knie nieder , oder verbeugt sich tief , mit einem huldigenden Gruße .
Alles trägt den Charakter einer festlichen Versammlung , und die Frömmigkeit befolgt streng alle Gesetze des Ceremoniells und der Convenienz .
Meßdiener in Tressenröcken eilen geschäftig auf und nieder , es geht zu wie in einem fürstlichen Salon .
Manchen Heiligenbildern rings umher sind kostbare Schmucke umgehangen , hier und da hat eine Madonna einen Orden bekommen .
Es herrscht die größte Haltung in der Gemeinde , Jeder ist wie von der ehrfurchtgebietenden Gegenwart des Heiligen erfüllt , und Gott steht in Glorie unter seinen Schaaren , die ihm als einem sichtbaren König huldigen .
Im Katholizismus ist Gott als der sichtbare König der Welt gedacht , und die Kirche als Säule und Sessel seines Thrones .
Darum geht der Katholik in die stündlich offenstehende Kirche , wenn er zu Gott seine Seele aufrichten will , und der innere Geheimdienst des Geistes , in dem nur die Gedanken knieen und beten gehen , ohne daß sie nöthig hätten , die Kirche zu suchen , liegt ihrer Gottesverehrung fern und fremd .
Darum wird aber in der katholischen Kirche Gott als dem König gedient , und nicht Gott als dem Geist .
Dem Katholizismus liegt ein royalistisches Element zu Grunde , und indem sich dazu die Heilighaltung der Tradition und die Stabilitätsidee der Kirche gesellt , macht es sich von innen heraus und durch sich selbst anschaulich , wie Katholizismus und Legitimität sich immer in die Hände gearbeitet haben .
Für den Katholizismus wie für die Legitimität gibt es deshalb keine Gesetze der Bewegung .
Sie sind unveränderlich in ihrem Wesen , und während sich Alles in der Geschichte um sie her bewegt , können sie Geschichte und Bewegung nicht anders ansehn , als für einen Abfall von ihrem eigensten Dasein .
Dennoch kenne ich auch Bewegungsmänner im Katholizismus .
Ich denke an in Wien , einen ausgezeichneten Mann , dessen persönliche Bekanntschaft für mich von großer Bedeutung war .
Günther hat den tiefsinnigen Strom der Speculation als Bewegungsidee in das Bestehende der Kirche hineingeleitet , und sogar die Tradition auf eine philosophische Grundlage geschoben , sodaß sie nicht mehr einzeln und abgetrennt dasteht von einer geistigen Wurzel .
Dadurch hat er den Katholizismus bewegt .
Ich nenne Günther einen Bewegungsmann des Katholizismus , denn wo Geist ist , da wird Bewegung .
Und sein reicher poetischer Genius hat einen die veralteten Formen überdeckenden Blüthenschauer ausgestreut , und selbst der Humor kommt ihm zu Hülfe , um einen frischen Jugendzauber hervorzulocken , und aus verfallenem Gemäuer grünes , duftiges Gesträuch zu treiben .
Aber es ist dennoch Alles vergeblich .
Günthers Verdienst würde welthistorisch sein , wenn es nicht so ganz unhistorisch wäre .
Denn die Bewegung des Katholizismus war schon die Reformation .
So bleibt denn einem Geist , wie Günther , nichts weiter übrig , als vermittelnde Tendenzen einzuschlagen , die er auch bereits in seinem auf eine merkwürdige Weise begonnen .
Auf seinem eignen Grund und Boden ist der Katholizismus nicht zu bewegen , wenn er Katholizismus bleiben soll .
Ein legitimer Thron , der bewegt wird , wird erschüttert .
Die erschütterte Legitimität kann nur durch neues Leben und neue Gesetze wieder befestigt werden .
So geht es auch den Bewegungsmännern der Legitimität selbst , die allen Parteien nur in einer zweideutig schillernden Stellung gegenüberstehen .
Es gibt auch Bewegungsmänner mitten in der Legitimität .
Einen solchen nenne ich Chateaubriand .
Wie viel hat er nicht für die Bewegung gewirkt , selbst indem und während er für das Bestehende kämpfte !
Solche Geister treibt die eigene Unruhe ihrer Kraft sogar wider Willen vorwärts , da sie nirgends Frieden und Heimath haben , bis ihre Kraft endlich in der Auflösung des Gegensatzes durch den Gegensatz mit zerrieben wird .
Auch an den seltsamen denke ich , und an seine Paroles d'un Croyant !
Ein wie verschiedener Mann von Günther , und doch haben beide , als Männer des katholischen Fortschritts , viel Aehnliches mit einander gemein !
Ja , ich glaube , daß Günther sich den früheren Schriften von anfänglich angeschlossen hat , wenn er auch die Paroles , über die ich ihn jedoch nie sprechen gehört , schwerlich anders als verdammen wird .
Denn der Jacobinismus in der Theologie , dem sich in dieser listig berechneten Schrift hingegeben , ist der sittlich edlen und geistig reinlichen Natur eines Günther durchaus entgegengekehrt .
Er , der Schöpfer des speculativen Katholizismus , will eine wissenschaftliche Bewegung , welche die Parteien des Glaubens in der Idee der Wissenschaft vermitteln und vereinbaren soll .
aber predigt einen religiösen Radikalismus , einen frommen Straßenaufruhr , so unglaublich auch immer eine solche Zusammenstellung klingen kann .
Aber wer weiß , was noch alles für Wortformen , für pikante Zusammenwürfelungen von Adjectiven und Substantiven nöthig werden , um das , was die Zeit immer bunter in einander übergreifen läßt , zu bezeichnen , denn auch in die Sprache schlägt die Bewegung schneidend ein .
Und predigt zu den Ouvriers , zu den Tagelöhnern , zu den Handwerksgesellen , er führt eine demagogische Andacht in den Schenken und niedrigeren Weinhäusern ein , und bewaffnet die gefährlichste Klasse des Volkes mit giftig scharfen Sentenzen .
Die Worte eines Gläubigen sind mehr aus kirchlich politischer , als aus religiöser Bedeutung anzusehen .
Es ist ein politischer Feldzug auf dem Gebiet der Kirche , mit einem großen , zum Theil einzigen Talent der Form ausgeführt .
In Frankreich war diese Erscheinung längst zu erwarten , und ich wundere mich , daß sie nicht schon früher sich da gezeigt hat .
Der , nach vorhergegangener Excommunication kaum wieder zu Gnaden angenommen vom heiligen Vater , mußte es sein , der abermals durch eine mit dem größten und salbungsvollsten Ernst versponnene Intrigue gewaltiges Aergerniß erregte vor dem päbstlichen Stuhl .
Aber in Frankreich war der Katholizismus lange der Bewegung verfallen , in Frankreich , das die ersten Kriegsheere gegen die Legitimität auf den Schauplatz der Geschichte gestellt hat .
Sobald sich dies Volk bestimmt in dem Gedanken gefaßt hatte , daß es das Volk der Bewegung sei für die neueren Zeiten , wurde es ihm nothwendig , den Begriff der Staatsreligion aufzuheben im Lande .
Der Katholizismus , die Religion der Legitimität , konnte nicht mehr Religion sein des an die Bewegung hingegebenen Staates .
So wurde die Idee der Aufhebung der Staatsreligion zuerst unter den Franzosen lebendig , aus keinem andern Grunde aber , als weil diese Staatsreligion der Katholizismus war .
Wie er sich in die Gräfin verliebt , und was der Doctor ohne Bart für eine Oration gehalten Dieser Phantast hätte seinen Sermon nach Art der heutigen Oratorum noch weiter hinausgeführet , wenn nicht der Spitalmeister von der Compagnie wäre gebeten worden , das Gefängnis dieses elenden Menschen zu verlassen und einen andern Eselskopf zu zeigen , weil sie gesonnen waren , bald wiederum zurückezugehen .
Hiermit führte er uns über eine Treppe weiter hinauf , und in dem Hingang erzählte er uns , wie eigentlich dieser Mensch zum Narren geworden wäre .
, sagte er , , sagte Lorenz , Auf solches führte er uns etliche Kammern vorbei , welche mit Numero 1 , 2 , 3 , 4 , 5 , 6, 7 , 8 und so fort bezeichnet waren .
In diesen Kammern hörten wir teils geigen , teils singen und auf andern Instrumenten spielen .
Da berichtete uns der Spitalmeister , daß solche musikalische Narren wären , die sich über der Composition , über dem Solmisieren und über Auszählung des Tons zu Narren studiert und meditiert hätten .
Unter diesen wären ihrer etliche , die wollten nicht leiden , daß man sagen sollte Hackbrett , sondern man solle es Clavicimbal heißen .
Dieselben Narren hatten die Zelle Numero 1. Andere disputierten , es wäre besser , wenn man die Knaben g , a, b , c , d , e solmisieren lernte als Ut , re , mi , fa , sol , la .
Diese Narren waren in Numero 2 logieret .
Die dritte Zelle hatten die närrischen Contrapunctisten inne , die vierte die Bergsänger mit ihren Coloraturen und Cogritzen .
In der fünften lagen diese gefangen , welche , ihre erlernte Musik zu probieren , sich von ihrem Lehrmeister haben Lehrbriefe geben und sich frei und ledig sprechen lassen .
Die sechste beschloß diejenigen , welche meinen , sie sind Meister alleine und sonst niemand .
Dieses war fast die allergrößeste Zahl .
In der siebenten saßen diese , welche fremde Autores auf die Stücke zu schreiben pflegen , der Composition ein desto besseres Ansehen zu machen .
In der achten Kammer war der anzutreffen , der im Satyrischen Componisten so gute Virtuosos durchgezogen .
Die neunte Kammer war mit hölzernen Singetafeln , wie man in den Gymnasiis brauchet , angefüllet .
Mit einem Wort , wer da alles beschreiben wollte , der würde in Wahrheit eine unmögliche Arbeit auf sich nehmen .
Es hatten auch diese keine kleine Zelle in Besitz , welche sagen , kein Teutscher könnte eine französische Partie machen .
Anderer Narren zu geschweigen , welche wie die Hummeln und Wespen übereinander her wimmelten , daß man einen vor dem andern kaum kennen konnte .
Als wir nun bei jeder Zelle bei dem Loche hineingegucket , eileten wir über eine andere Treppe wieder hinunter , denn der Spitalmeister wollte uns den berufenen Doctor ohne Bart zeigen , dessen Person wir alle zu sehen so sehr gewunschen .
Sobald er vor dessen Gitter den Vorladen aufgeschlossen , guckte er wie eine Spitzmaus hervor und , fing er an , Capitul 20 Capitul XX Judicium über das frühzeitige Doctorieren , sagte Lorenz , , sagte der Doctor ohne Bart ferner , Als er noch so redete , kam derjenige die Treppe hinauf , welcher von der Frau verfolget worden .
, sagte , Diese Wort hörte der Fremde , und die ganze Compagnie bekam dadurch Gelegenheit zu fragen , wo denn mit der Frau geblieben ?
Man hatte sich bis daher so sehr in die Narren verliebt , daß man ihres Abseins nicht gewahr worden .
Deswegen schickte man zwei Knechte hinaus , sie hereinzubringen .
Der Fremde aber trat zu dem Gitter des Doctors ohne Bart und sprach :
sagte der Doctor ohne Bart , , antwortete der vorige , Mit solchen Worten ging der Kerl wieder von dem Gitter und machte vor uns eine Abschiedsreverenz .
, antwortete der Doctor gegen uns , Es wußte sich unter unsrer Compagnie keiner in diesen Wortstreit zu finden .
Aber der Spitalmeister sagte :
, sprach Lorenz hinter der Wiesen , Capitul 21 Capitul XXI Sie hören den dritten Narren erzählen , wer er sei , sprach der Spitalmeister , In diesem Gespräche verließen wir den ehrlichen Doctor ohne Bart und gingen eine andere Reihe Kammern vorbei .
Darinnen saßen allerlei Künstler und Handwerksleute , darinnen auch , der berühmte Spanier , war , welcher sich unterstanden , mit einem Schiffe in der Luft zu segeln .
Auf der anderen Seite saßen allerlei Historici und Bücherschreiber .
Über diesem Saal hatten die ihr Logament , unter welchen man etliche an den Ketten rasseln hörte .
Auf der Abseite dieses Saals hatte es eine steinerne Treppe in ein Rondell , darinnen die Jungfern , so gerne Männer hätten , in unbeschreiblicher Zahl anzutreffen waren .
Die vom Adel hatten das obere , die Bürgerstöchter aber das untere Zimmer , denn weil sich die vom Adel um etliche Grad höher aestimieren , so sind sie billig auch um etliche Grad in dem Narrenspital höher als andere logiert worden , denn der Spitalmeister war hierinnen sehr vorsichtig und absonderlich dahin beflissen , damit ja jeder nach seiner Dignität und Würde accomodiert möchte werden .
Unter diesem Rondell des Frauenzimmers war ein Soldat in einem Gefängnüß , redete nichts als von Stürmen , Feuer- und Granatkugeln , von Mörsern und Kartaunen , wie er nämlich mit einer Muskete zwei Königreich über den Haufen schießen und mit einem Strohwisch sechs Festungen einnehmen wollte .
Auch hörten wir ihn schreien und rufen , daß er Breisach mit einer Butzschare so versperren wollte , daß man weder Proviant noch Munition hineinbringen könnte .
Es war kein Obrister im ganzen Land , welchen er nicht kennete , und er gab vor , als wäre er ehedessen ein Walfisch in der Insel Rügen gewesen .
Grete bei Gigas Es war den andern Vormittag , und von Sankt Stephan schlug es eben zehn , als Trud und Grete die Lange Straße hinaufgingen .
Trotz früher Stunde brannte die Sonne schon , und beide standen unwillkürlich still und atmeten auf , als sie den schattigen Lindengang erreicht hatten , der , an der niedrigen Kirchhofsmauer entlang , auf das Predigerhaus zulief .
Auch dieses Haus selber lag noch unter alten Linden versteckt , in denen jetzt viele Hunderte von Sperlingen zwitscherten .
Eine alte Magd , als die Glocke das Zeichen gegeben , kam ihnen von Hof oder Küche her entgegen und wies , ohne gegrüßt oder gefragt zu haben , nach links hin auf die Studierstube .
Wußte sie doch , daß immer willkommen war .
Es war ein sehr geräumiges Zimmer , mit drei großen und hohen Fenstern , ohne Vorhänge , wahrscheinlich um das wenige Licht , das die Bäume zuließen , nicht noch mehr zu verkümmern .
An den Wänden hin liefen hohe Regale mit hundert Bänden in braun und weißem Leder , während an einem vorspringenden Pfeiler , gerade der Tür gegenüber , ein halblebensgroßes Kruzifix hing , das auf einen langen , eichenen Arbeitstisch herniedersah .
Auf diesem Tische , zwischen aufgeschlagenen Büchern und zahlreichen Aktenstößen , aber bis an die Kruzifix Wand zurückgeschoben , erhob sich ein zierliches , fünfstufiges Ebenholztreppchen , das , in beabsichtigtem oder zufälligem Gegensatz , oben einen Totenkopf und unten um seinen Sockel her einen Kranz von roten und weißen Rosen trug .
Eigene Zucht .
Zehn oder zwölf , die das Zimmer mit ihrem Dufte füllten .
Gigas , als er die Tür gehen hörte , wandte sich auf seinem Drehschemel und erhob sich , sobald er Trud erkannte .
Dabei schob er ihr einen Stuhl zu und fuhr in seiner Rede fort :
Er sah , daß Grete zitterte und immer auf Trud blickte , aber nicht um Rat und Trostes willen , sondern aus Scham und Scheu .
Und Gigas , der nicht nur das menschliche Herz kannte , sondern sich aus erbitterten Glaubenskämpfen her auch einen Schatz echter Liebe gerettet hatte , wandte sich jetzt an Trud und sagte :
Und damit erhob sich Trud und verließ das Zimmer .
Grete folgte mit dem Ohr und wurd erst ruhiger , als sie die schwere Hoftür in den Rollen gehn und wieder zuschlagen hörte .
Auch Gigas hatte gewartet .
Nun aber fuhr er fort :
Und nun faltete Grete die Hände und sagte , während sie zu dem Alten aufsah :
Gigas lächelte .
Die Lieblichkeit des Kindes ließ das Feuer , das sonst wohl auf seiner Stirne hoch aufgeschlagen hätte , nicht übermächtig werden , und er sagte nur :
Und sie zog in freudiger Erregung eine Goldkapsel aus ihrem Mieder .
Gigas war einen Augenblick zurückgetreten , und seine roten Augen schienen röter geworden .
Aber er sammelte sich auch diesmal rasch wieder und nahm die Kapsel und betrachtete sie .
Sie hing an einem Kettchen .
In das obere Kapselstock war eine Mutter Gottes in feinen Linien eingegraben , innerhalb aber lag ein rotes Seidenläppchen und in diesem der Splitter .
Der Alte knipste das Deckelchen wieder zu und sagte dann ruhig :
Sie wollte seine Hand küssen , aber er litt es nicht und begleitete sie bis an die Stufen , die von der Diele her zu der Haustür hinaufführten .
Hier erst wandt er sich wieder und ging über Flur und Hof auf den Garten zu , wo Trud , inmitten eines Buchsbaumganges , in stattlicher Haltung auf und nieder schritt .
Beide begrüßten einander , und die Magd , die von ihrem Küchenfenster aus sehen konnte , wie der Alte sich aufrichtete und grader ging als gewöhnlich , verzog ihr Gesicht und murmelte vor sich hin :
Und dabei kicherte sie und ließ an ihrem Lachen erkennen , daß sie den Gedanken in ihrer Seele weiterspann .
Trud und Gigas waren inzwischen den Garten hinaufgegangen und hielten vor einem runden Beet , das mit Rittersporn und gelben Studentenblumen dicht besetzt war .
, sagte Gigas .
In Truds Auge zuckte wieder ein gelber Strahl auf , denn sie hörte nicht gern eines andern Lob , und in herbem Tone wiederholte sie :
Sie hatten ihren Gang um das Rondel herum wiederaufgenommen , aus dessen kleinen dreieckigen Beeten die junge Frau jetzt einzelne Blumen pflückte .
Beide schwiegen .
Endlich sagte Trud :
Und sie senkte den Blick .
6. Kapitel .
Das Maienfest Sechstes Kapitel Das Maienfest Ein Jahr beinah war vergangen , und die Tangermünder feierten , wie herkömmlich , ihr Maienfest .
Das geschah abwechselnd in dem einen oder andern jener Waldstücke , die die Stadt in einem weiten Halbkreis umgaben .
In diesem Jahr aber war es im Lorenzwald , den die Bürger besonders liebten , weil sich eine Sage daran knüpfte , die Sage von der .
Mit dieser Sage aber verhielt es sich so .
, ein , hatte sich in dem großen , flußabwärts gelegenen Waldstück , das damals noch die Elbheide hieß , verirrt , und als der Abend hereinbrach und noch immer kein Ausweg sichtbar wurde , betete sie zur , ihr beizustehen und sich ihrer Not zu erbarmen .
Und als sie so betete , da nahte sich ihr ein Hirsch , ein hoher Elfender , der legte sich ihr zu Füßen und sah sie an , als spräch er :
Und sie bestieg mutig seinen Rücken , weil sie fühlte , daß ihr die das schöne Tier in Erhörung ihres Gebetes geschickt habe , und klammerte sich an sein Geweih .
Der Hirsch aber trug sie , zwischen den hohen Stämmen hin , aus der Tiefe des Waldes heraus , bis an das Tor und in die Mitte der Stadt .
Da blieb er und ließ sich fangen .
Und die Stadt gab ihm ein eingehürdet Stück Weideland und hielt ihn in Schutz und Ansehen bis an seinen Tod .
Und auch da noch ehrten sie das fromme Tier , das der gedient hatte , und brachten sein Geweih nach Sankt Nikolai und hingen es neben dem Altarpfeiler auf .
Den Wald aber , aus dem er die Jungfrau hinausgetragen , nannten sie den Lorenzwald .
Und dahin ging es heut .
Die Gewerke zogen aus mit Musik und Fahnenschwenken , und die Schulkinder folgten , Mädchen und Knaben , und begrüßten den Mai .
Und dabei sangen sie :
Und auch Trud und Gerdt , als der Nachmittag da war , hatten in gutem Mute die Stadt verlassen .
Grete mit Reginen folgte .
Draußen aber trafen sie die Zernitzens , alt und jung , die sich's auf mitgebrachten und umgestülpten Körben bequem gemacht und nun gar noch die Freud und Genugtuung hatten , die jungen Mindes , mit denen sie lieber als mit den andern Bürgersleuten verkehrten , an ihrer Seite Platz nehmen zu sehen .
Auch Valtin und Grete begrüßten sich , und in kurzem war alles Frohsinn und guter Laune , voran der alte Zernitz , der sich , nach Abtretung seines Platzes an Trud , auf den Rain hingelagert und sein sichtliches und immer wachsendes Gefallen daran hatte , der stattlichen , in vollem Staat erschienenen jungen Frau über ihre Schönheit allerlei Schönes zu sagen .
Und diese , hart und herbe , wie sie war , war doch Frau genug , sich der Schmeichelrede zu freuen .
Emrentz drohte mit Eifersucht und lachte dazwischen , Gerdt summte vor sich hin oder steckte Butterblumenstielchen ineinander , und inmitten von Scherz und Geplauder sah ein jeglicher auf die sonnige Wiese hinaus , wo sich bunte Gruppen um Buden und Carrousel drängten , Bürger nach der Taube schossen und Kinder ihren Ringelreihen tanzten .
Ihr Singen klang von der großen Linde her herüber , an deren untersten Zweigen rote und gelbe Tücher hingen .
So mocht eine Stunde vergangen sein , als sie , von der Stadt her , gebückt auf seinem flandrischen Pferde , des alten Minde gewahr wurden .
Inmitten seiner Einsamkeit war er plötzlich von einer tiefen Sehnsucht erfaßt worden , den Mai noch einmal mitzufeiern ;
und nun kam er den breiten Waldweg herauf , auf die Stelle zu , wo die Zernitzens und Mindes gemeinschaftlich lagerten .
Ein Diener schritt neben dem Pferde her und führte den Zügel .
Was wollte der Alte ?
Wozu kam er ?
Und Trud und Gerdt empfingen ihn mit kurzen , rasch herausgestoßenen Fragen , die mehr nach Mißstimmung als nach Teilnahme klangen , und nur Grete freute sich von Herzen und sprang ihm entgegen .
Und als nun Decken für ihn ausgebreitet lagen , stieg er ab und setzte sich an einen guten Platz , der den Waldesschatten über sich und die sonnenbeschienene Lichtung vor sich hatte .
Grete pflückte Blumen und sagte :
Aber der Alte lächelte :
Und sie sah ihn mit ihren großen Augen an und küßte stürmisch seine welke Hand .
Denn sie wußte wohl , was er meinte .
Eine Störung war sein Kommen gewesen , das empfanden alle , vielleicht er selbst .
Der alte Zernitz zeigte sich immer schweigsamer , Emrentz auch , und Trud , um wenigstens zu sprechen , und vielleicht auch , um der beobachtenden Blicke Gretens überhoben zu sein , sagte zu dieser :
, setzte Emrentz hinzu .
Beide wurden rot , denn sie waren keine Kinder mehr .
Aber sie schwiegen und gingen auf die Wiese hinaus .
, sagte Grete .
Und an den Schau- und Spielbuden vorbei nahmen sie , kreuz und quer , ihren Weg auf die kleinen und großen Gruppen zu , die sich bei Ringelstechen und Taubenschießen erlustigten .
Aber zu der Linde , wo die Kinder spielten , gingen sie nicht .
Es war sehr heiß , so daß sie bald wieder den Schatten aufsuchten , und jenseits der Lichtung angekommen , verfolgten sie jetzt einen halbüberwachsenen Weg , der sich immer tiefer in den Wald hineinzog .
Es glühte schon in den Wipfeln , da flog eine Libelle vor ihnen her , und Grete sagte :
Und so gingen sie weiter .
Aber der Teich wollte nicht kommen , und plötzlich überfiel es Greten :
Und sie blieben stehen und horchten .
Aber ob es eine Täuschung gewesen war oder ob die Musik eben jetzt zu schweigen begann , gleichviel , beide strengten sich vergeblich an , einen neuen Klang aufzufangen .
Und es half auch zu nichts , als sie das Ohr an die Erde legten .
, sagte Valtin , Und er schwang sich hinauf und kletterte von Ast zu Ast , und Grete stand unten , und ein Gefühl des Alleinseins durchzitterte sie .
Nun aber war er hoch oben .
rief sie hinauf .
Und gleich darauf war er wieder unten bei der ihn bang Erwartenden .
Sie schlugen nun die Wegrichtung ein , die Valtin von oben her mit der Hand bezeichnet hatte .
Aber sosehr sie spähten und suchten , die Waldwiese kam nicht , und Grete setzte sich müd und matt auf einen Baumstumpf und begann leise vor sich hin zu weinen .
sagte Valtin , Und er umarmte sie und küßte sie herzlich .
Und sie litt es und schlug nicht mehr nach ihm wie damals unter dem Kirschbaum ;
nein , ein Gefühl unendlichen Glückes überkam sie mitten in ihrer Angst , und sie sagte nur :
, sagte Grete .
Und dabei lachten sie beid und schritten wieder rüstig vorwärts , denn die Schilderung von dem Tale hatte Greten erfrischt und ihr ihren Mut und ihre Kraft zurückgegeben .
Und eine kleine Strecke noch , da lichtete sich's , und wie Dämmerung lag es vor ihnen .
Aber statt der Waldwiese war es ein Uferstreifen , auf den sie jetzt hinaustraten , und dicht vor ihnen blitzte der breite Strom .
, sagte Valtin und warf einen Zweig hinein .
Sechsundzwanzigstes Kapitel Der neue Bauer in der Glungge erscheint Endlich war das Kleine wieder entschlummert .
Vreneli hatte es abgelegt , zugedeckt , wollte eben auch die Ruhe suchen , da pochte es draußen .
Der Lümmel , dachte Vreneli , wäre der doch jetzt im Wirtshause geblieben oder drüben in sein Bett gekrochen , was braucht der jetzt so spät mit seinem Gestürm uns unruhig zu machen !
Unwillig öffnete es die obere Tür , aber draußen stand nicht Hans , sondern ein alter Mann mit einem Kopf , der wirklich einem hundertjährigen Weidenstock glich .
sagte rauh der rauhe Kopf .
Erschrocken sagte Vreneli :
, sagte der Mann , Da blieb Vreneli nichts übrig , als Platz zu machen vor der Türe dem großen Mann , hinter dem ein Hund dreinkam wie ein großes Kalb .
Um Uli nicht zu wecken , führte es ihn in die jenseitige Stube und frug , ob es ihm mit etwas aufwarten könne .
sagte der Mann , und dazu betrachtete er Vreneli mit zwei so scharfen Augen , daß Vreneli nicht wußte , was das bedeuten sollte .
Doch Vreneli war keine erschrockene Frau bekanntlich , war eine Frau von dem Selbstgefühl , welches Frauen eigen ist , daß ihnen nichts Unanständiges begegnen werde und daß , je ungestörter sie mit einem Menschen eine halbe oder eine ganze Stunde zubringen könnten , sie um so besser wüßten wie sie mit ihm dran seien .
Wichtig schien es wirklich Vreneli zu wissen , woran man mit dem neuen Bauer sei , und manierlich mit ihm zu sein , damit er nicht Ursache zum Gegenteil hätte .
In diesem Punkte traute es Uli wirklich nicht ganz , denn auch ihns kostete es Mühe , freundlich mit ihm zu sein .
Es zwang sich , hieß ihn , sichs bequem zu machen , fragte ihn , wie er den Kaffee liebe , stark oder schwach , legte buchene Scheiter ans Feuer , damit tannerne durch ihr Sprätzeln niemanden wecken möchten , fragte , ob es dem Hund auch was reichen solle und was derselbe liebe ?
Der Alte gab ganz kurzen Bescheid .
Er sprach fast , als ob er seine Sprache aus einem Exerzierreglement gelernt hätte .
Rasch war das Kaffee fertig , sauber , appetitlich , wackeres Hausbrot samt einer schönen Schnitte Käs stunden dabei .
Oder ob er Butter liebe , frug Vreneli , dieselbe sei aber nicht mehr recht frisch .
Mit der Milch seien sie gegenwärtig nicht am besten bestellt .
Zucker hätten sie keinen im Hause , entschuldigte es sich , dergleichen brauche ein Pächter nicht .
Als alles da war , der Alte es sich behaglich gemacht , zog es einen Korb mit dürren Bohnen an sich , hülsete sie , um die Finger nicht müßig zu lassen .
Ob sie schon lange da seien ?
frug der Alte .
meinte Vreneli , erzählte dann ruhig , welch Unglück sie gehabt und wie sie jetzt davon müßten , ehe sie sich erholt .
Wenn es ihm naß ward in den Augen , so trocknete es sie so unvermerkt als möglich .
sagte der Alte , Wen er damit meine ?
frug Vreneli .
entgegnete der Alte .
Da wurde Vreneli warm , stund ein für und Vetter , absonderlich für die erste , und ließ die Tränen laufen ohne Scheu .
sagte der Mann , sagte Vreneli , sagte der Alte .
Vreneli nannte kurz den Ort .
sagte der Alte , frug der Alte .
Dafür sei gesorgt , sagte Vreneli kurz , sie hätten sich noch guter Leute zu trösten , welche sie nicht im Stiche ließen , wenn sonst auch alles fehle .
sagte der Alte , Das käme immer auf den Verstand an und wie man tue , sagte Vreneli .
Somit stund er auf , Vreneli erschrak fast vor dem Mann und seiner gewaltigen Gliedermasse .
Wenn in einem Walde er ihm begegnet wäre , hätte es ihn für einen übergebliebenen Riesen gehalten und die Flucht genommen .
Auch sein Hund erhob sich , dehnte sich , stund auf die hintern Beine , legte seine vordern Tatzen auf Vrenelis Achseln und leckte ihm das Gesicht .
Ein kleiner Schrei entfuhr Vreneli , als das Untier ihm so nahe kam , doch fiel es nicht in Ohnmacht .
sagte der Alte , sagte Vreneli , Kopfschüttelnd suchte der Alte sein Lager , nachdem ihm Vreneli gute Nacht gewünscht und ihn ermahnt , recht auszuruhen und am Morgen nicht zu früh aufzustehen .
Als Vreneli sich niederlegte , schlief Uli fest , und Vreneli weckte ihn nicht .
Als es erwachte , war Uli fort , ohne daß er um den Gast im Hause wußte .
Er hatte die Kehr , das heißt die Reihe war an ihm , das Wasser auf seine Matte zu lassen ;
die versäumt kein Bauer und wacht , bis das Wasser aufgelaufen , um zu sehen , wie es überall seine Pflicht tue , und damit nicht etwa ein guter Freund und Nachbar in Versuchung gerate , an ihm zum Schelme zu werden und das Wasser zu stehlen .
An der Sonne sah Vreneli , daß es sich verspätet , hantierte nun um so rascher , trieb mit kundiger Hand das Räderwerk des großen Haushalts .
Es glaubte den Gast noch im Bette , sorgte für Stille , um so lange als möglich nicht von ihm gestört zu werden .
Am Herde hantierend , fühlte es plötzlich was Kaltes in der Hand ;
erschrocken und mit einem kleinen Gix drehte es sich um , da war der mächtige Hund , der liebkosend seine kalte Schnauze Vreneli in die Hand gestoßen hatte , und unter der Türe , dieselbe fast ausfüllend , stund des neuen Bauern gewaltige Gestalt .
Eben willkommen war sie nicht , doch Vreneli besaß die Freundlichkeit , welche Mißliebiges überwindet , dasselbe nicht tagelang ablagern läßt , bot freundlich einen guten Tag , hieß ihn zum Frühstück kommen , frug , wie es ihm gefalle hier usw. Neugierig streckten die Kinder eins ums andere ihre Gesichtchen durch die Türe , welche ins Nebenstübchen , wo sie schliefen , führte , fuhren dann mit Schreien und Lachen zurück , wenn sie den fremden Mann und den großen Hund sahen , der sie noch mehr interessierte als der Mann .
Der Mann war ernst , doch nicht unfreundlich , gab gut Lob ihrer Wirtschaft , frug nach Uli , und als endlich die Kinder sich dem Hund zulieb in die Stube wagten , war er freundlich mit ihnen , besonders mit dem kleinen Vreneli .
Der Hund ließ mit ruhiger Ehrenhaftigkeit der Kinder Streicheln sich gefallen , nahm ihnen das Brot ab , welches sie der Mutter für ihn abgebettelt hatten .
Vreneli mußte von den Kindern erzählen , mußte abwehren , daß sie nicht zutäppisch wurden .
Da ging die Türe auf .
schrien die Kinder .
Uli stand da wie Lots Weib , als es Sodom und Gomorrha brennen sah , und glotzte den Mann an mit offenem Munde .
sagte Vreneli , Uli glotzte noch immer , so daß Vreneli es recht ungern hatte , daß Uli so unmanierlich tat .
Der neue Bauer sah Uli auch an , und seltsam zwitzerte es ihm um den Mund und in den Augen .
Endlich frug er :
sagte endlich Uli , sagte der Mann .
sagte Uli .
frug der Bauer .
sagte Uli , sagte der Mann , Ja , jetzt gab es Gesichter , man kann sichs denken , und lange gings , bis Vreneli sich faßte und sagte :
sagte der Mann , sagte er zu Uli , sagte Uli .
Da waren Beide wie aus dem Himmel gefallen , daran hatten sie nicht gedacht .
Hagelhans glich so wenig einem Engländer , nicht einmal einem Neuenburger .
Vreneli schossen die Tränen in die Augen , und Uli sagte endlich :
dSach wäre ihm wohl recht und hart halte es Beide , hier fortzugehen , aber er sei zu arm , um so was mehr übernehmen zu dürfen , und Bürgen wüßte er ihm keinen zu stellen .
Dem Bodenbauer , der wie ein Vater an ihm gehandelt habe , sei er bereits mehr schuldig , als er ihm bezahlen könne .
Ihn nun noch einmal ansprechen wolle er nicht , die Sache könnte fehlen , dann müßte er sich sein Lebtag ein Gewissen daraus machen .
sagte er zu Vreneli und blitzte scharf ihm in die Augen .
sagte Vreneli .
sagte Vreneli , sagte der Alte .
sagte Vreneli .
sagte der Alte .
Vreneli wurde rot und sagte :
Kinder , wie es eins sei , wüßten eigentlich nie recht , ob sie Verwandte hätten oder nicht .
frug barsch Blitzhans .
sagte Vreneli .
sagte Hagelhans , Da saßen sie nun , Uli und Vreneli , sahen einander an , wußten nicht , hatten sie ein Gespenst gesehen oder einen guten Engel .
Unerwartet wie ein Hagel vom Himmel war der grauliche Mann in ihr Leben hineingeplumpst , aber nicht zerstörend , sondern Gaben verheißend .
Er war wie eine Gestalt in der Finsternis , von der man nicht weiß , ist sie Freund oder Feind , die wohl ein Losungswort gibt , von dem man aber nicht weiß , hat man es richtig gehört , ist es das rechte oder nicht .
fragte endlich Uli .
sagte Vreneli .
frug Uli .
sagte Vreneli , sagte Uli , antwortete Vreneli .
, sagte Uli .
IV Sehr bald indessen riß ihn die Ankunft des glücklichen Gemahls aus dem ungewissen Grübeln , wer es wohl seyn könne , denn nachdem man den raschen Galop eines Pferdes vernommen , trat – ins Haus .
Aengstlich und athemlos , das bemerkte Alexander durch die offenstehende Thür des Nebenzimmers , eilte er auf Erna zu .
rief er ihr entgegen .
Ruhig sagte Erna :
– sie zeigte , als sie seinen Namen nannte , durch die offene Thür nach dem Ruhebett im angränzenden Zimmer , auf welchem er lag – Alexander sah Linovsky bei Erwähnung seines Namens erblassen , und es war , als träte eine unangenehme Erinnerung finster vor sein Gedächtnis .
Auch dauerte es einige Minuten , während er sich mit Erna in leisem Gespräch in eine Fenstervertiefung zurückgezogen hatte , wohin sein Blick ihm nicht folgen konnte , bis er zu seinem Lager trat und ihm , als einen der Höflichkeit nicht gern dargebrachten Zoll , einige halb unverständliche Worte von dem Vergnügen , ihn wieder zu sehen und von der Freude , daß sein Haus gerade das nächste bei dem sich ereigneten Unfall gewesen sei , um ihm als Zufluchtsort dienen zu können , zumurmelte .
Alexander stellte sich kränker als er war , um diese Gemeinplätze nur nicht beantworten zu müssen .
In Linovsky's frostigen Mienen , und den feindseligen Blicken , mit denen er ihm gegenüber stand , spiegelte sich ein Theil seiner eigenen Gesinnung , und der herbeigerufene Wundarzt , der eben herein trat , unterbrach sehr willkommen die Spannung dieses nicht wohlthuenden Beisammenseyns .
Erna hatte bereits Charpie und Leinwand zum Verband zurecht gelegt .
Nachdem sie den Chirurgus sorglich gefragt , was er noch außerdem bedürfe , um dem Leidenden recht zu nützen , entfernte sie sich , vor dem Anblick der Sonde erschreckend , die er aus seiner Instrumententasche hervorzog .
Sie warf , als sie , von Linovsky begleitet , hinweg ging , noch einen Blick so voll innigem Mitleids und rührender Theilnahme auf Alexander , daß dieser wie durch Tropfen eines himmlischen Elixirs seine gesunkenen Kräfte gehoben fühlte , und es ihm ein freudiges Spiel ward , sich nun den schmerzhaften Untersuchungen des Arztes zu unterwerfen .
Der Wechsel so stürmender , die innerste Lebenskraft aufreibender Gemüthsbewegungen machte mehr noch als seine Wunden seinen körperlichen Zustand bedenklich .
Ein heftiges Fieber wüthete in seinem Blute , und der Arzt erklärte , daß einige Tage der tiefsten Ruhe durchaus erst dem Versuch vorausgehen müßten , ihn nach einem anderen Aufenthalt zu bringen .
Nicht gern ließ sich Alexander dies gefallen .
Die widerwärtige Ueberzeugung , Linovsky unwillkommen zu seyn , die sein abstoßendes Betragen ihm aufgedrungen hatte , beleidigte seinen Stolz , und machte , daß er trotz Erna's wohlthuender Nähe sich hinweg sehnte .
Und selbst diese Nähe , die ihm den Pfeil des Schmerzes nur immer tiefer in die gespaltene Brust drückte , mußte sie ihm nicht , den Eindruck ihrer Liebenswürdigkeit immer unauslöschlicher machend , das Loos der Mücke , die das Licht umflattert , in seinem Schimmer sich wärmen will , und , von der gefährlichen Flamme in Asche verwandelt , dahin sinkt , als Sinnbild seines eigenen Schicksals , im Spiegel der Zukunft zeigen ?
Alle seine Einwendungen wurden jedoch durch den Ausspruch des Arztes , daß er ohne Gefahr der Verschlimmerung seines Zustandes nicht hinweg gebracht werden könne , widerlegt , und da Erna ihn mit der ihr eigenen , lieblichen , herzgewinnenden Weise bat , sich doch zu gedulden , und ihr die Freude zu gönnen , durch ihre Pflege zu seiner Erholung beitragen zu dürfen , auch Linovsky , nachdem er sich etwas gesammelt hatte , eine etwas wohlwollendere Außenseite zeigte , als vorher , so ergab er sich , wiewohl ein unglückweissagendes Gefühl in seiner Seele ihn mahnte , daß
schleunige Flucht heilsamer für ihn als Bleiben sei .
Denn immer neue , immer achtungswerthere und anziehendere Eigenschaften entfalteten sich in ihrem stillen Thun und Wirken , das er als Hausgenosse unbeobachtet übersehen konnte , und zwar nicht um dadurch glänzen zu wollen , sondern unwillkührlich wie die Blume ihren Duft ausströmt , verbreitete sie allenthalben , wohin ihr milder Einfluß drang , Ruhe , Anmuth und den Zauber gefälliger Ordnung .
Es war ihm immer höchst lächerlich und widerlich gewesen , wenn er ein weibliches Geschöpf die häuslichen Geschäfte mit Geräusch und Anmaßung verrichten , und sich etwas darauf einbilden sah , eine gute Hausfrau zu seyn .
Die meisten dieser dahin gehörigen Dinge sind denn auch so mechanisch , daß selbst der gewöhnlichste Verstand sie begreifen kann – warum sollte es der Eigenliebe schmeicheln , sie zu wissen ?
Sie sind ferner so nothwendig , daß sie sich als materielle Basis des Lebens nicht entbehren lassen , und es gereicht den Frauen entweder zur Schande , oder doch gewiß zum Nachtheil , unerfahren in ihnen zu seyn .
Aber die Fertigkeit , ihr Haus und die ihnen anvertraute Einnahme gut zu verwalten , giebt ihnen noch keinen Anspruch auf Bewunderung ;
denn sie ist nur die Ausübung einer untergeordneten , wiewohl unerläßlichen Pflicht , der vor Allem der Schleier sanfter Bescheidenheit ziemt .
Wie ganz anders als so viele Frauen , die er in dieser Hinsicht beobachtet hatte , erschien das leise , anspruchlose Walten Erna's , die die Seele ihres Hauses war .
Mit ernster Güte wußte sie ein zahlreiches Dienstpersonal zur Punktlichkeit und Ordnung anzuhalten .
Sie war geliebt von allen , und zugleich gefürchtet , weil die Achtung , die sie einflößte , jeden nichts so sehr als die Möglichkeit , ihr zu misfallen , scheuen ließ .
Mit sicherm , aber ruhigem Blick ging sie in jedes Detail der Haushaltung ein , sorgte für alles , dachte an alles , und fand auch die geringste Kleinigkeit ihrer Aufmerksamkeit nicht unwerth , weil alles nützen kann , scheint es auch noch so unbedeutend .
Dabei war sie stets gleicher Laune , seufzte und klagte nie über viele Geschäfte , oder gab durch Klirren der Schlüssel , Thürenzuwerfen und eine bis zum ängstlichen Abmühen getriebene Thätigkeit zu erkennen , wie viel auf ihr laste .
Immer gut und sorgsam angezogen , immer aufgelegt zu interessanter Unterhaltung , immer ruhig und Zeit habend , obgleich nichts versäumt ward , schien eine weise , jedoch nicht pedantische Ueberlegung alle ihre Handlungen zu ordnen , so daß wie Glieder einer Kette , eine regelmäßig und still in die andere griff .
Auch als Mutter , ein Verhältnis , das er nicht ohne den herbsten Schmerz sich auszudenken vermochte , stand sie ausgezeichnet vor tausend Frauen , die er kannte , und selbst vor denen , die er vorzüglich in dieser Würde ehrte , da , die himmlische , sich selbst vergessende Liebe , mit der sie die Kinder ihres Herzens umsing , mit jenem Ernst verbindend , der aus der Festigkeit des Willens :
nur ihr wahres Wohl als Zweck sich vorsetzend , und sie eben deshalb keineswegs verziehend , hervorgeht .
Otto , der älteste Knabe , war nicht allein von der Natur begünstigt , sondern durch den reinen Einfluß des mütterlichen Wirkens bereits zu einer Höhe der Liebenswürdigkeit und Ausbildung gebracht , die selten schon in diesem zarten Alter sich zeigt .
Gehorsam , als die Hauptbasis aller guten Kinderzucht , Bescheidenheit Genügsamkeit , Selbstbeherrschung – alle jene Tugenden , die den , der sie besitzt , um so lieblicher zieren , je öfterer der Mensch sie in sich und Anderen vermißt , waren die sorgsam gepflegten Keime , die Erna in seine junge Seele gepflanzt hatte , und jede Beschäftigung mit ihm , der sie stets wie ihr Schatten umgab , entwickelte seine noch mit Nacht umhüllten Begriffe , und prägte durch Lehre und Beispiel gleich kräftig das Gute und Schöne in sein kindliches Herz .
5 V Weniger klar ließ sich erkennen , was sie als Gattin war – oder vielleicht raubten ihm die Leidenschaften , die stets in ihm in Bewegung geriethen , wenn er sie von dieser Seite betrachtete , die nöthige Unbefangenheit des Urtheils , um sie in einer Beziehung zu durchschauen , welche ihm die schmerzlichste von allen war .
Sie begegnete Linovsky mit einer Achtung , die sich durch ein immerwährendes Bestreben , seine Zufriedenheit zu erlangen , ausdrückte .
Aber wenn diese auch offenbar das höchste Ziel ihrer Wünsche schien , so mischte sich doch kein gleichsam unwillkührlich entschlüpftes Zeichen eines innig liebend ihm zugewandten Gefühls in die gefällige Milde und Aufmerksamkeit , mit der sie , ihn als ihren Herrn und Gebieter ehrend , sich ganz nach seinen Winken und Willen richtete .
Zog sie wirklich aus der verhängnisvollen Urne des Schicksals , oder vielmehr aus eigner Wahl ein Loos nach ihrem Herzen , so mußte Ruhe , fast möcht er sagen Kälte , der Grundton ihres Wesens seyn , das fern von aller Exaltation einer leidenschaftlichen Gluth sich nur innerhalb der Gränzlinie gemäßigter Empfindung regte .
Ihre Vernunft , so wie ihre Pflicht unterwarfen sie Linovsky unbedingt , und sich ihm ganz unterordnend , war er ihr in der Würde des Hausvaters stets die erste Instanz , die über ihre Handlungen entschied – aber als Gemahl und Vater ihrer Kinder genoß er – oder verbarg sie ihm aus Schonung die Aeußerungen einer wärmeren Gesinnung ?
– nur jenes allgemeine , freundliche Wohlwollen , das ihre reine Seele für alles beseelte , was sie umgab .
Ob sie nun ihren Mann wirklich liebe , und ob überall in die reiche Mitgift , die sie von der Natur empfangen , auch die Fähigkeit mit einbegriffen sei , mit ganzer , voller , glühender Seele lieben zu können – er wußte es nicht – aber das fühlte er bestimmt , ihn würde als Erna's oft beneideter Gatte dies an sich verdienstliche Streben nach Pflichterfüllung , ohne jenen Grad der Herzenswärme , der die eigentliche Weihe eines liebenden Bundes ist , nicht befriedigt haben .
Dem Anschein nach eine glückliche Frau , geehrt , geliebt von einem allgemein geachteten Manne , dessen bedeutender Rang ( er war Nachfolger des *schen Gesandten geworden ) ihr eine ausgezeichnete Stelle im bürgerlichen Leben anwies , dessen eigenes Vermögen , verbunden mit dem ihrigen , alle Sorgen des Lebens wie mit goldenem Zauberstab verbannte – rings um sich eine paradiesische Umgebung , als Mutter zweier , wie aus einer Schaar von Engeln entlehnter Kinder , und an Augusten eine Freundin habend , die im verjährten Besitz ihres vollen Vertrauens mit fast mütterlicher Liebe an ihr hing , und als
Hausgenossin ihr stets zur Seite war – jung und schön , und überall gefeiert – was konnte ihr zu wünschen übrig bleiben ?
Und doch mischte sich zuweilen der Schatten einer rührenden Schwermuth in die sanft gemäßigte Heiterkeit ihres Wesens , nie in eine Klage ausbrechend , aber doch im stillen Sinnen , im feucht verklärten Schimmer des umwölkten Auges , im leisen Seufzer sich verrathend , der ihren Busen hob .
Sie schien in solchen Momenten der Erde , auf der sie wandelte , nicht mehr zu gehören , und scheuchte sie dann ein Geräusch , eine plötzliche Anrede , oder sonst irgend ein Anspruch des Lebens aus den Träumen empor , in die sie nur allzugern versank , so bedurft ' es eines Augenblicks , ehe sie sich wieder fand , und der weichere Ton ihrer Stimme , das Bittende ihres Blicks , die verdoppelte freundlich sich aufopfernde Milde ihres Benehmens flehte gleichsam um Vergebung , daß ihr Geist schon losgerissen von allen irrdischen Banden ,
in unbekannte Regionen sich verloren hatte .
Auguste , welche am Tage seiner Ankunft abwesend gewesen war , schien Alexandern , so wie er ihr , ein feindseliges Andenken bewahrt zu haben .
Da der Familienkreis sich sehr oft theilnehmend um sein Schmerzenslager versammelte , und man sich bemühte , die Pflichten der Gastfreiheit in ihrem ganzen Umfang zu erfüllen , so konnte auch sie sich nicht ausschließen .
Doch ihr streng fortdauernder Ernst , ihm gegenüber , wurde durch kein Zeichen irgend eines wohlwollenden Antheils gemildert , und auch er bemerkte , ohne sich weiter um sie zu bekümmern , mit einem stummen Vergnügen , das fast der Schadenfreude glich , die Verwüstungen , die der Zahn der Zeit während der Jahre , seitdem er sie nicht gesehen , in ihrer früher schon verblühten Gestalt hervorgebracht hatte .
Endlich , nach mehreren Tagen , erlaubte ihm der Arzt , wieder in die Luft zu gehen , und sich hinaussehnend in den frischen duftigen Sommermorgen , benutzte Alexander auf der Stelle diese Erweiterung der ihm bisher so eng gezogenen Gränzlinie seines Verhaltens .
Langsam wandelte er auf Benedikt gestützt ( denn er fühlte sich sehr matt ) im Garten umher , bis die süßen Töne eines einfachen Liedes , das Erna ohne alle Begleitung sang , ihn – um keinen Laut desselben zu verlieren – dem Hause wieder näherte .
Die nach dem Garten gehenden Fenster waren durch Rebengewinde halb verschleiert .
Eins derselben stand offen – aus ihm drang der himmlische Wohllaut , der durch das Ohr geradezu den Weg zu seiner Seele fand .
Leise schlich er heran , um unbemerkt die Sängerin zu hören , vielleicht gar sie zu sehen .
Aber wie theuer büßte er dies Verlangen !
Versteckt vom dunkeln Grün der Weinranken erreichte sie allerdings sein suchendes Auge , aber in einer Situation , die , alle seine Gefühle stürmisch aufregend , ihn in einen Abgrund voller Flammen stieß .
Sie befand sich in ihrem Schlafgemach .
Im nachläßigen Morgenkleide , das sich wie eine Hülle frisch gefallenen Schnees um sie anschmiegte , jede Form verrathend , ohne jedoch die zarteste Sittsamkeit zu beleidigen , das schöne Haar noch ungeordnet , in langen Locken sie umwallend , hielt sie den Säugling auf ihrem mütterlichen Schooße , ihm die Nahrung zu reichen , auf welche der Mensch durch den Wink der Natur in der Schöpfung des Weibes eine so heilige Anweisung erhalten hat .
Lächelnd ließ oft der Kleine den blendenden Busen los , um mit den großen braunen , Erna so nah verwandten Augen zu ihr aufzublicken und ihren Tönen zu lauschen .
Wenn sie dann das Haupt zu ihm herab bog , und ein Kuß der heiligsten Mutterliebe ihren Gesang unterbrach , faßte er die süße Quelle seiner Labung wieder , und erneuerte abwechselnd mit ihr dies kosende Spiel , von welchem Erna nicht ahnete , daß ein fremder Zeuge es beobachten könne .
Nachdem sie verschiedene Melodieen , theils innig mit dem Kinde ihres Herzens beschäftigt , theils sicht bar sich in das Gebiet ernster und tiefer Gedanken verlierend , leise vor sich hingesungen hatte , ging sie auf einmal in die über , die wie ein Schwert der schärfsten Erinnerung in Alexanders Seele schnitt :
sang sie , Ach , welche versunkene Welt , damals , als er zuerst diesen einfachen Gesang von ihr vernahm , noch voll blühender Hoffnungen , und jetzt so verödet , that sich von Neuem vor ihm auf , den bittersten Schmerz als Echo dieses Liedes weckend !
– Er konnte nicht länger bleiben – sein laut klopfendes Herz würde ihr seine Gegenwart verrathen , der Sturm der wildesten Gefühle in ihm ihn zu irgend einer Raserei hingerissen haben .
Seltsam stritten sich die feindseligsten Empfindungen in ihm mit der weichen Wehmuth seines Busens .
Er haßte , er verabscheute sie – und in demselben Augenblick war er sich doch am hellsten der unauslöschlichen Liebe bewußt , die siegreich ihre Macht an ihn bewährte , und die , wie er klar erkannte , kein Verhältnis jemals zu vertilgen im Stande sei .
Wie dem in Todesgefahr Kämpfenden ein dunkler Instinct oft den Weg zur Rettung zeigt , so rief es laut in ihm :
Fort – fort aus diesem Zauberkreise – fort , sobald als möglich !
6 VI Er schwankte in sein Zimmer zurück , und warf sich auf sein Lager .
Da faßte er den Entschluß , noch heute das Haus zu verlassen , wo die Wunden seines Herzens , statt still zu vernarben , täglich bluten mußten , und je brennender der Eindruck war , den der erlauschte Anblick der Geliebten in einer so verführerischen Situation auf seine Seele gemacht hatte , je mehr sah er ein , wie sehr es Noth that , so schnell wie möglich den Versuch zu wagen , ob er zu verdrängen sei .
Als daher nach einer Stunde Erna , wie gewöhnlich , völlig gekleidet aus ihrem Zimmer trat , ihm einen guten Morgen zu bieten , und nach seinem Befinden zu fragen , erwiederte er ohne Aufschub ihren freundlichen Gruß mit der Erklärung , daß er die erhaltene Erlaubnis des Arztes , die Luft wieder genießen zu dürfen , auf das endliche Verlassen dieses gastfreien Aufenthalts ausdehnen wolle , indem er vielleicht schon zu lange ihre Güte durch eine Pflege gemisbraucht habe , die er nun nicht mehr bedürfe , so süß sie ihm auch sei .
Er habe daher Anstalten getroffen , sich in die Stadt bringen zu lassen , und bitte sie , seinen innigen Dank für ihre unvergeßliche Freundlichkeit und Milde , und – sein Lebewohl anzunehmen .
Erna schien betroffen .
Verlegen , da ihr keine Gründe einfielen , ihn zurückzuhalten , machte sie ihn leise darauf aufmerksam , daß es Linovsky befremden werde , ihn nicht mehr zu finden .
Dieser , der sein diplomatisches Büreau in der Stadt hatte , und jeden Morgen dort seinen Geschäften widmete , war bereits in aller Frühe dahin gegangen .
Aber Alexander erwiederte , daß er den ersten Ausgang , welchen er sich in der Stadt erlauben dürfe , benutzen werde , um auch ihm den Dank für seine gütige Aufnahme , den er ihm schuldig sei , persönlich darzubringen , und daß er sie ersuche , ihn einstweilen ihrem Gemahl bestens zu empfehlen , und seine plötzliche Entfernung mit manchen unvorhergesehenen Umständen zu entschuldigen , die ihn unerwartet jetzt nöthigten , sich von einem so liebenswürdigen Zirkel zu trennen .
Erna war bewegt , aber sie wandte nichts mehr gegen seinen fest ausgesprochenen Vorsatz ein , sondern drückte ihn nur in wenigen , aber herzlichen Worten aus , wie leid es ihr sei , seine Pflege nicht vollenden zu sollen , und daß sie hoffe , er werde eben so sorgsam über sich wachen , als wenn ihr Auge noch sein Thun und Treiben beobachten könne .
Der kleine Otto aber , der sich mit unbeschreiblicher Zärtlichkeit an ihn geheftet hatte , und fast nicht mehr von seiner Seite gekommen war , wollte seine Abreise durchaus nicht zugeben .
Weinend und bittend hing er an ihm , und aller Trost des baldigen Wiedersehens , den seine gerührte Mutter ihm zuflüsterte , alle Versprechungen lockenden Spielzeugs , das Alexander ihm bei seinem nächsten Besuch mitzubringen gelobte , konnte seine heißen Thränen , seine schmerzlichen Klagen nicht stillen .
Ergriffen von der warmen Anhänglichkeit des Knaben , hob Alexander ihn auf , und drückte , sanft ihn beschwichtigend , ihn an seine Brust .
Indem schaute er Erna an – ihr Blick traf wie ein zündender Blitz den seinen .
Ein unaussprechlicher Ausdruck von Wehmuth , Innigkeit und mühsam bezwungener Trauer glänzte in ihm , bis Perlen wie lichter Thau sich um die funkelnden Sterne sammelten , die er nun nicht mehr sehen sollte , und die allein des Daseyns Nacht ihm zu erleuchten vermochten .
– Da konnte er seinen Gefühlen nicht länger gebieten .
Der Wagen , den Benedikt aus der Stadt gebracht hatte , hielt vor der Thür , und mahnte ihn an die Nähe des unvermeidlichen Scheidens .
Er gab der Mutter ihr weinendes Kind , und als sie noch einmal im flehenden Tone tieferschütterter Theilnahme ihn bat , doch sich recht zu schonen , und seine Wunden gut zu pflegen , schlug er sich heftig an die Stirn , indem er ausrief :
– Mit diesen Worten eilte er hinweg , sich in den Wagen werfend .
Unwillkührlich , wie es schien , war Erna ihm bis zur Hausflur gefolgt , und als er noch einen Moment verweilen mußte , da Benedikt's Sorgsamkeit sich es nicht nehmen ließ , ihn gegen seinen Willen auf das vorsichtigste zu umhüllen , um ihn gegen alle rauhen und stoßenden Bewegungen des Wagens zu verwahren , erblickte er sie in einen Sessel hingesunken , ihr liebes Antlitz mit ihrem Tuche bedeckt , und Otto , dessen kindliche Aufmerksamkeit nun von seiner Entfernung abgezogen , sich zu ihr hingewandt hatte , und der , noch immer weinend , sich
bemühte , an ihr emporzuklettern .
In diesem Augenblick , der ihn den letzten Ueberrest besonnener Fassung raubte , hieb der Kutscher zum Glück auf die Pferde , die ihn in raschen Trab von dannen zogen .
Ihm war , als erwache er aus einem Traume , und als habe das Verhängnis die Zügel ergriffen , und lenke mit jener geheimnisvollen Macht , der nichts widersteht , ihn gerade in der Secunde vom Rande des Abgrundes hinweg , in der er nahe daran war , sich selbst zu vergessen .
7 VII Daß seine Gesundheit unter diesen neuen Erschütterungen litt , war natürlich .
Sehr erschöpft und dumpf betäubt kam er in der Stadt an , und es dauerte mehrere Tage , ehe er von dem Stillstand auf dem Weg der Genesung sich zu weiterem Fortschreiten erholte .
Als er wieder einige Kraft gewann , sollte sein erster Besuch wirklich ein Opfer der Höflichkeit seyn , und Linovsky gelten .
Er freute sich , ihn nicht zu treffen , da er gern den Anblick des Beneidenswerthen vermied – und doch zuckte es mit allen Regungen der bittersten Empfindlichkeit und der Eifersucht durch seine Seele , als man ihm sagte :
er sei bereits nach seinem Landhaus – folglich zu Erna – zurückgekehrt .
Er beschloß nun , die ihm bestimmte Zeit der Gräfin zu widmen , und ging zu ihr .
Noch hatte er niemand von seinen ehemaligen Bekannten begrüßt , und daher war seine Zurückkunft so verschwiegen geblieben , daß seine Erscheinung die Gräfin jetzt eben so überraschte , als erfreute .
rief sie ihm entgegen , Alexander parirte als ein geübter Wortfechter die Stöße ab , mit denen ihre Fragen seinem leicht verletzlichen Innern weh thaten .
Statt sie zu beantworten , bat er sie , da er in dem sonst so bekannten Kreise gewissermaßen fremd durch seine lange Abwesenheit geworden sei , ihn wieder ein wenig zu orientiren , ehe er sich ihm von Neuem anschlösse , und sie führte bereits mit geläufiger Zunge alle bedeutenden Veränderungen , die indessen vorgefallen waren , an ihm vorüber , als ein neuer zu dem diplomatischen Corps gehörender Ankömmling , , gemeldet und angenommen wurde .
Erst seit sehr kurzer Zeit war er bei dem hiesigen Hofe accreditirt , und die Gräfin – scherzhaft wie immer – suchte bereits sein Urtheil über das bunte Tulpenbeet der Damen zu erforschen , das – wie sie bei der letzten Cour bemerkt haben wollte – er mit genau prüfendem Kennerblick gemustert habe .
Mit der Feinheit eines Hofmanns sprach der Baron seine Meinung behutsam aus , und es schwellte Alexander's Herz mit wehmüthig freudigen Regungen , als er , leicht über die blühende Schönheit mehrerer jungen Frauen und Mädchen hinweggleitend , den interessanten Ausdruck und die Anmuth und Lieblichkeit Erna's rühmte , der er , obgleich ihre Reize mehr zu rühren als zu blenden geeignet seien , den Vorzug vor allen übrigen einzuräumen schien .
fügte er hinzu , Die Lebhaftigkeit der Gräfin gestattete nicht , daß das Gespräch lange bei einem Gegenstand verweilte .
Gern hätte Alexander – wenn gleich aus dem Munde eines Fremden – noch mehr über Erna gehört ;
allein nach einigen flüchtigen Minuten empfahl sich der Baron schon wieder , und nun stand er nicht an , diesen ihm so interessanten Faden wieder aufzufassen , und die Gräfin geradezu zu fragen :
ob der Ausdruck einer leisen verschwiegenen Schwermuth , den auch er , während seines kurzen Aufenthalts bei ihr , in ihrem Wesen wahrgenommen habe , wohl wirklich auf einen geheimen Kummer deute , oder ob er vielleicht , ohne innere Beziehung , nur zufällig sei ?
versetzte die Gräfin , fragte Alexander leise , erwiederte die Gräfin .
8 VIII Diese Skizze von Erna's Leben und Verhältnissen gab Alexandern reichen Stoff zum Nachdenken mit nach Hause , und ließ ihn zugleich Linovsky's frostigen Empfang nicht als individuelle Abneigung , sondern nur als eine allgemeine Wirkung des unglücklichen Hanges zur Eifersucht erblicken , der sein Daseyn trübte , und – statt ihn auszuzeichnen , ihn nur nicht ausgeschlossen hatte .
Dies flößte ihm Muth ein , eine Pflicht des Wohlstandes zu erfüllen , und sobald er sich nur völlig erholt hatte , durch einen Besuch in Sorgenfrei Erna sowohl als ihrem Gemahl zu zeigen , wie dankbar durchdrungen er von ihrer Höflichkeit und Güte sei .
Er wählte absichtlich dazu einen Nachmittag , um Linovsky nicht zu verfehlen , weil er seinem mistrauischen Sinn keinen Anlaß zu dem Verdacht geben wollte , als habe er Erna irgend etwas allein zu sagen .
Die Familie befand sich auf der Hausflur , die an Eleganz mit den Zimmern wetteifernd , als ein solches gebraucht wurde .
Um den Theetisch versammelt , an welchem Erna präsidirte , Otto neben ihr , der kleine Wunibald auf einem Kissen zu ihren Füßen liegend , Auguste mit Arbeit beschäftigt , und Linovsky ein Buch in der Hand , aus welchem er vorzulesen geschienen hatte , stellte die kleine Gruppe , die sein scharfes Auge schon in der Ferne durch die weit geöffneten Glasthüren übersehen konnte , wirklich ein lieblich anziehendes Bild häuslicher Eintracht und häuslicher Freuden dar .
Als sein Wagen vorfuhr , und man ihn erkannte , stand Linovsky auf , ihm entgegenzugehen .
Da Alexander ihm sogleich als hauptsächlichen Grund seines Kommens den vergeblichen Versuch anführte ihn in der Stadt aufzufinden , um ihm doch endlich persönlich auszudrücken , wie innig verbunden er sich ihm für seine gastfreie Aufnahme fühle , so war der Empfang weniger steif und kalt , als er befürchtet hatte .
Wie erstaunte er aber , als er die Stufen heraufstieg , und Erna von ihrem Platz verschwunden sah .
Eine leise Ahnung durchbebte sein Inneres , daß sein Anblick sie nicht deshalb verscheucht habe , weil er ihr gleichgültig sei .
Endlich kam sie wieder .
Eine sanfte Röthe hatte sich über ihre Wangen ergossen – sie war jedoch die einzige verrätherische Andeutung eines aufgeregten Gemüths , denn wie immer thronte der Friede auf ihrer Stirn , die Ruhe in ihrem Lächeln .
Theilnehmend , aber mit vorsichtiger Zurückhaltung , erkundigte sie sich nach seiner Gesundheit , freute sich , ihn wiederhergestellt zu sehen , und zog sich dann zu Augusten zu rück , ihn dem ausschließlichen Gespräch mit Linovsky überlassend .
Der kleine Otto hatte ihn mit stürmischer Freude begrüßt .
Mehr noch als Peitsche , Steckenpferd , Trommel und Bilderbuch , und was die bunte Mannichfaltigkeit des mitgebrachten Spielzeugs noch sonst enthielt , schien die Wiederkehr des Freundes ihn zu entzücken , und diese seltene , uneigennützige Anhänglichkeit , diese tiefe Innigkeit des Gefühls in einem Kinde , hatte etwas so unbeschreiblich Rührendes , daß es begreiflich war , Erna davon erschüttert zu sehen .
Auch Linovsky , stolz auf das Vatergefühl , das ihm dieser Knabe zueignete , bewährte durch eine immer milder sich Alexandern zuwendende Freundlichkeit die alte Erfahrung , daß nichts sicherer die Herzen der Eltern gewinnt , als das Wohlwollen , das man ihren Kindern schenkt .
Denn Alexander erwiederte so von ganzem Herzen die Liebkosungen des Kleinen , sprach sich so warm und unverholen über seine herrlichen Anlagen , über sein tiefes Gemüth aus , daß Linovsky erfreut , von den Lippen eines Fremden bestätigt zu hören , was die eigene Ueberzeugung ihm oft zugeflüstert hatte , ein inniges Behagen an der Gerechtigkeit fand , die seinem Otto widerfuhr .
Da nun noch überdem Alexander's kühner , freier , vom Leben gehärteter , und vom Schmerz geläuterter Sinn sich streng innerhalb der Schranken einer Vorsicht erhielt , die das Mistrauen eher einzuwiegen als zu erwecken vermochte , indem er Erna durchaus keine andere Aufmerksamkeit erwies , als die , die die allgemeine Höflichkeit der Frau vom Hause zu widmen pflegt , so schien es wirklich , als sey er Linovsky'n ein willkommener Gast , und indem er ihn bat , zum Abendessen zu bleiben , äußerte er zugleich recht verbindlich , daß es ihn freuen werde , ihn öfterer zu
sehen .
Auguste hatte den eingeschlummerten Wunibald zu seiner Wiege getragen , und war nicht wiedergekehrt – ein Brief , der Linovsky'n gebracht wurde , nöthigte ihn , sich auf eine Viertelstunde zu entfernen , um ihn zu beantworten – jetzt also fand sich Alexander mit Erna allein , da Otto , der schön wie ein Liebesgott zwischen beiden stand , seines zarten Alters wegen für keinen Zeugen zu rechnen war .
Gleichwohl herrschte ein tiefes Schweigen zwischen ihnen ;
denn zu voll gedrängten Gefühls waren diese Augenblicke , um den Anfang einer gleichgültigen Unterhaltung zuzulassen .
Da ermannte sich Erna , und indem sie aufstand und ans Fenster trat , bat sie ihn als einen erfahrenen Botaniker und Blumisten um Rath über die Behandlung eines erkrankten Myrthenbäumchens , das sie , trotz aller Pflege , zu verlieren fürchtete .
Er betrachtete es genau , und beugte sich tief zu ihm nieder , doch mehr , um die Bewegung zu verbergen , in der er war , als um seinen eigentlichen Zustand zu untersuchen .
Eine unbeschreibliche Wehmuth überfiel ihn im Bewußtseyn verlorenen Lebensglücks .
sagte er dumpf .
– Da sah ihn Erna an mit einem Blick , dessen reine Klarheit , obwohl von Mitleid getrübt , ihn hoch empor über allen irrdischen Kummer hob .
Wie Blumen Labung uns entgegenduften , so drang der goldene Frieden der Unschuld , ihn moralisch erquickend , aus ihrer Seele in die seine , und beschwichtigt schwiegen seine Schmerzen , als ihre sanfte Rede wie milder Balsam in seine Wunden floß .
Doch nur momentan dauerte diese linde Befriedigung seines Innern .
sagte sie mit freundlichem Ernst .
Auch sind sie Ihrer Natur eigentlich fremd , die sich ja immer zum Frohsinn hinneigte .
Warum sollte sie ihn jetzt verläugnen ?
Tief erschüttert ergriff sie Alexander's dunkel glühender Blick .
antwortete er bitter .
unterbrach ihn Erna .
Das Heiligenbild Mein anständiger Antipode , falls Dummheit sanktioniert , ist aber der Korpsstudent , der heute schweißtriefend neben mir marschiert .
Er ist so dumm ;
ihm ist alles und gar er selbst so klar und fest , so unzweifelhafte Wirklichkeit ;
er hat sich so selbstverständlich in sie eingefügt , wie man in einem Bau einen Ziegel zwischen andere fügt .
Er sieht in unseren Institutionen die natürlichsten Notwendigkeiten , er sieht Segnungen in ihnen , ja er kennt Wahrheiten , religiöse politische philosophische , absolute Wahrheiten , bezahlte gelehrte gepredigte – gedruckte Wahrheiten !
– Als ob nicht jede Wahrheit , was wir so Wahrheit nennen , in dem Augenblick , in dem sie in der Form der von allen gebrauchten Sprache den Mund ihres Verkünders verläßt , zur Verzerrung , Zwei- , Drei- , Tausenddeutigkeit und Unwahrheit wird !
Als ob sie nicht ein subjektiv gedeutet sein wollender , unverbindlicher Ausdruck eines augenblicklichen körperlich-seelischen Zustandes und Allgemeingefühles ist !
Und erst gedruckte , Zeitungs-Wahrheiten !
Die Zeitung ist die Kloake einer Zeit , das Sinnbild aber unserer Zeit ist die – Zeitung .
– Und auf alles , was ich einwende , meint er ehrlich überzeugt und stereotyp :
Ist es zu glauben , daß man so dumm , so bayrisch dumm sein kann , daß man eine solche Mauer im Kopf tragen kann , daß man nicht mit allen Fasern fühlt , daß man lebt !
Ist es möglich , daß ihm die garnicht auszudenken ungeheure taumelnde Fragwürdigkeit des Lebens , sein ganz einzigartig Wunderbares nicht zum Bewußtsein kommt !
Aber er wird ein braver Bürger werden und sein Diplomexamen machen , reisen und Kinder zu Staatsbürgern erziehen und , wer weiß !
er wird reich werden – der Arme , der zu ewiger Armut Verdammte !
Ich widerspreche ihm nicht mehr , ich höre nicht hin auf ihn – oh !
jetzt beginnt er zu fluchen , rastlos , ingrimmig :
Sakrament !
Sakrament !
Da ducke ich mich und – suche mich von mir zu verlieren dadurch , daß ich mich dem ledernen Teufel auf meinem Rücken zuwende und ihn , der eben ein quälender Teufel ist , immer persönlicher , immer lebendiger , immer gedanklicher , immer unwirklicher gestalte – dadurch , daß ich ihn in meine Muskeln , in mein Blut , in meine Nerven aufnehme , ihn als ein Nichts , als die immateriellen Beziehungen körperlicher Dinge zueinander , als einen nur in meinem Gehirn flatternden Gedanken konzentriere .
( Und hier freue ich mich wieder , den Punkt zu haben , um den sich Alles dreht :
denn dieser Gedanke ist das im Kontakt stehen irgend welcher vielleicht irgend wie chemisch veränderter Hirnzellen , und diese Hirnzellen und ihr gegenseitiger Kontakt , vielmehr das Gedachtwerden dieser Hirnzellen und ihres Kontakts , ist das im Kontakt Stehen irgend welcher vielleicht irgend wie chemisch veränderter Hirnzellen – – – ) Aber ich gebe diesem nur durch mich und nur in mir existierenden Nichts die absonderlichsten Namen , immerzu immerfort , bis ich seinen ureigenen , seinen ewig prädestinierten gefunden habe , den , den die Leute gebrauchen .
Da springt er aus mir und wandert neben mir zottig und braun , und ich bin von ihm befreit .
Er redet mit mir , stoßweise , ein wenig atemlos und mit einer näselnden Phonographenstimme :
Er hatte sich außer Atem geredet und merkte es und ward mürrisch darob und schwieg , und stapfte neben mir mit seinem ledernen verkniffenen Gesicht , seiner breitbeinigen staubbedeckten Landstraßenfigur .
– Dann schwieg er und kniff den Mund zusammen wie eine Ledernaht .
– Und hier begann er zu stolpern und unwohl zu werden und lief an den Wegrand , wo er sich erbrach .
– Dann marschierte er wieder neben mir und kniff den Mund zusammen ingrimmig wie eine Ledernaht .
– – Da kniff er wiederum den Mund zusammen und zog ihn schief und nach einer Weile kicherte er :
* * * Wir liegen im Quartier und ich und der arme Korpsstudent sind einquartiert bei einem Krämer , dessen Haus am Markt ist bunt bemalt und voller Blumen so , daß die kopfhängerischen Fuchsien und knalligen Geranien die niedrigen Fenster noch niedriger scheinen lassen .
Er empfängt uns draußen vor der Tür , den Bleistift hinterm Ohr und freut sich unserer Freude über das saubere Quartier .
– Es ist Zapfenstreich geblasen und der Tornister liegt auf dem Flur und schnarcht , leise , rhythmisch , es liegt ihm noch der Marsch im Blute ;
aber mein Bett ist weich und ich versinke in ihm , als falle ich in warme Brunnen oder richtiger in vierzehn Mädchenarme , und breitgestreckt , die Arme lässig hinter dem Kopf verschränkt , auf weichen Mädchenleibern durchdenke ich den verflossenen Tag .
In der Nacht , windig und kalt , in welcher der Wind die Wolken aufschlitzte und mit den hervorbrechenden Regenschauern wie mit Birkenbesen über die Stoppeln fegte , hatte ich Posten gestanden , auf einer Höhe , neben einer überflüssigen Fichte .
Es war still in mir , niemand sprach mit mir , ich empfand weder Regen noch Kälte und ward mir wie nur im Traum bewußt , daß zuweilen der blanke Mond eilends wieder hinter die Wolken flüchtete .
Bei einem Gestorbenen , der mit aufgerissenen Augen in den Himmel starrt und auf dessen Retina der Nachthimmel sich gelb und grau und blau wie im Leben malt , muß es nicht ganz anders sein .
Nur daß ich eben mir meines Sehens alle Stunden drei Male und dann wie im Traum bewußt ward ;
in der Zwischenzeit war ich gestorben , empfindungslos , ein Gras , ein Baum wie die anderen Menschen .
Oder auch :
meine Haut hatte sich gedehnt , riesenweit , und war durchsichtig geworden und auf ihr malten sich wie auf öldurchtränktem Papier der Mond und die Wolken , meine dösende Silhouette und die überflüssige Fichte ;
auf einer ungeheuren Kugel und aufgeblasenen Schweinsblase , mit der man dir Faschings um die langen Ohren schlägt , waren sie impressionistisch mit Strichen und dicken Klecksen aufgemalt ;
und alle Stunden drei Male tippte ein Finger an diesen im Raume aufgehängten Pergamentenball , daß er zuckte und leise vibrierte :
dann eben ward ich mir meines Sehens bewußt .
– – Als aber der Morgen zwischen Tag und Nacht seinen orangefarbenen Gedankenstrich am Osthimmel zog und die Kälte mit einem Male wie durch einen Riß ungehindert vom Himmel fiel , sah ich wieder die Welt und erkannte mein Ich wieder , mein nie zu fassendes , ruhlos gespensterndes , ich erkannte beide , die immer eins und ewig zwei sind , wieder im Anschaun meiner Welt und konnte wieder zu mir reden .
Denn über Nacht hatte es in den Bergen geschneit und der von allen Winden reingefegte Himmel überzog sich bräunlich rot und hing wie die von einem unglaubwürdigen Irgendwo spöttisch hergeflatterte Seligkeit über dem Schnee und der grummetgrünen Ebene , ihren weißen Türmen und schwarzen Fichtengruppen und ihren zwanzig nebelkochenden Schluchten , leuchtend über den Vorbergen , die Kopf an Kopf wie wüste schwarze Berberlöwen das selige Gebirge schirmten .
Das sickerte und drang und wuchs , wuchs immer eindringlicher und stürmte mit immer süßerer Leidenschaft in mich , das zog mich immer höher , immer näher mitten hinein in seine braune Morgentrunkenheit , bis ich plötzlich meiner harten Einsamkeit wieder gewahr wurde und zu taumeln begann und mich gegen das Furchtbare wehren mußte und nach den – Namen der Bergspitzen fragte und traurig wurde bis zum Tod .
Denn ich stehe noch auf der Brücke und noch manche Gott- und Muckernachklänge brummen verführerisch in mir fort :
ich tauche noch zu gerne mystisch unter in das All und verliere noch immer zu gerne mein Ich .
Aber kein noch so intensives Welt- und Allgefühl sollte in mir den Wert des Bewußtseins meiner umschlossenen Einzigartigkeit und meines Alleinseins mehr aufwiegen dürfen .
Noch taumele ich oft zwischen der Wortwelt der Menschen und einer abstrusen atavistischen unio mystica .
Es soll klar um mich sein und rein :
Ich und die Wirklichkeit , die ich raubend in mich ziehe und forme und genieße .
– Aber nun – konnte ich wieder zu mir reden .
Mit einem Male fangen die Schluchten an überzukochen , sprudelnd wie siedende Milch und gelöschte Kalke , die Berberlöwen beginnen zu fauchen und ihre Nüstern zu blähen und über dem Karwendel kriecht eine lange Wolke wie eine Riesenwegschnecke ;
da wirft der Tag die Sonne wuchtig wie einen Ball ins Land , ein Zittern geht durch die Luft und die Wolkenkephalophore färbt sich rot wie mit dem Safte der Purpurschnecken von Es Sur und kriecht träge , unendlich träge über die Berge und bedeckt sie mit bläulichem Schleim .
Und nun währt es nicht lange und der Rauch der Schluchten und der Atem der fauchenden Berberlöwen flattert grau und zerrissen über die Ebene , bleibt hier an einem Kirchturm hängen und verfängt sich dort in einer Fichtenhöhe , und als die Sonne den ruhlosen nutzlosen endlich aufgetrunken hat , stehen die Berge da fern und fremd wie blaue Schatten – es ist heißer Tag und wir sind schon lange wieder auf staubigen Straßen , die sich wie weiße Schlangen in bösen Krümmungen von Hügel zu Hügel winden .
Als wir einige Stunden marschiert waren , mißmutig und in verbissenem Schweigen , begann mich das Bild eines schwangeren Bauernmädchens , das mich am Morgen zwischen ihren patzigen Stockmalven und Dahlien angelacht hatte , zu belästigen .
Meine Gedanken hafteten wie Kletten brünstig an der prallen Rundung ihres Leibes und betasteten derb und hungrig ihre schweren Brüste und die ganze groteske Gestalt ;
und nun wandelte sie neben mir , schwerfällig und hinhaltend , als warte sie auf die Stunde , mich in den Graben zu ziehen .
Ich konnte nicht mit ihr reden und meinen Spott mit ihr treiben , obwohl sie schon aus mir gesprungen war und neben mir ging , ich sah fort von ihr und ward wütend auf mich und begann aus blöder Verzweiflung mit dem Korpsstudenten zu plaudern , aber nach zwei Minuten hatten unsere Gespräche und seine Gedanken ihre Brettermauer erreicht , sie liefen noch ihren Weg zurück und fielen dann um faul und tot .
Da wandelte sie wieder neben mir und trug ihren Leib , und das Gras im Graben ist hoch und heiß und die Luft steht still und brennend über den Stoppeln und baut schwüle Grotten und lüsterne Lauben – bis der Tornister von mir springt , stolpert und im Stolpern die Hure in den Graben wirft , wo sie nichts mehr ist als eben eine Hure und ein ungewaschenes Weib .
Dann stapfte er weiter neben mir .
Siebentes Kapitel Oliver bleibt verstockt .
hielt nicht einen Augenblick im Laufen inne und kam atemlos vor dem Tor des Gemeindearbeitshauses an .
Einen Augenblick blieb er stehen , um eine möglichst klägliche Miene anzunehmen , klopfte dann laut und zeigte dem alten Armenhäusler , der ihm öffnete , ein so jammervolles Gesicht , daß dieser vor Erstaunen zurückprallte und fragte :
schrie Noah in gut geheuchelter Angst und so laut und gellend , daß , der ihn sofort hörte , augenblicklich ohne seinen Dreispitz in die Flur gestürzt kam – ein deutlicher Beweis , daß unter Umständen sogar ein Kirchspieldiener die Besinnung verlieren und alle Würde außer acht lassen kann .
keuchte Noah , » fragte , und ein Strahl von Freude leuchtete aus seinen gläsernen Augen .
Sein Jammergeheul lockte den Gentleman mit der weißen Weste herbei .
schrie Bumble .
rief der Gentleman mit der weißen Weste und blieb erstarrt stehen .
stotterte mit aschfahlem Gesicht .
setzte hinzu .
erklärte Noah , fragte der Gentleman in der weißen Weste .
antwortete Noah .
versicherte der Gentleman mit der weißen Weste und lächelte gütig .
versprach der Kirchspieldiener und rieb das Ende seines Stockes mit Wachs ein , wie es im Kirchspiel üblich war , wenn eine Prügelstrafe vollstreckt werden sollte .
ermahnte der Gentleman mit der weißen Weste .
versprach der Kirchspieldiener und machte sich mit Noah eiligst auf den Weg zum Laden des Sargtischlers .
Hier hatten die Dinge inzwischen keine wesentliche Änderung erfahren .
war noch immer nicht zurück , immer noch schlug und stieß Oliver aus Leibeskräften gegen die Bretterwand .
Die Schilderungen , die und Charlotte von seiner Wildheit gaben , waren so verblüffender Art , daß es für angebracht hielt , vorerst einmal zu parlamentieren , ehe er die Kellertüre aufsperrte .
Er legte zu diesem Zweck seinen Mund an das Schlüsselloch und rief mit Baßstimme hinein :
antwortete Oliver von innen .
forschte .
versetzte Oliver kühn .
war sprachlos vor Erstaunen .
bemerkte .
sagte , rief .
jammerte , die Augen fromm zur Decke erhebend .
Wieder fing Oliver an , gegen die Bretterwand zu hämmern , da ging die Türe unten und kam nach Hause .
Nachdem ihm Olivers Missetat haarklein geschildert worden , wobei es an Übertreibungen natürlich nicht fehlte , riegelte er unverzüglich die Kellertüre auf und zog seinen rebellischen Lehrjungen am Kragen heraus .
Olivers Kleider waren infolge der Prügelei total zerrißen .
Sein Gesicht war zerkratzt und mit Beulen bedeckt , und das Haar hing ihm wild über die Stirn .
Aber immer noch lag die Zornesröte auf seinen Wangen , und wie er herausgezerrt wurde , schoß er einen grimmigen Blick auf Noah .
schrie , schüttelte ihn tüchtig durch und gab ihm eine Ohrfeige .
antwortete Oliver .
gellte .
rief Oliver .
schrie .
erklärte Oliver kühn .
Sofort brach in eine Flut von Tränen aus , die ihrem Gatten keine Wahl mehr weiter ließ .
Wollte er wirklich einen Augenblick zögern , Oliver streng zu bestrafen , so gab es für ihn jetzt keine Entschuldigung mehr ;
seine Ehehälfte würde ihm die schrecklichsten Predigten gehalten haben .
Er züchtigte Oliver daher in einer Weise , die Eingreifen mehr als überflüssig machte .
Dann wurde der kleine Missetäter bei Wasser und Brot wieder eingesperrt , und lange noch verhänselten und beschimpften ihn Noah , Charlotte und durch die Türe durch , bis auch sie sich endlich schlafen legten .
Erst als es ganz still geworden , konnte Oliver sich seinen Gefühlen überlassen .
Allen ihren Sticheleien hatte er nur ein verstocktes Schweigen entgegengesetzt , und ohne ein einziges Mal zu schreien , hatte er die Züchtigung seines Meisters hingenommen .
Jetzt aber , wo niemand da war , der ihn sehen konnte , kniete er nieder , verbarg sein Gesicht in den Händen und weinte – weinte , wie wohl wenige Kinder vor ihm geweint haben mögen .
Es dauerte lange , bis er sich wieder erhob , und die Kerze brannte schon tief im Leuchter , als er aufstand .
Vorsichtig spähte er umher und lauschte gespannt .
Dann mühte er sich ab , den Riegel zurückzuschieben , was ihm endlich gelang , und lugte hinaus .
Es war eine kalte finstere Nacht , und die Sterne schienen in viel größerer Entfernung von der Erde , als Oliver sie jemals gesehen zu haben sich erinnerte .
Kein Lufthauch regte sich .
Leise schloß er die Türe wieder , und nachdem er bei dem erlöschenden Kerzenlicht die wenigen Kleidungsstücke , die er sein eigen nannte , in ein Bündel geschnürt , setzte er sich auf eine Bank , um den Anbruch des Morgens zu erwarten .
Mit dem ersten Lichtstrahl , der durch die Ritzen des Ladens schien , erhob er sich , – ein Schauerblick nach rückwärts , ein Moment der Unentschlossenheit , – dann hatte er die Türe hinter sich geschlossen und stand draußen auf der Straße .
Er blickte nach rechts und links , ungewiß , wohin er sich wenden solle .
Es fiel ihm ein , einmal gesehen zu haben , daß alle Wagen , wenn sie nach der Stadt fuhren , den Hügel hinaufwankten .
Er schlug denselben Weg ein .
Und als er auf der Landstraße anlangte , schritt er rüstig weiter .
Er kam am Arbeitshaus vorüber .
Nichts verriet , daß seine Insassen zu so früher Stunde schon auf sein könnten .
Oliver blieb stehen und spähte in den Garten .
Ein Kind jätete mit dem Spaten in einem kleinen Beet , hob sein blaßes Gesicht , und Oliver erkannte die Züge eines früheren Leidensgefährten .
Er freute sich , daß er den kleinen Jungen vor seinem Fortgehen noch einmal sah , denn er war ihm , wenn er auch jünger als er war , ein lieber Freund und Spielkamerad gewesen .
Sie hatten zusammen gelitten , waren zusammen eingesperrt worden und hatten immer miteinander hungern müssen .
sagte Oliver , als der Junge zum Geländer gelaufen kam und ihm seinen dünnen Arm zum Willkommen durch die Stäbe reichte .
flüsterte Oliver , antwortete der Kleine mit einem schwachen Lächeln .
antwortete Oliver .
erwiderte der Kleine .
– der Kleine kletterte auf das niedrige Gittertor und schlang seine Hände um Olivers Hals .
Der Segenswunsch kam von den Lippen eines kleinen Jungens , aber es war der erste Segen , den Oliver zu hören bekam .
In allen Kämpfen , in allen Mühsalen und Leiden , die ihn betrafen , vergaß er ihn nie .
Achtes Kapitel Achtes Kapitel Oliver wandert nach London und trifft mit einem sehr seltsamen jungen Gentleman zusammen .
Erst um die Mittagsstunde machte Oliver auf seiner Wanderung bei einem Meilenstein Halt , auf dem die Entfernung von der Hauptstadt angegeben war .
In London konnte man Oliver nicht finden .
Oft hatte er im Arbeitshaus sagen hören :
in London brauche niemand , der nur ein bißchen Grütze habe , zu hungern , und in dieser ungeheueren Stadt könne man leben auf eine Weise , von der sich Leute , die auf dem Lande aufgewachsen seien , gar keinen Begriff machten .
Es mußte der rechte Platz für einen heimatlosen Jungen sein , sagte sich Oliver .
Damit sprang er wieder auf die Füße und schritt , so schnell er konnte , vorwärts .
Alles , was er mithatte , beschränkte sich auf eine Brotrinde , ein grobes Hemd und zwei Paar Strümpfe in seinem Bündel , außerdem auf einen Penny – ein Trinkgeld , das ihm einmal dafür gegeben hatte , weil er sich bei einem Begräbnis besonders feierlich benommen .
Fast zwanzig Meilen legte Oliver an diesem Tag zurück .
Die ganze Zeit kam nichts über seine Lippen als die Brotrinde und ein paar Schluck Wasser .
Am Abend legte er sich in einen Heuhaufen schlafen und wanderte am anderen Tag abermals zwölf Meilen , wobei er seinen Penny für Brot ausgab , und übernachtete wieder im Freien , so daß er am dritten Morgen , vor Kälte fast erstarrt , sich kaum von der Stelle bewegen konnte .
Am Fuß eines steilen Hügels wartete er , bis die Postkutsche vorbei kam , und sprach die Passagiere , als sie einen Moment ausstiegen , um eine Gabe an .
Niemand hörte auf ihn , nur einer der Herren sagte ihm , er wolle ihm einen halben Penny geben , wenn er eine Strecke weit neben dem Wagen mitlaufen würde .
Als Oliver bald infolge seiner Ermüdung hinter der Postkutsche zurückblieb , steckte der Gentleman seine Geldmünze wieder ein und erklärte , da sehe man wieder , daß das arme Volk viel zu faul sei , sich einmal etwas zu verdienen .
Und der Wagen rasselte davon und ließ nichts weiter zurück als eine Wolke Staub .
Vor manchen Dörfern standen Tafeln errichtet , auf denen jedem Bettler mit der strengsten Strafe gedroht wurde , und furchtsam eilte Oliver weiter , wenn er so etwas las .
Wenn er einmal vor einem Gasthaus mit hungrigen Blicken stillstand , befahl man ihm , sich aus dem Staub zu machen , wenn er nicht wolle , daß man die Hunde auf ihn loslasse .
Es würde ihm wohl so ergangen sein wie einst seiner unglücklichen Mutter , hätte sich seiner nicht schließlich ein menschenfreundlicher Schlagbaumwächter und dessen Frau angenommen und ihn mit einem Stück Brot und Käse gelabt .
Am siebenten Morgen nach Sonnenaufgang erreichte Oliver endlich mit wunden Füßen die kleine Stadt Varnet .
Überall waren noch die Fensterladen geschlossen , und nicht eine Seele ließ sich auf den verödeten Straßen blicken .
In ihrer ganzen strahlenden Schönheit ging die Sonne auf , aber ihr Licht führte Oliver nur so recht zu Gemüte , wie elend und verlassen er war .
Staubbedeckt kauerte er sich an einer Türschwelle nieder .
Allmählich öffneten sich die Laden und überall wurden die Jalousien in die Höhe gezogen und die Menschen begannen hin und her zu gehen .
Einige standen still und sahen Oliver ein paar Sekunden lang an und wandten nach ihm den Kopf , und einige nahmen sich sogar die Mühe zu fragen , wie er hierher gekommen sei .
Er getraute sich aber nicht sie anzubetteln , sondern blieb still sitzen .
Eine Zeitlang hatte er so auf der Stufe gekauert und sich über die große Anzahl von Wirtshäusern gewundert , denn jedes zweite Gebäude in Varnet war eine Schenke , bald groß , bald klein , als er sich plötzlich bewußt wurde , daß ein junger Bursche , der einige Minuten vorher achtlos an ihm vorübergegangen , zurückgekehrt war und ihn von der anderen Straßenseite drüben unverwandt anstarrte .
Zuerst kümmerte er sich nicht darum .
Als aber der andere keinen Blick von ihm wandte , hob er schließlich den Kopf und blickte scharf hinüber .
Darauf kam der Junge über die Straße , trat dicht an ihn heran und sagte :
Der Junge , der diese Frage stellte , mochte ungefähr im selben Alter sein wie Oliver .
Er war ein höchst sonderbarer Kauz , wie Oliver nie einen gesehen , mit einer Stumpfnase und platter Stirn .
Er sah höchst ordinär und schmutzig aus , aber seine ganze Haltung und Benehmen glichen denen eines Erwachsenen .
Ziemlich klein für sein Alter , hatte er höchst kuriose Beine und kleine scharfblickende Rattenaugen .
Der Hut saß ihm so lose auf dem Kopf , daß er jede Minute herunterzufallen drohte , wohl auch schon des öfteren heruntergefallen wäre , wenn sein Herr es nicht vortrefflich verstanden hätte , ihn , wenn er rutschte , mit einem geschickten Ruck mit dem Kopf wieder in die richtige Lage zu bringen .
Der Bursche trug einen Rock , der für einen Erwachsenen groß genug gewesen wäre und ihm fast bis an die Knöchel reichte .
Die Ärmel trug er bis zur Hälfte aufgekrempelt , um die Hände frei zu haben .
Kurz und gut , der Junge sah so seltsam und windig aus , wie wohl je nur ein Bürschchen von vier Fuß , sechs Zoll oder noch weniger in Stulpenstiefeln aussehen konnte .
fragte der seltsame junge Gentleman Oliver abermals .
antwortete Oliver , während ihm die Tränen in die Augen traten .
rief der junge Gentleman .
setzte er hinzu , als er Olivers verwunderten Blick bemerkte .
Oliver verneinte .
rief der junge Gentleman , fragte Oliver .
Als er bemerkte , daß Oliver nicht verstand , fuhr er fort :
Hierauf brachte der wackre junge Herr Oliver , nachdem er ihm hatte aufstehen helfen , vor einen Krämerladen , in dem er Brot und Schinken kaufte und Oliver davon essen ließ .
fragte er , nachdem Oliver sich ein wenig gesättigt .
Oliver machte ein fragendes Gesicht .
Der junge Gentleman versenkte seine Hände in seine Taschen und pfiff durch die Zähne .
fragte Oliver .
gab Oliver zu .
tröstete ihn der junge Herr .
setzte der junge Gentleman lächelnd hinzu .
Das Anerbieten war so verlockend , daß Oliver keinen Augenblick zögerte , einzuschlagen .
Er wurde bald zutraulicher und erfuhr , daß sein neuer Freund heiße und der ausgesprochene Liebling des erwähnten alten Gentlemans sei .
Jacks Äußeres freilich sprach nicht zugunsten der Lieblinge des erwähnten alten Ehrenmannes , aber da er sehr großmäulig tat und selbst von sich behauptete , man kenne ihn weit und breit als einen , schloß Oliver , der alte Herr spräche in diesem Falle wohl gute Ratschläge in den Wind .
Unter diesem Eindruck faßte er heimlich den Entschluß , sich bei dem alten Philantropen so bald wie möglich in ein besseres Licht zu setzen und , falls , wie er befürchtete , einer Besserung nicht zugänglich sein sollte , auf die Ehre weiterer Bekanntschaft mit ihm zu verzichten .
Da Jack sich unbedingt weigerte , London vor Einbruch der Nacht zu betreten , schlug es elf Uhr , als sie den Schlagbaum von Islington erreichten .
Vom » Engel « aus gingen sie nach St .
Jones Road , die kleine Gasse , die bei Sadlers Walls Theater endigt , hinab und gelangten durch Exmouth Street und Coppile Row in den kleinen Hof neben dem Arbeitshaus .
Dann schritten sie über den klassischen Grund und Boden , der einstmals den Namen Hockley-in-the-Hole führte , und gelangten nach Little und Great Saffron Hill , von wo aus der kuriose junge Gentleman sich in einen Galopp versetzte , wobei Oliver ihm auf den Fersen folgen mußte .
Von dem ungewohnten Anblick einer großen Stadt ganz und gar in Anspruch genommen , mußte Oliver sein Möglichstes tun , um seinen Führer nicht aus dem Gesicht zu verlieren .
Einen schmutzigeren und verkommeneren Platz hatte Oliver noch nie gesehen .
Die Straße war eng und voll Schmutz und die Luft gesättigt von den widerlichsten Gerüchen .
Kleine Laden gab es hier in Menge , aber ganze Haufen von Kindern , die jetzt selbst zur Nachtzeit noch bei den Türen aus- und einkrochen oder drinnen in den Häusern quiekten und schrien , schienen der einzige Inhalt der Geschäfte zu sein .
Die einzigen Unternehmungen , die wirklich zu gedeihen schienen , waren die Schenken , denn dort prügelte sich irischer Pöbel , was das Zeug halten wollte .
Gedeckte Torwege und Höfe , die da und dort von den Hauptstraßen abzweigten , ließen Knäuel von Häusern sehen , wo sich betrunkene Männer und Frauen nur so wälzten .
Aus den Torwegen kamen scheublickende Individuen herausgeschlichen und verloren sich gleich darauf wieder im Dunkel .
Eben überlegte Oliver noch , ob es nicht am besten sei , wegzulaufen , da gelangte er mit seinem Begleiter vor einer Anhöhe an und wurde von ihm am Ärmel gefaßt .
Dann stieß Jack eine Haustüre auf , nicht weit von Field Lane , zog Oliver in einen Korridor und schloß gleich darauf das Tor wieder hinter sich zu .
rief eine Stimme von unten als Antwort auf einen Pfiff , den der junge Herr hatte ertönen lassen .
war die Antwort .
Es schien das eine Art Losungswort zu sein , daß die Luft rein sei .
Gleich darauf warf das Licht einer kleinen Kerze seinen Schein auf die Mauer vom rückwärtigen Ende des Ganges aus , und das Gesicht eines Mannes lugte durch eine Spalte einer alten Türe hervor , aus der ein Teil der Füllung herausgebrochen war .
sagte der Mann und beschattete das Licht mit der Hand , um besser sehen zu können .
antwortete und zeigte auf Oliver .
Die Kerze erlosch , und das Gesicht verschwand .
Oliver tastete , sich mit einer Hand am Ärmel seines Gefährten haltend , die Wand entlang .
Sie stiegen eine dunkle morsche Stiege hinauf , die Jack offenbar genau kannte .
Dann öffnete sich eine Tür , und Oliver trat ein .
Siebentes Kapitel – sagte ich , als Milly und Robert uns verlassen hatten .
– – antwortete sie – Ich .
Sie .
Ich .
Sie .
Sie schwieg , und ich war zu empfindlich , um antworten zu können .
– hub sie endlich wieder an – Ich .
Sie .
Ich .
Sie .
– sagte ich ziemlich unmuthig – – – antwortete sie – Jetzt meldete Milly einen sehr vornehmen Besuch , und ich war froh , unter diesem Vorwande mich entfernen , und meine üble Laune den Augen der Gräfin entziehen zu können .
8. Kapitel Achtes Kapitel dachte ich , als ich zu Hause kam – – – rief ich lachend – Jetzt erwachte meine Eitelkeit , und nun dachte ich nicht mehr daran , mir Rechenschaft von meinen Empfindungen zu geben .
Meine Besuche bey der Gräfin wurden häufiger , und mit jedem fühlte ich mein Herz , oder vielmehr meine Sinnlichkeit , mehr angezogen .
Sie war zu lebhaft , und ich zu jung , als daß wir nicht bald alle mögliche Arten , uns unsre sogenannte Liebe zu beweisen , versucht haben sollten .
Muß ich der Neuheit des Vergnügens , der Jugendkraft meines Körpers , oder der reizenden Zauberin allein , den unaussprechlichen Wonnetaumel danken , in den ich versank ?
– ich weiß es nicht !
– aber , mit einer Art von Dankbarkeit bekenne ich noch jetzt :
daß ich den höchsten sinnlichen Genuß nur in ihren Armen gefunden habe .
Alles um mich her war verwandelt !
– es war eine andere Sonne , die mir jetzt leuchtete !
– es war eine andere Luft , die meine Brust belebte !
– so hatten die Blumen niemals geduftet !
– so hatten die Vögel niemals gesungen !
– ach !
und die Nacht !
– sie war zu kurz – aber wie beseligend war sie !
– Doch bald hatte ich keinen Sinn mehr für das , was mich umgab .
Nur durch Amalia dacht ich , empfand ich – nur in ihr , nur mit ihr wollt ich leben – alles Andre war todt für mich .
Meine Anhänglichkeit war Leidenschaft , meine Leidenschaft war ein schnell um sich greifendes verzehrendes Feuer geworden .
Auch sie fühlte es in ihrem Busen – eine Trennung von wenigen Augenblicken , und wir wollten beyde verzweifeln .
– Ach !
wir glaubten ewig nur ein Wesen ausmachen zu müssen .
– – 9. Kapitel Neuntes Kapitel Weckte sie Leichtsinn , oder Vernunft ?
– genug sie erwachte zuerst aus dem schönsten der Träume , und wollte auch mich daraus wecken .
Die Grausame !
fühlte sie nicht daß es mein Leben galt ?
– fühlte sie nicht , daß die erbärmliche Wirklichkeit die sie mir anprieß , mich elend machte !
– jetzt da ich sie mit der namenlosen Womne , die mein ganzes Wesen durchströmte , und die sie Täuschung nannte , vergleichen konnte !
– Ach die Kalte !
Treulose !
ich suchte sie wieder an meinem brennenden Herzen zu erwärmen – aber das göttliche Feuer drang nicht bis zu dem ihrigen !
– sie war und blieb todt in meinen Armen .
Da schäumte ich vor Wuth – da lief ich hinaus in Sturm und Regen und wußte nicht wo ich war , und kannte mich selbst nicht mehr .
Das Herz wollt ' ich mit eignen Händen mir zerfleischen , in die Fluth wollt ' ich mich stürzen , um den verzehrenden Brand in meinem Innern zu löschen .
Ach Gott !
da zog es mich wieder gewaltsam zu ihr hin – da fühlte ich , daß ich noch lebte , und nur lebend sie noch sehen , sie noch umarmen konnte .
– Da gingen die wonnevollen Stunden noch einmal wehmüthig lächelnd vor mir vorüber .
– !
– rief ich ;
und breitete meine Arme weit aus , als wollte ich meine ganze scheidende Glückseligkeit noch einmal umfangen .
Aber es war nur die Luft die ich umarmte – und das Wesen was in diesen Armen sonst vor Wonne erbebte – das Wesen war fern – vergaß mich vielleicht – dieser Gedanke öffnete eine Hölle !
– ich stürzte zurück , und fand mich an ihrer Thüre , ohne zu wissen , wie ich dahin gekommen war .
10. Kapitel Zehntes Kapitel Ich hörte ihre Stimme !
– es waren schmeichelnde Worte die sie sprach – meine Hand zitterte an der Thüre – sie sprang auf .
– Da lag das verhaßte Thier an ihrer Seite , und sein Kopf ruhte auf ihrem Schooße .
Sie gab ihm die zärtlichsten Namen ;
mehr als ein Mal beugte sie sich zu ihm nieder ;
und kaum athmete ich vor Angst :
ihre Lippen würden es berühren .
Hölle und Tod !
jetzt wirklich !
– – schrie ich – » habe ich Ihnen das nicht hundertmal verboten !
– – sagte sie ;
spöttisch lächelnd – – schrie ich noch einmal ;
und sah sie vor meiner Stimme erblassen :
aber das Thier blieb auf seiner Stelle .
Zum dritten Male wollte ich ihr zurufen , aber die Wuth verschloß mir den Mund .
Noch war ich in meiner Jagdkleidung ;
ein Griff an das Messer , und der Hund lag blutend zu meinen Füssen .
Jetzt erst fühlte ich mein Unrecht ;
und hoffte noch er sey nicht tödtlich verwundet :
aber als ich das Messer aus seiner Seite zog ;
starb er unter meinen Händen .
Schon so manches Thier hatte ich erlegt ;
aber das hatte ich nie dabey empfunden .
In der That , es war das Vorgefühl von der Angst eines Mörders .
Ich stand da wie ein Verurtheilter und hatte nicht den Muth die Augen zu ihr aufzuschlagen .
Aber als ich es endlich wagte – o Gott !
da lag sie blaß , entstellt und ohne Bewußtseyn auf der Lehne des Sopha's .
Um Hülfe konnt ' ich , durft ' ich nicht rufen .
– Alles triefte von Blut .
– Mit unaussprechlicher Bangigkeit schloß ich sie in meine Arme , bedeckte ihren Mund mit tausend brennenden Küssen , beschwor sie zu erwachen , mich nicht so fürchterlich zu bestrafen .
Endlich schlug sie die Augen auf ;
und ich athmete wieder .
11. Kapitel Eilftes Kapitel Aber wie schlug sie sie auf !
– ich dachte sie würde mit dem ersten Blicke mich tödten .
– Jetzt sah sie auf den Hund ;
und stieß ein durchdringendes Geschrey aus .
Milly stürzte erschrocken herein ;
und blieb wie versteinert als sie ihre Gebieterin mich laut als einen Mörder anklagen hörte .
– rief sie – Statt aller Antwort zeigte Amalia auf den Hund ;
und warf sich wimmernd neben ihn hin .
Ich wollte sie aufrichten , aber wüthend stieß sie mich von sich .
– schrie sie – Ich bat , ich flehte , – vergebens !
– auch Milly sah jetzt mit Abscheu auf mich .
– rief ich – Diese Beschuldigung trieb Amaliens Wuth bis zur Raserey .
– Ich hatte ein Weib geliebt ;
aber das war kein Weib , das war kein menschliches Wesen mehr , was ich da vor mir sah .
– Meine Liebe entfloh ;
und das Gefühl wie tief ich gekränkt war , kehrte in seiner ganzen Stärke wieder zurück .
– rief ich – In der That !
ich ruhte nicht eher , bis ich einen eben so großen und noch schönern Hund aufgetrieben hatte .
Diesen schickte ich der Gräfin , mit einem Zettel , den sie wahrscheinlich Niemand mitgetheilt haben wird ;
und kündigte Heinrichen an :
daß ich entschlossen sey morgenden Tages Berlin zu verlassen .
Nichts von Allem was er mir einwandte , vermochte etwas über mich ;
und ich reiste mit dem festen Entschlusse ab :
eine vollgenügende Rache an dem ganzen weiblichen Geschlechte zu nehmen .
Viertes Buch 1. Kapitel Erstes Kapitel Die Freude meiner Tante , mich nach einem Jahre wieder zu umarmen , war unbeschreiblich .
Sie fand mich größer , männlicher , und wollte einen besondern Zug von Erfahrung in meiner Phisiognomie entdecken .
Ich lächelte schweigend und nahm mir die neue Kammerjungfer ein wenig in Augenschein .
Es war noch dieselbe kleine Brünette im grünen Corsettchen , und , wie wie mich dünkte , nichts weniger als zu ihrem Nachtheile verändert .
Auch sie war gewachsen ;
war noch voller und blühender ;
aber , wenn ich nicht irrte , auch um ein ganz Theil stolzer geworden .
Diese Vermuthung fand sich durch die Aeußerungen der Bedienten vollkommen bestätigt .
Nach ihrer Aussage , war Röschen die grausamste , widerspenstigste Schöne auf dem Erdboden ;
und sie würde – meynten sie – eher einen Mann zu ihren Füssen sterben lassen ;
als einen mitleidigen Blick auf ihn werfen .
– sagte ich – – – rief Friedrich der Jäger , ein hübscher , schlanker Bursche – – antwortete ich – – Friedrich .
12 In der ziemlich bedeutenden Provinzialstadt , in welcher Oburn seinen Wohnsitz aufgeschlagen , war in diesem Winter ein außergewöhnliches reges , gesellschaftliches Leben .
Zwar nahm Oburn und seine Frau gegen die frühere Gewohnheit keinen Theil an diesen Vergnügungen , sondern lebte still und zurückgezogen , in einsamer Verstimmtheit , während der ganze Ort wie ein in Scene gesetzter Roman der aussah , in welchem bekanntlich die Gesellschaft und die Gesellschaften die Hauptrolle spielen und alles Heil der Welt in den feinen Ton und in die konventionellen Formen gesetzt wird .
Veranlassung zu diesem lebendigen Treiben mochte wohl der Aufenthalt des geben .
Ihm zu Ehren reihte sich Fest an Fest , Ball an Ball ;
die reiche Kaufmannschaft ließ ihre Goldminen springen ;
selbst Offiziere und Beamten stürzten sich in ehrgeizigem Wetteifer in eine Schuldenlast , um mit der Bewirthung eines fürstlichen Hauptes prahlen zu können , eine Begnadigung und Ehre , die sich in heiligen Familiensagen forterbt von Kind zu Kindeskind !
Besonders zeichnete sich das Banquierhaus Neumann durch seine glänzenden , geschmackvoll arrangirten Feste aus .
Obgleich man gewohnt war , daß der reiche Banquier jedes Quartal mit einem großen diner begann , bei welchem aller Glanz des Silbers und Tafelzeuges entfaltet wurde , so staunte man doch in's geheim über diesen noch nie dagewesenen Pomp , zuckte die Achseln , und zischelte sich bedeutsam in die Ohren .
Man fürchtete allgemein , dieser Hochmuth werde zu Fall kommen und das Fortunatussäcklein seine Fülle urplötzlich erschöpfen .
An dem Tage , als diese Furcht größere Begründung zu gewinnen schien , herrschte gerade in den Oburnschen Fabriken eine besondere Freude , wie sie nur Festtagen eigen zu sein pflegt .
Die Dampfmaschinen waren polirt und blank geputzt ;
die Säle reingefegt und mit frischem Sande bestreut ;
die Arbeiter , mit reinlicher Wäsche bekleidet , saßen vor ihren Webstühlen , die ebenfalls von dem verjährten Staube gesäubert waren ;
die Comptoiristen hatten , mit noch kunstgeübterer Hand , als gewöhnlich , Busenstreif und Manschetten geordnet ;
und die blauen Fracks mit den gelben Knöpfen angezogen .
Alles schien gespannt und erwartungsvoll ;
am meisten wohl der Fabrikherr selbst .
Unruhig ging dieser in seinem geöffneten Prunkzimmer auf und ab , besah dann wohl eine Minute lang seinen neuen eleganten Anzug im Spiegel , sprach laut , wie mit einer andern Person , mit sich selbst , indem er mit den Händen gestikulirte und tiefe Reverenzen machte .
Dann öffnete er eine Nebenthüre die in das Boudoir seiner Gattin führte , sah hin ein , und rief ungeduldig :
, die überhaupt nicht mehr so frisch und blühend aussah , wie in Carlsbad , war gerade heute auffallend blaß ;
doch diese edle Blässe , das Attribut geistigen Leidens , raubte ihr nichts von ihrer Schönheit .
In dem schlichten , tiefschwarzen Kleide , das Haar auf der hohen Stirn kindlich gescheitelt , sah sie so ideal aus , hatte ihr Wesen eine so eigenthümliche Verklärung , daß es schwer zu bestimmen war , ob sie an jenem Abend auf dem Ball des , oder an diesem Morgen einen größeren Zauber ausübte .
Ruhig , doch bestimmt , erklärte sie ihrem Gatten , daß es ihre Absicht nicht sei , den Prinzen zu empfangen , daß sie in ihrer gewöhnlichen häuslichen Toilette bleiben würde .
Die aufschwellende blaue Stirnader des Gatten ließ eine heftige Gegenrede erwarten ;
doch das Heranrollen der prinzlichen Equipage verhinderte den Ausbruch des drohenden Sturms .
Noch einmal musterte der Fabrikherr seine Figur in dem hohen Trümeaux , postirte sich dann , mit seinem Comptoir-Personal , an dem Portal des Hauses , um hier den Prinzen zu empfangen , der nur von seinem Adjutanten und Leibarzt begleitet war .
Oburn hatte , zu der feierlichen Anrede , das ganze Wörterbuch der stammelnden Unterthänigkeit auswendig gelernt ;
und war , in Mienen , Bewegung und Sprache , ein leuchtendes Vorbild der treuesten Loyalität .
stand er da mit gesenktem Haupt , und stotterte einige Redensarten von unendlicher Ehre und Gnade heraus , in denen sich sein zusammengepreßtes Innere Luft machte .
Der Prinz übersah mit vornehm nachläßiger Miene die Befangenheit oder Unbeholfenheit des ;
und verlangte gleich die Fabriken zu besichtigen .
Persönlich umhergeführt von dem Besitzer , dem das Bewußtsein seines Besitzes einigermaßen eine behäbige Fassung wiedergab , fand er alles vortrefflich eingerichtet , lobte die Intelligenz des Gründers , sprach leutselig mit den Arbeitern , und ließ ihnen von seinem Adjutanten ein reiches Douceur überreichen .
Als die Umschau vorüber war , nahte für ein schwerer Augenblick , dessen Erwartung ihm schon seit Ankunft des Prinzen den Angstschweiß auf die Stirn getrieben ;
nämlich die Bitte , der Prinz möchten die Gnade haben , höchsteigen ein Frühstück bei ihm einzunehmen .
Doch wie es ein harmloser Witz des Schicksals ist , daß gerade das , was man im Leben am meisten fürchtet , am glücklichsten vorübergeht , so hatte auch Oburn für seine ausgestandene Angst , die große Genugthuung , daß der Prinz sichtbar erfreut die Einladung annahm und mit raschen Schritten in die geöffneten Gastzimmer eintrat .
Die Einrichtung derselben war elegant und geschmackvoll ;
das servirte Frühstück hätte die verwöhnteste Zunge eines Epikuräers befriedigen können .
war nicht sichtbar .
Der Prinz in irgend einer lieben Hoffnung getäuscht , wurde verstimmt und schweigsam .
überfiel bei dieser sichtlichen Veränderung ein panischer Schrecken ;
auf allerlei geistlose Fragen , die er an den Prinzen richtete , erhielt er kurze , einsilbige Antworten ;
seine Verzweiflung steigerte sich immer mehr , je mehr die Aussicht schwand , daß seine Frau ihn durch ihre Ankunft von dieser Marter erlösen werde .
Der Gedanke an seine Frau brachte ihn übrigens auf den glücklichsten Einfall .
Ihr lebensgroßes , sehr ähnliches Portrait , von einem der ersten , jetzt lebenden Künstler gemalt , hing in reichem , goldenen Rahmen in seinem Geschäftszimmer .
Schnell öffnete er die Thüre , die dahin führte , und zog den Prinzen hinein mit den Worten :
Wie die Sonne plötzlich durch finsteres Gewölk bricht :
so erhellte sich das verdüsterte Gesicht des Prinzen zu einem Freudenschein , der im Nachglanz noch die Züge des verklärte .
sprach der Prinz nach langem Anschauen fast bewußtlos vor sich hin ;
Den Schritten des Prinzen war sein Leibarzt unmittelbar gefolgt .
Auch er stand vor diesem Portrait wie festgebannt ;
Erinnerungen an eine theure Vergangenheit überkamen ihn mächtig bei dem Anblick dieser Züge .
Sein Auge blitzte auf wie vor Freude und Seligkeit ;
die strengen , edeln Züge wurden weicher , ein Hauch des Friedens wehte darüber hin ;
doch diese stille Seligkeit wich plötzlich einem höhnischen bittern Ausdruck .
Wie von heftigen innerm Leiden erfaßt , ballte er beide Hände , preßte die Lippen fest zusammen , und wandte sich dem Fenster zu .
hatte beide aufmerksam beobachtet ;
eine Ahnung durchzuckte sein mißtrauisches Gemüth , als ob nicht das schöne Bild , sondern das Original der Gegenstand sei , der Beiden ein so lebhaftes Interesse einflöße ;
doch wußte er sich zu beherrschen , und frug unbefangen :
Wie eine herbe Pille , schluckte der Ehemann diese Schmeichelei herunter :
Alle drei Personen waren in eine Stimmung versetzt , welche den materiellen Genuß eines feinen Frühstücks verschmähen mußte .
Die auserlesensten Leckereien verließen unberührt den Tisch ;
nur dem Wein , dessen Güte und Alter solchen Vorzug verdiente , ließen sie sein volles Recht widerfahren .
Als der Rebentrank eben anfing , das Gespräch frischer und lebendiger zu machen , wurde die Thüre rasch und heftig aufgerissen ;
der trat leichenblaß in das Zimmer , und schrie fast konvulsivisch , ohne auf den hohen Gast die geringste Rücksicht zu nehmen :
Die Wirkung dieser wenigen Worte auf Oburn war unbeschreiblich .
Vollkommen erstarrt , ohne die geringste Spur des Lebens stand er , einige Minuten an die Wand gelehnt .
Dann arbeitete seine breite Brust gewaltig ;
und die Worte :
entrangen sich mühsam seinen Lippen .
Im Innern des Prinzen mußte während dieser Scene irgend ein Entschluß reifen .
Fast freudig sah er auf die vom Schreck zerschmetterte Gestalt des Fabrikherrn , reichte ihm herablassend die Hand , und sprach :
Durch das Fallissement des Banquierhauses verlor eine baare Summe von 50,000 Thalern .
Dieser Schlag hatte ihn so unerwartet getroffen , daß er in den ersten Tagen nach diesem Ereigniß wie betäubt umherging .
Dann raffte er sich auf , nahm mit dem Buchhalter seine Credit- und Debetbücher genau durch , und erhielt als Resultat die traurige Gewißheit , daß sein Ruin unabwendbar sei , wenn er nicht irgendwo eine Anleihe von 50,000 Thaler machen könnte .
Oburn war übrigens eine thatkräftige Natur .
Sobald ihm seine verzweifelte Lage ganz klar geworden , sah er diesem Schreckbild fest ins Auge , und versuchte Alles , um diesem Unglück vorzubeugen .
Alles , was an ihn zahlbar war , wurde eingezogen ;
und wo er selbst Verpflichtungen hatte , bat er auf einige Monate um Stundung .
Doch selbst die befreundetsten Kaufleute schlugen ihm dies ab ;
und drangen , vielleicht selbst durch Neumanns Bankerott gezwungen , auf augenblickliche Zahlung .
Eben so vergebens war Oburns Bitte um ein Darlehn , obgleich er selbst in ähnlicher Lage oft seinen Freunden thätige Hülfe geleistet .
Doch jetzt fand sich keiner dazu bereit ;
alle lehnten es , unter diesem oder jenem Vorwande ab .
Seine Lage wurde wirklich verzweifelt , als auch noch ein englisches Haus , das für ihn Geschäfte in Baumwollgarn machte , ihm einen bereits acceptirten Wechsel von 10,000 Rthlr .
zu augenblicklicher Zahlung präsentirt und über Oburn , im Fall einer Zögerung , als säumigen Wechselschuldner Personal-Arrest verhängte .
Dieser Schlag vernichtete Oburns letzte Hoffnung .
Er verschloß sich 24 Stunden lang in sein Zimmer ;
man hörte ihn darin laut ächzen und stöhnen , Tag und Nacht mit heftigen Schritten auf und ab gehen .
Nachdem der wildeste Sturm ausgetobt , trat er in das Zimmer seiner Frau .
Er mußte fürchterlich gelitten haben , denn seine Züge waren tief eingefallen ;
und der hochrothe Bart an dem einen Tage grau geworden .
hatte alle diese Schreckensnachrichten mit bewundrungswürdiger Ergebenheit aufgenommen .
Der Gedanke , daß sie von jetzt ab in Armuth und Dürftigkeit leben müsse , hatte für sie nichts vernichtendes :
denn sie kannte den Werth des Geldes noch nicht , und war durch den Besitz desselben zu wenig glücklich geworden .
Liebevoll eilte sie ihrem Gatten entgegen und brach bei dem Anblick seiner verfallenen Gestalt in heftiges Weinen aus .
Dieser Beweis ihres Mitgefühls erschütterte ihn , und als ob er sich jeder weichen Regung schämte , unterdrückte er schnell eine hervorquellende Thräne , und sprach :
Wie ein schwerer Unheil drohender Traum , aus dessen Banden sich die Seele vergebens loszureißen sucht :
so wirkten diese Worte auf , und es währte lange , ehe sie ihren ganzen Sinn gefaßt .
Außer sich warf sie sich vor ihrem Gatten auf die Kniee nieder , und rief leidenschaftlich :
ein eisiger Frost schüttelte bei dieser Erinnerung die zarten Glieder – hatte das Zimmer schon längst verlassen , als seine Gattinn noch immer starr dasaß , bewußtlos und gefühllos .
Es giebt solche Augenblicke , in denen die Seele alle Farben und Formen des Lebens , alle festen Gedanken und festen Gefühle verliert , und sich ganz in die einförmig schwarze Nacht der Existenz versenkt .
Nur das dumpfe Brüten bleibt , und der Alpdruck eines namenlosen Schmerzes !
rang sich plötzlich aus dieser Apathie los , sprang hastig auf , lief in das Comtoir , und ersuchte athemlos den Buchhalter um das Contobuch ihres Gatten :
Ehrig schaute sie mit kummervollen Blicken an , und erwiederte ganz leise :
frug die junge schöne Frau mit einem flehenden Blick , der dem Buchhalter bis in's Innerste drang .
bedeckte die Augen mit den Händen , und rief leidenschaftlich :
Eine Stunde später hatte eine lange , geheime Unterredung mit dem .
Sie mußte für beide befriedigend ausgefallen sein ;
denn das Gesicht des Prinzen sah bei'm Abschied triumphirend aus , und auch trat sichtlich erheitert und ruhig in das Comtoir , und verkündete dem Buchhalter , daß der Prinz bereit sei , Morgen früh die Summe von 10,000 Rthlr .
vorzuschießen .
Bei dieser Nachricht erbleichte Ehrig , und sah Oburn mit einem vorwurfsvollen Blicke an , den dieser nicht ertragen konnte .
Rasch wandte er sich ab , und ging in das Gemach seiner Frau .
Stumm trat er ein ;
es war eine unheimliche Pause !
Sie lag auf dem schwarzen Sammet-Sopha , betäubt und lautlos , er ging hastig im Zimmer auf und ab .
Dann sprach er plötzlich in bittendem Ton :
schrie die Frau ihm entgegen , Oburn nahm einen bittenden Ton an , ein Ton , der seinem Wesen fremd war , zu dem ihm nur die schmerzlichste Zerknirschung seines Innern treiben konnte .
Das höchste Gut seines Lebens stand auf dem Spiel – und in die Gewalt seiner Frau war es gegeben , den drohenden Sturm zu beschwören .
Gerade der nahe Verlust zeigte ihm den ganzen Werth des klingenden Mammons ;
seine fiebernde Angst ließ ihn ängstlich nach Rettung umhersuchen ;
das Gold stand wie ein Phantom vor seiner Seele , unentfliehbar , ihn fesselnd mit eherner Macht ;
und wuchs in den phantastischen Bildern , die durch seine Seele jagten , zu riesenhafter Gestalt .
Wie klein schien ihm dagegen das Opfer , das seine Frau bringen sollte , ein kurzes Liebesglück an einen Fremden verschwendet , eine selige Nacht , untreu den Laren des Hauses , unter einem fremden Gestirn geträumt !
Dennoch ängstigte ihn die fieberhafte Spannung seiner Frau .
Er stand vor ihr wie ein Delinquent , der um Gnade fleht ;
doch sie wies ihn mit Entschiedenheit zurück .
Er wollte ihre Erklärung nicht als fest , ihren Entschluß nicht als wandellos hinnehmen , und verließ das Zimmer , mit dem Versprechen , nach zwei Stunden zurückzukehren , indem er die Hoffnung aussprach , sie dann bekehrt zu sehn , und geheilt von ihren thörichten Vorurtheilen .
– war in jene Spannung versetzt , die , wenn sie nicht die Seele aufzehren sollte , sich in äußerer Handlung rasch und entschieden bethätigen mußte .
Der Bruch in ihrem Leben war vollendet :
sie fühlte sich durch die Zumuthung ihres Gatten entehrt , in dem innersten Kern ihres Wesens verletzt .
Die vollständige Entfremdung ließ sie nicht einen Augenblick länger mit ihm unter demselben Dache verweilen .
Er hatte sich des Rechts auf ihre Liebe unwerth gemacht , eine Liebe , die gerade jetzt im Unglück ihm treu zur Seite stehen sollte .
Dieser Gedanke verzögerte auf kurze Zeit ihren Entschluß ;
doch sie wurde sich darüber klar , daß von Pflichten zwischen ihr und ihrem Gatten nicht mehr die Rede sein könne .
Rasch und geheim ließ sie ihre Sachen einpacken , den Reisewagen fertig machen , und fuhr , ohne von Oburn Abschied zu nehmen , aus dem Hause , die Schande fliehend , die ihr drohte .
Frei athmete sie draußen auf ;
es ging der Hauptstadt zu , einer stürmischen Welt voller Klippen und Untiefen , deren Wogen manch leuchtendes Segel zur Tiefe hinabziehen , aber auch manch lichte Perle aus ihrem Schoße zu Tage fördern .
aus München hat den Falstaff gegeben , und trotz des abscheulichen Wetters ist es den Leuten , die aus dem Theater kommen , behaglich zu Mute .
Auch Girlinger ist darunter .
Eben spannt er den Regenschirm auf , um seinen Cylinder und den neuen langen englischen Überzieher zu schützen , da tritt Stilpe an ihn heran .
Er hat keinen Überzieher , und statt der gelben Mütze sitzt ihm ein alter Schlapphut auf dem Kopfe .
Seine Hosen sind unten ausgefranzt , seine Stiefel zerrissen , statt Kragen und Shlips trägt er ein wollenes Halstuch .
Girlinger erschrickt , wie er ihn sieht , und macht eine Bewegung , als wolle er davon .
– – – – – – – – – – – – – – – – – – – – – – – Girlinger fing an , einen psychologischen Bissen zu ahnen .
Es mußte wohl interessant sein , das Problem der Verlumptheit an einem konkreten und dabei einigermaßen vertrauten Fall zu studieren .
Er liebte solche Studien , wenn sie bequem gemacht werden konnten .
Also lud er Stilpen ein , mit ihm in ein Lokal zu gehen und Abendbrot zu essen .
Stilpe nahm diese Einladung mit Lebhaftigkeit an :
– Sie gingen in die Gosenstube und fanden einen leeren Tisch .
Stilpe aß mit Heißhunger und sehr viel , die Gose aber benutzte er nur als Vorwand für eine große Anzahl von Nordhäusern , die er mit zu sich nahm , wobei es stets den Anschein hatte , als wolle er das Glas mit verschlingen .
Im Lichte der Gasflammen sah Girlinger , wie ihm die letzten drei Jahre zugesetzt hatten .
Das unrasierte Gesicht fahl und aufgedunsen , die Lippen bläulich , die Augen scheinbar kleiner geworden und sehr unstät .
Eine zuckende Unruhe im ganzen Wesen , zumal in der Bewegung der Hände etwas ziellos Fahriges .
Aber der Nordhäuser schien zu beruhigen .
Zuletzt bekam Stilpe sogar seinen alten Zug von souveräner Ironie und die gewisse , etwas zu deutlich markierte vornehme Lässigkeit der Gesten .
Zumal den Rauch der Cigarre blies er ganz wie früher so grandios und dabei mit Genußmiene von sich .
Auch seinen alten Stil gab ihm der Nordhäuser ungefähr wieder .
– – – – – – – – – – – – – Er aß ein paar Sooleier und kam zu sich .
– Er war ganz aufgeregt .
– – Er lehnte sich zurück und blies den Cigarrenrauch lachend von sich .
– Er sah Girlingern blinzelnd an :
– Die Beiden schwiegen eine Weile .
Dann Girlinger :
– – – – – – – Viertes Buch .
Ecce poeta Erstes Kapitel Erstes Kapitel Ein junger Lyriker und ein noch jüngerer Dramatiker saßen im Café Kaiserhof in Berlin und erörterten die Zukunft der deutschen Litteratur .
Da ging ein Herr an ihrem Tisch vorüber , und der Lyriker hielt mitten in der Bemerkung , daß erst nach völliger Austilgung der Tagespresse wieder an eine anständige Litteratur zu denken sei , inne , um diesen Herrn , der sehr elegant gekleidet war und ein etwas blasiertes Wesen zur Schau trug , mit tiefer Verbeugung zu begrüßen .
Der Herr , an dem eine Fülle schwarzer , weit in die Stirn gekämmter Haare und ein Klemmer mit sehr breitem schwarzem Bande besonders auffiel , sagte mit einem schiefen Lächeln :
Der Lyriker machte noch eine Verbeugung und wollte etwas sagen , aber da war der Herr mit dem schwarzen Klemmerbande schon weiter gegangen .
An einem Ecktisch , wo der Kellner bereits den Absinth filterte , ließ er sich nieder .
– fragte eifrig der Dramatiker .
– antwortete erstaunt der Lyriker :
begann die Prinzessin , als jene zurückkam , erwiederte Rosa , rief Eleonora ganz entzückt aus , und bedeckte ihre liebe Rosa mit zahllosen schwesterlichen Küssen .
Selbst die altadelige Obersthofmeisterin vergaß sich in dem süßen Gefühle ihrer zweifellosen Hofluftrettung so sehr , daß sie die bürgerliche Rosa aufrichtig an ihr Herz drückte .
Eleonora war von wonnigen Erinnerungen an ihren geliebten Paul , von den Blutwallungen feuriger Weine und rascher Tänze , so wie von den reizenden Aussichten in eine lockende Zukunft in Pauls Armen , zu sehr aufgeregt , um allein schlafen zu können , sie wünschte ihre zartesten und heimlichsten Empfindungen einem gleichgestimmten Wesen in herzlichen Umarmungen mittheilen zu können .
Die Obersthofmeisterin wurde in ihr Bett geschickt , und Rosa , nachdem sie vor Eleonorens Augen die letzte leichte Hülle abgelegt hatte , mußte das Lager ihrer Busenfreundin für diese Nacht theilen .
Unzählbare Küsse rauschten ;
sie hielten sich wie im Liebestaumel umschlungen , in wechselseitiger Lobpreisung der seltensten Formen wunderschöner Weiblichkeit wetteifernd .
Beide Mädchen überließen sich dem schmeichelnden Wahne , in den Armen der Auserlesenen ihrer Herzen zu liegen , und den süßen Träumereien und neckenden Einfällen einer fessellosen Phantasie .
Oft nannten beide die Namen ihrer Angebeteten , während sie Eleonore oder Rosa sagen wollten ;
wie wenig hätte für eine von Beiden aus den Händen der allbeglückenden Natur hingereicht , um Beide zu den seligsten Menschen umzuwandeln , die jemals ein keusches Ehebett redlich und liebevoll getheilt haben !
Am andern Tage , Morgens zehn Uhr , verließ Hetzer , zur allgemeinen Verwunderung seiner Bekannten , welche sich über die Ursache gewaltig die Köpfe zerbrachen , in einem bequemen Reisewagen mit Courierpferden die Hauptstadt , fuhr zum entgegengesetzten Thore seines Reisezieles hinaus , und schlug erst auf halbem Wege der ersten Poststation die nöthige Richtung ein .
Schlichter als Schriftsteller Schlichter als Schriftsteller .
Die ganze Stadt betrauerte den Unfall der , die ihrer Herzensgüte wegen allgemein beliebt war .
Die Hofzeitung beruhigte das Publikum durch ein offizielles Bulletin des Leibarztes , worin die Meerrettigwurzel als Veranlassung angeklagt wurde .
Niemand glaubte sich bei dieser Angelegenheit betheiligter , als Schlichter , den die innere Unruhe der Neugierde nun täglich morgens öfter als viermal in den Wallfischbauch trieb , um vom Wirthe selbst , oder von den zufällig anwesenden Gästen etwas Näheres zu erfahren , mit einem Worte , um hinter das Geheimniß zu kommen , welches sein geübtes Intriguen-Näschen in dieser Sache schon bei der ersten Nachricht gewittert hatte .
Unter den Anwesenden befand sich auch ein gewisser , ein wackerer Bürger der Hauptstadt , übrigens ein gebildeter , jovialer Mann von einnehmenden Zügen , dem plötzlich ein lustiger Streich in den Sinn kam .
Schlichter wendete sich auch an ihn , da sie im Wallfischbauche fast täglich Morgens um eilf Uhr bei einem Glase Wein , mitunter auch bei mehreren , zugleich sich einfanden .
Schab äußerte , wenn er ein Schriftsteller wäre , wie Schlichter , und sogar den Pegasus bestiege , wie dieser , so würde er diese Gelegenheit benützen , um eine Meerrettigwurzel auf Stein zeichnen , und darunter ein selbstgedichtetes Trauersonnett nebst einer geschichtlichen Darstellung des bedauernswürdigen Unfalles der Prinzessin setzen zu lassen ;
eine ausführliche Beschreibung des glänzenden Balles und prächtigen Feuerwerkes auf Rosa's Landhause würde ihm als Einleitung einen herrlichen Stoff geben , sein Talent als Schriftsteller und Dichter im schönsten Lichte leuchten zu lassen ;
Schlichter sollte sodann einige Exemplare auf weißem Atlas für die höchsten Herrschaften abdrucken lassen , und mit eigenen Zuschriften an dieselben senden .
Gerne erbiete er sich , das für die Prinzessin bestimmte Exemplar durch Rosa's Kammerdiener , der bei ihm einkaufe , sicher bestellen zu lassen .
Obgleich Schlichter nicht gewohnt war , eine fremde Ansicht für besser zu halten , als seine eigene , so mußte er doch diesem guten Rathe des volle Gerechtigkeit wiederfahren lassen , daher er denn auch , in der Freude seines Herzens , sogleich , nach dem technischen Ausdrucke der Weintrinker , knallen ließ .
Mit diesem Worte wird nämlich der süße Ton des Pfropfes einer Champagnerflasche bezeichnet , welcher entsteht , wenn der Pfropf im Kampfe der eindringenden Luft mit dem nach Außen strebenden Geiste des köstlichen Rebensaftes in die Luft gesprengt wird .
Während der Champagner in den langhälsigen Gläsern schäumte und perlte , wurde der Plan näher besprochen ;
und plötzlich verschwand , von der ihm angebornen innern Unruhe getrieben , die eine kaum gedachte Sache auch schon ausgeführt zu sehen wünschte .
Man trägt den Krug so lange zum Brunnen , bis er bricht Man trägt den Krug so lange zum Brunnen , bis er bricht .
Unter den Gästen auf dem Balle war vielleicht nicht ein Einziger , der so wenig Unterhaltung zu finden schien , als der Erbprinz .
Wegen der Anwesenheit des Fürsten mußte er schicklicherweise jede vertrauliche Annäherung an Chiaretti zu vermeiden suchen , und um es mit dieser eifersüchtigen Italienerin nicht zu verderben , selbst jeder Ballgalanterie gegen Rosa entsagen .
Beschränkt auf unbedeutende Gespräche mit einigen durchaus nicht gefährlichen Damen , mußte der Erbprinz sich bald von einer Langeweile gequält fühlen , die ihn eben so ungewohnt als widrig däuchte .
Von einem reichen Grafen , der drei Meilen von dem Jagdschlosse des Erbprinzen ein prächtiges Landgut bewohnte , auf morgen zur Jagd geladen , fand er es der nöthigen Nachtruhe wegen für zweckmäßig , vor Mitternacht nach Hause zu fahren , was auch ganz unbemerkt geschah .
Um jedoch das Vergnügen der Chiaretti nicht zu stören , flüsterte er dieser , ohne das mindeste Aufsehen zu erregen , den plötzlich gefaßten Entschluß zu , den Grafen noch vor Sonnenaufgang zu überraschen , sohin unmittelbar von Rosa's Landhause dahin zu fahren .
Chiaretti hatte um so weniger etwas dagegen einzuwenden , als sie ohnehin unter den schönen Gardeoffizieren das Auge des Herrn scheute , und noch überdieß ein ergötzliches Plänchen im Kopfe trug .
Heimfahrend fiel es dem Erbprinzen ein , mit der angeblichen Ueberraschung des Grafen gleichwohl die Chiaretti zu beglücken , wozu er durch die feurigen Weine Rosa's , denen er weidlich zugesprochen hatte , sich ganz besonders gestimmt fühlte .
Uebrigens kann ich meinen reizenden Leserinnen im Vertrauen gestehen , daß er weit lieber sein Bett mit der wunderschönen Rosa getheilt hätte , und daß er unterwegs allerlei Pläne entwarf , zu diesem wonnereichen Ziele zu gelangen .
Dieser Wille ohne That war ein moralischer Treubruch , gleichwie der Ehemann oder die Ehefrau , in der ehelichen Umarmung an eine Andere , oder an einen Andern denkend , einen moralischen Ehebruch begehen , und bisweilen Kinder erzeugen , die dem Manne oder Weibe , woran sie mit geistiger Hingebung dachten , sprechend ähnlich sehen .
Sehr verdächtig bleibt es zwar immer , wenn ein in diesem Phantasiespiele erzeugtes Kind einem Manne gleicht , von dem der Ehemann weiß , daß er seiner Frau nicht gleichgültig ist ;
aber eine wahre Bosheit der Natur scheint es , wenn ein solches Kind einem Weibe oder Mädchen ähnlich sieht , dem der gewogen ist ;
denn die Natur wird dadurch nicht blos die Verrätherin des Geheimnisses , sondern überbürdet sogar der rechtmäßigen Ehefrau die schmerzliche Pflicht , ein Kind zu bringen , das einer Nebenbuhlerin zugedacht war .
Diese Art des Ehebruches mag wohl am häufigsten vorkommen , da sie am leichtesten geschehen kann , und doch ist sie vor Gott nicht minder sträflich , als der leibliche Ehebruch , weil Gott den Willen richtet , nicht die That .
In jedem Falle verdient dieser Gegenstand von allen meinen verehrten Lesern und schönen Leserinnen reiflich erwogen zu werden .
Eine Viertelstunde vor dem Jagdschlosse , wo die schöne Allee von Kastanienbäumen begann , ließ der Erbprinz den Wagen nach dem Hause des Försters fahren , das eine halbe Stunde weit seitwärts am Ende des Parkes lag ;
bis dahin wollte der Erbprinz im Geleite der Frühstrahlen der Morgensonne zu Fuße gehen , jetzt aber gänzlich unbemerkt in das Schloß kommen .
Dieß gelang ihm auch vollkommen ;
die Hunde auf dem Schloßhofe erkannten ihren Herrn , und schwiegen .
Durch die Orangerie kam er auf einer schmalen , geheimen Treppe in sein Schlafgemach , entkleidete sich , ohne Licht zu machen , schob die Kleider unter die Bettstelle , und setzte sich , in seinen Pelzrock gehüllt , in einen Lehnstuhl , über die Ereignisse dieses Tages nachsinnend .
Schon schlossen sich seine müden Augen , schon wollte der Schlaf ihn mit den geheimen Fäden des Traumes umspinnen , als das Heranrollen eines Wagens im Schloßhofe ihn ermahnte , wach zu bleiben .
Chiaretti war's , die es nach der Entfernung des Erbprinzen nicht mehr für angenehm oder schicklich gehalten zu haben schien , länger zu verweilen .
Der Erbprinz erwartete , daß sie aus alter Gewohnheit in sein Zimmer kommen , und sich überzeugen werde , ob er anwesend sey , oder nicht .
Denn immer pflegte sie vor dem Schlafengehen , wenn er auch nicht ihr Verweilen wünschte , einen Blick auf sein Bett zu werfen , und wenn er noch wachte , eine gute Nacht zu geben .
Dießmal wollte er sie in ihrem Bette überraschen , und sich daher ihren Blicken entziehen .
Zu diesem Zwecke wählte er den welschen Kamin , der zu beiden Seiten so geräumige Vertiefungen hatte , daß er sich leicht verbergen konnte .
Bald darauf trat Chiaretti rasch in das Zimmer , blickte umher , einen Armleuchter in der Hand tragend , und entfernte sich hastig .
Sie war bereits im Nachtkleide .
Eben wollte der Erbprinz , seine quälende Haft verlassend , in das Zimmer der Chiaretti treten , als er eine männliche Stimme vernahm , die ihm bekannt dünkte .
Antonio war's .
– bewillkommte ihn Chiaretti , So sprachen sie noch einige Zeit , und legten sich darauf nieder .
Auf einem Tische vor dem Bette Chiaretti's stand ächter Tokajer .
Küsse begannen die Liebeskämpfe , und lösten sich bald in ein mattes Stöhnen auf .
Wer vermochte die Empfindungen des betrogenen Erbprinzen zu schildern ?
Rasch riß er die geladenen Doppelpistolen von der Wand , fest entschlossen , die Elenden mitten in ihrem Sinnentaumel zu tödten .
Doch ein edleres Gefühl siegte über die wilde Leidenschaft .
Leise öffnete er die Thüre , trat in das von einer Astrallampe beleuchtete Gemach , und nahte sich dem Lager der Verbrecherin .
stöhnte er , und kaum vermochte er dieß Wort der krampfhaft gepreßten Brust zu entreißen .
Beide fuhren aus ihrem Taumel auf ;
Chiaretti sank bei seinem Anblicke ohnmächtig auf die Kissen zurück .
rief ihnen der Erbprinz zu , Er klingelte .
Ein Kammerdiener erschien .
Kaum hatten sich Antonio und Chiaretti angekleidet , als auch schon gemeldet wurde , daß der Wagen bereits bespannt sey .
Chiaretti wollte ihm zu Füssen fallen , und um Verzeihung flehen ;
der Erbprinz duldete Beides nicht .
In der Eile raffte sie aus ihrem Schranke an Kleidungsstücken und erhaltenen Geschenken zusammen , so viel als möglich , schnürte einen Bündel , und schritt an der Seite Antonio's weinend dem Wagen zu .
rief der Erbprinz vom Fenster aus dem Kutscher zu , und der Wagen rollte dahin mit einem Mädchen , welches so lange schon die Wonne des Erbprinzen gewesen war , erkauft mit der Liebe seines Vaters , mit dem häuslichen Frieden einer glücklichen Ehe .
Dieß Alles war nun dahin !
Allein nur dieses männlich-rasche Verfahren konnte ihn von der falschen Italienerin auf immer trennen ;
jedes Zögern würde der Verführerin neue Mittel gegeben haben , über die Nachgiebigkeit des schwachen Geliebten zu triumphiren .
Antonio reisete an demselben Tage , und in der nämlichen Stunde ab , die er dazu bestimmt hatte :
allein er mußte wider seinen Willen einen ganz andern Weg einschlagen , als den gewünschten .
Der gestürzte hatte ihn dringend zu einem Besuche eingeladen , angeblich um Sachen von der größten Wichtigkeit mit ihm zu berathen .
Da ein Kammerdiener des Erbprinzen im Wagen war , und zwei wohlbewaffnete Jäger auf dem Bocke saßen , so durfte Antonio vor der Hand an kein Entrinnen denken .
Allerdings stand es ihm frei , nach Ueberschreitung der Gränze auf irgend einem andern Punkte sich wieder in das Land hereinzuschleichen , und auf des Ministers Gütern verborgen zu halten ;
dabei ging jedoch gerade die beste Zeit verloren ;
unerwartete Zwischenfälle konnten Manches ändern , und vielleicht seine Mitwirkung entbehrlich machen .
Alle andern Beweggründe in seinem Innern überwog jedoch die heiße Sehnsucht , sich an dem Erbprinzen und an Rosa zu rächen , von welcher sowohl Antonio als auch Chiaretti ihr geheimes Verhältniß verrathen wähnten .
In diesem Wahne bestärkte ihn besonders Chiaretti , die ihm den Auftritt mit Rosa auf dem Balle , wegen des von Antonio an diese geschriebenen Briefes erzählte , wobei sie ihm zugleich über den schändlichen Mordantrag die größten Vorwürfe in der absichtlich gewählten , für jeden Nichtitaliener gänzlich unverständlichen Volksmundart machte , um ihre Verhältnisse dem Kammerdiener nicht zu verrathen , im Falle er , vermöge der gewöhnlichen Sprachkenntnisse in diesem Stande , die Mundart der gebildeten Italiener verstehen sollte .
erwiederte Antonio , Antonio gelobte ihr ewige Treue ;
an Betheuerungen und Schwüren fehlt es bekanntlich den Männern nie , so wenig , als den Weibern und Mädchen an Krokodillthränen , und auf diese Weise betrügen sie einander , so gut sie können .
Der Wagen hielt bei jeder Station nur so lange , bis die Pferde gewechselt waren , dann ging's wieder im schärfsten Trab dahin .
Der Kammerdiener bot ihnen eine Rebhühnerpastete und einige Flaschen Wein , woran sie großes Behagen fanden .
Eben begann die Sonne ihr goldenes Strahlenhaupt zu neigen , und die Schatten der Wanderer und Bäume wurden immer länger , als der Wagen durch einen Hohlweg bergan fuhr .
Ganz oben bildete die Seite der Straße einen ziemlichen Abhang , und die rechte führte durch dichtes Haselgebüsch fast senkrecht in einen Abgrund , dessen Boden ein tiefes stehendes Wasser war .
Ein heftiger Sturm hatte in der vergangenen Nacht die beiden Geländer weggerissen , welche von dieser drohenden Stelle jede Gefahr entfernt hielten .
Der Kammerdiener und die beiden Jäger begaben sich auf die linke Seite des Wagens , um ihn mit ihren Schultern zu stützen , damit er nicht umfalle ;
auch Antonio bot seine Mithülfe an , die jedoch abgelehnt wurde , wahrscheinlich weil man dem Vogel nicht traute .
rief er ihr zu ;
Nach einem raschen Kusse wollte Antonio den Schlag zur rechten Hand öffnen , und hinausspringen , als er zu seinem Entsetzen bemerkte , daß dieß ohne den hiezu bestimmten Schlüssel nicht möglich sey .
Schnell entschlossen , ließ er das Fenster des Schlages herab , schwang sich mit dem Oberleibe auf die Decke des Wagens , um die untere Hälfte des Körpers durch das Fenster zu ziehen , und sprang so rückwärts auf die Straße , glitt jedoch aus , und fiel der Länge nach hin .
Das Geräusch des Falles schreckte die auf der linken Seite den Wagen Stützenden aus ihrer Anstrengung auf .
Alle drei durften nicht zugleich ihre Posten verlassen , außerdem sie den Umsturz des Wagens nur um so mehr beschleuniget hätten .
Während der Kammerdiener laut schrie :
verdoppelte der eine Jäger seine Kraft , und der andere riß mit einem Tritte auf das vordere linke Wagenrad eine Pistole aus der Seitentasche des Bocksitzes , rief dem Antonio , der sich eben aufraffte , ein donnerndes :
zu , und sendete dem verwegenen Flüchtlinge eine Kugel in's Gebüsch nach , die dicht an seinem Ohre vorbeipfiff .
Unser hat auch schon die Kugeln pfeifen hören , und beschreibt den Ton dieser Kerlchen in dem Werke :
Der Jäger sprang ihm nach , doch gleich darauf hörte man Antonio's durchdringenden Schrei und wenige Sekunden darnach den dumpfen Wiederhall eines Sturzes in das Wasser aus der Tiefe .
fragte der Kammerdiener den allein zurückkehrenden Jäger .
antwortete dieser ganz kurzweg , und stieg mit seinem Kameraden wieder auf den Bock , weil der Wagen gleichfalls an der gefährlichen Stelle vorüber war .
Als der Kammerdiener an Chiaretti's Seite Platz nehmen wollte , fand er sie in tiefer Ohnmacht , und hielt es in dieser Lage , aus alter Erfahrung , für's Beste , sie durch angreifende Mittel so schnell als möglich zu beleben .
Der dritte Vater Der dritte Vater .
Eine Stunde nach Antonio's und Chiaretti's Abreise saß auch der Erbprinz schon im Wagen , wohnte der Jagd bei seinem Nachbar bei , wo er aus ungewöhnlicher Zerstreuung fast immer fehlte , und überraschte Rosa bei der Mittagstafel als Gast .
sprach er eintretend und mit ritterlicher Galanterie das niedliche Händchen küssend , Rosa benahm sich bei dieser Unterredung mit so viel Geist und Anmuth , daß der Erbprinz vor Entzücken über ihre Liebenswürdigkeit ganz außer sich war .
Er nahm keinen Anstand , ihr die Treulosigkeit der Chiaretti , und ihre Verweisung nebst Antonio ausführlich zu erzählen .
trieb Iwan unaufhörlich , abwechselnd bittend und fluchend , in fieberhafter Rastlosigkeit .
Große Staubwolken wirbelten zum Himmel auf , die kleinen zottigen Pferde keuchten in fliegendem Galopp , unter fortwährendem Peitschenknallen der durch unerhörte Trinkgelder zu unerhörten Thaten begeisterten Postillione , vor der leichten Kibitka .
So ging es , bei Sonnen- und Mondenschein , bergauf bergab , die langen heißen Tage , die wundervollen lauen Nächte hindurch , bis endlich Moskau erreicht war .
Nur wenn glücklicher Weise einmal am Wagen etwas brach , ein Pferd stürzte , oder die Räder bei der übergroßen Eile in Brand geriethen , nur durch solch einen willkommnen Zufall war es Richard einigemal gelungen , eine kurze Zeit zum Ausruhen zu gewinnen .
Doch durfte diese erzwungene Ruhe nie zu lange währen , wenn Iwans krankhafte Ungeduld nicht bis zum Unerträglichen sich steigern sollte .
Der Unglückliche glaubte dann in jedem auf ihn zuschreitenden Reisenden den Boten zu sehen , der gesandt sei ihn gewaltsam zurück nach Petersburg zu führen , und brach in so ängstliche herzzerreißende Klagen aus , daß Richard der eigenen Ermüdung darüber gern vergaß , und die Fortsetzung der Reise auf jede Weise zu beschleunigen suchte , aus Furcht , Iwan könne bei längerem Verweilen zurück in seinen vorigen trostlosen Zustand , oder wohl gar in unheilbaren Wahnsinn verfallen .
In unglaublich kurzer Zeit hatten die Reisenden auf diese Weise den weiten Weg bis Moskau zurückgelegt , ohne einen bedeutenden Unfall zu erleiden .
Der Anblick der ihm wohlbekannten Plätze und Straßen , der Häuser und Paläste , wirkte beruhigend auf den sonst rastlosen Iwan .
Er rief jene genußreiche Zeit ihm zurück , die er bald nach der Trennung vom Vaterlande hier verlebte ;
hierher war er mit frischen Sinnen , ein mit dem ernsteren Gange des Lebens noch unbekannter Neuling in der Welt , zuerst gekommen ;
warum , dachte er , sollte er von hier aus , wo er schon auf halbem Wege sich befand , nicht wieder in sein Vaterland zurückgelangen können ?
Ein wunderlicher Schluß , wie er wohl in einem so tief und so schmerzlich zerrütteten Geiste nur entstehen konnte ;
aber er besänftigte doch die bis aufs höchste getriebene Spannung seiner Nerven .
Iwan fing an sich ermüdet zu fühlen ;
zum erstenmal seit Petersburg erblickte er im Spiegel seine bis zum Unkenntlichen veränderte Gestalt , und verlangte jetzt selbst sich hier einige Tage zu erholen .
Nein , sprach er :
Richard trachtete vor allem den Freund in dieser heilsamen Stimmung zu bestärken ;
er führte , freilich mit großer Auswahl , einige seiner früheren Bekannten ihm zu , um ihm die Zeit zu verkürzen , und hielt sich und seinen Freund für völlig geborgen , als er durch einen glücklichen Zufall einen wohlhabenden in Moskau etablirten Teppichhändler aus Tiflis auffand , der mit seiner Vaterstadt unaufhörlich in Handelsverbindungen stand .
Dmitry , so hieß der gute freundliche Mann , schloß jetzt seinen Laden gern ein Stündchen früher als gewöhnlich , um regelmäßig jeden Abend zu seinem Landsmanne zu eilen , und über einer Pfeife ächten türkischen Tabak , von dem geliebten Vaterlande , und auch von Iwans Familie sich mit ihm zu unterhalten , die er früher persönlich gekannt hatte .
Während Iwan auf diese Weise beschäftigt , recht gern in seinem Zimmer blieb , gelassen der Ruhe pflegte , und nur fleißig im Spiegel nachsah , ob er bald im Stande sein würde vor seiner Mutter zu er scheinen , ohne sie allzu sehr zu erschrecken , lebte Richard ganz ungehindert in den Erinnerungen , freudigen und trüben , die hier bei jedem Schritte , tausendfach gestaltet , sich ihm entgegendrängten .
Von seinem Herzen unwiderstehlich gezogen , galt sein erster Ausgang dem jetzt verödeten Palais des .
Indem er quer über den Vorhof dem einzigen jetzt offenen Seiteneingange desselben zuschritt , fiel eine aus diesem heraustretende Gestalt durch ihr seltsames Benehmen ihm auf ;
ein alter Russe , in der noch immer unter dem Bürgerstande üblichen Nationaltracht , mit einem , die ganze untere Hälfte des Gesichts verbergenden , sehr respectablen schneeweißen Barte , der von einem Ohre bis zum andern reichte , und ungewöhnlich lang , sich stattlich über die Brust hinbreitete .
Die Augen blinzelten kaum sichtbar unter den grauen , buschigen Augenbrauen hervor , und eine große Mütze , mit tief hereingehenden Ohrenklappen , verdeckte fast gänzlich den übrigen Theil des Gesichts .
Indem er an Richard vorüber ging , schien er wie erschreckt zusammenzufahren , maß ihn dann mit schnellem scharfem Blicke , wandte aber sogleich den Kopf nach der andern Seite , als Richard ihn anreden zu wollen schien , und eilte schneller davon , als man es seinem Alter hätte zutrauen sollen .
Die ganze abenteuerliche Figur hatte etwas Lächerliches , aber auch zugleich Grausiges ;
Richard , als sie an ihm vorüber geglitten war , konnte es nicht lassen sich noch einmal nach ihr umzusehen ;
sie war verschwunden , der Hof war leer , doch als er schärfer hinblickte , wurde er den Weißbart draußen , hinter dem offenstehenden Thürflügel gewahr , wie er durch die Spalte zwischen Thür und Angel ihn beobachtete .
Schon wollte Richard auf ihn zueilen , um ihn um den Grund seiner sonderbaren Aufmerksamkeit zu befragen , doch eben trat einer der Diener des Fürsten in den Hof hinaus , der ihn sogleich erkannte ;
das überlaute Freudengeschrei , das er erhob , versammelte in einem Augenblicke die ganze Dienerschaft , vom Höchsten bis zum Geringsten um Richard her , lauter treue ihm wohlbekannte Gesichter , welche der Fürst zum Schutze und zur Erhaltung der Ordnung in seinem Hause gelassen .
Sie umfaßten seine Kniee , küßten seine Hände , seine Schultern , seine Arme , sogar seine Stiefeln , den Saum seiner Kleider , und er hatte in dem allgemeinen Jubel nicht Hände , nicht Athem , nicht Worte genug , um jedem Einzelnen zu danken , jeden Gruß besonders zu erwiedern !
Eine Freude war unter diese treuen Seelen gekommen , als ob einer der Söhne ihres Herrn , ja ihr Herr selbst , unvermuthet heimgekehrt wäre .
Und als nun der erste freudige Tumult sich gelegt , Richard wie im Triumphe in die Wohnung des Kastellans geführt worden war , da ging es an ein gegenseitiges Fragen und Erzählen , ohne Anfang noch Ende ;
die Stunden flogen , Richard hatte sich verspätet , ehe er sich dessen versah .
Um schneller nach Hause zu gelangen , warf er sich in eine der immer bereit stehenden Droschken ;
nach dem seltsamen Weißbart sich zu erkundigen , wie er es sich vorgenommen , hatte er über all' den Jubel vergessen , und würde schwerlich seiner wieder gedacht haben , hätte er nicht beim Aussteigen vor der Thüre seines Hotels ihn ebenfalls in einer Droschke , in welcher er wahrscheinlich der seinen gefolgt war , langsam an sich vorüber fahren gesehn .
Von nun an bemerkte er überall die nämliche räthselhafte Gestalt ;
wohin er sich auch wenden mochte , erblickte er sie , doch nie in solcher Nähe , daß er sie hätte anreden können ;
so oft er dieses auch versuchte , gleich war sie verschwunden , er wußte selbst nicht wie noch wohin .
Richard fing allmälig an , dieses Abenteuer bedenklich zu finden ;
die mancherlei im Schwange gehenden Sagen von der Unsicherheit der Gegenden , durch welche der doch noch vor ihnen liegende Weg sie führen mußte , stiegen in abschreckender Gestalt vor ihm auf .
Er gedachte der Räuberhorden , der furchtbaren Tschetschen und Tscherkessen , welche sogar an jenem letzten unvergeßlichen Abende in Petersburg sein edler Beschützer warnend erwähnt hatte .
Wie , wenn jener mich so auffallend verfolgende Alte ein , mit einer jener Räuberbanden in Verbindung stehender Kundschafter wäre , der in irgend einem abgelegenen Winkel uns ihrer überlegenen Zahl ausliefern wollte ?
dachte er .
Es kam ihm selbst fast lächerlich vor , doch konnte er den einmal gefaßten Gedanken nicht wieder los werden , und begab sich zu dem des Landes kundigen Dmitry , um sich mit diesem darüber zu besprechen ;
doch indem er dem Hause desselben sich näherte , sah er zu seinem höchsten Erstaunen den räthselhaften Weißbart aus demselben hinaustreten , der , sobald er seiner gewahr wurde , sich mit bewundernswürdiger Leichtigkeit in seine bereit stehende Droschke warf , und über Hals und Kopf davon jagte .
fragte Richard ihm unverwandt nachschauend , ohne die vielen Komplimente zu beachten , mit welchen der aus seinem Laden ihm entgegen kommende höfliche Teppichhändler seine Freude über den unerwarteten Besuch ausdrückte , und ihn einlud näher zu treten .
fragte Richard noch einmal kurzweg .
erwiederte Dmitry und sah verwundert nach allen Seiten sich um .
seufzte er , ächt kaufmännisch die Achseln zuckend .
fragte Richard nochmals , indem er mechanisch Dmitrys Einladung Folge leistete .
Richard bekannte , in welchem schweren Verdachte er den harmlosen Weißbart gehalten , und Dmitry meinte vor Lachen darüber zu sterben .
rief er einmal über das andre , und hielt sich die Seiten , während helle Thränen ihm über die Wangen rollten .
fing er an , nachdem er wieder ein wenig zu sich selbst gekommen war .
Der gastfreie Dmitry hatte während der Zeit die köstlichsten Erfrischungen , die in seinem Bereiche lagen , auftischen lassen , und fing jetzt an mit einem Anerbieten heraus zu rücken , dessen Annahme , wie er ein wenig sarkastisch lächelnd hinzusetzte , sprach er , Nichts konnte erwünschter sein , als dieser Vorschlag , der sogleich freudigst angenommen wurde .
Die Reise ging zur bestimmten Zeit , unter den glücklichsten Vorbedeutungen vor sich ;
die beiden Kibitken nebst dem von mehreren Dienern begleiteten Packwagen des Kaufmanns , bildeten eine kleine ganz stattliche Karawane ;
für reichlich gefüllte Flaschenkeller und Speisekober , so wie für alles , was sie in diesem , doch noch immer etwas unwirthbaren Lande , vermissen konnten , hatte Dmitry bestens gesorgt .
Iwan ergab sich darein , allnächtlich zu ruhen , die fieberhafte Angst war von ihm gewichen , die zwischen Petersburg und Moskau ihn so gewaltsam vorwärts getrieben .
Heitern Muthes durchzogen die Reisenden so manche lange , öde , unwirthbare Steppe , bis sie an die üppig blühenden Ufer des Don gelangten .
Hier athmete Iwan schon heimathliche Luft ;
vollkommen genesen , schwelgte er in der Vorempfindung des nahen Wiedersehens , während Richard , durch Dmitry jeder Sorge um seinen Freund enthoben , der ihm neuen Welt sich freute , die ihn umgab .
Alles entzückte ihn , der reine blaue Himmel , der schöne Strom , den zahllose Schiffe und zierlich bemalte Barken belebten , die vielen Städtchen und Dörfer , die an seinen Ufern sich hinziehen , denn Richard war weit davon entfernt gewesen , hier nur etwas dem Ähnliches zu erwarten ;
Dmitry aber , aus purer Dankbarkeit dafür , daß sie bisher alles , was er für sie gethan , sich so wohl hatten gefallen lassen , verdoppelte seinen Eifer in der Vorsorge für die Freunde .
Schon waren sie dem Ziele , das Dmitry zu ihrer Begleitung festgestellt hatte , ziemlich nahe ;
sehr ermüdet von einer ungewöhnlich starken Tagereise langten sie , als die Sonne schon im Sinken war , in Rostow an , wo sie sich vorgenommen hatten zu übernachten .
Rostow ist ein lebhaftes , sehr wohlhabendes Handelsstädtchen , hart am Ufer des hier ungewöhnlich fischreichen Don ;
Fische sind daher das Haupterzeugniß des Ortes ;
gedörrt , gesalzen , geräuchert , in allen nur erdenklichen Gestalten , werden sie von hier aus weit und breit umher verschickt ;
Alt und Jung , Weiber und Kinder , sieht man überall , an allen Ecken und vor den Thüren der Häuser , mit der Zubereitung derselben beschäftigt , was freilich , besonders an warmen Sommertagen , die das Städtchen umgebende Atmosphäre eben nicht zur angenehmsten macht ;
man muß daran gewöhnt sein , um sie ertragen zu können .
Ungeachtet ihrer Ermüdung , und obgleich Rostow eigentlich der Punkt war , wo ihr Weg von dem ihres bisherigen treuen Begleiters sich trennte , gaben die Reisenden doch dem Rathe und den Bitten des Dmitry gern Gehör , die wenigen Werste nicht zu scheuen , und ihm vollends bis Nachitschewan ihre Gesellschaft zu gönnen .
Es war schon späte Nacht , als sie dort vor dem Hause eines armenischen Kaufmannes , Namens Ilia anlangten , der , ein Gastfreund ihres Freundes , sie sehr zuvorkommend empfing , und sogleich in die , dem Anscheine nach längst für sie bereit gehaltenen Zimmer führte .
Das ganze freundliche Städtchen Nachitschewan bildet eigentlich einen einzigen großen Bazar .
Mit den köstlichsten , wie mit den gewöhnlichsten Erzeugnissen des Orients angefüllte Magazine und Läden , nehmen fast durchweg den ersten Stock der Häuser ein , und in den mannigfaltigsten Trachten drängt lautes buntes Gewimmel von Käufern und Verkäufern sich in den lebensreichen Straßen .
Auch auf dem schönen Strome , der längs den Mauern des Städtchens sich hinzieht , geht es nicht minder lebhaft zu ;
ein- und ausladende , kommende und gehende Schiffe und Barken kreuzen durch einander in immer reger Beweglichkeit .
Hier zieht ein Fischer das schwer beladene Netz aus den im Morgenstrahle wie Silber erglänzenden Wellen , dort wirft ein Andrer das Seinige aus , während an den blühenden Ufern , unter fröhlichem Sange und Gelächter , hoch aufgeschürzte Mädchen einen Regen blitzender Diamanten aus ihren bunt gemalten Gießkannen über ihr bleichendes Garn hinströmen lassen .
Zum erstenmale seit langer Zeit saß Richard im Erker des freundlichen Zimmers , das der gastfreie Ilia ihm am vergangenen Abende angewiesen hatte , bei seinem Morgenkaffee ganz allein , er blickte hinaus in die ihn umgebende Pracht und Herrlichkeit der Natur , bewunderte den malerischen Effect der imposant hohen Gestalten der Einwohner , die in ihrer faltenreichen armenischen Tracht ernst und bedächtig einherschritten , und dem Orte einen , von allen bisher gesehenen ihn unterscheidenden , orientalischen Charakter verliehen ;
in großer Behaglichkeit gab er so dem lange nicht genossenen Bewußtsein des seligen Nichtsthun und des ungestörtesten Alleinseins sich hin .
Dmitry und Ilia hatten sich noch nicht gezeigt , vermuthlich wollten sie dem reisemüden Gaste Zeit zum Ausruhen lassen .
Iwan aber war schon längst mit den beiden Söhnen des Ilia auf und davon , die er zu seinem großen Vergnügen glücklich aufgefunden hatte .
Sie mußten ihn hinaus zu all' den glänzenden Herrlichkeiten begleiten , die in den Straßen ihn unwiderstehlich anlockten ;
denn sein Beutel war noch wohl gefüllt ;
das Gold brannte ihm in der Tasche , und er vermuthete mit Recht , daß eine solche Gelegenheit , es in Geschenken für Mutter und Schwester anzulegen , sich ihm sobald nicht wieder bieten dürfe .
Ein lauter Schrei ganz in der Nähe , im Hause selbst wie es ihm schien , schreckte Richard aus dem ruhigen Genusse des gemüthlichen Stilllebens auf , das ihn umgab .
Ein Getümmel entstand , wie von mehreren durcheinander laufenden Personen ;
weibliche und männliche Stimmen wurden durcheinander hörbar , weinende , freudige , scheltende , fluchende ;
und mitten durch klang Iwans zürnende Stimme am lautesten und vernehmlichsten von Allen .
Richard sprang auf , zur Thüre hinaus ;
aber seit seiner Ankunft war er noch nicht aus seinem Zimmer gekommen , und daher völlig unbekannt mit den Lokalitäten des Hauses .
Bald einige Stufen hinauf- , bald wieder andre hinabsteigend , gerieth er aus einem , durch Fenster von geöltem Papiere nur schwach erleuchteten , engen Gange in den andern , stieß überall auf verschlossene Thüren , und hörte dabei fortwährend , bald näher , bald entfernter das nämliche Geräusch , und von Zeit zu Zeit Iwans laut erhobene Stimme dazwischen .
Richard fing eben an zu überlegen , ob es nicht am gerathensten wäre , eine Seitenthüre , hinter welcher das Getöse sehr deutlich hervorscholl , gewaltsam zu erbrechen , als er am andern Ende des Ganges eine dunkle Gestalt vorsichtig an der Wand hinschleichen sah .
Er blickte schärfer hin , nein , er irrte sich nicht :
es war Grischa .
Wie ein Tiger auf seine Beute , wollte er auf den ihm jetzt mehr als verdächtigen Weißbart losspringen , aber im nämlichen Augenblicke legte eine kräftige Hand sich von hinten auf seine Achsel und hielt ihn fest .
rief Dmitry , denn dieser war es ;
damit öffnete er eine Thüre , welche Richard in der Dunkelheit vorhin nicht bemerkt hatte , und schob ihn in ein helles geräumiges Zimmer hinein .
Einige Secunden lang staunte Richard die zahlreiche Gesellschaft sprachlos an , die er in seltsamen Gruppen vertheilt hier versammelt fand .
Ilia , der Hausherr , stand ihm und der Thüre am nächsten ;
er hielt zwei angstbleiche , zitternde Knaben von funfzehn bis sechszehn Jahren festgepackt beim Kragen , die er unter lautem , ununterbrochenem Schelten mitunter derb zusammen schüttelte .
Mit irgend etwas , das in ihrer Mitte vorging , emsig beschäftigt , stand und kniete in einer Ecke des Zimmers ein undurchdringlicher Haufe armenischer Frauen und Mädchen .
Doch von diesen nahm Richard weiter keine Notiz , denn Iwan zog seine ganze Aufmerksamkeit an .
Ähnlich einem zürnenden Halbgotte stand Iwan da , ganz so wie er damals in Petersburg , in jener fürchterlichen Nacht , vor der Versammlung der Verschworenen gestanden , aber liebend umfangen von den Armen einer schönen stattlichen Matrone , der er zu sehr glich , um in ihr nicht augenblicklich seine Mutter zu erkennen .
Hinter ihm hob ein , ihm ebenfalls sehr ähnliches junges Mädchen , sich möglichst hoch auf den Fußspitzen empor , um mit ihren beiden Armen seinen Nacken zu umschlingen , was aber nicht ganz nach Wunsch gelingen wollte ;
ein zweites , noch jüngeres , begnügte sich damit , seine Kniee zu umfassen , und lächelnd unter Thränen , in dieser Stellung zu ihm aufzusehn ;
drei im Alter wenig verschiedene hoch gewachsene Bursche betrachteten den Bruder mit unbeschreiblicher schüchterner Liebe und Freude ;
die ganze war hier zum Empfange des lang entbehrten Lieblings versammelt , nur der Vater fehlte , den Geschäfte der Ernte einstweilen zu Hause noch fest hielten .
Die ganze Gruppe würde dem anmuthigsten Familiengemälde als Vorbild haben dienen können , hätte die Hauptfigur , Iwan , nicht die Harmonie desselben gestört , der bald wild tobend , wie ein aufgereizter Löwe , in furchtbaren Flüchen und Verwünschungen den allen unbegreiflichen innern Zorn seiner Brust ausströmen ließ , bald wieder im nächsten Momente , sanft und weich wie ein Kind , den Liebkosungen der Seinigen , sie erwiedernd , sich hingab , und gleich darauf wieder den Armen , die ihn umschlungen hielten , sich zu entwinden suchte , unter Drohungen , von denen Niemand
begriff , wem sie gelten könnten .
Richard übersah das Alles in weniger als einer Minute ;
unentschlossen stand er da , und Ilia war der erste , der seine Gegenwart bemerkte .
sprach Ilia , sehr anständig sich verbeugend , ohne jedoch die beiden vergeblich sich sträubenden Knaben loszulassen :
– setzte er , mit dem Fuße derb aufstampfend , hinzu , und schüttelte die Knaben abermals zusammen , daß Hören und Sehen ihnen vergehen mochte .
schrie weinerlich der jüngste Bube .
setzte sein älterer Bruder etwas trotzig hinzu .
Jetzt legte Dmitry sich ins Mittel , und es wurde den Knaben vergönnt , ihre Entschuldigung vorzubringen .
Iwan hatte schon viel Geld , ihrer Ansicht nach unermeßliche Summen , für Schmuck und ähnliche Dinge hingegeben , als noch ganz zuletzt ein brillanter persischer Shawl ihm ins Auge fiel , den er sogleich seiner Mutter bestimmte .
Er fragte nach dem Preise , zählte seine ihm übrig gebliebene Baarschaft , fand sie eben noch hinreichend , und war im Begriff den Kauf abzuschließen , als der älteste seiner jungen Begleiter mit der Erklärung dazwischen trat , der Shawl sei höchstens ein Drittel der dafür geforderten Summe werth .
Der Kaufmann versicherte das Gegentheil ;
Iwan ohnehin des vielen Marktens und Feilschens müde , bezeigte sich geneigt auf seine Seite zu treten , als der eifernde Knabe hastig den Gegenstand des Streites aufgriff , und damit in das nahe gelegene Haus seines Vaters lief , um seine Mutter als anerkannte kompetente Kennerin darüber entscheiden zu lassen .
Sein Bruder folgte ihm , und Iwan sprang in einem Anfalle lustiger Laune beiden nach ;
der Kaufmann , der die Söhne seines reichen kannte , ließ unbesorgt sie laufen .
In kindischer Ausgelassenheit stürmten alle Drei blindlings in das Zimmer der Mutter der Knaben , , hinein ;
betroffen über sein eignes Ungeschick , blieb Iwan beim Anblicke der Gesellschaft , in welcher er sich ganz unerwartet befand , wie versteinert stehen , und flog im nächsten Augenblicke mit einem lauten Freudenschrei in die Arme seiner Mutter , seiner Brüder , seiner Schwestern , die er alle ungeachtet der mehrjährigen Trennung augenblicklich erkannte .
Der Jubel war allgemein , die Freude unbeschreiblich ;
doch plötzlich veränderte sich alles auf unbegreifliche Weise , und der Zustand stellte sich ein , in welchem Richard ihn jetzt gefunden .
Das Angstgeschrei der Frauen , die einen plötzlich wahnsinnig Gewordenen in ihm zu sehen glaubten , Ilias scheltende Stimme , der Knaben ängstliches Rufen , der Mutter bittendes Zureden , alles das zusammen wirkte wahrhaft betäubend .
Auch Richard , wie früher die übrigen Alle , begann jetzt zu fürchten , die überraschende Anwesenheit der Mutter und Geschwister habe auf den eben Genesenden zu lebhaft gewirkt , und den armen Iwan wenigstens für den Augenblick um Sinn und Verstand gebracht .
Er näherte sich ihm und wollte nach beschwichtigenden Worten suchen , doch dazu ließ Iwan ihm keine Zeit ;
er riß sobald er ihn erblickte von der Mutter sich los , warf sich ihm in die Arme und brach in herzzerreißende Klagen aus .
rief er , und schien nicht zu fühlen wie heiße Thränen , aus den weit offnen wild blitzenden Augen , schwer und einzeln über die in dunkler Fiebergluth brennenden Wangen ihm rollten .
Rücksichtslos schob er alles was ihm im Wege stand bei Seite , und zog den Freund mitten in den eng geschlossenen Kreis der Frauen hinein , die sogleich ängstlich-scheu ihm auswichen .
Lotte meinte zwar , dass damit die Ausgaben ja nun auch überstanden seien , und es jetzt ans Verdienen ginge , Lena aber , die wieder sehr praktisch geworden war , seitdem ihr erster Berliner Rausch verflogen , sah die Dinge weniger optimistisch an .
Was fingen sie an , wenn ihre Einberufung nicht binnen Wochenfrist erfolgte und Lotte nicht gleich verdiente ?
Selbst im günstigten Fall würde bis zu ihrer Anstellung als Telephonistin noch immer Zeit genug vergehen .
Aerztliche Untersuchung , Aufnahmeprüfung , vier bis sechs Wochen unentgeltlicher Dienst , das neue Jahr würde herankommen , ehe sie würde mitverdienen helfen können !
Lena wurde plötzlich sehr niedergeschlagen und fing an , sich Vorwürfe darüber zu machen , dass sie für sich selbst nicht an eine interimistische Thätigkeit gedacht hatte .
Welche ?
Da wäre freilich guter Rat teuer gewesen .
Lotte durfte von dieser Depression beileibe nichts merken .
Lena dankte Gott , dass sie den Kopf so hübsch oben trug , und ganz Hoffnung , ganz glückliche Arbeitsstimmung war .
Um doch wenigstens selbst auch gleich etwas zu thun , machte sie sich daran , ihre Kenntnisse in Geographie , Aufsatz und Rechnen für die Aufnahmeprüfung wieder aufzufrischen .
Lotte nahm indess selbstverständlich zuerst den bestellten Hut für in Arbeit .
Ob es daran lag , dass sie ganz etwas besonders gutes machen wollte , ob ihr von den vielen Modellen , die sie täglich in den Schaufenstern sah , zu vielerlei verschiedene Arrangements vorschwebten und sie verwirrten , kurz und gut , was ihr nie vordem begegnet war , sie konnte mit dem Hut nicht zustande kommen .
Immer wieder hatte sie die Form anders besteckt .
Einmal mit Schleifen und Blumen , dann mit Federn , schliesslich nur mit Band .
Eine ganze Menge Material war schon beschädigt und unansehnlich gemacht worden , und noch immer wollte es nicht das Richtige werden .
Kein Wunder , dass das endlich fertig gestellte Machwerk nicht zusagte .
Das junge Mädchen war rücksichtsvoll genug , sich nicht weiter darüber zu äussern , bezahlte auch den ausgemachten Preis , aber die Schwestern sahen es ihr an , dass sie keine zweite Bestellung machen würde , und auch auf ihre Weiterempfehlung schwerlich zu rechnen sei .
An diesem Abend weinte Lotte bitterliche Thränen , die ersten heissen seit dem Abschied von der Mutter Grab .
Ihr Selbstvertrauen war tief herabgedrückt , ihre Hoffnungsfreudigkeit auf Null gesunken .
Ein besonderer Glücksumstand war es , dass gerade an einem der folgenden Tage Lenas Einberufung eintraf .
Nun gab es Neues zu denken und mitzusorgen , und auf Tage hinaus stand für die gutherzige , zärtliche Lotte nichts anderes als Lenas nächste Zukunft auf dem Spiel .
Trotzdem die Schwester kerngesund war , erwartete Lottchen sie mit Herzklopfen von der Untersuchung bei dem Kassenarzt zurück .
Würden Lenas Seh- und Hörkraft , ihre Lunge und die Blutzusammensetzung auch Gnade vor des Gestrengen Augen finden ?
Nachdem die kleine schwerblütige Grüblerin über diese Sorge glücklich hinaus war , kam Lenas Aufnahmeprüfung an die Reihe .
Bis in den grauenden Morgen des Prüfungstages hatte Lotte die Schwester examiniert und schweren Herzens sich und Lena immer wieder die Frage vorgelegt , ob Lena auch gut bestehen werde .
Da der prüfende Postsekretär der Kandidatin selbst keine gar zu ängstliche Herzbeklemmung verursachte , war Lena endlich über Lottes Fragen fest eingeschlafen und die kleine Aufgeregte hatte die grösste Mühe gehabt , die Schwester morgens rechtzeitig aus dem Bett zu bekommen .
Desto grösser war die Freude , als Lena mit dem Uebermut eines Schulknaben , der wieder 'mal eine mit Hangen und Bangen erwartete Versetzung hinter sich hat , heimkam .
Aufnahmeprüfung , Vereidigung , alles war glücklich überstanden , und nun gings mit beiden Füssen zugleich hinein in ein neues Leben .
Täglich von 8–12 Uhr Vormittags oder von 2–8 Uhr Nachmittags – zuweilen verschoben sich die Stunden auch – hatte Lena Dienst , der während ihrer Ausbildung in zwei Teile zerfiel :
In den praktischen Dienst unter Leitung einer Aufsichtsdame , in dem das Stadt- und Ferngespräch erlernt wurde , und in den Instruktionsunterricht bei einem Aufsichtsbeamten , der die Anfängerin über das Verhalten in und ausser dem Dienst und die Vorsichtsmassregeln bei Gewitter- und Feuersgefahr unterwies .
Lena mit ihrem anschlägigen Kopf erlernte das alles spielend .
Ihr frisches , munteres Wesen trug das seine dazu bei sie beliebt und angenehm zu machen , und ohne allzu optimistisch zu sein , durfte sie ihre Anstellung um Anfang Dezember erwarten .
Dann gabs für eine siebenstündige Arbeitszeit durch zwei Jahre 2 Mark 25 Tagegelder .
Davon liess sich schon leben , sobald Lotte das ihre dazu verdiente .
Wie ein Kind freute sich Lena auf die Zeit , da sie in ihrer schmucken Uniform , der blauen Leinenjacke mit den rot abgesteppten Nähten und den goldenen Knöpfen , die zu dem glatten schwarzen Rock so nett passte , in Reih und Glied mit den anderen Kolleginnen würde arbeiten dürfen .
Es war eine Zusammengehörigkeitsaussicht , die ihr ungemein verlockend erschien .
Während Lena so hoffnungsfreudig in die Zukunft sah , geriet Lottchen in eine immer gedrücktere Stimmung .
Ihr anfangs so guter Mut wollte sich nicht wieder heben .
Die Stunden , in denen Lena im Dienst war , dünkten ihr endlos lang zu sein , und immer trüber wurden die Gedanken , an denen sie in diesen einsamen Stunden spann .
Sie war dies Alleinsein von Haus her so gar nicht gewöhnt .
Dort war sie besonders während der letzten Jahre stets an der Seite der Mutter gewesen .
Wenn es noch viel zu thun gegeben hätte !
Aber die Kundschaft stellte sich nur sehr spärlich ein und war recht wenig nach Lottchens Sinn .
Zu Haus hatten die , die , wenn nicht für sich , so doch für ihre zahlreichen Kinder , die , die neue Hüte bei ihr bestellt , oder alte aufarbeiten lassen .
Hier musste sie schon dankbar sein , wenn ein paar Mädchen aus den Nachbargeschäften kamen .
Meist fanden sich indess nur Dienstmädchen bei ihr ein , die gegen Abend , während sie Einkäufe für ihre Herrschaft machen sollten , vorsprachen .
Es handelte sich da beinahe stets um denselben Auftrag :
der vorjährige Winterhut sollte bis zum nächsten Ausgehsonntag neu aufgearbeitet werden .
Das waren Aufgaben , die in wenigen Stunden ausgeführt waren und im besten Fall etwa eine Mark für den Hut einbrachten .
Was hätte Lotte für eine einzige Kundin mit ausgiebigen Aufträgen gegeben !
Für eine Kundin aus besseren Kreisen mit der die Unterhandlung keine moralische Pein war , die sich bei dem feinfühligen Mädchen oft bis zum physischen Unbehagen steigerte .
Die Sehnsucht nach der toten Mutter wuchs wieder mächtig in ihr auf .
Nur einmal während der vielen totstillen Stunden ihr Grab aufsuchen dürfen , ein paar armselige Blumen darauf niederlegen , über dem kahlen Hügel beten und weinen !
Und nicht allein zu der Toten , auch zu den Lebendigen trieb sie's zurück .
Sie wollte sichs nicht eingestehen und doch war es so , jetzt schon , nach wenigen Wochen , hatte das Heimweh sie gepackt .
Nach dem Vater , nach den wenigen Bekannten , nach den engen , vertrauten Gassen sehnte sie sich zurück .
Mehr als je zuvor musste sie auch an denken .
Wenn er am Ende doch recht gehabt und sie und Lena im Unrecht gewesen wären !
Ein herzbeklemmendes Gefühl war es jedenfalls , allein und fremd zu sein unter Millionen von Menschen .
Niemals ein bekanntes Gesicht zu sehen , einen freundlichen Gruss zu bieten oder zu empfangen .
Die Freude würde sie überwältigt haben , wenn ihr eines Tages nur irgend ein gleichgiltiger Mensch aus der Heimat begegnet wäre .
Nur einmal etwas anderes sehen als fremde Gesichter .
Wie viel besser hatte es doch Lena !
Von ganzer Seele gönnte sie ihr das glücklichere Los , das sie gezogen hatte , aber dem Vergleich konnte sie sich nicht entziehen .
Während die Schwester mit einer Schar von Kolleginnen , die alle die gleichen Interessen verbanden , zusammen arbeiten durfte , angestrengt arbeiten , ohne rechts und links zu sehen , sass sie allein , oft ohne jede genügende Beschäftigung , und ihre Augen suchten und fanden nichts als einen stillen , engbegrenzten Raum .
Was ihr in den sonnigen Herbsttagen so gefallen , die abgeschlossene kleinstädtische Ruhe des mauerumfriedeten Hofes , schien ihr jetzt , wo der Herbstzauber dahin war , nur noch ein ödes totes Einerlei .
Grau , blätterlos , halbverschneit stand der Nussbaum da .
Die Fenster der Nachbarn , die im Oktober einen so freundlichen Einblick in das Innere der Wohnungen gewährt hatten , waren fest verschlossen .
Vor den Fenstern blühten keine Blumen mehr , und der breite , in das Mauerwerk hinein lugende Himmel war grau und schwer , wie alles in der engen Nachbarschaft .
In den Stunden , zu denen Lena da war , liess sich freilich alles ganz anders an .
Trotzdem sie meist totmüde nach Haus kam , wusste sie doch immer von allerhand lustigen und interessanten Dingen zu erzählen .
War der Dienst auch noch so streng und geregelt , die Aufsichtsdame noch so unnachsichtig , ein paar Augenblicke , um mit den Nachbarinnen zu plaudern , fanden sich doch immer .
Und dann die grosse , fast einhalbstündige Erholungspause !
Wie die Bienen schwärmten sie dann aus , die luftigen , sauber gehaltenen Steintreppen herunter in das kleine Paradies hinein , das die jungen Mädchen auf eigene Kosten begründet hatten und aus eigener Tasche erhielten .
Da gab es guten Kaffee und Bier und belegte Brödchen , vor allem aber einen Schwatz , wie er lustiger bei keinem Kaffeekränzchen gedacht werden konnte .
Was man da alles erfuhr und lernte !
Unter den hundert Telephonistinnen in Lenas Saal waren neben den Töchtern aus einfachen Familien auch junge Mädchen aus den besten Kreisen vertreten .
Ja drei wirkliche adelige , zwei Oberstleutnantstöchter und eine Majorstochter a.D. , waren darunter .
Sie waren weder hübsch noch so chic in ihren Strassenkostümen , wie die meisten der andern Mädchen , aber vornehm waren sie , kolossal .
Im Hause des hatte bei einem der vielen Brüder Pathe gestanden .
Jetzt waren die jungen Herren längst alle Kadetten oder standen als Leutnants in der Armee , und die Schwestern mussten mit verdienen helfen , damit die Offiziere nur einigermassen standesgemäss leben konnten .
Warum die Brüder alle zum Militär gingen , wenn kein Geld dazu da war , auf diese etwas naseweise Frage Lenas hatte das älteste , das sonst sehr nett mit ihr zu sein pflegte , freilich keine Antwort mehr gegeben , sondern ihr achselzuckend den Rücken gedreht .
Aber das würde sich schon wieder geben .
Sie war im Grunde nicht stolz , das und für ein eine gutmütige Person .
Auch über die Arbeit selbst sprach Lena sich dauernd sehr befriedigt aus .
Die Handgriffe wurden ihr spielend leicht .
Nach acht Tagen schon hatte sie alle Verbindungen herzustellen verstanden .
Auch sprach sie deutlich und hörte scharf .
Förmlich gelehrte und von technischen Ausdrücken wimmelnde Vorträge über die sinnreiche Einrichtung der Schränke , über den Sprach- und Hörapparat , über das Arbeiten mit den Klinken wusste sie Lotte zu halten .
Und wie sauber , ja förmlich appetitlich alles gehalten wurde , es war eine wahre Lust .
Lenas Enthusiasmus für ihren neuen Beruf kannte keine Grenzen .
Er umfasste das kleinste und das grösste mit gleicher Liebe .
So ganz eingenommen war Lena von ihren eigenen Interessen , dass sie es völlig übersah , wie blass und abgespannt Lotte war .
Als sie dann eines Tages das trübselige , niedergeschlagene Wesen der Schwester zu bemerken begann , fing sie in ihrer frischen energischen Art heftig zu schelten an .
Aber Lotte wollte nicht .
Sie ging ungern allein weite Wege und hielt sich lieber in der Nachbarschaft , wo sie leicht wieder nach Hause konnte .
Es war ihr unerträglich , sich anstarren zu lassen , oder gar dreiste Worte mit anhören zu sollen , die ihr die Röte der Scham in die Wangen trieben .
Mehrmals war es ihr schon so ergangen , ohne dass sie in ihrer stillen Art jemals davon gesprochen hatte .
Lena küsste die Schwester .
Lotte lachte .
Wenn Lena so sprach , war sie unwiderstehlich .
Lotte sah ihr lächelnd nach .
Wie fröhlich , wie hübsch , wie lustig die Lena war !
Wie schnell sie sich in das neue Leben eingewöhnt hatte !
Ja , der konnte es nicht fehlen in Berlin !
Um fünf Uhr war Lotte mit ihrem Hut fertig .
Einkäufe hatte sie heute nicht mehr zu machen .
Das wenige , was sie zum Abend brauchten , war im Hause .
Auch ihre Materialvorräte reichten bei den knappen Bestellungen noch auf ein Weilchen aus .
Sie genierte sich ordentlich , bei Levin so wenig Gebrauch von dem ihr seit dem 1. November eröffneten Konto zu machen .
Aber vielleicht hatte Lena recht , und es wurde für den Weihnachtsmonat besser mit den Bestellungen .
Mit diesen Gedanken ging sie die Treppe hinunter , auf der eine einzige kaum zur Hälfte aufgedrehte Gasflamme brannte .
Bis zu der kleinen Leihbibliothek waren es nur ein paar Schritte , als Lotte aber fühlte , dass die rauhe , frische Luft ihr gut that , legte sie ihre Scheu vor dem Alleingehen ab und schritt eiligst die Strasse ein paarmal auf und nieder .
Plötzlich sah sie wieder alles mit heitereren , lebensfroheren Augen an .
Lena hatte recht , sie durfte sich wirklich nicht einsperren wie eine Gefangene .
Ein einziger Blick in die Aussenwelt liess gleich alles anders erscheinen .
Ordentlich fröhlich schritt sie so einher und blieb sogar ganz wider ihre sonstige Gewohnheit zuweilen stehen , um einen Blick auf die hellerleuchteten Schaufensterauslagen zu werfen .
So manches Geschäft hatte schon für Weihnachten gerüstet .
Lotte überlegte , ohne diesmal an das leidige Geld zu denken , was sie Lena und dem Vater würde geben können .
Aus dem grossen Bierrestaurant an der nächsten Ecke , das sie sonst in weitem Bogen ängstlich zu umkreisen pflegte , seitdem sie einmal gegen Abend an der Ausgangsthür von zwei jungen Leuten angesprochen worden war , trat eine heitere Menschengruppe .
Junge Männer und ein paar Damen .
Sie trugen Schlittschuhe in der Hand oder über den Arm gehängt , und sprachen lachend davon , wie gut der heisse Grog nach der rauhen Luft auf der Eisbahn ihnen gethan .
Ein frischer , natürlicher Hauch ging von ihnen aus , etwas ursprüngliches , das Lottes krankem Gemüt wohlthat .
Wer weiss , ob diese Menschen nicht auch ihre Sorgen hatten und konnten doch auf Stunden vergnügt sein .
Warum sollte sie allein ihr Leben vertrauern , weil nicht gleich alles so ging , wie es hätte gehen sollen ?
Konnte sich denn nicht alles mit einem Schlage ändern ?
Konnte das , was sie vor zwei Monaten er träumt , als sie nach Berlin gekommen war , nicht dennoch Wahrheit werden ?
Wo so viele , viele tausende einen sicheren Hafen fanden , weshalb sollte sie gerade scheitern ?
Lotte richtete sich ein wenig straffer in den Schultern auf und ging mit festen Schritten vorwärts .
Vor ihr trippelten drei kleine acht- bis zehnjährige Mädchen .
Sie waren sehr ärmlich gekleidet und gegen die rauhe Luft nur mit verschlissenen Sommerjäckchen oder einem kreuzweis über die Brust geschlungenen Tuch geschützt .
Arm in Arm spazierten sie fröhlich vor Lotte her und sangen dazu in einem schrillen Discant einen Gassenhauer , von dem Lotte nur den Refrain verstand :
Lotte wurde rot bis unter das goldbraune Stirnhaar .
Mein Gott , was diese alles daherredeten , es war schrecklich !
Ganz dunkel gings ihr dabei durch den Sinn , dass die Armut am Ende einer so düsteren Vorschule bedürfe , die schon in der Kindheit vor nichts zurückschrecken macht , um sich mit Erfolg durchs Leben zu schlagen .
Die unklaren Vorstellungen , die sich an das hässliche Lied knüpften , hatten Lotte wieder traurig gemacht , und mit dem melancholisch resignierten Lächeln , das jetzt schon in ihrem lieblichen Gesichtchen förmlich festgewachsen zu sein schien , trat sie endlich in den kleinen Buchladen ein .
Der enge Raum war nur notdürftig erhellt , so dass Lotte anfangs nichts unterscheiden konnte , als ein paar hohe Bücherregale und die Platte des Ladentisches .
Die schmale Glasthür zu einem Nebenzimmer in gleicher Flucht mit dem Laden stand offen .
Auf einem breiten , altmodischen schwarzen Rosshaarsofa sass da ein junger Mann , eifrig über eine Papierlage gebückt und schrieb .
Er schien das leise Anschlagen der Ladenthürklingel völlig überhört zu haben .
Erst ein kleines Geräusch , das Lotte absichtlich machte , um seine Aufmerksamkeit zu erregen , liess ihn nervös von seiner Arbeit auffahren .
Unwillig sprang er auf und trat durch die Glasthür hinter den Ladentisch .
Zunächst mochten seine Gedanken noch bei der Arbeit sein , die er dort drinnen verlassen hatte , denn er gab auf Lottes bescheidene Fragen sehr konfuse Antworten .
Dann plötzlich erhellte sich sein anfangs unmutig verzogenes Gesicht .
Er drehte die Gasflamme über dem Ladentisch heller und beugte sich etwas zu Lotte hinüber , um seine Zerstreutheit zu entschuldigen .
Während er ihr einige Bücher zur Auswahl vorlegte , bemerkte sie , dass er ein sehr brünetter , schlank aufgeschossener , ungewöhnlich hübscher junger Mensch war .
Lotte blätterte , jetzt selber etwas zerstreut , in den ihr vorgelegten Romanbänden .
Dann plötzlich sah sie zu dem jungen Mann auf und gerade in seine graublauen Augen , die er , wie sie jetzt fühlte , unentwegt auf sie gerichtet gehalten hatte .
In tötlicher Verlegenheit stotterte sie etwas von Preisen , die sie erst kennen müsse , bevor sie eine Wahl träfe .
Er nahm ein kleines vergilbtes Oktavblatt von einem erhöhten Pult hinter dem Ladentisch und händigte es ihr ein .
Zerstreut überblickte sie die Abonnements-Bedingungen und sagte dann zögernd :
Als sie einen Einwand erheben wollte , dessen Grund er ahnte , fiel er ihr rasch in die kaum begonnene Rede .
XIV Seit diesem Tage lastete ein erneuter Druck auf den Bewohnern des Hofes .
Tralgoth lauerte auf alles , was in seiner Nähe vorging .
Halbe Nächte lang saß er im Bette wach und horchte auf Hendriks Schritte , der oben in seiner Stube auf und nieder ging .
Das Nachtlicht brannte grell bis zum Morgengrauen .
Dann begann der Tag mit seiner düsteren Monotonie .
Als die ersten Anzeichen des Frühlings erschienen , atmeten alle auf .
Draußen im Freien ließen sich die schwersten Sorgen leichter tragen , als zwischen den engen , bedrückenden Mauern .
Eines Tages legte Bela ein Schneeglöckchen in seiner Mutter Schoß .
Sie stellte es mit zitternden Händen ins Wasser .
Gott sei gedankt !
Gott sei gedankt !
Unten in der Scheune gab's ein frisches Rumoren .
Das Rüstzeug für die Frühlingsarbeiten wurde hervorgesucht , geprüft , ausgebessert .
Dann standen die Fenster des Hauses weit geöffnet , und die Frühlingssonne schien hinein .
Die Wintersaat war in kürzester Zeit hoch im Halm .
Die Ochsen wurden eingeschirrt und zogen hinaus aufs Feld .
Jauchzende Lerchen stiegen von der braunen Erde auf .
Hendrik sattelte Kincs und ritt in die Weinberge hinaus .
Manchmal folgte ihm Tralgoth , manchmal hielten ihn Geschäfte im Hause fest .
Dann war er fast der einzige daheim .
Bela war in der Schule , Kyrilla hatte Besorgungen in der Stadt und richtete sich so ein , daß sie ihren Jungen erwarten und mit ihm nach Hause gehen konnte .
Dann machten sie wohl einen Umweg und ließen sich am Steinbruch nieder .
Unten im Kessel hatten die Arbeiten wieder begonnen , und Bela interessierte es , den auf Leitern stehenden Steinklopfern zuzusehen .
Ertönte dann Hufschlag , so wurden Mutter und Sohn rot .
Der letztere wollte auf die Straße hinausstürzen ;
Kyrilla erfaßte ihn immer noch rechtzeitig und hielt ihn fest .
– Die Leute prophezeiten einen heißen Sommer .
Schon jetzt im April brannte die Sonne mit ungewöhnlicher Kraft nieder .
Die Bäume im Garten hatten ihr reichstes Blütenkleid angelegt .
Auf den Feldern und Wiesen schimmerte es buntfarbig .
Die Arbeiten , die infolge der heißen Witterung beschleunigt werden mußten , führten zeitweilige längere Trennungen zwischen den Bewohnern des Tralgothhofes herbei .
Ösz blieb tagelang in den Weingärten draußen , Emmerich kehrte spät abends von seinen Feldern heim .
Fanden sie sich wieder zu Hause zusammen , so fielen nur kurze geschäftliche Bemerkungen zwischen ihnen .
Jeder schien froh zu sein , so wenig als möglich mit dem andern zu thun zu haben .
Eines Spätnachmittags verließ Bela die Schule .
Die Mutter erwartete ihn vor dem Ausgang .
Der Himmel war voll rosig angehauchter Wolken , die wie ein brennendes Gebirge die Ebene einfaßten .
bat Bela .
meinte Kyrilla .
Sie sah seine bittenden Augen auf sich gerichtet und willfahrte seinem Wunsch .
Sie schritten über die jungen Blumen dahin , die unter ihren leichten Tritten die Köpfe kaum bogen .
Bela riß seine Mütze vom Kopf .
Seine geblähten Nüstern sogen begierig die würzige Luft ein .
Er sah mit glänzenden Augen umher .
Sie verstand ihn nicht und fragte , was er meine .
Da war er ihr aber auch schon vorausgeeilt und im Wäldchen verschwunden .
Er vergaß das , was ihn eben noch so sehr interessiert hatte , um seinen kleinen knurrenden Magen zu befriedigen .
Er schnitt ihrer ihm hingehaltenen leeren Tasche eine kleine Grimasse .
In diesem Augenblick erklangen Hufschläge .
Bela hob den Kopf .
Und plötzlich hat er alles um sich her vergessen .
Der rote Himmel , die berauschende Luft haben ihn trunken gemacht .
Er entreißt sich den Händen der Mutter und stürzt durch das Baumdickicht auf die Landstraße hinaus .
Seine aufgehobenen Arme sinken wie gelähmt nieder , sein eben noch strahlendes Gesicht erblaßt .
Sein Vater steht ihm gegenüber .
Beide starren einander an .
Tralgoth steigt von seinem Pferd ab .
Kyrilla tritt zwischen den Bäumen hervor .
Sie meinte im Weingarten .
Er gab keine Antwort .
Sein fahles , fleischloses Gesicht verzerrte sich zu einem unheimlichen Lächeln .
Kyrilla fühlte sich einer Ohnmacht nahe .
Sie sah ratlos auf das Kind , zu dessen Verteidigung sie kein Wort zu sagen wußte .
antwortete der Junge trotzig .
– Emmerich bestieg wieder sein Roß und ritt heimwärts .
Sie folgten ihm in einiger Entfernung .
Sie redeten kein Wort miteinander .
Am nächsten Tage , als Tralgoth vorüber ritt , hielt er an und horchte .
Er vernahm nichts .
Vielleicht flüstern sie zusammen , dachte er .
Er stieg ab und durchspähte das nächste Gebüsch .
Er sah niemand .
Er nahm seinen Weg weiter nach dem Weingarten hinaus .
Er fand Hendrik vollauf beschäftigt .
sagte er zu den arbeitenden Tagelöhnern .
Dann wandte er sich zu Ösz .
Hendrik sah ihn verständnislos an .
donnerte Hendrik mit flammenden Augen .
Emmerich trat einen Schritt zurück .
Hendrik riß rasch seine Pfeife heraus , steckte sie zwischen die Zähne und wandte sich scheinbar gleichgiltig mit ein paar Worten an die Leute .
Emmerich rieb sich die Hände .
Er unterhielt sich einige Minuten lang mit dem Aufseher ;
dann ritt er im raschesten Galopp heimwärts .
Als er an dem Kastanienwäldchen vorüberkam , sah er eine Flasche am Boden liegen .
Er vergaß , daß sie von den Arbeitern unten im Bruch herrühren konnte .
Sie scheinen sich's hier gut sein zu lassen , dachte er mit heimlichem Hohn .
Nun , ich werde ihnen schon auf ihre Schliche kommen .
Er thut , als wüßte er von nichts .
Der Junge bestätigte doch , daß er ihn erwartete .
Na , paßt auf .
Ich will einmal ohne Pferd hierherkommen , daß mich der Hufschlag nicht verrät .
Wer weiß , was ich da zu sehen bekomme ... 15 XV Hendrik hatte sich mit äußerster Willensanstrengung ruhig gehalten .
Er hatte einige friedliche Tage hinter sich , in denen er ganz in seinen Arbeiten aufgegangen war .
Er stand eben im Begriff , etwas freier aufzuatmen .
Da erschien Tralgoth mit seiner neuen , mit der schwersten Anklage .
Der Frieden wurde durch einen schrillen Mißklang zerstört .
In Hendriks Schläfen begann es zu hämmern .
Was sollte dies Neue wieder bedeuten ?
Hatte das Kind nicht in wahrhaft rührender Weise gehorcht und war ihm fast ausgewichen ?
Die Heiteretei sagte die Wirtin , vor deren Tür dieses Gespräch stattfand .
fragte Dorle wie von Verwunderung überwältigt ;
denn die Wirtin war eine jener Gestalten , die man sich nicht jung denken kann .
Die umherstehenden Männer brachen in ein Gelächter aus .
Das Mädchen erschien in seiner treuherzigen Verwunderung noch frischer als sonst .
dachte der Schneider , und ohne Umstände hätte er ihr einen Kuß gegeben , wenn er gewußt hätte , wie das anfangen .
Er hatte schon während des ganzen Gesprächs darüber nachgesonnen , allein vergebens .
Das Mädchen war hochaufgeschossen , eines ganzen Kopfes länger als der kleine Mann .
Selbst auf den Zehen stehend , hätte er nicht über das Grübchen unter ihrem Halse hinaufgereicht .
Und ihren Kopf zu sich herabziehen zu können , hätte er viel stärker sein müssen , oder sie viel schwächer .
Des Mädchens Augen lachten jetzt so ehrlich , wie vorhin schalkhaft , als es sagte :
sagte die Wirtin .
Und sie hinkte durch Einfahrt und Hof in ihr Wirtshaus hinein .
Des Schneiders Augen ließen den blonden Zopf und die vollen Lippen des Mädchens los und senkten sich auf ihren Schiebkarren hinab , und verwundert über die Tüchtigkeit des Fuhrwerks und des Strickes darauf fragte er :
lachte der Schmied .
entgegnete das Mädchen ernsthaft .
fragte der Schneider fast neidisch .
sagte das Mädchen ;
hustete der Weber .
sagte das Mädchen ruhig .
fragte der Schmied .
sagte das Mädchen , Die Wirtin kam mit einem Paketchen heraus , das schnell auf dem Schiebkarren seinen Platz fand .
Die Männer hießen das Mädchen warten ;
sie würden gleich mitgehen .
Gute Unterhaltung sei halber Weg .
sagte das Mädchen , Die letzten Worte kamen schon aus einiger Entfernung .
Das Mädchen war schneller und leichter auf den Füßen , als man der großen Gestalt zugetraut hätte .
Unwillkürlich sahen ihr alle nach .
hustete fast ärgerlich der Weber hinter ihr drein .
lachte die Wirtin .
Der Schneider sann über etwas , dann sagte er :
.
sagte der Schmied , Auf des Schneiders Gesicht hätte man lesen können , daß die Rede des Schmieds auf ihn gemünzt war , wenn es auch das Lachen der übrigen nicht verraten hätte .
Er seufzte nämlich trotz seiner dreißig Jahre noch unter der Tyrannei einer baumlangen Stiefmutter .
Sie nannte ihn nicht anders als den .
Natürlich hieß er von Stund an , wo dies bekannt wurde , im ganzen Städtchen so .
Man erzählte sich , sie behandle ihn durchaus jenem Ausdrucke entsprechend .
Und wollte gesehen haben , wie die starke Frau ihn über einen Stuhl gelegt , ihm die Höslein mit der Linken straff gezogen , während ihre Rechte die Festigkeit eines spanischen Rohres an dem Teil gemessen hätte , auf dessen Ausdauer bei der Schneiderei soviel ankommt .
Aber was will nicht der und jener Spottvogel gesehen haben , den ein Verhältnis der Art zum Weiterausmalen einlud !
Freilich , wenn der Schneider zuweilen wie ein Pfeil aus der Haustür herausschoß und dann hineindrohte :
dachten die Vorübergehenden dazu :
Der Schneider achselzuckte ein stummes :
Die Wirtin aber erinnerte der fliegende Saum des rotflanellenen Unterrocks , der eben um die Straßenecke verschwand , wieder an die Heiteretei .
, sagte sie , , hustete der Weber .
Ein Blick der Zustimmung , in dem die übrigen Männer sich nickend begegneten , zeigte , daß der Weber wahr gesprochen .
Unterdes waren sie mit Bezahlen , frisch Tabakstopfen und Anbrennen fertig geworden und machten sich auf den Weg .
Man hatte noch zwei gute Stunden zu dem Marktflecken .
Der letzte rief der Wirtin , welche die leergetrunkenen Gläser am Brunnen schwenkte , zurücksehend noch zu :
Die Wirtin sah sich um , und auf dem feinen Dufte haftend , der hinter den Bergen ringsum am Himmel heraufzog , sagte sie :
* Die Wirtin weiß es , und sie nicht allein , alle Welt weiß es , wie's mit dem Wetter ist zum Gründer Markt .
Und wenn er beginnt so blau und golden , wie es der Farbenkasten des Frühlings nur hergeben will , wie ein Tag vor sechzig Jahren ;
denn damals war alles besser , selbst das Wetter ;
frage nur die , wer's nicht glauben will .
Kaum ist's Mittag , da steigt's von allen Seiten auf ;
da hebt's und drängt's , bis es einen neuen Himmel gewölbt hat unter dem alten .
Das wär' schon gut , wenn es nur aufzuhören verstände zur rechten Zeit .
Aber immer noch steigt's und drängt's .
Da wird ein Hin- und Herwogen , dunkler und immer noch dunkler , ein Zusammen- und Übereinanderschieben , daß endlich die Funken davonstieben und das ganze Wolkengewölbe unter seiner eignen Last zusammenbricht mit Donnerkrachen und die Wolkentrümmer aneinander in ungezählte Tropfentrümmerchen zersplittern über Buden , Platz , Käufer und Verkäufer .
Wehe dem , der da noch unter diesen letzteren ist ;
in dem wilden Durcheinander von Stöcken , Köpfen , Hüten , Mützen , das der gleichzeitige Druck nach allen Richtungen , nach deren Enden rettende Türen sich öffnen , in eine kreisende Bewegung bringt .
Zugleich mit der ganzen Masse um ihre und noch einmal besonders um seine eigne Achse gewirbelt , weiß er bald nicht mehr , was sich dreht , er oder die Häuser und Buden um ihn herum .
Bald erscheint die rettende Tür , bald verschwindet sie , ohne daß sie ihm näher gekommen ist .
Die Hutkrempe , von Regen und Mitleid erweicht , senkt sich allmählich und verhüllt dem Auge des Dulders liebevoll wenigstens den Anblick seines Schicksals , bis eine Flut ihn plötzlich davonführt , er weiß nicht wohin , und eine Tür ihn einschlingt , die er nie zu passieren gemeint hat .
So ist's im Marktflecken selbst ;
die Straße nach dem Städtchen bietet bei allem Ähnlichen doch ein ganz verschiedenes Bild .
Wer bereits auf dem Heimwege ist , hat die Schritte schon eine gute Weile her länger und schneller gemacht ;
nun wird ein Rennen aus dem Eilen .
Wer so vorsichtig war , einen Regenschirm mitzutragen , dem lohnt sich die Mühe der Arme nun an den Füßen .
Wie ein Beet voll lebendiger Pilze , roter , blauer , grauer , schwarzer , kommt die Straße den verwunderten Raben vor oben auf den Pappeln über dem Graben .
Der Regenschirm ist der Mann des Tages .
Was keiner ist , müht sich einer zu werden .
Unterrock , Bündel , eben gekaufte Wasserkannen , Töpfe , Tiegel , alles vergißt im Drange der Not seine eigentliche Bestimmung .
Da huschen Weiber und Mädchen , mit der Schürze bedeckt , die ausgezogenen Strümpfe und Schuhe in den Händen , die Straße hin , und neben jeder huscht ein Mittelding von Schatten und Spiegelbild über die Pfützen und den nassen Glanz der Straße mit .
Hier kommt einer zu Pferde und schnaubt und stampft und spritzt vorbei , daß die Weiber aufschreien und die Männer fluchen .
Hier ein Wagen , aber er ist schon voll , und schon ist er vorüber .
Die Geborgenen oben lachen schon in der Ferne , und die in ihrer Hoffnung Getäuschten unten senden Verwünschungen nach , die der Wind zu Ohren trägt , für die sie nicht erdacht sind – wenn das ewig gleiche Plätschern des Regens sie nicht vorher überplätschert .
Aber stehen bleibt niemand ;
es müßte denn ein Angetrunkner sein , der im seligen Vergessen aller Not mitten auf der Straße sich zur Ruhe legen will .
Doch auch er wird vom lachenden Manns- oder zornig weinenden Weibervolke mit fortgeschleppt , halb getragen , halb geschleift , wie es gehen will .
Aber es geht ;
denn es muß gehen .
Und so geschieht's am Tage des Gründer Marktes , seit der Gründer Markt im Kalender steht .
Wer's noch genauer wissen will , höre nur der zu , die's eben ihren Gästen erzählt .
Und er wird , besonders in Anbetracht der Länge dieser Erzählung , so froh sein , im Trockenen zu sitzen , als nur immer unsre Bekannten von vorhin sein können , der Schmied , der Schneider und der Weber aus dem Städtchen .
Nicht , daß ihr Zustand an sich beneidenswert zu nennen wäre !
Es ist vielmehr ein wahrer Heringszustand .
Man denke sich hundert Menschen in eine enge Dorfwirtsstube zusammengepreßt , die Scheitel in die schweren Gewitterwolken aus Lampen- und Tabaksrauch und dem Angstschweiß nasser Kleidungsstücke getaucht !
Die Verlegenheit , welche von den zahllosen da unter den Tischen herum- und untereinanderliegenden Beinen man an sich ziehen müßte , wenn es gälte , dem völligen Ersticken zu entfliehen , ohne an einem Mitdulder zum Diebe zu werden !
Denn die Lampen hier und dort vermögen in ihrer Hilflosigkeit eben nur so viel Helle auszuströmen , als nötig , um den Leuten zu zeigen , wie dunkel es ist .
Aber eine Not kann zur Wohltat werden , wenn sie von größerer Not errettet .
Und bald hörte mit der größeren auch die kleinere auf .
Es regnete schwächer , und wen nicht die Sorge um sein Heimwesen dem leisern Rieseln zu trotzen trieb , der flog aus , da auch dieses endlich ganz nachließ .
Und auch heller wurde es .
Schon zeigten sich Lücken im Gewölke .
Das flog nun selbst wie eine endlose Folge dunkler Regenschirme in den Händen eilender Riesen am Himmel dahin .
Der Mond stellte sich auf die Zehen und sah zwischen ihnen hindurch auf die nasse Straße herab .
Die hielt ihm tausend Spiegel vor , und er sah wohlgefällig , um wieviel schöner und vollwangiger er nun seit gestern wieder geworden war .
Aber es gab Leute , die , sei es aus Behagen am Wirtshause oder aus Unbehagen an dem , was sie daheim erwartete , ruhig sitzen blieben , um , wie sie sagten , den Weg unterdessen noch etwas abtrocknen zu lassen .
Unter diese gehörte auch unser Männerkleeblatt aus Luckenbach .
Dem Morzenschmied war es nur dann nicht langweilig daheim , wenn er seiner Morzenschmiedin etwas aufzuheften oder sonst einen Streich zu spielen wußte .
Der Heizer Als der sechzehnjährige , der von seinen armen Eltern nach Amerika geschickt worden war , weil ihn ein Dienstmädchen verführt und ein Kind von ihm bekommen hatte , in dem schon langsam gewordenen Schiff in den Hafen von New York einfuhr , erblickte er die schon längst beobachtete Statue der Freiheitsgöttin wie in einem plötzlich stärker gewordenen Sonnenlicht .
Ihr Arm mit dem Schwert ragte wie neuerdings empor , und um ihre Gestalt wehten die freien Lüfte .
sagte er sich und wurde , wie er so gar nicht an das Weggehen dachte , von der immer mehr anschwellenden Menge der Gepäckträger , die an ihm vorüberzogen , allmählich bis an das Bordgeländer geschoben .
Ein junger Mann , mit dem er während der Fahrt flüchtig bekannt geworden war , sagte im Vorübergehen :
, sagte Karl , ihn anlachend , und hob aus Übermut , und weil er ein starker Junge war , seinen Koffer auf die Achsel .
Aber wie er über seinen Bekannten hinsah , der ein wenig seinen Stock schwenkend sich schon mit den andern entfernte , merkte er bestürzt , daß er seinen eigenen Regenschirm unten im Schiff vergessen hatte .
Er bat schnell den Bekannten , der nicht sehr beglückt schien , um die Freundlichkeit , bei seinem Koffer einen Augenblick zu warten , überblickte noch die Situation , um sich bei der Rückkehr zurechtzufinden , und eilte davon .
Unten fand er zu seinem Bedauern einen Gang , der seinen Weg sehr verkürzt hätte , zum erstenmal versperrt , was wahrscheinlich mit der Ausschiffung sämtlicher Passagiere zusammenhing , und mußte Treppen , die einander immer wieder folgten , durch fortwährend abbiegende Korridore , durch ein leeres Zimmer mit einem verlassenen Schreibtisch mühselig suchen , bis er sich tatsächlich , da er diesen Weg nur ein- oder zweimal und immer in größerer Gesellschaft gegangen war , ganz und gar verirrt hatte .
In seiner Ratlosigkeit und da er keinen Menschen traf und nur immerfort über sich das Scharren der tausend Menschenfüße hörte und von der Ferne , wie einen Hauch , das letzte Arbeiten der schon eingestellten Maschinen merkte , fing er , ohne zu überlegen , an eine beliebige kleine Tür zu schlagen an , bei der er in seinem Herumirren stockte .
, rief es von innen und Karl öffnete mit ehrlichem Aufatmen die Tür .
fragte ein riesiger Mann , kaum daß er nach Karl hinsah .
Durch irgend eine Oberlichtluke fiel ein trübes , oben im Schiff längst abgebrauchtes Licht in die klägliche Kabine , in welcher ein Bett , ein Schrank , ein Sessel und der Mann knapp nebeneinander , wie eingelagert , standen .
, sagte Karl , , sagte der Mann mit einigem Stolz und hörte nicht auf , an dem Schloß eines kleinen Koffers zu hantieren , den er mit beiden Händen immer wieder zudrückte , um das Einschnappen des Riegels zu behorchen .
, sagte der Mann weiter , fragte Karl. suchte sich Karl noch zu versichern , da er viel von den Gefahren gehört hatte , welche besonders von Irländern den Neuankömmlingen in Amerika drohen .
, sagte der Mann .
Karl zögerte noch .
Da faßte unversehens der Mann die Türklinke und schob mit der Türe , die er rasch schloß , Karl zu sich herein .
, sagte der Mann , der wieder an seinem Koffer arbeitete , , sagte Karl , der unbehaglich an den Bettpfosten gequetscht dastand .
, sagte der Mann .
, dachte Karl , , sagte der Mann .
Karl kroch , so gut es ging , hinein und lachte dabei laut über den ersten vergeblichen Versuch , sich hinüberzuschwingen .
Kaum war er aber im Bett , rief er :
Und er zog aus einer Geheimtasche , die ihm seine Mutter für die Reise im Rockfutter angelegt hatte , eine Visitkarte .
, ging es Karl durch den Kopf , Und der Mann setzte sich auf den Sessel , als habe Karls Sache jetzt einiges Interesse für ihn gewonnen .
, sagte der Mann und kratzte sich kräftig in sei nem dunklen , kurzen , dichten Haar , , sagte Karl und sah sich um , wie er hinauskommen könnte .
, sagte der Mann und stieß ihn mit einer Hand gegen die Brust , geradezu rauh , ins Bett zurück .
fragte Karl ärgerlich .
, sagte der Mann , fragte Karl mißtrauisch , und es schien ihm , als hätte der sonst überzeugende Gedanke , daß auf dem leeren Schiff seine Sachen am besten zu finden sein würden , einen verborgenen Haken .
, sagte der Mann .
rief Karl freudig , als überstiege das alle Erwartungen , und sah , den Ellbogen aufgestützt , den Mann näher an .
, sagte der Heizer .
, sagte Karl , der in einem bestimmten Gedankengang blieb , sagte Karl und warf die ganze Geschichte mit der Hand weg .
Dabei sah er lächelnd den Heizer an , als bitte er ihn selbst für das Nichteingestandene um seine Nachsicht .
, sagte der Heizer , und man wußte nicht recht , ob er damit die Erzählung dieses Grundes fordern oder abwehren wollte .
, sagte Karl , , sagte der Heizer , gab im Vollbewußtsein dessen die Hände in die Hosentaschen und warf die Beine , die in faltigen , lederartigen , eisengrauen Hosen staken , aufs Bett hin , um sie zu strecken .
Karl mußte mehr an die Wand rücken .
, sagte Karl , – ihm ging die Luft aus , er fackelte mit der Hand , Und er schlug auf den Tisch mehrmals mit der Faust und ließ kein Auge von ihr , während er schlug .
– und er nannte zwanzig Namen hintereinander , als sei es ein Wort , Karl wurde ganz wirr – – er erhob sich , als sei das der Höchstpunkt seines Lebens – , sagte Karl aufgeregt .
Er hatte fast das Gefühl davon verloren , daß er auf dem unsicheren Boden eines Schiffes , an der Küste eines unbekannten Erdteils war , so heimisch war ihm hier auf dem Bett des Heizers zumute .
Und müde setzte sich der Heizer wieder und legte das Gesicht in beide Hände .
, sagte sich Karl. Und er fand überhaupt , daß er lieber seinen Koffer hätte holen sollen , statt hier Ratschläge zu geben , die doch nur für dumm gehalten wurden .
Als ihm der Vater den Koffer für immer übergeben hatte , hatte er im Scherz gefragt :
und jetzt war dieser treue Koffer vielleicht schon im Ernst verloren .
Der einzige Trost war noch , daß der Vater von seiner jetzigen Lage kaum erfahren konnte , selbst wenn er nachforschen sollte .
Nur daß er bis New York mitgekommen war , konnte die Schiffsgesellschaft gerade noch sagen .
Leid tat es aber Karl , daß er die Sachen im Koffer noch kaum verwendet hatte , trotzdem er es beispielsweise längst nötig gehabt hätte , das Hemd zu wechseln .
Da hatte er also am unrichtigen Ort gespart ;
jetzt , wo er es gerade am Beginn seiner Laufbahn nötig haben würde , rein gekleidet aufzutreten , würde er im schmutzigen Hemd erscheinen müssen .
Sonst wäre der Verlust des Koffers nicht gar so arg gewesen , denn der Anzug , den er anhatte , war sogar besser als jener im Koffer , der eigentlich nur ein Notanzug war , den die Mutter noch knapp vor der Abreise hatte flicken müssen .
Jetzt erinnerte er sich auch , daß im Koffer noch ein Stück Veroneser Salami war , die ihm die Mutter als Extragabe eingepackt hatte , von der er jedoch nur den kleinsten Teil hatte aufessen können , da er während der Fahrt ganz ohne Appetit gewesen war und die Suppe , die im Zwischendeck zur Verteilung kam , ihm reichlich genügt hatte .
Jetzt hätte er aber die Wurst gern bei der Hand gehabt , um sie dem Heizer zu verehren .
Denn solche Leute sind leicht gewonnen , wenn man ihnen irgendeine Kleinigkeit zusteckt , das wußte Karl von seinem Vater her , welcher durch Zigarrenverteilung alle die niedrigeren Angestellten gewann , mit denen er geschäftlich zu tun hatte .
Jetzt besaß Karl an Verschenkbarem nur noch sein Geld , und das wollte er , wenn er schon vielleicht den Koffer verloren haben sollte , vorläufig nicht anrühren .
Wieder kehrten seine Gedanken zum Koffer zurück , und er konnte jetzt wirklich nicht einsehen , warum er den Koffer während der Fahrt so aufmerksam bewacht hatte , daß ihm die Wache fast den Schlaf gekostet hatte , wenn er jetzt diesen gleichen Koffer so leicht sich hatte wegnehmen lassen .
Er erinnerte sich an die fünf Nächte , während derer er einen kleinen Slowaken , der zwei Schlafstellen links von ihm gelegen war , unausgesetzt im Verdacht gehabt hatte , daß er es auf seinen Koffer abgesehen habe .
Dieser Slowake hatte nur darauf gelauert , daß Karl endlich , von Schwäche befallen , für einen Augenblick einnickte , damit er den Koffer mit einer langen Stange , mit der er immer während des Tages spielte oder übte , zu sich hinüberziehen könne .